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Full text of "Germania; Vierteljahrsschrift für deutsche alterthumskunde .."

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GEKMANIA 

yiERTEUAHBSSCHKIFT 

DEUTSCHE  ALTERTHÜMSKUNDE 

HSRAÜSOEGESEN 

TOK 

FRANZ  PFEIFFER. 


BSHTES  JAHBOAHO. 

MIT   EUnOI    UaiSIXR   zun    I.-^U.  JAHRSAHe. 


w  1  p  if<Wr*ri  ^  * 


v^'     STUTTGART. 
VERLAG  DER  J.  B.  METZLER'SCHEN  BUCHHANDLUNG. 

1858. 


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I  N  HALT. 


Seite 

Hlid.  Scelb.  Drep.     Von  Jacob  Grimm 1 

Ober  Mnspilli.     Von  Karl  Bartsch 7 

Des  Tenfels  Netz.     Von  Franz  Pfeiffer .  21 

Über  Garel  Tom  blühenden  Thal.     Von  I.  Y.  Zingerle 23 

Über  germanische  Personennamen.   3.4.5.   Von  Franz  Stark '41.120 

Zu  den  altdentschen  Gesprächen.     Von  Jacob  Grimm 48 

Nibelungen,  Bruchstück  R.     Von  Adolf  Holtzmann 51 

Die  geistUchen  Lilien.     Von  Hof f mann  von  Fallersleben 56 

^n  Über  Gottfried  Yon  Strassburg.     Von  Franz  Pfeiffer 59 

Wolfram  von  Eschenbach  and  Chrestiens  de  Troyes.     Von  Alfred  Roch at     ....  81 

r  Bath  der  Nachtigall.     Von  Ludwig  ühl and 129 

Die  ahd.  Praeterita.     Von  Jacob  Grimm 147 

Der  deutsche  Instrumentalis.     Von  Demselben 151 

Lieder  Herzogs  Jan  L  Yon  Brabant.     Von  Hotfmann  von  Fallersleben 154 

Stabat  Hater  in  dnitsche.     Von  Demselben 161 

Die  Nibelungensage.     Von  Max  Rieger 163- 

Die  dankbaren  Todten  und  der  gute  Gerhard.     Von  Reinhold  Köhler      .....  199 

Der  Weinschwelg.    Von  Theodor  Vernaleken 210 

Angelsächsische  Glossen.     Von  Hoffmann  tou  Fallersieben 221 

^ Sprüche  deutscher  Mystiker.     Von  Franz  Pfeiffer 225 

Konrad  von  Würzburg  ans  Würzburg  oder  aus  Basel?     Von  Wilhelm  Waekernagel  257 

Über  ein  geistliches  Schauspiel  des  XV.  Jahrhunderts.     Von  Karl  Bartsch  .     .     .     .  267 

Über  germanische  Personennamen.   6 — 14.     Von  Franz  Stark 297 

Zu  Heinrich  Yon  Morungen.     Von  Karl  Bartsch 304 

Meistergesänge  des  XV.  Jahrhunderts.     Von  Adolf  Holtzmann 308 

Sprachliche  Erläuterungen  zu  dem  von  K.  Bartsch  herausgegebenen  Gedichte  „die  Er- 
lösung*.    VonFedorBech  .     . 328 

Bruchstücke  aus  Iwein  und  dem  armen  Heinrich.     Von  Fr.  Pfeiffer 338 

Kleine  Mittheilungen.     Von  Joseph  D lern  er 351 

^Deutsche  Predigtentwürfe  aus  dem  Xin.  Jahrhundert.    Von  Demselben    ....  361 

Entgegnung.    Von  Franz  Pfeiffer 367 

priameln.    Von  Moriz  Rodler 868 


IV  INHALT. 

Seite 
Beitrftge  zur  Keimtniss  der  QaantitAtsTerhftltnisse  der  Thüringischen  Mundart  im  XY. 

Jahrhundert     Von  Reinhold  Bechstein          385 

Zwei  Geq>rftche  zwischen  Seele  ond  Leib.     Von  Max  Rieger 396 

*  Predigtm&rlein.     Von  Franz  Pfeiffer 407 

Wolfram  ron  Eschenbach  nnd  Gniot  von  ProTins.     Von  SanMarte  (A.  Schulz)  .     .  445 

Die  Prager  Handschrift  der  Erlösung.     Von  Joh.  Kelle 465 

Uosezzel.    Von  Franz  Pfeiffer 480 

LITTERATÜR. 

Becensionen: 

Van  den  Vos  Beinaerde,  door  Jonckbloet    Von  A.  Holtzmann '  .  121 

Th.  O.  T.  Karajan ,  zwei  bisher  unbekannte  deutsche  Sprachdenkmale  aus  heidnischer 

Zeit.     Von  Franz  Stark 123 

Ferdinand  Wolf,  über  die  beiden  wiederaufgefundenen  niederländischen  Volksbücher 

von  der  Königin  Sibille  und  von  Haon  Ton  Bordeaux.     Von  W.  L.  Holland  244 

Dr.  Hdnr.  Rückert«  Lohengrin^     Von  Karl  Bartsch 244 

JAgerbrevier.   Jagdalterthümer:  Waidsprüche  und  Jftgerschreie ,  Jagdkalender,  J&ger- 

künste  und  JAgeraberglauben,  Jägersagen.     Von  Reinhold  Köhler     ....  253 

Rochholz,  Schweizersagen  aus  dem  Aargau  IL     Von  I.  V.  Zingerle 253 

Dr.  Vonbun,  die  Sagen  Vorarlbergs.     Von  I.  V.  Zingerle 254 

Theodor  Vemaleken,  Alpensagen. '   Von  I.  V.  Zingerle 255 

Ritter  T.  Alpenbnrg,  Mythen  nnd  Sagen  Tirols.     Von  I.  V.  Zingerle '256 

Dr.  K.  A.  Barack,  die  Werke  der  HrotsTitha.     Von  Karl  Bartsch 375 

D.  Georg  Wilh.  Hopf,  Hans  Sachs.     Von  Karl  Bartsch 381 

C.  Sachs,  la  vie  de  Sainte  Enimie  von  Bertran  von  Marseille.     Von  Karl  Bartsch  353 
Karl  Lachmann  und  Moriz  Haupt,  des  Minnesangs  Frühling.     Von  Karl  Bartsch  und 

Franz  Pfeiffer 481 


HL  ID.   SCELB.  DR  EP. 


Die  in  Haupts  Zeitschrift  5 ,  194-^198  eingerückten  glossen  standen 
aas  derselben  Leidener  handschrifb  schon  vollständiger  in  den  symbolis  ad 
lit  tent.  ant  p.  362 — 382,  woher  sich  einzelne  hätten  berichtigen  lassen» 
z.  b.  196^  heiszt  es  falsch  'rogus  beel  vel  acccf  statt  'beel  vel  aa<f 
symb.  374. 

Sehr  merkwürdig  ist  die  glosse  *fornice  scelb  vel  drep'  196',  symb.373 
zu  einer  stelle  des  Ensebius,  sie  ist  auch  in  die  Schietstädter  Sammlung  16,. 7 
(5,  342*)  eingetragen,  blosz  dasz  hier  für  drep  'dreb'  steht,  fornice  scelp 
*Trancice^  und  scelf  camaram  pastomm  hat  noch  Graff  6,  479.  480  ans  an- 
dern glossen,  und  'in  clida  bisciibit'  aus  glossen  znm  ripuarischen  gesetz, 
Diut.  1,  342^  die  teztstelle  müssen  wir  vor  allem  aufschlagen. 

Sie  findet  sich  im  titel  de  homine  furbattudo  (al.  furbannito),  es  ist  der 
72  oder  nach  andrer  Zählung  77ste  und  handelt  von  unvorsätzlicher  tödtung 
eines  auf  brennender  that  (iu  flagranti)  betretnen  menschen :  si  quis  homi- 
nem  super  rebus  suis  comprehenderit  et  eum  ligare  voluerit  aut  super  uxo- 
rem  seu  super  filiam  vel  his  similibns ,  et  non  praevaluerit  ligare,  sed  colpus 
ei  excesserit,  et  eum  interfecerit,  coram  testibus  in  quadruvio  in  clida 
eum  levare  debet,  et  sie  quadraginta  seu  quatuordecim  noctes  custodire 
et  tunc  ante  judicem  in  haraho  conjuret,  qnod  eum  de  vita  forfactum  inter- 
fecisset. 

Das  selbe  legen  oder  heben  auf  die  clida  begegnet  anderwärts  im  pactns 
Alamannomm  2,  34  (Merkel  seite  36):  si  quis  alterius  ingenuam  de  crimina 
seu  Stria  aut  herbaria  sisit  (al.  sistit)  et  ipsam  in  clida  miserit  et  ipsam 
cum  duodecim  medicus  electus  (al.  medios  electos)  ant  cum  spata  tracta  qui- 
libet  de  parentes  adunaverit,  DCCC  solides  componat.  si  ancilla  fuerit,  quin- 
decim  solidos  componatur.  si  in  clida  misa  non  fuerit,  et  pnusa  et  temptata 
fuerit,  quadraginta  solidos  componat.  et  si  in  clida  non  fuerit,  sex  solidos 
solvat.  et  si  ipsam  vir  contra  steterit  culpabilem ,  et  ille  propter  quem  ei 
reputator  mortuos  fuerit,  illi  qui  feminam  contra  steterit,  wiregildum  ejus 
desolvat.  Hier  aber  wird  keine  leiche  auf  die  clida  gelegt,  sondern  eine  der 
Zauberei  beschuldigte  lebende  freie,  in  gegenwart  der  verwandten,  die  das 


«EKMAXnA.  ni. 


2  JACOB  GRIMM 

Schwert  ziehen  und  vor  zwölf  zeugen  aus  dem  mittelstand ,  medii  electi.  die 
absieht  kann  nur  sein,  entweder  sie  zum  bekenntnis  des  Verbrechens  zu  brin- 
gen oder  zeichen,  dasz  sie  eine  hexe  sei,  an  ihrem  leib  zu  finden,  denkbar 
wäre ,  dasz  deshalb  ärzte ,  wenn  die  lesart  medici  gelten  kann ,  zugezogen 
wurden ,  obgleich  die  zwölfzahl  bedenken  macht.  *)  wahrscheinlich  kam  im 
heidenthum  diese  an  einer  freien  frau  verübte  schmachvolle  gewaltthat  vor, 
das  gesetz  untersagt  sie  bei  hoher  busze ,  das  alamannische  wergeld  betrug 
160  sol.  und  erschiene  hier  verfünffacht,  für  eine  unfreie  wurden  nur  15  sol. 
entrichtet,  war  aber  die  freie  nicht  auf  die  clida  gelegt,  blosz  gefangen  ge- 
nommen und  untersucht,  so  trat  busze  von  40  so].,  ja  von  6  sol.  ein,  wenn 
die  gewaltsame  temptatio  unterblieb,  so  wenigstens  suche  ich  mir  das  in 
barbarischem  stil  abgefaszte  gesetz  deutlich  zu  machen. 

Die  dritte  gesetzstelle  redet ,  gleich  der  ersten ,  von  einem  erschlagnen, 
wenn  auch  nicht  in  flagranti,  es  ist  auffallend,  dasz  die  älteren  angelsächsi- 
schen gesetze  eines  brauchs  geschweigen,  den  uns  die  leges  Henrici  I.  cap,  92, 
8  bewahren:  si  mordram  inveniatur  alicubi ,  conveniat  ibi  hundredum  cum 
praeposito  et  vicinis,  et  sive  cognoscatur  sive  non,  custodiatur  septem  diebus 
super  cletam  un^m  elevatus,  lignis  nocte  circum  accensis.*) 

Diese  gewohnheiten  gehen  in  hohes  alterthum  zurück ,  wie  wir  hernach 
sehen  werden,  noch  weit  über  Clodovechs  capitulare  und  das  ripuarische  recht 
hinauf,  um  vollends  in  ihren  gehalt  einzudringen,  ist  eine  Untersuchung  djes 
ausdrucks  clida  unerläszlich. 

Seine  eigentliche  bedeutung  lebt  im  französischen  claie ,  cleie  fort ,  ge- 
flecht  von  weiden  oder  dörnern,  prov,  cleda,  mlat.  cleda,  clida,  zu  thüren, 
bänken,  stuhlen  und  brücken  dienend  : 

perdesotz  la  tor  fetz  de  cledas  un  gran  pon.  Ferabras  3313. 
Italienern  und  Spaniern  ist  das  wort  unbekannt,  wol  aber  den  Reiten  geläufig, 
ir.  gal.  cliath  corbis,  clathrum,  a  hurdle  of  wattles,  gal.  cliath-bharraich  cra- 
tes  e  betulae  viminibus  texta,  cliathuinneig ,  ir.  cliathfuinneig,  podium,  bal- 
con;.  welsch  clwyd,  arraor.  kloued.  Aus  unsern  sprachen  gehört  hierher  das 
altn.  hlid  ostium,  porta,  schwed.  dän.  led,  ohne  dasz  die  ursprüngliche  be- 
Ziehung  auf  reisig  wach  geblieben  ist,  doch  drückt  das  norwegische  Hd  nach 
Aasen  noch  grind  =  clathri,  cancelli  aus.  ags.  hlid  ostium,  ceasterhlid 
ostium  castri,  exon.  20,  7 ;  ofer  heafona  gehlidu,  over  heavens  vaults.  32,  25. 
ahd.  hlit,  lit  opercului;n,  tegmen^  übrig  in  nnserm  augenlid ,  deckel  des  auges, 


0  för  medii  entscheidet  minoflidis  im  cap.  Clodoyechi  (Perts  2,  4  zeile  38). 

')  hierzu  halte  man  die  noch  in  den  anfang  des  sechsten  jahrh.  zurückgehende  Verord- 
nung des  capit.  Clodoyechi  (Pertz  leges  2,  4)  de  homine  inter  duas  villas  occiso:  tanc 
▼'.cini  ilU  in  quoram  campo  corpus  inventum  est,  dehent  facere  bargum  quinos  pedes  in 
altum  et  in  praesentia  judicis  ibilevare  corpus,  dieser  bargus,  pargus  ist  wiederum 
septum  ex  cratibus  quo  grex  inclnditur ,  unser  pferdi.  Ducange  b.  t.  baregum  und  pargns, 
ags.  pearroc. 


HLID.  SCELB.  DREP.  3 

die  bedeutung  von  thür,  gitter  und  reisig  haben  wir  verloren,  unmittelbar 
verwandt  allen  diesen  formen  mit  kurzem  vocal  müssen  aber  die  mit  langem 
sein,  ags.  hlid  clivus,  altn.  hlid  latus  montis,  abd.  blita,  mhd.  lite,  gotb. 
hlei])ra  cxtjvij,  hütte  und  zusammen  flieszen  sie  aus  dem  starken  verbum  ags. 
hlidan  hläd  gehliden  tegere,  alts.  hlidan  hled  gehlidan,  die  auch  entspre- 
chende altn.  ahd.  und  goth.  erwarten  lassen,  decken  ist  zugleich  beschatten 
und  die  eine  seite  des  bergs,  der  abhang,  die  neige,  wie  die  hütte  liegen  im 
schatten. 

Dasz  auch  Wörter  der  classiscl^en  sprachen  zutrefifen  leuchtet  ein. 
xXfj&QoVy  xXetd'Qov  gleichen  dem  hleijjra,  bedeuten  aber  gleich  dem  lat  pl. 
clathri,  clathra  oder  clatra  riegel,  gitter  und  thür,  vielleicht  ist  xXiqd^Qa 
alnus  beizufügen,  wenn  aus  erlenzweigen  gitter  geflochten  wird,  xXeCg,  clavis 
wiederum  sind  riegel,  Schlüssel  und  ruderbank,  xhtvgy  clivus,  goth.  hlaiv;  ahd. 
hleo,  abhang,  hügel  wie  hled,  hlita,  führen  jedoch  zunächst  2L\ki  xlCveiv ,  nei- 
gen, biegen,  lat.  clinare,  ahd.  hlinen,  nhd.  lehnen,  wohin  auch  goth.  hlains 
collis  gehört,  xliaia  ist  hütte,  xhaicig  thür,  thorweg;  es  würde  zu  weit  füh- 
ren ,  hier  in  die  Verwandtschaft  von  hlidan  und  claudere ,  xXbCbiv  näher  ein- 
zugehn. 

Mehr  liegt  uns  an  darauf  zu  achten ,  dasz  im  alterthum  gitter ,  thüren, 
bänke ,  gerüste ,  brücken  aus  zweigen  geflochten ,  nachher  erst  aus  bretern, 
tafeln ,  balken  gefugt  und  aufgeschlagen  wurden,  den  pferch  unserer  hirten 
flechten  noch  heute  ruthen,  den  wildpark  hegen  stangen  und  breter.  das  lat. 
crates,  craticula,  wie  ich  anderemal  gewiesen  habe,  entspricht  buchstäblich 
dem  goth.  haurds  d-vQUy  wobei  man  bald  nicht  mehr  ans  geflecht  daclite,  so 
wenig  als  beim  ags.  hlid  ostium  an  den  eigentlichen  sinn  von  clida ;  das  mhd. 
hurt  rogus  und  engl,  hurdle  behaupteten  ihn  besser,  bei  Verbrennung  der 
leichen  musten  dörner  und  reiser  nothwendig  angewandt  werden,  die  clidä, 
der  bargus,  worauf  der  gemordete  oder  die  angeschuldigte  Zauberin  erhoben 
wurden,  war  ein  solches  geflecht,  wenn  man  auch  später. breter  und  balken 
dazu  gebrauchte.  Gregor  von  Tours  7 ,  37  fuhrt  an  plaustra  cum  arietibus, 
clitellis  et  axibus  texta,  sub  quibus  exercitus  properaret  ad  destruendos  muros. 
unter  fornix  wird  eine  structura  curvata  et  convexa,  arcus  oder  tabulatum,  ein 
gewölbter  böge  verstanden.  Merkel  gibt  im  alamannischen  gesetz  statt  clida 
oder  clita  auch  die  lesart  clinata ,  die  sich  aus  xXCvri ,  lectistemium  erklären 
liesze. 

Bedeutsam  aber  mahnt  an  die  clida  der  gallische  scheiterhaufe ,  wie  ihn 
Caesar  6,  16  schildert  und  es  ist  anzunehmen,  dasz  damals  schon  dafür 
das  keltische  wort  clith  oder  clitha  im  gebrauch  war.  .  alii  immani  magni- 
tudine  simulacra  habent,  quorum  contexta  viminibus  membra  vivis  hominibus 
complent,  quibus  succensis  circumventi  flamma  exanimantur  homines.  sup- 
plicio  eorum,  qui  in  furto  aut  in  latrocinio  aut  aliqua  noxia  sint  comprehensi, 
gratiora  dis  immortalibus  esse  arbitrantur;  sed,  cum  ejus  generis  copia  defe- 

l* 


4  JACOB  GRIMM 

cit,  etiam  ad  innocentium  supplicia  descendunt.  Ungeheuern  götterbildem 
wurden  hier  die  dargebrachten  opfer  auf  diQ  mit  zweigen  durchflochtnen  glie- 
der  gelegt  und  entzündet;  als  dieser  götterdienst  aufgehört  hatte,  behielt 
das  Volk  noch  die  geflochtnen  gerüste  für  den  rechtsgebrauch  bei,  es  ist  glaub- 
lich ,  dasz  im  heidnischen  Ripuarien  den  über  die  clida  gelegten  ermordeten, 
nachdem  er  eine  Zeitlang  gehütet  worden  war,  auf  ihr  die  flamme  verzehrte 
und  vielleicht  sollte  auch  unter  den  Alamannen  die  vermeinte  Zauberin  ur- 
sprünglich verbrannt  werden.  Noch  lange  im  mittelalter  pflegte  man  misse- 
thäter  und  Selbstmörder  auf  einer  clida  zum  grab  zu  schleifen. 

Der  aber,  ungefähr  im  neunten  Jahrhundert,  das  ripuarische  gesetz 
glossierte,  schrieb  zu  dem  damals  schon  unverständlichen  'in  clida  levat' 
die  erklärung  biscilbit,  die  auf  ein  ahd.  starkes  verbum  scelpan  scalp 
sculpum  scolpan  leitet,  aus  welchem  nicht  nur  das  bereits  angeführte  scelp 
fomix ,  sondern  auch  sculpa  gleba  und  der  ortsname  Biuginscelp ,  wie  ich 
für  Bughenscelp  im  cod.  Lauresh.  2597  lese,  stammen.  pisceJpan  heiszt 
ganz  richtig  auf  den  fomix,  auf  die  clida  legen,  wie  aber  ist  das  einfache 
sc61pan  oder  ein  unerhörtes  goth.  skilban  zu  fassen? 

Altn.  gibt  es  skialfa  skalf,  norweg.  skjelva  skalv,  schwed.  skälfva 
skalf,  dän.  skjälve  skjalv,  durchgehends  mit  der  bedeutung  tremere,  beben, 
ein  ags.  scylfan  vacillare  wird  von  Lye  ohne  beleg  angeführt,  dafür  jedoch^ 
bedeutet  scylfe  pl.  scylfan  scamnun,  abacus,  tabulatum,  wie  noch  engl, 
shelf,  bei  Caedmon  79,  4  liest  man  gescype  scylfan  on  scipes  bosme,  exstrue 
scamna  in  navis  gremio,  ruderbänke,  claves,  jenes  ahd.  sculpa  könnte  so 
viel  als  cespes ,  rasenbank  ausdrücken,  ferner  sind  altn.  Skelfir  und  Skilf- 
ingr  alte  mythische  heldennamen,  Skilfingr  selbst  ein  narae  Odins,  aus 
dem  Beovulf  bekannt  die  Scilfingas,  die  auf  einfaches  Scilfe  zurückgehen; 
Scilpunc  ist  ahd.  mannsname  (Förstemann  1080),  in  den  Nibelungen  er- 
scheinen Schilbunc  und  Nibelunc  nebeneinander,  wie  folgen  alle  diese  be- 
nennungen  aus  der  Vorstellung  des  bebens? 

Was  nun  am  meisten  überraschst,  Odins  sitz  im  himmel,  von  wo  er 
wie  aus  einem  fenster  (jenem  cliathfuinneoch)  zur  erde  niederschaut,  heiszt 
in  der  eddaHlidskialf,  denn  hier  haben  wir  beide  bisher  besprochne  gleich- 
bedeutende Wörter  hlid  und  scelp  verbunden  zusammen,  offenbar  im  sinn 
eines  sitzes,  einer  bank,  eines  gerüstes  in  den  wölken,  Biörn  gibt  zu  Hlid- 
skialf  die  erklärung  porta  coeli  tremens ,  unterschieden  davon  ist  in  einem 
liede  der  edda  Saem.  246*  lidskialf,  und  41  steht  der  name  Valaskialf;  der 
gewöhnliche  ausdruck  für  erdbeben  lautet  iardskialfti  oder  landskialfti.  bei 
Hlidskialf  denkt  man  auch  an  die  eddische  benennung  des  regenbogens  Bif- 
röst ,  gleichsam  die  bebende  rast ,  die  bebende  brücke ,  über  welche  die  göt- 
ter  steigen ,  wie  eine  hängende ,  geflochtne  brücke  unter  den  tritten  bebt ; 
diese  Vorstellung  ist  uns  nicht  fremd,  ein  ort  unweit  Osnabrück,  d.  i.  der 
Asenbrücke,  wo  eine  brücke  über  die  Hase  geschlagen  ist,  heiszt  Quakenbrück, 


HLID.  SCELB.  DREP.  5 

bebende  brücke,  von  quaken,  ags.  cvacian  tremere,  und  vorhin  im  Fera- 
bras  hatten  wir  un  gran  pon  fetz  de  cledas.  in  dieser  altsächsischen  ~ge* 
gend,  wie  die  beiden  namen  Osnabrück  und  Quakenbrück  darthun^  mögen 
Überlieferungen  gehaftet  haben ,  die  denen  von  der  nordischen  Bifröst  nahe 
kommen. 

Gleich  der  schwebenden,  schwankenden  brücke  kann  aber  auch  eine 
geflochtne  bank  die  bebende  heiszen,*)  oder  eine  rasenbank,  wenn  die  von 
sculpa  versuchte  deutung  annehmbar  ist;  dem  altn.  f.  skialf  würde  ein  ahd. 
scelpa  entsprechen,  wofür  auch  ein  m.  oder  n.  scelp  zulässig  war.  Biugin- 
scelp ,  von  biugo  sinus ,  convexitas  gebildet  scheint  eine  überaus  passende 
örtliche  benennung.  Schwerer  zu  deuten  föllt  es  die  männlichen  namen 
Scilfe  und  Scilfing,  Scilpi  und  Scilpunc,  Scelfir  und  Scilfingr,  weil  uns  die 
mythen  entgehen,  doch  würde  Odin  als  Hlidskialfar  gramr  (könig  der 
Hlidskialf),  wie  er  ausdrücklich  heiszt,  fuglich  den  namen  Skilfingr  führen. 
Skelfir,  wenn  es  den  vocal  e,  nicht  e  hat  und  zum  transitiven  skelfa  terrere 
gehört,  wäre  ein  erschreckender,  erschütterer;  wie  gesagt,  die  fabel  dazu, 
welche  alles  bestätigen  oder  anders  auslegen  würde,  mangelt.  Doch  ge- 
zeigt zu  haben  glaube  ich,  dasz  scelp  sehr  wol  fornix  übertragen  und  dabM 
bebend  bedeuten  kann. 

Übrig  ist  noch  drep,  das  dritte  synonyme  wort,  zunächst  läge  der 
form  nach  altn.  drep  ictus,  unser  nhd.  tref,  nur  will  die  bedeutung  eines 
Schlags  sich  kaum  einigen  niit  der  von  fornix,  clida  und  scelp,  es  moste  eine 
ältere,  sinnliche  und  sächliche  ausgestorben  sein,  nach  Graff  5,  525  besagt 
trefan  für  sich  schon  was  unser  nhd.  übertreflfen,  prominere,  excellere,  tref 
also  könnte  etwas  hervorragendes ,  eine  Wölbung  oder  ein  gerüst  bezeichnen. 
Ich  war  aber  verwundert  bei  Villemarque  auf  ein  armorisches  draf,  pl. 
drefen  init  der  bedeutung  von  claie,  barriere,  guichet  zu  stoszen,  im  welschen 
zeigt  sich  dref  bündle,  bündel,  folglich  anklang  an  das  ags.  ])reaf,  engl, 
thrave  manipulus,  man  sagt  a  thrave  of  com,  ein  gebund  kornähren.  die 
galische,  irische  spräche  bieten  nichts  ähnliches  dar.  sowol  bündle  weist  auf 
hurdle,  als  claie,  guichet  (engl,  wicket)  auf  clida;  ich  lasse  auszer  acht,  dasz 
ein  litauisches  drebeti  beben ,  zittern  dem  skialfa  begegnen  könnte ,  es  liegt 
allzuweit  ab.  näher  träte  zu  drep  das  lat  trabs,  franz.  tref,  balke  und  Zelt- 
stange.    Ducange  s.  v.  treflfa. 

In  der  erwartung,  dasz  sich  vielleicht  noch  einmal  ein  ahd.  mhd.  tref 
im  sinne  des  ahd.  dreb  oder  drep  finden  werde ,  dürfte  ich  schlieszen ;  wenn 
ich  ein  bisher  verworfnes  wort  herstellen  kann ,  hat  es  sich  bereits  gefun- 
den,    mir  scheint,  dasz  Walth.  106>  21  sehr  mit  unrecht  reife  an  die 


^)  eben  gewahre  ich,  dasz  Lye  leider  ohne  zu  sagen  woher  anführt  scealfingstöl,  cathe- 
dra in  qua  rizosae  malleres  sedentes  aqnis  demergebantur,  was  dem  setzen  der  zauberin  auf 
die  clida  nahe  käme. 


6  JACOB  GRIMM,  HLID.  SGELB.  DBEP. 

stelle  des  urkandlicben  treffe  gesetzt  worden  ist.  dasz  man  nun  sagt 
'die  reife  treiben'  leugne  ich  gar  nicht  und  will  hier  noch  einige  stellen  mehr 
daf&r  beibringen : 

der  sal  man  die  reiphe  triebe  mit  knnteln  auf  dem  libe. 

Stephans  stoflieferungen  s.  141 ; 

wir  wend  dir  nu  die  houptreif  triben.     Mones  schausp.  2 ,  277 ; 

tribent  im  die  houptreif  basz.  das.  2,  301. 
nirgends  lese  ich  die  reife  Vertreiben',  die  faszbinder  fuhren  ihren  triebel 
zu  mancherlei  dingen ,  zu  den  reifen  und  zu  den  dauben.  ich  vermag  aus  den 
büchern,  die  ich  über  das  bötticherhandwerk  aufschlug,  das  wort  tref, 
treffe  zwar  nicht  aufzuweisen ,  es  wird  verloren  gegangen  sein ,  ist  aber  in 
jener  stelle  eines  mhd.  dichters  wirklich  vorhanden,  'die  treffe  vertriben* 
will  sagen  die  faszdauben  fügen  oder  treiben,  tref  bedeutet  tabula,  bret, 
gerade  wie  hlit  oder  clida  erst  geflecht ,  allmälich  nur  bret  und  tafel  aus- 
drückte, doch  wie  der  sinn  von  fornix  und  hlit  schwankt,  dürfte  sich  auch 
mit  tref  irgend  ein  anderer,  uns^etzt  unbekannter  verbinden. 

Lachmann  hat  die  lieder  seite  106 — 108  dem  Singenberg  genommen, 
welcher  sie  nach  der  handschrift  dichtete ,  wie  bei  der  schluszstrophe  augen- 
scheinlich ist.  die  lieder  sind  in  Walthers  art  und  weise,  nach  der  sich  der 
truchsesz  von  S.  Gallen  ausbildete,  sie  stellt  Lachmann  in  sein  drittes  buch 
als  unzweifelhaft  waltherische,  während  ihm  alle  lieder  seines  vierten  buchs 
zweifelhaft  erscheinen,  unter  welchen  doch  das  schöne  letzte  s.  124  die  deut- 
lichsten zeichen  von  Walthers  poesie  an  sich  trägt. 

Beim  wiederlesen  der  singenbergischen  lieder  habe  ich  einiges  wahrge- 
nommen, was  mich  glauben  macht,  dasz  auch  die  s.  106 — 108  Singenberg 
und  nicht  Walther  gehören.  106,  35  steht  *sin  selbes  man'  wie  MS.  1,  156* 
'min  selber  frouwe'.  Singenberg  liebt  die  adverbia  daher,  dahin,  hinnen  hin, 
so:  hinnen  hin  HO**;  al  daher  149*;  hinnan  hin  als  euch  daher;  hinnan 
dar  152*;  von  hinnen  156';  das 'da  hin  daher'  Walth.  107,  wahrschein- 
lich auf  ein  damals  übliches  gesellschaftsspiel  bezüglich,  scheint  also  sin- 
genbergisch.  *als  do'  106,  26  steht  sonst  nicht  bei  Walther.  der  politische 
blick  in  diesen  liedem  geht  weiter  als  in  dem  was  wir  sonst  von  Singen- 
berg kennen,  entscheidend  wäre,  wenn  sich  die  'treffe'  in  der  Schweiz  auf- 
spüren lieszen, 

JACOB  GRIMM. 


KARL  BAKTSCH ,  ÜBER  MÜSPILU. 

ÜBER    MüSPILLI. 


ro« 

KARL  BARTSCH. 


Aus  dem  Cyclus  mythologischer  Lieder,  den  unsere  Vorfahren  so  gut 
wie  ihre  nordischen  Stammverwandten  besessen  haben,  ist  das  Denkmal, 
dessen  Besprechung  dieser  Aufsatz  gilt ,  eines  der  wichtigsten  und  umfang- 
reichsten Bruchstücke.  Zwar  in  christlicher  Zeit  aufgezeichnet,  nicht  mit  der 
Scheu  vor  dem  alten  Glauben,  der  den  Sammler  der  nordischen  Götterlieder 
leitete,  sondern  mit  christlichen  Ideen  durchflochten  und  untermischt,  trägt 
€s  trotzdem  unverkennbar  heidnisches  Gepräge.  Der  Aufzeichner,  wer  er 
auch  gewesen  sei,  benutzte,  entweder  nach  der  Erinnerung ,  oder  nach  ge- 
schriebener Vorlage  Lieder,  deren  Entstehen  weit  über  seine  Zeit  zurück 
reicht.  Zeugniss  dafür  ist  zunächst  die  Sprache.  Das  Gedicht  enthält  Worte 
und  Sprachformen ,  die  im  Althochdeutschen  überhaupt  sehr  selten  und  im 
neunten  Jahrhundert  wenig  oder  gar  nicht  mehr  üblich  w^aren.  Dahin  gehören 
himilzungalon  V.  8,  das  als  Jdmilzungal  himilzungla  in  Glossen  des  8.  Jhd. 
bei  Graff  5,  683  vorkommt,  atuatago  (vgl.  gothisch  atatiastoU)  V.  109,  das 
Dur  hier  vorkommt,  während  das  Verbum  stuSa  öfter  begegnet,*)  endlich' 
fnu»pilU  selbst,  dessen  Deutung  noch  immer  schwankt,  V.  1 1 3. 

In  grammatischer  Beziehung  sind  zwei  höchst  merkwürdige  Formen 
hervorzuheben,  V.  20  dazt  und  V.  27  dari,  deren  i  sich  aus  dem  Bereiche 
des  Althochdeutschen  nicht  erklären  lässt,  das  aber  in  den  gothischen  Formen 
thatei  und  tharei  seine  Erklärung  findet.  Wir  dürfen  demnach  die  Abfas- 
sungszeit der  heidnischen  Lieder,  die  dem  Muspilli  zu  Grunde  liegen,  in 
die  früheste  Zeit  des  Althochdeutschen ,  wenn  nicht  noch  in  die  gothische, 
setzen. 

Die  Alliteration,  die  wir  in  den  uns  erhaltenen  Denkmälern  gegen  das 
Ende  des  9.  Jahrhunderts  bereits  durch  den  Reim  verdrängt  sehen ,  die  aber 
in  der  Volkspoesie  wohl  geraume  Zeit  länger  sich  erhielt ,  ist  im  Muspilli 
durchgängig  noch  angewendet  Die  Langzeilen  haben,  wie  es  im  Altsächsi- 
ßchen.  Angelsächsischen  und  Altnordischen  auch  ist,  theils  drei,  theils  zwei 
Stabe.  Daß  jedoch  die  Aufzeichnung  des  Bruchstückes  zu  einer  Zeit  ge- 
schah, wo  bereits  das  Gefühl  für  die  Alliteration  im  Erlöschen  war,  beweisen 
einerseits  einige  Langzeilen,  in  denen  sie  fehlt,  andererseits  das  Durch- 


0  Das  Wort  muß  mit  langem  ü,  ttüen ,  stüadago ,  gesehrieben  werden,    üa  bUdet  zwei 
Silbeo,  wie  am^  V .  99  ^  zweisilbig  m  nehmen  ist. 


8  KAEL  BARTSCH 

brechen  des  Reimes.    Beides  wird  in  dem  älteren  Gedichte  nicht  vorgekom- 
men sein,  und  gehört  dem  Bearbeiter  des  9.  Jahrh.  an.  Die  Alliteration  fehlt 

V.  26.  26.   die  prinpent  sie  aar         üf  in  himilo  rthhi. 

V.  120.  121.  diu  marha  ist  fa/rprtmnan,         diu  s4la  st^  pidvungom. 

V.  167.  166.  derme  varainJt  engild  uper  diö  marhä, 
denn  uper  zum  Hanptstabe  zu  machen,  ist  unstatthaft.  In  den  beiden  letzten 
Beispielen  sehen  wir  zugleich  das  Durchbrechen  des  Reimes.  Schon  der  In- 
halt der  sechs  Zeilen  zeigt,  daß  sie  dem  älteren  Liede  nicht  angehörten.  Auch 
4!wei  andere  Zeilen  mit  Reim  scheinen  der  Alliteration  zu  entbehren,  V.  122. 
123. 

ni  weiz  mit  wiu  piioz^:         sär  verit  si  za  wize, 
wo  Wackernagel  in  der  ersten  Halbzeile  nur  einen  Stab  (luiu)  annimmt. 
Der  Reim  findet  sich  neben  der  Alliteration  in  folgenden  Versen. 
V.  14.  za  weder emo  hevje         si  gihalot  werdS, 
wo,  wenn  man  hwederemo  liest,  ein  dritter  Stab  gewonnen  wird. 
'     V.  64.  56.    wdnit  sich  kinddd         diu  wSnaga  s^ä^ 

V.  72.  73.    daz  hortih  rahhon         die  weroltrehtwtson, 

V.  166.  166.  ddr  wirdit  diu  suona         dia  man  dar  ä)  sagita. 

V.  173.  174.  denne  st^  ddr  umpi  engild  menigL 
Darunter  sind  Verse,  die  gewiss  alt  sind.  Lachraann  hat  den  Reim  be- 
reits im  Hiidebrandsliede  nachgewiesen ,  aber  fraglich,  ist  es  doch  noch, 
ob  nicht  dort  wie  in  den  meisten  angeführten  Versen  des  Muspilli  der 
Reim  mehr  zufällig  als  Absicht  ist.  Die  einzigen  Verse ,  bei  denen  Ab- 
sichtlichkeit des  Heimes  erwiesen  ist  und  die  dem  9.  Jahrhundert  angehören, 
sind  V.  120—123. 

diu  marha  ist  farprunnan^  .      diu  s^la  st^  pidvungan. 
ni  weiz  mit  wiu  puoz4\         sdr  verit  si  za  wize. 
Das  sind  in  Reim  und  Versmaß  vollkommen  Otfridische  Verse. 

Vergleicht  man  die  Verse  des  Muspilli  mit  den  nicht  viel  späteren  Ot- 
frids ,  so  springt  der  bedeutende  unterschied  gleich  in  die  Augen.  Die  häu- 
fige WeglassuDg  der  Senkungen ,  das  Ruhen  der  Hebungen  auf  tieftohigen 
oder  unbetonten  Silben,  das  bei  Otfried  fast  gar  nicht  mehr  vorkommt,  ist 
im  Muspilli  sogar  häufiger,  als  in  dem  älteren  Hiidebrandsliede.  Im  Allge- 
meinen steht  der  Rhythmus  dem  der  eddischen  Verse  am  nächsten.  Am  häu- 
figsten findet  sich  die  Weglassung  der  Senkungen  in  der  zweiten  Halbzeile 
wie  in  folgenden  Versen: 

V.  6.  7.  enti  si  den  Ithhamun         likkan  Idzzit, 
wo  Wackernagel  likkan  zur  ersten  Hälfte  hinüberzieht  und  vor  Idzzit  eine 
Lücke  annimmt,  allein  dann  wird  die  erste  Halbzeile  überladen,  auch  eignet 
sich  Idzzit  als  Hilfsverbum  am  wenigsten  ^um  Hauptstabe. 

23.  24.  enti  si  dero  engilö        eigan  wirdit. 


ÜBER  MÜSPILU  § 

31 .  32.  denneder  man  in  pardtm%  pü  kiwinmt 
90.  91.  pidtü  8€<d  er  in  dem  wtcateU  wunt  pivaUan. 
134.  135.  daz  der  tiuval  dofir  pt  kitamit  stentit 
145.  146.  80  daz  Mmilisca  harn  hUdiMt  udrdit 
149.  150.  denne  hevit  sih  mit  imo  herjS  metsta. 
166 — 168.  daz  er  sin  reht  aUaz        kirahhon  muozzt 

end  imo  afier  sin^n  tälin        arteilit  werdi. 
191.  192.  mz  alfora  demo  hhuninge        kikkundit  werdi, 
Daza  vergleiche  man  die  ebenso  gebauten  Verse  aus  dem  Hildebrands- 
Uede  (nach  Wackernagels  Lesebache) : 

63,  2.  dhat  sih  urk^ttun        aen&n  muotin. 

65,  1 .  ck&d  was  her  ♦  ♦         chSnAn  mcmnum. 

66,  1.  da£  du  hdb4s  hAne        hSrron  gSten, 

66,  13.  nü  scal  mih  wdsai  chind        &vertä  hauwan. 

66,  23.  der  »t  doch  nu  argostd        SstarliiUS. 

67,  1.  d6  laettun  »e  aerist        aackim  acrttan. 

68,  1.  heufwun  hamdicco        kvtt^  sciW. 

Lässt  sich  auch  in  mehreren  Versen  des  Muspilli  durch  Umstellung  die 
metrische  Unregelmäßigkeit  beseitigen,  wie  V.  135.  146.  166.  168.  192, 
wenn  man  das  Hilfsverbum  voranstellt,  so  bleibt  doch  noch  eine  ziemliche 
Anzahl  von  Versen  übrig,  die  keine  metrische  Berichtigung  zulassen,  und 
zwar  ist  der  gröftte  Theil  der  dem  Muspilli  entnommenen  so  gebauten  Verse 
dem  altem  Liede  angehörig.  Solche  Verse  erklärt  Lachmann  (zum  Hilde* 
brandsliede)  für  viermal  gehobene,  in  denen  die  zweite  Hebung  auf  unbetonter 
Silbe  ruht.  Allein  diese  Annahme  scheint  bei  dem  häufigen  Vorkommen  die- 
ser Unregelmäßigkeit  in  so  kurzen  Zwischenräumen  sehr  bedenklich.  Ver- 
gleicht man  das  altnordische  fomyrdarlag,  so  wie  die  angelsächsischen 
Langzeilen,  in  denen  solche  Verse  ebensohäufig  oder  noch  häufiger  vorkom- 
men ,  80  wird  man  ihnen  kaum  noch  vier  Hebungen  zuerkennen.  Holtzmann 
(Untersuchungen  über  das  Nibelungenlied  S.  79)  hat  bemerkt,  daß  es  in  dem 
Wesen  des  epischen  Verses  liegt,  der  ersten  Halbzeile  ein  größeres  Gewicht 
zu  geben  als  der  zweiten.  Wie  in  der  spätem  Nibelungenstrophe  die  zweite 
Hälfte  einer  Langzeile  um  eine  Hebung  verkürzt  wird  und  nur  die  vierte 
Langzeile  der  Strophe  (nach  einem  andern  Zuge  der  Strophenbildung,  den 
Schloß  zu  verlängern)  die  ursprüngliche  Zahl  von  acht  Hebungen  bewahrt,  so 
schon  in  der  ältesten  deutschen  Poesie.  Mir  scheint  es  daher  kaum  fraglich, 
daß  alle  die  erwähnten  Halbzeilen  nur  mit  drei  Hebungen  zu  lesen  sind.  Zu 
den  aufgeführten  Beispielen  ist  noch  zu  rechnen  Musp.  V.  38 

daz  er  kotes  willun         kerno  tuo, 
wo  die  zweite  Halbzeile  nur  zwei  Hebungen  zu  haben  scheint :  doch  ist ,  wie 
ich  oben  schon  bemerkte,  tuo  zu  schreiben. 

Der  umgekehrte  Fall,  daß  die  erste  Halbzeile  um  eine  Hebung  verkürzt 


10  KARL  BARTSCH 

ist,  währeud  die  zweite  das  richtige  Maß  von  vier  Hebungen  hat,  ist  ungleich 
seltener. 

Masp.  42.  pehhes  p^na,        dar  pivtit  der  Satanaz. 
„     46.  8org4n  dräto,         der  sih  sunäffan  wetz. 
„    104.  maor  varsmOiit  dk,         8viliz6t  Umgjü  der  himiL 
„   106.  mdno  vcMit,        prinmt  mittilagarL 
^    159.  wechani  deotd^        w^esant  ze  dinge, 
Hildebr.  63,  16  W.  f6h4m  wortma        hver  dnfater  wärt. 

67,  3.  ecarpSn  eciarim         dat  in  d4m  aciltim  st&nt. 
Auch  hier  haben   wir  eine  Halbzeile,   die  nur  zwei  Hebungen  zu  haben 
scheint. 

Masp.  44.  heizzan  laue,         so  mae  huckan  za  diu; 
es  ist  aber  die  vorhergehende  Langzeile  zu  verkürzen  und  zu  theiien 
pehhes  ptncLj         dar  phitit  der  Satanaz 
altist  heizzan  latic. 
aitist  ist  Beiwort  zu  Satana^z :  Sathanas  der  uralte.   Daß  dieses  zu  der  näch- 
sten Langzeile  gezogen  wird,  findet  seine  Berechtigung  in  der  Neigung  der 
Alliterationspoesie,  einen  Begriff  aus  der  vorhergehenden  Langzeile  in  der 
folgenden  zu  wiederholen,  und  so  eine  Verkettung  der  Langzeilen  durch  die 
Aliiteration  zu  bewirken. 

Beide  Halbzeilen  haben  nur  je  drei  Hebungen 
Musp.  40.  41.  enti  helldfuir  harto  wtst. 
Abgesehen  von  diesen  Beispielen  verkürzter  Halbzeilen  sind  die  Verse  des 
Muspilli  wie  die  des  Hildebrandsliedes  regelmäßig ,  d.  h.  aus  vier  Hebungen 
gebildet.  Doch  ist  die  Überlieferung  beim  Muspilli  nicht  so  treu  und  zuver- 
lässig, als  beim  Hildebrandsliede.  Namentlich  findet  sich  eine  größere  Menge 
von  Flickwörtern,  die  einerseits  die  Darstellung  schwächen,  andererseits  das 
Metrum  stören.  Besonders  auffallend  ist  dies  gegeu  den  Schluß  des  Bruch- 
stückes, wo  J.  Grimm  (Germ.  1 ,  237)  das  viermal  wiederholte  defme  be^ 
merkt  hat  Diese  Partikel  namentlich  ist  es ,  die  das  Metrum  vieler  Verse 
beirrt, 

V.  60.  s6  [denane]  der  mahtigo  khuninc. 
V.  64.  [^denne  wej  kitar  pamS  nohhein. 
V.  181.  dar  scal  [denne]  hani  sprehhan. 
V.  199.  [demw]  augit  er  dia  mdsun, 
wiewohl  hier  nicht  npthwendig  ans  metrischen  Gründen. 

Noch  einige  Beispiele  führe  ich  an,  wo  durch  Einschiebnng  überflüssiger 
Zusätze  das  Versmaß  gestört  ist : 

V.  20.  dazt  ist  [rehto]  viriftMh  ding. 
V.  77.  [denne~\  wirdit  [miJtar  in\  wtk  arhapan, 
V^IOO.  [s61i  inprinnant  di^pergdy 
wiewohl  hier  nicht  ootbwendig. 


ÜBER  MUSPILU.  11 

V.  112.  [ddr]  m  mac  \denne]  mäc  andremo. 

V.  1 19.  dar  man  [dar  €o]  mit  s^n^  mägon  piec. 
In  zwei  Versen  ist  das  demonstrative  Pronomen  ^a  streichen. 

V.  186.  waz  er  untar  [desen]  mamwm. 

V.  205.  diu  er  durah  [desea]  mancunnes. 
Am  häufigsten  aber  stört  der  Artikel : 

V.  68.  dar  ßcal  er  vora  [demo]  rthke. 

V.  90.  ptdiÜL  scal  er  in  [deru]  wiesteti. 

V.  96.  daz  H^ltas  in  [demo]  xvige. 

V.  113.  helfan  vora  [demo\  muspiUe, 
wo  lieber,  schon  der  Alliteration  wegen  (da  dem  Hauptstabe  der  Regel  nach 
nur  maifyliing  vorhergehen  darf),  umzustellen  ist 
vora  mitspille  helfan, 

163.  loasan  sih  ar  dero  Uw6  vazzSn^ 
wo  zu  schreiben  sein  wird 

ISssan  sih  ar  l^on, 

177.  dara  quhnit  ze  [deru]  rihtunpa. 
vielleicht  auch 

162.  fona  [deru]  vnoUu  arst^. 

191.  niz  alfora  [demö\  khuninge. 
Daß  die  Tilgung  des  Artikels  zur  Berichtigung  des  Metrums  beiträgt,  ist,  so 
unbedeutend  der  Umstand  an  und  für  sich  scheinen  mag,  ein  Beweis  fiir  das 
hohe  Alter  des  zu  Grunde  liegenden  Gedichtes ,  indem  zur  Zeit  der  Abfas- 
sung desselben  der  Gebrauch  des  Artikels  (wie  im  Gothischen)  noch  nicht 
nothwendig  war. 

Auch  außer  diesen  metrischen  Unrichtigkeiten ,  die  dem  Bearbeiter  des 
9.  Jahrh.  zur  Last  fallen ,  ist  der  Text  des  MuspilK  vielfach  nachläftig  und 
schlecht  öberiiefert.  Nach  V.  36  ist  eine  alliterierende  Halbzeile  ausgefallen, 
in  V.  95  ist,  wie  schon  das  Metrum  und  die  mangelnde  Alliteration  zeigt,  ein 
Wort  weggeblieben :  vermuthlich  ist  zu  lesen 

doch  wänit  des  vüa         wiserS  ffotmatmo. 
Auch  Y.  138  fehlen  einige  Silben,  die  Schmeller  ergänzt : 

daz  der  man  4r  enti  sid        upiles  Jdfrumita, 
die  ich  aber  mit  anoerer  Alliteration  lieber  ergänzen  möchte 

daa  der  man  inferahe        upiles  hifrumiia. 
V.  143  scheint  nur  Wiederholung  der  letzten  Worte  der  vorhergehenden 
Zeile  und  zu  streichen:  es  alliterieren  V.  142.  144.  V.  178  ist  wohl  auch  ein 
Wort  ausgefallen 9  das  mit  rihbanga  alliteriert  hätte,  oder  es  ist  eine  allite- 
rationslose Zeile,  wie  die  oben  angeführten. 

V.  188.  189  schließt  megi  beidemal  den  Vers,  was  an  sich  schon  schlep- 
pend ist.  Außerdem  aber  stört  das  Hilfsverbura  wenigstens  im  ersten  Verse 
das  Versmaß,  daher  ist  wohl  zu  lesen 


12  VLABJj  BARTSCH 

der  dar  iowiht  arliu^e, 
daz  er  kitame        täto  dehh^nä, 
V.  193  ff.  sind  von  J.  Grimm  (Genuania  1,  237)  folgendermaßen  ergänzt 
worden 

uzzan  er  iz  mit  cdamuscma        furi  Üit  rehto 

enü  mit  fastun         dio  firma  kijpuazit* 

derme  der  man  gipuazit  hap^t        dermer  ze  dem  miseu  gigangity 

wirdit  denne  furi  gitragaia         daa  frSno  chrudy 

da/r  der  h^igo  Christ        ana  arhangan  ward. 

derme  augit  er  dio  mdsun         dio  er  in  dem  memdshi  intfiang^ 

dia  er  duruh  deses  mancunmes  minna  ana  sih  ginam. 
Es  unterscheiden  sich,  wie  sich  aas  den  Beispielen  ergibt,  die  späteren 
christlichen  Zuthaten  des  9.  Jahrh.  von  dem  ursprünglichen  mythischen  Kerne 
des  Liedes  oder  der  Lieder  in  der  Form  dadurch,  daß  die  älteren  Verse  sich 
im  Rhythmus  mehr  dem  nordischen  fornyrdarlag  nähern,  während  die  jungem 
nach  Weise  der  Otfridischen  Verse  gebildet  sind. 

Ich  habe  bisher  nur  von  der  Form,  in  der  uns  Muspilli  überliefert  ist, 
gehandelt  und  den  Inhalt  unberücksichtigt  gelassen.  Wenn  ich  vorher  mehr- 
mals von  Liedern  gesprochen ,  die  der  Aufzeichner  des  Bruchstückes  ent- 
weder vor  sich  oder  im  Gedächtniss  hatte,  so  will  ich  nun  versuchen ,  durch 
Zerlegung  des  Gedichtes  diese  Ansicht  zu  rechtfertigen.  Es  ergibt  sich  bei 
genauerer  Betrachtung,  daß  das  Bruchstück  aus  zwei  oder  drei  Abschnitten 
besteht,  die  in  einander  geschoben  «ind.  Ohne  auf  den  Anfang,  der  ohne- 
dies ja  unvollständig  ist,  Rücksicht  zu  nehmen,  wollen  wir  vorläufig  von 
V.  72  ausgehen,  wo  in  jedem  Falle  ein  neuer  Abschnitt  beginnt  Die  alt- 
epische Formel  daz  hortih  rahhSny  die  ebensa  im  Eingänge  des  Hildebrands- 
liedes und  öfter  wiederkehrt,  deutet  daraufhin,  daß  wir  hier  den  Beginn 
eines  Liedes  vor  uns  haben.  Zwar  kommt  die  Formel  auch  in  der  Mitte  vor, 
aber  immer  zu  Anfang  eines  Abschnittes,  der  etwas  Neues  einfuhrt.  Zu  dem 
unmittelbar  Vorhergegangenen  passt  das,  was  dieser  Formel  folgt,  durchaus 
nicht.  Im  Vorausgehenden  ist  von  einem  mahal  des  mächtigen  Königs  die 
Rede  (V.  60),  es  folgt  die  Beschreibung  des  Weltunterganges ,  nämlich  der 
Kampf  zwischen  Elias  und  dem  Antichrist  und  der  Weltbrand ;  hierauf 
(V.  125  ff.)  wird  wieder  von  dem  mahal  erzählt.  Es  ist  also  offenbar,  daß 
V.  125  die  durch  die  Schilderung  des  Weltunterganges  unterbrochene  Be- 
schreibung (V.  71)  wieder  aufnimmt.  Dadurch  wird  das  eine  der  beiden 
Lieder,  welches  nicht  weiter  unterbrochen  ist,  auf  V.  72— 123  begränzt. 
Voa  diesen  sind  aber  die  vier  letzten  (120 — 123)  zu  streichen,  die  ^chon 
durch  ihren  Reim  sich  als  späteren  Zusatz  erweisen  (S.  oben  S.  8).  Sie 
sind  hinzugedichtet,  um  einen  Übergang  zu  dem  Folgenden  zu  gewinnen. 
Dem  Geiste  d6r  epischen  Volkspoesie  widerspricht  es  gänzlich,  auf  eine 
Frage,  wie  sieV.  118. 119  enthalten,  eine  Antwort  zu  erwarten.  Sieist  viel- 


thm  MüsttLtt  13 

mehr  ein  Ausruf  als  eine  Frage.  Das  mdhal,  welches  in  V.  125  iF.  geschil- 
dert wird,  ist  zuerst  in  V.  61  flf.  erwähnt.  Was  diesem  vorhergeht,  passt 
nicht  zu  der  Schilderung  des  mahal,  denn  im  Vorhergehenden  ist  Von  Beloh- 
nung und  Bestrafung,  die  auf  dem  Dinge  entschieden  werden  soll,  als  von 
einer  schon  vollzogenen  die  Rede.  Wo  ein  Streit  um  di^  Seele  zwischen 
Engeln  und  Teufeln  bereits  entschieden  hat,  die  einen  dahin,  die  andern 
dortbin  gegangen  sind,  kann  da  noch  ein  Gericht  erfolgen?  Eher  wäre  das 
umgekehrte  denkbar.  Die  Anfange  beider  Abschnitte,  um  noch  nicht  zu 
sagen  Lieder,  würden  demnach  in  Y.  60  und  72  zu  suchen  sein.  Was  nach 
V.  124,  sich  genau  anschließend  an  V.  71 ,  folgt,  gehört  zu  der  Schilderung 
des  mahal,  des  jüngsten  Gerichtes,  Es  bleibt  also  nur  noch  übrig,  von  dem 
ersten  Theile  des  Gedichtes  (V.  1 — 69)  zu  reden,  der  zwar  in  der  Form 
(denn  es  ist  eine  Ermahnung  an  den  sündigen  Mann  [V.  47],  mit  einer  War- 
nung vor  der  Hölle)  zu  dem  folgenden  passt,  dessen  Inhalt  aber,  wie  wir 
eben  sahen,  eher  nach  dem  folgenden  Abschnitt  zu  setzen  ist.  Gerade  in 
diesenf  Abschnitte  kommen  mehrere  Formen  vor,  wie  dart,  dazi,  himüzun- 
galon,  die  es  wahrscheinlich  machen^  daß  auch  hier  ein  älteres  Lied  benutzt 
wurde.  Die  in  Otfrieds  Evangelienbuch  ebenfalls  ohne  Beim  wiederholte 
alliterierende  Langzeile 

dart  ist  Itp  dno  tdd  Höht  äno  finstri 
gehört  diesem  ersten  Abschnitt  an.  Otfried  müßte  entweder  das  Muspilli  in 
der  Form,  wie  es  uns  vorliegt,  gekannt  haben,  und  das  ist  wenig  wahrschein- 
lich, oder  beide,  das  Muspilli  und  Otfried,  nahmen  den  Vers  aus  einem  im 
9.  Jahrh.  noch  im  Munde  des  Volkes  lebenden  Liede  auf.  Dieses  Lied 
schilderte  den  Aufenthalt  der  Seligen  und  den  der  Verdammten  und  war  ur- 
sprünglich unabhängig  von  der  Schilderung  des  Weltunterganges. 

Zur  Veranschaulichung  will  ich  die  drei  Abschnitte  oder  Lieder,  aus 
denen  Muspilli  zusammen  gesetzt  ist,  soviel  als  möglich  mit  Ausscheidung 
späterer  Zuthat  [durch  Klanmiern]  in  der  von  mir  aufgestellten  Anordnung 
hersetzen.  Ich  benutze  dabei  eine  von  Schmeller  und  eine  zweite  von  Mafi- 
mann angefertigte  Abschrift,  beide  mir  von  letzterem  anvertraut.  W  bezeich- 
net den  Text  in  Wackernagels  altdeutschem  Lesebuche. 

I. 

[sin  tac  piqueme,         daz  er  touujan  scal, 
wanta]  sär  so  sih  diu  sela         in  den  sind  arhevit 
enti  si  den  lihhamun         likkan  läzzit, 
so  quimit  ein  heri         fona  himilzungalon, 
5.  daz  andar  fona  pehhe :         dar  pägant  siu  umpi. 
sorgen  mac  diu  sela,         unzi  diu  suona  arget, 


1.  tonuan  H»,  —  6.  wgee  S, 


14  KARL  BARTSCH 

za  hwederemo  heqe         si  gihaiot  werde. 

[wanta]  ipu  sia  daz  satanazses         kisindi  kiwinnit^ 

daz  leitit  sia  sär         dar  ira  leid  wirdit, 
10.  in  fair  enti  in  finstri:         dazi  ist  [rehto]  virinlich  ding. 

api  sia  avar  kihalont  die,         die  dar  fona  himile  quemant» 

enti  si  dero  engilo         eigan  wirdit, 

die  pringent  sia  sar         üf  in  himilo  rihhi : 

däri  ist  lip  äno  tod,         lioht  äno  finstri, 
15.  selida  äno  sorgun:         dar  nist  neo  man  siuh, 

denne  der  man  in  paradisu         pa  kiwinnit, 

faüs  in  himile,         dar  quimit  imo  hilfä  kinuok. 

pidia^st  dürft  mihhil         allero  manne  welihhemo, 

dazin  es  sin  maot  kispane         

20.  daz  er  kotes  willun         kerne  tüo 

enti  hellä  fair         harte  wise, 

pehhes  pina.         dar  piatit  der  satanaz  ~  V 

altist  heizzan  laue.         so  mac  hnckan  za  diu, 

sorgen  dräto,         der  sih  suntigan  weiz. 
25.  we  demo  in  vinstri  scal         sino  virinä  stuen, 

prinnan  in  pehhe :         daz  ist  rehto  palwic  dink, 

[daz  der  man  haret  ze  gote         enti  imo  hilfa  ni  quimit. 

wänit  sich  kinädä         diu  wenaga  sela : 

ni  ist  in  kihuctin         himiliskin  gote, 
30.  wanta  hiar  in  werolti         after  ni  werkota]. 

IL 

Daz  hortih  rahhön         diä  weroltrehtwison, 

daz  sculi  der  antichristo         mit  Eliase  pägan. 

der  wacch  ist  kiwäfanit,      [denne]  wirdit  [untar  in]  wik  arhapan. 

[khenfun  sint  so  kreftic,  dia  kösa  ist  so  mihhil.J 
35.  Hellas  stritit         pi  den  ewigen  lip, 

wili  den  rehtkemön         daz  rihhi  kistarkan : 

pidiu  scal  imo  helfan         der  himiles  kiwaltit. 

der  antichristo  st^t        pi  demo  altfiante, 

stet  pi  demo  Satanäse,  der  inan  varsenkan  scal. 
40.  pidiu  scal  er  in  [deru]  wicsteti         wunt  pivallan 

enti  in  demo  sinde         sigalös  werdan. 


7.  nnederemo  Es,  nerde  ffs.  —  10.  ret  Hs,  —  11.  hauar  Hs^  —  13.  pringant  S, 
rihi  Hs,  —  14.  lihot  Et.  —  16.  pardisü  W,  —  18.  alero  &,  aiielibemo  H$,  —  23.  hnc- 
kann  M,  —  24.  suntigon  M,  —  25.  staen  W.  —  33.  unnfcar  M,  nardit  8,  —  35.  heuni- 
gon  Hs.  —  36.  daz,  gweimal,  Hb,  —  39.  farsenkan  TK  —  40.  der  nncsteti  S»»  unat  3f. 
pinalla  ßs,  —  41.  donfo  ffs^ 


t)B£B  HUSPILLI.  15 

doch  wänit  des  vila        wieerö  gotmanno, 

daz  Hellas  in  [demo]  wige         arwartit  werdS. 

sär  so  daz  Heliases  pluot         in  erda  kitriafit, 
45.  [so]  inprinnant  die  pergä,         poom  ni  kistentit 

dnich  in  erdu.         ah&  artruknent, 

mnor  varswilhit  sib,         svilizöt  lougjü  der  faimil. 

mano  vallit,         prinnit  mittilagart, 

sten  ni  kistentit         denne  stäatago  in  lant 
50.  verit  mit  [diu]  vuiru         virihö  wisön, 

dar  ni  mac  [denne]  mäk  andremo      helfan  vora  [demo]  muspille. 

denne  daz  preite  wasal         allaz  varprennit 

enti  vair  enti  luft         iz  allaz  arfurpit : 

war  ist  denne  diu  marha     dar  man  [dar  eo]  mit^sinen  mägon  piech  ? 
55.  [diu  marha  ist  farprunnan,         diu  sela  stet  pidwungan, 

ni  weiz  mit  wiü  puaze:         sä  verit  si  za  wize.] 

III. 

So  [denne]  der  mahtigo  khnninc         daz  mahal  kipannlt, 

dara  scal  qaeman  chunnö  kilihhaz : 

[denne]  ni  kitar  parno  nohhein         den  pan  funsizzan, 
60.  ni  aliero  manne  welih         ze  demo  mahale  sculi. 

dar  scal  er  vora  [demo]  rihhe         az  rahhu  stantan 

pi  daz  er  in  werolti         kiwerköt  hapeta. 

pidiii  ist  [demo]  manne  so  guot,     denner  ze  demo  mahale  quimit, 

daz  er  rahhönd  welihha         rehto  arteile. 
65.  denne  ni  darf  er  sorgen,         denne  er  ze  dem  süonu  quimit. 

iii  weiz  der  wenaga  man         wielihhan  urteil  er  habet: 

denner  mit  den  miatön         marrit  daz  rehta, 

daz  der  tiuval  dar  pi         kitarnit  stentit, 

der  hapet  in  ruovu         rahhönö  welihha, 
70.  daz  der  man  in  ferahe         npiles  kitrumita, 

daz  er  iz  allaz  kisaget,         denne  er  ze  deru  suonu  quimit. 

ni  scolta  [sid]  mannö  nohhein         miat&n  intfahan. 


42.  nnla  F#.  wiserö  f^klL  —  46.  %o  fehle  S,  do  M.  mprainan  ff».  —  46,  enifac  B». 
einic  W.  artniknnet  ffi.  —  49.  steiD  W.  nach  kistentit /o/(7/  eik  in  erda.  nerit  denne  st.  in 
l  mit  u.  #.  w.  Hi,  stnatago  W.  —  62.  oarprinnit  ff$.  —  63.  uogr  ^.,  nugir  M,  —  64.  heo  Hs, 
piehe  Hm,  ,  piec  W.  —  66.  pidnngan  H». ,  piduongan  W.  —  66.  niz  8.  pnozd  W,  s&r  W. 
eniit  Hb.  —  68.  kilihaz  H».  —  60.  alero  H».  uelih  H$.  —  61.  uuora  H».  —  62.  kkiuer- 
kota  H  hapftt  W.  —  63.  demanne  B».  —  64.  rahono  neliha  Hb.  reto  Hb.  —  66.  dena  Hb. 
—  66.  ueiz  Hb.  «lielihan  iF«.  —  67.  az  If.  reta  Hb,  —  69.  rahono  neliha  Hb,  ~  70.  in  ferKlie 
fthlt.  —  72.  ni  scolta  nd  mannobhein  miatnn  enü  er  dio  (dia  M.)  nietua  aatfieng  as  erda  | 
den  icolta  (az  «r  tad  ni  scolta  M.)  manne  nohhein  miataa  intfahan  SM. 


so  daz  himilisca  hom         kihliitit  wirdit, 

enti  sih  [der]  in  [den]  sind  arhfevit,         der  dar  snonnan  scal : 
75.  denne  hevit  sih  mit  imo         herjo  meista : 

daz  ist  allaz  so  pald,         daz  imo  nioman  kipagan  ni  mak. 

denne  verit  er  ze  [dem]  mahalsteti         dem  dar  kimarchöt  ist. 

dar  wirdit  diu  suona,         dia  man  dar  io  sag^ta.  V 

denne  varant  engilä         uper  diö  marhä, 
80.  wechant  deotä,         wissant  ze  dinge. 

denne  scal  manno  gilih         fona  dem  moltu  arsten, 

Idssan  sich  ar  [dero]  lewo  vazzön :     scal  imo  avar  sin  lip  piqueman, 

daz  er  sin  reht  allaz         kirahhon  muozzi, 

enti  imo  after  [sinen]  tätin         arteilit  werde. 
85.  denne  der  gisizzit,         der  dar  suonnan  scal 

enti  arteillan  scal         toten  enti  quekkhen: 

denne  stet  dar  umpi         engilo  menigi, 

guotero  gomono         gart  stet  mihhil. 

dara  quimit  ze  [dem]  rihtungu         so  vila  diä  dar  arstent, 
90.  so  dar  manno  nohhein         wiht  pimidan  ni  mak. 

dar  scal  [denne]  hant  sprehhan,         houpit  sagen, 

allerö  lidö  welich         unzi  in  den  luzigun  vingar, 

waz  er  untar  [desen]  mannun         mordes  kifrumita. 

dar  ni  is  eo  so  listic  man,         der  dar  iowiht  arliugan  niegi,- 
95.  daz  er  kitarnan  megi         täto  dehheina, 

niz  al  fora  [demo]  khupinge         kichundit  werde, 

uzzan  er  iz  mit  alamusanu         fori     .     .     .     megi 

.     .     .     enti  mit  fastun         diö  virinä  kipuazta. 

denne    .    .    .    der  gipuazzit  hapet,       denner  ze  deru  suonu  .  .  . 
100.  wirdit  [denne]  furi  kitragan         daz  frono  chruci, 

dar  der  heligo  Christ         ana  arhangan  ward. 

[denne]  augit  er  dio  mäsun,     dio  er  in  [deru]  menniski  intfiang, 

dio  er  duruh  [deses]  mancunnes  ^       minna  ginam. 

Von  diesen  drei  Liedern  trägt  das  mittlere  am  meisten  den  unveränder- 
ten mythologischen  Charakter.  Es  schildert  den  Weltuntergang,  die  Götter- 
dämmerung, ragnarokr,  und  zwar  in  Form  eines  Kampfes,  der  nach  mittel- 
alterlicher Sitte  den  Streit  zwischen  den  zwei  feindlichen  Heeren,  den  Göttern 


73.  himilisc  B»,     kilatit  ffs.  —  74.  der  suanari  S.     der  Christ  ee  demo  send  M.  — 
78.  hio  ffs.  —  79.  uuaraDtiT«.  dia  Hsi  —  81.  mano  Hg.  uona  S.  —  82.  dem  Es.  hauar  Ar. 

—  86.  nach  scal :  toten  enti  lepenten.  —  88.  girust  so  mihhil  S.  —  90.  uht  S,  uiht  M.  — 
92.uuelihc  ffs,,  aiielih  W.  —  93.  uaz  if.  —  94.  ist  W.  heo  ffs.  hiouuiht  ffs,  —  96.  kichan- 
dit  ffs,,  kikhmidit  W,  —  97.  megi  Ä,  diegi  M,  —   98.  uurina  ffs.   kipuazti  S:,  kipuazzi  M, 

—  102.  .  .  .  fene  M  S,  -^  103.  dia  W,  dio  SM,  desse  ffs.  mina  f ar  .  .  .  ^.  minna 
gin  .  .  .  M, 


ÜBER  MÜSPILLI.  17 

und  Biesen,  schlichten  soll.  Als  die  beiden  Hauptkämpfer  werden  Elias  von 
der  einen ,  der  Antichrist  von  der  andern  genannt.  J.  Grimm  hat  nachge- 
wiesen, daß  in  christlicher  Zeit  jElias  an  die  Stelle  des  Thörr  getreten  ist. 
Nach  der  nordischen  Überlieferung  kämpft  Thorr  mit  der  Midgardsschlange, 
Odin  mit  dem  Fenriswolf,  auch  von  den  übrigen  Äsen  ist  jedem  ein  Kämpfer 
zagetheilt. 
Völuspa  53 :  ]>d  kemr  Hlinair  harmr  atmarrfram, 

er  Odinn/err  vid  ülf  vega. 
and  von  Thörr  heiftt  es  Völuspa  66  : 

]>ä  kemr  inn  moeri  mögr  JHlSdynjar, 

drepr  orm  af  m6di        imdgards  V^orr^ 

nepprfrd  nadri  ntds  Skvidnum. 
Ich  glaube  indess,  daß  unser  Lied  zunächst  nicht  Thors  Kampf  geschildert 
hat.  Was  mich  zu  der  Vermuthnng  veranlasst,  ist  Folgendes:  wenn  der 
christliche  Bearbeiter  des  9.  Jahrhunderts  das  ältere  Lied  möglichst  treu 
beibehalten  hat,  wie  ^r  im  Folgenden  aus  Vergleichung  der  nordischen 
Überlieferung  sehen  werden ,  daß  fast  wörtliche  Übereinstimmung  sich  zeigt, 
so  liegt  die  Folgerung  nahe ,  die  an  die  Stelle  der  heidnischen  Götter  getre- 
tenen christlichen  Namen  durch  heidnische  ebenfalls  alliterierende  zu  ersetzen. 
Dazu  bieten  sich  aber  Wuotan  und  Wulf  als  zunächst  liegend  dar.  V.  74.  75 
werden  also  in  dem  alten  Liede  etwa  gelautet  haben 

daz  sculi  Wuotan         mit  demo  Wulfe  pägan. 
Vergleicht  man  die  folgende  Zeile  : 

der  warch  ist  hiwd/anU, 
und  nimmt  warch  in  seiner  ursprünglichen  Bedeutung  'Wolf,  so  gewinnt  die 
Vermuthnng  noch  mehr  an  Wahrscheinlichkeit.  Die  Verse  78.  79,  die  an 
sich  nichts  Verdächtiges  enthalten ,  werden  nur  wegen  des  fremdländischen 
kSsa  als  dem  alten  Liede  angehörig  zu  bezweifeln  sein.  Auf  sie  kommt  f&r 
ansem  Zweck  nichts  an.    Die  beiden  nächsten  Zeilen  80.  81  ; 

HdSas  strftit        pt  den  ^wigon  Itp 
fugen  sich  ebenfalls  wieder  leicht  in  die  Alliteration ,  wenn  Wuotan  an  die 
Stelle  des  Helias  tritt  und  für  'das  ewige  Leben*  etwa  Walhalla  als  der  Sitz 
der  Seligen  gesetzt  wird.     Auch  die  Verse  84.  85 

pidiü  scal  imo  Keif  an  der  Mmiles  kiwalMt, 
zeigen  eine  merkwürdige  Übereinstimmung  mit  der  nordischen  Überlieferung. 
In  der  Jüngern  Edda  51  heißt  es  von  Odin  'So  eilt  er  dem  Fenriswolf  ent- 
gegen und  Thörr  schreitet  an  seiner  Seite,  mag  ihm  aber  wenig  helfen, 
denn  er  hat  vollauf  zu  thun  mit  der  Midgardsschlange.*  'Wenn  der  des  Him- 
mels waltet  kein  anderer  wäre  als  Dunar?  und  wenn  es  in  dem  alten  Liede 
demgemäß  gelautet  hätte 

pidvCb  »cal  imo  hel/an        der  hamaree  kiwaltit^  — ? 


18     -,  -  KARL  BA&TSCH 

Es  bat  also  der  christliche  Bearbeiter  den  Wuotan  an  die  Stelle  des  Donar 
gesetzt. 

Auch  in  den  nächsten  Zeilen  lässt  sich  wenigstens  noch  ein  mythologi- 
scher  Name  mit  Hilfe  der  Alliteration  ziemlich  gewiss  herstellen.  Zwar  muß 
unentschieden  bleiben,  wer  mit  dem  cUtßant  (V.  87)  bezeichnet  ist,  bei  dem 
der  Antichrist  steht.  Zu  vergleichen  ist  Völ.  51  'des  ünthiers  Abkunft  ist 
all  mit  dem  Wolf ;  darnach  wäre  der  aüf^ant  Lokl  Möglich  wäre  aber  auch, 
daß  hier  durch  Missverständniss  des  alten  Liedes  der  Aitfeind  an  die  Stelle 
eines  Äsen,  nämlich  des  nordischen  Widar  getreten  ist,  der  nach  Odins  Fall 
den  Kampf  mit  dem  Feuriswolfe  zu  Ende  führt,  so  daß  das  Stehen  bei  ihm 
den  Kampf,  das  Gegenüberstehen,  bezeichnete  und  Widar-Wolf  alliterier- 
ten. So  ungewiss  dies ,  so  ist  ziemlich  sicher ,  daß  in  dem  folgenden  Satanas 
Niemand  anders  als  der  nordische  Surtr  verborgen  ist,  zu  welcher  Vertau- 
schung er  sich  als  Feuergott  besonders  eignet.  Daß  er  gemeint  ist,  geht  aus 
dem  Zusatz  ''der  inan  farsenkan  scaP  hervor:  denn  am  Ende  des  Kampfes 
schleudert  Surtr  Feuer  über  die  Erde  und  verbrennt  die  ganze  Welt.  Auch 
der  Ausdruck  yarsenkan  stimmt  zu  der  nordischen  Mythe,  es  heißt  Völ.  56 
siffrfold  tmavy  und  Sn.  Edda  53  *die  Erde  taucht  aus  der  See  auf.'  Wie 
der  deutsche  Name  des  Surtr  gelautet  hat,  wissen  wir  nicht:  in  jedem  Falle 
aber  wird  nicht  nur  das  Vorhandensein  dieser  Gottheit  selbst,  sondern  auch 
seines  ähnlichen  Namens  im  deutschen  Mythus  durch  diese  Vermuthung 
bestätigt.  Von  Thors  Kampfe  ist  in  dem  Liede,  mit  Ausnahme  der  Beziehung 
in  V.  85 ,  noch  gar  nicht  die  Rede  gewesen ,  wiewohl  seine  Bedeutung  beim 
Weltuntergange  in  den  nordischen  MyÜien  sehr  hervorgehoben  wird.  Es 
heißt  VöL  55,  nachdem  Thorr  die  Midgardsschlange  getödtet, 

Oengrfet  ntu        Fjörgynjar  burr,  .  . 

mimu  halir  allir  heimstöd  rydja. 

801  tekr  sortna  u.  s.  w, 
ganz  ebenso  wie  im  deutschen  Liede  an  Elias  herabtriefendes  Blut ,  nachdem 
er  den  Antichrist  erschlagen,  der  Weltuntergang  sich  unmittelbar  anschließt. 
Wenn  in  dem  Liede  etwas  ausgefallen  ist,  so  ist  es  gewiss  an  dieser  Stelle, 
indem  der  Übergang  zu  Dunars  Kampfe  fehlt.  Elias  wäre  hier  also  Dunar, 
vorher  Wuotan.  Abgesehen  davon,  daß  diese  Vertauschung  schon  ihre 
Schwierigkeit  hat,  spricht  dagegen  auch  V.  96.  97 : 

daz  Helios  in  demo  wtffe         arwartit  wirdit^ 
wo  durch  Substituierung  Wuotans  wiederum   die  Alliteration  sich  sehr  gut 
fügt, 

dcu  Wuotan  in  mge        arwartit  wirdit 
Es  bleibt  demnach  nichts  übrig ,  als  hier  eine  Abweichung  des  nordischen 
vom  deutschen  Mythus  anzunehmen. 

Die  Schilderung  des  Weltbrandes  schließt  sich  sehr  genau  an  die  nor- 
dische Darstellung  an.    Völuspä  51 : 


ÜBEB  MÜSPILLI.    .•  .j 


und  Völ.66: 


ffrjSa^Srg  gnata  .  .  .  en  Mminn  klofnar. 

S6l  fefcr  tortna,        tigr  fold  t  mar, 
hverfa  af  Umd        heiiar  atfämur. 


geiaar  eimr        vii  aldmdra, 

leikr  här  hUi        vid  himin  mätfan. 
Vergleicht  man  damit  folgende  Verse  des  Mnspilli: 

stein  ni  kistenHt. 

mätw  vallit,        prirmit  tmUHlagart 

avilizöt  lougjü  der  Mmil, 
so  ist  die  fast  wörtliche  Übereinstimmung  Zeuge  von  der  Treue    mit  A..  a 
AufzeichnerdesMuspniianein.^^^^^ 

logischen  Liedes  beibehalten  hat.  lurmo- 

Das  erste  Lied  enthält  so  genaue  mythische  Beziehungen  nicht  als  das 

zweite    Die  m  mittelalterlichen  Dichtungen  häufig  wiederkehrende  Sage  von 

ZXl  79Tff1  b     ".f  ""'  ?'n^^"'^'  ""  *^  «««'«  ''-  Gestorbenen  (^1 
MythoL 796  ff.)  beruht,  wie  J.Grimm  (ebd.  392,  Anm.797)  gelehrt  hat 

Walkü^In  "'"':?'•  ^'^  ^'"'  *'^"'"'«^'»  ""*«^  ^-  Heer  de'r  Enlel  ;  ; 
Wan^üren  zu  verstehen,  die  Odin  entsendet,  um  alle  im  Kampfe  geffuenen 
Helden  zu  empfangen  und  in  seinen  Himmel  zu  leiten  (vgl.  V.  25  rf«,  H- 
gminasär^finl^nälo  rihM.  MythoL  800).  Aber  an  Stelle  der  IZl 
könnten  auch  wenn  man  auf  die  Alliteration  Rücksicht  nehmen  will,  dieEin-  - 
herjer  gestanden  haben.   Es  heifit  im  Wafthrüdnismäl  41 :    -       "'* '"**'"^ 

AUir  einherjar         Odins  tünum  t 

höggvask  kverjan  dag : 

val  Peir  kj^sa         ok  rfda  vSgi/rä, 

«itja  meir  tan  sättir  «aman. 
Hiemach  haben  die  Einheqer,  d.h.  die  im  Kampfe  gefallenen  und  in  Walhall 
^benden  Helden,  ein  ähnliches  Amt  wie  die  Walküren,  den  Wal  zu  kiesen 
üaB  unter  den  Engeln  wirklich  die  Einheijer  zu  verstehen  sind,  werden  wir 
noch  bei  Betrachtmig  des  dritten  Liedes  sehen.    Wenn  bei  der  Schilderung 
wamallas  V.  30  besonders  hervorgehoben  wird,  daß  daselbst  niemand  siech 
sei,  so  scheint  das  ebenfalls  nicht  bedeutungslos,  wenn  man  bedenkt,  daß  nur 
die  Seelen  der  auf  der  Walstatt  gefallenen  Helden  nach  Walhalla  kamen, 
»atirend  die  am  Siechthnm  auf  dem  Krankenlager  Gestorbenen  der  Hei 
anheun  fallen.  Im  alten  Liede  mochte  es  an  dieser  Stelle  etwa  heißen 'dahin 
kommt  kern  siecher  Mann.*  —  Die  Schilderung  der  Hölle  gemahnt  am  meisten 
an  die  christlichen  Vorstellungen,  besonders  das  Buffen  der  verdammten 
öeelen  zu  Gott,  das  an  die  Erzählung  vom. armen  Lazarus  erinnert.    Wenn 
dieser  Abschnitt  nicht  ganz  dem  Bearbeiter  des  9.Jahrh.  angehört,  so  ist 
wenigstens  die  getreue  Überlieferung  hier  aufgegeben. 

Im  dritten  Liede  erfolgt  die  Schilderung  des  jüngsten  Gerichtes.    Aodi 


20  KARL  BARTSCH,  ÜBER  MÜSPILLI. 

diese  ist  im  Wesentlichen  aus  christlichen  Elementen  zusammengesetzt: 
einige  Beziehungen  auf  die  Mythe  sind  indess  auch  hier  zu  erkennen.  Vor 
allem  erinnert  das  himmlische  Hörn  das  geläutet  wird  (V.  146)  an  Heimdall, 
der  mit  seinem  Gjallarhorn  die  Götterdämmerung  ankündigt.    Völ.  47  : 

Leika  Myms  synir         en  mjötudr  hyndisk 

at  enu  gamla         OjaUarhorrä ; 

hau  hlaess  HeimdaUr,         hom  er  d  loj^ti. 
In  der  That  hat  auch  hier  die  Substituierung  des  heidnischen  Göttemamens 
in  Bezug  auf  die  Alliteration  keine  Schwierigkeit : 

80  daz  Heimtalles  hom  kihlütit  mrdit, 
oder  wie  die  deutsche  Form  des  Namens  gelautet  haben  mag.  Beim 
Tönen  des  Homs  erhebt  sich  der  sühnen  soll  mit  dem  größten  der  Heere. 
Er  fährt  zu  der  bestimmten  Mahlstätte ,  die  Engel  fahren  über  die  Mark. 
Auch  hier  haben  wir  wörtliche  Übereinstimmung  mit  dem  nordischen  Mythus. 
Grimnismäl  23  heißt  es  bei  der  Schilderung  Walhalls,  die  540  Thüren  hat: 

ätta  hundrud  einherja         ganga  senn  or  einum  durum^ 

}>d  erpeirfara  vid  vitni  at  vega, 
und  in  der  Jüngern  Edda,  Gylfagynn  51  *die  Äsen  wappnen  sich  zum  Kampf 
und  alle  Einherjer  eilen  zur  Walstatt.  Zuvorderst  reitet  Odinn  mit  dem 
Goldhelm,  dem  schönen  Harnisch  und  dem  Spieß,  der  Gungnir  heißt.*  Der 
mächtige  König  also ,  der  ''daz  mahal  kipanmf  (V.  62),  ist  niemand  anders 
^Is  Wuotan,  der  beim  Rufe, des  Gjallarhornes  mit  dem  größten  der  Heere 
(,hefjS  meista  150),  den  Einherjern,  zur  Walstatt  zieht.  Ebenso  sind  wieder 
wie  im  ersten  Liede  V.  157  unter  den  Engeln  die  Einherjer  zu  verstehen, 
die  über  die  Mark  fahren :  und  somit  bestätigt  sich  durch  die  Alliteration 
auch  fürs  Deutsche  das  Vorhandensein  dieses  Namens. 

Das  dritte  Lied  steht,  wie  $ich  aus  diesen  Beziehungen  ergibt,  in  un- 
mittelbarem Zusammenhange  mit  dem  zweiten  und  geht  demselben  vorauf. 
In  dem  altern  Liede  waren  wohl  beide  Stücke  eins  und  der  christliche  Bear- 
beiter benutzte  an  verschiedenen  Stellen,  was  ihm  für  seine  Schilderung 
brauchbar  war.  Den  Hauptinhalt  des  ersten  Liedes  bildet  die  Belohnung  der 
Guten»  die  Bestrafung  der  Missethäter.  Von  einem  derartigen  Gerichte,  das 
am  Ende  aller  Dinge  erfolgt,  weiß  die  deutsche  Mythologie  Nichts.  Zwar  wird 
in  der  Völuspa,  nachdem  die  Erde  neu  aus  dem  Meere  emporgetaucht  ist  und 
ein  neues  Geschlecht  von  Göttern  sie  beherrscht,  gesagt,  St.  63, 
ßd  kemr  irm  riki         at  regindSmiy 

öflv^r  ofan,         sd  er  öllu  raedr. 

semr  hcmn  d6ma/r         ok  sakar  leggr, 

vSsköp  8€tr        pau  er  vera  skolu. 
Aber  der  Schluß  der  Völuspa  ist  zu  verdächtig  und  streift  zu  sehr  an  christ- 
liche Vorstellungen,  als  daß  er  zu  weiteren  Vergleichongen  heran  gezogen 
werden  könnte.   Die  Bestrafung  der  Verbrecher  in  Nästi;and,  namentlich  der 


FRANZ  PFEIFFER,  DES  TEUFELS  NETZ.  21 

Meineidigen,  entsprechend  dem  Richter  im  deutschen  Gedichte,  der  sich  be- 
stechen lässt  und  um  der  Miete  willen  das  Recht  beirrt  (V.  130),  der 
Meuchelmörder,  deren  auch  im  Muspilli  gedacht  wird  (V.  186)  waz  er  untar 
marmun  mordes  hifrundta)  kennt  die  Edda  in  einer  Strophe  der  Völuspa,: 
die  Weinhold  für  jünger  erklärt,  Str.  43,  ^ 

JSä  hon  ßar  vctda        ]>ünga  atrauma 

menn  meinsvara     -  ok  mardvargay 

ok  ßarm  cmnar»        glepr  eyrartmu, 

]>a/r  saug  Ntähöggr         ndi  framgengna^ 

sleii  vargr  vera :      vitad  Sr  enn  eda  hvai  ? 
Fassen  wir  noch  einmal  zusammen,  welche  mythologischen  Reste   uns  im 
Muspilli  erhalten  sind ,  so  ist  der  Inhalt  der  beiden  Lieder  (denn  zwei  und 
drei  fallen  nun  zusammen)  in  Kürze  folgender : 

I.  Die  Seele  des  Braven  holen  die  von  Walhall  kommenden  Einherjer 
und  leiten  sie  hinauf  in  des  Himmels  Reich.  Dort  ist  ewiger  Tag,  keine 
Nacht,  dort  gibt  es  kein  Siechthum.  Eine  weitere  Schilderung  Walhalls  wird 
sich  in  dem  alten  Liede ,  entsprechend  der  in  Grimnismäl  gegebenen ,  ange- 
schlossen haben. 

It.  Heimdalls  Hörn  ertönt.  Wuotan  macht  sich  auf  den  Weg,  mit  ihm 
die  Einherjer,  und  fährt  zu  der  Walstatt.  Wuotan  kämpft  mit  dem  Wolfe, 
Ihm  zur  Seite  steht  der  Beherrscher  des  Hammers,  Dunar ;  neben  dem  Wolfe 
steht  Loki  und  Surtr,  der  die  Welt  versenken  soll.  Der  Wolf  fallt,  aber  auch 
Wuotan  sinkt  verwundet  darnieder.  Sobald  sein  Blut  auf  die  Erde  trieft,  ent- 
brennen die  Berge,  kein  Baum  bleibt  stehen,  die  Wasser  ertrocknen,  das 
Meer  wird  verschlungen ,  Mond  und  Sterne  fallen ,  es  erfolgt  der  Weltbrand, 
die  Götterdämmerung. 
NÜRNBERG,  Juli  1867.  


DES  TEUFELS  NETZ. 

EIN  LEHRGEDICHT  AUS  DEM  XV.  JAHRH. 


Unter  den  didaktischen  Gedichten  des  15.  Jahrh.  möchte  künftig  Er- 
wähnung verdienen  de€  tii/ds  sege  (sege ,  segin ,  sagena,  Fischernetz),  ein 
ziemlich  umfangreiches  Werk,  das  in  der  Form  eines  Gespräches  zwischen 
dem  Teufel  und  einem  Einsiedler  eine  nachdrückliche  Geisselung  der  Laster 
und  Thorheiten  aller  Stände ,  geistlicher  wie  weltlicher,  enthält.  Roh  und 
kunstlos  in  der  Form  entbehrt  es  jedes  dichterischen  Weythes;  dagegen 
möchte  es  als  reiche  lebendige  Schilderung  des  Lebens  und  der  Sitten  des 
beginnenden  1 5.  Jahrh.  Beachtung  verdienen.  Die  einzige  bekannte  Hand- 
schrift besaß  Laßberg,  sie  befindet  sich  nun  mit  den  übrigen  Schätzen  seiner 


22  FBANZ  PFEIPFJBB,  DES  TEUFELS  NETZ. 

Bibliothek  in  f&rstl.  förstenbergifichem  Besitz  zu  Donaueschingen ;  frftherer 
Besitzer  var  der  Beichtiger  der  Klosterfrauen  zn  Bregenz ,  Herr  von  Weiz- 
zeneggy  von  welchem  L.  sie  erwarb.  Sie  ist  im  J.  1441  auf  P24>ier  in  gr.Fol. 
geschrieben  und  zählt  367  Seiten.  Das  Gedicht  enthält  in  dieser  Hs.  etwa 
13,700  Zeilen,  öfter  siud  leere  Räume  für  Bilder  darin  gelassen;  aber  nur 
das  Titelbild  ist  vorhanden :  eine  Schaar  von  Teufeln  zieht  in  einem  groften 
Netze  (==  aegi)  eine  Anzahl  Menschen,  worunter  ein  Kaiser,  Papst u.  s.w. 
ans  dem  Wasser  in  die  Höhe.  Nach  einer  brieflichen  Mittheilung  Lafibergs 
stellt  die  am  Fuße  dieses  Bildes  befindliche  Zeichnung  das  Thor  der  obern 
Stadt  zu  Bregenz  vor,  was  den  Schluß  erlaubt ,  daß  das  Buch  dort  wo  nicht 
gemacht,  doch  gewiss  geschrieben  wurde.  Wohl  durch  diesen  Umstand  veran- 
lasst, war  Laßberg  geneigt,  in  dem  Knappen  des  Grafen  Hang  von  Mo]^ort 
und  Herrn  zu  Bregenz,  Burg  Mangolt,  den  im  Gedichte  selbst  nirgends  ge« 
nannten  Verfasser  zu  vermuthen. 

Ich  gebe  hier  den  Anfang  und  das  Ende. 

Hörend,  hörend  arm  vnd  reich, 

Jung  vnd  alt  gemainleich, 

Er  sy  wip  oder  man. 

Es  gät  menglichen  an, 

Gaistlich  oder  weltlich, 

Sy  sigend  arm  oder  rieh, 

Herren  und  euch  frouwen, 

So  werdent  ir  wunder  schowen, 

Wan  ich  wil  hie  ain  wärhait  sagen 

(Die  weit  sölt  es  billich  clagen), 

Wie  ainero  ainsydeln  ist  beschehen. 

Die  wil  er  got  ze  lob  verjehen 

Und  die  weit  warnen  tfin. 

Wer  komen  wil  ze  frid  und  sfin, 

Der  sol  diser  lere  achten 

Und  sy  dik  betrachten. 

So  wirt  er  hören  ain  wärhait, 

Wie  der  tüfel  die  weit  verlait 

Vnd  wie  er  hat  gemacht  ain  garn  u.  s.  w. 
Die  Vorrede  (so  wird  sie  bezeichnet  V.  63 :  hiemit  wil  ich  die  vorrede 
Ion)  zählt  78  Zeilen,  darauf  beginnt  das  Gedicht : 

Ains  mäls  vor  wihennächten 

Saß  ain  ainsidel  dichten  und  betrachten. 

Was  got  dem  menschen  hat  gfitz  geta*n, 

Das  es  nieman  als  gesagen  kan 

Für  alles  das  er  ye  hat  geschaffen, 

Das  sprechent  alle  lerer  vnd  pfaffen  u.  s.  w. 


L  V.  ZINGERLE,  ÜBER  GABEL  VOM  BLÜHENDEN  THAL.  | 

Schlaß  S.  367 : 

der  tafel  sprach : 

Ich  tun  den  minen  laid  und  ungemach, 

Sy  Tvolteod  dich  nit  für  ogen  ha*n. 

Des  müßends  yemer  jn  lideu  sta'o, 

Ynd  wirßt  her  an  jn  gerochen, 

Hand  ßy  ie  wider  dich  geta'n  ald  gesprochen. 

Hiemitt  ker  ich  mit  den  minen  hin 

In  die  bittren  hellepin,    Amen. 

Amen  das  ist  wa'r 

Göt  geb  uns  ain  gnt  ia*r.    XH°. 

fEANZ  PFEIFFEH. 


ÜBEE  GAREL  YOM  BLÜHE^^DEN  THAI 

VON  DEM  FLEIER, 


Unter  den  Helden  der  Artnsromane  wird  Ritter  Garel  öfters  genannt.  - 
Konrad  von  Stoffeln  zählt  ihn  zn  den  Tafcvfrunderu :  Daz  was  min  her  Yban 
Partzifal  twrf  Qahan  Er^^gk  ind  her  Walban  Wiffalai»  vnd  Tristant  Sodüies 
tTid Kardtant Segrimors  von Pariripan Partiuir  vnd Lerdal  vndDaniel  von 
Pbtental  Melianiz  vnd  Melermvtz^  Lützelot  tmd  EdelanU  Kar  ei  vnd  her 
Eamunp von Simden  am  ritterjung.^)  Hartmann  nennt  ihn  neben  Tristan, ') 
ond  Wimt  lässt  seinen  Tod  beklagen.*) 

Am  öftesten  nennt  und  preist  ihn  Wolfram,  der  ihn  zu  den  besten  Rit- 
tern zählt: 

mcaz  der  werde  Lannlöt 

{(/  der  siü€rthrit4:]ce  erleit 

unt  »tt  mit  Meljacanze  streit^ 

daz  was  gein  dirre  not  ein  niht  m 

unt  des  man  Gär  eile  phi^  .  " 

dem  stolzen  künege  riche^ 

der  ahß  rtterltche 

den  lernen  von  dem  palas 

warft  der  dd  ze  Nantes  was. 


')  Wackemagel  altd.  Lesebuch.  I.  Aufl,  8.850. 

*)  TTttirum  wFide  Gdrel  Erec  1649. 

*)  <^uch  miitoz  ich  von  schulden  klagen 
mnen.  künict  der  lU  hie  ertlag^m 
Odr$l  vpn  Mirmid4n0  WigaJoiü  221,  1^3. 


I 


24  I.  V.  ZINGERLE 

Gdrel  ouchz  mezzer  holte, 

da  von  er  humher  dolte 

in  der  mamieltnen  sül.    (Parz.  583,  8  tf.) 

Oarel  unt  Gaherj4t 

und  rols  Meljanz  de  Barhigoel 

unde  Jo/reitßz  Idoel 

die  aint  hin  üf  gevangen, 

i  der  huhurt  wcere  ergangen.  (Parz.  664, 30  ff.) 

Artus  sprach:  ^diner  muomen  sitn 

Oaherji^en  ai  dort  hat 

unt  Odreln,  der  riters  tat 

in  manegem  poynder  worhte, 

mir  wart  der  unrevorhte 

an  mtner  siten  genomen.  (Parz.  673,  2  ff.) 

Daß  dieser  gefeierte  Ritter  der  Tafelrunde  auch  seinen  Sänger  gefunden 
habe,  berichtet  Ptiterich  von  Reicherzfaausen  in  seinem  Ehrenbriefe  mit  den 
Worten  : 

Serr  ungileuaz  vom  Roth 

Wtrent  von  (jhrafenbergkh 

Voltichtet  sein  gethat 

Samb  hat  gethan  der  Plair  auch  das  werckh 

Vom  Pliudenthal  Herr  Oarell  auch  betüchtet^) 

In  den  dreißiger  Jahren  fand  Herr  von  Karajan  den  einzigen  erhaltenen 
Codex  dieses  bisher  nur  dem  Namen  nach  bekannten  Gedichtes  im  vater- 
ländischen Museum  zu  Linz.')  Es  ist  eine  Papierhandschrift,  klein  Folio,  mit 
169  Blättern.  Jede  Seite  hat  zwei  Columnen,  deren  eine  30—36  Verse 
zählt.  Der  Codex  besteht  aus  Lagen  2u  je  10  Blättern,  von  denen  das  letzte 
ganz  unten  in  der  Mitte  die  Nummer  XVII  °  al«  Reihenummer  der  17.  Lage 
träigt.  Jede  Lage  ist  an  ihrer  Stelle  numeriert  und  zwar  von  der  Hand  des 
Abschreibers.  Dadurch  erhält  man  die  angenehme  Versicherung ,  daß  vom 
Anfange  nur  ein  einziges  Blatt  fehlt.  Die  Schrift  ist  durchaus  von  einer 
Hand,  obwohl  nicht  gleich  zierlich  geschrieben.  In  der  Mitte  ist  sie  ain 
schönsten,  gegen  Ende  am  größten  und  unsaubersten,  obwohl  nicht  unge- 
nauer, als  alles  übrige.  Die  Initialen  sind  schwarz.  Herr  von  Karajan  ließ 
von  dem  Gedichte  eine  sorgfältige  Abschrift  nehmen,  die  mir  gütigst  zu 
Diensten  gestellt  wurde  ,'als  ich  an  der  Erklärung  der  Runkelsteiner  Fresken 
schrieb.  In  derselben  theile  ich  einen  Auszug  des  Pleier'schen  Romans  und 
Probestellen  daraus  mit,  worauf  ich  hier  vorläufig  verweise.    Da  aber  Pleiers 


^)  Haupts  Zeitschrift  6,  50. 

^  Vergl.  Frühlingsgabe  1839  S.  IV. 


ÜBER  GAREL  VOM  BLÜHENDEN  THAL.  25 

Gedicht  den  meisten  Freunden  mittelhochdeutscher  Litteratur  unzugäng- 
lich ist,  dürften  einige  nähere  Mittheilungen  über  dasselbe  und  den  Dichter 
vielen  nicht  unwillkommen  sein.  Die  kurze  Frist,  die  mir  zur  Benützung  der 
Handschrift  gegönnt  war,  mag  das  Skizzenmäßige  dieser  Zeilen  entschuldi- 
gen. —  Der  Verfasser  des  Garel  nennt  selbst  am  Schlüsse  des  Gedichtes 
seinen  Namen  : 

lEe  hat  daz  buoch  ein  ende,  ^ 

swä  nu  hävesche  liute  stn^ 

die  tuon  ir  zuht  dar  an  schin,  (Bl.  169') 

daz  si  mit  hövescJdichen  alten 

dem  tihteer  gelückes  btten, 

der  da^  buoch  getihlet  hat 

tsnd  die  liute  wizzen  lät, 

me  Oärel  mit  manheit 

vil  ma,nigen  höhen  prte  erstreit, 

der  daz  buoch  hat  getihtety 

der  ist  noch  unberihtet 

ganzer  sinne,  wan  daz  er  stn  muot 

niewan  *)  durch  kurzwtle  tuot 

und  ze  Srenfrumen  Hüten, 

ich  unl  iuch  rekte  bediuten 

swd  ir  in  hoeret  nennen, 

daa  ir  in  mugt  erkennen : 

man  heizet  in  den  Pleiaere, 

hie  hob  ein  ende  daz  maere, 

got  Idz  uns  allen  wol  geschehen, 

daz  wir  noch  milezen  gesehen 

stn  gendde  in  himelrtche, 

daz  vAr  dd  iwicltche 

miiezen  btvwen  iemer  mS^e, 

des  helf  uns  got  durch  siner  marter  Sre, 
Über  die  Lebensumstände  und  Bildung  des  Dichters  enthält  das  Ge- 
dicht wenig  Aufschlüfise.   Wenn  folgender  Rede  des  König  Artus  (Bl.  146"): 

jd  herre  got  der  guote 

waer  ez  min  neve  Oärel, 

den  hat  ie  doch  daz  pantel 

von  Sure  geerbet  an 
unbedingtes  Vertrauen  zu  schenken  wäre ,  würde  man  Fleiers  Heimath  in 
oder  bei  Steier  zu  suchen  haben.*)    Mehr  Aufschlüsse  gibt  uns  das  Gedicht 

*)  nienicMt^  Es.  —  ^  VgL  Germania  2,  398.  500.     Aach  später  anzoführende  Stcdlen, 
▼gl.  S.  31,  32,  können  dahin  gedeutet  werden. 


28  I.y.ZIKWELB 

über  dk  BiMong  des  Verfassers.     Er  war,  wie  er  selbst  sagt,  des  Lesens 
kündig  (aU  ich  an  der  äventiure  las  Bl  53^).    Gleich  am  Beginn  des  Ge- 
ächtea  zeigt  er,  daß  er  Hartmanns  Iwein  kenne. 
Nu  hoeret  einfremdez  mmre, 
Hartman  der  Ouwwre 
hat  uns  S  wol  geseit 
für  eine  rekte  wärheit 
an  einen^  buoche,  deist  wol  behani, 
deiet  der  riter  mit  dem  Uwen  genant, 
daa  Artus  was  sin  wip  genomen 
tmd  wie  ez  dar  zuo  was  kamen.  Bl.  1  ^. 
Garel  nimmt  von  einer  Stelle  des  Iwein,  4555  iL  s.  f.  den  Ausgang 
und  erinnert  oft  durch  Ton  und  Sprache  und  einzelne  Scenen  an  Hartmanns 
Gedicht.    Ja  manche  Verse   wiederholen  sich  fast  wörtlich  in  Fleiers  Er- 
zählung. Ich  führe  beispielshalber  nur  folgende  sm : 
Garel :  Iwein : 

D6  erniht  langer  woUe  und  do  ich  niene  wolde 

noch  heltben  aalte.  2007.  n^ch  helthen  eolde.  358. 

Wie  da  gesanc  gesange  galt,  2149.     swie  da  eanc  ea/nge  galt.  620. 

Arthua  het  ein  hochztt  ein  ah6  schoene  hochzit, 

daa  er  vordea  noch  att  daz  er  vordea  noch  att 

nie  kein  achoener  gewan.  Bl.  1  \  deheine  achoener  nie  gewa/n.  35  flf. 

d6  hat  er  vräveltche  dg  hat  er  ala  ein  vrävel  man 

der  riter  ellenariche  daz  er  mUeae  viieren  dan 

den  künic  um  die  künigin,  atn  wip  die  bitneginne.  4585. 
daz  er  die  miieae  vüeren  hin.  Bl.  V. 

die  ai  vüeren  aähen,  die  at  dd  viieren  adhen. 

die  hegunden  alle  gähen "  dd  wart  michel  gdheni 

nach  dem  riter  {rf  die  vcurt,  ez  rief  dirre  und  rief  der : 

daz  in  ahneiatic  wart.  (?)  Bl.  1  \        'hamaach  unde  roa  hen^ : 

und  awer  ie  gereit  wart, 
der  jagte  nach  üf  die  vart  4623  flf. 

Derartige  ähnliche  Stellen,  die  wie  Reminiscenzen  klingen,  findet  man 
in  großer  Anzahl. 

Nebst  Iwein  kannte  der  Fleier  auch  Gottfrieds  Tristan.  Dies  bezeugt  fol- 
gende, bei  den  Haaren  herbeigezogene  Stelle,  die  dem  Herzog  GilÄn  in  den 
Mund  gelegt  ist : 

zeinen  zUen  mich  her  Triatan  Bl.  19\ 
von  grozem  kumber  loate. 


Ober  gabel  vom  blühbnden  thal.  fi 

der  kam  mir  auch  ze  irdHe, 

ufon  er  mir  einen  rüen  sluoc, 

der  tet  mir  leides  gevMoe 

mit  raube  und  mit  brande 

dd  heim  in  minem  lande. 

den  eluag  er  durch  den  willen  min, 

ich  gah  im  ein  hundelin^ 

daz  was  PefStcriü  *)  genant, 

daz  mir  durch  mirme  het  geeant 

ein  rtchiu  gatinne 

mit  UsUelichem  sinne. 

ein  zünel  was  gehangen  dran, 

den  dS  erharte  dehein  man, 

swie  truric  sSn  herze  wcere, 

ez  bencmne  im  eine  swcere : 

swerme  er  den  klanc  erhörte, 

sin  trwren  sich  zerstörte 

und  gewan  ze  vreuden  guaten  muat. 

dtn  trSst  mir  verre  scmfter  tuet, 

den  ich  van  dir  vemamen  hdn. 

Man  vergleiche  damit  Tristan  H.  15794—16287.  <■ 

An  Zatzikhovens  Lanzelet  wurde  ich  erinnert  durch  das  so  oft  vorkom- 
mende breite  heide ,  das  zwar  auch  in  andern  Gedichten ,  doch  nicht  in  so 
stehender  Weise  sich  findet. —  An  Zatzikhoven  undWimt  gemahnt  auch  das 
häufige  Verweisen  auf  die  Quelle.  Nicht  leicht  weist  ein  Dichter  so  oft,  ja 
in  ermüdender  Weise,  auf  dieselbe  hin,  wie  Pleier.  Ich  führe  aus  Garel  nur 
einige  Beispiele  an: 

als  mir  diu  dventiure  giht^)  Bl.  1*,  2\  41*,  63*,  6*I\  88*,  92*, 

106\ 
als  mir  diu  ävenUure  sagt  Bl.  7',  11',  72^  85%  110\ 
nach  der  Oventiure  sage  •)  Bl.  15*,  111*,  116*,  24*,  56*,  84*,  165% 

166-. 
als  mir  diu  ävenUure  seit  Bl.  27',  58*,  70*,  88*,  97*,  127\ 
als  mir  diu  äventiure  ja>ch  Bl.  38%  57',  145*. 
als  uns  diu  dvenHure  seit^)  Bl.  73*,  102*,  113*,  169*. 
diu  dvenJtiure  uns  wizzen  Idt  Bl.  87*,  131  *. 
ich  hört  die  dventiure  sagen  Bl.  126*. 


*)  bitffriur  Hs. 

*)  als  uns  diu  dventiure  giht  Wimt  178,  232. 

^  Lanz«]et  1894. 

•)  Wirat203,26e,26. 


2S  I.  V.  ZIN6ERLE 

als  mir  diu  dventmre  mvuor  BL  72  *. 

diu  dventiure  mir  daz  niht  sumOr  Bl.  42*. 

mich  enkabe  diu  dventiure  betrogen  B1.38*. 
Wichtiger  ist  der  schon  früher  angeführte  Vers : 

als  ich  an  der  dventiure  las  Bl.  53*, 
weil  daraus  die  Lesekonst  des  Dichters  erhellt.  Neben  diesen  Berofangen  auf 
die  Aventiure  finden  sich  zahlreich  die  Formen : 

als  ich  daz  nuBre  hdn  vemamen   Bl.  6*,  41*,  49*,  48*  u.  *,  62*, 
66*,  81*,  92«,  107*,  108%  110%  112*,  123*. 

als  mir  daz  masre  ist  worden  kunt  Bl.  63%  81  *. 

so  daz  moßre  giht  Bl.  44*. 

als  ich  daz  masre  verrumten  hdn  35*,  40*,  86%  102*. 

als  uns  ditze  masre  seit  158*. 

s6  wart  mir  gesagt  7*  u.  *,  35%  54*. 

s6  m^tm  saget  7%  58%  104 '. 

als  ich  hdn  vernommen  24  \ 

sus  hdn  ich  vernommen  39*,  115*,  167*. 

ich  sag  iu  als  ich  hdn  vemamen  *)  74*,  84*,  112%  166*. 

sus  h$rte  ich  sagen  99*. 

von  im  wart  mir  niht  m^  geseit  169  *. 
Die  Quelle,  auf  die  sich  der  Pleier  so  oft  beruft,  war  zweifelsohne  ein  wäl- 
sches  Buch.  Denn  Garel  ist  ein  Artusroman,  der  den  übrigen  Werken  dieser 
Art  gleichsieht,  wie  ein  Ei  dem  andern.  Garel  zieht  aus,  um  den  Riesen 
Karabin  zu  verfolgen,  und  besteht  nun  ein  Abenteuer  nach  dem  Andern, 
bis  der  Sieg  über  den  König  Ekunaver  die  lose  Kette  seiner  Heldenthaten 
ruhmvoll  schliefit.  Riesen  und  Zwerge,  Meerungethüme  und  ellenthafte 
Recken  werden  vom  blühenden  Ritter  besiegt.  Die  im  Garel  vorkommenden 
Personen  sind  großentheils  aus  andern  Artusromanen  mehr  oder  weniger 
bekannt,  und  tragen  der  Mehrzahl  nach  wälsche  Namen,  z.  B.  Eskilaban, 
Oandtn,  Oamuret,  Oaloes,  Cflarine,  Claris  ^  Duzabel^  Lanzilet,  Gloutite, 
CHlan,  Oawan  u.  s.  w.  Die  wenigen  deutschen  Namen:  Albeurtn,  Helferich^ 
Bupreht,  Robert,  Fidegarte  (ähnlich  der  Vodelgarte  im  Eckenliede),  öer- 
hart  kommen  nur  selten  vor  und  können  Zathat  des  Dichters  sein.  Über- 
haupt scheint  der  Pleier  sich  nicht  strenge  an  die  Vorlage  gehalten,  sondern 
manches  aus  ihm  bekannten  Sagen  und  Dichtungen  hinzugefügt  zu  haben. 
So  dünken  mich  die  Züge  von  den  Zwergen  und  den  wilden  Fräulein  von 
deutschem  Grund  und  Boden  zu  stammen.  Ich  glaube,  daß  an  den  Stellen» 
wo  er  gewandt  und  mit  Behagen  erzählt,  er  sich  nicht  streng  an  die 
Aventiure  halte  und  sich  freier  bewege.    Gerade  die  so  oftmalige ,  beinahe 


i)  Unzelet  6^. 


ÜBER  GAREL  VOM  BLÜffEKDEN  THAL.  (JS9 

ängstliclie  Yersichernng ,  daft  er  Gehörte«  treu  wieder  gebe,   könnte  auf 
andere  Handlungsweise  schliefien  lassen. 

Die  mit  großem  Fleiße  ausgeführten  Bilder  deutschen  Lebens  und  deut- 
scher Sitte  sind  zweifelsohne  Eigenthum  des  Dichters,  während  die  plumpe 
Darstellung  vieler  blutigen  Abenteuer  treuere  Wiedergabe  des  Originals  sein 
möchte.  Merkwürdig  ist  die  auf^erordentliche  Seltenheit  von  Reflexionen. 
Wenige  mittelalterliche  Dichter  verstanden  darin  so  Maß  zu  halten,  wie 
der  Pleier.  Ich  führe  einige  der  wenigen  reflectierenden  Stellen  beispiels- 
halber  an  : 

ez  tuot  vil  w4^  des  dutiket  mich^ 

swer  ffrSzer  ^en  ist  gewon^ 

daz  mau  in  scheide  da  von 

und  in  dar  nach  swache  hdty 

ich  wcBne,  dem  schäme  vil  nähen  gdt 
oder :  swer  ie  rehte  was  gemttot 

der  ist  dem  biderben  maimie  holt  Bl.  40*. 

oiteh  kund  er  sich  des  wol  bewam  Bl.  85  *, 

da^  ieman  sprceche :  er  spart  daz  guot 

mit  ergcy  als  nu  vil  maniger  tuot^ 

dem  guot  so  nähe  ze  herzen  gdt, 

da^z  er  ez  michels  lieber  hat 

dcmne  iht  üf  der  erde, 

doch  geltt  in  swachem  werde 

sin  lip,  swie  lieb  im  ist  daz  guot 

swer  mit  grSzem  guote  tuot 

nieman  deheine  Sre, 

dem  wirt  sin  doch  niht  mSre 

niwan  ein  tuoch  für  stne  schäm,, 

künigen  vrowen  geschiht  alsam, 

wir  müezen  alle  sterben : 

wol  im  der  so  kan  werben, 

dOjZ  er  mit  dem  guote  hie  begät, 

da^z  dort  diu  sSle  ruowe  hat. 

swer  hie  daz  guot  s6  minnet, 

daz  diu  s^le  dar  umbe  brinnet, 

der  hdt  niht  rehte  gevam, 

dd  vor  mileze  got  bewam 

die  stnen  oMe  geliche ! 

swelch  man  ist  guotes  riche 

der  mac  hie  4re  erwerben  wol, 

mit  guote  man  verdienen  «oZ  Bl.  65  * 

werUlich  ^e  und  gotes  hulde 


so  !.  V.  2lKdfiftL£ 

äaz  ist  alles  ffuotes  überfftdde, 
dd  gedenken  an  die  riehen 
und  wizzen  sickerltchen, 
ewelch  herre  guot  ze  s&re 
mimkjet^  daz  st  im^e.  ^) 
er  sol  o%Ach  sS  gur  niht  hm  gehen, 
er  sol  in  rekter  mdze  leben, 
daz  er  wol  herre  wiige  gesin, 
und  habe  daz  üf  die  trixve  min 
daz  Wirt  im/rum  und  ire, 
Gärel  der  gar  hSre 
künde  wol  bedenken  daz, 
stn  herze  fügende  nie  vergaz. 
er  hmde  h^Uchen  geben 
und  wol  nach  hümiges  rehte  leben, 
'Swaz  er  gespra>ch,  daz  was  eit 

Ganz  weicht  vom  gewöhnlichen  Tone  der  Erzählung  folgende  Stelle  ab: 

EskilahSn  der  degen  klär 

werte  wol  stne  bluomen  liehi, 

ich  het  ir  da  gebrochen  nieht, 

WiXT  ich  gewesen  als  ich  na  bin : 

ich  haste  gehabet  wol  den  sin, 

dojs  ich  stner  bluomen  het  vermiten, 

ich  wcere  in  den  walt  geriten 

und  haste  ir  dd  gebrochen  vil, 

für  wdr  ich  iu  da^z  sagen  wil, 

ich  hßte  im  sine  bluomen  Idn, 

^  ich  in  mit  strite  hcßte  bestdn, 

als  Odrel  von  dem  JBlüenden  tal, 

der  het  doch  maniger  bluomen  wol 

uf  dem  velde  amderswd.  Bl.  28*. 
Der  Dichter  versteht,  wo  er  sich  freier  bewegt ,  geläutig  zu  erzählen. 
Als  Verstoß  fiel  mir  nur  das  öftere  Vorkommen  des  Wortes  verkam  nach- 
einander auf.  Der  Dichter  braucht  es  Bl.  167'  und  wird  dann  einige  Seiten 
lang  nicht  müde,  es  zu  wiederholen.  Von  außergewöhnlichen  Spracheigen- 
heiten und  Reimen  konnte  ich  bei  der  mir  so  kurz  gestatteten  Benützung  der 
Handschrift  nichts  entdecken. 

Zum  Schluße  lasse  ich  einige  Stellen  folgen ,  die  theils  des  Inhaltes, 
theils  der  Darstellung  wegen  Beachtung  verdienen  und  das  in  der  Schrift : 
„Runkelstein  und  seine  Fresken^  Mitgetheiite  ergänzen  mögen.    Die  Reihe 

^  dag  Hn  unir  Hs. 


Ober  GAfi£L  VOM  BLÜinSNBEK  tflAL  81 

dieser  Stücke  mag  eine  Steile  eröffiien,  die  nach  meinem  Daftürhalten  mit 
den  früher  mitgetheilten  Versen  aus  Parzival  (583,  8  ff.)  in  Beziehung 
steht. 

EnmiUen  im  fürt  st4t  ein  lewe, 
'  der  pifU  ufti  mit  itner  klewe, 

dem  stehet  xe  aUer  stunde 

ein  ballier  in  dem  miunde 

und  ist  üz  ere  gegozzen  dar 

mit  lietj  des  suU  ir  nemen  war. 

swen  des  gekoste  und  des  gesimt^ 

dcLz  er  die  bamer  nimi 

dem  lewen  uz  dem  munde, 

s6  kumt  im  an  der  stunde 

üz  dem  halse  ein  solieh  dSz^ 

daz  ist  s6  miehel  und  s6  gr6z  Bl.  109\ 

daz  manz  hoeret  vaste  breit 

herre,  daz  si  iu  geseit: 

swer  ddbt  ist  ndken^ 

der  muoz  vil  balde  gähen 

dan  od  er  hat  den  Kp  verlorn 

von  dem  döz  (der)  degen  üzerkom. 

Über  Gareis  Abknnfb  gibt  nns  das  Gedicht  folgende  Aufschlüsse : 
M^n  ene  der  was  genennet 
von  Anschotve  der  hünig  GandSn^ 
ich  nenne  dir  zw^ne  der  oeheim  tnün. 
Odmuret  *)  der  werde  man 
der  was  m£n  oeheim  sunder  fJttän 
und  Galoes  der  bruoder  sin, 
der  was  auch  der  oeheim  min, 
Artus  der  vcUsehes  laz 
und  Oäwän,  der  tagende  nie  vergaz, 
die  sint  mir  mdgen  beide, 
für  war  ich  dir  be^cheide, 
s6  ist  der  werde  Parcivai 
der  ist  herre  überai, 
mtnes  oeheimes  hint, 
mtn  geslaht  was  ie  gein  valsche  UinL 
ich  bin  gebom  von  Stire  *) 
m£n  muoter  kiez  LamAre, 
von  Ansehowe  Qandin 

')  Gahmert  Hs.  —  *)  Skiger :  lamgtt  Bi. 


32  I.V.ZINGERLE 

Mez  n  ze  Stire  frowe  stn. 

m£n  vaier  heizet  Meleranz, 

des  prts  mit  werdicheit  ist  ganz^ 

dem  dienet  Stire  daz  lant, 

sS  bin  ich  Qdrel  genant  BL  32  *. 

YoD  seinem  Prädic^te  theilt  Garel  selbst  Folgendes  mit : 
Ein  insel  in  dem  mere  Ut 
wfkd  ein  hure  wmfndzen  wU, 
diu  ist  zem  Blüenden  ')  tal  genant 
M  dem  namen  wil  ich  sin  bekani, 
die  ISch  mir  der  kümc  hSr, 
wol  tüsent  mark  oder  m^ 
gilt  si  zemjdre  oder  baz. 
daz  tet  der  künic  umbe  daz, 
daz  mir  min  lant  ist  verre. 
ndn  mdg  und  auch  m£n  herre 
hiez  mich  daz  ich  nwm^e  darahe 
swes  ich  bedorfte  cm  vamder  habe, 
wem  mir  min  guot  niht  m4ic  gefrwmen 
noch  von  St^re  in  Britcurge  kamen, 
wan  n^n  laM  ist  verre. 
daz  bedähte  an  mir  min  herre. 
von  Britanje  bin  ich  her  geriten  BL  33  \ 

Folgendes  Bruchstück  schildert  Gareis  Fahrt  zu  Eskilabons  Gartea : 
Stbs  riten  si  mit  vreuden  gar 
durch  vmlt  unde  heide.  *) 
in  lichter  ougenweide 
lie  sich  der  meie  schouwen. 
in  walt  und  in  den  ouwen 
diu  kleinen  vogeUn  sungen, 
üf  dem  anger  drungen 
die  lichten  bluom^n  durch  daz  gras, 
der  meie  in  höher  wirde  was 
nach  des  unnters  grise  körnen, 
den  kleinen  vogelin  was  benomen 
mit  vreuden  al  ir  swasre, 
diu  zU  was  vreuden  beere, 
sus  riten  si  dö  beide 
mit  vreuden  Über  die  heide 
von  der  wilde  hin  ze  tal. 


^)  zu  dem  bk$cm0n'ß».  —   ')  durch  dm  waU  ein  heid$  0s. 


ÜBER  ÖAREL  VOM  BLÜHENDEN  THAL.  33 

dS  hSrten  si  die  nahJtigal 

den  meien  schöne  grüezen 

mit  ir  gescmge  süezen. 

diu  zU  was  sileze  unde  guot, 

die  ritter  wären  hSchffemuot, 

in  beiden  was  ze  prtse  gäch, 

nu  volfften  si  der  strOze  nach 

von  dem  walde  iU>er  den  plan, 

nu  sähen  si  dort  vor  in  stän 

JSdamunt  die  geMrtey 

diu  was  mit  tilmen  geArte 

und  mit  einem  palas  rtchen 

gemiäret  meisterliehen,  BL26*. 

diu  venster  wU  unde  hSch. 

der  tac  gein  mittem  morgen  zSoh, 

diu  burc  was  wol  erbouwen, 

Oärel  hegunde  schouwen^ 

in  sifiem  herzen  er  des  jach, 

daz  er  nie  schoener  hure  gesaoh 

weder  vordes  noch  *ft. 

si  was  veste  unde  wtt, 

ein  schefrtBtez  wazzerdä  vür  vlöz, 

daz  was  ze  guoter  mdze  gr6z. 

disehaibe  ein  anger  lao, 

dar  üfe  man  vil  strites  pßac, 

Oärel  sa^h  den  garten  stän 

vor  im  üf  dem  grüenen  plan, 

den  umbe  vie  ein  mwre  hoch, 

dar  inne  man  vil  bhjuymen  zSch, 

die  nieman  brechen  soUe^ 

wan  der  da  striten  wolte. 

in  dem  garten  stuont  diu  linde  breit, 

da  von  im  Oilan  häte  geseit, 

dar  under  stuont  der  sparwcere 

der  dd  brähte  daz  mxjtre 

üf  des  Wirtes  palas, 

s6  der  kränz  gebrochen  wcls, 

der  wurzgarten  was  wol  behuot 

da  bt  stuont  ein  knappe  guot, 

den  het  der  wirt  geschaffet  dar, 

daz  er  nam  des  garten  war 

hidiu  naht  unde  tac 


34  I*  V.  2IKOEBLE 

und  auch  des  sparwares  pßac. 

der  garten  was  wol  bespart  Bl.  26^. 

und  die  bluomen  wol  bewoH. 

der  knappe  des  garten  slüzzel  truoc^ 

der  was  s6  hövesch  und  s6  kluoCj 

daz  er  die  bluomen  und  daz  gras  . 

von  unkrüte  gar  erlas» 
Mehr  als  in  andern  Gedichten  von  der  Tafelrande  treten  die  Zwerge 
hervor.  Beinahe  all  die  Züge,  die  in  der  deutschen  Zwergensage  vorkommen, 
werden  hier  von  Albewin  und  seinen  Gefährten  berichtet.  Im  Walde  wohnt 
der  klage,  reiche  Zwergenkönig,  der  schön  and  höflich  ist  and  grofte  Künste 
besitzt.  Gefeite  Schwerter  and  Zauberringe  hat  und  verfertigt  er.  Ich 
theile  hier  einige  darauf  bezügliche  Brachstücke  mit.  Nachdem  der  Biese 
erschlagen  war,  zerstören  die  Zwerge  dessen  Barg. 

si  vuaren  hinz  der  kluse. 

von  des  risen  k&se 

vuorten  diu  getwerc  ze  hant 

einen  grSzen  hart,  den  man  da  vani^ 

den  het  der  starke  PureMn  B].ö6^ 

sicherltchen  äne  wdn 

lange  ze.samene  geleit, 

dS  si  die  grSzen  rteheit 

brähten  iiz  dem  hüae, 

do  verbranten  si  die  kMse^ 

daz  gem^vre  si  zebrdchen, 

ir  zom  si  wol  rächen 

und  swa^z  in  ze  leit  het  getan 

daz  übel  tvfp  imde  ir  man. 

diu  swert  und  ouch  das  isengwant^ 

daa  man  noch  bt  den  tSten  vant, 

da^  ndm^n  ouch  diu  getwerc 

und  brähten  ez  in  ir  berc. 

dar  üz  worhten  sit  diu  getwerc 

zwo  hosen  und  einen  haisberCy  0 

den  dehein  swert  versneit, 

Oäreln  dem  ritter  gemeit 

und  einen  heim  vesten 

den  schoensten  und  den  besten^ 

den  ie  mxin  dif  sin  houbet  gebani. 

des  was  wol  wert  der  wigant^ 

Odrelf  dem  ez  wart  geddhU 

^)  ha/meieh  Ht. 


Ober  garel  vom  blühenden  thal.  SS 

«ft  wart  ez  im  ze  päbe  brdht 

von  Albeuj^n  dem  werden  man. 

Jue  8uln  wir  diz  moere  lAn. 
Die  Zwerge  sind  im  Besitze  von  Tarokäpplein : 

Nu  kom  in  die  burc  dwr 

zuo  dem  werden  degen  klär 

selbe  vierde  der  künie  Albewtn. 

die  truogen  tamkäppeUn,  *) 

dar  inne  sie  meman  sack  BI.  63  \ 
und  dö  kam  der  wMge  man 

für  stn  {OdreU)  bette  gegän, 

die  tamkappen ')  er  ahe  zieh  63*. 
und  später  stn  tamkappen  leit  er  an^ 

nieman  sack  den  kleinen  mm.  63". 

ez  ist  umb  mich  als6  gewcmt, 

swd  ich  wil  varen  in  diu  tant^ 

daz  ist  schiere  getan, 

s6  ich  mSn  tamkappen  hän.  BI.  67'. 

Alhewtn  der  kleine  man, 

der  leit  sfn  tamkappen  an, 

dS  sach  an  Gdrel  niM  mir.  BI.  67'. 

daa  getwere  Albewtn 

zach  ah  die  tamkappen  sin, 

daz  in  min  her  Gärel  sa^h.  BL70". 
Wie  in  unzählichen  alten.  Sagen,  sind  auch  hier  die  Zwerge  des  Waffen- 
schmiedens  wohl  kundig.    Der  König  Albewin  spricht,  nachdem  das  Meer- 
angethüm  Walganns  ')  erlegt  ist : 

diu  AiU  sol  niht  hie  bestdn, 

diu  ist  harte  veste, 

ein  kursU  daz  hesie 

wil  ich  dar  Üz  machen 

mit  lisUcUehen  eaehen 

und  einen  heim  und  einen  schilt, 

daz  wizzet,  werdet  degen  miU, 

daz  nieman  ma>e  versr^den 

und  eüiu  wdffen  mUezenmtden 

dise  hüt,  diu  ie  wurden  gesmit, 

daz  erziuffe  ich  wol  dd  mit, 

daz  ir  daz  swert  niht  ersneit  Bi. 67'. 


*)  t€tmehnäppel  Hs.  —    *)  tameknappen  Hs. 

')   WlffOMui  Hs.    Das  Ungethüm  mahnt  an  den  Wnnn  Pfstän  in  Wigalois.  —  Walga- 
t  h«i0t  b6i  Gottfried  Tön  Monmoath  Gawan :  San-lCarte  Arthnxsage  S.  161.  .    ^ 

8* 


86  I-  V.  ZmCEBLE 

Daft  des  Zwergenkönigs  That  hinter  seinen  Worten  nicht  zarfickblieb, 
bezeugt  folgende  Stelle : 

Innen  des^  do  ei  dzen, 
dS  leimen  geriten  iiber  velt 
vür  des  körn  ff  es  gezelt 
zwei/  geiwerc  h&lichf 
ir  aUer  kUider  wären  rtch, 
tr  phärit  sohoene  und  guat  genuoc. 
ein  starker  soumwr  mdt  in  truoc 
ein  hamasch,  daz  si  brdhten  dar 
schoene  unde  wol  gevwr. 
diu  geiwerc  vrdgten  nuS&re^ 
wd  der  kütnc  wcsre, 
man  seite  in,  daz  der  käme  was 
mit  Mchztten  df  dem  gras, 
diu  getwerc  gein  dem  ringe  riten. 
man  enpße  si  dd  mit  schoenen  siten, 
si  erbeizten  fdder  üf  daz  gras, 
swas  Volkes  an  dem  ringe  was, 
diu  schauten  diu  getwergeUn^ 
der  kleider  gäben  lichten  schin, 
diu  wären  spwhelich  gesmten. 
do  si  cm  den  rine  körnten  geriten, 
ir  scumoBT  enluaden  si  ze  haut, 
si  wären  niema/n  da  bekant. 
'  '  dctr  ab  nämen  diu  getwerc 

zwo  hosen  und  einen  haisbero, 
den  schoensteny  den  ie  man  gesachj 
und  auch  den  besten,  des  man  jach,  BL  82**. 
und  einen  schilt  und  ein  curstt 
und  einen  hehn  äne  strtt, 
den  besten,  den  ie  mam  gebant  *) 
'^f  sin  houbet  mit  stner  hant 
diu  vier  winige  man 
truogen  für  den  käme  dan 
disiu  prisewt  riche 
vil  gezogefdiche, 

als  schdere,  als  si  der  kiinec  sack, 
er  lachte  vroelich  unde  sprach: 
*got  willekomen,  Albewtn, 
und  auch  die  gesellen  din, 
*)  bekant  Hs. 


ÜBER  GAREL  VOM  BLÜHENDEN  THAL.  $7 

die  8uln  mir  we9&n  mlUhomen, 

ich  Koste  oueh  geriM  vemomen, 

wdz  iuwer  geverte  meinet 

Albewtn  der  kleine 

sprach :  'gnäde,  lieber  herre  min, 

ich  hdn  die  hSchzit  din 

und  ouch  dich  seihen  gerne  gesehen. 

swaz  iu  ^en  m^ic  geschehen, 

des  bin  ich  von  herzen  vrS* 

des  dankte  int  der  kikue  d6 

mit  triuwen  minnicUche, 

Albewtn  der  riche 

hiez  den  hamasch  tragen  dar. 

schoene  imde  lieht  gevar 

was  daz  h^rUche  werc. 

Mbewin  daz  getwerc 

sprach :  'vil  lieber  herre  min,  Bl.  82  *• 

diser  hamasch  sol  wesen  din, 

den  hdn  ich  dir  ze  stiure  brdkt, 

ich  weiz  wol,  daz  dir  ist  geddht, 

daz  du  in  kurzen  ziten 

wild  einen  stürm  striten, 

dd  nrnoz  dir  got  den  Itp  bewam 

und  Idz  dich  soßUcUche  gevcum. 

ich  sage  dir,  lieber  herre,  daz 

me  ritter  warf  gewdpent  baz 

darme  du,  swenn  du  dich  an  geleist 

und  disen  hehn  üf  dim  houbet  freist 

und  den  schilt  vor  diner  hant: 

nu  wizze,  küener  uftganf, 

s6  mac  dich  mht  versniden, 

aUiu  wdfen  milezen  miden 

disen  hamasch,  diu  ie  wurden  gesmit: 

ich  hdn  dir  wol  den  Up  gevrit 

vor  spers  suchen  und  swertes  siegen. 

daz  wizze,  üz  erweiter  degen, 

dir  kan  nu  nieman  schade  sin  : 

s6  sprach  der  kümo  Mbewtn. 

des  gendt  im  vltzidtche 

Cfärel,  der  künic  riche 

wart  der  gäbe  hofie  vr6. 

den  hamasch  scluyaweten  alle  d6. 


3g  I.  y.  ZINGEBLE 


die  hosen  und  der  hahhere  \ 

was  daz  cdlersohoenste  wre, 

daz  ie  ouge  ane  each.  *) 

dem  heim  %md  dem  schilt  manjüch  B1.82'. 

und  auch  dar  zUlo  dem  cursU, 

si  wceren  gar  dn  äilen  stiHt 

schoeme  %mde  veete 

in  allen  wts  daz  beste, 

daz  ie  dehein  inan  an  gelit ') 

wedei'  ze  enpe  noch  ze  wit 

was  der  heim  rtche 

gem^achet  listicUche 

üz  stdl  von  AräMd, 

üzer  haU>  wa^  er  Ud  *) 

diu  varwe  diu  gab  liehten  sohtn, 

mit  einer  Mute  weiUn^) 

was  er  bezogen  schöne, 

um  den  heim  lag  ein  kröne, 

die  ziertfi  manic  edel  siein. 

die  vische  hut  rnohte  kein 

wdfen  wol  gewimien. 

mit  lisUclichen  sinnen 

was  der  heim  da  mit  bezogen. 

der  kvmc  was  des  U7d>etrogen : 

der  heim  was  veste  wnde  guot, 

des  wart  gehoehet  im  der  muot 

ouch  was  dem  helde  unervorht 

uz  der  Mute  ein  cutrstt  geworlU 

mit  vil  grSzer  spasheit. 

mit  listen  was  dar  in  geleit 

smwragde  und  manic  edel  stein. 

daz  hdr  von  der  Mute  schein 

vü  bläwer  danne  ldz4r  gar,  Bi.83'. 

rote  meiteßwer  vor       ^ 

reht  alsam  die  sterne, 

m>an  mohte  ez  sehen  gerne. 

diu  varwe  gab  s6  liektez  brehen, 

si  m^hte  niemmi  an  gesehen 

mit  ougen  keine  Icmge  vrist. 


*)  über  ioeh  Ha.   —  *)  kein  man  an  tieh  geleit  Hä.  —  ')  a9$0r  lab  Hs.  —  *)  vgl.  Wi- 
galois  25,  25.  von  einer  Mute  \i$chfn^  der  hdr  da»  wae  weiHn. 


Ober  gabel  vom  blühenden  thal.         39 

w<m  der  getwerge  epcsher  list^ 
86  vmre  «  immer  dd  vor  vri, 
daz  kein  emit  eö  hümsüich  et, 
der  die  liste  filnde, 
der  dar  lie  iht  künde 
gemachen  von  ir  herte,  *) 
wan  ei  sich  des  erwerte, 
daz  si  dehein  wäffen  sneit 
ze  rehte  lanc,  ze  rehte  breit 
was  ein  schilt  dar  üz  gewarht 
Odreln  dem  degen  unervorht, 
mit  der  Mute  bezogen, 
mich  enhabe  diu  äventiure  betrogen, 
der  was  harte  rtche, 
dar  üf  vil  meisterliche, 
guldtn  Spangen  wären  geslagen 
dl  umbe  den  rant,  hörte  ich  sagen,  *) 
die  zierte  manic  edel  stein, 
emnitten  ii/  dem  schilte  schein 
ein  pantel,  daz  was  sn£  wiz^ 
dar  an  la>c  vil  grözer  vltz. 
dar  ob  ein  buckel  guldtn 
von  Ardbe,  diu  güh  schin  Bl.  83*. 
von  roete  als  ein  grSziu  gluot 
des  nahtes  Hz  der  vinster  tuot 
des  schiltes  und  der  wdppen  kleit 
der  was  der  werde  kiinic  gemmU 
er  moht  ouch  stn  von  schulden  vr6, 
wem  in  keinem  riche  d6 
man  nindert  bezzer.  hamasch  vant, 
des  jähen  die  ritter  aUe  sa/nt 
und  swer  den  guoten  hamasch  sach. 
ich  wcme  der  oüch  des  selben  jach, 
er  geswhe  nie  wäppenkleit  s6  rieh 
und  ander  guot  dem  gelieh. 
Oärel  €un  der  selben  stai 
den  hamasch  schöne  behalten  bat 
und  dankte  AU^ewine ') 
dem  lieben  vriunt  sine. 
An  die  alte  Mythe  von  Medusa  klingt  das  über  Walganus  Erzählte  an. 


"^  hauteBM,  —  *)  alumbe  a^  dmBM.  —  ^  A^eiheBM. 


40  I-  V.  ZINQERLE,  ÜBER  GABEL  YOM  BLÜHENDEN  THAL. 

Wer  das  Haupt  dieses  Unkunders  erblickte,  war  verlören.  Um  es  unschädlich 
zu  machen ,  lässt  es  Gäxel  auf  des  klugen  Zwergenkönigs  Rath  in  die  Tiefe 
des  Meeres  versenken : 

Der  mcmwsr  vuorte  daz  houbet  hin 

in  ein  vil  wildez  lernte 

daz  ist  noch  diu  Satellege  genant 

da  koment  ze  samen  geliche 

diu  vier  met  sicherltche^ 

daz  ist  noch  manigem  manne  hunt 

d6  warf  erz  houbet  an  den  grünt. 

dS  ez  was  an  den  grünt  komen,  *) 

ich  sage  iu,  als  ich  hän  vemomen, 

daz  mer  huob  sich  von  gründe  y 

wüeten  ez  begunde 

s6  s^rCy  daz  der  wise  man 

8in  leben  brähte  kume  dan, 

daz  ist  noch  manigem  man  erkanU 

ze  der  Wolfsatellege  genant 

ist  diu  stat,  dd  das  houbet  Itt 

daz  m£r  dd  wiletet  zaller  zit, 

dd  muoz  er  unz  an  suontac  geligen.  Bl.  74*. 

Eine  reiche  Ausbeute  gibt  Garel  für  Althumskunde.  Denn  mit  besonde- 
rer Vorliebe  schildert  der  Pleier  das  Leben  und  die  Sitten  der  damaligen 
Zeit,  es]wäre  demnach  gewiss  wünsch enswerth,  daß  dies  Gedicht,  das  sich 
mit  andern,  bereits  veröffentlichten .  Artusromanen  gar  wohl  messen  kann, 
endlich  herausgegeben  werde. 

Wir  schließen  diese  Skizze  mit  einer  Stelle,  die  der  Pleier  der  Königin 
Gloutite  in  den  Mund  legt  und  deren  Inhalt  in  den  Rittergedichten  des  Mit- 
telalters so  oft  wiederkehrt : 

Min  muot  stuont  niht  nach  minne, 
ich  gedäht  in  minem  sinne : 
minne  ist  ein  sendiu  nSt,  . 

von  minnen  ist  gelegen  tSt 
Tnin  swester  unde  manic  vdp. 
auch  hat  verlorn  stnen  Itp 
von  der  mimte  vil  m>amc  man. 
vil  o/te  ich  da^  vemomen  hän. 
ich  dähte,  ich  wil  der  mkme  kraft 
fliehen  und  ir  geselleschaft. 


*)  d^dojf  hintb^t  Ufas  Hä,  —  *)  iwmtag  Hs. 


FRANZ  STARK,  ÜBER  GERMANISCHE  PERSONENNAMEN.  4I 

8US  woUe  ich  mirme  mich  verwegen 
und  wolte  keines  kumbera  pflegen 
nach  liebe,  als  noch  vil  manic  wip 
queU  nach  herzeUeb  ir  Up. 

I.  V.  ZINGERLE. 


ÜBER  GERMMISCHE  PERSONEMAMEN. 


Der  altD.  Name  Sdmr  im  Über  originum  Islandiae  und  historia  HrafnkeUs 
Godi  (Saxo  ed.  Müller  S.  377  Note  2)  darf  wohl  ohne  Bedenken  durch  altn. 
*dmr  lupus ;  giga&  (eigentlich  ftiscus)  erklärt  werden.  Daß  Sambar  (Saxo  VIII. 
S.  377)  gleichfalls  dazu  gehöre,  scheint  Müller  a.  a.  0.  anzunehmen,  ob- 
gleich der  Vokal  in  «am-  nicht  als  lang  bezeichnet  ist.  Den  Auslaut  ftar 
bestätigen  JBwriy  Scumbar,  Orombar  (Saxo  VIII.  S.  378,  382,  383). 

Mehr  als  zweifelhaft  ist  es,  ob  in  gleicher  Weise  zu  erklären  seien  die 
ahd.  Namen 

Samo  a.  827  Neug.  n.  228, 

Samdrud  a.  821  Ried  n.  21  manc. 

JSamuuih  a.  812  Dronke  Corp.  trad.  Fuld.  n.  269  manc. 

Samuin  sec.  9.  Pol.  Rem,  22,  6;  44,  20. 

Sammdldis  sec.  8.  Pol.  Irra.  22  [A]. 

Samanolt  a.  838  Schann.  Corp.  tr.  F.  n.  434. 
da  sich  der  Stamm  sämi  in  den  in  der  nordischen  Sprache  üblichen  Be* 
deutungen  im  ahd.  nicht  nachweisen  lässt.  Auch  die  Sprache  der  Gothen, 
Angelsachsen,  Sachsen  und  Friesen  hat  das  Wort  nicht  gekannt  oder  früh 
verloren.  Es  muß  daher  für  den  Anlaut  der  genannten  Namen  ein  andreres 
Etymon  gesucht  werden. 

Förstemann  ist  S.  1070  nicht  abgeneigt  ahd.  samo  idem,  »qualis  her* 
beizuziehen  und  glaubt  für  diese  Annahme  eine  Stütze  zu  finden  in  den  mit 
ebcm  aequqs  zusammengesetzten  Namen.  Doch  abgesehen  davon ,  daß  die 
Bedeutung  dieser  beiden  »Stämme  zur  Namenbildung  wenig  geeignet  erscheint, 
wird  nicht  überflüssig  sein  zu  sehen,  in  welchen  Namen  das  Adj.  eban  be- 
gegnet.  Förstemann  nennt  S.  360 : 

Ebeno  a.  864  Schann.  Corp  tr.  Fuld.  n.  497  und 

Ebaxdeob  sec.  9.  Dronke,  Corp.  tr.  Fuld.  nr.  640  (mancip.). 
Auch   findet    sich   bei   Dronke   nr.  447    a.  824    JEIbanolt;    da    Schannat 
nr.  359  JEbaroU  liest,  so  wird  jene  Form  zweifelhaft    Auch  Ebeno  ist  nicht 
minder  auöicher,  denn  Dronke  nr.  587  hat  dafür  AeboenOt  das  wohl  =  Äbuin 


42  FBANZ  STARK 

zu  fassen  ist,  und  es  bleibt  nur  Eb€mleob  unangefochten.  Lassen  wir  aber  die 
Formen  £5^0,  JEbanleob  and  £&csno2^  als  richtig  gelten,  ihre  Erklärung  durch 
eban  aequus  ist  desshalb  nicht  gesichert,  auch  nicht  nothwendig.  Sollten  diese 
Namen  nicht  vielmehr  zu  einem  Stamme  eb,  2^  zu  stellen  sein,  deriaEbcmleob 
uad  Ebanolt,  erweitert  auftritt  ?  Ähnliche  Bildung  zeigen  Hagwaolf  a.  875 
Dronke  Trad.  etantiquit.  Fuld.  II.  c.  4.  5,  171,  Hddamih  a.  804  Dronke, 
Cod.  tr.  Fuld.  n.  219,  InganulfPol.  Irm.,  136,  21,  Madamdf  das.  276, 
35,  auch  SamamÜxnid  Samanolt;  mit  Ebeno  aber  smd  zu  vergleichen  die 
Formen  Ageno  Cod.  Lauresh.  ed.  Manh.  III.  n.  3800,  Ägeno  Pol.  Irm.  13, 
51 ,  Dagena  das.  120,  5,  Dadenu»  a.  828  das.  App.  s.  345  n.  9,  Hadena 
das.  26,  13,  ar^Z/mtw  a.  786  Schöpflm  Älsat.  dipl.  n.  62,  Hemmus  das.  n.75 
a.  810 ,  Eagenus  PoL  Irm.  69 ,  81 ;  206,  46.  Die  Annahme  eines  Stammes 
eban  für  germanische  Namen  ist  demnach  ganz  ungerechtfertigt,  und  es  wird 
aus  ihm  dem  Etymon  samo  sequalis  durchaus  keine  Stütze  erwachsen  kön- 
nen. Geeigneter  für  die  Erklärung  obiger  Namen  erscheint  das  von  Forste- 
mann  verschmähte  ahd.  sämo ,  falls ,  wie  bei  adal  genus  und  burf  partus«  *) 
eine  Erweiterung  der  Begriffe  semen,  origo  zu  prosapia,  nobilitas,  trotz  der 
fehlenden  Belege ,  angenommen  werden  darf.  Nicht  zu  übersehen  ist  gleich- 
£aUs,  wenn  es  auch  weiter  abliegt,  goth.  samjan  ä^cfxsi^v  gefallen,  sich  ge- 
fallig machen,  altn.  semja  pacem  facere,  moderare,  temperare,  sami  m.  pac- 
tum, fcedus.  Ein  der  Bedeutung  nach  analoges  Etymon  zeigen  die  mit  etiU  ^) 
componierten  Namen,  und  wenn  die  Hinweisung  auf  sie  dieser  Erklärung  eine 
Stütze  zu  bieten  vermag,  so  ist  sie  gewiss  haltbarer, 'als  die  von  eban.  Nicht 
unwichtig  in  diesem  Falle  ist  femer,  daß  im  Altnordischen  das  Appellativ 
sermngr  pacificator  (vgl.  altn.  sUUir  moderator,  poetisch  rex)  auch  als  Manns- 
name erscheint. 

Ob  nun  sdm  oder  sam  als  Stamm  anzusetzen  sei,  soll  noch  unentschie- 
den bleiben.  Für  ersteren  spricht  vielleicht,  daß  in  den  bis  jetzt  bekannten, 
hieher  gehörigen  Namen  der  Vokal  des  anlautenden  Stammes  keinen  Umlaut 
zeigt. 


Niemand,  der  mit  unserer  Lautlehre  auch  nur  halb  vertraut  ist,  ^rd  die 
Mannsnamen 

Brado  a.  615  Pardessu  I.  s.  211  n.  230, 

Sizimbradus  Pol.  Rem.  85,  29, 

Ermbradua  Pol.  Irm.  11,  33;  36,  32;  197,  7, 
und  die  Frauennamen 

*)  Vergl.  meine  Beiträge  zur  Kunde  germanischer  Personennamen ,  Sitzongsberichte  d. 
philos.-histor.  Ol.  der  kais.  Akademie  der  Wissenschaften.  XXIII.  Bd.  s.  666  fg. 

')  Veigl.  ahd.  $HlH<m  mitigan»  med^ri,  compriawe.  Beitrilge  a.  8.  w.  a.  a.  O.  ».672  %, 


ÜBER  GERMANISCHE  PERSONENNAMEN.  43 

JßLambrada  Pol.  Irm.  85,  32, 

Ermbrada  (Tochter  des  Ermbradus)  Pol.  Irm.  197,  7;  213,  46, 

Memhrada  Pol.  Rem.  46,  35, 
mit  den  ahd.  Eigennamen  Bruohbraht,  Drudpraht,  Erlapraht,  Folapraht, 
Hunpraht,  Bumpraht,  Swarmpraht,  Werpraht  zusammenstellen.  Nichts 
desto  weniger  könnte  geltend  gemacht  werden,  daß  der  bei  Moser,  Osnabr. 
Gesch.  n.  s.  73  n.  58  a.  1160,  unter  den  Ministerialen  der  osnabrtickischen 
Kirche  genannte  Wicbrad  s.  80  n.  61  Wiebert  geschrieben  wird,  und  daß 
vielleicht  auch  das  westfränkische  -brad  als  dialectische  Eigenheit  aufzu^ 
fassen  sei.  Dem  gegenüber  ist  die  Verschiedenheit  der  Urkunden  nach  Zeit 
and  Ort  zu  berücksichtigen  und  nicht  zu  übersehen,  daß  die  beiden  Typtychen, 
denen  die  bezüglichen  Namen  zufallen,  und  auch  die  Urkunden  bei  Pardessus 
statt  des  ahd.  peraht,  praht  u.  s.  w.  an-  und  auslautend  stets  die  Formen 
pert,  bert,  häufig  auch  vert,  doch  dieses  nur  im  Auslaute,  nachweisen,  während 
in  den  Osnabr.  Urkunden  brath,  brat,  brad,  breth,  brecht  und  bert  neben  ein- 
ander stehen  und  durch  einander  laufen.  Man  vergleiche  GHstlbrath,  Hue^ 
braih,  Beginbrath  s.  19  n.  21  a.  1049,  Adelbreth  s.  26  n.  26  a.  1070,  AdaU 
brath  b.  45  n.  38  a.  1068—1088,  EilbraU,  Werenbraht,  Äthelbertas,  EngeU 
bertus  s.  69  n.  55  a.  1149,  Äthelbrat,  Eilbrat,  Lantbrat,  Botbrat,  Buti>rat 
S.71  n.56  a.1150,  Botbertus  n.  57  a.  1150,  Lambrecht  s.  60  n.  50  a.  1120, 
Lambrad  s.  73  n.  58  a.  1 160  u.  a. 

Aber  ist  denn  in  obigen  Namen  ein  Namen  brad  anzunehmen,  oder 
nicht  vielmehr  mit  Förstemann  Bardo  zu  lesen  statt  Brado,  in  den  übrigen 
Namen  jedoch  das  inlautende  b  als  euphonische  Einschaltung  und  radue^  rada 
als  auslautender  Stamm  zu  nehmen?  Auch  in  Ambla,  Amblard^  Amblulf^ 
Orimblandy  Orambricua  wird  von  dem  Verfasser  des  Althochdeutschen 
Namenbuches  s.  193  anorganisches  b  gesehen,  bestimmt  den  Zusammenstoß 
der  Liquiden  zu  verhindern,  und  Hilmptrud  und  Ahnpni  werden  als  ähn- 
liche Bildungen  angeschlossen. 

Ehe  nun  der  Versuch  gemacht  wird,  dieser  Ansicht  gegenüber  den 
Stamm  brad  sicher  zu  stellen,  sollen  die  zuletzt  genannten  Namen  vorerst 
genauer  besehen  und  geprüft  werden. 

Es  sei  mit  Ahnpni  Verbrüderungsbuch  v.  St.  Peter  43 ,  7  der  Anfang 
gemacht*)    Das  Verderbniss   dieses   Namens   ist   zweifellos,   die   sichere 

0  Das  Verbrüdeningsbach  enthftit  noch  mehrere,  schon  in  der  Handschrift  verderblt 
Namen ;  die  richtige  Form  einiger  herzustellen  mag  hier  yersucht  werden. 

wirminhiU  40,  21,  Ton  FOrstemann,  der  sich  vielleicht  durch  Wctrinentildü  Irm.  186 ,  58 
iire  leiten  lieft,  s.  1270  zu  WiMrihilt  gestellt,  ist  wahrscheinlicher  in  hirminhilt  zu  bessern. 
VgL  das.  hirminperht  S7,  9  hirminhart  58,  2  hirmintuind  76,  30. 

asohreo  40,  57,  Ton  Förstemann  s.  110  als  Äsoricho  aufgefasst,  möchte  ich  in  oiohroc 
Terbessem.  Vgl.  das.  wiwoh  43,  8  uuolfroc  22,  24  hrohinc  68,  6  hrohhart  54,  19  roaeh&ri 
96,  23  hraveholfdS,  16  roeeolf^l,  18  hrocholflh,  12  und  35. 

hütm  42,  9>  schwerlich  eine  Abkürzung  yon  hUtmuot,  ist,  wenn  mtümlich,  gleich  deu 


44  FRANZ  STARK 

Herstellung  der  rechten  Form  ist  bedingt  durch  das  Geschlecht  seines 
Trägers.  Als  Frauenname  ist  er  Alpni  zu  lesen,  wie  41,  6  und  9; 
104,  36;  106,  10,  als  Mannsname  Alpwd,  wie  66,  9  ein  Priester,  oder 
Almurd  statt  Änuduni,  wie  in  den  trad.  Wizeburg.  a.  740.  Man  ver- 
gleiche Almdbertm  a.  579  Pard.  n.  186,  Almeprcmd  (Langobarde)  sec.  9 
Pertz  III.  253,  3  (Hlud.  et  Hloth.  capit.),  Ahmrich  a.l083  Hontheim,  hist. 
Trevir.  I.  n.  286,  Almerich  a.  970  Lupus  II.  n.  296  und  Honth.  1.  n.  194  a.  975 
—  sodann  im  Yerbrüderungsbuch  adaluni  7,  19,  alhvni  52,  33,  astum  94, 
38,  perhtuni  33,  7,  hehmmi  88,  30.  Von  einem  euphonischen  Labial  kann 
in  Ahnpni  durchwegs  keine  Rede  sein.  Ebenso  wenig  bei  dem  Namen  Ambla 
Pol.  Rem.  60,  71,  wo  offenbar  eine  aus  dem  Stamme  amb  gebildete,  jedoch 
verkürzte  Diminutivform  vorliegt.  Das  Typt.  Rem.  weist  solche  Bildungen 
in  ziemlicher  Menge,  so  Aitlus  42,  4  AiÜa  60,  74  Dainla  51,  79  Gerla  64, 
8  Goala  50,  67  Hainda  55,  118  Hroikis  70,  28  Hrotla  35,  19  Wanla  50, 
74,*)  nicht  minder  das  typt.  Irm.  in  Aitlua  96,  147  AiÜa  9,  18;  77*  Dada 
261,  120  Dedla  139,  42  Herlus  229,  8  Äia92,  115  HisU  111,  278  Mer- 
lu8  142,  59  Serlua  134,  12  und  der  App.  Marc»  Hispan.  in  den  Manna- 
namen Danla  (presb.)  s.  899  n.  112  a.  972,  ErirOa  8.811  n.  41  a.  879, 
SwaU  und  Sparda  s.  801  n.  37  a.  878  iSpanila  s.*802  n.  87  a.  878;  s.  804 
n,  39  u.  s.  806  n.  40  a.  879)  Vsla  s.  824  n.  52  a.  890. 

Zu  dem  früher  genannten  Stamm  amb ,  der  in  nr.  3  meiner  Beiträge 
nachgewiesen  ist,  gehören  auch  Amblardus  (ep.  Lugdun.)  Pertz  X,  322,  3 
(Hugonis  chron.)  und  a.  933  Hist.  de  Langued.  IL  n.  66  und  Amblul/tta  sec.  9» 
Pertz  IX,  104,  32;  129',  18;  132,  36  (Chron.  Novalic.  und  app.),  Ampltd- 
fvs  das.  s.  J07,  44,  aber  auch -^imWmt««  (decanus)  a.  854  Pertz  III,  429,  43 
(Kar.  II.  capit.),  bei  Förstemann  s.  72  zu  AmdLimis  gestellt.  Wegen  4»>ftK- 
rms  sind  zu  vergleichen  im  Pol.  Rem.  Hrodelina  35,  19  Marcliima  43,  11 
Morlenus  22,  4  Norlinus  50,  71  Wandelina  34,  17  u.  v,  a. ;  in  den  l>eiden 
ersteren  Namen  ist  aber  nicht  6,  sondern  l  der  eingeschaltete  Buchstabe,  und 
letzeres  gehört  wahrscheinlich  zu  der  Erweiterung  des  anlautenden  Stammes 
mittelst   der   Silbe  -le  oder  «7,   deren  Vokal   abgefallen   ist   Belege    für 

Namen  cJ/pun  99,  ^pasim  66,  21  ferhttmZ^,  23,  hiltun,  wenn  weiblich,  hiltini  107,  13; 
160,  36  zu  lesen. 

numhari  83,  6,  welchen  Namen  Förstemann,  der  im  Anlaate  num  eine  Erweiterang 
des  Stammes  nor  sieht,  identisch  hält  mit  noriher  (mancip.)  Cod.  Laaresh.  (Ed.  Maoh.)  I. 
n.  809,  halte  ich  für  verderbt  ans  uwrmhari,  ygl.  das.  mvrmheri  42,  49;  90,  24,  und 
utwmhart  42,  23;  91,  33.  In  den  Namen  des  Verbrüderungsbuches  wechseln  an-  und  aus- 
lautend heri  und  hari.   Vgl.  umnidhari  l7,  6  uMlUhari  2(T,  4  uitdldhaH  89,  30  u.  ▼.  a. 

0  Nicht  ungewöhnlich  sind  dameben  die  yollen  Formen  ÄeUlo  51,  78  Ändela  48,  56; 
61,  15  Anelut  96,  17  An^Ua  64,  6  Avila  57,  127  JBadila^,  47  und  49  Bavilo  96 ,  20 
Bovila  50,  69  Dahüo  49,  62  Danla  51,  82  Dedela  73,  43  Dodilo  58»  Dodüa  46,  33;  54, 
110;  65,  14  jEdüa  78,  73  Euuila  4,  5  Oodila  86,  36  Hrodüa  9,  2X ;  49,  59  Ideh  60  11 
Odile  33,  7  Od4lu9  86,  36  EadUa  67  13. 


ÜBER  GERMANISCHE  PERSONENNAMEN.  46 

dieses  l  sind  kaum  nöthig,  doch  mögen  einige  Beispiele  hier  Platz  finden. 
Aus  dem  Polypt  Irm.  Airlildis  137,  30  Frotlildia  119,  3;  150,  109  Ghir- 
lildis  160,  110  Gauaildisl41,  87;  160  110  Waäul/US,  94;  149,  108 
Wiclelm  188,  72  WicUldis  146,  84,  dann  GartMf  a..  700  Pard.  H.  s.  257 
n.472,  libertns  (testaih.  Ermentradis),  Ohirhdfua  a.  780 — 810  Verbrüde- 
rungsbuch  115,  5  Otmdlold  a.  812  Neugart  n.  175. 

Was  noch  besonders  Ämhltdfus,  den  Namen  des  abbas  Novalicensis, 
betrifPt,  so  ist  zu  bemerken,  daß  dessen  reine  Form  Aimhulfua  in  der  vita 
Heldradi  c.  1,  4  acta  SS.  Martins  tom.  IL  s.  333  e  f.  enthalten  ist. 

Wenden  "wir  uns  nun  zu  dem  Namen  Ghromhricus  Polypt.  Irm.  209,  8, 
Pörstemann  stellt  ihn  8.562  zu  „ahd.^^m  viridis,  vielleicht  in  einer  älteren 
Bedeutung  blühend,"  und  setzt  als  seine  eigentliche  Form  Orönricus  an, 
übersieht  aber,  daß  er,  um  das  eingeschaltete  h  halbwegs  rechtfertigen  zu 
können,  ^r&t  Or6mricu8  muß  entstehen  lassen,  wozu  durchaus  kein  Grund 
vorhanden  ist ,  wie  die  Namen  des  Polypt.  Rem.  Ainrada  40 ,  6  Hdinradus 
37,  62  Hainricusy  Ermenricus  9,  24  Ermenrada  13  2,  Onrada  84,  20  ge- 
nügend darthun.  Meiner  Ansicht  nach  gehört  Qrombricus  durch  seinen  An- 
laut zu  ChimpaZt?  a.  808  Ried  s.  10  n.  14  —  Cfrumbaldus  de  Raute  c.  a.  1220 
trad.  Ranshof.  Mon.  boica  in.  s.  281  n.  130  —  Orumbolt  (Henr.  de  Gr.) 
a.  1277  Wenk  ürkb.  z.  3.  Bd.  der  Hess.  Landesgesch.  L,  s.  48  n.  67  —  Orom- 
bertua  Polypt.  Irm.  209,  5,  und  ist  es  sicher  verfehlt,  daß  ]^örstemann  diese 
Namen  nicht  auseinander  hält  von  Oroon  a.  782Meichelb.  I.  s.  85  n.  1  Orucm 
a.  816  das.  s.  184  n.346  —  Cfruna  a.  964  Honth.  1. 180  (manc.)  —  Croant 
(mancip.)  a.  817  Meichelb.  s.  191  n.  364  —  Oronhart  das.  s.  166  n.  312  — 
OrutmharfB,,  816  das.  s.  184  n.  346 —  Oruonmuot  Goldast,  rer.  Alam.  scr.  IL 
100*,  welche  Namen  durch  ahd.  cröni  arrogantia  (Graff  4,  612  fg.),  doch 
wahrscheinlich  in  der  Bedeutung  superbia,  gloria,  eine  passende  Erklärung 
finden.  Zwar  liegt  es  nahe  anzunehmen,  daß  in  ersterer  Namenreihe  m  durch 
den  folgenden  Labial  6  aus  ursprünglichem  n  entstanden  sei;  allein  es  bietet 
sich  auch  Orumoldus  a.  667  Pard.  s.  145  n.  358,  und  es  wird  der  Annahme 
eines  Stammes  ffrum  kaum  ein  gegründetes  Bedenken  entgegentreten ,  wenn 
er  auch  vorläufig  ohne  Erklärung  bleibt.  Was  aber  Orombricus  anbelangt, 
so  steht  dieser  Name  mit  Rücksicht  auf  den  Auslaut  im  Polypt.  Irm.  keines- 
wegs vereinzelt;  dort  steht  auch  Ainbricus  206,  45,  bei  Förstemann  nicht 
angefahrt,  und  Ambricus  72,  18,  dort  unter  einen  Stamm  ambr  gestellt.*) 
Mag  nun  letzterer  Name  wie  Förstemann  will  oder  =  Amb-ricus  aufgefasst 
werden,  Ainbricus  lässt  sich  weder  als  Am-b-ricus ,  noch  weniger  als  Ainb-- 


^)  In  meinen  Beiträgen  habe  ieh  Ambrico  =  Amb-riehtts  genommen.  Dagegen 
spricht,  daß  jener  Name  mit  wenigen  Ausnahmen  stets  in  schwaeher  Form  auftritt •  die 
in  den  betreffenden  Urkunden  nur  der  Koseform  eigen  ist.  V^ird  daher  in  Ambrieo  eine  solche 
erkannt  und  demzufolge  ein  Stamm  ambr  zugelassen ,  so  hat  sich  dieser  sonderbarer  Weise 
einzig  in  diesem  Namen  erhalten. 


46  FRANZ  STARK 

ricus  nehmen,  sondern  nur  als  Ain-^mcus.  Man  vergleiche  bei  Irm.  AMMl- 
du8  115,  301,  Ainbodus,  Ainildis  259  ^  108,  Ainradus  234,  65  und  vor 
allen  Atnricus  230,  24.  Die  Namen  Bricia  Pol.  Irm.  207,  48  BricealdFol 
Rem.  33,  3  und  Brecosind  a.  931  Hist.  de  Langaed.  IL,  s.  66  n.  52  zeigen 
gleichfalls  den  Stamm  hric^  dessen  Erklärung  für  später  aufbewahrt  bleibt 
Albricus  Irm.  84 ,  50 ,  dessen  Bruder  Alhuinua  heißt ,  schlieOt  sich  hier 
nicht  an. 

Wir  kommen  nun  zu  dem  Namen  der  ancilla  Hilmptrud  sec.  11  Moa. 
boica  VI.  s.  59.  Hier  lässt  sich  p  kaum  als  euphonische  Einschaltung 
betrachten;  meine  Sprachwerkzeuge  widerstreben  dieser  Annahme.  Viel- 
leicht ist  Hilmtrud,  Hilptrud,  Hildtrud  oder  Himildrud  zu  lesen.  Letzte- 
ren Namen  führt  eine  Leibeigene  das.  s.  34  n.  5  a.  1048 — 1068. 

Es  bleibt  somit  als  Beispiel  eines  zwischen  m  und  l  eingeschalteten  b 
nur  der  Name  des  Kanzlers  Lothar  des  II.,  ÖWmWanrfa«  a.  867  Muratori, 
antiquit.  Italiae  II.  s.  122,  der  bei  Pertz  I.  477.  ad  a.  868  und  in  der  epi- 
stola  Lotharii  regis  ad  Nicolaum  I.  papam  a.  867  (Bouquet  VIL,  669*) 
GfrindandtJts  geschrieben  wird.  Dieser  eine,  Fall  aber  wird  zu  ausgedehnten 
Folgerungen  um  so  weniger  berechtigen ,  da  Bildungen  wie  OrimUndia  Irm,. 
183,  35;  221,  50;  250,  33;  159,  108  Emdint  sec.  11  Mon.  boica  VI.  ß.  17 
n,  2  Hainüa  Polypt.  Rem.  55,  118  nicht  ungewöhnlich  sind,  obigem  Namen 
dagegen  kein  weiterer  Beleg  hinzugefugt  werden  kann. 

Doch  auch  bei  Hontheim  I.  n.  106  a.  868  unterzeichnet  in  einer  exemtio 
monasterii  S.  Maximini  per  Lotharium  regem  ein  Notar  OrinüamdvSy  der  aber 
nach  der  Ansicht  des  Herausgebers  in  Note  c  niemand  anders  sein  soll ,  als 
der  St.  Galler  Abt  Grimcdd,  welcher  ebendas.n.  107  a.870  als  Kanzler  des 
König  Ludwig  unterschreibt,  und  bei  Kausler,  Pertz  I.,  Mon.  boica  VI.  und 
sonst  noch  öfter  gefunden  wird.  Bouquet  erklärt  VIII.,  413  diese  Urkunde 
für  unächt  und  bemerkt  nebst  anderem,  indem  er  den  Namen  Orimland  fest- 
hält ^  daß  im  Jahre  868  nicht  Notar  sein  könne,  wer  ein  Jahr  vorher  K^az- 
1er  war. 

Nach  dieser  Würdigung  des  inlautenden  b  in  den  besprochenen  Namen 
gelangen  wir  endlich  zu  jenen,  die  an  der  Spitze  dieser  Untersuchung  stehen. 
Die  beleuchteten,^  von  Förstemann  mit  Ermbrada  u.'s.  w.  als  analog  be- 
zeichneten Beispiele  sind,  wie  ich  dargelegt  zu  haben  glaube,  keineswegs 
geignet,  auch  bei  diesem  die  Annahme  eines  euphonischen  b  zu  kräftigen. 
Überdies  zeigen  Bildungen  der  beiden  Typtychen,  wie  JErmenrada  Rem,  13, 
2  Irm.  104,  207  Haimerada  Rem.  54,  113,  Hilmeradus  das.  86,  39  JFVa- 
mericus  Rem.  82,  5  Irm.  107,  236,  Haimericus  Rem.  55,  118  u.  v»  a.  deat- 
lieh  genug,  durch  welche  Mittel  der  Zusammenstoß  der  Liquiden  m  und  r 
vermieden  wurde,  wenn  man  ihn  vermeiden  wollte ,  Warmedrarrnua  Irm.  45, 
59  und  Hmmirada  Rem.  73 ,  45  aber  lehren  uns  den  Consonanten  kennen, 
der  in  diesem  Falle  zwischen  die  beiden  Namenglieder  bisweilen  eingeschaltet 


ÜBER  GERMANISCHE  PERSONENNAMEN.  47 

Würde.  Aber  m  nnd  r  sind  nicht  so  unverträglich ,  daß  sie  eines  vermitteln- . 
den  h  nothwendig  bedürften,  den  Beweis  dafür  liefern  Haimrad  a.  757  Trad. 
Wizeb.  n.  139,  Heimrad  sec.  8  Cod.  Lauresh.  (Ed.  Manh.)  n.  3i3,  Heim- 
raat  Verbrüderungsb.  42,  36,  Heimram  das.  110,  40,  Heimrammus  a.  710 
Ried  n.  1  und  a.  772  Meichlb.  1.  s.  43  n.  26,  Haimricua  810  Pertz  I.  198,  9, 
Bramradus  Polypt.  Rem.  40,  4  sicher  zur  Genüge. 

Was  also  steht  denn  im  Wege  in  den  bezeichneten  Namen  einen  Stamm 
hrad  anzuerkennen?  Stichhaltige  lautliche  Gründe  können  nicht  geltend 
gemacht  werden  ;  es  müßte  sonst  in  Ermbrandua  Irm.  72,  9  und  Maimhrunus 
Rem.  54,  110  in  denen -^anc^  nnd -6run  durch  anderweitige  Gründe  gesichert 
sind,  ein  eingeschaltet  h  vermuthet  werden,  und  andere  Bedenken  sind  nicht 
zum  Vorschein  gekommen.  Ja  das  anlautende  b  eignet  gerade  diesen  Stamm 
ganz  besonders  zum  Anschlüsse  an  ein  mit  m,  auslautendes  Compositions- 
glied ,  da  ja  bekanntlich  diese  beiden  Labiale  gerne  sich  binden ,  und  in 
Haimhrady  Urmirad,  Memhrad  ist  die  Verbindung  gewiss  nicht  weniger 
natürlich  als  in  Ermbertas  Irm.  44,  55  Ermholdus  80 ,  25  Ermholda  202, 
23  Hambertas  Rem.  32 ,  4  Maimbodo  Irm.  app.  s.  357  n.  21  Ermhrandus, 
Maimbranus. 

Die  anfangs  genannten  sechs  Namen  sind  aber  nicht  die  einzigen,  welche 
diesen  Stamm  nachweisen,  noch  schließt  sich  hier  an  Bradm^ondus  (Notar) 
a.  850  Herg.  Geneal.  dipl.  ang.  gentis  Habsburg  II.  s.  29  n.52  ^)  und  Bror- 
dila  (masc.)  a.  879  Marca  Hisp.  s.  806  n.  39  und  a.  901  s.  835  n.  60.  Auch 
die  neuhochdeutschen  Familiennamen  Brade,  Breitet  heranzuziehea  wird 
nicht  überflüssig  sein. 

SoH  endlich  brad  erklärt  werden ,  so  wird  ahd.  prat,  eigentlich  prart, 
prort  ora,  prora,  labium  (Graff  3,  313),  altn.  broddr  aculeus,  telum  (vergl. 
nr.  5  meiner  Beiträge)  keine  Berücksichtigung  finden  können.  Viel  näher 
liegt  nnd  auch  begründeter  ist  die  Vermuthung,  daß  die  mit  brad  gebilde- 
ten Namen  an  ahd.  prddam,  ags.  brad  odor,  jedoch  in  der  übertragenen  Be- 
deutung fervor  animi,  m^nti»,  gleich  furor,  Kriegswuth,  anfgefasst,  sich 
anlehnen,  doch  will  ich  auch  erinnern  an  altn.  l^rodEir  citus ,  brada  accel- 
lerare"  (Gramm.  1  **,  456),  das  freilich  in  den  verwandten  Sprachen  ver- 
misst  wird. 

WIEN.  FRANZ  STARK. 


*)  Naeh  Kopp  Palaeogr.  I.  429  ist  diese  ürknnde  Bnächt. 


48  JACOB  GRIMM 

ZU  DEN  ALTDEUTSCHEN  GESPRÄCHEN. 


Dies  dem  Inhalt  und  der  spräche  nach  sehr  rohe,  dem  naiven  colloquium 
Älfrici  weit  nachstehende  denkmal  enthält  doch  einige  sonst  unbekannte,  le- 
bendige Wörter  und  reicht  gleichfalls  in  das  zehnte  Jahrhundert  zurück,  ein 
glücklicher  zufall  hat  die  beiden  blätter  aus  Rom  und  Paris  wieder  zusammen 
geführt  und  man  wird  gereizt  ihren  sinn  völlig  herauszubringen,  vieles  ist 
schon  von  meinem  bruder  gut  erklärt,  einiges  aber,  wie  mir  scheint,  nicht 
getroffen  worden. 

15.  guare  uengelinaz  selida  gueselle,  ubi  abuisti  mansionem  ac  nocte  com-* 
pagn.  das  versuchte  wärun  gelina  az  selido  ist  unstatthaft,  leicht  sieht  man, 
dasz  nazselida  zusammen  gehört  und  nachtherberge  bedeutet ,  dem  mansio- 
nem hac  nocte  entsprechend,  wie  z  überhaupt  hervorgieng  aus  th  (gesch.  der 
d.  spr.  395),  so  ist  hier  naz  geschrieben  für  nath  und  dies  für  naht,  zur  vol- 
len bestätigung  dient  inaz  24  =  hinaht,  ja  man  könnte  in  unsrer  stelle  das- 
selbe inaz  vermuten,  liesze  sich  dann  uengil  deuten,  nahtselida  verbindet 
sich  wie  hüsselida  in  der  folgenden  zeile  oder  sonst  burgselida,  fahan  aber 
ist  das  verbum  dazu,  Parz.  638,  6  vom  stern : 

wand  er  der  naht  herberge  vienc. 
das  u  in  uenge  ist  v  oder  f ,  wie  in  gauathere  101  und  das  e  ist  6 ,  wie  in 
guez,  enbez  =  weiz,  enbei^  wiezuverstehn  ist  aber  das  angehängte  li?  ich 
suche  darin  eine  enclitische  partikel  und  vergleiche  zunächst  das  ahd.  le,  lio 
bei  Graff  2,  31,  33,  auch  die  Schlettstädter  glossen  bei  Haupt  5,  343  geben: 
interjectio  deprecantis,  quod  in  nostra  lingua  dicitur  le  Vel  leo,  sicut  est  lio 
duadaz,  und  bei  Notker  Boeth.  46  heiszt  es:  waz  muost  tu  mih  lio  tage- 
liches  mit  tinen  chlagon,  quid  tu  o  homo  ream  me  eotidianis  agis  querelis? 
noch  heute  ist  dem  kärntnerischen  dialect  geläufig  lei  einzuwerfen,  wovon 
Lexer  in  Frommans  Zeitschrift  3,  309,  310  beispiele  gibt,  er  vergleicht  es 
dem  bekannten  halt.  Schmeller  2,  405  hat  vom  ojbern  Inn  und  aus  dem  Zil- 
lerthal  her  ein  ähnliches  la:  schau  la!  gula!  was  ans  ags.  lä,  westföl.  la,  lo, 
Schweiz,  lo  (gramuL  4,  290)  mahnt,  der  ruf  kann  leicht  in  fra^e  übergehen, 
in  unsrer  stelle  ist  li  deutlich  fragend  und  dem  li  gleich,  das  die  Slaven  bei 
der  frage  ans  verbum  hängen,  es  genügt  auf  Jungmann  und  Linde  zu  ver- 
weisen, unsere  alten  fragpartikeln  sind  meistens  erloschen,  nach  dem  Wechsel 
zwischen  1  und  n  dürfte  man  li,  la  selbst  dem  ahd. na  (gramm.3,  765)  ver- 
gleichen, reinahd.  ausgedrückt  lautet  der  satz :  hwärfiengili  nahtselida  gisello? 

16.  ist  sicher  ze,  nicht  te  zu  lesen,  t  für  z  widerstrebt  dem  ganzen, 
offenbar  fränkischen  denkmal  und  der  zug  am  fusze  des  buchstabs  drückt  das 
z  aus.  die  Schreibung  geraben  garaben  ist  wie  terue,  semauda,  canet  und 
gibt  keinen  aufschlusz  über  grävo. 

18.  e  cunt  simino  dodon'H,  de  domo  dominimei.  vorerst  will  ichdodon' 


Zu  DEN  ALTDEUTSCHEN  QESFRÄCHEN.  49 

erklären,  das  zu  lesen  ist  dodones,  wie  lat  t€p'  man'  f&r  tempos  manns 
steht,  dodones  aber  ist  gen.  von  dod$n  =  goth.  ]>iadans,  ags.  ]>eoden,  alts« 
tbiodan  theodan  rex,  domina^,  Totonis  villa  heiszt  in  Urkunden  Thion- 
ville.  das  o  oder  besser  ö  in  der  ersten  silbe  zeigt  verengtes  in,  io  wie 
in  ör  vester  f&r  iawar,  inr,  im  Essener  bmchsttick  findet  sich  hddigö  f&r 
hintn,  hiutagfi.  cont  f&r  cnma  oder  cume  venio,  wie  nochmals  in  der  nach*- 
sten  zeile,  fällt  auf,  gleicht  aber  dem  habent  f&r  habSm  oder  hab£n  48,  wo 
die  flexion  en  das  t  herbeigerufen  haben  könnte,  wie  das  m  in  cume  zu  cunt 
wurde,  m  hätte  freilich  ein  cump  veranlassen  können,  wie  in  kompt  f&r  kommt, 
man  musz  bei  knnt  fiir  knmu  den  unterdrückten  vocalauslaut  anschlagen,  der 
hier  consonantisch  vergröbert  nachwirkt  (vgl.  nnl.  boompje  und  boomtje,* 
bäumchen),  das  folgende  si  scheint  Verkürzung  der  praep.  üzsi,  uz,  bedarf 
aber  noch  mehr  belege,  mmo  dodones  hds  zieht  das  possessivum  von  dodones 
zu  faüs,  wie  auch  wol  sonst  geschieht,  vgl.  43. 

19.  e  cunt  mer  min  erre  us,  (venio)de  domo  senioris  mei.  hier  ist  dem  cunt 
=  cume  noch  der  dat.  des  persönlichen  pronomens  beigef&gt,  ganz  wie  guas 
mer  21  f&r  was  mir  steht,  und  enbSz  mer  23  für  enbeiz  (gramm.  4,  34. 36). 

noch  später  heiszt  es  in  einem  liede  (bergreien  s.  121): 
ich  kam  mir  zfi  einem  tanze, 
hinter  dem  mer  scheint  aber  die  zu  min  erre  us  erforderliche  praep.  ausge- 
fallen, wie  auch  erre  f&r  herren  oder  herron  steht,  wäre  das  vermutete  si 
fär  nzsi  richtig,  so  sollte  es  heiszen:  si  mines  herren  hus.  der  hdrro  senior 
untersch^et  sich  vom  diotan  dominus,  und  auch  28.  31.  33.  43.  49.  63.  64. 
71.  72.  80.  81  drückt  hSrro  immer  senior,  inder  formelfrdmin  14  fir6  gleich- 
falls dominus  aus^. 

24*  guaren  ger  inaz  ze  mettina,  ohne  latein,  welches  lauten  müste : 
fuisti  hac  nocte  ad  matntinas  ? 
guaren  ist  wären  für  w&ret,  ihaz  ist  hinaht,  heint.  in  hinaht  zi  mettina  liegt 
nichts  unrechtes,  da  wir  ganz  gewöhnlich  sagen  heute  zu  tag,  heint  nacht, 
mhd.  hinaht  bi  dirre  naht,  hinaht  dise  naht»  so  ist  hinaht  zi  mettina  voll- 
kommen zulässig. 

43.  minerro  guillo  tinesprachen,  senior  mens  vult  loqui  tecum.  ist  rich- 
tig gegeben :  min  herro  wille  (wili)  dina  sprächun,  er  verlangt  deine  spräche 
für  verlangt  dich  zu  sprechen,  so  sagen  wir  heute  noch:  ich  wünsche  mir 
deinen  nmgang,  deine  Unterhaltung  statt  ich  wünsche  mit  dir  umzugehn,  mit 
dir  mich  zu  unterhalten,  gerade  so  in  der  edda  Ssm.  172^ 
her  er  madr  &ti  dkndr  kominn, 
sä  vill,  fylkir,  fund  ]>inn  hafa. 

48.  74.  ne  tropfen  für  nihil  bestätigt  meine  gramm.  3,  730  gegebenen 
erklänmgen ,  die  GraffS,  627.529  übel  in  zweifei  zog,  so  deutlich  schon  das 
französische  ne  goutte  (gramm.  3,  749),  das  churwälsche  nagutta  =  nihil 
zustimmt*    heiszt  es  doch  im  mnl.  Brandanus  380  enen  dropel  niet 
vmatAMiA.  HL  ^ 


1^.  y       JACOB  aBIMM,  Zu  DEN  ALTDEUTSCHEN  GESPRÄCHEN. 

63«  gaez  or  erre  az  pede  semauda  geren  sclephen  pedez  nip  sesterai 
rebulga,  si  sciuerit  hoc  senior  tuas  iratus  erit  tibi  per  menm  caput  pi  dia 
siQahida  aus  pede  semauda  wird  falsch  geraten  sein,  semanda  ist  smauda 
uiid  der  diphthong  au  begeignet  in  anren  anres  3 ,  in  frau  106  so  wie  dem 
bedenklichen  frauma  85.  da  nun  Schmelier  3,  465  schmauehi,  schmandelo,  3, 
466  schinudeln,  3,  462  schmanzeln  für  liebkosen,  schmeicheln,  tändeln,  ver- 
liebt scherzen  und.schmudel  für  ein  verliebtes  weib  anfahrt;  so  magpi  dia 
smauda  entweder  kosend»  tändelnd,  im  liebesscherz  ausdrücken  oder  smauda 
selbst  synonym  mit  dem  folgenden  pi  daz  wip  stehn  und  ein  zuchtloses  weib 
Qi€fineQ.  niederdeutsch  ist  smudden,  smuddel,  smuUen  gleichviel  mit  sudelo 
und  schmausen,  die  auf  erre  folgende  partikel  az  ist  deutlich  die  conjunc- 
tion  dasz  und  der  heutige  alemannische  dialect  kennt  noch  asz  fiir  dasz.  in 
$jBsterai,  das  eine  betheuerung  ausdrücken  musz,  wie  sie  in  per  menm  caput 
liegt,  ist  zwar  terai  =  triwe  im  sinn  von  traun  enthalten,  das  vorangehende 
ses  aber  beinahe  unverständlich,  denn  sehr  gewagt  wäre  an  ses,  senio  im 
Würfelspiel  zu  denken  und  das  heutige  'meiner  sechs'  (Schm.3,  194)  zu  ver- 
gleichen, wobei  sacbsn»  tausend  sachsn  (Schm.3,  193)  in  betracht  käme, 
doch  das  nachfolgende  triwe  sich  nicht  recht  fügte,  wir  sind  in  die  alten  be- 
theuerungen  unvollständig  eingeweiht  ses  in  so  es  aufzulösen  hilft  auch 
nichts,  rebulga  meint  irasceretur,  der  indicativ  guez  zu  eingang  kann  füg- 
lich si  sciyerit  bedeuten. 

65.  in  den  Worten  aba  de  tiiien  rose  nehme  ich  de  nicht  für  die  latei- 
nische Präposition ,  sondern  für  den  artikel  de  oder  diu.  aba  dd  dinen  rosse 
£=i  von  dem  deinen  rosse. 

78.  buzze  mine  sco,  er^a  meä  cabatctam,  hier  sind  die  deutschen  worte 
klar,  *  die  iateinischen  verderbt,  ich  lese:  remenda  meami  eavatam,  remendare 
lebt  noch  im  it.  rimendare,  sp.  remendar,  und  cavata  vetus  calceus  findet  sich 
bei  pucange^  iti  ciabätta,  &anz.  saväte,  jsp.  zapato. 

80«  fehlt  im  deutschen  gistra  ne  casai  das  wort  hiuda,  wie  es  im  lat. 
nee  heri  nee  hodie  vorliegt,  in  der  frage  ist  iuda,  87  eutho,  96  eutp,  heuto 
für  hiuta  geschrieben,  nach  18  könnte  auch  höda  oda  stehen. ' 
.  :  83.  guanoa,'  quot  vices  könnte  sich  mit  dem  alts.  huand  Hei.  87,  6  und 
dem  lat.  quantum  berühren,  das  goth.  hvelauds  quantus  gemahnt  ans  ags. 
hnald  quptus  (Haupt  5, 196),  lauter  noch  dunkle  pronomina»  man  erwäge  den 
eben  s.  48  angeregten  Wechsel  zwischen  u  und  1. 

85.  abtotgot  (mit  Übergeschriebnein  hu)  fraume,  nach  andrer  lesart 
mtergote  ist  schwer  zu  entwirren ,  das  latein  dazu  lautet  deus  vos  saldöm, 
wofür  wol  salvet  zu  lesen  ist.  im  deutschen  ist  got  sicher ,  fraume ,  wenn  es 
frua  sein  Kann;  seltsam,  vielleicht  soll  es  fraiuwe  laetificet  sein. 

lÖO.  scheint  klar  und  nur  für  inbiz  zu  lesen  inbez,  d.  i.  inbez,  inbei^, 
welche«  wie  zeile  23  mer  ==  mir  bei  sich  bat.  inbeiz  mer  dige  heiszt  edi 
sufiraginein  oder  partem  suffiraginiaf  dige  isttlas  ahd<  deohi  mhd.  diechi  nnl« 


ADOLF  HOLTZMAN^/NIBELÜNOEN,  BRÜCHSTÜCK  R.  ßl 

dij,  dije  schenke],  vgl.  ohsendiech.  HelbL  1,  430;  aüeze  hirn  und  die  MS.  2, 
192'',  nnl.  dijstuk  schenkelstück«  wie  ribstok  rippenstück. 

102.  inmethi  thi  scheint  richtig  und  die  vennutung  unmez  ih  dih  ver- 
werflich, inmethi  wäre  imperativ  von  inmethan,  wenn  es  solch  ein  verbum 
gab,  das  gotL  inmaidjan  ist  matare,  inmaidei  })uk,  muta  te,  permuta  vices« 
was  dem  Zusammenhang  nach  hier  einen  obscoenen  sinn  haben  könnte,  läse 
man  mit  geringer  änderung  inmith  thi ,  so  käme  ein  züchtiges  schäme  dich 
heraus,  denn  ahd.  sih  midan  ist  erubescere,  Graff  2,  676. 

106.  107.  heiszt  es  ip  der  erUärung,  dasz  mine  für  minna  auf  ein  ags. 
myne  weise ,  dies  aber  ist  männlich  wie  das  altn.  munr,  welche  freilich  alle 
miteinander  zu  man  und  munan  gehören,  das  KN  hat  sich  unorganisch  ent* 
faltet  (gesch.  d.  d.  spr.  904).  die  schluszworte  des  denktnals  sind  in  voller 
Unordnung.  JACOB  GRIMM. 


NIBELUNGEN,  BRUCHSTÜCK  R. 


Die  8  und/,  v  und  u  genau  nach  der  Handschrift,  i  hat  fast  immer  den 
Strich,  auch  r  hat  meistens  einen  Strich  nach  oben.  Das  ^  geht  unter  die 
Zeile  herab.   Linien  mit  dem  Stift  gezogen. 

Die  ersten  Buchstaben  der  Strophen  sind  abwechselnd  roth  und  blau, 
der  erste  der  Aventiure  ist  golden.  Roth  die  Überschrift  und  der  Strich, 
der  die  überflüssigen  Worte  herübemimmt.  Auch  der  leere  Raum  am  Ende 
der  Strophen  ist  mit  rothen  Strichen  ausgefällt.  Die  großen  Buchstaben 
haben  meistens  einen  rothen  Beistrich.  Die  nicht  mehr  mit  völliger  Sicher- 
heit zu  lesenden  Buchstaben  und  Worte  sind  cursiv  gedruckt. 

Es  waren  29  Zeilen,  die  29ste,  28ste  und  mehr  oder  weniger  die  27ste 
sind  weggeschnitten.  Ebenso  ist  die  äufiere  Spalte  des  Yorderblatts  wegge- 
schnitten. 

Das  Doppelblatt  war  zum  Einband  eines  Exemplars  von  Bebeis  Facetien, 
Tübingen  1550,  gebraucht.  Der  Antiquar  Kirchhoff  in  Leipzig  erkannte  es; 
von  ihm  kam  es  durch  Kauf  in  meinen  Besitz. 


Erstes  Blatt,  Vorderseite,  erste  Spalte. 

c 

1346,  3.  da  bi  was  ouch  ir  muter  des  Mkrfi 
ven  wip  mit  libe  wart  gegrvzzet 
vil  manger  ivnchftowen  lip. 
1347.  Si  viettgen  Geh  bi  den  henden  vnde 
giengfen  dan  .  in  einen  palas  .  witd 
der  was- .  vil  wol  getan  .  da  div  tv 
nowe  .  vnden  hin«  v^o^  ß  foz  ge0 


A.  HOLTZMANN. 


|S2  A.  HOLTZHANN 

gen  dem  Ivfte  vn  h  -  -  chvrzewi 

1348.  Wes  fi  nv  mere  pflaegS  [le  groz 
des  chan  ich  niht  gefagen  .  daz  in 
fo  vbel  zogete  daz  horte  man  do 
chlagen  .  die  Ghrimh'  reken  .  wft 
daz  was  in  leit.   Hey  waz  gut'  de 
gene  mit  in  von  Bechelaren  reit. 

1349.  Vil  minnekliche  dienft  der  Mar 
krave  in  bot .  do  gap  div  kvnegf 
ne  zwelf  povge  rot .  d*  Gotelinde 
tohter  vn  alfo  gut  gewant .  daz 

fi  niht  bezzers  brahte  in  des  kvneg 

1350.  Svne  ir  genom^  waere  [ezlen  lant 
d*  Nibelvnge  golt  .  alle  die  fi  gefa 
hen  .  die  machte  fi  ir  holt  noch  mit 
dem  chleinen  gute  daz  fi  da  moh 

te  han  .  des  Wirtes  ingefinde  w 
art  michel  gäbe  getan. 
1351*  Da  wider  bot  do  ere..  div  frowe  , 
Gotelint .  den  gelten  von  - 

Rückseite,  zweite  Spalte. 

1362,  4.  daz  fchvf  des  kv  -  -  milte  daz  1* 

man  in  allen  gap  genu  - 
Aventivr  .  v^ie  Chrimh'  vn  Ezel  brv        . 

ten  ze  wiae  in  der  ftat.  \      ) 

Si  *)  was  ze  Treyfen  mf  re  .  vntz 
an  den  vierden  tach  .  div  molte  vf 
der  ftraze  die  wile  nie  gelach  •  tun 
ftube  fam  -  -  vnne  allenthalben 
dan  .  da  riten  durch  Olterriche  .  des 
riehen  kvnec  ezlen  man. 

1364.  Do  wären  ovch  dem  kvnge  div  maere 
nv  gefeit .  de^  im  von  gedanchen  fwn 
den  finiv  leit  .  wie  h'renlichen  Chrim 
hilt  da  chome  durch  div  lant .  er  be 
gunde  vafte  gaben  da  er  di  minnek 

1365.  Von  vil  manger  fpra  [liehen  vant 
che  fach  man  vf  den  wegen  .  vor  ') 
kvnec  Ezeln  rite  vil  mangen  chv 
nen  degen  .  ehriften  vn  beiden  .  vil 


*)  S  mit  Gold  gezchrith&A*  '-^  ^datx  aw^/elha/t. 


NIBELUNGEN»  BRÜCHSTÜCK  R.  53 

manec  witiv  fchar  .  da  fi  ir  frowfi 
fvnden  fi  riteo  frolichen  dar . 
1866.  Von  Rivzzen  vü  von  Chrichen  reit 
da  .  vil  manec  man  .  Polanen  v& 
Vla^hen  .  den  fah  man  eben  gan. 
ir  pfaert  vü  örs  div  guten  .  da  fi 
mit  chreften  riten  •  fwaz  fi  der  fit 

VÜ-. 

Zweites  Blatty  Vorderseite,  erste  Spalte. 

1499,  2.  wer  lant  ^)  man  mag  iv  michel  Ikf  2* 

-  -    ofen  hie  div  pfant .  danne  da 

-  en  Hvnen  inweiz  wiez  da  geftat. 
er  fvlt  bei  -  -  n  herre  daz  ilt  mit 
tnwen  min  rat. 

1500.  Wir  enwellen  niht  beliben  tpvach 

-  gemot .  fit  daz  vns  min  fwefb* 
fo  firivntlich  enbot .  vA  Ezele  der 
riebe  zwiv  folden  wir  daz  lan  .  d* 
dar  niht  gerne  welle  der  mach 
hie  heime  bellan. 

1501 .  £n  triwen  fprach  do  Rvmolt  ich 

fols  d'  eine  fin  .  der  durch  Ezlen  bohge 

zit  cbvmt  imm'  vber  Bin  .  zwiv  folde 

ich  daz  wagen  •  da^  ich ')  waeg*  ban. 

die  wille  ich  mag  imnC  ')  wil  ich  mich 
1602.  Des  reiben  wil  ich  vol  [felbe  lebe  Ift. 

gen  fprach  ortwin  der  degn  .  ich  wil 

des  gefchaeftes  hie  heime  mit  iv 

i^fiegn  *)  do  fpracben  ir  genvge  fi  wol 

dens  ovch  bewam  •  got  lazz  ivch 

liebe  herren  -  -  vnen  wol  gevoflrn  *) 
1503.  Der  kvnec  begvnde  zumen  do  er  daz 

g^och  -  -  Aeime  wolden 

fehaSen  ir  gemach  d!arvmbe  wirz 

.     -     -     .     .     en  an  die  vart 

alle 
Zweite  Spalte. 

1504,  2.  dar  vmbe  (Wie  halt  iv  gefchiht .  ich  2^ 

rat  iv  an  den  triwQ  weit  ir  ivch  wol 


*)  sehr  nomfelhafL  —  •)  sehr  abgtrUbm^  —  •)  kaum  0u  erkennen,  —  •)  Diese  Buch' 
tiohen  umrden  friiher  von  Pfeifer  und  mir  erkannt,  jeUt  bin  ieh  nicht  mehr  im  Stand,  sie 


fu  erkennen. 


64  ADOLF  HOLTZMANN 

bewam  .  fo  fvlt  ir  zv  den  hvnen  vil  . 
gewaerlicheü  varn. 

1505.  Sit  ir  niht  weit  erwinden  .  fo  befö 
det  iw'  man  .  die  bellten  dir  ir  vindö 
ed'  Inder  muget  han  .  fo  wel  ich  vz  in 
allen  tvfent  ritter  gut .  fon  chan  vns 
niht  gewerren  d*  argen  Chrimh'  mvt 

1506.  Des  wil  ich  gerne  volgen  fprach  der 
kvnec  zehant  .  do  hiez  er  boten  ritö 
witen  in  fin  iant  .  do  braht  man  der 
helde  driv  tf  fent  vn  mer  .  fi  wandö 
niht  er  werben  alfo  gremlichiv  fer. 

1507.  Si  riten  wUlechliche  in  6vnth*es  Ut.- 
man  hiez  in  geben  allen  rod  un  g& 
want  .  di  mit  in  varen  wolden  zv 
den  Hvnen  dan  .  der  kvnec  in  gat6 
willen  der  vil  mangen  gewan. 

1508*  Do  hiez  von  Tronge  Hagne  .  J)>anch 
wart  der  brader  fin  .  ir  bed'  Reken 
fehzec  brringen  («o)  an  den  Bin  .die  chom 

ritt'liche  harnafch  vfl  gewant  .  des 

brahten  vil  die  degene  in  des  Gvnth^es  . 

1509.  Do  chon\  d*  herre  volker  ein     [Iant . 
chvne  fpilman  .  hinze  hove  nach  erd  .  . 
drizzec  finer  man  die  heten 

Rückseite,  erste  Spalte; 

1510.  Wer  der  volker  waere  daz  wil  ich_  2* 
ivch  wilTen  lau  .  er  was  eined^l  her 

re  im  was  Qvch  vnd*t^n  ,  vil  d'  gutfi 

reken  in  Bürgenden  laat  .  durch 

daz  er  vidleb  kvnde  yfä,fk  er  ipilmi  .        : . 

1511.  Tufent  weit  do  hagene     £genat 

die  het  er  wol  bechant .  vü  wa.:i  in ... 

ftarchen  ftnrmen  het  geframet  ir 

hant .  vnd  fwaz  fi  ie  begiengen  des 

het  er  vil  gefehn  .  in  chvnd  ovch  an 

der  niemen  niwan  frUmcheit  i^hn. :        ^. 

1512.  Die  boten  von  den  hvnen.,  vil  fere 
da  v'droz  .  wan  ir  vorht  zi  0  herren 


^)  ziy  90 ;  $s/eMt  nichts. 


J 


NIBELUI^QEK ,  BRUCHSTÜCK  R.  55 

div  was  harte  groz  •  fi  gerten  tae 
geliche  vrloubeB  von  dan  .  des  en 
gvnde  niht  Hagene  .  daz  was  durch 

1513.  Er  fprach  ze  ßnem  h'r€     [lifte  getan 
wir  fvbx  daz  wol  bewarn  .  daz 

wirs  ih  *)  lazzen  rite  e  daz  wir  febe  (so) 
vam  .  dar  nach  in  tagen  fibenen 
wider  in  ir  lant  .  trit  (so^  uns  iemen 
argen  mät  tlaz  wirt  vns  defte  baz 

1514.  Son  chan  avch  fi^  ieo)  vro  ehrt    [bechant 
hilt  bereiten  niht  dar  zf  .  daz  vns 

durch  ir  raete  iemen  fchaden  tfl  ,  hat 
aV  fi  den  willen  ez  mag  ir  leid  er 
gan  wan  wir  füren  hinnen  mft  *) 

Zweite  Spalte. 

1515,  2.  lant .  daz  was  nu  gar  bereitet  vil  2' 

mangem  cbvnen  man  .  die  Ezien  vide 
laere  die  hiez  man  do  ze  hove  gan. 
1516;  Do  ß  die  furften  fah  -  -  do  fprach 

Gernot .  der  kvnc  wil  nv  leiften  daz  .     . 

Ezel  VHS  enbot .  wir  wellen  ch  -  - 
gerne  ze  finer  hobgezit  •  vA  feh  -  * 
vnfer  fwefter  daz  ir  des  ane  zwiuel 

1517.  Do  fprach  d'  kvneo  Gvnth'  .  ir    [fit. 

Mt  vns  wizzen  lan  .  wenne  fi  die  .       . 

hobgezit .  zen  Hvnen  wellen  han. 

des  antwrtt .  dem  kvnege  der  böte 

fwaemeliu  .  zen  naehften  fvnewen 
den  fo  fol  fi  ficherlichen  fin. 

1518.  Der  kynch  in  erlovbte  .  des  was  noch 
niht  gefchehn  .  ob  fi  gerne  woldfi 
BrVhilden  fehn  .  daz  fi  fvr  fi  foiden  .         . 
mit  finem  willen  gan  .  daz  vnder 

ftynt  do  Volker  daz  was  ir  liebe  ge 

1519.  Jan  ift  fprach  Volker  ein     [tA 

ein  edel  ritt*  gät.  Brvnh*  min  frowe  nu 
niht  wolgemut .  bitet  voze  morge 
fo  lat  mans  ivch  fehn  .  do  fi  fie  wft 


^  Ven  dtr  UUft^  Z^  «#  mm4  SMfiß  ¥fW^ohf^im»  **«•  irföW  afU$  ii^. 


66  HOFFVANNTOKFALLraSLEBEN 

den  fchiwen  .  donen  chvod  es  niht 
1520.  Do  hiez  der  kvnic  riche  .  d'     [gefchelm 
was  den  boten  holt .  durch  ßnes  h* 
zen  tvgende  *) 


DIE  GEISTIICHEN  LILIEN. 

HTTGETHEILT 
▼ov 

HOFFMANN  VON  FALLERSLEBEN. 


Ein  erbauliches  Werk  des  12.  Jahrhunderts,  worin  Verse  und  Prosa  mit 
einander  abwechseln.  Der  Verfasser  knüpft  an  die  Lilie  seine  frommen  Be- 
trachtungen; alle  einzelnen  Theile  dieser  schönen  Blume  werden  berücksich- 
tigt: die  Wurzel,  der  Stiel  und  seine  grünen  Blätter,  der  Kelch  und  seine 
weißen  Blütbenblätter,  die  gelbe  Farbe  darin  u.  s.  w.  Leider  fehlt  der 
Anfang,  und  so  schließe  ich  den  Titel  nur  aus  dem  Werke  selbst,  vergl. 
B1.20'. 

Die  Handschrift  wird  aufbewahrt  in  der  herzoglichen  Landesbibliothek 
zu  Wiesbaden  und  stammt  nach  der  Meinung  des  Herrn  Bibliotheksecretärs 
Ebenau  wahrscheinlich  aus  Kloster  Eberbach,  einer  Cistercienser  Abtei  im 
Rheingau,  gestiftet  1 1 16.  Es  ist  eine  Pergamenthandschrift  aus  dem  13.  Jhd., 
jetzt  126  Blätter  in  kleinem  Format,  die  beiden  ersten  Blätter  sind  ausge- 
schnitten, und  auch  das  letzte  Blatt. 

Zur  näheren  Kenntniss  des  Ganzen  mögen  hier  einige  Auszüge  folgen. 
Anfang : 

ze  got.  wie  der  gerechte  m&  dieser  lilien  si  gelich.  Ich  wenen  dat  die 
wrcele  die  vnder  der  erden  [verborgen  is.  bezeichen  den  gedanc  in  deme 
herzen,  den  nieman  inbekennit.  also  de  wise  man  sprichet.  We  weiz  wat  in 
des  menschen  hercen  is.  wan  des  menschen  geist.  So  sal  de  gedanc  der 
wrcelen  geliehen,  he  sal  nfize  sin.  Dat  is.  he  sal  reine  sin.  Wan  ave. 
van  vleislichen.  inde  wereltlichen.  inde  duuelichen  gedenken,  üleisliche  ge- 
denke sint  die.  dere  dat  vleisch  gelüstet.  Also  die  man  na  vrowen.  inde 
vrowen  na  mannen,  uncuscheliche  denkent.  ove  ein  iewelich  mensche  na  ge- 
lustelicher  spisen.  ave  na  senften  cleideren  denkent.  de  gedant  (sie)  en  is 
niet  wiz  want  he  beulecket  die  sele  sere.  Werltliche  gedenke  sint  die  na 
wereltlicher  haue  steint,   den  niet  genfigö  in  mach,   die  also  viele  me  gereut. 


*)  Auch  hm  litor  <Sa4  cbwe  BSi^U  der  BwhitäbHi  Mucnrhrnnm. 


DIE  GEISTLICHEN  LILIEN.  57 

SO  si  me  hauet   (2*)  inde  en  wizen  niet  weme  si  dät  lazen  sfilen.   dar  umbe 
si  di  sele  geuent. 

(6*)  hie  sprich  van  der  lilie  stille  an.  Wir  hauen  gesien  der  lilien 
uurcele.  Dat  is  des  gerehten  mannes  gedanc.  nu  sien  wir  den  stam.  De 
stam  de  uzer  der  uurcelen  geit.  bezeichenet  steidö  willen  zA  g&den  werken, 
dis  wille  cämet  van  gfiden  gedenken  ane  zuiuel. 

BL  9'  geht  es  in  Verse  über : 

Lerne  dit  dat  widermfide  is  en  zeichen  der  minnen. 

an  den  die  sint  gudes  wilen. 

Lerne  dat  man  den  penninc  sere  siehe 

die  münze  wale.entfe. , 

Dv  salt  den  hamer  minnen. 

wolt  du  des  cunninges  antlize  gewinnen. 

3och  dat  du  wolt  ungeneme  were. 

it  in  wrde  geiaget  sere. 

Dann  wieder  Prosa,  und  so  wechselt  es  ab  zwischen  Prosa  und  Versen. 
Hin  und  wieder  finden  sich  niederdeutsche  Wörter,  sogar  niederländische, 
z.B.^onm,  3L42»: 

Vvider  allen  zorn  inde  al  ungemäde, 
so  mach  dit  ^lat  zonen  sine  gude. 

Biliös 

Na  langen  umbegengen  mäzen 

wir  doch  dat  ende  suchen. 

dat  ende  wir  al  eines  sfllen  ruchen.  /      ' 

dat  ende  des  nimer  ende  in  wirt. 

dat  ende  des  niman  wisef  inbirt. 

dat  ouer  alle  dinc  is  cuninc  inde  wirt. 

Dat  ende  is  die  heilige  driueldicheit. 

die  alle  dinc  eruuUet  inde  umbeveit. 

der  bezeichenisse  wir  vonden  an  der  driecgehter  blumen. 

die  uns  nu  is  zesprechene  zu  Climen. 

B1.122»: 

Sal  got  din  herce  (122*)  buen. 
So  must  du  der  werelde  minne  sehnen. 
Sine  sint  nit  gerne  ze  samene  beide. 
-     Id  is  gut  dat  man  si  shede. 

Inde  sieh  halde  an  die  minne  ih*c  crist. 
vonde  (1.  wand^)  sine  minne  noch  sAzer  is, 
dan  die  werflt  so  wat  si  minnen  het. 


58  HOFFMANN  V.  FAIXEBSLEBEN,  DIE  GEISTLICHEN  LILIEN. 

kioder  den  minnet  dat  is  mi  (1.  min)  rait. 

So  man  in  iemer  minnet. 

So  man  iemer  me  liuen  zA  ime  gewimiet. 

So  man  baz  in  versuchet. 

So  man  sin  iemer  gemcfaet. 

So  man  in  baz  beschonnet. 

So  man  me  na  ime  dowet. 

Sine  minne  is  der  (123^  werilde  minne  ungelich. 

Di  so  schire  hat  gelegit  sich. 

Si  is  hnde  suze  si  is  mome  sur. 

Si  is  hnde  ein  eis.  si  is  mome  ein  fnr. 

Si  is  hude  eine  blume.   si  is  morne  ein  hör. 

Si  suret  binden  und  sAzet  for. 

Si  is  hude  grüne,   si  is  mome  valle. 

Si  is  hude  ein  ere  si  is  mome  ein  scende. 

Si  is  hude  wiz.   Si  is  morne  roit. 

Si  is  hude  gesunt  si  is  mome  doit 

Si  is  hude  ein  stail.   Si  is  mome  ein  gelas. 

Si  is  (hud*)  ein  bom.   Si  is  mome  ein  vvl  gras. 

Si  is  hude  lis  (1.  liep).   Si  is  mome  leit. 

So  we  sich  keret  (123^)  an  ir  unstadicheit. 

De  mAz  unstede  mit  ir  wesen. 

vnd  sal  an  der  seien  kume  genesen. 

Si  zugit  in  na  ir  in  den  mist. 

Dat  is  der  werilde  beste  list. 

Schluß,  B1.126^ 

Dar  ane  gedenket  ir  vrowen  min. 
vnd  zürnet  nit  unsin  thretin. 
Inde  in  uerliset  m't  sine  hulde. 
he  is  aller  frouden  ein  ouergulde. 
Sin  loin  de  is  uch  allen  gereith. 
Behaget  ime  ur  arbeith. 
kranker  gelüste  solt  in  berrin. 
dit  leuen  in  mach  nit  lange  weren. 
vnreine 


FRANZ  PFEIFFER,  ÜBER  GOTTFRIED  VON  STRASSBÜRG.  59 

ÜlBER  GOTTFRIED  VON  STRASSBÜRG. 

TOir 

FRANZ  PFEIFFER. 


Zorn  Niederschreiben  der  nachfolgenden  Untersuchung  bin  ich  znnäoh$i 
durch  die  unlängst  erschienene  kleine  Schrift  von  J.  M.  Watterich  ^Gottfried 
von  Straftburgy  ein  Sänger  der  Gottesminne^  Leipzig  1858  veranlasst  wor- 
den. Beim  Durchlesen  derselben  sind  mir  nämlich ,  nicht  UoB  Zweifel  an 
der  Richtigkeit  dessen,  was  der  Verfasser  zur  Begründung  seiner  Hypothese 
vorbringt y  sondern  alte,  nie  aufgegebene  Zweifel  neu  vor  die  Seele  getreten, 
Zweifel  daran,  ob  Gottfried  wirklich  der  Dichter  des  ihm  zugeschriebenen 
Lobgesangs  auf  Christus  und  Maria  sei.  unter  den  deutschen  Philologen 
sind  darüber  nie  die  geringsten  Bedenken  laut  geworden :  v.  d.  Hagen  sowohl 
(in  s^ner  Ausgabe  von  Gottfrieds  Werken  und  den  Minnesingern),  als  auch 
W.  Grimm  (in  seiner  Ausgabe  von  Konrads  gold.  Schmiede ,  Berlin  1840), 
W.  Wackemagel  (im  altd  Lesebuch  S.  431—440  und  Litt-Gesch.  S.  243) 
und  Haupt,  dep  1844  in  seiner  Zeitschrift  4,  513 — 555  das  Gedicht  neu  be- 
arbeitet und  vervollständigt  hat,  nehmen  es  als  ausgemachte  Sache  an,  daß 
6.  den  Lobgesang  gedichtet  habe.  Herr  Watt^rich  war  demnach  in  seinem 
vollen  Rechte,  wenn  er  im  Vertrauen  auf  diese  Autoritäten  Gottfrieds  Verfas- 
serschaft als  unzweifelhafte  Thatsache  hinnahm  und  auf  diesem  Grunde  seine 
Hypothese ,  die  über  das  bisher  in  tiefes  Dunkel  gehüllte  Schicksal  des  J)e- 
r&hmten  Dichters  plötzlich  helles  Licht  verbreiten  soll,  aufrichtete. 

Für  diejenigen  Leser  dieser  Zeitschrift,  denen  das  Büchlein  des  Herrn 
Watterich  noch  unbekannt  ist,  will  ich  das  Ergebniss  seiner  Untersuchung  hier 
mit  kurzen  Worten  darlegen.  Dem  Verfasser  ist  nämlich  der  grelle  Gegen- 
satz, in  welchem  der  Tristan  und  der  Lobgesang  zu  einander  stehen,  ein 
ungelöstes  Räthsel,  zwischen  beiden  Gedichten  gähnt  ihm  eine  ungeheure 
Kluft,  die  nur  durch  die  Annahme  ausgefdllt  werden  könne,  Gottfried  habe, 
bevor  er  den  Lobgesang  gedichtet,  mit  seinem  frühern  Leben  völlig  gebrochen 
und  es  sei  eine  gänzliche  sittliphe  Umwandlung  mit  ihm  vorgegangen.  Die 
bisherige,  auf  die  Zeugnisse  der  beiden  Fortsetzer  des  Tristan  gegründete 
Meinung,  G.  sei  durch  den  Tod  an  der  Vollendung  des  großen  Gedichtes  ver- 
hindert worden,  beruhe  auf  einem  Irrthum:  Ulrich  von  Türheim  wie  Heinrich 
von  Freiberg  hätten  viel  zu  spät  gelebt,  um  den  wahren  Grund  wissen  zu 
können,  und  ihre  Aussagen  seien  allzu  unbestimmt;  was  sie  gewusstybeschräidLe 
sich  darauf,  daß  Gottfried  den  Tristan  unvollendet  hinterlassen  habe.  Der 
nächste  Grund  der  Unterbrechung  sei  jedoch  nicht  der  Tod  gewesen,  sondern 
ein  Exeuzzug,  den  G.  auf  den  Befehl  seiner  Geliebten  mitgemacht  habe.   In 


60  FRANZ  PFEIFFER 

dem  einzigen  Minnelied,  das  sich  unter  seinem  Namen  erhalten  hat,  erklärt 
er  nämlich  Str.  4,  er  sei  ihr  zu  jedem  Dienste  bereit  und  würde,  wenn  sie  es 
ihm  geböte,  um  ihres  Lohnes  theilhaftig  zu  werden,  seihst  ze  Babylöne  gerne 
vam.  unter  diesem  Babylon  habe  man  nicht  das  asiatische,  sondern  (Neu-) 
Babylon,  Kairo,  zu  verstehen;  ans  dem  Scherze,  aus  der  dichterischen  Re- 
densart sei  Ernst  geworden :  die  Geliebte  habe  ihn  beim  Worte  genommen 
und  ihm  befohlen,  nach  jener  Stadt  zu  fahren,  mit  andern  Worten,  das  Kreuz 
zu  nehmen. 

Der  Kreuzzug,  dem  Gottfried  sich  angeschlossen,  kann  natürlich  kein 
andrer  gewesen  sein,  als  der  vierte,  der  1215-16  vorbereitet  im  nächstfolgenden 
Jahre  zur  Ausführung  kam  und  im  Jahre  1221  mit  der  Eroberung  von  Da- 
miette  sein  Ende  erreichte.  Diesem  Zuge  habe  sich  G.  zugesellt;  „in  dem 
christlichen  Heere,  das  vom  Sommer  1218  an  diese  Feste  belagerte,  befand 
sich  neben  Otto  von  Botenlauben ,  Neidhard  von  Reuenthal  und  andern  be- 
rühmten Minnesängern  auch  der  Dichter  des  Tristan.  Von  irdischen,  weltlichen 
Wünschen  erfüllt,  hatte  G.  den  Kreuzzug  angetreten,  als  ein  völlig  Anderer, 
als  Gottesminnesänger  sah  er  die  Heimath  wieder.  Aber  noch  mehr.  Nicht 
bloß  innerlich,  sondern  auch  äußerlich  umgewandelt  kehrte  er  von  der  Fahrt 
zurück^  (S.  33).  Darüber  gebe  uns  das  zweite  geistliche,  unter  Gottfrieds 
Namen  von  der  Pariser  Hs.  überlieferte  Lied,  das  Lied  von  der  „willigen", 
von  der  „geistlichen  Armuth",  den  bestimmtesten  Aufschluss.  Der  mystische 
sanfte  Ton,  in  welchem  hier  das  Lob  der  demüthigen  Tugend  gesungen 
werde,  lasse  keinen  Zweifel  darüber,  daß  der  Sänger  (d. i.  Gottfried)  eben 
selbst  ein  williglicher,  geistlicher  Armer  gewesen,  daß  er,  mit  andern  Wor- 
ten; dem  gerade  in  den  Jahren  1217—1221  mächtig  aufblühenden  Orden 
des  hl.  Franz  von  Assisi  angehört  habe.  Hiebei  bleibe  nur  die  Frage,  ob  G. 
erst  nach  seiner  Rückkehr  in  Deutschland  selbst  oder  schon  früher,  auf  der 
Kreuzfahrt,  das  Kleid  des  hl.  Franciscus  genommen  habe.  Der  Verfasser 
hält  das  Letztere  fax  das  Wahrscheinlichere.  „Einmal  wäre  der  Eintritt  des 
überall  bekannten  Meisters  in  den  geringen  Orden  in  Deutschland  ein  Er- 
eigniss  gewesen,  das  nimmer  ohne  das  größte  Aufsehen  hätte  vor  sich  gehen 
können"  (während  doch-alle,  die  G.  kennen,  wie  von  der  sittlichen  Verände- 
rung des  Dichters  so  auch  von  diesem  Schritte  schweigen) ,  sodann  „weise 
der  Charakter  der  außerordentlichen  That  selbst  auf  die  Kreuzfahrt  hin,  als 
die  Zeit ,  in  welcher  am  wenigsten  die  Anregungen  zu  einem  so  fronunen, 
hochherzigen  Entschlüsse  fehlen  konnten".  Das  Alles  genügt  dem  Verfasser 
noch  nicht,  es  stellt  sich  ihm  „dieNothwendigkeit  heraus,  daß  dem  entschie- 
den weltlichen  Charakter  Gottfrieds  ein  übermächtiges  Ereigniss  entgegen 
getreten  sein,  daß  eine  höhere  Gewalt  in  sein  Leben  eingegriffen  haben 
müße".  Nichts  erscheint  ihm  daher  „so  geeigneTi,  eine  Wirkung,  wie  sie  in 
Gottfrieds  Bekehrung  und  Ordensannahme  vor  uns  steht,  zu  erklären**,  als 
die  Annahme,  „der  hl.  Franciscus  selbst  habe  nnsem  Meister  der  Welt  ab- 


ÜBER  GOTTFRIED  VON  STRASSBUR6.  61 

wendig  gemacht  und  unter  seine  Jünger  aufgenommen^  (S.38).  Daß  unter 
solchen  Umständen  von  einer  Vollendung  des  Tristan  keine  Rede  mehr  war, 
versteht  sich  von  selbst. 

Dies  in  Kürze  der  wesentlichste  Inhalt  der  Schrift  des  Herrn  Watterich, 
die,  was  man  auch  immer  gegen  seine  oft  mehr  als  kühnen  Schlüsse  sagen 
mag,  mit  hinreißendem  Schwünge  geschrieben  ist.  Ich  habe,  so  verlockend 
es  wäre,  keine  Lust,  dem  Verfasser  in  das  Reich  seiner  luftigen  Phantasieen 
zu  folgen ,  sondern  werde ,  statt  einer  eingehenden  Widerlegung ,  den  zwar 
nicht  kurzem  oder  leichtern,  wohl  aber  sicherem  Weg  einschlagen;  ich  werde 
seiner  Hypothese  einfach  die  Grandlage  unter  den  Füßen  wegziehen,  indem 
ich  darthue,  daß  Gottfried  weder  den  Lobgesang  noch  das  Lied  von  der  Ar- 
muth  gedichtet  hat,  daß  er  beide  unmöglich  gedichtet  haben  kann.  Dieser 
Beweis  lässt  sich,  wie  ich  glaube,  mit  vollster  Sicherheit  fahren. 

Seit  es  in  der  altdeutschen  Philologie  eine  wissenschaftliche  Kritik  gibt, 
hat  bei  Fragen  über  die  IdentitäC  zwischen  Dichtem  und  den  ihnen  zugeschrie- 
benen Werken  die  Betrachtung  und  Prüfung  von  Vers  und  Reim  stets  als 
eines  der  ersten  und  wichtigsten  Kriterien  gegolten ,  und  dieses  Kriterium 
wird  auch,  so  lange  eine  Kritik  besteht,  die  den  Namen  wirklich  verdient,  in 
Geltung  bleiben.  Mit  Hilfe  dieses  Kriteriums  wurden,  um  hier  nur  Ein  Bei- 
spiel anzuführen,  dem  Konrad  von  Würzburg  durch  Lachmann  die  ihm  unter- 
schobenen Erzählungen  von  der  halben  Birn  (s.  Auswahl  S.  III)  und 
von  alten  Weibes  List  (Gesammtabenteuer  1,  189  jQf.,  s.  zur  Klage  816), 
femer  durch  Lachmann  und  Wilh.  Grimm  das  in  v.  d.  Hagens  MS.  3,  337 
— 344  abgedruckte  Ave  Maria  (s.  gold.  Schmiede  S.  XII.)  abgesprochen, 
auf  der  andern  Seite  demselben  Dichter  mehrere  ohne  seinen  Namen  über- 
lieferte Gedichte  zugesprochen ,  so  das  Tumier  von  Nantes  durch  Docen ,  so 
Partinopier  und  Meliur  durch  Wilh.  Wackernagel  (Litt-Gesch.  S.  213,  vor 
ihm  schon  durch  Lachmann  zu  d.  Nib.  682) :  beides  das  Nehmen  und  Geben 
konnte  mit  zweifelloser  Sicherheit  geschehen.  Die  Beispiele  ähnlicher  Schei- 
dungen ließen  sich  häufen. 

Um  so  größere  Verwunderung  muß  es  erregen,  daß  bisher  noch  keiner, 
selbst  der  neueste  Herausgeber  nicht,  der  doch  dazu  die  meiste  Veranlassung 
hatte,  an  den  Lobgesang  den  Maßstab  dieses  Kriteriums  gelegt  hat ;  der  Irr- 
thum  hätte  Niemand  verborgen  bleiben  können.  In  der  That  ist  es  kaum  zu 
begreifen,  daß  eine  Kritik,  der  sonst  ein  einziger,  mit  erträumten  metrischen 
Regeln  im  Widersprach  stehender  Versschluß  (z.  B.  was  ich,  tet  ich)  hin- 
reicht, um  Walthern  oder  Reinmar  ein  Lied  abzusprechen,  an  diesem  Ge- 
dichte, als  einem  gottMedischen,  keinen  Anstoß  genommen  hat.  Unter  allen 
Dichtern  aus  der  klassischen  Zeit  der  mhd.  Poesie  hat.  Hartmann  und  Walt- 
her Aicht  ausgenonunen,  keiner  sich  von  dialectischen  Eigenheiten  so  frei  zu 
.halten  gewusst,  keiner  ist  dem  Ideal  der  höfischen  Sprache,  wie  die  Gram- 
matik sie  darstellt,  so  nahe  gekommen  als  Gottfried  von  Straßbürg.   Versbau 


ff^  PEANZ  PFEIPFEB 

und  Beim  iA  seinem  Tristan  sind  von  tadelloser  Reinheit ;  in  den  nahezu 
20^000  Versen  dieses  Gedichtes  findet  sich  kein  einziger  angenauer  Reim, 
nicht  einmal  a:ä,  eine  Freiheit ,  die  sich  alle,  auch  die  genaustreimenden 
Dichter,  jezuweilen  gestattet  haben.  ^)  Vergleicht  man  nun  den  Tristan  in 
Versbau  und  Reim  mit  dem  Lobgesang  (ich  habe  es  zunächst  mit  diesem  zu 
thun  und  werde  das  Lied  von  der  Armuth  später  besprechen),  so  muß  man 
verstaunen  über  den  Unterschied,  der  sich  zwischen  beiden  Gedichten  sogleich 
bemerkbar  macht.  Während  dort,  in  dem  umfangreichen  Epos,  durchweg 
die  größte  Genauigkeit  und  Gorrectheit  waltet,  herrscht  hier  in  den  wenigen 
Strophen  eine  Verwilderung,  ja  Rohheit  des  Verses  und  Reimes,  wie  sie 
nicht  größer  sein  kann.  Beide  Gedichte  verhalten  sich  in  dieser  Beziehung 
zu  einander  wie  Tag  und  Nacht,  sie  bilden  in  ihrer  äußern  Form  Gegensätze 
von  einer  Grelle  und  Unversöhnlichkeit,  wie  sie  sich  im  Inhalt  selbst  kaum 
schärfer  ausspricht.   Und  diese  Gedichte  sollten  emerlei  Verfasser  haben  ? 

Betrachten  wir  zuerst  den  R^im ,  wie  er  im  Lobgesang  erscheint.  Da 
begegnen  uns,  obwohl  nur  selten  und  aufa:  ä  beschränkt,  folgende  ungenaue 
Reime:  hdnt:  genant  3,  5.  rät:  sät:  etat  26,  5.  än\  kan:  man:  dwn  35, 
12.  —  Sodann  finden  wir  ziemlich  häufig  m;  n  im  Reime  gebunden  :  twm\ 
Sturm:  hwrm:  wurm  19,  9.  stein:  helfenbein:  honicseim2\,  1.  swofn:  zan: 
stam:  gan  23,  12.  laden:  gadem:  baden  34,  5.  lobeaam:  m>an:  bran:  kan 
34,  9.  zam:  man.:  kan 38, 3»  wünnesam:  an:  man 4^3,  6.  hanicseim:  rein: 
mein  90,  5.  seime:  reine  65 ,  S,  bön  (=  boum) :  I6n:  dSn  92,  3.  Auf  die 
beiden  zuletzt  verzeichneten  werde  ich  später  noch  zu  reden  kommen.  Ver- 
einzelt erscheinen  solche  Reime  schon  bei  Dichtem  der  klassischen  Zeit;  bei 
Hartmann  mehrmal  im  Erec,  einmal  im  Gregor  (s.  Haupts  Erec  S.  XV)  971 
und  l.Biichlein,  in  seinen  spätem  GedichLen,  im  a.  Heinrich  und  Iwein,  mei- 
det er  sie;  Walther  zweimal  genam:  spilman  63,  3.  5.  heim:  stein  30,  16. 
bei  Wolfram,  einmal  rCim:  poulvnVzxz,  *77,  28.  bei  Bernger  von  Horheim 
kam:  wän  u.  s.  w.  MF.  112,  2.  beim  Freidank  zweimal  ruam:  tuon  99,  3, 
oeheim:  dehein  141,  3.  bei  Singenberg  arm:  vam  MSH.  1,  298'.  Gottfried 
von  Neifen  gram:  kan  14,  25.  bei  Rudolf  A^m:  ein  Bari.  16,  39.  ebd.  leim: 
stein  321,  21:  dehein  386,  24.  ruom:  tuon  g.  Gerh.  6901.  bei  Burkhart 
von  Hohenfels  arw ;  vam  MSH.  1, 204*.  tum:  stürm  ebd.  1,  209'.  Mai  man: 
nam  86,  4.  bei  Konrad  heim:  schein  Troj.5722.  stein:  heim  ebd.  13682. 
nam:  Indian  18701  (vgl.  Silvester  zu  80)  und  öfter.  Von  den  Dichtern  aus 
der  ersten  Hälfte  des  13.  Jahrh.  gebraucht  diese  Reime  wohl  am  häufigsten 


*)  Selbst  die  einzige  Ansnahme ,  die  er  sich  öfter  erlaubt ,  indem  er  vcm  neben  von  im 
Behne  braucht  z.  B.  6,  19.  9.  1.  13.  23.  16,  25.  116.  2.  118,  39  u.  s.  w.,  verräth,  da  sie 
sieh  auch  bei  andern  Dichtem  (vgl.  Flore  239,  Teicbner:  Liedersaal  1,  423.  439.  469,  Kara- 
jan  S.  17.  Seifried  Helbiing  8,  1014:  Haapts  Zeitschrift  4,  191  und  Ottokar:  Wackemageli 
LB.  1»  827,  25)  trifil,  keine  besondere  Mondart,  sondern  ist  Überrest  des  ahd.  -an  fUr  -on:  ■• 
Grammatik  1*,  85.  336.  450. 


ÜBER  GOTTTRIED  VON  STRASSBÜRG.  $^ 

der  Spicker,  die  Fälle  verzeichnet  Bartsch  im  Karl  S^LIII.  Etst  gegen 
Ende  des  Jahrhunderts  fangen  sie  an  zahlreicher  bei  den  einzelnen  Dichtem 
anfzutreten.  Im  Heinzelin  Jieim:  enein  136.  an:  Ufünnesam  203.  kam:  an 
1227:  wol^etdn  2231*  kan:  wünneaam  211.  nam:  manVlb.  arm:vam 
1113.  2429:  gevaan  2371.  rwm:  tuen  R.  131.  301.  hl.  Martina  ruom: 
tuon  Is  21.  vemim:  hin  7,  109  und  öfter.  Littauer  lobemm:  man  63.  ffe^ 
nam:  man  304.  Sigenot  nam:  mänb^l,  25,2.  genam:  ^a»911.  nam: 
an  18)  1 :  dan  23,  7.  lobesam:  dem  19,  13.  heim:  siein  32,  13.  Eggenlied 
nam:  dan 7,  4:  man 83,  2.  221,  2.  lobesam:  man  29,  4.  76,  7:  an  33,  4: 
bran  106,  7:  tan  136,  6:  gän  63,  11.  bekam:  man 55,  4.  Femer  bei  Had- 
laub  nam:  häm  2,  6.  kam:  an  8,  3.  fUrkam:  ergdn  6,  1.  wünnesam:  kan, 
lobesam :  kan :  man :  hdn  u.  s.  w.  Bei  Gottfried  findet  sich  nur  ein  einziges 
Beispiel  o^Äirfiwi:  alein  291,  23,  während  111,  31  oeheim  mf  heim  reimt. 

Reime  mit  Wegfall  des  auslautenden  ch:  vrS:  h6:  s6  26,  5.  hStvrS: 
alsS  42,  3.  gdind:  dd  66;  7.  nä:  dd\  sd  82,  6.  <ddd:  sld  94,  3.  ho  und 
nd  gebrauchen,  mit  Ausnahme  Gottfrieds,  viele  Dichter,  z.  B.  Hartmann, 
Walther  (dieser  nur  h6^  nicht  nd)  und  Andre  mehr,  vgl.  die  Gramm.  4,  935 
gesammelten  Belegstellen ;  nur  gd  für  gdch  ist  aus  hochdeutschen  Dichtem 
sonst  nicht  nachzuweisen  und  kann  auch  das  mhd.  W.B.  1,  453  nur  aus  dem 
Lobgesang  belegen.  In  mitteldeutschen  Sprachdenkmälern  dagegen  wird 
diese  Form  öfter  getroffen ,  ja  sie  ist  dort  die  regelmäßige ,  z.  B.  Her- 
bort 2401.  4222.  8015  u.  s.  w.  Vergl.  Frommann  zu  179  und  Jeroschin 
S.LXVIIJ. 

Ein  auffallender,  bei  oberdeutschen  Dichtem  ebenso  seltener,  als  bei  den, 
der  Spirans  entschieden  abgeneigten  Mittel- und  Niederdeutschen  häufiger  Fall 
(vgl.  Frommann  zu  Herbort  179.  W.Grimm zöAthisS.  1 5.  Jeroschin S.LXVIII. 
Parz.222,  26  unervorht:  ort,  182,  6.  ^porten:  vorhten,  s.  Gramm.  1*,  351. 
437 ;  ferner  das  Miederrheinische)  ist  die  Unterdrückung  des  inlautenden  h 
in  vorhte:  parte  33,  4.  Doch  fehlt  es  auch  bei  entschieden  alamannischen 
Schriftstellern  hiefür  nicht  ganz  an  Beispielen :  er  wirt  dd  M  hie  unde  dort 
gesichert  gar  von  arger  vorht :  Bruchstücke  eines  großem  Gedichtes  auf  K. 
Ludwig  den  Baicr,  in  meinem  Besitz;  ferner  in  einem  mit  Unrecht  deni 
Marner  zugeschriebenen  Liede:  wuohs:  m««o^MSH.2,253\  missetdt:  brdht 
ebd.  256 ^  hdte:  brdhte:  ddhte  Rudolf  von  Fenis  MF.  80,  13.  lieht:  verriet: 
nieht:  gesehiet  ebd.  82,  20.  Auch  die  bei  altem  und  jungem  Dichtern  aus 
diesen  Gegenden  so  häufig  erscheinenden  Reime  von  niet  =  niht  auf  liet 
n.  8.  w.  (ein  Beispiel  noch  aus  dem  14.  Jahrh.  bei  Hadlaub  niet:  liet  MSH. 
2,  288')  sind  hieher  zu  ziehen,  vgl.  Grammatik  P,  351.  439. 

Im  Tristan  zeigt  sich  natürlich  kein  solcher  Reim.  Noch  auffallender 
als  die  im  vorstehenden  besprochenen  Erscheinungen  sind  die  im  Lobgesang 
mehrfach  vorkommenden  Reime,  in  denen  s  mit  z  gebunden  wird,  glas: 
besaz:  vaz:  laz4,  12:  bau:  hag  16,  11 :  vaz:  adamas  93,  1.  vaa:  adamas: 


54  FRANZ  PFEIFFEB 

Mpiegelghu  25,  1:  was\  erlas  31,  5:  was:  dajp:  haz:  saz  52,  13:  huwef' 
gazi  haz:  glae  92,  9—13.  vltzi  wie:  rSe  18,  5.  rie:  prie  40,  6.  dmis:  prie 
85,3.  genSzelSe:  gSz:  genöz:  gr6zA7,  12.  Mit  einer  einzigen  Ausnahme 
(Wigalois  288,  29.  30:  verlos:  sUz)  hat  sich  kein  Dichter  aus  der  klassi- 
schen Zeit  je  einen  solchen  Reim  erlaubt,  Weder  Gottfried,  Hartmann,  Walt- 
her, Flec,  noch  selbst  Wolfram,  der  es  mit  dem  reinen  Reim  doch  sonst 
nicht  so  genau  zu  nehmen  pflegt,  noch  der  Stricker  und  Andere  (die  in  der 
Gramm.  1*,  414  aus  dem  Parz.434,  15.  434,  25.  485,  12.  Flore  7.  8. 
Boppe  MSH.  2,  385^  beigebrachten  Beispiele  fallen  sämmtlich  weg).^)  Ge- 
gen die  Mitte  des  Jhd.  fangen  diese  ungenauen  Heime  an  durchzpbrechen, 
obwohl  noch  in  mäßiger  Zahl  und  nicht  bei  Dichtern ,  die  sich  die  guten 
alten  Meister  zum  Vorbild  genommen  haben,  wie  z.B.  Rudolf  und  Eonrad. 
Gottfried  von  Neifen  (1234 — 1255)  gras:  saz:  daz  48,  19.  Ulrich  von 
Winterstetten  (1239:  Staelin2,  615)  kös:  grSz:  genSz  MSH.  1,  136.  Mar- 
ter (in  einem  liede,  das  ihm  aber  wohl  nicht  gehört,  vgl.  MSH.  4,  536)  be- 
saz:  las  MSH. 2,  253'.  254'  ff.  ris:  vUz.  ebd.  255 \  Konrad  von  Altstetten 
was:  laz  ebd.  2,  65'.  wtz: pris  ebd.  Teschler  ha^s:  glas:  was  ebd.  2,  126*. 
was:  vergaz:  ba^  130'.  erkös:  bUz:  genöz  125*:  gr6z  126'  u. s.w.  Erst 
zu  Ende  des  Jhd.  nimmt  diese  Reiniverwilderung  überhand  Heinzelein  was: 
daz  129.  wirs:  mirz  2093.  vUz:  prts  845.  Hz:  aUus  R.  367  u.  s.  f.  (vergl. 
die  gesammelten  Stellen  ^.  138  meiner  Ausgabe).  Hl.  Martina  Spiegelglas: 
baz  209,  73.  gelas:  haz  3,  37.  was:  vaz  3,  107.  genas:  haz  4,  20.  daz: 
was  7,  75.  daz:  was ^73,  51.  282,  27  u.  s.  f.  Sigenot  was:  daz  37 ,  4: 
naz  Eggenlied  114,  7.  vergaz:  gelas  43,  7.  Eggenlied  wts:  vliz  44,  9.  hiJts: 
üz  45,  7.  saz:  was  101,  1.  HadlaubtrerW«;  grSz  MSH.  2,  285*.  was:  baz 
278*.  276*  und  öfter,  wtz:  pris  280*.  müs:  il?  281*.  ^:  hüs  283*.  Lit- 
taxier  palas:  saz  306.  ^:  hüs  53.  295. 

Schon  aus  diesen  Reimen  allein  wäre  der  zwingende  Beweis  zu  fuhren, 
da0  Gottfried  unmöglich  der  Verfasser  des  Lobgesangs  sein  kann.  Wir  sind 
aber  noch  lange  nicht  zu  Ende. 

Von  der  Apokope  des  Dativs  im  Reim,  selbst  bei  Wörtern,  wo  sie  alt- 
hergebracht ist  und  andere  Dichter  sie  sich  zuweilen  gestattet  haben,  wird 
sich  im  Tristan  kein  Beispiel  finden.  Im  Lobgesang  tritt  sie  nur  einmal  ein 
64,  9  in  dem  reinen  muot:  guot:  bluot:  tuot,  wo  indess  Wohl  besser  du 
jestim  den  reinen  nmot  zu  lesen  ist.     Dagegen  finden  sich,  was  viel 


/)  I^  gleicher  Weise  sind  die  von  Scholl  in  seiner  Ausgabe  der  Krone  von  Heinrich  Tom 
Türlein  (Stuttgart  1852)  aus  einem  Gedichte  tou  30,000  Versen  (S.  XIII)  angemerkten  drei 
Fälle ,  wo  z  und  4  mit  einander  gereimt  werden ,  folgendermaßen  zu  bessern.  V.  649  lies 
lowkM  unkunders  (:  Lunders)  nie  geworhu  meisteri  hant:  ein  ungethttmeres  Werk  schuf  nie 
eines  Meisters  Hand;  die  Hss.  haben  des  Werkes  unkimdirs.  —  2745.  künee  und  her,  mich 
dunkei  des  (;  wes) ;  Beispiele  Tom  Genitiv  der  Sache  bei  dunksn  stehen  im  mhd.  W.  B.  1, 
360»  oben.  —  25,580  lies  und  an  vrö'uden  was  so  laz  (die  Hs«  so  krank  was),  so  arm  an 
Freuden ;  vgl.  Para.  662,  8.  diu  magst  wart  an/reuden  laz. 


ÜBER  GOTTFRIED  VOK  STRASSBUB6.  g5 

schlimmer  und  ein  handgreifliches  Zeichen  von  der  Rohheit  späterer  Zeit  ist, 
eine  Anzahl  Reime,  in  denen  das  auslautende  tonlose  e,  was  nur  höchst  sel- 
ten und  von  keinem  correcten  Dichter  geschieht,  gegen  allen  Sprachgebrauch 
unterdrückt  wird.  Solche  Reime  sind  man:  getan:  plan  23,  5.  89,  !.  dn: 
kam  man:  dan  35,  12.  rein:  honicsein:  mein  90,  6.  klein:  nein:  enein  43, 
13.  Stern:  wem:  entwem  20,  1.  29,  1.  63,  1.  für  m>äne,  äne,  reine,  kleine, 
Sterne.  Beispiele  dieser  tadelnswerthen  Apocope  des  auslautenden  tonlosen 
e  weiß  ich  erst  um  die  Mitte  des  13.  Jhd.  und  nur  bei  6inem  Dichter  nach- 
zuweisen: bei  Reinbot  von  Turne,  der  in  seinem  hl,  Qeorg  s^l:  MchaMl 
4875.  6082:  IsraM  3063.  ffot:  bot  (=bote)  484.  ffert  (=  fferte):  swert 
1616:  ffewert  6604.  gema^^Ket:  erwacket(e)  1817.  unwrzaget:  sagetie) 
5276  reimt.  Gebildete  und  genau  reimende  Dichter  dagegen  haben  sich 
später  noch,  so  Konrad  von  Würzburg  (vgl.  Haupt  zu  Engelhard  420),  dieser 
und  ähnlicher  fehlerhafter  Kürzungen  enthalten.  Selbst  zu  Ende  des  Jahr- 
hunderts sind  sie  nur  selten  und  vereinzelt  zu  treffen,  z.  B.  Wartburgskrieg 
MSH.  2,  17*:  wert:  gerüe).  Bruder  Eberhard  von  Sax  ebd.  1,  69  dornen 
an:  heilsam.  Häufiger  begegnen  sie  erst  bei  Heinzelein  (s. die  zu  S.  139 
meiner  Ausgabe  verzeichneten  Fälle)  und  im  14.  Jahrh. 

Ein  weiteres,  sehr  merkwürdiges  Zeugniss  von  dem  Mangel  aller  künst« 
ierischen  Bildung  gewährt  folgender,  schon  oben  im  Vorbeigehen  aufgeführter 
Reim  i'siistein  wehe  des  lebenden  honeges  seine  (:  reine)  65, 8.  Zuerst  steht 
hier  gegen  allen  Gebrauch  inlautend  n  statt  m,  denn  bei  allen  Dichtern,  die 
auslautend  m  mit  n  im  Reime  binden ,  wird  im  Inlaut  das  unorganische  n 
wieder  zu  m  (vgl.  Grammatik  1',  386).  Beispiele  aus  altern,  noch  ungenau 
reimenden  Dichtem,  z.B.  ^tJ^^n^  (wofür  jedoch  eben  so  gut  bilgerime  gele- 
sen werden  könnte):  Urne  Kolmas  MF.  121 ,  3.  schöne :  kSme  Dietmar  von 
Aist  ebd.  32,  3.  BiUgrimen:  erschtnen  Biterolf  9237.  Seime:  eine  ebd. 
12,894  können  ebenso  wenig  dagegen  gehalten  werden,  als  der  bei  Wolfram 
WUh.  46,  6.  Wigalois  14,  1  und  Wigamur  2518  erscheinende,  altherge- 
brachte und  gleichsam  typisch  gewordene  Reim  künic :  frümic  (vgl.  K.  Ruther 
6.  7.  kumige:  frumige:  Benecke  zu  Wigalois  S.4.38  und  Gramm.  1*,  386). 
Dieser  Reim  ist  aber  noch  in  anderer  Beziehung  merkwürdig,  seine  muß  hier 
nothwendig  Genitiv  sein ;  als  Genitiv  Flur,  erklärt  es  Wackemagel  im  Glos- 
sar S.  470*,  also  mit  Auflösung  des  Satzes:  si  ist  ein  wabe  der  seime  des 
Inenden  honeges.  Diese  Erklärung  scheint  mir  nicht  richtig,  seim  heifit 
zwar  schon  für  sich  allein  der  ans  der  Wabe  fließende  reine  Honig,  nectar. 
Viel  häufiger  erscheint  jedoch  das  zusammengesetzte  Wort  honicseim^  so 
auch  im  LG.  selbst  21 ,  1.  90,  5,  und  ich  zweifle,  ob  seim  im  Mhd.  je  im 
Plural  gebraucht  wurde*  seim  steht  gewiss  auch  65,  8  im  Sing. ;  da  aber  der 
Dichter  den  Genitiv  nicht  im  Reime  B,uf  reine  brauchen  konnte,  so  suchte  er 
sich  dadurch  zu  hßlfen ,  daß  er  die  Genitivflexion  dem  ersten  Wort  der  Zu^ 
saannensetzung  zutheüte:  des  lebenden  honeges  seine  steht  statt  des  lebenden 

okumawä.  m.  5 


66  FRANZ  PFEIFrER 

hanecseimes.  Anailoge  Fälle  stehen  mir  zwar  im  Augenblicke  keine  za  Ge- 
bote, ich  zweifle  aber  nicht,  daß  sie  sich  in  späterer  Zeit,  wo  das  Gefahl  für 
Reinheit  und  Correctheit  der  Sprache  und  Form  mehr  und  mehr  zu  schwin- 
den begann,  irgendwo  werden  nachweisen  lassen. 

Mundartlich,  nicht  der  höfischen  Sprache  gemä»  ist  har  für  her:  ir 
hemden  himel,  neigt  iueh  har:  war:  enbar  12,  1.  In  schweizerischen  und 
elsässischen  Urkunden  und  Hss.  kann  man  dieser  Form  auf  jedem  Blatte  be-^ 
gegnen«  Gereimt  finde  ich  sie  nur :  sine  mohte  hin  noch  har  (:  war)  Rem- 
hart  1171.  lanffe  har  Q.gevar)  Ulrich  von  Winter stetten  (MSH,  1,  136*). 
werg^  dd  har  i:dar)  Burggraf  von  Luenz  (ebd.  1,  211).  bizhar:  ewar  Ru- 
dolf von  Rottenburg  (eb.  1,  86).  er  kSrt  ez  hin^  er  hM  ez  har  (:  war)  Bo- 
ner 38,  15.  daz  ich  zuo  dir  bin  kamen  har  Q.war)  Liedersaal  1,  177.  sage 
waz  hat  dich  har  (:dar)  ge/üert  in  dise  auwe  ebd.  1,  678.  vgl.  Gramm.  1", 
130.  3,  179,  wo  noch  auf  die  mir  gerade  nicht  zugänglichen  Fragmente  36% 
37*  (in  Müllers  Sammlung  Bd.  3)  verwiesen  ist.  Im  Reime  kommt  har  so 
wenig  bei  Gottfried  als  bei  Rudolf  von  Ems  und  den  übrigen  altern  höfischen 
Dichtern  vor. 

Hiezu  stelle  ich  das  92,  3  im  Reime  erscheinende  bön  (:  ISn:  dSn),  das 
für  bäum  steht ,  und  bis  jetzt  nur  noch  einmal  durch  den  Reim  belegt  ist  in 
dem  zu  Ende  der  Weingartner  Liederhandschrift  (S.  333)  hinter  der  Minne- 
lehre von  Heinzelein  folgenden  kleinen  Gedichte:  so  wissent  da>z  ich  min 
craft  wider  gewinne  als  der  bon  (:  Ion).  bSn  =  boum  ist  eine,  zwar  auch  an- 
dern Dialecten ,  z.B.  dem  niederrheinischen  (sieh  Wemher  37,  4  bSngart) 
nicht  völlig  fremde ,  doch  vorzugsweise  ostschweizerische  und  ob^rschwäbi- 
sehe ,  noch  heute  in  diesen  Gegenden  gebräuchliche  Form.  Im  habsburgi- 
schen  Urbar  lesen  die  Hss.  durchweg  bongarte  für  boumgarte  (s.  die  Les- 
arten S.  113,  25.  124,29.  160,28.  222,33.  293, 9),  und  in  Oberschwaben 
lautet  des  Wort  noch  jetzt  bongert.  Ebenso  begegnet  in  der  unzweifelhaft 
in  der  Ostschweiz  geschriebenen  Pariser  Hs.  neben  boun  (z.B.  bown-gartegin 
MS.  1,  7\  boun  109')  zuweilen  auch  b6n  (MF.  zu  111,  12).  Diesem  Über- 
gang des  ou  in  6  (worüber  Gramm.  1',  193  zu  vergleichen)  entspricht  im 
nämlichen  Worte  in  der  österreichisch-baierischen  Mundart  d  =  aie :  der  Teich- 
ner reimt  pdm:  kam,  im  Plural  kam:  pcBm,  kcemen:  pasmen  (s.  Earajan 
S.  17,  vgl.  Schmellers  Gramm.  S.  43).  Übrigens  ist  in  der  Mundart  der  öst- 
lichen Schweizerkantone  so  wenig  als  in  der  österreichischen  (auch  der 
Teichner  reimt  Idft:  sldft,  sa>ch:  dch,  offen:  raffen)  d  =  ou  oder  d^=au  auf 
dieses  einzelne  Wort  beschränkt ;  wie  noch  jetzt  ög,  gUbe^  hopt  (auch  dieses 
findet  sich  im  niederrheinischen:  gelobet:  höbet:  tobet  Heinrich  von  Yeldeke 
MF.  63,  29  ff.),  köf,  16b,  lof,  sömn,  s.w.  (vgl.  Stalders  Dialect.  S.36),  so 
wurde  schon  im  13.  Jahrhund,  in  den  Bodenseegege^den  regelmäßig  urU}b: 
höbet y  16/ u,  s.  w.  nicht  nur  geschrieben,  sondern  gewiss  auch  gesprochen. 
Die  Hss.  des  habsb.  Urbarbuches  lesen  rdchhaber  235,  20.  23.  r6/et  141,  3. 


ÜBER  GOTTFBIM)  VOWf  STRASSBUBG.  67 

lip$€h^  130,  18.  s6m,  söme  238,  16.  229,  7.  235,  32,  und  weitere  Bei- 
spiele kann  die  nächste  beste  ürkandensammlung  die  Fülle  liefern.  Obwohl 
ich  nun  nicht  behaupten  will,  dieses  6  für  ou  sei  der  elsässischen  Mundart 
gänzlich  fremd,  so  ist  doch  soviel  sicher,  daß  es  sich  hier  bei  weitem  nicht  so 
häufig  findet  Man  wird  daher  nicht  weit  neben  das  Ziel  schießen,  wenn  man 
die  Heimat  eines  Dichters ,  der  neben  har  (=  her)  bäum  mit  Idn  im  Reime 
bindet,  in  der  Nähe  des  Bodensees  sucht,  der  ihm  nicht  unbekannt  ist  und  zu 
einem  hübschen  Bilde  dient,  indem  er  sagt:  wan  nUner  Sünden  der  ut  mt 
dem  wäge$  in  dem  Boden»i  7,  5.  6. 

Ich  verzeichne  noch  einige  eigenthümliche  Reime,  die  ebenfalls  auf  diese 
Gegend  deuten,  ich  bin  der  wrnier  eine  Okieine)  6,  10.  Hier  steht  eine 
vielleicht  statt  einer^  wahrscheinlicher  jedoch  statt  ein  (vgl.  sS  bin  ich  dach 
der  werden  ein  Walther  66,  37.  atner  junkherren  ein  Barlaam  377,  34), 
und  dann  haben  wir  hier  dieselbe  Erscheinung,  auf  die  schon  Holtzmann  in 
Betreff  der  Laßberg.  Nibelungen  Hs.  (Nibel.-Lied  S.  IX)  aufmerksam  ge- 
macht hat,  die  Neigung  nämlich ,  gewissen  Wertem  auslautend  ein  unorga- 
nisches ^  anzuhängen ,  z.B.knehtey  Menge  ^  der  hofe,  ein  biecho/e  \x.s.vr. 
Aach  in  andern  Hss.  aus  diesen  Gegenden  beoierkt  man  diese  Eigenheit. 
Im  Reim  braucht  eine  in  dieser  Form  sonst  nur  noch  Eonrad  Flec,  ein  Dich- 
ter also,  der  vermuthlich  ebendort  zu  Hause  war,  in  Flore  3368  er  waa  der 
rtchsten  eine  (:  kleine),  6786  daz  er  waa  der  besten  eine  (isteine). 

Ebenso  verhält  es  sich  wohl  mit  dem  schwachen  adverbialen  Genitiv 
V\uT,  der  toffen  (vgl.  Gramm. 3,  135):  daz  ich  der  tagen  0  klagen:  sagen) 
s6  lützel  hete  der  mitme  6,3,  wovon  sich  zwar  vereinzelte  Beispiele  auch 
bei  andern  Dichtern  (vgl.  Gramm.  4,  585.  509.  Hahn  1,  93),  doch  nirgend 
so  häufig  treffen,  als  in  Handschriften,  die  aus  der  Ostschweiz  stammen 
(vgl.  die  von  Lachmann  zu  den  Nibelungen  461 ,  2.  aus  den  Hss.  ABC  ge- 
sammelten Belege). 

Indem  ich  unerlaubte  rührende  Reime  (ßtn:  dtn  12,  9.  gewan:  gewan 
31,  2.  ansehen:  ansehen  84,  9.  13),  Wörtformen  wie  anUiit 88,  9  (vom Her- 
ansgeber unnöthig  in  anUiUz  verändert  und  verkürzt,  denn  wer  bön:  I6n 
reimt,  dem  darf  man  auch  die  altschweizerische  Wortbildung  anÜiU,  anUit 
zutrauen)  und  anderes  der  Art  übergehe,  will  ich  zum  Schlüsse  nur  noch 
etwas,  scheinbar  Unwichtiges,  in  Wirklichkeit  aber  sehr  Bezeichnendes  her- 
vorheben, ich  meine  das  Wort  urünne,  das  bekanntlich  von  einigen  Dichtern 
mit,  von  den  andern  ohne  Umlaut  gebraucht  wird.  Im  Lobgesang  erscheint 
es  sehr  oft,  stets  mit  Mnn^  (15,  10.  17,  4.  40,  10.  58,  10.  79,  10.  90,  4), 
nie  mit  brunne  oder  «unn^  gebunden,  die  nur  unter  sich  gereimt  werden: 
13,  10.  38,  10.  60,  10.  62,  10.  Daraus  erhellt,  daß  der  Verfasser  des  Lob- 
gesangs  wünne  mit  dem  Umlaut  sprach.  Umgekehrt  reimt  Gottfried  im 
Tristan  umtme  nur  mit  sunne  8,  16.  9,  33.  42,  15.  277,  11.  316,  11.  421, 
3.  431,  11.   441,  29.  und  brtmne  436,  19,  nie  mit  hünnef  das  wenn  ich 

5» 


$8  FfiANZ  PFEIFFER 

richtig  beobachtet  nur  einmal  mit  ^^m^  gereimt  wird,  und  beweist  dadarch, 
daß  er  das  Wort  nar  in  der  alten  unumgelantenden  Form  kannte  und 
brauchte.  So  geringfügig  dies  vielleicht  Manchem  scheinen  wird ,  so  liegt 
doch  auch  darin  ein  so  strenger  Beweis,  als  irgend  einer  der  vorausgehen- 
den, der  Beweis  nämlich,  daß  Gottfried  nicht  der  Verfasser  des  Lobgesangs 
sein  kann. 

So  viel  über  den  Reim.  Der  Yersbaa  ist  um  nichts  sorgfaltiger  und 
entspricht  der  Incorrectheit  und  Verwilderung,  die  wir  in  jenem  gefunden 
haben,  während  die  Verse  im  Tristan  mit  einer  Kunst»  einer  Zierlichkeit  und 
einem  feinen  Gehör  fiir  Wohllaut  gebaut  sind,  wie  in  keinem  andern  epischen 
Gedichte  des  Mittelalters.  Lachmann  freilich  hatte  sich  darüber  eine  andere 
Ansicht  gebildet,  indem  er  behauptete,  Gottfried  „habe  bei  den  genauesten 
Reimen  und  bei  scheinbar  regelmäßigem  Silbenfali  gröblich  gegen  die  in- 
nere Reinheit  der  Verse  gesündigt"  (zu  den  Nibelungen  S.  4).  Wenn  man 
aber  sieht  und  weiß ,  daß  sich  die  sämmtlichen  Ausstellungen ,  die  er  gegen 
Gottfrieds  Verse  aufzubringen  im  Stande  war,  auf  ein  paar  Punkte  beschrän- 
ken, auf  Versschlüsse  z.  B.  wie  was  er^  mac  des  iht^  waz  red  ich,  leb  ich, 
lag  er,  nu  sag  Ofa,  daz  tet  &r,  den  hat  ich  (s,  zu  Iwein  4098),  oder  minnet  er, 
erwachst  er,  und  Betonungen  wie  verirreter  Tristan  481 ,  10.  der  verirreU 
Marke  383,  33.  der  verwdzene  w^  210, 5  (vgl  Iwein  S.  532  zu  den  Nib.  305, 
1.  1193,  I.  zur  Klage  S.318),  auf  einige  Fälle  also,  die  mit  dreien  seiner 
metrischen  Regeln  nicht  im  Einklang  stehen ,  so  wird  man  fragen  dürfen,  ob 
jener  herbe  Tadel  irgend  damit  begründet  ist,  und  ob  wir  uns  in  Benrthei- 
Inng  der  gottfriedischen,  und  überhaupt  der  mhd.  Verskunst  für  alle  Zukunft 
nach  jenem  Machtspruche  zu  richten  haben. 

Ich  meine  nämlich,  wenn  es  sich  um  Reim  und  Versbau,  wenn  es  sich 
um  das  Abstrahieren  metrischer  Regeln  handelt,  so  könne  Gottfried  mit 
Recht  verlangen ,  in  erster  Reihe  und  vor  allen  Andern  darum  befragt  zu 
werden.  Angenommen  auch,  Gottfried  habe  sich  Neuerungen,  Abweichun- 
gen vom  Herkömmlichen  erlaubt,  so  war  es  zu  allen  Zeiten  und  bei  allen 
Völkern  in  diesen  Dingen  ein  Vorrecht  ausgezeichneter  Geister,  nicht  bloß 
Gesetze  zu  empfangen ,  sondern  selbst  Gesetze  zu  geben ,  und  dadurch  auf 
Mit-  und  Nachwelt  maßgebend  und  bestimmend  einzuwirken.  Bekanntlich 
war  es  Gottfried,  der  den  vollkommen  reinen  Reim  einführte,  und  „ihm 
schlössen  sich  die  kunstreichsten  unter  den  übrigen  Dichtern  an  "*  (W.Grimm, 
Gescih.  des  Reims  S.  184).  Einem  Manne,  der  ein  so  feines  Gefühl  für  den 
Gleichklang  an  den  Tag  legte,  wird  man  im  Voraus  zutrauen,  daß  er  auch  in- 
nerhalb des  Verses  Alles  vermieden  haben  werde,  was  ein  gebildetes  Ohr  in 
,  damaliger  Zeit  hätte  verletzen  können.  Das  ist  auch,  wie  schon  bemerkt,  in 
hohem  Maße  der  Fall. 

Nun  stellt  aber  Lachmann  die  Regel  auf:  „im  Auslaut  der  letzten  Sen- 
Itung  oder  vorletzten  Hebung  vor  vocalisch  anlautender  letzter  Hebung  dürfen 


ÜBER  GOTTFRIED  VON  STRASSBURG.  ^9 

naph  betontem  kurzem  Vokal  nur  Liqnidäe ,  dann  chy  seh,  z  und  alle  Conso* 
nantenverbindungen,  nicht  aber  eine  Media  h^g\d,  eine  Tennis  p»  h^  %  (die 
Präposition  mit  allein  mache  Jbiier  eine  Ausnahme,  also  mit  im,,  mit  ort  sei 
zulässig),  einfache  Aspirata/,  A,"  auch  8  nicht  Falsch  seien  daher,  obwohl 
im  Tristan  vorkommend,  Versschlüsse  wie  die  oben  angeführten;  erlaubt  da- 
gegen dar  vor  ich,  v6n  der  drt,  üf  den  4it,  tdt  sich  in,  daz  hdmasch  an, 
Jcdmpf  an,  gienc  dh  rdht  dhe,  den  h^c  dbe,  wdz  daz  ist  u.  s.  w.  Der  eigent- 
liche Grund,  warum  dem  einen  Gonsonanten  erlaubt  sein  soll,  was  dem  an- 
dern verboten  ist,  wird  wie  gewöhnlich  verschwiegen,  wohl  aus  dem  eia- 
fachen  Grunde,  weil  es  gar  keinen  stichhaltigen  Grund  dafür  gibt.  Lach- 
mann hat  beobachtet,  daß  bei  einigen  Dichtern,  bei  Hartmann,  Wolfram, 
Ulrich  von  Zatzighofen,  und  ein  paar  andern,  auch  in  der  Nibelungen  Hs.  A, 
Versschlüsse  wie  die  getadelten  gar  nicht  oder  nur  selten  vorkommen ;  da- 
mit war  die  Regel  fertig.  Nun  steht  aber  jenen  eine  ganze  Reihe  anderer, 
darunter  gerade  die  kunstreichsten  Dichter  gegenüber,  die  so  frei  waren  sich 
an  die  Regel  nicht  zu  kehren:  außer  Gottfried,  der  freilich  am  öftesten  sich 
dagegen  versündigt  und  desshalb  fiir  alle  andern  büßen  muß,  Walther  von 
der  Vogelweide  (ßäz  wa^^ch  40,  30),  Reinmar  der  Alte  vrö  wa^  ich  MSH« 
1,  189^  sich  des  dn  192\  ddz  tetich  196*.  d^s  bai  ich  199*),  Bligger  von 
Steinach  (nti  sag  an:  Umhang  29,  s.  meine  Untersuchungen  S.  19),  Wirnt 
irok  an  Wigalois  41 ,  2),  Neithart  Xjddnne  oft  ^  36,  4.  ich  was  ie  37,  2), 
der  Stricker  (s.  die  von  Bartsch  Karl.  S.LXXVII  verzeichneten  Fälle,  wd 
im  Versschlufl  auch/,  s,  t  steht),  Flec  (fach  des  dbe  Flore  4069.  sich  des  4 
6171.  sehend,  daz  vingerUn  was  ir  7028.  ddz  lob  ich  1014,  so  ist  zu  lesen, 
nicht  da^  lobe  ich),  Rudolf  von  Ems  (öfter),  Ulrich  von  Winterstetten  (s6 
stvig  ich  MSH.  1, 171  *),  Rubm  Qd^s  Mt  ich  ebd.  1,  3150>  Konrad  von  Würz- 
burg und  andere  mehr.  Ja  selbst  Hartmann  hat  einmal  (der  dewederen  mag 
ilcÄ  Iwein  4098),  ebenso  Türheim  (diu  lac  öbe  Wilh.  1830,  dieser  sogar  noch 
öfter  (tind  was  ie,  dSr  was  ie,  Mdhmet  ist),  die  Regel  verletzt  (Lachmann 
sucht  sie  freilich  durch  die  sinnreiche  Schreibung  macch  ich :  zu  4098  zu 
retten) ,  und  dadurch  schrumpfen  die  Hauptstützen  dieser  Regel  auf  einige 
wenige  zusammen.  Unter  diesen  Umständen  wird  es  keines  weitem  Be^ 
weises  bedürfen,  daß  diese  angebliche  Regel,  die  überall  gläubig  wiederholt 
wirä  und  mit  deren  Hülfe  man  Walther  (zu  44,  34),  Wolfram  (S.XH)  und 
Reinmar  dem  Alten  (zu  Iwein  S.476,  MF.  S.  310)  Lieder,  die  solche  Vers- 
schlüsse zeigen,  als  unecht  und  unterschoben  abgesprochen  hat,  daß  .diese 
Regel  sag'  ich,  weil  ihr  jede  Begründung  fehlt,  gar  keine  Regel  ist,  sondern 
höchstens  den  Werth  einer  Beobachtung  hat. 

Die  zweite  Regel,  gegen  die  sich  Gottfried  versündigt  haben  soll, 
schreibt  vor,  daß  bei  Wörtern,  „die  der  vocalisch  anlautenden  letzten  Hebung 
vorangehen  und  nicht  vollständig,  sondern-  abgekürzt  sind,  die  Kürzung  nur 
nach  einer  langen  Silbe  oder  Liquida  eintreten  dürfe^.    Hiezu.will  ich  hWf 


70  FRANZ  PFEIFFER 

80  viel  bemerken,  da6  auch  hier  keine  Regel  vorliegt,  die  irgend  eine  allge- 
meine Gültigkeit  hat.  Es  ist  bekannt,  dafi  einzehie  Dichter  die  überschla- 
genden Beime  eben  so  lieben  und  suchen*,  als  andere  sie  meiden.  Letztere, 
die  besonders  daraus  zu  erkennen  sind,  daß  sie  sich  keiner  dreisilbigen  Par- 
ticipia  Praesentis  im  Beime  bedienen,  pflegen  nicht  nur  die  kurz-*,  sondern  auch 
die  langsilbigen  Yerba  der  zweiten  schwachen  Gonjugation  zu  kürzen,  indem 
sie  dankte^  lacJUe,  fluochte^  nUnn!te,u^He,l6nte, zeigte, vrdffte,betrdfftexi,B.vf, 
schreiben,  mit  Syncopierung  des  Ableitungsvocals ,  so  Hartmann,  Wolfram, 
der  Stricker  und  Andere.  Diese ,  die  Hauptpfeiler  jener  Begel ,  haben  sich 
solcher  Yersschlüsse,  wie  mbwiet  er,  erlachet  er,  allerdings,  und  zwar  aas 
Scheu  vor  dem  überschlagenden  Beim,  enthalten,  während  Gottfried,  Ru- 
dolf von  Ems  und  diejenigen,  die  mit  diesen  die  Neigung  zum  überschlagen- 
den Beime  theilen ,  sie  sich  ohne  Bedenken  gestattet  haben.  Es  ist  aach 
gar  nicht  einzusehen,  warum  ein  Dichter,  der  im  Beime  die  vollen  Formen 
Idchete:  machete,  sitmeteni  mirmeten,  vrägeieni  i^^d^^^en  u.  s.  w.  braucht, 
nicht  auch  airmeter,  minneter,  erwacheter,  erlacheter  für  metrisch  und  gram- 
matisch zulässig  halten  sollte:  zwischen  beiden  besteht  lediglich  kein  Unter- 
schied. 

Ich  komme  zur  dritten  und  schwersten  Versündigung,  deren  sich  Gott- 
fried gegen  Lachmanns  Metrik  schuldig  gemacht  hat.  Die  Begel  langet: 
„auf  eine  kurzsilbige  Hebung  mit  unbetontem  e  muß  ebenfalls  eine  Sen- 
kung mit  unbetontem  e  folgen.  In  diesem  Falle  aber  darf  das  unbetonte  e 
der  Senkung  nicht  Auslaut  eines  Wortes  sein,  auch  keinen  andern  Conso- 
nanten  nach  sich  haben  als  n".  Danach  ist  also  des  andren  tägea,  ivurn 
dnd^en  vdnt,  gdr  verzwMUn  Ute,  dehHnen  UehSren  tdo  richtig  und  gut; 
der  dnd&e  vdnt,  ünde  in  kürz^em  zil,  oder  auch  ilmde  in  hirz^me  zil  ganz 
falsch.  „Der  Grund  dieser  Begel"i  fügt  Lachmann  hinzu,  „sei  unbekannt, 
sie  finde  sich  aber  bei  allen  guten  Dichtern,  bei  Wolfram,  Hartmann,  in  den 
Nibelungen,  bei  den  Verfassern  der  Klage  und  des  Biterolf ,  bei  Zatzighofen 
(beiläufig ;  seit  wann  werden  die  drei  letzten  zu  den  'guten  Dichtem'  gerech- 
net?) beobachtet."  Nur  Gottfried,  der  demnach  zu  den  schlechten  Dichtern 
gehört,  „hatte  kein  Ohr  für  die  feinern  Begeln  des  Versbaus",  denn  er 
schreibt  der  verirr Ae  Mdrke39ib,  33.  dA*  verwdzSne  nit  210,  15.  verirrikf 
2VÄ^n481,  10  und,  setze  ich  noch  bei,  ^niw^fe  ^o^(^436,  25.  müif 
v%ng4re  zwein  275,  30.  Zum  Glücke  steht  er  aber  darin  doch  nicht  ganz 
allein:  „die  altem  Dichtern  haben  alle  diesen  Fehler  gemacht,  am  häufigsten 
Heinrich  von  Veldeke,  und  auch  Konrad  begeht  diese  Nachlässigkeit**, 
ebenso  der  Stricker  (vergl.  kleine  Gedichte  ed.  Hahn  S.  XV).  Selbst  mit 
Ulrich  von  Zatzighofen  ist  es  nicht  ganz  richtig  (daz  Verworrdne  tan  lesen 
Lan«.  6062  beide  Hss.,  wie  6789  für  daz  Verworrene  tan,  wofür  der  Heraus- 
geber auf  Lachmanns  Antrieb  dd  zem  Verworrenen  tan  und  für  daz  Verwor- 
rentansetzi)i  und  auch  der  Verfasser  der  Klage  scheint  zu  schwanken:  1355 


ÜBER  GOTTFBIED  VON  STBASSBUBO.  71 

haben  alle  Hss.  bis  auf  A,  die  zergangen  liest,  zergdngine  luünne.  Da  aber 
„dies  wider  die  za  Iwein  6675  aufgestellte  Regel  verstößt,  so  fällt  es  (wie 
natürlich)  schwer,  dem  Dichter  der  Klage  diesen  Fehler  zuzutrauen^'  (Lach- 
mann zur  Klage  S.  318);  es  liege  daher  am  nächsten,  zu  bessern  zergangen 
ir  vrüzme.  Noch  mehr:  in  Hartmanns  Iwein  6575,  an  der  eben  angeführten 
Stelle  lesen  die  Haupthandschriften  übereinstimmend  ime  8^b4me  saget;  „da 
aber  der  nach  der  Anmerkung  S.  340  (d.  h.  nach  obiger  Regel)  mangelhafte  Vers 
nothwendig  zu  verlängern  war",  so  hat  Lachmann  „die  einfachste  £rgän-> 
zang  gewählt"  und  nun  lautet  im  Texte  der  Vers :  iemer  ime  selben  sagt; 
ievner  ist  von  Lachmann  hinzugefügt,  natürlich  ohne  Handschrift. 

Das  beste  konunt  noch.  Zur  Klage  S.  318  sagt  Lachmann:  „im  Par- 
zival  300,  18  war  vmd  uf  geM>Aer  pin  leicht  zu  verbessern,  so  daß  Wolf- 
rams beide  Werke  nun  auch  die  Regel  bestätigen."  Jetzt  heiftt  es  in  Lach- 
manns  Ausgabe : 

ungezalMu  sippe  in  gar 

achiet  von  den  mtzen  sine, 

wfide  'df  gerbete  pine 

von  vater  und  von  nmoter  art. 
Diese  vorgebliche  leichte  Verbesserung  ist  nun  aber  nicht  mehr  und 
nicht  weniger  als  ein  grammatischer  Fehler.  Entweder  muß  es  heißen 
von  den  tvitzen  sitnen  oder  aber,  da  das  dem  Substantivum  nachgesetzte  Pro« 
nomen  Possessi vum  gewöhnlich  unflectiert  bleibt,  von  den  mtzen  sin:  so  ver- 
langt es  die  Grammatik  und  so,  nämlich  sin:  üf  geerdeter  pin,  lesen  ohne 
Ausnahme  aHe  Handschriften  des  Parzival.  Diese  Änderung  erinnert  an 
jenen  Ynerkwürdigen  Ausspruch  Lachmanns  in  Betreff  der  Nibelungenzeile 
851,  1,  wo  A  liegt:  d6  sprach  der  starke  Sifrit  mit  h^lichen  site:  „här- 
Uchen  (statt  hMtchem)  sei  eigentlich  ungrammatisch,  aber  (nach  der  Regel 
nämlich ,  wonach  der  adjectivische  Dativ  auf  m  in  der  letzten  Senkung  nicht 
gebraucht  werden  dürfe)  metrisch  richtig."  Ich  für  meinen  Theil  bin  der 
Ansicht,  eine  metrische  Regel,  die  mit  der  Grammatik  im  Widerspruch  steht« 
tauge  gar  nichts. 

Gewiss  ist  es  in  hohem  Grade  lehrreich,  zu  sehen,  auf  welchen  Grund- 
lagen ein  großer  Theil  der  lachmannischen  Metrik  aufgebaut  ist ,  und  wie 
sich  die  Überlieferung  sowohl  als  die  Grammatik  biegen  und  fügen  müßen, 
nur  um  eine  willkührlich  ersonnene  Regel  aufrecht  zu  halten.  In  der  That, 
man  weiß  nicht,  worüber  man  mehr  erstaunen  muß:  über  die  Willkühr  und 
Gewaltthätigkeit,  womit  Lachmann  seine  metrischen  Gesetze  aufstellte  und 
durchführte,  oder  über  die  Leichtgläubigkeit,  womit  dieselben,  ohne  alle  Prü- 
ftmg,  hingenommen  und  als  unumstößliche  Wahrheit  bis  zur  Stunde  verkün- 
det werden. 

Nach  obiger  Darstellung  wird  es  wohl  kaum  noch  der  Versichei?ung 
bedürfen,  daß  alle  drei  Regeln,  deren  Verletzung  Gottfried  zum  Vorwurf 


72  FRANZ  PFEIFFER 

gemacht  wird ,  jeder  thatsächlichen  Begründung  entbehren.  Nur  der  Voll- 
gtändigkeit  wegen  will  ich  der  zuletzt  besprochenen  noch  beifugeu,  daß  Verse 
wie  bt  AnhfiO  brürmAi,  mittMmofingdre  rüz,  thes  k^Sres  zins^a^tkerm&a 
bieudrffAa  tkäz^  Verse  also,  die  jenen  von  Lacbmann  als  falsch  erklärten 
genau  entsprechen,  schon  im  Althochdeutschen  häufig  vorkommen,  woraus 
dann  nothwendig  folgt ,  daß  die  so  bitter  getadelten  Verse^  Gottfrieds ,  weit 
entfernt,  verwerfliche ,  von  ungebildetem  Gehör  zeugende  Neuerung  zu  sein, 
vielmehr  auf  altherkömmlichen,  durch  jahrhundertlange  Uebufig  geheiligten 
metrischen  Gesetzen  beruhen.  Gottfried  und  seine  ihn  bewundernden  Zeit- 
genossen haben  sich  gewiss  nicht  träumen  lassen,  daß  man  ihn  um  desswilien 
einst  einen  Stümper  in  der  Verskunst  heißen  würde. 

Ein  großer  nicht  wegzuläugnender  Vorzug  in  den  Versen  des  Tristan 
besteht  in  der  grammatischen  Correctheit,  worin  Gottfried  alle  epischen 
Dichter  des  13.  Jahrh.  weit  übertrifft.  Grammatisch  correct  nenne  ich  Verse, 
in  denen  die  Worte  mit  ihren  vollen  Formen,  wie  die  Grammatik  sie  verlangt, 
und  unverkürzt  gelesen  werden  können.  Das  Gegentheil  sind  Verse,  bei 
denen  der  Leser  ganze  Silben  und  Flexionen  zu  verschlucken  genöthigt  ist. 
Meister  in  dieser  letztem  Art  von  Versen  ist  Wolfram,  dessen  Verse  dämm 
als  die  Blüthe  der  höfischen  metrischen  Kunst  bezeichnet  zu  werden  pflegen. 
Verse  wie  folgende:  sS  müeze  mir  allez  daz  zergdn  114,  7.  nämendaz 
kleine  weiseUn  47,  24.  den  wart  ouch  da  gekoufei  dwreh  in  57,  13.  Ue 
imte  strichen  die  kiele  hin  293,  1 L  ouch  wären  diu  lieht  wnd  ir  achin  380, 
22.  mit  diseme  zwtvel  enweste  er  war  383,  15,  sind  überaus  selten  im  Tri- 
stan, sie  sind  so  selten,  daß  überall  bei  ihrem  Vorkommen  die  Frage  ent- 
steht, ob  nicht  Verderbnisse  vorliegen.  So  dürfte  114,  7  al  da^,  293,  11. 
kie  mite  die  kiele  strichen  hin,  57,  13  mit  M  da  wojrt  gekaufet  ouch  durch 
in  zu  lesen  sein.  In  der  That  ist  in  Gottfrieds  Versen  der  Silbenfall  nicht 
bloß  scheinbar,  wie  Lachmann  behauptet,  sondern  wirklich  so  regelmäßig 
tind  correct,  wie  bei  keinem  andern  Dichter,  seinen  Nachahmer  Koarad  etwa 
ausgenommen. 

Auch  hierin  bildet  der  Lobgesang  das  gerade  Gegentheil  zum  Tristan. 
Es  versteht  sich,  daß  ein  Dichter,  der  im  Reime  die  Unterdrückung  des  aus- 
lautenden unbetonten  e  nicht  scheut,  im  Innern  des  Verses  gegen  solche 
Kürzungen  noch  weniger  bedenklich  ist.  Wir  finden  daher  nicht  nur  geboßr 
du  1 718.  wer  möht  din  63,  2.  enw(Br  dtn  72,  6,  sondern  diu  sil  die  74,  6. 
Husch  28,  5  ff.  sechsmal  in  ^iner  Strophe,  Am^38,  1.  5.  9.  39,  1  ff.  40, 
1  ff.  sechsmal,  64,  2.  86,  2.  Itht  48,  7.  Ferner  Syncope  in  si^ribn  diu  leide 
1,  8.  in  dem  herzn  daz  höchste  guot  2,11  (wo  die  Änderung  herze  dez, 
obwohl  diese  Kürzung  des  Dat.  Sing,  sich  zuweilen  findet,  unnöthig  ist). 
neigt  iuch  har  12,1.  Wt  dine  78,  6.  7.  12.  gewizzmu  94,  5.  68,  3  steht 
überbreit  statt  Überbreitet,  eine  Kürzung,  die  sich  Hartmann  noch  im  Erec, 
in  seinen  spätem  Arbeiten  nie  mehr  erlaubt  hat.     Merkwürdiger  als  alles 


ÜBER  GOTTFRIED  VON  STRASSBÜRG.  73 

das  sind  aber  die  im  Übermaß  gebrauoliten  dreisilbigen  l*articipia  Praesentis 
mit  langer  Antepenaltima,. die  aber  nicht  drei-,  sondern  immer  nur  zweisilbig 
gelesen  werden  müssen:  ivibrmndiu  minne  15,  2.  du  hrirmder  stem,  du 
brinnder  man  23,  6.  du  wahsdez  liep  32,  1.  in  walhder  sünde  umnuoze 
36,  8.  hrirmder  dunst  57,  5.  din  süeziu  brirmdiu  minneghwt  b%y  12.  du 
brirmdinrnrnme  64,  2.  den  minne  minnden  wandeis  frt  74,  12,  der  hrinn- 
den  nmmefluz ;  der  vmmde  giuzet ;  in  brinndiu  fmrmdiu  herzen;  diu  mivm^ 
diu  hluQtX&y  1.  2.  4,  7.  ach  wahsdiu  tugerd,  ach  wahsdez  guotÜ,  11.  öwrÄ 
wahsedez  liep  88,  1,  ach  klingder  ba^h  88^  7.  a<?&  brinnder  man  89,  1.  acK 
glenzder  wnn^  89,  2.  Diese  Participia  kommen  im  Tristan  ebenfalls  häufig, 
doch  nie  zwei-,  sondern  immer  nmr,  wie  sichs  gehört,  dreisilbig  vor,  z.  B.  dur 
ruowe  w^nSndenider  66,21.  die  selbe  wdiyndennum67, 29.  70, 9L  mit  nähe 
mA'kAider  spehe  164,  32.  mit  w^in^nden  herzen  <m  165,  36.  rmt  vUegSnden 
schenkein  173,  6.  geltche  vUegSnde  her  173,  24.  Tristan  doz  ndhtfyide  wart 
367, 19,  wa  der  vUehSnden  schar  22Q  9 10.  undschieterw^nMdedan  442,23. 
swiewirz  verswig^nde  sin  447,  7..  da^  Mut  der  minn^hdenhol  417,  27.  Ist 
die  Antepennltina  kurz,  so  versteht  es  sich,  daß  das  Wort  zweisilbig  gelesen 
wird :  in  disen  tobenden  ünden  63,  5.  und  klagende  spra^cher  wider  sich  60, 
39  u.  s.  w.  Von  jenen  barbarischen  Eürzangen  (oder  klingt  wahsder,  kling-- 
der,  glenzder,  wo  die  Schreibung  allerdings  vom  Herausgeber  herrührt,  nicht 
bai^barisch  ?)  gewährt  der  Tristan  auch  nicht  ein  einziges  Beispiel. 

Eine,  wenn  auch  nicht  geradezu  seltene,  doch  jedenfalls  ungenaue  und 
nachlässige  Betonung  zeigt  sich  mehreremal  im  Lobgesang  in  zweisilbigen, 
mit  den  Partikeln  un-  und  in^  zusammengesetzten  Wörtern  auf  der  letzten 
Hebung  und  Senkung:  und  alle  imz&ht  15,  7.  die  mht  verderbet  kein  im-' 
gunst  35,  6.  so  enüiuhtet  ime  der  süeze  ingdnc  10,  11.  Hier  wird  un-  und 
m-  in  die  Senkung  gesetzt,  was  gegen  die  Hauptregel  der  altdeutschen  Be- 
tonung verstößt  und  eine  Verwilderung  verräth ,  deren  sich  kein  sorgfaltiger 
und  gebildeter  Dicliter  schuldig  gemacht  hätte.  Gottfried  betont  solche  Sub- 
stantiva  im  Tristan  stets  regelrecht,  indem  er  sie  als  zwei  Hebungen  mit 
fehlender  Senkung  braucht,  ^us  lac  si  in  der  tinmdht  34, 24.  an  zwtvel  unde 
am  untrSst  176,  39.  ünmuot  383,  13.  inziht  384,  14.  387,  12.  388,  9. 
vgl.  femer  tirsprunc  285,  6.  297,  40.  451,  30  u.  s.  w.  Etwas  anderes  ist  es 
mit  dreisilbigen  Wörtern,  deren  erster  Silbe  schon  seit  Otfried  häufig  def 
Ton  entzogen  wird  (vgl.  Lachmann  über  ahd.  Betonung  S.  18  ff.),  und  die 
auch  bei  Gottfried  meist  in  die  Senkung  fallt,  z.  B.  imwdrhSt  390,  26.  in- 
grilAie  426,  21.  immüoze  430,  29. 

Hier  will  ich  noch  die  Betrachtung  einiger  ungewöhnlicher  Wortbildun- 
gen .anfügen,  sus  gtstu  blilender  bluomen  ber  dn  aJle  wer  dtm  liebsten  in- 
gesmde  61,  12.  ber  scheint  ein  Feminiiium  zu  sein  und  Wachsthum,  Trieb  zu 
bedeuten.  Das  Wort  kann  in  diesem  Sinne  nirgends  sonst  nachgewiesen  werden^ 
vgl.mhd.'W.  B.  1, 144.  —  dazoMer  liebste  spUwil  ich/iir  eUiu  spilfl&rieren 


^4  FBANZ  PFEIFFEB 

81 ,  4.  ßMtren  heiSt  sonst  (vgl.  mhd.  W.  B.  3,  354)  schmücken,  zieren, 
hier  (durch  Blnmen  der  Rede?)  rühmen,  preisen.  Gottfried,  so  geneigter 
auch  der  Anwendung  französischer  Ausdrücke  ist, -braucht  das  Wort  weder 
in  dem  einen,  noch  im  andern  Sinne.  —  inbrünstiu  hersien  hiUe  15,  4.  tn- 
bfünste  steht  hier  für  inbrünstic,  eine  offenbar  fehlerhafte  WortbilduDg,  denn 
man  kann  inbrümte  so  wenig  sagen,  als  etwa  tmffünste,  imkünste  für  irngh- 
sHo,  unkümtic,  oder  kSnfte  für  kUnftic;  das  mhd.  W.B.  1,  253  hat  nur 
diesen  einen  Beleg.  —  Noch  wunderlicher  ist  der  Ausdruck  jm^^^i  <wli 
fugendiu  juffefd,  dchjugenier  mt«o<87, 9.  jugende  scheint  Participium  Pr»s. 
zu  sein  und  setzt  dann  ein  Verbum  jugen  (jung  werden  oder  veqüngen?) 
votaus,  aber  ein  solches  Wort  hat  es  wohl  nie  gegeben.  Wahrscheinlich  steht 
es  indess  verkürzt  ^xjwfigende,  veqüngende,  und  reiht  sich  dann  den  oben  an- 
geführten barbarischen  Verkürzungen  an  =  jtmgnde.  Im  mhd.  W.  B.  1, 
777  finde  ich  es  nicht  verzeichnet  und  der  Herausgeber  hat  es  unerklärt  ge- 
lassen. 

Mehrere  andere  auffällige  und  wohl  kaum  einem  höfischen  Dichter  ge- 
läufige Ausdrücke  übergehe  ich  als  von  minderm  Belang,  um  hier  nur  noch 
einer  eigenthümlichen  Erscheinung  zu  gedenken. 

Eine  ganz  besondere  Vorliebe  hat  nämlich  der  Verfasser  des  LG.  ^ 
das  Participium  bemde  und  er  wird  nicht  müde ,  dasselbe  in  seiner  einfachen 
Form  und  allen  möglichen,  grammatisch  öfter  bedenklichen  Zusammensetzun- 
gen anzubringen,  ir  bemdiu  /ruht  hat  hemden  regen  3,  9.  bemdez  1^  9» 
7.  in  stner  bemden  wünne  11,  10.  ir  bemden  Mmel  12,  1.  mä  bernder 
mrde  13,  1,  von  berndes  regena  güete  13,  4.  üf  bemde  bluot  13,  7.  da» 
bemde  mbmetranc  14,  9.  bernder  gndde  ein  f ruht  15,  6.  bemdef^S^ 
ein  edel  kHU  21,  5.  diner  bernder  fugende  zivt  29,  9.  bernder  A'en  zwi  30, 
6.  bernder  fröude  ein  anevanc  30^  9.  din  bernder  sunnen  scMn  33,  5.  diu 
bemde  stunde  34,  2.  ^enbemde  bklete  47,  14.  iemer  bemdess  leben  53, 1- 
ein  bernder  bornn  64, 11.  bemdiu  minnebluot67,  1.  dine  bemde  güete  oli  • 
bemdiu  bluot  73,  13.  diner  bernder  gnaden  zwt  81,  12.  dtn  berndi'^  eüe^J 
«6,  14.  bemdiu  heide  89,  4.  der  bemden  Hgende  güete  93,  4.  der  fro^^ 
bernder  sunne  13,  10.  reinebemder  muot  14,  1.  Uehtebemder  taci^i^* 
wimnebemdez  hergengeU  17, 2.  Uehtebemder  morgewröt  17, 5.  wünneberndefi 
fröuden  taoh  19,  5.  helfebemder  kraft  ein  tum  19,9.  ein  sceldebemat^ 
stunde  21,  8.  wünnebernden  ein  22,  11.  frövdenberndiu  vrWnne  40, 
von  herzenbemdem  (?)  leide  45,  10.  fröudebemder  rät49,  1.  dermnd^^' 
bemden  lüste  49,  14.  in  vil  atrengebemder  n6t  57,  2.  wünnebernder  scm 
69,  6.  ufünnebemden  sin  59,  11.  ein  fröudebemder  sunne  60,  10.  *'*^J^ 
nebemdem  werde  64,  8.  din  minnebemder  nmot  72,  5.  dich  mnnehe^ 
nUnnebluot  74,  l.  von  wcmdelbemdem  sinne  81,  14.  für  ^'^^^^  ii^ 
smerzen  88,  8.  vol  der  wünnebernden  wikme  90,  4.  ein  fröidebernd^ 
82,2.  ach  wünnebernder  e^efdac 93,3.  DemVerfasser  des  mhd.  Wörterbuco 


ÜBER  GOTTFRIED  VOK  STRASSBURQ.  t6 

hftt  der  LG.  allein  mehr  Beispiele  dieses  Compositams  gewährt,  als  die  übri- 
gen von  ihm  gelesenen  mhd.  Sprachdenkmäler  zusammengenommen.  Die 
ftinfzigmalige  Wiederholung  eines  und  desselben  Ausdrucks  in  einem  Ge- 
dichte von  1300  Versen  geht  aber  fast  über  das  Maß  des  Erlaubten  hinaus ; 
wer  möchte  einem  Meister  der  Rede  wie  Gottfried,  der  das  Wort  im  Tristan, 
in  20,000  Versen,  nur  ein  paar  Mal  (diu  sunnebemden  veneterltn  430 y  19. 
tV  imrmehemde  luise  4.36,  14),  gebraucht,  eine  solche  Armseligkeit  und  Ge« 
schmacklosigkeit  zutrauen  ? 

Noch  mehr,  wer  möchte  einem  Dichter  von  Gottfrieds  poetischer  Be- 
gabung ein  Gedicht  von  dieser  Form  und  Anlage  überhaupt  zutrauen?  So 
wenig  Jemand  in  Abrede  stellen  wird,  daß  der  Lobgesang,  namentlich  zu 
Anfang,  manch  tiefen  Gedanken,  manch  schönes,  ergreifendes  Bild  enthält, 
und  daß  es  ihm  im  Einzelnen  auch  nicht  an  einer  gewissen  Wärme  und  In- 
nigkeit des  Gefühls  fehlt,  ebensowenig  kann  geläugnet  werden,  daß  das  Ge- 
dicht, als  Ganzes  betrachtet,  das  gerade  Gegentheil  eines  poetischen  Kunst- 
werks ist.  Darüber  sind,  bis  auf  Herrn  Wattierich,  alle  Litterarhistoriker, 
selbst  diejenigen,  deren  ürtheile  sonst,  besonders  über  geistliche  Poesie,  weit 
auseinander  zu  gehen  pflegen,  einerlei  Meinung.  In  der  That,  wie  sollte  auch 
diese  Häufung  und  unvermittelte  Aneinanderreihung  von  Bildern  und  Gleich- 
nissen ,  wie  sollten  diese  Wortspiele  und  Tändeleien ,  die  nirgends  ungehöri- 
ger erscheinen  als  in  einem  geistlichen  Llede,  wie  das  durchs  Ganze  gehende 
erzwungene  Pathos  einen  andern  als  erkältenden,  ja  peinlichen  Eindruck  her- 
vorbringen können  ?  Mit  jeder  neuen  Strophe  nimmt  der  Verfasser  unter  ge- 
waltigen Anstrengungen  einen  neuen  Anlauf,  und  dennoch  gewahrt  man, 
trotz  aller  Unruhe  und  Bewegung,  nirgends  einen  Fortschritt  des  Gedan- 
kens: der  Leser  hat  fortwährend  das  Gef&hl  eines  Träumenden,  dereine 
Reise  antreten  soll  und  ungeachtet  alles  Drängens  und  Treibens  nicht  von 
der  Stelle  kommt. 

Jene  Bilder,  Gleichnisse  und  Attribute  der  hl.  Jungfrau  hat  der  Ver- 
fasser des  Lobgesangs  allerdings  ebensowenig  selbst  erfunden ,  als  Eonrad 
von  Würzbarg  in  der  goldenen  Schmiede :  sie  beruhen  hier  wie  dort  auf  ur- 
alter Überlieferung.  Wohl  aber  sind  beide  für  den  Gebrauch  verantwortlich, 
den  sie  davon  gemacht  haben.  Was  bei  andern  deutschen  Dichtem,  welche 
Lieder  zum  Preise  der  Jungfrau  Maria  gesungen ,  nur  mäßig  und  eben  da- 
durch den  Eindruck  verstärkend  gebraucht  wurde>  das  ist  hier  zu  einem  Blu- 
menstrauß zusammengebunden,  der  in  seiner  bunten,  betäubenden  Überfälle 
nicht  mehr  erfreut,  sondern  die  Sinne  verwirrt  und  keinen  reinen  Genuß  auf- 
kommen läset.  Einer  solchen  maßlosen  und  allem  Geschmack  widersprechen- 
den Häufung  zerstreuter  Bilder  und  Gleichnisse  wird  Niemand  einen  wahren 
Dichter  von  künstlerischem  Bewusstsein  und  poetischer  Schöpferkraft  für 
fähig  halten.  Mit  Recht  hat  man  dem  Lobgesang  und  der  goldenen  Schmiede 
den  herrlichen  Leich  Walthers  von  der  Vogelweide  (nffot^  iiUner  trifutäte\i,s.yf. 


76  FBANZ  PFEIFFER 

S,  3 — 8)  gegenübergestellt,  der  durch  die  wahre  Frömmigkeit  und  feurige 
Innigkeit,  durch  die  stäte  Frische  der  Gedanken  und  Bilder  und  durch  das 
schone  Maß,  das  der  Dichter  zu  bewahren  weiß ,  eben  so  wohlthuend  an- 
spricht und  ergreift,  als  die  Überladung  in  den  beiden  Andern  verletzt  und 
zurückstößt.  Gewiss  würde  Gottfried,  die  Walthern  allein  von  allen  eben- 
bürtige Dichtematnr,  hätte  er  sein  Talent  je  einem  solchen  Gegenstande  zu- 
gewendet, nicht  hinter  diesem  zurückgeblieben  sein. 

Um  den  Lobgesang  gedichtet  zu  haben,  müßten  noch  ganz  andere,  nicht 
weniger  wunderbare,  viel  tiefer  greifende  Veränderungen ,  als  die  sind,  von 
denen  Herr  Watterich  uns  berichtet,  mit  Gottfried  vorgegangen  sein :  er,  der 
eigentliche  Schöpfer  des  genauen  Reims ^  „der  in  solcher  Reinheit  und  Vol- 
lendung nie  wiederkehren  wird''  (s.  W.  Grimm,  Geschichte  des  Reims  S.  184), 
müßte  mit  dem  sündigen  Menschen  zugleich  auch  den  Dichter  ausgezogen, 
er  müßte  die  früher  so  meisterhaft  geübte,  ihm  gewiss  nicht  bloß  angebildete, 
sondern  angeborne  Kunst  abgestreift  und  wie  ein  getragenes  Kleid  bis. 
auf  die  Erinnerung  von  sich  geworfen  haben ,  und  derselbe  Dichter,  dessen 
Tristan  den  Glanzpunkt  der  höfischen  Poesie  bezeichnet,  wäre  dann  auch  der 
erste  Urheber  ihres  Verfalles,  eines  Verfalles,  wie  er  nach  unsern  bisher  ge- 
machten Beobachtungen  erst  fün&ig  und  mehr  Jahre  später  sich  in  der  Poe- 
sie zu  zeigen  beginnt. 

Veränderungen  dieser  Art  wird  Niemand  bei  Gottfried  für  möglich  hal- 
ten, selbst  Herr  Watterich  nicht.  Denn  obwohl  er  S.  5  den  „begeisterten 
Freunden  und  Bewunderern'*  des  Tristan  mit  „dem  züchtigenden  Urtheil  der 
Creschichte"  droht,  so  weiß  er  doch  den  Kunstwerth  dieses  Gedichtes  sehr 
wohl  zu  würdigen  und  verräth  sich  an  manchen  Stellen  seiner  Schrift  als 
einen  viel  größeren  Verehrer  des  Tristan,  als  er  sich  selbst  zu  gestehen 
scheint.  In.  der  That  gilt  seine  Begeisterung  zum  großen  Tfaeil  weit  weniger 
dem  „Sänger  der  Gottesminne "  als  dem  „Sänger  derFräuenminne",  und  wir 
hegen  starke  Zweifel,  ob  er  je  zu  seiner  Schrift  sich  hätte  anregen  lassen, 
ohne  die  Überzeugung,  der  Verfasser  des  Lobgesangs  sei  eins  mit  4em  Dich- 
ter des  vielgeschmähten  und  doch  wieder  so  hoch  gerühmten  Tristan. 

Daß  dieser  Annahme  nicht  weniger  als  Alles  widerstreitet ,  glaube  ich 
in  überzeugender  Weise  dargethan  zu  haben. 

Wie  aber,  wird  man  mir  einwenden ,  verträgt  sich  dieses  Ergebniss  mit 
der  Angabe  der  Pariser  Handschrift,  welche  uns  den  Lobgesang  unter  Gott- 
frieds Namen  überliefert,  und  mit  dem  Zeugnisse  Konrads  von  Würzburg,  der 
in  der  goldnen Schmiede  das  Gedicht  dem  Gottfried  ausdrücklich  zuschreibt? 
Was  die  erstere  betrifft,  so  dürfte  es  zur  Genüge  bekannt  sein,  wie  wenig  in 
Bezug  auf  die  Namen  den  häufig  unsichern  und  sich  gegenseitig  widerspre- 
chenden Angaben  unserer  Liederhandschriften  zu  trauen  ist,  und  mit  Recht 
hat  man  sich  bisher  nie  dadurch  abhalten  lassen,  sobald  sich  gewichtig€t 
Gründe. dagegen  aufdräqgten,  einem  Dichter  Lieder  abzusprechen.     Weit' 


ÜBER  GOTTtHnSD  VON  STRASSBURG.  Y7 

wichtiger  ist  Konrads  Zeiignids,  and  allerdings  sclieint  nur  dieses  den  Blick 
80  mancher  Grelehrten  getrübt  oder  doch  von  einer  genauen  Untersuchung 
abgehalten  zu  haben,  die  den  Irrthum  und  die  Wahrheit  unzweifelhaft  längst 
hätte  an  den  Tag  bringen  niöfien.  Aber  auch  angenommen,  jene  Stelle  ent- 
hielte wirklich,  was  man  bisher  aus  ihr  herausgelesen  hat,  so  blieben  nichts 
destoweniger  meine  Beweise  in  voller  Kraft  bestehen  und  nur  so  viel  liefte 
sich  daraus  folgern,  daß  man  dem  Dichter  des  Tristan  schon  zu  Konrads  Zeit 
den  Lobgesang  unterschoben  habe.  —  Nachdem  Konrad  den  Wunsch  ausge- 
sprochen ,  der  hohen  Himmelskönigin  in  der  Schmiede  seines  Herzens  ein 
Lied  aus  Gold  und  Edelsteinen  zu  wiirken,  gesteht  er,  nicht  diejenige  Kunst 
und  Meisterschaft  zu  besitzen,  um  sie  nach  voller  Würdigkeit  loben  und  prei- 
sen zu  können.  Das  wäre  selbst  ^ann  unmöglich,  wenn  seine  Bede  wie  ein 
Adler  sich  in  die  Höhe  zu  schwingen  vermöchte.  Nun  sei  aber  seine  Wort- 
fügung ungelenk,  er  sei  fremd  in  dem  Frühlingsgarten  der  Kunst',  wo  die 
(Rede-)  Blumen  gebrochen  werden ,  wie  sie  zu  einem  ihrer  würdigen  Kranze 
gehören;  der  Glanz  erhabener  Gedanken  lasse  ihn  ungeblendet,  seltene  Reime 
kommen  bei  ihm  nicht  zur  Blüthe  und  eben  so  wenig  klinge  in  ihm  der  un-* 
unterbrochen  leise  dahin  rauschende  Strom  klarer  Erfindung.  Dann  fährt 
er  fort  (94—103)  : 

ich  sitze  auch  rdht  üf  grüenem  kl4 
van  süezer  rede  tauwes  naz^ 
da  wirdeeUchen  vfe  eaz 
van  Strdzburc  meister  Gotfrit, 
der  als  ein  wacher  haubetemU 
guldin  getihte  warhte, 
der  hety  dn  alle  varhUj 
dich  gerüemet,  vrawe,  haz 
denn  ich,  vil  reine z  tugenivaz^ 
immer  künne  dich  getuan. 

Wenn  ich  nicht  irre,  so  war  es  Docen  (Museum  fftr  altd.  Litteratur  1, 
164),  der  zuerst  aus  dieser  Stelle  auf  das  Vorhandensein  von  Gedichten 
Gottfrieds  anf  die  lil.  Jungfrau  den  Schlaß  gezogen  hat:  der  Lobgesang,  von 
dem  bei  Bodmer  2,  183.  184  blo0  neun  Strophen  abgedruckt  waren,  erschien 
nämlich  vollständig,  d.  h.  so  weit  er  in  der  Pariser  Hs.  enthalten  ist,  erst  in 
V.  d.Hagens  Ausgabe  Gottfrieds  2,  102—115.  V.d.  Hagen  pflichtete  dieser 
Vermnthung  Docens  bei,  indem  er  die  Anspielung  auf  den  Lobgesang  bezog, 
und  seitdem  galt  die  Sache,  ohne  alle  weitere  Prüfung,  einfach  für  ausge- 
macht. Wir  mäßen  desshalb  die  Stelle  genauer  ansehen,  und  es  wird  zu  die- 
sem Ende  nöthig  sein,  sie  zu  übersetzen. 

Nicht  blofi  der  Mangel  glänzender  Gedanken  und  reicher  Erfindungs- 
gabe ist  es,  den  Konrad  beklagt:  er  entbehre  auch  der  süßen  thaufrischen 


Y8  FRANZ  PFEIFFER 

R»de,  wie  sie  Gottfried  von  Straftbarg  in  so  hohem  Hafte  besessen  babe, 
der  wie  ein  rechter  Meister  der  Kunst,  als  erster  der  Schmiede,  d.  h.  der 
Dichter,  ein  goldnes,  kostbares  Gedicht  geschaffen;  „der  würde,  ohne 
allen  Zweifel,  dich  besser  gerfihmt  haben,  als  ich  es  jemals  zu  thun  im 
Stande  bin".  Dies  ist  nach  meiner  Überzeugung  der  grammatisch  einzig  zu- 
lässige Sinn.  Wie  ist  es  möglich,  daraus  auf  geistliche  Gedichte  zu  schliefteo, 
die  Gottfried  verfasst  habe?  Dann  könnte  es  nicht  het,  das  anbedingt  nur  der 
Coiyunctiv  des  PraBteritums  sein  kann,  der  bei  Konrad  hete  und  ha^  lautet, 
sondern  es  müßte  lUU  heißen.  Iiet,  Kette  lesen  aber  mit  Ausnahme  der 
Würzburger  Hs.  alle  übrigen  Hss. ,  neun  an  der  Zahl.  In  jener  Würzbur- 
ger Hs.  (auf  die,  zu  seiner  Entschuldigung  sei  es  gesagt,  Docen  sich  damals 
berief)  hat  aber  die  Stelle  folgende  Änderung  erfahren : 

der  ie,  an  alle  vorhte, 
dich  vil  reine  tagende  vaz 
hat  gerüemet  hezzer  unde  haz 
derme  ich,  vrouMe,  milge  getuon. 

Und  80  etwa  müftte  die  Stelle  allerdings  lauten,  wenn  sie  den  Sinn  enthalten 
sollte,  den  man  bisher  hineingelegt  hat   Wir  haben  hier  die,  vielleicht  unbe- 
dachte, vielleicht  absichtliche  Änderung  eines  Schreibers,  der  die  Stelle  ent- 
weder missverstanden  hat,  oder  wirklich  der  Meinung  war,  Konrad  sage  hier, 
Gottfried  habe  zum  Lobe  der  Jungfrau  Maria  bessere  Gedichte  als  er  im 
Stande  sei  gemacht.     Ein  ähnliches  Missverständniss  obiger ,  keiner  andern 
Deutung  fähigen  Verse  ist  dann  ohne  Zweifel  Veranlassung  gewesen ,  Gott- 
fried schon  zu  Anfang  des  14.  Jahrh.  den  Lobgesang   eines   Namenlosen 
unterzuschieben.    Hieraus  erhellt  auch ,  wie  ungegründet  der  von  W.  Grimm 
(gold.  Schmiede  S.  XVII)  gegen  Konrad  erhobene  Vorwurf  war:  „in  der 
Äußerung  seines  Bedauerns,  seinem  Gegenstande  nicht  gewachsen  zu  sem, 
wie  in  der  zur  Schau  gelegten  Bescheidenheit ,  womit  er  seinen  Vorgänger 
über  sich  stelle,  liege  nur  eine  versteckte  Eitelkeit :  er  habe  diesen  in  glän- 
zender Rede  zu  übertreffen  gehofft."    Soweit  wir  Konrads  Charakter  aus 
seinen  Werken  zu  beurtheilen  vermögen ,  lag  ihm  eine  solche  eitle  Selbst- 
überhebung ferne,  und  wenn  er  seinen  Meister  und  sein  Vorbild,  dem  er 
nachzueifern  so  sichtlich  bemüht  war ,  über  sich  stellt  und  ihn  als  gröftern 
Dichter  anerkennt,  so  war  es  ihm  damit  gewbs  vollkommen  Ernst.    Unter 
dem  goldenen  Gedichte  (so  konnte  er,  beim  Bilde  bleibend,  es  nennen,  wie 
er  Gottfried  einen  kunstreichen  Hauptschmied  nennt,  ohne  Furcht  mißsver- 
standen  zu  werden),  kann  nur  der  Tristan  gemeint  sein,  aufweichen  gerafle 
die  beiden  Zeilen 

ich  sitze  auch  niht  üf  grüenem  kU 

von  eüezer  rede  touwes  naz 
eine  unverkennbare  Anspielung  enthalten.    Konrad  hatte  dabei  jene  pr&ch- 


ÜBER  GOTTFRIED  TON  STEASSBÜRG.        '\  "79 

tige  Stelle  im  Sinne  (Tristan  123,  13  ff,)»  worin  der  Dichter  in  seiner 
Dzinacbahmlichen  Weise  iim  die  Gabe  der  Rede  flehend  sich  zum  Eelikon 
wendet,  zu  dem  Wohnsitze  des  AppoUo  und  der  neun  MuBen, 

von  dem  die  brunnen  die^mtr  ' 

<b  den  die  gäbe  vliej^ent 

der  Worte  unt  der  ainne  (123,  2*T — ^29), 

zu  dem  obersten  Throne, 

von  dem  diu  wort  entspring^at^ 

diu  durch  d<iz  6re  klingent 

und  in  da^  herze  lachent  (124,  19—21). 

Sie,  die  Musen,  haben  den  Quell  der  Hede  und  der  Gedanken  (die  Hip- 
pokrene)  schon  manchem  Mann  in  so  reicher  Fülle  zu  Theil  werden  lassen, 
daü  sie  ihm  einen  Tropfen  daraus  mit  Ehren  nicht  vemagen  können*  Nun 
angenommen  auch^  fügt  der  Dichter  am  Schiasse  hinzu,  das  sei  geschehen 
und  ich  meiner  Bitte  um  die  Gabe  der  Hede  reichlich  gewährt :  ich  sei  ira 
Stande ,  meine  Worte  allen  Ohren  süß  zn  machen  und  alle  Herzen  damit  zu 
erquicken ;  angenommen,  meine  Rede  schreite  so  rein  und  zierlich  einher, 

—  d€LZ  d  niwan  {{fem  hU  ,    i 

unde  nf  liehten  hluomen  ^^  (125,  1 .  2), 
äenuoch  könne  er  sich  nicht  entschließen,  seine  Gedanken  einem  Gegenstand 
ZD^uwenden,  an  dessen  Preis  sich  schon  so  mancher  vergeblich  bemüht  habe. 
Der  Nachdruck ,  den  Konrad  auf  die  süße  Rede  legt,  die  Gottfried  in  der 
That  wie  keinem  zweiten  Dichter  des  Mittelalters  eigen  war,  und  die  Wie- 
derholnng  des  Bildes  vom  grünen  Klee  beweisen  es  aufs  deutlichste ,  daß 
ihm  bei  seiner  preisenden  Erwähnung  des  Meisters  gerade  diese  Stelle  aus 
dem  Tristan  vorgeschwebt  hat.  Von  geistlicheD  Xiedern  zum  Lobe  der  Jung- 
frau Maria  ist  überall  gar  keine  Hede. 

Ich  werfe  noch  einen  Blick  auf  das  von  der  Pariser  Es,  allein  und  eben- 
falls unter  Gottfrieds  Namen  überlieferte  Lied  von  der  Armuth,  das  allem 
Angcheiii  Hm.  Watterich  ^ura  Ausgangspunkt  seiner  Hypothese  gedient  hat. 
Es  ist  bei  dem  geringen  umfang  dieses  Gedichtes  selbstverständlich ,  daß  es 
einer  Untersuchung  in  Beziehung  auf  Reim  und  Metrik  nicht  so  viel  Stoff  ge- 
währen kann  als  der  Lobgesaug,  Indessen  reicht  das  Wenige,  was  es  in 
dieser  Beziehung  darbietet,  vollkommen  hin,  um  2:u  zeigen,  daß  auch  hier 
nicht  an  Gottfried  zu  denken  ist.  Nachdem  ihm  einmal  der  Lobgesang  unter- 
schoben war,  gieng  es  in  einem  hin ,  noch  ein  zweites  Lied  geistlichen  Inhalts 
mit  seinem  Kamen  zu  schmückeD.  Zuerst  Mit  das  Adjectivum  geile  b^  7  auf, 
das  bei  allen  höfischen  Dichtern,  auch  hei  Gottfried,  geil  lautet  Es  scheint 
eine  mundartliche  Form  zu  sein,  die  das  mhd.  Wörterbuch  1,  494  nur  noch 
tinmal,  in  eioem  Liede  des  tugendhaften  Schreibers  (MSH.  1,  149'),  nachzu- 
T^eisen  vermag.  Ebenfalls  mundartlich  und  im  Mhd,  unerhört  (das  mhd.  W.  B, 


80   .  FBANZ  PFEirPEB,  ÜBER  GOITFBIED  TON  STRASSBUBG. 

1, 181  hat  diesen  einzigen  Beleg)  ist  das  zweimal  7, 4  und  1 1,  6  im  Reime  mit 
liiUen :  iriuten  erscheinende  erbixden  (goth.  hiudwn ,  ahd.  piotan)  statt  er- 
bieten, wie  es  bei  allen  andern  Dichtem  sonst  lautet.  Auffallend  ist  ferner 
das  Adjectivum  umwende  13,  6.  für  unwendec,  die  bei  Gottfried  (38,  25  diu 
toedec  unde  unwendec  sint  65 ,  36.  dS  ime  diu  vart  unwendec  wart)  UDd 
sonst y  auch  im  ahd.  (vgl.  Graff  1,  763  unwendic)  gebräuchliche  Form;  es 
scheint  österreichisch:  deist  unwende  Neidhart  28,  35  (s.  Haupt  zu  50,  10), 
Helbl.  1,  547.  Urst.  124,  2.  Auf  ein  paar  andere,  minder  bedeutende  Reime 
will  ich  weiter  kein  Gewicht  legen,  in  der  Meinung,  die  besprochenen  werden 
zum  Beweise  meiner  obigeu  Behauptung  genügen. 

In  Einem  Punkte  bin  ich  indess  Hrn.  Watterichs  Ansicht,  darin  nämlich, 
daß  ich  in  Übereinstimmung  mit  ihm  die  Verfasser  beider  Gedichte,  des  Lob- 
gesangs sowohl  als  des  Liedes  von  der  Armuth,  für  Elostergeistliche  halte. 
Die  langathmige  Form  der  Strophen,  die  ünkunst  im  Versbau  und  Reim,  das 
Hereinbrechen  und  Sichbreitmacheu  des  Dialektischen,  endlich  der  Inhalt 
selbst  machen  Dichter  dieses  Standes  wahrscheinlich.  Der  Lobgesang  zeigt 
große  (auch  Hrn.W.S.  36  und  vor  ihm  schon  v.  d.  Hagen  MS.  4,  99  aufge- 
fallene) Ähnlichkeit  mit  einem  Gedichte  des  Dominikanerbruders  Eberhard 
von  Sax  (MSH.  1 ,  68  ff.)  aus  dem  Rheinthal  unweit  Feldkirch,  das  aber  viel 
reiner  gereimt  ist  und  leicht  jenem  (nicht  umgekehrt,  wie  Hr.  W.  meint)  zum 
Vorbild  gedient  haben  könnte.  Der  LG.  wird  kaum  weit  über  das  letzte 
Viertel  des  13.  Jahrh.  zurückreichen.  Etwas  älter  scheint  das  Lied  von  der 
Armuth  zu  sein:  daß  es  ein  Mitglied  des  Franciscaner-Ordens  zum  Verfasser 
habe,  lässt  allerdmgs  der  Inhalt  vermuthen.  — 

In  der  vorstehenden  kleinen  Untersuchung  habe  ich,  auf  dem  einzig 
möglichen,  aber  auch  allein  zum  sichern  Ziele  führenden  Wege  den  Beweis 
m  liefern  mich  bemüht,  daß  und  warum  Gottfried  von  Straßburg  der  Ver- 
fasser der  beiden  ihm  beigelegten  Gedichte  nicht  sein  kann.  Ich  habe  mir  zu 
diesem  Behufe  nichts  zurecht  zu  legen  oder  für  meine  Zwecke  zu  drehen  und 
zu  wenden  nöthig  gehabt,  sondern  an  den  Gegenstand  der  Untersuchung  ein- 
fach den  Maßstab  der  Prüfung  und  Vergleichung  gelegt.  Hoffentlich  ist  mir 
der  überzeugende  Beweis  gelungen;  ob  auch  m  den  Augen  desjenigen,  der 
mich  zur  Ausfuhrung  der  Arbeit  veranlasst  hat,  muß  ich  dahin  gestellt  sein 
lassen.  Leider  vertragen  sich,  zumal  in  sprachlichen  Dingen,  überströmende 
Begeisterung  und  nüchterne  Forschung  nur  selten  gut  mit  einander ;  diese 
strebt  und  trachtet  nach  festen  Grundlagen,  während  jene  in  ihrem  hohen 
Fluge  leicht  das  Wesen  preisgibt,  um  einem  täuschenden  Scheine  nachzu- 
jagen. Unter  der  Berührung  der  Kritik  ist  das  blendende  Bild,  das  Herrn 
Watterichs  rege  Phantasie  mit  lebhaften  Farben  vor  unsern  Blicken  hinge- 
zaubert hat,  in  Nebel  zerronnen,  und  über  dem  Leben  des  großen  Dichters 
waltat  das  frühere  undurchdringliche  Dunkel. 
"WIEN,  Februar  1858. 


iir.  ROCHAT,  WOLFRAM  V.  ESCHENBACH  DKD  CHRESTIEKS  DE  TB0YE8.    gt 

WOLFRAM  VON  ESCIIENBACII  UND  CIIRESTIENS  DE 

TROYES. 

von 

ALFRED   ROCHAT.  ^ 

Die  folgende  ÜEtersucliutig  hat  den  Zweck ,  neues  Lieht  211  werfen  auf 
emen  bedeutenden  Pankt  der  mittelalterlichen  Litteraturgeschichte ,  welcher 
zwar  vielfech  behandelt,  bis  jetzt  aber  weder  aufgeklärt,  noch  auch  einiger- 
'  maöen  befriedigend  erörtert  worden  ist.  Es  ist  in  der  That  keine  unbedeu- 
tende Sache  zu  erfahren,  aufweiche  Weise  ein  Werk  wie  Wolframs  Parzival 
entstanden  ist,  welcher  Grundlage  es  seine  Existenz  verdankt,  ob  und  in  wie 
fern  sein  Rnhni  durch  ein  anderes,  ähnliches  Werk  bedingt  ist,  oder  ob  sein 
Dichter  in  allen  Punkten  selbständig  und  schöpferisch  auftrat.  Zwar  sollte 
es  scheinen ,  als  sei  diese  Frage  schon  lange  beantwortet  worden ,  da  uos 
Wolfram  selbst,  wie  man  meint,  die  Mittel  dazu  gibt;  und  so  ist  man 
auch  aof  Schlüsse  gerathen,  die,  weno  sie  berechtigt  sind,  der  sogenannten 
ersten  klassischen  Periode  der  deutschen  Poesie  wahriich  nicht  viel  Gutefl 
übriglassen.  Denn,  angenommen,  daß  wir  Wolframs  Angaben  über  seine 
QaeUe  glauben  dürfen,  so  hat  er  aeioeo  Parzival  übersetzt  und  abgeschrieben, 
keineswegs  verfassL  Immerhin  käme  ihm  so  noch  der  Eingang,  Gahmurets 
Geschichte,  zu;  allein  auch  diesen  sogar  scheint  man  ihm  absprechen  zu 
wollen,  nnd  SanMartes  geistreiche  Bemerkungen  darüber  (Germ.  2,  386  &J) 
berechtigen  ihn  zu  keiner  andern  Annahme  als  dieser:  nicht  nur  das  Gedicht 
selbst,  sondern  auch  die  ganze  Einleitung  ist  Kiots  Werk,  und  demnach  wäre 
der  rechte  Titel  des  deutschen  Gedichtes:  „Parzival  ins  Mittelhochdeutsche 
übersetzt  von  W.  von  Eschenbach."  —  So  weit  ist  man  gegangen!  —  Da- 
her scheint  es  an  der  Zeit  zu  sein,  eine  neue  Untersuchung  über  diesea 
Gegenstand  zu  beginnen.  Ein  glücklicher  Zufall  hat  mich  darauf  hingeführt; 
ich  durfte  die  Gelegenheit  nicht  verpassen.  Eioe  längst  bekannte  Thatsache 
ist  es  zwar,  daö  nicht  i^ur  der  Anfang  von  Chrestiens  Contes  del  Graal»  der 
vielfach  abgedruckt  ist ,  sondern  auch  der  weitere  Verlauf  dieses  Gedichtes, 
wie  man  ihn  aus  den  Capitelöberschriften  der  Pariser  Handschriften  bis  jetzt 
hat  kennen  gelernt,  eine  auffallende  Übereinstimmung  mit  Wolframs  Parzival 
beurkunden;  allein  man  hat  sich  damit  begnügt,  diese  Thatsache  darzuthun, 
ohne  daran  zn  denken,  daß  eine  solche  Äholicbkeit  zwischen  zwei  Gedichten 
verschiedener  Verfasser  dem  bloßen  Zufall  unmöglich  beigeschrieben  werden 
dürfe.  In  seineo  „Contes  populaires  des  anc.  B,"  hat  la  Villemarquo  einen 
bedeateöden  Theil  aus  dem  Anfang  des  C.  del  G,  abdrucken  lassen,  wor- 
aus man  ohne  viel  Phantasie  zu  dem   Schlüsse  kommen   kann,  daß  der 


82  ALFRED  ROCHAT 

Anfang  des  deutschen  Gedichtes  (ich  lasse  den  ganzen  Eingang  bei  Seite) 
beinahe  \?örtlich  mit  dem  Anfange  des  französischen  zus^mmensüinpit.  Ich 
verschaffte  mir  eine  Abschrift  letztern  Gedichtes,  wie  es  in  der  Berner  Hs. 
364  vorliegt;  ich  wnrde  überrascht  durch  die  Ähnlichkeit,  welche  schon  in 
den  ersten  100  Versen  zwischen  beiden  Bearbeitungen  herrscht,  nnd  anf  jedem 
folgenden  Blatte  erkannte  ich  Wolfram  wieder.  Inzwischen  bekam  ich  die 
dritte  Ausgabe  von  Simrocks  „Parcival  und  Titurel",  und  seine  dort  nieder- 
gelegte neue  Ansicht  über  die  Entstehung  des  deutschen  Gedichtes  ermuthigte 
mich  zu  weiterer,  genauerer  Vergleichung.  So  ist  die  Untersuchung  entstan- 
den, welche  ich  auf  folgenden  Blättern  mittheile;  sie  folgt  Schritt  för  Schritt 
der  deutschen  und  französischen  Erzählung.  Den  deutseben  Text  schrieb 
ich,  als  den  bekannten,  zuerst  nieder,  um  den  unbekannten  französischen  da- 
mit zu  vergleichen.  Ich  glaube  nichts  Erhebliches  ausgelassen  zu  haben; 
auf  jede  Einzelheit  einzugehen  besaß  ich  den  Muth  und  die  Zeit  nicht,  und 
weiß  nicht,  wie  sich  das  thun  ließe,  ohne  den  zusammenhängenden  Über- 
blick zu  stören,  der  für  mich,  vor  der  Hand,  die  Hauptsache  ist  Je^en  Satz, 
jeden  Vers  anzügeben,  den  Wolfram  benützt  hat,  ist  eine  Arbeit,  der  sieb 
die  wenigsten  unterziehen  möchten,  wenn  man  bedenkt,  daß  er  Chrestiens 
nicht  bloß  abschreibt ,  sondern  überall  wählt  und  sondert ,  und  wter  löö 
Versen  nicht  selten  der  letzte  im  französischen  Teufte  ^um  ersten  im  deut- 
schen wird,  sobald  es  eben  dem  Dichter  gut  dünkt,  ihn  nicht  fahren  «u  las- 
sen. Vorausgreifen  darf  ich  übrigens  nicht;  dasErgebniss  der  Untersuchung 
kann  erst  auf  diese  folgen.  Chrestiens  tritt  in  den  Vordergrund,  Kiot  zurück, 
er  ist  ja  so  schon  unbekannt  genug.  — 

WOLFRAM.  CHRESTIENS. 

V.  118—120,  10.  Parcivals  Erziehung  in  der  Wüste,  seine  Jagdliebe, 
werden  in  Chrestiens  Bearbeitung  nur  angedeutet  und  zwar  hie  und  da  im 
Laufe  der  Erzählung,  wie  z.B.  die  Lehre  über  Gott  und  Teufel,  welche  die 
Mutter  ihrem  Sohne  ertheilt,  nicht  wie  bei  Wolfram  in  den  Mund  der  Mutter 
gelegt,  sondern  erst  später  angeführt  wird,  als  Parzival  gelegentlich  der- 
selben gedenkt.  Hingegen  fängt  eine  genaue  Übereinstimmung  an  Vers 
120,10  —  126,29.  65—338. 

Begegnung  mit  den  Rittern ;  woraus  als  wörtlich  übereinstimmefld  in 
beiden  Bearbeitungen  folgende  Stellen  hervorzuheben  sind.  Vers  73  bei 
Chrestiens:  de  la  gaste  foret  soltaine  entspricht  dem  früheren  Vers  bei 
Wolfram  118,  1  0er  waste  in  Soltäne;  alsdann 

120, 15.  da  hörter  schal  van  huofslegen,  98.  tani  quil  oit  parmi  lo  gaut 

sin  gabylot  begunder  wegen:  venir  5  chevalieps  armes  .  .  .  .  . 

dd  sprach  er '  waz  hän  ich  vernomn  ?  li  valles  ot,  et  ne  voit  pas 

wan  wolt  et  nu  der  tiuvel  koflui  ces  qui  vienent  plus  que  lo  pa«  J 

mit  grimme  zomecliche  !  si  se  merveiUe  et  dit  „par  m'mel 


WOLFRAM  VON  ESCHENBACH  UND  CHRESTIENS  DE  TROYES. 


8a 


den  bestüende  ich  sicherlicbe. 
min  muoter  freisen  ron  im  sagt : 
ich  wame  ir  eilen  si  rerzagt.' 
alsus  stuont  er  in  stiites  ger. 


120, 24.  nu  seht,  dort  kom  geschiuftet  her 
dri  ritter  nach  wünsche  yar, 
ron  faoze  üf  gewapent  gar. 
der  knappe  wände  sunder  spot, 
daz  ieslicher  w»re  ein  got. 
do  stuont  ouch  er  niht  langer  hie, 
in  den  phat  viel  er  üf  siniu  knie, 
lüte  rief  der  knappe  sän 
'hilf,  got :  du  mäht  wol  helfe  hän.' 


121,  7.  ein  pris  den  wir  Baier  tragen 
muoz  ich  von  W&leisen  sagen : 
die  sint  toerscher  denne  Beierscb  her, 
nnt  doch  bi  manlicher  wer. 

122, 25.  öd  rief  er  Inte  sunder  spot 
'nu  hilf  mir,  hüfencher  got'. 
vil  dicke  ril  an  sin  gebet 
Fil  li  Toy  Gahmuret. 
der  fürste  sprach  ich  pin  niht  got, 
ich  leiste  ab  gerne  sin  gebot. 

123,3.  der  knappe  fragte  fiirbaz 
'du  nennest  ritter,  waz  ist  daz  ? 
hastu  niht  gotlicher  kraft, 
so  sage  mir,  wer  gßi  ritterschaft  ?' 
'daz  tuet  der  künec  Artus. 
juncfaSrre,  komt'ir  in  des  hüs, 
der  bringet  iuch  an  ritters  namn, 
daz  irs  iueh  nimmer  dürfet  schamn . 


Yoir  me  dit  ma  mere,  ma  dame, 
qui  me  dit  que  deiable  sont 
plus  effraee  chose  do  mont 
et  si  dist,  por  moi  engaigner, 
que  por  aus  se  doit  on  saigner ; 
mais  ia  voir  ne  m*en  saignerai, 
que  cest  engin  desdegnerai, 
ains  ferrai  lo  cop  lo  plus  fort 
d  un  des  iarelots  que  ie  port, 
que  il  n*aprocheront  de  moi  .... 

123.  et  quant  il  les  vit  en  apert, 
que  do  bois  furent  descovert, 
si  vit  les  haubers  fremiens, 
et  les  hiaumes  clers  et  luisans, 
et  yit  lo  vert  et  lo  yermoil 
relqire  contre  le  soloil 
et  l'or  et  Tazur  et  Targent ; 
si  li  fil  moult  tres  bei  et  gent 
et  dit  „biaux  sire  dex,  merci ! 
ce  sont  ange  que  ie  yoi  ci  etc.** 

149.  maintenant  yers  terre  se  lance 
et  a  dit  toute  sa  creance 
et  oroisons  que  il  sayoit. 

236.  sire,  sachiez  bien  entresatt, 
que  Gualois  sont  tuit  par  nature 
plus  fol  que  bestes  en  pasture. 

168.  'estes  yos  dex?'  „nenit  par  foi". 
'Qui  estes  yos?'  „cheyaliers  sui**. 


170.  'ains  mes  cheyalier  ne  conui, 
fiiit  li  yalles,  ne  nul  n'en  yi, 
n*onques  mes  parier  n*en  oi, 
mes  yos  estes  plus  hex  que  dex  f  .  . 

275.  et  eil  qui  petit  fu  senes 
li  dist :  'fustes  yos  ensi  nes  f 
'nenil,  yalles,  ce  ne  puet  estre 
que  cheyaliers  puisse  ensi  nestre . 
„qui  yos  atorna  donc  ansi  ?" 
'yalles,  ie  te  dirai  bien  qui.' 
„dites  lo  donc**  ;  'moult  yolentiers, 
n'a  pas  eneor  einq  iors  antiera 
0» 


84 


ALFRED  ROCHAT 


123,  25.  alda  begreif  des  knappen  hant 
swaz  er  isers  ame  fursten  rant : 
dez  harnasch  begunder  schouwen. 

124, 11.  aber  sprach  der  knappe  snel 

'ob  die  hirze  trüegen  sus  ir  Tel 

so  verwunt  ir  niht  min  gabylöt. 

der  Teilet  manger  Tor  mir  tot . 
125, 17.  die  büliute  Terzagten, 

dö  die  beide  für  si  jagten. 

si  sprachen  *  wiest  uns  sus  geschehen? 

hat  unser  juncherre  ersehen 

üf  disen  rittern  helme  schart, 

sone  han  wir  uns  niht  wol  bewart. 

wir  sulen  der  küniginne  haz 

Ton  schulden  hoeren  .  .  . 

125,  29  —  129,  5. 
Perchevals  Auszug,  Tod  seiner  Matter.  Bei  Chrest.  ist  die  Erzählnng 
umständlicher  als  bei  Wolfram,  obwohl  in  den  Hanptzügen  ganz  dieselbe; 
der  einzige  Unterschied  ist  der,  daß  die  Mutter  den  Pergheval  über  das  Un- 
glück seiner  Familie  ziemlich  lange  belehrt,  während  Wolfram  karz  sagt: 
ein  dinfii/rste  Turkentäls  den  t6t  von  atner  Aent^^  (Lähelins)  enpMenc.  Als 
genau  übereinstimmend  in  beiden  Erzäl^ungen  hebe  ich  folgendes  hervor: 

125,  29.  er  huop  sich  gein  der  muot^r      338.  et  li  Talles  ne  s'est  pas  fiiinz 


que  tot  oe  hamois  me  dona 
li  rois  Artus  qui  m*adoba'. 

252.  et  li  Talles  lo  tenoit  pris 

au  pan  de  haubert,  si  lo  tire, 
.  et  li  Talles  conmauce  a  dire : 
'quest  ce  que  tos  aTes  Testu  ? 

267.  'dans  cheTaliers,  de  tes  haubers 
guart  dex  les  biches  et  les  cers, 
que  nul  ocire  n*en  porroie, 
ne  iamais  apres  ne  corroie  f 

305.  et  quant  il  Tirent  lor  signor 
si  tranblerent  tuit  de  paor, 
et  saTos  por  coi  il  lo  firent : 
por  les  cheTaliers  que  il  Tirent, 
et  lor  signor  aToques  Toient, 
et  bien  sorent  s'il  11  aToient 
lor  afaire  dit  et  lor  estre 
que  il  Todroit  cheTaliers  estre 
et  sa  mere  istroit  do  san . . . 

338—691. 


widr. 

126,  l.siner  werte  si  s6  sere  erschrac, 
daz  si  unTersunnen  Tor  im  lac. 

9.  muoter,  ich  sach  Tier  man 
noch  liehter  danne  got  getan. 

127,  1.  diu  firowe  nam  ein  sactuoch:  . 
si  sneit  im  hemde  unde  bruoch, 

daz  doch  an  eime  stücke  erschein  .  • 
5.  ein  gugel  man  obene  drüfe  Tant. 


127, 7.  al  frisch  ruch  kelberin 
Ton  einer  hüt  zwei  ribbalin 
nach  sinen  beinen  wart  gesnitn. 

13.  Mune  solt  niht  hinnen  keren, 
ich  wil  dich  list  e  ISren.' 


de  repairier  a  son  jnenoir. 

377.  la  mere  se  pasme  a  ce  mot 
quant  cheTalier  nomer  li  ot. 

367.  'quil  sont  plus  bei,  si  con  ie  cuit, 
que  dex  ne  que  si  ange  tuit.' 

464.  et  si  li  aparoiller  Tient 
de  cheneTaz  grosse  chemise 
et  braies  faites  a  la  guise 
de  Gualois,  o  Ten  fait  ensanble 
braies  et  chauces,  ce  me  sanble; 
et  si  ot  cote  et  chaperon. 

568.  a  la  maniere  et  a  la  guise 
de  Gualois  fu  apparoillies  ; 
uns  roTelins  ot  an  ses  pies. 

493.  „biauz  fils  un  san  tos  toH  apanre. 


WOLFRAH  VON  ESCHENBACH  UND  CHRESTIENS  DE  TROYES. 


86 


21.  'op  dich  ein  grä  wiser  man 
zaht  wil  l^rn  als  er  wol  kan. 
dem  soltu  gerne  rolgen, 
und  wis  im  niht  erbolgen/ 

25.  'sun  14  dir  bevolhen  sin, 
sy4  du  guotes  wibes  fingerlin 
mügest  erwerben  und  ir  gruoz, 
daz  nim :  ez  tuet  dir  kumbers  buoz. 
du  solt  zir  küsse  gaben, 
und  ir  lip  yast  umbefahen : 

128, 1.  daz  git  gelücke  unde  höhen  muot, 
op  si  kiusdie  ist  unde  guot.' 

16.  frou  Herzeloyde  in  kuste  und  lief  im 
nach. 

128,  20.  d6  Yiel  diu  firouwe  yalsches  laz 
üf  die  erde,  alda  si  j4mer  sneit 
80  daz  se  ein  sterben  niht  rermett. 

129,5  —  138,9. 


529.  „biaux  fils  a  prodomes  parlez 
et  conpaignie  lor  tenez ; 
prodome  ne  forconsoille  mie 
ces  qui  tienent  sa  conpaignie.** 

512.  „de  pucele  a  monlt,  qui  la  baise, 
se  lo  baisier  vos  en  consent; 
lo  soreplus  yos  en  deffant, 
se  laissier  lo  rolez  por  moi ; 
mais  s'ele  a  agnel  en  son  doi 
ou  ceinture  ou  aumoniere, 
se  par  amor  ou  par  proiere 
la  TOS  done,  moult  en  est  bei 
se  TOS  enportez  son  anel.** 

580.  plorant  lo  baise  au  departir 
la  mere  qui  moult  chier  Tavoit. 

588.  si  se  retome  et  Yoit  chaue 
sa  mere  au  chief  do  pont  ariere, 
et  git  pasmee  en  tel  meniere 
con  s'ele  Aist  chaoite  morte. 

592—796. 

Die  Dame  im  Zelte  und  Parzivals  erstes  Abenteuer.  Die  Namen :  Je- 
schnte  und  Oriins  begegnen  bei  Ghrestiens  nicht;  Erst  später  erfahren  wir, 
daß  der  Ritter  li  orgueiUeus  hei(t : 


129,  5.  d6  kert  der  knabe  wol  getan 
gein  dem  forest  in  Prizlian. 


U.  er  beleip  die  naht  swier  mohte, 
nnz  im  der  liebte  tag  erschein. 

1%,  da  was  anderhalp  der  plan 
mit  eime  gezelt  geheret, 
grdz  richeit  dran  gekeret ; 
Yon  drier  varwe  samit 
ez  was  hdh  unde  wit : 
üf  den  nsten  lagen  borten  guot. 
da  hienc  ein  liderin  huot, 
den  man  drüber  ziehen  solte 
immer  swenne  ez  regenen  wolte. 


27.  duc  0rilu8~de  Laiander 
des  wip  dort  unde  Yander 


592.  et  eil  sille  de  sa  reorte 
son  chaceor  par  mi  la  crope, 
et  eil  s*en  Ya  qui  pas  ne  sope, 
ains  Ten  porte  grant  aleure 
parmi  la  grant  foret  oscure. 

599.  en  la  foret  cele  nuit  iut, 
tant  que  li  clers  iors  apparut. 

604.  .  .  .  il  Yit  un  tref  tendu 
en  une  praerie  bele 
lez  lo  sort  d'une  fontenele, 
li  tres  fu  gens  a  grant  merYeille ; 
Tune  partie  fu  Yermoille 
et  Tautre  fu  d*or  fin  doree. 
desus  ot  une  aigle  doree 
en  Taigle  feroit  li  solaus 
qui  moult  estoit  clers  et  Yermaus, 
et  reluisoient  tuit  li  pre 
de  Tanluminemant  dou  tre. 

631.  a  mi  lo  tref  un  lit  coYert 
d*une  coute  de  paile  i  Yoit ; 


86 


•alfbed  rochat 


ligende  wünnecliche  .  .  . 
diu  frouwe  was  entsläfen. 

131,  11.  diu  frouwe  lüte  klagte: 
em  ruoclite  waz  si  sagte, 
ir  munt  er  an  den  sinen  twano. 
da  nach  was  dd  niht  ze  lanc, 
er  druct  an  sich  die  herzogin 
und  nam  ir  och  ein  vingerlin. 
an  ir  hemde  ein  fürspan  er  da  sach : 
ungefuoge  erz  dannen  brach, 
diu  frouwe  was  mit  wibes  wer : 
ir  was  sin  kraft  ein  ganzez  her  ; 
doch  wart  da  ringens  yil  getan. 


131,23.   der  knappe  kiagte*n  hunger 
sän . . . 

132.  ern  mochte  wa  diu  wirtin  saz: 
einen  guoten  kröpf  er  az, 
darnach  er  swaere  trünke  trank. 


132,  9.  iedoch  sprach  diu  herzogin 


el  lit  une  dame  gisoit 
qui  estoit  iqui  endormie. 

653.  la  pucele  de  paor  tranble 
por  le  yallet  qui  fol  li  sanble . . . 
„yalles,  fait-ele,  tien  ta  roie, 
fui  que  mes  amis  ne  te  roie** 
ains  Yos  baiserai  par  mon  chief, 
fait  li  valles,  cui  que  seit  grief, 
que  ma  mere  lo  m'enseigna* . . . 
li  valles  avoit  les  bras  fors, 
si  Tenbraca  moult  nicement, 
quil  ne  Iq  sot  faire  autrement ; 
el  iut  sor  le  lit  estandue, 
et  cele  s*est  bien  deffandu  e 
et  gandilla  quant  qu*ele  pot, 
mais  deffance  mestier  ni  et, 
que  li  yalles  tot  de  tandon 
la  baisa,  vosist  ele,  o  non . . . 
tant  cun  andl  en  son  doi  yit 
a  une  esmeraude  moult  clere. 
ansin,  fait  il,  me  dist  ma  mere 
qan  Yostre  doi  Tanel  preiste, 
mais  que  rien  plus  ne  vos  feisse. 
Or  9a  Tanel,  ie  1  voil  avoir.' 
mon  anel  n'auras  tu  ia  roir.' 
li  yalles  parle  poing  la  prent, 
a  force  lo  doi  li  estant, 
si  a  Tanel  en  son  doi  pris, 
et  ou  sien  doi  meisme  mis. 

698.  li  yalles  a  son  euer  ne  met 
rien  nule  de  ce  que  il  ot, 
mais  de  ce  que  geune  ot 
moroit  de  faim  a  male  fin. 
un  bocel  troye  plein  de  yin 
et  un  enap  d*argent  selonc, 
et  yoit  sor  un  trossel  de  ionc 
une  toaille  blanche  nueye ; 
il  la  soulieye  et  si  trueye 
trois  bons  pastes  d'un  cheyroil  free . 
un  des  pastes  devant  lui  froisse, 
si  maniue  par  grant  talent, 
et  yerse  en  la  cope  d*argent 
do  yin  qui  n*estoit  mie  leiz, 
si  en  boit  soyent,  et  grans  trais. 

693.  et  cele  plore  et  dit,  „yallet 


WOLFBAM  VON  ESCHENBACH  UND  CHRESTIENS  DE  TROYES. 


87 


'junolidrtlB,  ir  sult  min  viDg^fliA 

hie  la«en  ant  min  fdrspan. 

hebt  iuoh  enwee :  wan  kumt  min  man, 

ir  müezet  z^nen  liden, 

daz  ir  gerner  möhtet  miden/ 

132,  22.  der  knappe  an  urloup  dannen 

reit: 
iedoch  sprach  er  'got  hüete  din . 

26.  do  er  eine  wil  ron  dan  gereit, 
wol  nach  gein  der  mile  zil, 
dö  kom  Ton  dem  ich  sprechen  wil. 
der  spürte  an  dem  touwe 
daz  gesuoehet  was  sin  ürouwe . . 

133,  1.  der  fürste  wert  unt  erkant 
an  wip  dort  unde  al  trüric  yant 

133,  6.  'öwe  frowe,,  wie  hän  ich  sus 
min  dienst  gein  in  gewendet ! 
mir  ist  nach  laster  gendet 
manec  vHerlicher  pris. 
ir  habt  ein  ander  amis.' 

15.  iedoch  sprach  si  mdi  forhten  »iten 
Ma  kom  ein  tdr  her  zno  geriten :  .  .  . 
mm  furspaa  nnde  ein  vingerlin 
nam  er  äse  den  willen  min.' 


137,  1.  'iwer  zoum  muoz  sin  bästfn  seil, 
iwer  phert  bejagt  wol  hungers  teil, 
iwer  satel  wol  gezieret 
der  Wirt  enschumphieret.' 

136, 29.  *ir  enphdhetmer  dehein  gewant, 
wan  sls  ich  iuoh  sitzen  vant.' 


138,9^147,  11. 
Parzival  begegnet  bei  Wolfram 
trauemden  Sigime.   Chrestiens  erwähnt 


n'enportez  pas  mon  agnelet, 
que  ien  seroie  mal  ballie, 
et  tu  en  perdroies  la  yie, 
que  quil  tardast,  io  te  promet  !** 

727.  et  pris  oongie  tot  maintenant 
et  eonmanda  a  den  oeli 
cui  ses  Salus  point  n*abeli, 
'dex  Yos  saut,  fait  il,  bele  amie\ 

746.  puis  n'ala  gaires  demorant 
que  ses  amis  do  bois  rerint ; 
do  yallet,  qui  sa  yoie  tint, 
yoit  les  esclos,  si  li  greya ; 
et  sa  mie  plorant  troya. 


751.  ^dame,  dame,  fait  il,  ie  croi 
a  ces  ensaignes  que  ie  yoi, 
que  cheyalier  a  au  ci.' 


754.  nuou  a,  sire,  io  yos  afi, 
mais  un  yallet  Qualois  i  et 
enieus  et  yilain  et  sot 
qui  de  yostre  yin  a  beu 
tant  con  li  plot  et  bon  li  fu  .  .  . 
mes  agnes  est  en  la  querele, 
qui  Io  m*a  tolu,  si  Tenporte." 
Das  folgende  ist  bei  Chrestiens  be- 

deotend  kürzer. 

785.  'ne  ia  ne  mangera  d*avaine 
yostre  cheyaux,  ne  n'iert  ferrez 
tant  que  eil  estera  tuez  .  .  . 
si  muert  (das  Pferd),  yos  me  siurez  a 
pie.' 

788.  'ne  jamais  ne  seront  cangie 
li  drap  dont  yos  estes  yestue, 
ains  me  siurez  a  pie  et  nue. 
Chrestiens  lässt  nicht  den  Ritter 

Parzeval  verfolgen,  wie  Wolfram. 
796—862. 

der  um  den  todten  Schianatulander 

beide  nicht,  sondern  lässt,  gleich  nach 


88 


ALFRED  ROCHAT 


788,  Percbeval  auf  einen  Kohlenbrenner  treffen,  der  ihni  den  Weg  weist  nach 
Arthurs  Hof;  bei  Wolfram  ist  es  ein  Fischer,  in  dessen  Hütte  Parzival  die 
Nacht  zubringt  Von  Nantes  ist  bei  Cbrestiens  die  Bede  nicht.  Die  Begeg- 
nung mit  dem  rpthen  Ritter  ist  in  beiden  Bearbeitungen  ziemlich  überein- 
stimmend : 


145,  7.  im  kom  ein  liter  widerriteo, 
17.  sin  harnasch  was  gar  so  röt, 

daz  ez  den  ougen  roete  bot : 
29.  al  rdt  von  golde  üf  siner  hant 

146.  stuont  ein  köpf  yil  wol  ergrabn. 


827.  et  vit  issir  par  mi  la  porte 
un  cheyalier  qui,  armes,  porte 
une  cope  d*or  en  sa  main  $ 
sa  lance  tenoit  et  son  frain 
et  son  esGU  a  la  senestre, 
et  la  cope  d*or  an  la  destre ; 
et  ses  armes  bleu  li  seoient 
qui  totes  yermoilles  estoient. 

In  beiden  Bearbeitungen  erzählt  der  rothe  Ritter,  wie  er  zu  dem  Becher 
gekommen  sei;  bei  Wolfram  umständlicher. 

147,11  —  161,9.  862—1259. 

Ankunft  an  Arthurs  Hof,  Empfang.  Cunnewäre  und  Antenor,  Key. 
Parzival  besteht  den  ersten  Zweikampf  mit  dem  rothen  Ritter,  der  bei  Chre- 
stens  li  vermaua  Chevaliers  de  la  foret  de  Guingueron  heißt.  Völlige  Über- 
einstimmung zwischen  beiden  Erzählungen : 

147,  16.  Twanet  dar  naher  spränc :  877.  tant  qu  Yrones  contre  lui  Tint 

der  knappe  valsohes  vrie  •  qui  ün  costel  en  sa'main  tint. 

derböt  im  kumpanie.  ' Valles ,  fait  il  (Percheyal) ,  tu  qui  9a 

Der  knappe  sprach ;  gdt  halde  dich  yiens. 


bat  reden  min  muoter  mich, 
e  daz  ich  schiede  yon  ir  hüs. 
ich  sihe  hie  mangen  Artus : 
wer  sol  mich  ritter  machen? 
Yyänet  begunde  lachen  .  .  . 
er  fuort  in  in  zem  pälas, 
d4  diu  werde  massenie  was. 
sus  yil  kund  er  in  schalle, 
er  sprach  'got  halde  iuch  alle'. 

148,  19.  der  knappe  unbetwungen 
wart  harte  yil  gedrungen, 
gehurtet  her  unde  dar. 
si  namen  siner  yarwe  war. 
diz  was  selpschouwet, 
geh^rret  noch  gefrouwet 
wart  nie  minneclicher  fruht. 

151,  11.  da  saz  frou  Cunnewäre, 
diu  fiere  und  diu  clare. 
diu  enlachte  decheinen  wis, 


qui  td  costel  en  ta  main  tiens, 
mostre  moi  liques  est  li  rois'. 
Yyones,  qui  moult  fu  cortois, 
li  dist,  'amis,  yees  le  la . 
et  eil  tantost  yers  lui  ala, 
sei*  salue,  si  con  il  sot. 


936.  der  et^rient  furent  si  oil 
an  la  teste  au  yallet  salyaige ; 
nus  ne  Tot,  ne  lo  taigne  a  saige, 
mais  tuit  eil  qui  lo  regardoient 
por  bei  et  por  gent  lo  tenoient. 


994.  et  li  yalles  qui  s'an  aloit 
a  une  pucele  yeue, 
bele  et  gente,  si  la  salue. 


WOLFRAM  VON  ESCHENBACH  UND  CHRESTIENS  DE  TBOTES.  89 


sine  NBhe  in,  der  den  höhsten  pris 

hete  od  solt  erwerben : 

si  wolt  e  8US  ersterben. 

aller  lachen  si  yerm^&it, 

uoz  daz  der  knappe  für  si  reit ; 

do  erlachte'ir  minnedicher  munt. 


151,  21.  D6  nam  Keye  schenesohlant 
froun  Cunewaren  de  lalant .  .  . 

27.  ir  rüke  wart  kein  eit  gestabt, 
doch  wart  ein  stab  so  dran  gehabt, 
unz  daz  sin  siusen  gar  yerswanc, 
durch  die  wat  nnt  dnrch  ir  yel  ez  dranc. 


et  cele  lui,  et  si  li  rist 
et  an  rient  itant  li  dist : 
Valles  se  tu  Tis  par  aaige 
ie  pans  et  cait  en  mon  ooraige 
quen  trestot  le  monde  n*aura, 
n*il  n*i  est,  ne  Ten  n*i  saura 
nul  cheyalier  meillor  de  toi, 
ensin  lo  pans,  et  ouit,  et  croi'. 
et  la  pucele  n'ayoit  ris 
ans  ayoit  passes  plus  de  dis. 

1008.  — et  Key  saut 

cui  la  parole  enuia  moult, 
si  li  done  un  cop  si  estout 
de  la  paume  en  la  face  tendre 
que  il  la  fist  a  terre  estendre. 


Der  vermvigen  Antanor  Wolframs  heifit  bei  Chrestiens  nur  un  sot^  der 
zu  sagen  pflegte :  ceste  pucele  ne  rira^  \  jusgue  tani  que  ele  verra  \  celm  qui 
de  chevalerie  \  antra  tote  la  aetgnarie.    Es  folgt  der  Kampf  mit  dem  rothen 

Ritter: 


154,  27.  der  riter  umbekdrt  den  schaft, 
und  stach  den  knappen  s6  mit  kraft, 
daz  er  und  sin  piardelin 
nmosen  y allende  üf  die  bluomen  sin. 


155,  4.  Porziyal  der  knappe  guot 
stnont  al  zomec  üf  dem  plan. 
^  gabyl6t  begreif  er  San. 
da  der  heim  unt  diu  barbier 
sich  locheten  ob  dem  härsnier, 
durchz  ooge  in  sneit  dez  gabyldt^ 
unt  durch  den  nao,  sd  daz  er  tdt 
Tiel,  der  ralseheit  widersatz. 


155,  19.  Parziral  der  tumbe 
kert  in  dicke  al  umbe. 
er  künde  im  ab  geziehen  niht : 
daz  was  4in  wunderlich  geschiht ; 
helmes  snüer,  noch  siniu  schinnelier, 
mit  sjnen  blanken  banden  fier 


1063.  la  lance  a  en  2  poings  leyee, 
et  si  Ten  done  grant  colee 
par  les  espaules  en  trayers 
par  la  ou  n'estoit  pas  li  fers, 
quil  lo  fist  enbronchier  a  yal 
jusque  sor  lo  col  do  cheyal. 

1069.  et  li  yalles  s*est  correcies 
quant  il  senti  que  fu  blecies 
de  la  colee  quil  ot  prise. 
a  l'oil,  au  mielz  que  puet,  Tayise 
et  laisse  aler  lo  jayelot ; 
eil  qui  n'entent,  ne  yoit,  ne  ot  (?) 
lo  fiert  tres  par  mi  lo  ceryel, 
si  que  li  fet  ou  haterel  (nac) 
saignier,  et  la  oeryele  espant. 
de  la  dolor  li  cuers  li  mant, 
si  yerse,  et  chiet  tos  estandus. 

1083.  mais  il  ne  set  yenir  a  chief 
do  hiaume  qu*il  ot  sor  le  chief, 
qu'il  ne  set  conmant  il  lo  preigne 
et  Tespee  qu'il  li  desceigne 
maintenant,  mes  il  no  set  fetire, 
ne  do  desanner  a  chief  traire. 


90 


ALFRED  ROCHAT 


kund  ers  mhi  uf  gestrkken  .  .  . 
27.  vil  dideerz  doch  yersnocfate. 

156,  29/dd  spmch  der  knappe  g^ter: 
'swaz  mir  gap  o^  muoter, 
des  sei  yil  wenic  yon  mit  kottin'. 


158,  17.  dö  sprach  er  ze  Twanete  säü: 
'lieber  friunt,  min  kumpan, 
ich  faän  hie'  rworben  des  ich  pat. 
du  solt  nun  dienst  in  die  stat 
dem  künege  Artuse  sagen 
und  euch  min  hdhez  laster  klagen, 
bring  im  widr  sin  goltraz« 
ein  ritter  sich  an  mir  yergaz, 
daz  er  die  juncfirouwen  sluoc 
durch  daz  si  lachens  min  gewuoc. 
mich  aiüent  ir  JtBmerliehen  vort. 

Es  kann  hier  bemerkt  werden ,  daß  bei  Chrestiens  die  Episode  dadurch 
endet,  daß  Artus  den  Kex  bitter  über  sein  Benehmen  tfidelt.     Es  folgt  nun: 

V.161,  9  —  179,  12.  1269—1661. 

Parzivals  Aufenthalt  bei  Garnemans  de  Gräharz,  der  von  Chrestiens 
zuerst  li  prodome^  dann  Gornemans  de  Groort  genannt  wird. 
161,  23.  hin  gein  dem  abent  er  dersach       1275.  sur  une  röche  en  un  pendant 


1108.  mais  li  yalies  sa  yesteure 
ne  yost  laissier,  ne  ne  preist 
per  rien  que  Yyones  deisfc  , 
une  cote  bien  aaisiee  .  .  . 
que  desus  son  hauberc  yestoit 
li  cheyaliers  quant  yis  estoit.  etc. 

1149.  encois  que  Tvanes  s'en  aille, 
dist  li  yalies :  'ami  prenes 
mon  chaeeot«  si  Teiittieiies 
et  partes  ia  cope  lo  rol ; 
si  lo  salues  de  par  moi, 
et  toJit  dites  a  la  ptteeie 
que  Kej  feri  sos  la  maise]«, 
%iie  se  ie  yif,  tuns  que  ie  muife 
li  cuit  ie  mentre  moult  bien  nuire 
que  poi*  yangiee  se  teniu'. 


eins  turnes  gupfen  unt  des  dach 
den  tumben  dühte  sere, 
wie  der  turne  wiiehse  mere : 
der  stuont  da  yil  üf  eime  hüs. 


162,  27.  »US  antwurt  im  d^  PariSiyal' 
üz  tumbea  witzen  suader  twal : 
mich  pat  min  muoter  «eaM^n  rat 
ze  dem  der  grawe  locke  hat^ 

170,  9.  der  wirt  sprach  zem  gasten  sin 
^ir  redet  aler  ein  kindelin. 

wan  geswigt  ir  iwerr  muoter  gar, 
und  nemet  anderr  msere  war  ? 
habt  iuch  an  minen  rät : 
der  scheidet  iuch  yon  missetat*. 

171,  17.  Sra  sult  niht  yil  gefragen:    ^ 
ouch  sol  ittoh  niht  betva^iiMi 


qui  yers  mer  aloit  descendant 
ot  un  castel  et  bei  et  fort ; 
si  con  Teye  aloit  au  regort 
torna  li  yalies  a  senestre 
et  yit  les  tors  do  castel  nestre, 
ayis  li  fu  quelles  nessoient, 

1354.  'dire^  ayentuife  m'ensaigna 
et  m^mere»  que  ie  alaase 
aus  prodones  et  me  cMtoiUaaie'. 

1637.  or  ne  dites  iamais,  biaus  frere, 
que  ce  yos  aprist  yostre  mere, 
ne  quele  yos  ait  enseignie  .  .  . 
que  se  yos  plus  lo  diseiez» 
a  folie  yos  tanroib  an^ 
porce»  yos  pri,  gardez  yos  an. 

1610%  ^et  gavdez  que  yos  ne  Sifies 
trop  pa^ns,  ne  trop  iwtöli«»; 


WOLFRAM  VON  ESCEffiNBACH  UND  CHRESTIENS  DE  TROYES.  91 

bedähter  gegenrede,  diu  gd  nus  ne  puet  estre  trop  parliers 

reht  als  jenes  Tragen  st^,  que  sorent  tel  chose  ne  die 

der  iuch  wil  mit  Worten  spehen'.  que  Tan  li  torne  a  vilenie ;     \ 

et  li  saiges  dit  et  retrait :         \ 
qui  trop  parole  pechie  fait'.       \ 

Bei  Chrestiens  sind  die  Lehren  kürzer  gefasst;  dieLiäze  wird  nicht\r- 
wähnt,  auch  fehlt  die  letzte  Rede  des  Gurnemanz. 

179,  13  —  216.  1661—2693. 

Aufenthalt  Parzivals  in  BeUrepaire  bei  Gonduiramurs  (Blancheflor  bei 
Chrestiens).  Kampf  gegen  Kingrun  (Agningueron)  und  Glamide  (Clamadex). 

182,  13.  einen  rinc  er  an  der  porte  yant :  1684.  tant  a  hurte,  en  el  lo  pas 

den  ruorter  yaste  mit  der  hant.  yint  aus  fenestres  de  la  saie 

sins  rüefens  nam  da  nieman  war  une  pucele  tainte  et  pale 

wan  ein  juncfrouwe  wol  geyar.  et  dit:  qui  est  qui  9a  apele? 
üz  einem  yenster  sach  diu  magt 
den  helt  Lalden  unyerzagt. 

184,  8.  sine  beten  kaßse,  yleiscb  noch        1730.  ne  ni  ayoit  pain  ne  gastel, 
prdt,  ne  rien  nule  qui  fust  a  yendre 

si  liezen  zenstfiren  sin,  don  Ten  poist  un  denier  pendre. 

und  smalzten  ouch  defa einen  win  ensin  troya  lo  chastel  gaste 

mit  ir  munde,  so  si  trunken.  quil  ni  toya  ne  pain  ne  paste, 

ne  yin,  ne  cidre,  ne  ceryoise. 

188, 15.  sin  manlich  zuht  was  im  sd  ganz,       1819.  porce  de  parier  se  tenoit, 

Sit  in  der  werde  Gurnamanz  que  do  chasti  li  sovenoit 

Ton  siner  tumpheit  geschiet  que  li  prodom  Ü  ayoit  fait. 

unde  im  yrägen  widerriet, 

ez  enwflBTe  bescheidenliche, 

bi  der  kimeginne  riebe 

saz  sin  munt  gar  äne  wort. 
189,  13.  ^herre,  icb  yrage  iuch  maßre,  1844.  et  dit  moult  debonairement, 

wannen  iwer  reise  wsßre'  ?  'sire  dont  yenistes  vos  hui  ? 

So  folgt  Wolfram  getreu  seinem  Vorbilde  und  wir  vermissen  bei  Chre- 
stiens keinen  Zug,  der  uns  bei  jenem  begegnet.  So  will  auch  Parzival  den 
besiegten  Augningerons  zur  Königin  Blancheflur  und  zum  Gurnemanz  schicken, 
allem  Auguinguerons  fürchtet  von  den  Leuten  der  Burg  getödtet  zu  werden, 
und  er  hat  Gumemans  bruder  im  Kampfe  das  Leben  genommen;  daher 
schickt  ihn  Percheval  an  Arthurs  Hof. 

198,  23;  'so  fiier  yon  diesem  plane  2256.  et  eil  li  dist :  „donc  iras  tu 

inz  laut  ze  Bertäne  en  la  prison  lo  roi  Artu 

din  ritterliche  Sicherheit  et  me  salueras  lo  roi, 

einer  magt,  diu  durch  mich  leit  et  si  li  diras  de  par  moi 

des  si  niht  liden  solde,  quil  te  face  mostrer  oeli 


92  ALFRED  BOOHAIV 

der  fuoge  erkennen  wolde  ;  que  Key  li  senechans  feri 

und  sag  ir,  swaz  halt  mir  geschehe,  porce  que  ele  m*ayoit  ris ; 

daz  4ii  mich  nimmer  yrö  gesehe,  et  a  oeli  te  randras  pris, 

d  daz  ich  si  gereche  et  si  li  diras,  se  toi  piaist, 

alda  ich  schilt  durchsteche.  que  ia  des  morir  ne  me  laist 

tant  quen  aie  yengence  prise. 
In  beiden  Erzählungen  meldet  ein  Knappe  (un  volles)  dem  Glamadez, 
daß  ein  Ritter,  der  in  Bel-repaire  eingetroffen  sei,  den  Angingaerona  besiegt 
habe  (bei  Wolfram  nennt  er  ihn  Ither  v.Kuknmerlant).  AberClamides  achtet 
nicht  auf  seine  Worte  und  belagert  Bel-repaire;  indessen  wird  ihm  gemeldet, 
dafi  in  der  Stadt  Überfluß  an  Lebensmitteln  herrsche  ,* 

vergleiche  dazu  und 

200,  10.  zwSne  segele  brüne  2467.  cel  ior  meisme  un  grans  yens 

die  kds  man  yon  der  wer  hin  abe :  et  par  mer  chacie  une  bärge 

die  sluoc  gröz  wint  yast  in  die  habe.  qui  de  froment  porte  une  charge, 

die  kiele  wären  geladen  s6,  et  d'autre  yitaille  estoit  plaine. 

des  die  burg«r  wurden  yrö :  si  con  De  plot,  entiere  et  saine 

sine  truogen  niht  wan  spise.  est  de  van  t  lo  chastel  yenue, 

daz  fuogte  got  der  wise. 
und  daher  entschließt  sich  Glamadez  zu  einem  Zweikampf  mit  Percheval,  da 
das  Belagern  zu  nichts  nütze.    Er  wird  besiegt,  und,  da  er  sich  weigert,  der 
Königin  oder  dem  Gumamanz  sich  zu  übergeben ,  an  Arthurs  Hof  geschickt 
Dasselbe  wie  früher  lässt  Percheval  der  Jungfrau  (Cunneware)  dort  melden. 

216—224.  2693—2916. 

Clämadex  und  Auguinguerons  an  Arthus  Hof.    Percheval  nimmt  Ab- 
schied von  der  Blancheflor  (Konduiramur). 

216,  2.  Clamide  der  werde  2693.  Mais  Aguinguerons  totes  voies 

reit  gein  Löyer  üf  die  erde.  s*en  ya,  et  Clamadex  apres 

ensamt,  niht  besnnder,  siuit  trois  nuis  tot  pres  a  pres 

die  yon  der  tayelrunder  as  otex  o  eil  ot  geu, 

warn  ze  Dianazdrün  bien  Ta  par  les  esclos  seu, 

bi  Artuse  dem  Bertün.  iusqua  Dinasdaroa  en  Guales 

ou  li  reis  Artus  en  ses  sales 
cort  moult  efforcie  tenoit. 
Bei  Chrestiens  zuerst  eine  Erkennungsscene  zwischen  Auguinguerons 
und  Glamade,  dann  Erscheinung  des  letztem  vor  dem  König,  und  erst  nach- 
her wird  Clamades  von  Ywains  und  Giufles.der  Cunneware  (la  pucele)  vor- 
gestellt Die  Wiedererkennungsscene  folgt  bei  Wolfram  erst  dann.  Die 
beiden  Dichter  kehren  wieder  zu  Percheval  zurück,  der  Behrapeire  verlässt: 

223,  15.  eins   morgens    er   mit   zühten  2861.  mais  d*une  rien  mult  plus  li  tient^ 
sprach  ...  que  de  sa  mere  li  sovient 

ob  ir  gebietet,  frouwe,  que  il  vit  pasmee  cheoir ... 

mit  urloube  ich  schouwe 


WOLFRAM  VON  ESGHEKBACH  UND  CHRKSTIENS  DE  TBOTES, 


98 


wiez  umbe  mine  muoter  stS, 
ob  der  wol  oder  we 
si,  daz  ist  mir  harte  onkunt» 
dar  wil  ich  zeiner  kurzen  stunt 
uod  ottch  durch  aventiure  zil. 


2898.  'ne  cuides  pas  que  ce  soit  biens 
se  ma  mere  reVeoir  vois, 
qui  ayiau  mi  meint  en  ce  bois 
qui  la  gaste  foret  a  non  ? 
je  revenrai  Toille  ele  o  non . 


224—248,  17.  2916—3362. 

Percheval  besacht  den  Fischerkönig  und  sieht  den  Gral.    Die  ganze  Er- 
zäiÜQDg  ist  bei  Chrestiens  kürzer  gehalten. 
Vergleiche  bei  Wolfram  225—226,  10. 


225,  1.  er  kom  des  äbnts  an  einen  se. 
Ak  beten  geankert  weideman: 
den  was  daz  wazzer  undertan. 
do  si  in  riten  sahen, 
si  warn  dem  Stade  sd  nahen 
daz  si  wol  hörten  swaz  er  sprach. 


2940.  tant  quil  yit  par  Teye  araler 
une  nef  qui  d*amont  yenoit, 
dos  omes  en  la  nef  ayoit, 
et  il  s*areste  et  atent, 
si  cuida  qnil  alassent  tant 
que  il  yenissent  iusca  lui ; 
et  il  s'arestent  amedui, 
a  mi  Teye  tuit  coi  esturent, 
que  mult  bien  aencre  se  ftirent. 

Bei  Chrestiens  heifit  es  blofi»  dafi  einer  von  beiden  Männern  fischte; 
und  dafi  Percheval  diesen  anredete.  Wolfram  225,  8 — 12  wird  im  Gontes 
d.  6.  nicht  erwähnt. 


225,  25.  ndort  an  des  yelses  ende 
da  k^rt  zer  zeswen  hende. 

so'r  üf  hin  kernet  an  den  grabn, 
ich  wen  da  müezet  ir  stille  habn.** 

226,  3.  er  sprach,  \omt  ir  rehte  dar, 
ich  nim  iwer  hint  selbe  war . 


2968.  et  eil  respont:  'de  ce  et  d'el 
aureies  vos  mestier,  ce  cuit, 
ie  yos  esbergerai  a  nuit. 
montes  yos  en  par  cele  frete 
qui  est  en  cele  röche  fete, 
et  quant  yos  la  amont  venrois 
deyant  yos  an  un  yal  yerrois 
une  maison  ou  ie  estois'. 


Das  folgende  wird  bei  Chrestiens  sehr  kurz  erzählt:  Percheval  wird 
sogleich  mit  einem  Scharlachmantel  bekleidet  nnd  dem  seiffnor  vorge- 
bracht: 


230,  25.  in  bat  der  wirt  näher  gen 
nnd  sitzen,  'zno  mir  da  her  an ; 
sazte  i'uch  verre  dort  hin  dan, 
daz  wasre  iu  alze  gastlich'. 


231.  der  wirt  het  durii  siechheit 
gr6ziu  fimr,  und  an  im  warmiu  kleit. 
^t  und  lanc  zobelin, 
aus  muose  üze  und  inne  sin 
der  pelliz  und  der  mantel  drohe. 


3054.  li  prodom  tant  por  lui  se  grieve, 
que  tant  con  il  puet  se  sos  lieye 
et  dit  'amis,  ^a  yos  traies, 
ne  de  moi  ne  yos  esmaies, 
si  seies  ci  seurement 
lez  moi,  que  ie  1  yoil  et  oomant'. 

3026.  en  mi  la  sale  ayoit  un  lit, 
un  prodome  seoir  i  yit, 
qui  estoit  de  chienes  melles ; 
et  eil  estoit  enchapeies 
d*un  sebelin  noir  come  more 


94 


ALFREB  ROCHAT 


der  sweohest  balc  w»r  wol  ze  lobe :  d'une  porpre  rert  par  desore, 

der  was  doch  swarz  unde  gra :  et  noire  fti  sa  robe  touie. 

des  delben  was  ein  hübe  da 

üf  sime  houbte  zwivalt, 

Yon  zobele  den  man  tiure  galt. 

Die  Feuerstätte  wird  auch  beschrieben,  aber  kein  Wort  von  dem  lign 
alS^ hei  Chrestiens.  Nun  kommt  im  Cd.  G.  ein  Diener,  der  ein  kostbares 
Schwert  trägt  und  es  dem  Herrn  des  Hauses  überreicht;  dieser  schenkt  es 
dem  Percheval.  Bei  Wolfram  wird  auch  dem  Parzival  ein  Schwert  geschenkt, 
aber  erst  239,  18  —  240,  1  wird  seiner  erwähnt.  Nun  kommt  die  blutende 
Lanze : 


231,  20.  an  der  sniden  huop  sich  pluot 
und  lief  den  schaft  unz  uf  die  hant, 
deiz  in  dem  ermel  wider  want. 


3189.  8*en  ist  nne  goute  de  sanc 
do  fer  de  la  lance  en  sommet 
que  iusqua  la  main  au  vallet 
corroit  cele  goutte  yermoille. 


Bei  Chrestiens  heißt  es  aber  nicht:  da  warf  geweinet  und  geschrtt 
Das  folgende  ist  auch  bedeutend  kürzer;  die  Kerzen  werden  von  Dienern  ge- 
tragen. Gleich  daraufkommt  eine  Jungfrau  mit  dem  Gral  (un  Oraal);  und 
dann  wird  die  Tafel  gedeckt. 


239,  8.  wol  gemarcte  Parciväl 
die  richeit  und  daz  wunder  groz : 
durch  zuht  in  Tragens  doch  verdroz, 
er  dahte  ^mir  riet  Gumamanz 
mit  grozen  tri  wen  ane  schranz 
ich  solte  vil  gevragen  niht.' 


3233.  ne  11  valles  ne  demanda 
do  graal  cui  Tan  en  servoit ; 
por  lo  prodome  se  tenoit 
qni  docoment  lo  chastia 
de  trop  parier,  et  il  i  a 
toz  iors  son'cuer,  si  Ten  sovient ; 
mais  plus  se  taist  quil  ne  eovient. 

Endlich  vergleichen  wir  noch  folgende  Stellen   (Parzival  verlässt  die 
Gralburg) ; 


246,  23.  er  tet  aiser  tuon  sol : 
von  fuoz  uf  wäpent  er  sich  wol 
durch  strites  antwurte, 
zwei  swert  er  umbe  gurte, 
zer  tür  üz  gienc  der  werde  degen  : 
da  was  sin  ors  an  die  Stegen 
geheftet,  schilt  unde  sper 
lent  derbi :  daz  was  sin  ger. 
e  Parzival  der  wigant 
sich  des  orses  underwant, 
mangez  er  der  gadem  erlief, 
86  daz  er  nach  den  liuten  rief, 
nieman  er  hörte  noch  ensach. 


3301.  si  Testut  par  lui  sol  lever; 
queque  il  li  deust  grever, 
des  que  voit  que  faire  Testuet 
sl  se  lieve,  quant  mielz  ne  puet, 
et  chauce  sans  aide  atendre, 
et  puis  reva  ses  armes  prendre, 
cau  Chief  d*un  dois  les  a  trovees, 
ou  Ten  les  li  a  aportees. 
quant  il  ot  bien  armes  ses  menbres 
si  s*en  va  par  les  hnis  des  canbres 
que  la  nuit  ot  overts  veüs ; 
mais  por  noient  en  est  venus, 
quil  les  trova  moult  bien  fermes. 
s*apele  et  böte  et  hurte  asses ; 
nus  ne  li  oevre,  ne  dit  mot. 


WOLFEAM  VON  ESCHEXBACB  ITSD  OEIRESTIENS  DE  TBOTES. 


95 


247,  16. —  die  pprtpn 

Tander  wit  offen  sten 
derdorch  üz  gröze^U  gen  : 
niht  langer  er  dd  lial^te 
rast  nf  die  brükke  er  drabte. 
ein  YerboFgen  knappe*z  seil 
z6ch,  daz  der  slagebrüken  teil 
hetz  ors  yil  nach  gevellet  nidr. 
Parziräl,  der  sach  sich  widr ; 
dd  Wolter  han  geyraget  baz. 
'ir  sult  Taren  der  sunnen  haz, 
sprach  der  knappe,  ir  sit  ein  gans. 
möht  ir  gerüeret  han  den  flans, 
und  het  den  wirt  geyraget !' . . . 
nach  den  noieren  schrei  der  gast : 
gegenrede  im  gar  gebrasi. 


248,  17  — 256. 


^aat  asses  apele  i  ot, 
si  s'en  ya  a  Tiiis  de  la  sal«, 
oyert  lo  troeye,  si  ayale  ^ 
trestos  les  degres  contr«  yal« 
et  troye  ensele  soa  cheyal 
et  yoit  sa  lanoe  et  son  escu 
qui  au  mur  apoiee  fu. 

3326.  ai  s'enTa  a  la  port«  droit, 
et  troye  lo  pont  abaissie 
con  li  ayoit  trestot  laissie 
pofroe  que  riens  no  retenist .  .  . 
lors  s*en  13t  ors  par  mi  la  porte ; 
mais  ains  quil  Aist  outre  lo  pont 
des  pies  de  son  cboTal  amont 
santi  quil  leyerent  en  haut, 
et  ses  cheyals  fist  un  grant  saut, 
et  s*il  n*aust  si  bien  saiUi 
a  mi  1  eye  fussent  failli 
li  cheyaus  et  eil  qui  sus  lere, 
et  li  yallefi  torna  sa  ohiere 
por  yeoir  que  ce  ot  ette, 
et  yoit  qu*on  ot  lo  pont  leye : 
8*apele,  et  nuos  ne  li  respont. 
*diya!  £ut  U,  tu  qui  lo  pont 
as  leye,  car  parole  a  moi ; 
OH  ies  tu ,  quant  ie  ne  te  yoi  ? 
trai  toi  ayaiut,  si  te  yerrai  .  .  .' 
ansin  de  parier  se  foloie, 
que  nus  respondre  ne  li  yiaut. 

3362—3631. 


Parzival  und  die  Sigune  (Chrestiens  nennt  sie  bloß  une  pucele). 


248,  17.  Parciyal  der  huop  sich  nach 
rast  uf  die  $14,  dier  da  sach. 

249,  1.  der  valscheite  widersaz 
kSrt  df  der  huo£ilege  kraz. 


249,  11.  do  erh6rte  der  degen  eüens  rieh 
einer  firouwen  stinune  jämmerlich, 
ez  was  dennoch  yon  touwe  naz. 
▼or  im  M  einer  linden  saz 
ein  magt»  der  fuogte  ir  triwe  n6t. 
ein  gebalaa»i  ritter  t6t 
lest  ir  zwiaebenn  amen. 


3362.  ensin  yers  la  foret  s*aquiaut, 
si  entre  en  un  sentier  ...(?) 
ou  il  ot  une  estreite  yoie 
de  cheyaus  qui  ale  eatoient. 

3368.  lors  s'eslaisse  par  mi  lo  bois 
tant  con  cele  trace  li  dure. 

3370.  tant  que  il  yit  par  ayenture 
une  pucele  sos  un  chaisne ; 
et  crie  et  plore  et  si  blasme 
come  chaitiye  dolereuse  .  .  . 

3393.  ensin  son  doel  de  ce  menoit 
d'un  oheyalier  quele  tenoit 
qui  ayoit  tranchiee  la  teste* 


96  ALFRED  BOCHAT 

Parzivai  erzählt  seine  Reise  und  wie  er  im  Schlosse  übernachtete.  Cbre- 
stiens  lässt  aber  keinesweges  die  Grälsbnrg  unsichtbar  sein,  anch  ist  in  seiner 
Erzählung  keine  Rede  von  Montsalvaige,  Titurel  und  Primutel;  überhaupt  ist 
bei  ihm  das  Ganze  etwas  kürzer  gefasst.  Es  mag  bemerkt  werden,  daß  Per- 
cheval  erst  bei  dieser  Gelegenheit  seinen  Namen  bekommt  und  zwar  anf 
merkwürdige  Weise,  V.3512;  die  Pucele  fragt:  comMird  a^ea  vos  non  amisl 
darauf  heifit  es :  et  eil  qui  son  non  ne  eavoit  devine  et  dit  que  il  avoit  Per- 
cheva/us  U  Oualoia  a  non,  ne  ne  set  eil  dit  voir,  o  non;  mais  il  dist  voir,  et 
ai  no  80t   Zu  vergleichen  sind  nun  folgende  Stellen  aus  beiden  ErzähloDgen: 

252, 14.  ^dune  darft  dich  niht  der  sippe      3540.  ^ie  sui  ta  germaine  cosine, 
schamn,  et  tu  ies  mes  cosin»  germains.' 

daz  din  muoter  ist  min  muome. 

253,  24«  'du  füerst  euch  umbe  dich  sSn      3594.  'maier  ou  fu  cele  espee  prise 
swert :  qui  tos  pant  au  senestre  flaue, 

bekennestu  des  swertes  segen,  qui  onques  d'home  ne  traist  sanc 

du  mäht  an  äugest  strites  pflegen.  onques  ne  fu  a  besoin  traite  ? 

sin  ecke  ligent  im  rehte :  ie  sai  bien  ou  ele  fu  faite 

Yon  edelem  geslehte  et  si  sai  bien  qui  la  forja' . . . 

worhtez  Trebuchetes  hant.  3600.  *dites  moi,  fragt  Perchevali 

ein  brunne  stet  pi  Karnant,  se  9a  yenoit  quele  fust  fraite 

dar  nach  der  künec  heizet  Lac.  s'ele  seroit  iamais  refaite  f 

daz  swert  gestet  gang  einen  slac,  *oil,  mais  graut  peine  i  auroit, 

am  andern  ez  zeyellet  gar :  qui  la  roie  tenir  sauroit ; 

wilt  duz  dan  wider  bringen  dar,  au  lac  qui  est  sos  Gototatre  (?) 

ez  wirt  ganz  von  des  wazers  trän.*  la  la  porrez  faire  rebatre 

et  retamprer  et  faire  saine 
se  ayenture  la  yos  maine ; 
-r-  —  —  ?  Trabuche  non 
uns  feures  qui  ansin  a  non 
que  eil  la  flst  et  refera, 
ou  iamais  faite  ne  sera.' 

Die  einzige  noch  anzufahrende  Abweichung  von  Chrestiens  Texte  ist 
die ,  dafi  dort  Perchevat  liber  den  Tod  seiner  Mutter  benachrichtigt  wird, 
während  Wolfram  dieses  übergeht,  um  es  später  zu  erwähnen,  als  Parzivai 
in  Trevizents  Klause  sich  befindet. 

256—271,  24.  3631—3933. 

Percheval  begegnet  der  Jeschute  und  besiegt  im  Zweikampfe  den  Orilus 
de  Laiander  (im  Contes  del  Graal  heißt  er;  Orgueilleus  de  la  Lande).  Die 
Frau  Jeschute  kennt  Chrestiens  nicht  unter  diesem  Namen:  er  nennt  sie 
bloß ;  la  damoiselle. 

256,  10.  er  kom  üf  eine  niwe  slä.  3631.  eil  tote  sa  sante  s'en  ya, 

Wandez  gienc  vor  im  ald»  toz  Ies  esclos,  que  il  trova 


WOLFBAM  VON  ESCHENBACH  UND  CHRESTIENS  DE  TROTTES.  97 

ein  ors  daz  was  wol  beslagen,  un  palefroi  et  maigre  et  las 

und  ein  barftiozpjQlretdaEmuose  tragen  qui  devant  lui  aloit  lo  pas. 

eine  frouwen,  die  er  sach,  do  palefroi  estoit  ayis, 

nach  der  ze  riten  im  geschach.  tant  estoit  maigres  et  chaitis, 

ir  pfart  gein  kumber  was  yerselt :  quil  fust  en  males  mains  chaus, 

man  het  im  wol  durch  hüt  gezelt  bien  travailles  et  mal  paus 

elliu  siniu  rippe  gar.  sanbloit  que  il  au  st  este 

als  ein  härm  ez  was  gevar.  si  con  Ten  fait  cheyal^  preste 

ein  bästin  halfber  lac  dar  an.  qui  lo  ior  est  bien  traveillies 

tinz  üf  den  huof  swanc  im  diu  man,  et  la  nuit  mal  appareillies ; 

sin  ougen  tiet,  die  gruoben  wit.  autel  do  palefroi  sanbloit. 

euch  was  der  frouwen  runzit  tant  estoit  foibles  quil  tranbloit, 

vertwalet  unde  yertrecket,  ans  in  con  sil  fust  anfondus, 

durch  hunger  dicke  erwecket,  tos  li  yentres  li  fust  fondus, 

ez  was  dürre  als  ein  zunder.  et  les  oreilles  li  pandoient. 

sin  gen  daz  was  wunder.  curie  et  past  i  atandoient 

et  li  mastin  et  11  gaignon, 
que  il  n*ayoit  se  lo  cuir  non 
tant  solement  desos  les  os. 
une  sanbue  sor  son  dos 
et  lorain  ayoit  en  la  teste 
tel  con  coyient  aitel  beste. 

Entsprechend  ist  in  beiden  Texten  die  Beschreibung  der  Frau,  die  auf 
dem  Pferde  sitzt.  Bei  Ghrestiens  erkennt  sie  aber  Percheval  nicht. 

259,  11.  'weit  ir  uns  toetens  machen  yri,      3747.  *ha  sire,  fiait  ele,  merci, 
sd  Titet  daz  i'u  yerre  bV  taisiez  yos  en,  fuiez  de  ci, 

si  mi  laissiez  en  pais  ester.' 

Darauf  erscheint  Orilus,  Orgueilleux;  bei  Chrestiens  aber  erzählt  er  zu- 
erst dem  Percheval,  warum  er  die  Frau  so  hart  gestraft  hat,  worauf  Perche- 
val sich  zu  erkennen  gibt  und  der  Zweikampf  erst  erfolgt;  dann  versöhnt 
sich  der  besiegte  Orguilleux  mit  seiner  Gattin  „rfo  fnal  que  ie  li  <d  fait 
t^aire  cd  ie  lo  euer  et  triste  et  noir^> 

Einige  Verse  lasse  ich  noch  zur  Vergleichung  hier  folgen  : 

267,  25.  'dar  zuo  wil  ich  schouwen  3873.  si  dist,  'cheyaliers,  par  ma  foi, 

in  dinen  hulden  dise  frouwen  ie  n*aurai  ia  merci  de  toi 

mit  suone  ane  vire :  ^         iusque  tu  l'aies  de  ta  mie ; 
ode  du  muost  ein  bare  que  lo  mal  n*ayoit  ele  mie] 

\&i  hinnen  riten,  deservi,  ce  pues  tu  iurer, 

wiltu  michs  widerstHten.'  que  tu  li  as  foM  andurer. 

Endlich  unter  manchen  andern  die  letzten  Worte  des  Orilus  bei  Wolfram, 
welche  im  französischen  Texte  die  Rede  des  Orgueilleux  beginnen,  in  welcher 
er  dem  Percheval  die  Untreue  seiner  Frau  und  die  ihr  deswegen  zugefügte 
Strafe  erzählt. 

9M3käMlA.  UI.  •  7 


98  ALFRED  ROGHAT 

271,  8.  'FüT2  föresi  in  BrizljAii  3781.  'oen  en  bois  ales  esioie, 
reit  ich  dö  in  joyen  jpojs.*  et  cett«  damöi^lö  aroie 

laissiee  en  tm  pareiOon*  eto« 

Beiden  Erzählungen  ist  der  Zug  auch  gemein,  daß  PercheVal  dem  Orilus 
die  gewöhnliche  Botschaft  an  Cunnewäre  mitgibt;  diese  heißt  im  französi- 
schen Texte  immer  ^une  pucele.  Ich  bemerke  endlich,  daß  Chrestiens  von 
Trevrizent  nichts  sagt. 

271,  24  -  280.  3983--4090. 

Der  Orgueilleux  begibt  sich  an  Arthurs  Hoi^ —  sein  Aufenttatt  daselbst. 

272,  4.  er  nam  die  herzoginne  kluoc  3934.  et  eil  la  nuit  sa  mie  &it 
und  fuorte  se  an  die  suonstat  yestir  et  baigni^  ricfaenieBt* 
und  hiez  bereiten  in  zwei  bat. 

Chrestiens  erzählt  das  Ganze  etwas  kürzer}  daß  Ofihis  der  Broder 
Cunnewarens  ist,  erwähnt  er  flicht.  Die  Namen:  PKiflizo6l,  lofreit  Fiz 
Idoei,  Karnant,  Kanedic  etc.  finde  ich  im  französischen  Texte  ebensowenig 
als  den  Claniidex  und  den  Kingrun,  deren  Wolfram  gedenkt. 

280—312.  4090—4536. 

Artus  verlässt  Karidoel  (Karlion),  um  mit  seiner  ganzen  Massenie  Per- 
cheval  aufzusuchen.  Tjoste  Perchevals  mit  Sagremors,  dann  mit  Kex.  End- 
lich bringt  ihn  Gawain  zum  König  — •  Perchevals  Empfang  —  f*ösrtli(äikeiten. 

Ich  übergehe  die  ersten  Verse ,  welche  in  beidiöü  BearbÄituögeü  völlig 
übereinstimmend  sind,  und  erwähne  zur  Vergleichong  eine  b(di:aiuite  Stelle: 

28^,  4.  do  Parziral  den  tac  erkds,  4098.  au  matin  ot  Itttilt  bi€i|i  ftegf^ 

im  was  yersnit  sins  pfades  pan:  que  froide  estoit  la  matiniee; 

yil  ungevertes  reit  er  dan  et  Percheyaus  par  la  momee 

über  ronen  und  manegen  stein.  fü  leyes,  si  con  il  soloit, 

der  tac  ie  lanc  hoher  schein.  que  querre  et  encontrer  voloit 

euch  begunde  liühten  sich  der  walt,  avantute  et  cheyalerie ; 

"wan  daz  ein  rone  was  geyalt,  et  Vint  droit  vers  la  präerlö 

üf  eineih  plan,  zuo  dem  er  sleich :  qtii  fü  gfelee  et  an^gie^, 

Artus  yalke  af  mite  streich;  o  los  lo  roi  estoit  logi^e, 

da  wol  tüsent  gense  lägen ;  mais  ains  que  il  yenist  as  gentes, 

da  wart  ein  michel  gagen  ;  yoloit  une  rote  de  gentes, 

mit  hurte  vlouger  under  sie,  que  la  nois  les  a  esboies ; 
der  yalke,  und  sluog  ir  eine  hie,               *    yeues  les  a  et  oies 

daz  sim  harte  küme  entbrast  queles  s'en  aloient  bruiant 

linder  des  geyallen  ronen  ast.  por  un  faucon  qui  ya  yolaat 

an  ir  hohem  fluge  wart  ir  wie :  apres  eles  de  grant  randon, 

üz  \t  wunden  üfen  sne  i  yint  ataignant  äbaiidon 

yieln  dri  bluotes  zäher  rdt,  une  fors  des  autres  sevree, 

die  Parziy&le  fuogten  ndt.  si  la  ferne  et  matee 

yon  sinen  triwen  daz  geschach»  que  contre  terre  l'abati; 


WOLFRAM  VON  ESCHEKBACH  ÜKD  CBRESTIENS  DE  TR0TE8. 


99 


do  er  die  blnote»  zäher  sfteli 
uf  dem  8iie  (der  was  al  wf s), 
dö  dahter  'wer  hä«  stnen  Tita 
gewant  an  diM  tarwe  ol&r  ? 
Cundwieramurs,  sich  mac  für  w4r 
disiu  rarwe  dir  geliehen, 
mich  wil  got  sffilden  riehen 
sit  ich  dir  hie  gelichez  vant'  etc. 
des  heldes  ougen  mazen, 
als  ez  dort  was  ergangen, 
zwen  zäher  an  ir  wangen, 

den  dritten  an  ir  kinne 

8U8  begunder  sich  verdenken. 


mats  trop  par  fti  neis,  si  perA, 

que  ne  si  vost  Her  ne  ioindre. 

et  Percevaus  conmence  a  poindre 

la  u  il  ot  veu  lo  yol : 

la  gente  fa  navree  61  ool, 

si  saigna  trois  goutes  de  sano 

qui  espandirent  sor  lo  blanc, 

si  sanbla  naturel  color. 

quant  Percevaus  vit  defolee 
la  noif  sor  coi  la  gente  iut, 
et  lo  sanc  qui  entor  parut, 
si  sapoia  desus  sa  lance 
por  esgarder  cele  sanblance: 
et  li  Sans  et  la  nois  ensanble 
la  fresce  color  li  resanble 
qui  est  en  la  face  sa  mie ; 


et  pause  tant  que  tos  s'oblie. 
Dazu  nocli  einige  Stellen,  die  ich  hie  nnd  da  hervorheben  will. 


285,  13.  der  werde  künec  vaste  slief. 
.  Segramors  im  durch  die  snüere  lief, 

zer  poulüns  tür  dranger  in, 

em  declachen  zobelin 

zuet  er  ab  in  diu  14gen 

und  süezes  slllfes  pflägen, 

s6  daz  si  muosen  wachen. 
290,  2.  Keje  der  küene  man 

brahtz  msre  für  den  kunec  sin, 

Sagremors  w»re  gestochen  abe, 

nnt  dort  uze  hielt  ein  strenger  knabe, 

der  gefte  ijoste  reht  als  ^, 


4165.  tot  maintenant  Sagremors  cort 
au  tref  lo  roi,  et  si  Fesvoille. 


4207.  et  Kex  qui  onques  ne  se  pot 
tenir  de  vilenie  dire, 
s'en  guabe  et  dit  au  roi  ^biax  sire, 
veez  con  Sagremors  revient : 
lo  Chevalier  par  lo  frein  tient, 
si  Ten  amoine  mal  gre  suen !' 

4227.  et  eil  li  cria  moult  de  loing 
Vasaus,  vasaus,'  venes  au  roi, 
vos  i  venrez  ia,  par  ma  foi, 
ou  vos  lo  conparrez  moult  fort*. 


293.  30.  'hdrre,  sit  iu  sus  gesdiach, 

daz  ir  den  künec  gelästert  h4t, 

weit  ir  mir  rolgen,  s^  ist  min  r&t 

unt  dunct  mieh  iwer  bestez  heil, 

Demt  iueh  selben  an  ein  brackenseil, 

unt  lat  iuch  für  in  ziehen. 

iien  megt  mir  niht  enpfliehen, 

ich  bringe  iueh  doeh  betwungen  dar*. 
Es  versteht  sich  von  selbst,  daft  das  vorhergehende  Gespräch  mit  frau 
Mnne  bei  Wolfram  im  französischen  Texte  fehlt.    Sonst  herrscht  völlige 
Übereinstimmung ;  hie  mid  da  ist  Chrestiens  kürzer. 
295,  23.  2wiflobem  Sattelbogen  und  eime      4240.  et  Percevaus  pas  ne  se  faint, 
stein  desus  la  face  Ta  ataint, 

Keyn  zeswer  ana  und  winster  bein  si  Tabati  sor  une  roiche 

7» 


100 


ALFBED  ROCHAT 


zebrach  yon  idisem  geyelle. 


298,3.  sine  friunt  befunden  in  da  klagen, 
yil  frouwen  unde  manec  man. 

300,  6.  sus  kom  Gawän  zuo  zun  geriten, 
sunder  kalopieren 
unt  äne  punieren : 
er  wolde  güetliche  ersehen, 
von  wem  der  strit  da  waßre  geschehen. 

303,  28.  'Gäwan  mich  die  nennent*. 

304,  1.  D6  sprach  er'bistuz  Gawän?. .. 
4.  ich  hörte  von  dir  sprechen  ie  — ' 


que  la  ohanole  li  estoiche 
et  qu*antre  lo  code  et  Taissele 
ensin  con  une  seiche  estele 
los  do  bras  destre  li  brisa. 

4259.  lors  conmance  un  diaus  si  fors 
que  sor  lui  firent  tuit  et  totes. 

4365.  et  mes  sire  Gawains  se  tait, 
vers  lui  tot  soavet  enblant 
Sans  faire  nul  felon  sanblant. 


4417.  *sire  sachiez  veraiement 
que  ie  ai  non  en  baptestire 
Gawains*.  'Gawains?'  'voire,  biax  sire'. 
Perchevaus  moult  sen  esiol, 
et  dit  'sire,  bien  ai  oi 
de  TOS  parier  en  plusors  leus*. 
Das  folgende  hat  Wolfram  erweitert  und  aasgeschmückt;  GhrestieDS  er- 
zählt kürzer. 

312—319,  20.  4536—4677. 

Cundrie  la  sorciere  erscheint  an  Arthur's  Hof. 
312,  6.  nu  hoert  wie  diu  juncfrouwe  reit.      4543.  jusque  lendemain  que  il  virent' 


ein  mül  hdch  als  ein  kastelan, 
val,  und  dennoch  sus  getan, 
nassnitec  unt  verbrant, 
als  ungerschiu  marc  erkannt . . . 

313,  17.  über  den  huot  ein  zopf  ir  swanc 
unz  üf  den  mül :  der  was  so  lanc, 
swarz,  herte  und  niht  ze  dar, 
linde  als  eins  swines  rückehär. 
si  was  genaset  als  ein  hunt : 
zwen  ebers  zene  ir  für  den  munt 
giengen  wol  spannen  lanc. 
ietweder  wintpra  sich  dranc 
mit  Zöpfen  für  die  härsnuor . . . 
29.  Gundri  truoc  6ren  als  ein  her . . 

314.'riich  was  ir  antlütze  erkant. 
ein  geisel  fuorte  se  in  der  haut . . . 
5.  gevar  als  eines  äffen  hüt 
truoc  hende  diz  gsebe  trut 


une  damoisele  qui  vint 

sor  une  fiiuve  mule,  et  tint 

en  sa  main  destre  une  escorgiee. 

la  damoisele  fu  treciee 

a  deus  treces  tortes  et  noires. 

4553.  ains  ne  veistes  si  noir  fer 
con  ele  ot  lo  cors  et  les  mains, 
mais  encor  estoit  ce  do  mains 
a  Tautre  ledece  quele  ot, 
que  si  oü  estoient  dui  crot 
petit  ensin  com  oil  de  rat. 
ses  nes  ^  de  singe  o  de  chat 
et  ses  levres  d*asne  o  de  buef. 
ses  dens  resanblent  moiel  d'uef 
de  color,  tant  estoient  ros ; 
et  s'avoit  barbe  come  bos. 
a  mi  Iq  pis  ot  une  boce 
devers  Teschine,  sanbloit  crosce, 
et  s'ot  les  mains  et  les  espaules 
trop  bien  faites  por  mener  baules; 
s*ot  boce  el  dos  et  anches  tortes, 
qui  vont  ansin  come  reortes. 


WOLFRAM  VON  ESCHENBACH  UND  CHRESTTENS  DE  TROYES.        101 


Zn  bemerken  ist,  daß  Chrestiens  den  Namen  Oundrie  la  sorei^e  nicht 
kennt. 
318, 13.  si  sprach  ^ist  bi'e  kein  ritter  wert. 


4615.  'rois,  ie  m*enrois  de  tos  a  Duit 
et  me  corient  encor  a  nuit 
mon  ostel  panre  loing  de  oi. 
ne  sai  se  tob  ayez  oi 
do  Chastel  Orgoilleus  parier, 
car  anuit  m'i  coyient  aler. 
26.  por  ce  tos  en  di  la  novele 
qae  la  ne  faut  nus  qui  i  aille 
qu*il  ne  truisse  ioste  ou  bataille ; 
qui  viaut  faire  cbeyalerie, 
se  la  la  quiert,  n'i  faura  mie.' 


des  eilen  prises  hat  gegert, 

iuit  dar  zuo  höher  minne  ? 

ich  weiz  yier  köneginne, 

ont  yier  hundert  juncfronwen, 

die  man  gerne  mOhte  schouwen 

ze  Schastel  maryeil  die  sint : 

al  arentiure  ist  ein  wint, 

wan  die  man  da  bezalen  mao 

hoher  minne  wert  bejac. 

al  hab  ich  der  reise  pin, 

ich  wil  doch  hinte  druife  sin*. 

Nach  dem  französischen  Texte  sind  im  Gastel  Org.  670  Ritter.  Cnndrie 
(ladcanoUeüe)  meldet  aber  noch  dazu,  daft  wer  den  höchsten  Preis  der  Rit- 
terschaft erkämpfen  wolle,  anfeinen  Berg  sich  begeben  müfte:  au  ptä  qui 
eH  80S  Moni  JEselmref  a  ttne  damoüele  assise,  und  die  daselbst  gefangene 
Jangfran  erretten.  Nun  erhebt  sich  Gawains  und  schwört,  er  werde  dahin 
gehen;  Percheval  aber  will  denGraal  aufsuchen.  Hier  kommt  nun  Vers  4651 
ein  Quifl€9  fils  do  vor,  wohl  degenige,  den  Wolfram  „Jofreit  filz  Jdoel" 
nennt,  obwohl  Jofreit  einem  Godefrois  entsprechen  würde;  der  Vers  helft t: 
^  Gmfies  lifils  do  redist;  vielleicht  lißUDol?  Es  scheint,  daß  der  Chastel 
Org.,  dessen  Chrestiens  gedenkt,  kein  anderer  ist  als  die  Burg  der  Orgueil- 
leuse,  welche  Malcreatüre  in  ihrem  Dienste  hat.  Daft  Gawains  später  hin 
nach  Montesclaire  gelangte,  erhellt  aus  der  Capitelübersicht  bei  Holland 
und  in  meinem  PerchevaL 

319,  20  —  337,  30.  4677—4743. 

An  Arthur's  Hof  erscheint  ein  Ritter,  Kingrimursel  (Guinguebresil)  ge- 
nannt, der  den  Gawan  zum  Kampfe  auffordert,  weil  er  seinen  Herrn  ermor- 
det habe. 


^20,  22.  'got  halt  den  künec  Artiis, 
darzoo  frottwen  unde  man. 
8W&Z  ich  der  hie  gesehen  hän, 
den  biut  ich  dienstlichen  gmoz 
^an  einem  tuet  min  dienst  huoz, 
dem  Wirt  min  dienst  ninuner  schin.' 

321,  5.  'daz  ist  hie  hSr  Gäwan, 
8.  Qopns  sin  het  aldä  gewalt. 
dö  in  sin  gir  darzuo  yertmoc, 
üne  gmozer  minen  herren  sluoc. 
ein  kus,  den  Judas  teilte, 
im  solhen  willen  ycilte.* 


4685.  Guinguebresils  lo  roi  conut, 
so  salua,  si  com  il  dut, 
mais  Oawain  ne  salae  mie, 
ains  Tapele  de  felenie. 


4689.  et  dit,  „Gawains,  tu  oceis 
mon  seignor,  et  si  lo  feis 
ensin  oonques  nol'  deffias : 
honte  et  reproche  et  blame  i  as, 
si  t*en  apel  de  traison.** 


102  ALFRBD  ROCTAT 

821,  16.  ^l««C^ni  dee  heg  G&wmi,  '  4718.  ei  eil  dit,  que  lo  proTem 
des  antwurte  üf  kampfes  slac  de  tralsson  laide  et  yilaine 

Ten  hiute  den  yierzegisten  tac»  iusqu'au  chief  de  ]a  quarantaine 

Yor  dem  künec  yon  Ascalihi.'  deyant  lo  roi  de  Assalon. 

Statt  des  Beacars  tritt  auf  im  französischen  Texte  der  Agrewains,  wel- 
cher auch  Gawain's  Brader  genannt  wird.  Cap.  325 — 336  bei  Wolfram  sind 
von  diesem  hinzugefügt  worden ;  für  seinen  Zweck  war  ihm  Chrestiens  zu 
kurz.  Cap. 335  findet  sich  im  französischen  Texte  wieder;  dort  aber  keine 
Erwähnung  von  Angram  und  Oraste  Gentesin,  auch  begnügt  sich  Gawain  mit 
einem  einzigen  Begleiter.  Cap.  336 — 337,  30  sind  ebenfalls  Wolframs 
Zuthat. 

338—397,  30.  4743—5680. 

Hier  beginnen  Gawans  Abenteuer,  von  dem  Ohrestiens  sagt:  des  avm- 
tutes  guil  trava  marrois  ocwter  mouü  hnffuement  und  Wolfram:  ein  wil  zuo 
shan  handeuy  eol  ««t  Jdse  äverUiwre  hän  der  werde  isrhtmU  Oa/wäHy  «in  Ver- 
spireehen,  das  anoh  beide  Dichter  halten.    Chrestien's  Erzählung  ist  kürzer, 
er  ergeht  sioh  bei  Weitem  nicht  so  in  die  Einzelheiten  wie  Wolfram,  wekher 
eine  Menge  Episoden  hinzudichtet,  und  da  ihm  Chrestiens  nicht  Names  genug 
darbietet,  «ine  Uazabl  davoo  ersinnt,  die  man  umsonst  im  französisehen 
Texte  sucht.   Die  in  den  oben  angegebenen  Yerszahlen  eingefsisste  Eiizählung 
schildert  Gawans  erstes  Abentheuer,  ein  Turnier  vor  dem  Schlosse  des  Kö- 
nig« Ljppaut,  den  Chrestiens  Tlribaut  de  Tintagueil  nennt    Von  den  beiden 
Töchtern  Thibauts  weiß  auch  Chrestiens  viel  zu  erzählen,  ohne  daß  er  ihnen 
besopdere  Namen  gibt;  Obilot  neunter  bloß  lapetite  und  Obie  la  grande, 
MeJjanz  von  Liz  heißt  bei  ihm  ebenfalls  Melians  de  L4s ;  den  'burcgr4ven 
von  der  8tat\  der  bei  Wolfram  Scherules  heißt,  nennt  er  €rara4n  UßU  Ber^ 
tain.    Es  mag  auffallen,  daß  im  französischen  Texte  der  Name  von. Gawans 
Pferd  Gringuliet  nicht  zu  finden  ist,  und  dies  um  so  mehr,  als  Roquefort 
den  Namen  Gringalet  aus  dem  Eoman  de  Percheval  anführt ;  ich  finde  ihn 
indessen  Vers  6135  und  zwar  in  der  Form  Guingalet,  die  vielleicht  vom 
Schreiber  herrührt     Den  Hauptinhalt  dieser  Erzählung  findet  man,  wie  ge- 
sagt, bei  Chrestiens,  so  wie  auch  einzelne  Züge,  die  Wolfram  nicht  aufge- 
nommen hat-     Es  bleibt  nur  noch  auf  einige  wenige  Stellen  aufmerksam  zu 
machen : 

353,  23.  dö  sprach  Obie,  4989.  *et  une  autre  U  disfc  apres 

vor  zorDe  niht  diu  frie,  marcheans  est,  no  dites  mes 

'sin  fuaxe  ist  mir  uamwre.  qu*il  doie  a  toraeter  entendr^ ; 

dort  sitzt  ein  wehselaere:  tos  ces  chevaus  maine  il  por  vaadre.* 

des  market  muoz  lue  werdea  guot  'ains  est  changieres,  iatt  la  quarte, 

sin  soum  «chrin  sint  »6  behuot,  il  n'a  taleat  que  il  depaffte 

dins  ritters,  toerschiu  sweater  nun^  as  poTtes  chevalieri  anoid 

er  wil  ir  selbe  goumel  sin'.  ses  armes  ^'ii  a  aW««  kii ; 


WOLFRAM  VON  ESCHENBACH    UND  CHRESTIENS  DE  TROYES. 


103 


375,  4.  L^paut  biez  balde  sniden 
siner  tohter  kleider : 
er  miste  gern  ir  beider, 
der  boesten  unt  der  besten, 
einen  pfeU  mit  golde  Testen 
den  sneit  hmui  an  daz  freawelin. 
ir  muose  ein  arm  gebloezet  sin: 
da  was  ein  eimel  Ton  genomn, 
der  solte  fiawane  komn. 


ne  cuidez  pas  que  ie  tos  mente, 
c*est  monnoie  ou  yaiselemante, 
an  ces  ibrres  et  en  ces  males.' 
'moult  paraT«s  les  langnes  males' 
fait  la  petite  etc. 

5378.  et  il  (der  Tater)  feit  un  Termoil 
samit 
'  d*un  sien  cofre  maintenant  traire, 
si  en  a  feit  taillier  et  feire 
une  manche  moult  longue  et  lee, 
et  61  Ta  sa  fille  bailliee. 
Si  dist  li  sire  'or  tos  leTes        * 
demain  matin  et  si  ales 
au  cbeTalier  ains  que  se  moeTe ; 
por  amor  ceste  maadie  nooTe 
li  donrez'  — 

398—432,  30.  6681—6141. 

Fortsetzung  von  Gäwäns  Abenteuern.  Hier  stimmen  beide  Erzählungen 
80  sehr  uberein,  daß  ich  mir  füglich  die  Mühe  sparen  könnte,  einzelne  Stellen 
ZH  citiren ;  zum  Beweise  meiner  Behauptung  ist  dies  aber  nothwendig.  Vor- 
her aber,  japch  einige  Bemerkungen :  den  König  Vergulaht  nennt  Chrestiens 
uns  iovenciax  sor  tos  lea  autrea  li  plus  hiaoß*  Schloß  und  Stadt  haben  auch 
keinen  Namen;  daß  jedoch  unter  letzterer  die  Hauptstadt  des  Königs  von 
Aficalojj  gemeiut  sei,  geht  daraus  hervor,  daß,  wenn  Guinguenbresils  er- 
scheint, er  hier,  wie  auch  bei  Wolfram,  über  die  Behandlung  Parzivals  sich 
empört,  d^«i  er  sicheres  Geleite  ver8prochen  hatte.  Ebensowenig  wird  Lid- 
damas  erwähnt,  der  ohne  Zweifel  eine  und  dieselbe  Person  ist  mit  einem 
vavassor  de«  Chrestieos,  der  ebenfalls  dem  König  von  Ascalon  räth,  Gawain 
auszusenden,  mn  für  ihn  den  Gräl  zu  gewinnen.  Wolfram,  der  alles  moti- 
virt,  konat«  jedoch  Clirestiens  Erzählung  in  einem  Punkte  nicht  genügen; 
denn  der  vmvasear  (Liddamus)  sagt  zum  König:  'ihr  wäret  verpflichtet,  ihn 
zubeschfitzen,  da  ihm  Ouinguenbresils  Sicherheit  versprochen  hatte,  weil 
dies  aber  nicht  geschehen  ist  und  man  Verrath  an  ihm  geübt  hat,  so  kann 
GninguenbresTi  vor  dem  Verfluß  eines  Jahres  (gerade  wie  bei  Wolfram)  keine 
Genugthnnng  von  ihm  verlangen.  Da  er  jedoch  euern  Vater  getödtet  und  er 
dafür  eine  Strafe  verdient,  so  heißet  ihn  ein  Jahr  lang  nach  dem  Gräle 
forschen.*  Warum  Gawain  gerade  diese  Buße  auferlegt  wird,  begreift  man 
nim  nicht,  und  so  mußte  Wolfram  durch  eine  kleine  Abweichung  dieses  näher 
begründen.  Davon,  daß  Ehkunat,  und  nicht  Gäwän,  den  Kingrism  getödtet, 
sagt  Chrestiens  nichts. 

402,  7.  dd  sprach  der  künec  Vergulaht.        5643.  et  eil  seus  mon  seignor  Gawain 
'herre,  ich  hän  mich  des  bedäht,  salua  et  prist  par  lo  frain 

ir  sult  riten  dort  hin  in.  ,      et  dit  'sire,  io  tos  retaäng. 


104 


ALFRED  ROCHAT 


magez  mit  iweren  holden  sin, 
ich  priche  ixi  nu  gesellekeit. 
20.  HSrre,  ir  seht  wol  Sehamfanzün, 
d4  ist  min  swester  üf  ein  magt : 
swaz  munt  yon  schoene  hat  gesagt, 
des  hat  si  yoUeclichen  teil, 
weit  irz  iu  prüeven  für  ein  heil, 
deisw^r,  sd  muoz  si  sich  bewegen 
daz  se  iwer  unz  an  mich  sol  pflegen/ 

407,  11.  dd  gienc  zer  tür  in  alda 
ein  ritter  blanc :  wand  er  was  gra. 
in  wafenheiz  er  nante 
Gawänen,  do  em  erkante. 
d£^  bi  er  dicke  lüte  schrei : 
'owe  unde  heia  hei 
mins  herren  den  ir  sluoget, 
daz  iuch  des  niht  genuoget, 
im  ndtzogt  och  sin  tohter  hie*. 


408,  19.  do  yant  diu  maget  reine 
ein  scfaächzabelgesteine 
und  ein  bret,  wol  erleit,  wit; 
daz  braht  si  Gawane  in  den  strit. 
an  eim  iseninem  ringez  bienc, 
da  mit  ez  Gawan  enpfienc. 
üf  disen  yierecken  schilt 
was  Schachzabels  yil  gespilt. 

432,  24.  urloup  nam  der  degen  snel. 
Gringuljet  wart  gewäpent  san, 
daz  ors,  und  min  her  Gawan. 
er  kust  sin  mag  diu  kindelin 
und  ouch  diu  werden  knappen  sin. 


ales  yo8  en  la  dont  ie  yaing, 
si  descendes  en  mes  maisons; 
il  est  huimais  tans  et  saisons 
de  esbergier,  s'or  ne  yos  poise. 
j'ai  une  seror  moult  cortoise 
qui  de  yos  grant  ioie  fera'  etc. 


5758.  uns  yayasors  endemantiers 
entra  laians  qui  moult  lor  nut, 
qui  mon  seignor  Gawain  eonut. 
si  les  troya  entre  baisant 
et  grant  ioie  entredemenant; 
et  des  que  il  yit  tele  ioie 
ne  pot  tenir  sa  boche  coie, 
ains  s*escria  a  grant  yertu : 
^Fame,  honie  soies  tu 
et  X)eux  te  destruie  et  confonde, 
que  Tome  de  trestot  lo  monde 
que  tu  deyroies  plus  hair 
te  laisses  ensin  conioir!'  etc. 

5819.  si  fist  escu  d*un  eschaquier, 
et  dist :  ^amie  ie  nä  quier 
que  yos  m'aillies'  autre  eScu  querre  ' 
lors  yersa  les  eschecs  a  terre ; 
d'yvoire  furent  dos  tans  gros 
que  autre  eschas  et  de  dur  os. 
*or  mais  qui  que  doie  yenir 
cuiderai  bien  contre  tenir*. 

6131.  a  la  pucele  congie  prist 
et  a  trestos  ses  yalles  dist, 
que  en  sa  terre  s*en  alassent 
et  ses  <;heyax  en  remenassent 
trestos,  fors  sol  son  guingalet. 


Bei  Chrestiens  ist  guingalet  (wohl  gringalet)  keinesweges  der  Name 
seines  Pferdes,  aber  Wolfram  hat  daraus  den  Gringuljet  gemacht.  Es  ist 
beinahe  unnöthig  noch  anzuführen,  daß  die  Namen  cona  Laiz  fiz  TinaSy  duc 
Oa/ndilusfiz  Ourzgri^  Schoydelacurt,  Laehtamris,  wenn  nicht  geradezu  von 
Wolfram,  selbst  ersonnen,  doch  jedenfalls  nicht  im  französischen  Texte  vor- 
kommen. Vielleicht  ist  es  nicht  ganz  überflüssig  zu  bemerken,  daß  Wolfram 
X'  sich  auf  Kiot  zufällig  gerade  an  einer  Stelle  beruft,  wo  er  von  Chrestiens 
abweicht,  indem  er  den  Liddamns  nenot,  was  seinem  Vorgeben,  er  habe  einen 
Dichter  Kyot  benutzt,  um  so  größere  Glaubwürdigkeit  verleihen  mußte. 


WOLFRAH  VON  ESCHENBACA  UND  CHRESTIENS  DE  TROTES.  10&* 

433—446. 

Nach  dieser  Erzählung  von  Gäwäns  Abentheuern  kehren  beide  Dichter, 
Chrestjens  und  Wolfram,  ztim  Parzival  wieder  zurück.  Hier  findet  sich  die 
erste  Abweichung  zwischen  beiden  Gedichten.  Von  Cap.  433—446  erzählt 
Wolfram  wie  Parzival  die  Sigune  als  Klausnerin  wieder  findet,  welche  das 
Grab  Schianatnlanders  hütet;  sie  zeigt  dem  irrenden  Ritter  eine  Spur  des 
Weges,  den  Cundrie  la  sorciere  nach  Montsalvaige  genommen.  Darauf  trifft 
Parzival  auf  einen  Templeisen,  der  ihn  seines  Pferdes  beraubt.  Dieses  sucht 
man  nun  vergebens  bei  Gbrestiens.  Woher  diese  plötzliche  Abweichung?  Man 
wird  sie  auf  verschiedenartige  Weise  erklären  können,  je  nach  der  Ansicht, 
die  man  über  das  Verhältniss  beider  Dichtungen  zu  einander  hegen  wird. 
Mir  scheint  der  Grund  dazu  sehr  einfach  zu  seili :  nimmt  man  wirklich  an, 
daß  Wolfram  auf  Grundlage  des  Contes  del  Graal  gearbeitet  habe ,  so  be- 
greift man  auch  sehr  gut,  daß  Ghrestiens  die  Sigune,  mit  der  er  nichts  anzu- 
fangen wnsste,  nicht  mehr  erwähnt;  Wolfram  aber,  der  einen  Zweck  hatte 
und  alles  motiviert,  diente  die  Sigune  als  das  Bild  der  idealen  Liebe,  und  ab- 
sichtlich schildert  er  ihr  in  Gott  versenktes,  einsames  Leben,  nachdem  er 
Gawans  weltliches  Treiben  uns  vor  Augen  geführt  hat.  Diesen  Zug  in 
Chrestiens  Bearbeitung  wieder  zu  finden ,  muß  man  als  eine  Unmöglichkeit 
betrachten,  sobald  man  seine  Darstellungsweise  kennt;  daß  Wolfram  ihn  hat, 
kann  nicht  auffallen,  selbst  wenn  er  sonst  auf  Ghrestiens  fußt.  Indessen 
bleibt  der  deutsche  Dichter  nicht  gar  lange  von  seinem  französischen  Vor- 
bilde entfernt  und  ihrer  beiden  Wege  vereinen  sich  bald  wieder. 

446—452.  6141—6257. 

Percheval  trifft  auf  einen  Zug  von  Büßenden,  die  ihn  zu  eines  Einsied- 
lers Klause  weisen.  Bei  Chrestiens  besteht  dieser  Zug  aus  drei  Rittern  und 
zehn  Damen.  Ich  füge  noch  die  Bemerkung  bei,  daß  die  ersten  Worte,  welche 
im  französischen  Texte  die  Erzählung  von  Percheval  wieder  beginnen ,  den 
Versen  434,  11—25  bei  Wolfram  entsprechen. 

447,  13.  cl6  was  des  grawen  riters  klage,      6179.  et  li  uns  des  trois  Chevaliers 
daz  im  die  heileclichen  tage  Tareste  et  dit  'biaux  sire  obiers, 

niht  hülfen  gein  alselhem  site,  dont  ne  crees  tos  Jeshu  Chrift 

daz  er  sunder  wapen  rite  qui  la  norele  loi  escrist, 

ode  daz  er  harfooz  gienge  si  la  dooa  as  chrestiens  ? 

tmt  des  tages  zit  begienge.  certes,  ce  n*est  raisons  ne  bions 

d'armes  porter,  ains  est  grans  tors 
au  ior  que  Jeshu  Grist  fu  mors*. 

447,  19.  Parzival  sprach  zim  dd  6187.  et  eil  qui  n'ayoit  nul  espans 
'her,  ich  erkenne  sus  noch  sd,  de  ior  ne  de  nul  autre  tans, 

wie  des  jars  urbap  gestet .  tant  avoit  en  son  euer  enui, 

ode  wie  der  wocben  zal  get.  respont  'quel  ior  est  il  donc  hui'  ? 


10« 


ALFRED  BOCHIT 


8wie  die  tage  sint  genant, 
daz  ist  mir  allez  unbekant.' 

448,  7.  'ez  i3t  iiiute  der  karfntao, 
des  al  diu  werlt  sieb  freun  mac 
unt  da  bi  mit  angest  siufzec  sin. 
wa  wart  ie  hober  triwe  scbin, 
dau  die  got  durch  uns  begienc, 
den  man  durch  uns  anz  kriuze  hienc'  ? 
etc.  etc. 

448,  21.  'ritet  furbaz  iif  unser  spor; 
iu  ensitzet  nibt  ze  verre  vor 
ein  heilec  man ;  der  ^t  iu  rät, 
wandel  für  iwer  missetät. 
weit  ir  im  riwe  künden, 
er  scheidet  iucb  yon  sünden . 


6192.  'c'est  li  rendlrcdis  aoires, 
Li  iors  que  Tan  doit  aorer 
la  crois  et  ses  pechies  plorer, 
car  hui  fU  eil  en  crois  pendus 
qui  fu  trente  deniers  yendus, 
eil  qui  de  tos  pecbies  fu  mondes' 
etc.  etc. 

6227,  'dont  venes  tos  eres  ensi? 
fait  Perchevaus',  *sire  de  ci, 
d*un  bon  bome,  d*un  saint  ermite 
qul  en  ceste  forest  habite'  .  .  . 
'de  nos  pechies  li  demandasmes 
consoil,  et  eonfesse  preismes* . . . 
•  Ce  fue  Perchevaas  oi  ot 

I9  feit  plorer,  et  si  li  plot 
q«e  an  sai«i  bome  lUast  parlor« 
'la  Toldroie,  &ut  ü,  aier 
a  Termite,  se  ie  aayoie 
tenir  lo  santier  et  la  ypie'  — 
'sire,  qui  aler  i  yoldrpit^ 
si  tenist  cest  sentier  tot  droit 
ensin  con  nos  somes  yenu ,  etc. 

452—502,  30.  6257—6434. 

Percbeval  beim  Eremiten  (Trevrizens) ,  seinem  Onkel.  Hier  ist  Chre- 
stiens  bedeutend  kürzer  als  Wolfram;  was  dieser  452 — 462  erzählt,  findet 
sich  im  französischen  Texte  nicht,  geschweige  denn  «eine  erdichteten  An- 
gaben über  Kiot  und  Flegetanis;  natürlich  wird  auch  ebensowenig  im  fran- 
zösischen Texte  daran  erinnert,  daß  Percheva!  in  derselben  Klause  früher 
einen  Eid  geschworen  habe ,  denn  in  der  bezüglichen  Stelle  sagt  Chrestiens 
nicht,  daß  Orilus  uad  seine  Gattin  in  eiuß  Klause  ^ich  bj^eben,  *wi^rn  ia 
ein  menoir.  Bei  genauer  Vergleichung  aller  einz^en  Bh&llim  2eigt  moh  i^- 
dessen  «och  hier  sogar,  daß  Wolfram  dem  Ghrdsti^fi  doch  im  Grtiade,  oft 
unscheinbar,  folgt,  sobald  sich  d«is  mit  seinem  Zwedie  y^rträgt  Gap.  460, 
22,  23  sagt  Trevizent ,  es  seien  bereits  fünf  Jahre  dahingegangen ,  «eit  dem 
Parzival  in  der  Klause  gewesen  sei  und  461,  3—9  sagt  Parzival: 

herre,  ich  tuon  in  mer  noch  kuont : 

swa  kirchen  ode  münster  stuont, 

da  man  gotes  ere  sprach, 

kein  ouge  mieh  da  nie  gesach 

Sit  denselben  ziten : 

ichn  suochte  niht  wan  striten.' 


;< 


WOLFRAM  VON  ESCHEOTACH  UND  CBÄESTDENS  DE  TROYES.  i07 

dire^itnB  4«gt  nuü  ebenfalls,  früher  Y.  6147«  genau  dasselt^e : 
€e  60Bt  oiaq  ans  irestuit  entier 
atas  que  il  entra  en  mostier, 
De  D«u,  ne  sa  crois  aora. 
tot  ensln  5  ans  demora ; 
poTce  ne  relaissoit  il  mie 
a  requerre  cheyalerie, 
que  les  estranges  ayentures  .  .  .  aloit  querant. 

An  solchen  zerstreuten  Stellen  erspäht  man  erst  recht  die  Art  und 
Weise,  wie  Wolfram  den  französischen  Text  benützte:  er  gebrauchte  alles 
was  ihm  vorlag,  selbst  das  unbedeutendste,  nur  ließ  er  sich  dadurch  nirgends 
hemmen  noch  einschränken ;  sobald  die  rechte  Gelegenheit  sich  darbietet, 
da  mag  alles  seinen  Platz  finden,  vorher  nicht;  und  (um  bei  diesem  so  unbe- 
deutenden Zuge  noch  zu  verweilen)  es  ist  in  der  That  ganz  richtig,  daß 
Wolfram  Chrestiens  Angabe  früher  nicht  gebrauchen  konnte,  wenigstens  da 
nicht,  wo  sie  im  Original  steht;  denn,  wenn  gesagt  wird,  daß  Percheval  seit 
fdnf  Jahren  in  keinem  Münster ,  oder  überhaupt  an  keiner  geweihten  Stätte 
gewesen  ist,  so  erwartet  man  doch,  daß  er  in  dem  Angenblicke,  wo  das  ge- 
sagt wird«  an  einer  solches  »ich  befindet,  was  im  französischen  Texte  nicht 
der  Fall  ist.  462 — 468,  22  ist  bei  Chrestiens  viel  kürzer  und  in  so  fern  an- 
ders erzählt^  als  Percheval  gleich  im  Anfang  sagt,  er  habe  sich  gegen  Gott 
versündigt  und  die  Thorheit  begangen,  nicht  nach  dem  Gräle  zu  fragen.  Das 
Übrige,  von  468,  22  an,  lautet  ebenfalls  ganz  verschieden  im.  französischen 
Texte,  wo  in  ungefähr  10  Versen  der  Eremite  alles  über  den  Gräi  berichtet, 
was  Chrestiens  zu  wissen  für  nöthig  hielt.  Hier  erfährt  auch  Percheval  zum 
zweiten  Male,  daß  seine  Mutter  gestorben  ist,  und  dann ,  daß  sie  des  Eremi- 
ten Schwester  war.  Was  ihm  sein  Onkel  ganz  besonders  auf  das  Herz  legt, 
ist  überall  Messe  zu  hören  und  den  Priestern  Ehrerbietigkeit  zu  zeigen.  Was 
einzebie  Stellen  betrifft,  so  hat  schon  San  Marte  darauf  aufinerksam 
gemacht,  daß  Wolfram  491,  12 — 19  auf  eine  Stelle  des  Contes  del  Graal 
V.  6345 :  ne  ne  cuide  pas  que  il  ait  \  luz  ne  lamproies  ne  salmon  Bezug 
nimmt,  in  welcher  übrigens  Chrestiens  sich  gewaltig  widerspricht,  denn 
froher  hatte  er  Mühe^  alle  kostbaren  Gerichte  aufzuzählen,  die  dem  Gräl- 
köoige  vQf^e&et^t  wurden,  und  wovon  er  reichlich  genoß.  Es  lassen  sich 
noch  foj^geode  Vers«  nut  «inander  vergleichen : 

485,  21.  der  w^  gni«p  im  würzeliö:  6421. «  mangier  ot 

daz  muefire  W  beste  spätre  sin.  ioe  qu'au  saint  kermite  plet, 

mas  il  n*i  ot  s  erbetes  nmi 
cexfiiel,  laitues  et  creson. 

503—507,  25.  6434^-6570. 

Zum  GawaB  kehren  nun  beide  Dichter  wieder  «urüek ,  nm  das  zu  er- 
zählen, was  ikn  begegnete,  seit  dem  er  Kingriowiröel  (Verga^aht  and  Anti- 


108  ALFRED  ROCHA^T 

konie)  verlassen  hatte.  Beide  Erzählangen  stimmen  überein :  Gawän  findet 
unter  einem  Baume  ein  trauerndes  Weib ,  welches  einen  verwundeten  Bitter 
verpflegt.  Auch  Wolfram  führt  hier  keine  Namen  an ,  was  begreiflich  ist; 
daß  jedoch  ein  gewisser  Lishoys  Gwelljus  den  Ritter  verwundet  habe,  sagt 
Ghrestiens  nicht;  auch  spricht  er  nicht  von  Gawans  Heilmethode;  vielmehr 
zeigt  dieser  wenig  Mitleid  und  will  durchaus  den  Ritter  wecken ,  um  von  ihm 
über  Land  und  Leute  benachrichtigt  zu  werden.  Der  Erwachte  dankt  ihm 
dafür ,  daß  er  ihn^  wieder  zur  Besinnung  gebracht  habe  und  räth  ihm ,  wie  bei 
Wolfram,  lieber  zurück  als  vorwärts  zu  gehen ,  denn  wer  das  Land  Galvoie 
(nicht  Logroy)  betrete,  der  komme  gewiss  nicht  heil  davon.  Darum  kümmert 
sich  Gawains  aber  sehr  wenig.  Außer  diesen  wenigen  Abweichungen  folgt 
Wolfram  getreu  dem  französischen  Texte  und  bis  in  das  Einzelne  hinein, 
z.  B.  verwundert  sich  auch  Gawain  hier  sehr,  neben  einem  Damenpferd  Schild 
und  Speer  zu  erblicken.  Auch  ist  bei  Ghrestiens  der  Stamm  des  Baumes  sehr 
dick ,  so  daß  Gawains  die  Frau  und  den  Ritter  nicht  sogleich  wahrnimmt. 
Stellen  anzuführen  ist  hier  der  Mühe  nicht  werth. 

.     507,  25  —  525,  10.  6570—7057. 

Orgueilleuse.  Anfang.  Die  Orgueilleuse  führt  hier  im  fipanzösischen 
Texte  keinen  Namen.  Der  einzige  Unterschied  zwischen  beiden  Erzählungen 
ist  der,  daß  Gawain  im  C.  d.  G.  zum  verwundeten  Ritter  zurückkehrt,  bevor 
er  Mälcreature  von  seinem  Pferde  auf  den  Boden  geworfen  hat.  Nachdem 
er  nämlich  den  Ritter  wieder  geheilt  hat,  so  sagt  ihm  dieser,  er  solle  ihm 
doch  das  Pfe^d  verschaffen ,  welches  dort  beritten  komme ;  Gawain  willigt 
ein ,  wirft  Mälcreature  (der  keinen  Namen  führt)  hinunter  und  bringt  sein 
Pferd  zurück;  während  dessen  ist  jedoch  der  geheilte  Ritter  auf  Gawains 
Ross  gestiegen.  Im  Übrigen  klappen  beide  Erzählungen  genau  zusammen; 
ich' bemerke  noch,  daß  der  Ritter  nicht  üriens,  wie  bei  Wolfram,  sondern 
Oreorreas  heißt,  und  daß  518 — 520  im  deutschen  Parzival  Wolframs  Zuthat 
ist.    Hier  nun  zur  Vergleichung  einige  Stellen  : 

513,  20.  dar  nach  begunder  nahen  6688   et  messire  Gawains  s  adrece 
einem  ölboum:  d4  stuont  dez  pfert:  au  palefroi  et  tant  sa  main, 
euch  was  maneger  marke  wert  si  lo  vost  prendre  par  lo  frain, 
der  zoum  unt  sin  gereite.  que  frains,  ne  sele  n*i  falloit; 
mit  einem  harte  breite,  mas^uns  grans  Chevalier  seoit 
wol  geflöhten  unde  gra,  sos  un  olirier  rerdoiant, 
stuont  derbi  ein  ritter  da  et  dit  'chevaliers,  par  neant 
über  eine  krücken  gleinet :  ies  Venus  por  lo  palefroi, 

von  dem  wart  ez  beweinet  or  n'i  tandras  tu  ia  lo  doi 

daz  Gaw&n  zuo  dem  pfärde  gienc.  -  qu*il  te  viendroit  de  grant  orgeÜ ; 

mit  süezer  rede  ern  doch  enpfienc  et  ne  porquant  dire  te  voil 

514.  er  sprach  weit  ir  rätes  pflegn,  que  ia  no  le  t'irai  defliändre 

ir  sult  diss  pfärdes  iuch  bewegn.  se  tu  as  grant  talent  dou  prendre 


J 


WOLFRAM  TON  ESCHENBACH  ÜKD  CHRESTIENS  DE  TROTES. 


109 


ezn  wert  iu  doch  niemen  hie. 
get&t  ab  ir  dez  waegest  ie, 
80  sali  irz  pfärt  hie  lazen.' 

514,  6.  'nun  frouwe  si  yerw&zen, 
daz  si  s6  manegen  werden  man 
Ton  dem  libe  scheiden  kan  f 


mas  ie  te  lo  que  tu  t*en  ailles 
qu'aillors  de  ci  se  tu  lo  bailles 
trop  graut  deffance  i  treue  ras*. 

6662.  * tuit  deable  tardent 

pucele  qui  tant  mal  as  foit, 
li  tuens  cors  male  arenture  ait, 
qu'onques  prodome  n'aus  chier, 
tant  cheralier  as  fait  tranchier 
la  teste    —     —     — * 


516,  22.  ein  krutGawan  da  stende  sach, 
des  würze  er  wunden  helfen  jach, 
do  rebeizte  der  werde 
nider  zuo  der  erde : 
er  gruob  se,  wider  üf  er  saz. 


524,  17.  Vier  wochen  er  des  niht  Tergaz : 
die  zit  ich  mit  den  hunden  az.' 


6823.  et  messire  Gawains  savoit 
plus  que  nus  hom  de  garir  plaie ; 
une  herbe  Yoit,  en  une  haie, 
qu'il  conoissoit,  lonc  tens  aroit . . . 
et  il  Fa  moult  bien  esgardee . . 
l'erbe  a  coillie,  si  s'en  Ta. 

7025.  *ne  te  sorient  U  de  celui 
cui  tu  feis  gi  grant  henui 
que  li  feis  contre  son  pois 
avec  les  chiens  mangier  un  mois  f 
Ich  bemerke  noch  nacbtrftgUch,  dall  ich  2om  Yer8  521,  28  bei  Wolfram 
keinen  ähnlichen  im  französischen  Texte  gefanden  habe;  vielleicht  hat  hier 
der  Abschreiber  etwas  ausgelassen. 

525, 10  •  536, 10.  70ß7-7245, 

Orgneilleuse.  Fortsetzung.  Gawan  reitet  auf  Malcreaturs  Gaul  mit 
Orgueilleuse  davon;  sie  gelangen  an  einen  breiten  Strom,  jenseits  desselben 
ein  prächtiges  Schloß  sich  erhebt,  an  dessen  Fenstern  Frauen  und  Mädchen 
sitzen.  Orgueilleuse  lässt  sich  hinüber  fahren.  Gawain  bleibt  am  Ufer  und 
rüstet  sich  zum  Kampfe  gegen  einen  Ritter ,  den  er  so  eben  auf  sich  kommen 
sieht.  Ich  bemerke,  um  nichts  zu  vergessen,  daß  525,  10  —  629,  16  und 
532—534,  9  Wolframs  ?:uthat  ist. 


530,  21.  al  stunde  bi  der  frouwen 
daz  marc  begunder  schouwen. 
daz  was  ze  drster  tjoste 

ein  harte  krankiu  koste, 
diu  sticleder  yon  baste. 
dem  edeln  werden  gaste 
was  etswenne  gesatelt  baz. 
üf  sitzen  meit  er  umbe  daz, 
er  forht  daz  er  zeftrste 
des  saieles  gewagte. 

531.  dem  pfärde  was  der  rücke  junc: 
waer  draf  ergangen  da  sin  sprunc, 
im  w»re  der  rücke  gar  zevarn. 


7075.  61  roncin  ot  moult  laide  beste 
graisle  ot  Ie  col,  grosse  la  teste, 
longues  oreilles  et  pendans  . . . 
li  roncins  fu  grailles  et  Ions, 
s'ot  maigre  cropo  et  torte  eschine, 
les  resnes  et  la  chevetine 
del  firain  Airent  d'une  cordele, 
et  descoverte  fu  la  sele, 
que  pieca  n'avoit  este  nueve, 
les  estriers  cors,  et  Si  les  trueve 
foibles  que  fichier  ne  s'i  ose. 


110 


ALFRED  ROCHAT 


534,  17.  —  <^  u£s  pmn  et  S42. 

ez  tniof  in  kdm«  ftrbas, 
anderhalp  üe  in  etbiiwen  laute 
eine  bürg  er  oik  den  ougen  vast  2 
sin  herze  unt  diu  ougen  j4hen 
daz  si  erkanten  nodi  gesahen     ^ 
decheine  bnrc  nie  der  gelicb. 
si  was  alumbe  riterlich  : 
tüme  unde  palas 
manegez  üf  der  bürge  was. 
dar  zuo  muoser  schouwen 
in  den  renstem  manege  fronwen : 
der  was  vier  hundfett  ode  m^r, 
yietö  undr  in  von  arde  h^r. 

535.  Von  passäsehen  ungeverte  gr6z 
gienc  an  ein  wazzet  daz  da  Hdz, 
schefrffich,  snel  nnd«  breit« 


535,  8.  Gawän  der  degen  snel 
sach  einen  riter  nach  im  varn, 
der  schilt  noch  sper  iHht  künde  spam. 


7137.  ensi  s'efi  >«  Mr  lo  rottein 
par  forests  gastes  et  se^ignes, 
tant  que  il  vint  a  terres  pkitgtles 
sor  une  riviere  paribnde, 
ensi  lee  que  nule  fonde 
de  mangonel  ne  de  perciere 
ne  gitust  outre  la  riviere, 
ne  harbaleste  n'i  traissist. 
de  l'autre  part  sor  Teve  sist 
-  uns  chastiaus  trop  bien  conpasses, 
trop  fors  et  trop  riches  asses, 
ie  ne  cuit  que  mentir  me  loise. 
li  chastiaus  sor  une  faloise 
fu  fermes  par  si  grant  richesse, 
q'onques  si  riebe  forteresse 
ne  virent  oil  d'ome  qui  vive . , . 
0  palais  fenestrea  overtes 
ot  bien  cinq  cent,  totes  covertes 
de  dames  et  de  damoiseles 
qui  esgardoient  devant  eles 
1«8  pres  et  les  vergiers  fioris. 

7199.  messire  Ganvains  maintenant 
torne  sa  chiere,  et  voit  v^etiant 
un  Chevalier  par  mi  la  luide 
trestot  arme     —     - —     — 


Zum  Schlüsse  kann  noch  bemerkt  weiden,  daß  dieser  Ritter  keinesvegs 
Lischoys  Gwelljus  bei  Chrestiens  genannt  wird,  und  daß  er  hier  kein  anderer 
ist,  als  der  Neflfe  des  Georreas,  der  übrigens  nicht  auf  dem  Guingalet  reitet. 
Aus  einer  spätem  Stelle  V.  8657  ergibt  es  sich,  daß  er  li  orgoilleux  heißt 
de  la  röche  ä  Vestroite  voie,  qui  ^arde  les  pors  de  Oalvoie, 


7245—7286. 
Zweikampf  Gawans  mit  dem  Ritter  (Li- 


536,  10  —  543,  30. 

Orgueilleuse.  Fortsetzung, 
schoys  Gwelljus).  Im  französischen  Texte  ist  die  Erzählung  viel  kürzer  als 
im  deutschen ,  denn  Gawäin  begnügt  sich  damit ,  seinen  Gegner  mit  einem 
Lanzenstich  zu  Boden  zu  werfen,  wobei  allerdings  gesagt  wird ;  8Z  lurte,  si 
que  il  li  passe  lescu  et  lo  Kavhero  en  masse;  dies  scheint  auch  in  der  That 
genügend  gewesen  zu  sein,  denn  der  Ritter  gibt  sich  sogleich  gefangen. 

543, 30  —  662, 30.  7286—7408. 

Orgueilleuse.    Foilsetzung.    Kaum  ist  der  Kampf  zu  Ende,  da  erscheint 

der  Fährmann,  derselbe,  welcher  die  Orgueilleuse  hinüber  gefahren  hatte, 

und  fordert  als  Zins  des  Kampffeldes  das  Ross  des  Besiegten.    Gäwan  aber, 

er  auf  das  Ross  hält,  denn  er  besitzt  kein  anders,  das  laufen  kann,  überlässt 


WOLFRAM  VON  ESCHENBAGH  tlND  CHBESTIENS  DE  TROTES.  Hl 

dem  FäbrinaiiD  anstatt  desBen  den  Besiegten  selbst,  worüber  je»er  hflcbst 
erfreut  ist.  Alie  drei  fahren  nun  über  den  Flufi,  and  Gavain  übernachtet 
beim  Fährmann,  dessen  Namen  Chrestiens  nicht  erwähnt 

547,  3.  dd  sprach  er  'lieber  htm  min,         7373.  'mas  se  croire  m'en  yoleieg, 
darzita  tuotfhet  selbe  shi  hnimais  heibcrgier  tenreies 
mit  mir  hkie  daroh  gemach\                        a  tel  hoste!  com  est  U  nriens.' 

548,  10.  'gar  äventiure  isft  al  dhs  lant;         7378.  'que  c'est  une  terre  salraige, 
ais  Wert  e«  naht  und  otich  den  tao'.  tote  pleine  de  grans  mervoilles.' 

Daß  übrigens  Clinschor  der  Herr  des  Landes  sei,  sagt  Chrestiens  nicht. 
Von  549  an  hat  Wolfram  die  Erzählung  verschönert  und  in  die  Länge  gezo- 
gen; der  französische  Text  ist  kürzer,  obwohl  er  in  wenigen  Worten  alles 
enthält,  was  Wolfram  berichtet,  nur  wird  die  Bene  nicht  erwähnt : 

653—582, 30.  7408—8178. 

Abentheaer  im  ChAstel  Marveiile  ~  lü  de  Uu  Merveiüe.  553 — 556 
wird  im  fraasdacheik  Texte  natürlich  nicht  erwähnt«  Auf  Gairains  Fragen 
antwortet  d»r  Wfarth  zientlich  nmständlich :  dieses  Schloß  liefr  nänfiNeh  eme 
Königin  banen,  welche  eine  andere  Königin,  eine  FremiÄn  rtm  ihr,  hierher 
mit  sich  brachte ;  in  dem  Schlosse  selbst  ließ  sie  durch  einen  cUn'cs  saiges 
älastronorme  ein  großes  Wunderwerk  machen,  das  größte  auf  Erden.  Außer 
den  beiden  Königinnen  wohnen  noch  hier  viele  Frauen  und  Ritter  im  Zauber- 
bann gefangen.  Wie  die  Königui  des  Schlosses  heißt,  wird  im  Gontes  d.  G. 
noch  nicht  erwähnt.  Auch  ist  sie  eigentlich  die  Herrin  des  Landes  und  kei- 
nesweges  der  Zanberer,  welcher  vielmehr  in  ihren  Diensten  zu  stehen  scheint. 

558,  15.  'op  daz  get  erzeige  7506.  'mas  ains  iert  mers  tote  de  glace 

daz  ir  niht  sil  ^^Ag^^  que  Tan  ud  tel  cheyalier  truisse 

s6  wert  ir  h^r  diss  landes :  qui  en  cest  leu  remanoir  puisse, 

swaz  fronwen  bie  st^t  pfandes,  qu'il  lo  coraDroit  a  devise 

die  starkez  wunder  her  betwanc,  large  et  preu  sans  coveitise, 

daz  noch  nie  riters  piis  erranc,  bei  et  bardi,  franc  et  leial, 

mantf  saijant,  edelin  riterschaft,  sans  coyeitise  et  san  mal ; 

op  die  hielrk^eset  iwer  kraft,  s'uns  tex  en  i  pooit  Tenir 

sd  sit  ir  prfiss  gdb^ret  si  porroit  lo  pais  tenir, 

und  hat  iuch  got  wol  g^ret :  '  eil  rendrpit  as  dames  lor  terres . . . 

ir  muget  mit  freuden  herre  sin  et  hosteroit  sans  nul  relais 

über  manchen  liebten  schin«  les  enchantemants  del  palais.' 
frouwen  Yon  manegen  landen.' 

Über  dM  besiegten  Ritter  erfahrt  Gawains  nichts  fan  C.  d.  6.;  hingegen 
kaum  bat  er  des  Fährmanns  Erzählung  gehört,  so  schickt  er  sich  an,  das 
Scbloß  zo  besuchen;  seines  Wirthes  Thränen  und  Ermahnungen  nützen  zu 
nichts.  Etwas  abweichend  ist  bei  Wolfram  das  Folgende,  denn  in  Chrestiens 
Erzählung  begleitet  der  Fährmann  seinen  Gast  bis  in  das  Schloß  hinein»  und 


112 


ALFRED  ROCHAT 


der  Krämer  Wolframs  ist  hier  ein  esohacier,  0t  sol  seant  qm  camt  esehace 
cCargefd  •  .  .  n'twait  mie  les  maina  oUeasee  U  eachadera,  car  il  tenoit  m 
canivet,  st  entandoit  a  doler  tm  boMon  de  fraisvie^  dessen  Rolle  höchst  unbe- 
deutend ist.  Vom  Wunderbette  weiß  Gawains'  noch  nichts,  erst  jetzt  wird 
er  dessen  gewahr  und  erfahrt :  que  cest  U  lis  de  la  mervoiUe,  ou  fms  ne  dort 
ne  ne  aomaiUey  ne  ne  repoae,  ne  ne  stet,  que  iamaid  eains  ne  saus  en  liet. 
Trotz  allen  Ermahnungen  des  Wirthes ,  der  ihn  vom  Bette  fern  zu  halten 
sucht,  beschließt  Gawains  das  Wagestück  zu  versuchen,  worauf  der  zitternde 
Fährmann  sich  alsobald  entfernt. 


566,  11.  er  gienc  ^er  kemenaten  in; 
der  was  ir  estriches  schin 
lüter,  hsle,  als  ein  glas, 
da.  lit  maryeile  was, 
daz  bette  von  dem  wunder. 
vier  schiben  liefen  drunder, 
von  rubbin  lieht  sinewel, 
daz  der  wint  wart  nie  so  snel; 
d4  warn  die  stoUen  üf  geklobn. 
den  estriofa  muoz  ich  iu  lohn : 
von  Jaspis,  von  crisolte  ,  .  , 


7608.  li  pavemens  dou  palais  fu 
vers  et  vermeus,  nides  et  pers, 
de  totes  coleurs  fu  divers, 
moult  bien  ovres  et  bien  polis. 
en  mi  lo  palais  fu  uns  11s 
ou  n'avoit  nule  rien  de  fast, 
ne  rien  nule  qui  d'or  ne  fast, 
fors  que  les  cordes  solement 
qui  totes  estoient  d*argent. 
del  lit  nule  fable  ne  fas 
que  a  chascun  des  antrelas 
ot  une  campane  pendue; 
desos  lo  lit  ot  estandue 
uiie  gfrans  ceute  de  samis. 
a  chascun  des  quepous  del  lit 
ot  une  escharboucle  ferme 
qui  randoit  tres  si  grant  clarte 
cun  quatre  cierge  bien  espris. 
li  lis  fii  soT  goces  assis 
qui  moult  recbinnoient  lor  ioes, 
et  li  goces  sor  quatres  roes 
si  isneles  et  si  mouvans, 
Ca  un  sol  doi  partot  leians 
de  Tun  ahief  iusoa  l!autTe  alast 
li  lis  qui  un  po  vos  botast. 
Ich  lasse  noch  eine  Stelle  aus  dem  Kampf  mit  dem  Löwen  hier  folgen: 
571,  24.  sin  erster  grif  was  als6  komn,         7773.  par  Tuis  ors  d'une  vote  saut. 


durch  den  schilt  mit  al  den  klan. 
von  tiere  ist  selten  e  getan 
sin  grif  durch  solhe  herte. 
Gawän  sich  zuckes  werte : 
ein  bein  hin  ab  er  im  swanc. 
der  lewe  üf  drien  föezen  spranc: 
ime  Schilde  beleip  der  vierde  fuoz. 


et  mon  seignor  Gawain  assaut 
par  grant  fierte  et  par  grant  ire, 
et  tot  ausin  come  par  cire 
totes  ses  ongles  li  enbat 
en  son  escu,  et  si  Fabat, 
si  qu'as  genos  venir  lo  &it ; 
mais  il  saut  sus  tantost  et  trait 
ors  do  fuerre  sa  bone  espee 
et  fiert  si  qu*il  li  a  copee 


WOLFRAM  VON  ESCHENBACH  UND  CHTOSTIENS  DE  TEOTES.  113 

1a  teste  et  amedeus  les  pies. 

lors  fti  messire  Gawains  lies ; 

et  li  pie  remestrent  pendu 

par  les  ongles  a  son  escu. 
Die  „Hinfliuodert  Armbrust^  bei  Wolfram  entsprechen  den  „cinq  cent 
arbelestre^  bei  Cbrestieus.  Von  Cap.  673,  26  an  bis  zum  Schlüsse  der  Er- 
zählung weicht  W'olfram  in  mehreren  Punkten  von  Chrestiens  Darstellung 
ab.  Dieser  weiß  vielmehr  zu  erzählen  und  schickt  Gawain  nicht  sogleich 
ins  Bett  wie  Wolfram.  Hervorzuheben  ist ,  daß  im  französischen  Texte  die 
Königin  sich  ungemein  für  Artus  und  die  ganze  Tafelrunde  interessiert;  ihrer 
Fragen  ist  kein  £nde ;  sie  erkundigt  sich  über  Gawains  Vater  und  Brüder 
und  über  ihn  selbst,  doch  erfahrt  sie  seinen  Namen  nicht. 

683—626,  30.  8178-8842. 

Orgueilleuse.  Schluß.  Die  Erzählung  ist  in  beiden  Gedichten  im  Ganzen 
dieselbe;  indessen  nimmt  man  wahr,  daß,  je  weiter  die  Handlung  fortschreitet, 
je  näher  sie  dem  Ziele  entgegen  rückt,  Wolfram  auch  desto  mehr  den  fran- 
zösischen Dichter  seiner  Wege  gehen  lässt,  um  selbst  sich  Bahn  zu  schaffen 
und  mit  freier  Haod  zu  walten.  Daher  muß  ich  auch  bemerken ,  daß  meine 
Eintheilung  des  französischen  Gedichtes  von  8178 — 8842  eine  willkürliche 
und  in  der  Erzählung  selbst  keineswegs  begründete  ist.  Bei  der  Vergleichung 
beider  Gedichte  schien  es  mir  indessen  die  Hauptsache  zu  sein ,  eine  mög- 
lichst klare  und  anschauliche  Ordnung  der  Begebenheiten  anzustreben,  wo  es 
weniger  auf  den  innem  Zusammenl^ang  als  auf  die  äußere  Darstellung  an- 
käme. Dazu  kommt  nun,  daß  im  deutschen  Parzival  mit  626,  30  ein  beson- 
derer Abschnitt  eintritt,  und  daß,  was  dort  erst  631,  20  erzählt  wird,  im 
französischen  Gedichte  gleich  auf  624,  26  ohne  Unterbrechung  zu  folgen 
kommt,  während  der  Inhalt  von  626 — 626 ,  30  erst  später  und  zwar  gleich 
nach  636, 14  erzählt  wird,  woran  sich  dann  644, 12  anschließt.  Ich  war  also 
genöthigt,  entweder  Wolframs  Eintheilung  zu  folgen,  oder  aber  von  683  an  • 
bis  662,  16  einen  besondem  Abschnitt  zu  bilden,  was  seine  Berechtigung 
einzig  darin  gehabt  hätte,  daß  meine  Handschrift  ungefähr  dort  zu  Ende  geht. 
In  wie  fem  nun  Wolfram  in  diesem  Abschnitte  von  Chrestiens  abweicht,  wird 
eine  nähere  Vergleichung  darthun. 

Zuerst  der  Zweikampf  zwischen  Gäwän  und  dem  duc  de  Gowerzin,  den 
Chrestiens  nicht  mit  Namen  nennt;  683—588,  8  ist  natürlich  Wolframs  Zu- 
that,  fejner  erwähnt  Chrestiens  die  Bildsäule  nicht;  hier  sitzt  Gawain 
oben  auf  dem  Thurme  und  sieht  von  da  aus  Orgueilleuse  mit  einem  Ritter 
durch  die  Ebene  reiten ,  doch  erkennt  er  sie  auch  nicht  sogleich  und  erfährt 
erst  von  der  Königin,  wer  sie  ist.  Vergleichen  wir  noch  folgende  Stelle : 
594,  2.  'der  turkoyte  ist  mit  ir  konm,  8233.  'do  Chevalier  que  ele  maine 

von  dem  sd  dicke  ist  vernomn,  vos  pri  ie  qu*il  ne  tos  rechaille, 

das  sin  herze  ist  unverzagt«  qu*il  est  bien,  lo  sachois  sans  faille, 

•UnUKIA  III,  8 


114 


ALFBED  HOCfiAT 


er  h&t  mit  fiperen  pris  bejagt,  sor  tos  cheTaliers  coiageos; 

es  wsrn  geheret  drin  lant.  sa  bataille  n'est  mie  a  jeus, 

gein  siner  werlichen  hant  que  maint  cheyalier  a  ce  port 

sult  ir  striten  miden  nuo.  a,  yoient  moi,  conquis  et  mort*. 

striten  ist  iu  gar  «e  fruo.* 

Ehe  Gawain  da«  Schloß  verlässt,  sagt  er  noch  zur  Kosigin:  mais  m 

don  V08  demant  et  rutfi.. .  que  mon  non  ne  me  demand&s  devant  sei  iors.,. 

Kachdem  Gawains  seineD  Gegner  verwandet  nnd  dem  Fährmann  übergeben 

hat,  spottet  hier  Orgueilleuse  seiner,  gerade  wie  auch  im  deutschen  Gediehte. 

Vergleiche : 


599,  6.  ^an  disen  ziten  ungemach 
muget  ir  gerne  yliehen : 
l&t  iu  den  yinger  ziehen, 
ritet  wider  üf  zen  fronwen. 
wie  getörstet  ir  geschouwen 
strit,  den  ich  werben  solde, 
ob  iwer  herze  wolde 
mir  dienen  nach  minne.* 


Vergleiche  noch  600,  22,  23,  24. 


600,  6.  des  weinde  manec  frouwe, 
daz  sin  reise  ald&  yon  in  gescha^ch  r .  • 
11.  'öwe,  daz  er  nu  yolget  sus 
gein  li  gweiz  prelljus 
Orgelüse  der  herzogin.* 

Gawain  versucht  über  den  ffue  periUeus  hinüber  zu  springe« ,  was  ibm 
jedoch  nicht ganz'gelingt;  folgende  Beachreibung  geben  (davon  J>eide  Gedicht^: 


8346.  'cuides  vos  miaz  de  lui  valoir 
por  ee  que  abattu  Taves : 
sovent  avient,  bi^a  lo  savee, 
que  li  faibles  abat  lo  fort. 
Mais  se  yos  laisseies  cel  port 
et  ensanble  moi  yeneies 
yers  cel  aubre,  si  feissies 
une  chose  que  mes  amis 
que  yos  aves  en  la  nef  mis 
faisoit  por  moi,  quant  ie  yoloie; 
a  don«  por  yoir  tesmoigneraie 
que  yos  yaureies.  meü-  que  i), 
je  ne  yos  auroie  Wftis  vil.' 

8383.  Ensin  celes  lor  docü  4»isoißpt 
por  lor  »eignor  qu*^8  y^oi^yit 
siure  la  male  damoisele 
desos  Taubre  —     -.—     — 


602,  12.  GawÄn  der  ellens  riebe 
nam  daz  ors  mit  den  sporn : 
ez  treip  der  degen  wolgeborn, 
daz  ez  mit  zWein  fuezen  trat 
hin  über  an  den  andern  stat. 
der  sprunc  mit  yalle  muoste  sin. 
des  weinde  iedoch  diu  herzogin. 
der  wäc  was  snel  unde  gr6z. 
Qawd,n  siner  kraft  gende : 
doch  truoger  faarnasches  last, 
dd  was  eines  boumes  aet 
gewahsen  in  des  wazf^rd  tr4^ : 
den  begreif  der  starke  man, 
wander  dennoch  gerne  lebte. 


8427,  loxß  8*e$loigne  de  la  liyieiie, 
et  yient  tos  les  graiui  sani  «ffi^vf 
por  saillir  outre,  mes  U  faut, 
qu*il  ne  prist  mie  bien  \o  «aui, 
ains  sailli  tot  a  mi  lo  gue; 
et  ses  cheyaus  a  tant  noe 
qu'il  prist  terre  de  quatre  pies; 
si  s'est  por  saillir  afßchies, 
si  se  lance  si  que  il  saute 
sor  la  rire  qui  moult  ta  hmihe. 
quaat  a  la  terre  ti  wemta 
si  s*«9^  ton  oQk  ea  pies  tonns« 
c'onqiie«  n^  se  pAtMffliowi, 
ancois  c^yigii,  par  eU0Y^^ 


WOLFRAM  VON  ESCHENBACH  UND  CHRESTIENS  DE  TROYES. 


11« 


descendre  mon  seigBot  Gawain 
^ui  moult  troya  sob  c]^eval  yain. 
et  il  est  desoendus  tantost 
et  s'a  taleot  que  11  li  est 
-la  sele,  et  il  li  a  ostee 
et  poT  esfiuier  a  eestee ; 
quant  li  penes  li  fu  ostes, 
'  Teye  do  dos  et  des  costes 
et  des  iambes  11  abat  ius 
puls  met  la  sele  et  monte  sus. 


sin  sper  da  bi  im  sweble : 

da2  begreif  dev  «igant. 

er  st<eie  hiB  ^  an  daz  lant. 

GringQÜet  swam  ob  uad  unde, 

dem  er  heljfeu  d^  beg«nde. 

daz  GTS  b6  Jen  hin  nider  yl6z : 

des  loufens  in  dern^ch  yerdfdz, 

wandei  svaere  harnas  traoo : 

er  hete  wunden  euch  genuoc. 

DO  treib  ez  ein  werye  her, 

daz  erz  errisichte  mit  dem  sper, 

alda  der  regen  unt  des  guz 

erbrochen  hete  witen  yluz 

an  einer  tiefen  halden: 

daz  uoyer  was  gespalden : 

daz  Gringulieten  nerte. 

mit  dem  sper  erz  kerte 

s6  nahe  her  zuo  an  daz  lant, 

den  zoiun  ergreif  er  mit  der  hant 

sus  z6ch  mm  h^r  Gäwan 

daz  oFs  hin  üz  fif  den  plan. 

ez  schütte  sich,  d6  ez  genas, 

der  schilt  da  niht  bestanden  was : 

er  gunt  dem  prse  UAt  nam  den  schilt. 

Nun  erfolgt  das  Zusammentreflfen  mit  Gramoflaaz  (Giromelans) »  der 
übrigens  im  französischen  Texte  die  Rede  604 ,  22 — 30  gar  nicht  hält,  nnd 
als  höchst  friedlich  erscheint;  das  Folgende  lautet  im  Ganzen  gleich;  auch 
hier  meldet  er  dem  Gawain,  daß  er  Orga^Ueuaen  Geliebten  getödt^,  und 
daß  sie  ihm  dafür  Bache  geschworen  hat;  ferner  erzählt  er,  daft 
die  Königin  des  Schlosses  Yguerne  heiße,  sie  sei  Arthurs  Matter ,  Uter- 
pendragons  Gemahlin,  und  die  andere  Königin  sei  Lots  Gattin,  er  selbst  aber 
sei  in  deren  Tochter  verliebt,  was  jedoch  nicht  verhindere,  daß  er  ihren  Bru- 
der Gawain  hasse  und  ihn  zerfleischen  möcl^te.  üngefiihr  wie  im  deutschen 
Gedichte  verwundert  sich  Gawain  darüber,  daß  man  die  Familie,  seiüer  Ge- 
liebten so  feindlich  gesinnt  sein  und  den  Tod  ihres  Bruders  wünschen  könne; 
darauf  gibt  er  sich  zu  erkennen,  und  das  folgende  ist  wie  bei  Wolfram.  Zu 
bemerken  ist  übrigens,  daß  man  hier  gar  nicht  einsieht,  warum  Gramoflanz 
aaf  Gawain  einen  tödtlichen  Haß  geschworen  hat,  denn  er  sagt  es  selbst 
Dicht.  Sein  Land  heißt  Orcaneles  und  der  Zv^eikampf  soll  dort  am  Pflngst- 
tage  stattfinden.  Auch  wird  Gawains  benachrichtigt,  daß  Artus  in  Orcanie 
(Korchä)  mit  seiner  ganzen  Massenie  sich  aufhält.  Ich  maß  endlich  noch 
anfahren,  daß,  Chrestiens  früherer  Angabe  zuwider,  Giromelans  in  Bezug  auf 
die  OrgueiHeuse  sagt,  sie  sei  aus  dem  Lande  (oder  der  Stadt)  Norgres  (oder 
enorgres).    Vergleiche  noch  folgende  Stelle : 

8* 


X16  ALFRED  ROCHAT 

610,  25.  der  künec  Gawann  mit  im  bat        8*755.  'Gawains,  fait  il,  ei  ie  te  t<h1 
ze  Bosche  Sabbius  in  die  stat :  mener  au  meillor  pont  del  monde, 

'irn  mugt  niht  anderr  brocken  han ,  ceste  eye  est  loide  et  parfonde 

dd  sprach  min  her  G4wAn :  que  passer  ni  puet  riens  qui  vire, 

'ich  wil  hin  wider  alse  her ;  ne  saillir  iusca  Tautre  rive.' 

anders  leiste  ich  iwer  ger .  et  mes  sire  Gawains  respont : 

'ie  ni  querrai  ne  g9p  ne  pont 
por  rien  nule  qui  m'i  ayeigne'. 
Das  Folgende  ist  in  beiden  Gedichten  genaa  übereinstimmend ,  nnr  ist 
der  französische  Gawain  nicht  in  dem  Maße  verliebt  wie  der  deutsche,  auch 
hat  hier  Orgueilieuse  nicht  so  viel  von  ihrem  Gemahl  (Cidegast)  zu.  erzählen 
wie  im  ^Parzival^.     Chrestiens  ist  kürzer. 

611,  11.  er  wolt  daz  ors  niht  üf  enthabn:      8766.  lors  point,  e^  ses  cheyax  sailli 
mit  sporn  treib  erz  an  den  grabn.  outre  l'eve  delivrement, 

Gringuljet  nam  bezite  que  point  n'i  ot  d*encombrement. 

sinen  sprunc  sd  wite, 
daz  GÄwan  vallen  gar  yermeit. 

Nun  begeben  sich  Gawains  und  Orgueilieuse  an  das  Ufer ,  werden  hin- 
übergefahren, und  kommen  vor  das  Schloß  an,  wo  man  sie  fürstlich  empföogt. 
Im  französischen  Gedichte  wird  der  Knappe  erst  später  an  Arthurs  Hof  ge- 
schickt. 

627—678,  30.  8842-9066. 

Da  meine  Handschrift  mit  Vers  9066  schließt,  so  führe  ich  aus  Wolfram 
nur  das  an ,  was  vor  652,  15  erzählt  wird.     Den  Inhalt  dieses  Abschnittes 
bilden  also  die  Festlichkeiten  auf  Ghasteil  Marveille,  die  Überbringung  des 
Ringes,  den  Gramoflanz  der  Itonje  schickt ,  die  Ankunft  des  Knappen  in  Or- 
canie  (Bems  bi  der  Korcha).     Man  wundert  sich  in  Chrestiens  Erzählung 
hier  den  Ring  erwähnt  zu  finden,  denn  Gramoflanz  hatte  vorher  dem  Gawains 
keinen  Auftrag  an  Itonje  gegeben;  ferner  spricht  hier  Gawains  mit  seiner 
Schwester  auf  eine  etwas  andere  Weise  als  im  deutschen  Gedichte,  denn  er  sagt: 
^ha !  bele,  ia  s'est  il  yantes 
que  Yos  Yoldroies  mielz  asses 
que  mors  fust  mes  sire  Gavains 
qui  est  Yostre  frere  germains, 
qu*il  eust  mal  en  son  artoil.' 
während  der  deutsche  Gäwän  diese  Rede  verheimlicht.     Das  folgende  636, 
15  —  644, 11  erwähnt  Chrestiens  nicht,  hingegen  lässt  er  Gawains  erst  jetzt 
den  Knappen  fortschicken,  welchen  der  Dichter  sogleich  an  Arthurs  Hof  be- 
gleitet.  Hier  nun,  und  zwar  mitten  in  der  Erzählung,  bricht  in  meiner  Hand- 
schrift das  Gedicht  plötzlich  ab.    Wir  dürfen  vermuthen,  daß  die  Ankunft 
des  Boten  in  Orcanie  ungefähr  in  derselben  Weise  von  Chrestiens  beschrie- 
ben wird ,  wie  Wolfram  sie  beschreibt ;  daß  Arthur  und  der  ganze  Hof  über 
Gawans  Abwesenheit  trauern,  wird  noch  im  französischen  Gedichte  ausdröck- 


WOLFRAM  VON  ESCHENBACH  UND  CHBESTIENS  DE  TROTES.  117 

lieh  gesagt.  Die  Geschichte  Elinschor's  fehlt  ganz  gewiss  bei  Ghrestiens ; 
während  er  hingegen  die  Vorbereitungen  zum  Kampfe  mit  Giromelans,  und 
zwar  ungefähr  in  derselben  Weise  wie  Wolfram,  wahrscheinlich  beschrieben 
hat.  Darauf  scheint  nämlich  eine  frühere  Stelle  hinzudeuten,  wo  gesagt 
wird,  als  Gawains  mit  seiner  Schwester  spricht,  daß  sie  jetzt  noch  nicht 
wisse  wer  er  sei,  später  werde  sie  es  aber  erfahren,  auch  ihre  Mutter  und  die 
Königin,  und  daß  eine  große  Freude  daiüber  entstehen  werde.  Damit  wären 
wir  bis  679  im  deutschen  Parzival  gekommen.  Für  weitere  Vergleichungen, 
die  zu  einem  sichern  Resultate  fuhren  könnten,  steht  mir  nichts  zu  Gebote. 
Einige  Yermuthungen  wird  man  mir  später  zum  Schlüsse  noch  erlauben. 


Aas  dieser  Untersuchung  über  das  Verhältniss  des  deutschen  Parzivals 
ZQm  Contes  del  Graal  geht  als  Gesammtergebniss  hervor,  daß  Wolfram  von 
Eschenbach  Ghrestiens  Gedicht  nicht  bloß  gekannt  und  gelesen ,  sondern 
auch  einer  genauen  Prüfung  gewürdigt  und  in  vielen  Stellen,  man  könnte 
beinahe  sagen ,  abgeschrieben  hat.  Dem  Gange  der  Erzählung ,  ich  spreche 
natürlich  vor  der  Hand  blos  von  118—679,  folgt  er  Schritt  fär  Schritt,  er 
erzählt  die  nämlichen  Begebenheiten  wie  Ghrestiens  und  befolgt  bemahe  in 
allen  Punkten  dieselbe  Anordnung  und  Anreihung.  Einzelne  Abweichungen 
finden  sich  gegen  das  Ende,  von  433 — 446,  und  dann  besonders  in  deni 
ganzen  Grälabenteuer,  ^das  überhaupt  im  deutschen  Gedichte  ziemlich  ver- 
schieden behandelt  wird  von  der  Art,  wie  es  Ghrestiens  erzählt;  indessen  ist 
anchhier  leicht  einzusehen,  daß  sich  Wolfram  in  den  von  Ghrestiens  aufge- 
steckten Grenzen  bewegt;  das  Grälgescblecht,  einige  nähere  Angaben  über 
den  Gral  selbst,  überhaupt  alles  was  dazu  dient  das  Erzählte  zu  motivieren, 
nnd  verständlich  zu  machen ,  dieß  hat  Wolfram  von  Ghrestiens  nicht  ent- 
lehnt, alles  Übrige  aber  ist  des  französischen  Dichters  Eigenthum,  alles 
Übrige  verdankt  Wolfram  unmittelbar  dem  Contes  del  Graal.  Bei  diesen 
allgemeinen  Zügen  lässt  es  sich  aber  keinesweges  bewenden,  und  noch  viel 
bedeutender  ist  es,  daß  Wolfram  unzähliche  Male  Ghrestiens  eigene  Worte 
gebraucht.  An  einer  Stelle  findet  er  einen  guten  Witz,  der  gefallt  ihm,  er 
schreibt  ihn  ab;  ja  in  vielen  Einzelheiten,  die  von  keinem  besondern  Werthe 
zn  sein  scheinen,  die  er  leicht  anders  hätte  erzählen  können,  kann  er  es 
nicht  über  sich  nehmen,  von  Ghrestiens  abzuweichen. 

Dieser  erzählt  z.  B.  und  es  gehört,  wie  die  ganze  Einführung  der  Obilot, 
zu  den  hübschen  Zügen  seiner  Darstellung,  wie  Thibaut  seine  kleine  Tochter 
vor  sich  anf  dem  Rosse  nach  Hause  fuhrt,  und  wie  er  glücklich  ist,  das  ge- 
liebte Kind  in  seinen  Armen  zu  fühlen.  Das  spricht  nun  Wolfram  allerdings 
nicht  wörtlich  nach,  und  doch  kann  er  sich  nicht  enthalten  zu  bemerken,  daß 
Lippaut  seine  Tochter  zu  sich  auf  das  Ross  nimmt  und  so  mit  ihr  heimkehrt. 
Bei  Erwähnung  dieser  Episode  muß  ich  bemerken,  daß  das  Lob,  welche^ 


JJ8  ALFÜEP  EOOÖAT 

Simrock  in  Bezug  auf  Obilots  Gestalt  dem  Wolfram  von  Escheabaoh  zu  Theil 
werden  lässt,  vielmehr  dem  Chrestiens  zukommt,  wie  dieser  überhaupt  in 
solchen  Nebenzügen  meist  Wolframs  Vorbild  gewesen  ist.  Nicht  in  diesen 
anmuthigen  Beschreibungen  ist  es ,  wo  wir  Wolframs  Verdienst  zu  suchen 
haben,  denn  bierin  hat  er  sich  fast  ausschließlich  nach  Chrestiens  gebildet. 
Wolframs  Verdienst  ist  ein  ganz  anderes ,  ein  weit  größeres ,  denn  es  be- 
ginnt mit  Gahmnrets  Geschichte,  und  endet  mit  Parcivals  Gralerlangung; 
ein  Verdienst,  welches  erst  vollends  zu  Tage  tritt,  sobald  man  Chrestiens 
Werk  mit  dem  ganzen  Parcival  vergleicht ,  und  wovon  nfcht  der  geringste 
Theil  dem  Kiot  zukommt,  Das  muß  man  sich  künftighin  gefallen  ^lassen. 
Daraus  also,  daß  Wolfram  von  118 — 679  Chrestiens  Werk  gefolgt  ist,  lässt 
sich  schließen,  daß  alles  Übrige  einem  Dichter  Kiot  (Guiot)  nicht  zuge- 
schrieben werden  darf?  —  ganz  natürlich:  den  Grundgedanken  des  Gedich- 
tes, der  sich  übrigens  auch  bei  Chrestiens  spüren  lässt,  hat  ein  Kiot  niemals 
bis  ins  einzelne  durchgeführt  wie  Wolfram ,  denn  hätte  dieser  einen  solchen 
Percheval  von  Kiot  gekannt,  so  bliebe  es  unerklärlich,  warum  er  dann  noch 
brauchte  Chrestiens  so  gewaltig  zu  benutzen;  da  nun  der  Theil,  dessen  In- 
halt im  französischen  Gedichte  fehlt ,  offenbar  im  engen  innern  Zusammen- 
hange mit  dem  Übrigen  steht,  so  folgt  daraus,  daß  kein  Gedicht  von  Kiot 
existiert,  in  welchem  dieser  Theil  vorhanden  wäre,*  und  daß  alsp  weder  die 
Geschichte  Gahmureta,  noch  die  Erlangung  des  Grales,  wie  sie  Wolfram 
darstellt,  von  einem  französischen  Dichter  herrührt. 

Eine  andere  Frage  ist  es,  ob  Wolfram  im  weitern  Verlaufe  der  Ge- 
schichte Parcivals,  also  vpn  679  an  bis  zum  Schlüsse,  Chrestiens  Werk 
theilweise  noch  benutzt  hat.  Mir  scheint  das  nicht  wahrscheinlich;  denn  aus 
den  Capitelüberschriften,  die  den  Inhalt  des  C,  d.  Gr.,  allerdings  sehr  flüch- 
tig, angeben,  geht  hervor,  daß  sich,  besonders  gegen  das  Ende,  die  Aben- 
teuer ungemein  ven^ irren,  und  ohne  irgend  einen  innern  Zusammenhang  an 
einander  angereiht  sind,  ein  Fehler^  der  übrigens  Chrestiens  Fortsetzern  zu- 
zuschreiben ist,  die  dem  ursprünglichen  Werke  durch  ihre  Anhängsel  ge- 
schadet haben,  wie  das  bei  den  Fortsetzungen  zu  geschehen  pflegt.  Wolfram 
konnte  einen  solchen  Schluß  nicht  brauchen ,  und  so  wird,  er  Chrestiens  all- 
mählich verlassen  haben,  wie  er  es  zu  thun  schon  angefangen  hatte,  und  seinen 
eigenen  Weg  gegangen  sein.  Woher  hat  aber  der  deutsche  Dichter  alle  jene 
missgestalteten  französischen  Namen  entlehnt,  die  so  massenhaft  im  Parzival 
vorkommen?  Bekanntlich  führt  er  die  meisten  Namen  an,  die  Chrestiens  ge- 
braucht, aber  auch  viele  gibt  er  an,  die  Chrestiens  nicht  kennt ,  und  er  sagt 
z.B.  geradezu  Conduiramur  für  Blancheflur.  Daraus  folgt  auf  jeden  Fall,  daß 
er  hier  diese  Namen  entweder  selbst' erfunden,  oder  aus  andern  Büchern,  aber 
keineswegs  aus  einem Perchevalgedicht  entnommen  hat;  denn  es  müßte  dann 
dieses  Perchevalgedicht  demjenigen  des  Ohrestiens  bis  auf  jene  Namen  voll- 
kommen ahnUch.  sein»  und  müßte  Wolfram  den  C.  d.  G.  nicht  beniädbzt  haben. 


WOLFRAM  VOS  ESCHENBAGB  üKD  CHREffÜENS  DE  TBOYES.  Hd 

DftsseA«  Ii86t  steh  Ton  den  Kamenregisteni  770,  772  sagen ,  deren  Inhalt 
wofal  gröfttentheils  Wolfram  »elbst  erfanden  hat,  wofür  er  französisch  genug 
verstand.  Aas  dem. Gesagten  lässt  sich  fäglich  schliel^en,  daß  Kiot,  sei  er 
wer  er  woUe,  ein  Percheval-  oder  Gralgedicht  niemals  geschrieben  hat,  nnd 
daß  Wolframs  Angaben  über  ihn  nicht  im  mindesten  zu  trauen*  ist.  Ebenso 
ist  ersichtlich ,  dass  der  Dichter  des  Parzivals  die  deutschen  Namen ,  die  in 
Verbindung  mit  Gahmuret  vorkommen,  wenn  nicht  aus  Kiot,  natürlich  auch 
nicht  aus  irgend  einem  französischen  Gedichte  geschöpft  hat,  was  an  sich 
schon  eine  Uowahrscheinlichkeit  wäre,  selbst  wenn  Kiots  Gedicht  existiren 
sollte.  Daß  jedoch  Wolfram  den  Namen  Amuret  (wohl,  wie  Grimm  sagt,  für 
Gamuret)  aas  dem  Gedichte  Tyrol  und  Fridebrant  entlehnt  habe  bezweifle 
ich,  besonders  wenn  er,  wie  Simrock  will,  ein  romanischer  sein  soll;  denn  es 
wird  wohl  erst  dem  Wolfram  eingefallen  sein,  den  Gahttimret  mit  jenen  deut- 
schen Helden  in  Berührung  zu  bringen.  Ich  glaube  übrigens,  daß  der  Dichter 
des  Parzivals  diesen  Gahmuret  ganz  einfach  aus  Ghvestiens  entlehnt  hat, 
wo  dieser  V.  44 1  der  Bemer  Hds.  einen  roi  de  Oomorret  anführt,  der  in  der  Hds. 
des  Arsenals  Ban  d^  Gamaret  heißt.  Wolfram  machte  aus  dem  Ortsnamen 
einen  Personenname»,  gerade  wie  er  die  Fee  Morgan:  terre  de  lajoie  nennt, 
und  Morgan  zu  einem  Lande  macht.  Dieser  roi  de  Gamoret  scheint  nach 
England  hin  zu  gehören,  und  das  würde  mit  San  Marte*s  Hypothese  im  zwei- 
ten Bande  der  Germania  zusammenstimmen. 

Es  bleibt  mir  noch  etwas  zu  bemerken,  welches  hier  am  Schlüsse  seinen 
geeignetsten  Platz  findet.  Ich  habe  oben  bei  der  Textvergleichung  eine  Stelle 
aufgenommen,  die  San  Marte  (Germania  2, 86)  so  übersetzt :  „doch  aus  dem 
Forst  von  Brecilian  ritt  damals  ich  als  Hahnrei  ab,"  jedenfalls  eine  geist- 
reiche Erklärung  des  Ausdruckes :  injuven  poya  (Wolfr.271,  9);  daß  sie  aber 
richtig  ist,  bezweifle  ich;  denn  hätte  Wolfram  diesen  Ausdruck  hier  als  Sprich- 
wort aufeefasst,  so  hätte  er  ihn  gewiss  nicht  ohne  alle  Ursache  286,  26  in  einer 
Bedeutung  gebraucht,  die  unmöglich  die  gleiche  sein  kann  wie  271, 9 ;  er  wen- 
det ihn  aber  an  ohne  alle  Ursache  286,  26 ,  denn  davon  ist  im  französischen 
Texte  keine  Spur.  Juven  poya  scheint  mir  Wolfram  an  beiden  Stellen  in  der 
Bedeutung  „hSfie  sttiden'^  gebraucht,  und  aus  Missverständnis  eines  französi- 
schen Verses  so  geschrieben  zu  haben.  Daß  übrigens  die  Wörter  juven  bois 
bei  Chrestiens  nicht  vorkommen,  darf  denjenigen  nicht  befremden,  der  San 
Marte's  Erklärung  för  richtig  hält  Wolfram  hat  unzähliche  Male  französische 
(und  nicht  französische)  Ausdrücke  und  Sätze  ersonnen,  die  man  vergebens 
in  den  Perchevalromanen  nachsuchen  wird,  geschweige  denn  bei  Kiot. 

Ich  schließe  hier  diese  Untersuchung,  die  bei  weitem  nicht  alle  Punkte 
berührt;  die  Hwiptsache  aber,  Wolframs  Verhältniss  zu  Chrestiens  und  dem- 
nach zu  Kiot  hoffe  ich  genügend  erörtert  zu  haben.  Über  die  Grälgeschichte, 
die  Gralfamilie,  Titurel,  Frimutel,  und  wie  die  Leute  alle  heißen,  habe  ich 
nicht»  au  hemeAenu   Wer  noch  an  em  ausfuhrliches  Gedicht  darüber  glaubt, 


120     FRANZ  STARK,  ÜBER  GERMAIOSCHE  PERSONENNAMEN. 

aus  dem  Wolfram  alle  seine  Angaben  geschöft  habe ,  der  wird  es  begreifen, 
daß  man  schweigen  soll,  bis  jenes  aufgefunden  wird.  Wer  hingegen- mit  mir 
der  Meinung  ist,  daß  das  Giälgeschlecht  und  alles  was  Wolfram  über  das- 
selbe meldet  eine  reine  Erfindung  von  .ihm  ist,  der  wird  sich  mit  dem  begnü- 
gen, was  wir  im  deutschen  Gedichte  davon  erfahren. 

Man  sieht,  ich  muthe  Wolfram  von  Eschenbach  viel  zu,  ich  wage  es  zu 
behaupten,  daß  er,  ebenso  wie  Ghrestiens,  Einiges  erfunden  hat,  und  daß,  wenn 
man  ihn  einen  großen  Dichter  nennt,  man  ihm  folgerichtig  auch  die  Erfin- 
dungsgabe eines  großen  Dichters  nicht  absprechen  darf.  Ghrestiens  nimmt 
jetzt  eine  hohe  Stellung  ein.  Wolfram  und  er  steigen  vereint,  glanzvolle  Ge- 
stirne, am  mittelalterlichen  Bimmel  auf.  Kiot ,  einem  trügerischen  Meteor 
gleich,  schwindet,  kaum  aufgegangen,  spurlos  dahin. 
ZÜRICH»  Februar  1858. 

ÜBER  GERMANISCHE  PERSONENNAMEN. 


5. 

Die  Namen  Sccuriua  p.  a.  800  Polypt.  Irm.  app.  VIII,  343.,  Scherilo  a. 
805.  Neug.  nr.  1 53 ,  Skarenza  sec.  9.  Verbrüdrgsb.  v.  St. ,  Peter  47,  41 
(vgl.  Berinza  a.  909  Honth.  bist,  trevir.  nr.  137,  LiuUnze  a.  963  Neug. 
nr.  749,  Ratinza  a.  861  Kausler  nr.  136,  Richenzas,.  1082  mon.  Germ,  VIII, 
720,  60  (Annalista  Saxo)  u.  a.),  Scariberga  (uxor  S.  Arnulfi)  a.  613  mon. 
Germ.  VITI,  314,  47  (Sigeb.  chron.)  werden  von'Förstemann  S.  1077  durch 
ahd.  scara  agmen,  aeies  erklärt. 

Daß  die  Verwendung  eines  Wortes  dieser  Bedeutung  in  germanischen 
Namen  thunlich  ist,  dafür  sprechen  die  mit  anlautendem  AaW,  heri  kompo- 
nierten Namen,  Nichts  desto  weniger  soll  noch  ein  anderes  Etymon  nicht  un- 
beachtet bleiben,  dem  mindestens  gleiche  Berechtigung,  hier  genannt  zu  wer- 
den, zukommt.  Ich  meine  ahd.  scar,  scaro  vomer.  Wie  ahd.  ploh  aratrum 
und  framea  bezeichnet,  so  mag  auch  scar  Pflugeisen  in  der  Bedeutung  eiöer 
Waffe  in  Personennamen  verwendet  worden  sein.  Altnordisch /Ä;arr  gladius 
bekräftiget  diese  Annahme. 

Einer  andern  Erklärung  werden  bedürfen  die  Namen  Scherus  a.  1271 
Mohr,  cod.  dipl.  Rhset.I,  390  nr.260,  Scerolf,  zu  entnehmen  dem  Ortsnamen 
Sceroluinga  sec,  9.  ürkundenb.  des  Landes  ob.  d.  Enns  I,  32  (cod.  trad.  mon. 
lunaölac.  nr.  53)  und  das  oben  genannte  Scherilo.  Gleiche  Ansprüche  hier 
angezogen  zu  werden  haben  ahd.  /t?m  sagax,  velox  und/<?^ra  forfex.  Daß 
bei  dem  letzten  Worte  nicht  an  der  angegebenen  Bedeutung  festzuhalten  ist, 
versteht  sich  von  selbst.  Jedenfalls  ist  auch  hier  an  eine  Waffe  zu  denken. 
Unterstützt  wird  diese  Annahme  durch  altn.  fkc&ri  n.  pl.  forfices  und  culter, 
en  Sahs,  nach  Holmboe,  Det  norske  Sprogs  vaesentligste  ordforrad  u.  s.  w.  S.  301. 

FRANZ  STABK. 


LITTERATUB.  121 


LITTEEATUR. 


Van  den  VOS  Beinaerde,  door  Jonckbloet.    Groningen»  Wolters.  1856. 

Allgemein  anerkannt  ist,  dafi  yon  den  mittelalterlichen  Dichtungen  Tom  Fuchs 
Reinhard  und  yom  Wolf  Isengrim  die  flämische  die  yorzügüchste  ist.  Sie  ist  be- 
kanntlich nur  in  zwei  sehr  jungen  Handschriften  erhalten.  Die  erste  mit  dem 
kurzem  Text  ungefähr  yom  Jahr  1400  kommt  aus  Gomburg  und  ist  jetzt  in  Stutt- 
gart. Nach  dieser  Handschrift  Ue^  zuerst  Gräter  das  Gedicht  drucken  1812.  Dieser 
Abdruck  li^gt  den  neuen  Ausgaben  zu  Grunde ;  die  Handschrift  selbst  wurde  nur 
an  einzelnen  Stellen  neu  yerglichen.  Die  zweite  Handschrift,  jetzt  in  Brüssel,  die 
einen  längern  Text  und  eine  Fortsetzung  enthält ,  ist  noch  nicht  yoUstftndig  be- 
kannt; Willems  gab  daraus  die  Fortsetzung,  yom  ersten  Theil  aber  nur  ausgewählte 
Lesarten.  £s  ist  schon  yon  Jacob  Grimm  in  den  Göttinger  Anzeigen,  1837  Nro.  88» 
yerlangt  worden,  daß  der  ganze  Text  der  Handschrift  gedruckt  werde.  Und  daft 
dieß  nöthig  sei,  ist  auch  die  Ansicht  Jonckbloets,  Einleitung  S.  8.  Bei  dieser  Sach- 
lage wird  Jedermann  erwarten ,  in  dieser  neuen  Ausgabe  diese  für  nöthig  erkannte 
Vergleichong  der  beiden  Handschriften  zu  finden.  Man  ist  erstaunt,  zu  sehen,  daß 
dieß  nicht  der  Fall  ist.  Der  fleißige  und  gelehrte  Herausgeber  begnügt  sich ,  den 
schon  oft  gedruckten  Stuttgarter  Text  noch  einmal  drucken  zu  lassen ,  und  zwar 
wiederum  nicht  nach  der  Handschrift,  sondern  nach  dem  Abdruck  Gräters  und  den 
Lesarten  und  Verbesserungen  Grimms ,  wobei  er  einzelne  Stellen  glücklich  herstellt 
und  erläutert.  Von  der  Brüsseler  Handschrift  kennt  er  nichts  als  was  bei  Willems 
mitgetheilt  ist.  Er  hat  jedoch  die  Absicht,  später  den  y ollständigen  Text  dieser 
zweiten  Handschrift  zu  geben. 

Wenn  wir  also  yorerst  in  dieser  Ausgabe  das  erwartete  neue  kritische  Material 
noch  nicht  erhalten,  so  werden  wir  dafür  entschädigt  durch  sehr  ausführliche  Unter* 
suchungen  über  das  Alter  des  Gedichts  und  das  Verhältniss  desselben  zum  französi- 
schen. Nun  sagt  aber  Jonckbloet  selbst  S.  8  der  Einleitung,  daß  die  große  Ver- 
schiedenheit der  Ansichten  daher  rühre ,  daß  der  erste  Theil  der  Brüsseler  Hand- 
schrtft  noch  unbekannt  sei ,  und  uns  also  die  Beweisstücke  fehlen ,  mit  denen  das 
Endurtheil  gewonnen  werden  müße.  Es  ist  nach  diesem  Geständniss  sehr  über- 
raschend, daß  nichtsdestowem'ger  Jonckbloet  die  Untersuchung  zu  Ende  führen 
will  ohne  jene  Beweisstücke  mitzutheilen  und  ohne  sie  selbst  zu  kennen. 

Übrigens  ist  diese  Untersuchung  ein  rühmlicher  Beweis  aufrichtiger  Wahr- 
heitsliebe. In  seiner  Geschichte  der  niederländischen  Dichtkunst  hatte  Jonckbloet 
im  Wesentlichen  die  Ansichten  yon  Willems  angenommen.  Jetzt  ist  er  anderer 
Ansicht  geworden.  Willems  hatte  behauptet ,  und  Jonckbloet  war  ihm  darin  ge- 
folgt, das  französische  Gedicht  sei  eine  Übersetzung  des  flämischen.  Jetzt  yer- 
theidigt  Jonckbloet  ausführlich  die  Ansicht,  daß  das  flämische  Gedicht  eine  Über- 
setzong  aus  dem  Französischen  sei. 

Ich  gestehe ,  daß  die  Ansicht  yon  Willems  mir  sehr  ansprechend  scheint.  Sie 
ist  deutlich  und  einfiich,  und  bedarf  keiner  künstlichen  Beweisführung.  Dagegen 
läs»t  sich  die  neue  Ansicht  Jonckbloets  ohne  sehr  yerwickelte  Ausführungen  gar 


X2&  LTTTEBATÜE. 

nicht  begründen.     Aber  ich  enthalte  mich  eines  ürtheils ,  so  lange  die  ron  Jonck- 
bloet  selbst  fElr  nöthig  erachteten  Beweisstü^e  nidit  rtrliegen. 

In  einem  Punkt  hatte  Willems  offenbar  seine  Sache  schlecht  yertheidigt.  Es 
kommt  nämlich  Alles  darauf  an,  ob  der  Eingang,  in  welchem  sich  ein  Willem 
nennt,  Ton  dem  ersten  Dichter  herrührt,  oder  von  dem  Fort&eUer.  Wälems  behaup- 
tet ,  daß  jener  Willem  der  Fortsetzer  sei ;  seine  ganze  Ansicht  steht  und  fallt  mit 
dieser  Bri>anpt«Bg  Ntm  steht  abef  dieser  Eingdo^g  aneh  ht  def  SCnfItgatter  Band- 
sdiHft;  den  Text  dieser  Handschrift  hält  aber  Wülems  für  das  alte  Werk.  Nm  Itt 
aber  nur  aweierle»  mög^idk:  entweder  die  Stttttgartef  Handschrfft  eMhält  den  alten 
Text^  dann  ist  detr  Witten  des  £idg%u»gs  4et  etste  Dichter;  odef  der  Eingang 
gehört)  däm  Fortsetost  ttn,  dann  enlhftlt  ftdch  die  Stultgareer  Band^chilfl  tficht  das 
msüberarbeitefe'  äl«enr  Werk,  seMdem  das  jüidgere,  Aiev  nntofis^äifdrg.  Bntsefil^eii 
kann  diese  Frag»  nicht  werden,  ehe  der  Brüss^kf  Itet  dfii  d^äf  Stüt%ttreef  fef- 
glidhen  weiüen  ksaai  9  ^erldvfig  »ber  bin  ich  seto  gieiiefgt ,  diis  iivf^iUi  jsvt  g^aubcm. 
Der  Eingaaf^  kann  ma  w  Verstaflde«  ^etdeik,  wfe  Wilfiem«  llttt  ««i^iH^,  tatd  Jonek- 
bloet  nMi^  ihn  för  seine  Ansteht  gewaMsam,  und  doch  nicht  gAi'&g^nd,  ändern. 
£9  fUirt  ferner  Jonekb^iet  selbst  ans,  dfetß  dfts  sogenannte^  ^^Itere  Weit^ ,  tk&mHc& 
der  Stuttgarter  TeAt,  aidb  von  dem  Werk  des  Fortsetzers  hk  S^aeR^e  nttd  Vers 
dttvehaUft  nioht  ontetseheiBle. 

Sbbald  die  Meinung,  denn  bisrjet2St  ist  es  nur  eine  Meinung,  dait  der  l^tutt- 
gafter  Text  das  alte  nicht  überarbeitete  Gedicht  sei ,  aufgegeben  ist ,  so  yerandert 
sich  die  ganze  Grundlage  der  Untersuchung ,  und  die  Beweise ,  die  Jonckbloet  jetzt 
för  seine  neue  Ansicht  vorbringt,  geben  so  2U  sag^n  ins  feindliche  Lagfer  über. 
Aber  auch  schon  jetzt  ist  es  schwer ,  der  Ansicht  Jonckbloets  beizutreten ,  wenn 
man  z.  B.  folgende  Stellen  vergleicht : 

Ce  dist  Vestoire  es  premiers  «/«•«,  Het  waa  in  enen  piinamdaghe 

que  jß  estoitpcbssez  yvers,  dat  bede  boaeh  ende  ha>gke 

et  raub&-e3pine ßorisoitf  met  groenen  lotteren  waren'bevcian. 

et  que  la  rose  espanisoit.  Nobel  ^  die  eomnc^  hadde  ghedaen  u»s»vi. 

et  pres  tu  de  VAscension 

que  sire  Noble,  le  lyon  u.  s,  w^ 

Hier  ist  der  flämische  Text  vielleidkt  abgekürzt;  aber  der  fironzlteisdke' ist  offen- 
bar nicht  das  OriginaL  Doch  wk  gehen  hier  ia-  eine  ÜntervudsifBg  nicht  eiif ,  vir 
bitten  vielmehr  Herrn  JeMchleet,  seis  Tersporechen  recht  bidd:  z»  halten,  naduas 
die  Materialien  zu  liefern,  indem  er  ns»  eine  toUstilndige  An^be  des>BrfiMeitf 
Textes  gibt.    Dann  erst  wird  es  Zeit  sein ,  in  die  Untersucfaoi^  eiüsugedsen. 

Wenn  schon  c^  neue  Ausgabe«  nicht  gibt ,  was  wif  zunächst  erwarteten  und 
was  zitnäehst  nöthig  wäre ,  so»  Ist  sie  doch  durch  Besserung  und  Erlänteximg  ein- 
zelner Stelle»  und  durch  ein  fleißiges  Wörterbuch  von  nicht  geringem  Werth ,  yatA 
anch  Ifir  die  Untersuchungen  der  Einleitung  sind  wir  dankbar,  obgleich  wir  uns 
'  die  hier  behiuidelten  Fragen  oSen  halten  müfien ,  so  lange  wir  das  Material  nicht 
vollständig  besitzen.  A.  HOLTZMANN. 


UTTJSRATÜB.  123 

Zwei  biiher  unbekannte  deutsohe  Spfachdenkmale  an*  heidniaehcr  Zeit. 

TOS  Th.  G.  T.  Karajan»  Mit  einer  Schrift<AfeU  Wien,  Aas  der  k.  k.  Hof-  a.  SUala^ 
druckerei.    1858.   8. 

Miklosich  hat  in  einer  der  kaiserlichen  Hofbibliothek  zu  Wictn  angeborigea 
Pergament-Haiidschrift  des  neunten  Jahrhunderts  zwischen  laleiBischen  Letdens- 
geschichten  yerschiedener  Heiligen  einige  Zeilen  entdeckt»  deren  erster  Theil 
augenföllig  als  deutsch  sich  erwies,  der  zweite  mehr  lateinisches  als  deatschet 
Gepräge  zeigte.  Kennte  jener  einem  allgemeinen  YerstAndni«»  nur  sehr  geringe 
Schwierigkeit  entgegenstellen ,  so  schien  dieser  jeder  yernünftigen  Erklänuig  g^ 
radezu  unzugänglich.  Der  ganze  Fund  wurde  behufs  genauerer  Untevsoehung  an 
Hm.  Ton  K«E%jan  abgetreten ,  und  dieser  hat  ihn  in  einer  Abhandlung  zu  deuten 
yersucht,  die  aus  dem  Decemberhefte  des  Jahrganges  1857  der  Sitaungsberiehte 
der  philosophisch-historischen  Klasse  der  kaiserlichen  Akadenue  der  Wissenschaften 
(XZV.Bd.«  S.308)  besonders  abgedruckt  rorliegt.  Daß  hier  zwei  SegMtt&rnelA 
gefunden  sind,  überliefert  aus  einer  weit  älteren  Zeit  als  die  Handschrift  iat»  darttber 
konnte  durchaus  kein  Zweifel  sein ,  daß  sie  aber  an  Wichtigkeit  den  Mersebufger 
Zaubersprüchen  an  die  Seite  zu  stellen  seien ,  diese  Ansieht  wird  ans  mehrÜMhen 
Granden,  die  keiner  Auseinandersetzung  bedürfen,  ohne  Beistimmong  bleiben  müssen. 
Doch  ich  will  in  meinem  Urtheile  nicht  yorgreifen  und  den  Leser  yorerst  mit  den 
Formeln  und  ihrer  Erklärung  bekannt  machen ,  mein  Bedenken  und  die  Berichti- 
gungen ,  die  mir  zweckdienlich  scheinen ,  m<^gen  nachfolgen. 
Die  erste  Formel  lautet  nach  des  Herausgebers  Lesung  ^ : 

chrift  uuart  gaboren  *  er  uuolf  ode  deiob  *  do  uuas  fßd  marti 
chrifbaf  hirti  der  heilige  chrUt  vnta  fce  marti  der  gauuerdo 
uualten  hiuta  dero  hunto  '  dero  zohona  *  daz  ni  uuelf  *  neh 
uulpa  za  foedin  uerdan  nemegi  *  üe  uuara  Fe  geloufikn  uu&ldes  ' 
ode  uuegef '  ode  heido  der  heilige  chrifb  unta  feö  marti  de  firü 
ma  mir  fa  hiuto  alla  hera  heim  gafunta; 
•     In  den  beiden  mittelsten  Zeil«!  tritt  der  Stabreim  ganz  siditbar  henror,  und 
ließ  dieser  sogleich  „ganz  richtig  gemessene  Liedstäbe **  erkennen,  aber  auch  mit 
Bestimmtheit  annehmen ,  daß  Christus  sammt  dem  heil.  Martin  in  diesem  Segen  an 
die  Stelle  heidnischer  Gottheiten  getreten  sind.     Die  Alliteration  mit  w  und  A, 
welche  die  ganze  Formel  durchzieht,  aber  auch  Gründe,  der  deutschen  Mythol(^gie 
entnommen»'  bestimmten  Hrn.  yon  Kar%|an  Wuotan  und  Hirmtn  als  die  yerdrängten 
Götter  einzuführen.    Der  Segen  wurde  demnach  «mit  Bezeichnung  des  Stabreimeek 
nach  yorgenommener  Änderung   der  ISamen,   in   gewöhnlicher   althochdeutscher 
Sdueeibweifte  und  mit  den  nöthigen  Satzzeichen  yerseheB**  angesetzt»  wie  folgte 
IFuotan  ttttart  gaboren  Daz  ni  «iwolf  neh  tmlpa 

er  «teolf  ode  diob.  10.      za  Icedin  uuerdan  nemegi, 

Do  utcas  JSirmin  So  teuara  üu  geloufen  uualdes 

Tf^iotannes  Airti.  ode  ut^eges  ode  beide. 

5.  T^uotan  unta  .Hirmin  Wuotan  unta  Armin 

der  gaut«erdo,  der  fromme  mir  (ö  Aruto, 
Walten  Äiutä  dero  Äunto                            15.  Alf6  Aera 
der»  zoAono,  Aeim  gafnnta. 

')  Ich  habe  mir  nur  erlaubt,  die  von  dem  Yerfasser ,  nach  meiner  Ansicht  mmöthiger 
Weiss,  Tetbudenen  Wditer  za  trennen. 


124  UTTERATÜR. 

Dieser  Texthentelliiiig  folgt  die  Übersetzung :  „ Wuotan  ward  geboren  früher 
als  irgend  ein  Wolf  oder  Dieb.  Damals  war  Hirmin  Wuotan's  Hirte.  Waotan  und 
Hirmin,  der  gleichwerthe,  mögen  heute  walten  der  Hunde  und  der  Hündinnen,  aai 
daß  nicht  irgend  ein  Wolf  oder  eine  Wölfin  (mir)  zu  Schaden  werden  könne ,  wenn 
sie  irgend  wohin  laufen  sollten  in  einen  Theil  des  Waldes  oder  Weges  oder  der 
Heide.  Wuotan  und  Hirmin  möge  mich  heute ,  so  wie  stets  bisher ,  gesund  heim 
sdiaffen.  ** 

Nach  des  Herausgebers  Meinung,  und  wie  diese  Übersetzung  auch  darlegt,  liegt 
hier  ein  sogenannter  Reisesegen  Tor,  „den  ein  Fortziehender,  besorgt  um  die 
Sicherheit  seiner  selbst  wie  seiner  Habe  vor  Wölfen  und  Dieben ,  auf  der  Schwelle 
des  Hauses  etwa  zu  sich  spricht.  **  Ich  bin  einer  anderen  Ansicht  und  denke,  dieser 
Annahme  stehe  schon  entgegen  die  bis  jetzt  wenigstens  geläufige  Vorstellung  yon 
den  kriegerischen,  kampflustigen  Germanen  der  Yorchristlichen  Zeit.  £s  dünkt 
mich  mehr  als  unwahrscheinlich,  dafi  ein  solcher  furchtsam  seine  Person  vor  Wölfen 
zu  sichern,  die  Götter  um  Schutz  angefleht  haben  soll.  Seine  natürliche  Körper- 
kraft, herangewachsen  und  gestählt  unter  den  Gefabren  des  Wald-  und  Krieger- 
lebens,  lief  ihn  wohl  zumeist  dieser  und  seinen  guten  Wafien  vertrauen,  die  all- 
überall hin  seine  treuen  Begleiter  waren.  Erst  wo  sie  )ind  anderes  menschliches 
Können  und  Wissen  unzureichend  befunden  wurden ,  mochte  die  erwünschte  Hülfe 
bei  den  Himmlischen  und  in  Segenssprüchen  gesucht  werden. 

Sollte  aber  diese  meine  Ansicht  auch  eine  irrige  sein ,  richtig  bleibt  dennoch, 
daß  in  obiger  Formel  kein  Reisesegen  zu  suchen  ist.  Gewissheit  darüber  ergibt 
die  Handschrifb  der  Formel  selbst,  wie  sie  in  der  beigefögten  Nachbildung  vorliegt. 
Vorerst  ändert  sich  obige  Auffassung  schon  dadurch ,  daß  in  dem  Satze  „daz  m 
uuolf  noh  ufdpa  za  scedin  uuerdan  nemegi^  statt  m  zu  lesen  ist  m  (ihnen,  Gramm.  1, 
706) ,  wie  auch  die  Handschrift  auf  das  Deutlichste  geschrieben  hat.  Hiermit 
fallt  das  in  der  Übersetzung  vom  Verfasser  eingeschobene  ffdr;  Und 'an  den  Sinn, 
den  der  Segensspruch  bis  dahin  verräth,  wollen  sich  die  Schlußworte  „Wuotan 
und  Hirmin  möge  mich  heute,  so  wie  stets  bisher,  gesund  heim  schaffen**  nicht  mehr 
ungezwungen  anschließen. 

Bedenken  erregt  schon  die  vom  Verfasser  angesetzte  althochdeutsche  Form 
„  Wuotan  tmta  Hirmin  der  frumme  nUr  /6  hitUo ,  cU/ö  hera  heim  ga/unta".  Gram- 
matisch unmöglich  ist  „der  frumme  mir  heim  ga/unta" ;  die  allein  richtige  alt- 
hochdeutsche Form  för  den  neuhochdeutschen  Satz  „der  möge  mich  gesund  heim 
schafien"  ist  der  frumme  mih  heim  gafwntam^  und  so  hätte  geändert  werden  müssen, 
sollte  ja  dieser  Gedanke  ausgedrückt  werden.  Aber  dieser  Inhalt  ist  es  gerade, 
der  im  Widerspruche  mit  dem  Übrigen  der  Segensformel  steht.  Die  Schlul^worte, 
wie  sie  die  Handschrift  bietet,  heißen 

de  frumma  mir  fa  Muto  aUa  hera  heim  gafunta. 

Wenn  wir  mit  der  für  jede  Textkritik  durchaus  nöthigen  Achtung  vor  der 
Überlieferung  an  diese  Zeilen  treten,  so  darf  außer  der  Besserung  ron  de  frumma 
in  der  frumme  —  doch  könnte  frumma  mundartlich  sein  — •  nur  dem  Worte  heira 
besondere  Aufmerksamkeit  zugewendet  werden.  Hrn.  von  Earajan  erschien  in  obigem 
Satze  afla  hera  als  „eine  in  solcher  Verbindung  unpassende  Steigerung**  des  Adverbs, 
und  er  änderte  f6  hiuto  alfö  hera  und  übersetzte  dies  „heute ,  so  wie  stets  bis- 
her."    Dagegen  lässt  sich  zweierlei  einwenden.    Erstens  ist  eine  Steigerung  des 


LITTERATÜR.  126 

Adyerbs  ^*a  durch  alla  unpassend  auch  außer  der  hier  stattfindenden  Verbindung. 
AUa  kann  nur  sein  acc,  sing.  fem.  oder  nom.  und  acc.  pl.  masc.  (Graff  1,  213. 
Gramm.  1 ,  723) ,  und  keine  dieser  Formen  wird  als  yerstärkende  Partikel  zu  yer- 
wenden  sein.  Zweitens  hat  hera  nur  die  Bedeutung  Toa  hie,  huc,  her,  hieher, 
keineswegs  aber  Yon  bisher,  und  /ö  kiuto  alfö  hera  in  dem  Sinne  „heute  so  wie 
stets  bisher"  lässt  sich  mit  der  althochdeutschen  Grammatik  nicht  in  Einklang 
bringen.  Alle  diese  Widersprüche  im  Inhalt  wie  in  der  Form  jenes  Schlußsatzes 
heben  sich  aber  sogleich,  ohne  daß  wir  in  missliche  Verbesserungen  und  Coiyecturen 
uns  einzulassen  brauchen,  wenn  nicht  aUa  hera,  sondern  hera  heim  (Otfrid  II,  3, 1) 
zusammengefasst ,  und  der  Text  der  Handschrift  als  richtig  und  daher  unyerändert 
beibehalten  wird.  In  dieser  Gestalt  fagt  sich  der  Schlußsatz  „  Wwotan  v/rUa  Hirrmn, 
der  fnimme  mir  fa  hiuto  aÜa  (die  Hunde  sammt  der  Herde)  hera  heim  gcfunta"' 
ganz  folgerichtig  an  den  übrigen  Theil  der  Formel,  yon  einem  ^eisesegen  kann 
aber  nimmer  die  Rede  sein.  Statt  dieses  gewinnen  wir  einen  Hirtensegen ,  der  zur 
Vergleichung  mit  dem  yon  Grimm  in  der  Mythologie  1189  (3.  Ausg.)  mitgetheilten 
auffordert. 

Obgleich  die  handschriftliche  Form  dieses  Satzes  y ollkommen  befriedigt,  denn 
auch  die  Grammatik  hat  gegen  sie  Nichts  einzuwenden,  so  kann  ich  doch  nicht  unter- 
lassen auszusprechen ,  daß  noch  eine  andere  Deutung  möglich  sei ,  und  will  ich  sie 
hier  nicht  übergehen,,  bleibt  auch  der  oben  gewonnene  Gedanke  wesentlich  derselbe. 
Ziemlich  nahe  liegt  nämlich  die  Vermuthung,  daß  der  Schreiber  jener  Segensformel 
in  hera  ein  t  ausgelassen  hat  und  somit  herta  gelesen  werden  müsse ,  oder  daß  herta 
yor  hera  heim  übersehen  worden  sei.  Daß  die  Verszeile  aUa  hera  durch  Einschiebung 
yon  herta — dlla  herta  hera'— i  die  nöthigen  yier  Hebungen  erlangt,  yerdient  yielleicht 
Beachtung. 

Mit  den  hier  yorgenommenen  Verbesserungen  des  Segensspruches  sind  aber 
keineswegs  alle  Bedenken  über  die  Form  und  den  Inhalt  mancher  Stelle  beseitigt. 
Gleich  dem  einleitenden  Satze  „Wuotan  uuart  gaharen  Sr  uuclf  ode  diob"^  wider- 
streben Mythologie  und  Grammatik  zugleich.  Der  Grammatik  entgegen  ist  die 
Fügung  Sr  uuolf  ode  diob,  gleichgültig  ob  &  hier  Präposition  oder  Conjunction 
ist.  In  dem  einen  Falle  yerlangt  es  die  Dative  uuol/a,  dioha  oder  uMolfe,  diobe, 
in  dem  anderen  das  yerbum  substantivum  wärt  oder  auch  was  (Graff  1,  435  fg.). 
Anstößiger  als  diese  grammatische  Form  dürfte  die  Erwähnung  einer  Geburt 
Wuotans,  des  Allerschaffers,  sein.  Von  einer  solchen  zu  reden,  ist  nach  Myth.  148 
und  323  unstatthaft ,  wenn  auch  die  Edden  ( Voluspa  4  und  Gylfaginning  6)  yon 
Eltern  und  Brüdern  Odhinns  berichten  und  diese  mit  Namen  zu  nennen  wissen« 
Denn  „Wuotan,  Odhinn,  scheint  das  allmächtige,  alldurchdringende  Wesen, 
qui  omnia  permeat;  wie  Lucan  yon  Jupiter  sagt:  est  quodcunque  yides,  quocunque 
moyeris,  die  geistige  Gottheit."    Myth.  120. 

Diesen  mythologischen  und  jenen  grammatischen  Widerspruch  zu  beseitigen, 
bin  ich  geneigt,  ein  Verderbniss  dieser  Stelle  durch,  den  christlich^i  Schreiber 
anzunehmen  und  dafür  in  Vorschlag  zu  bringen  die  Form  er  uuolf  odf  diob  uuart 
(wmrti)  gaboren ,  dö  uuas  Himdn,  Wuotanes  hirti. 

In  dem  yon  Herrn  y.  Kangan  hergestellten  Texte  steht ,  wahrscheinlich  durch 
ein  Versehen  des  Setzers,  Wuotanme,  Vgl.  Wuotanea  wee,  Wödeneaberg  u»  s.  w. 
(Myth.  138-141). 


128  LITTERATUR. 

Die  Emwendungen ,  "welche  gegen  meine  vorgeschlagene  Änderung  erhoben 
werden  k5nnen ,  sind  mir  nicht  unbekannt;  es  wird  aber  Niemand  an  ihr  Anstoß 
nehmen,  da  sie  sich  nicht  aufdrängen  will. 

Gehen  wir  weiter  in  der  Betrachtung  der  Formel,  so  begegnen  wir  dem  Worte 
gauuerdo,  das  in  dem  vom  Herausgeber  construirten  Texte  dem  Hirmin  als  Epitheton 
beigelegt  und  durch  condigmiSf  aeque  digrms  übersetzt  wird.  In  mehrfacher  Beziehung 
aber  auflhUend  erscheinen  mu£.  um  mich  kurz  zu  fassen,  will  ich  nur  sagen,  daH 
in  gautterdo  kwn  Adjectir  vorliegt ,  sondern  ein  Verb ,  und  zwar  der  Conj.  praes. 
statt  gauuerdoS  (Gramm.  I,  875)  von  gauuerdon  dignare  und  daß  der  gauuerdo  uualtm 
zu  übersetzen  sei:  der  möge  (wolle)  herrschen,  schirmen.  Vgl.  gimMrdo  heuern!  — 
giuuerdo  geban!     Otfrid  IH,  5.  19.   V,  24,  1.     (Graff  1,  805.) 

Nicht  geringeres  Bedenken  erregt  dero  zohono,  Ist  es  mindestens  sondeTbar, 
daß  hier  der  Hündinnen  besonders  gedacht  wird,  so  ist  die  Zusammenstellung  dero 
hunto  dero  zohono  sicher  ungewöhnlich.  Zu  erwarten  wäre  in  der  aufgefassten  Be- 
deutung dero  hunto  unta  zöhono.  Der  wiederholte  Artikel  scheint  mir  jedoch  ein 
Adjectiv  zu  verlangen,  und  ich  möchte,  um  einen  besseren  Sinn  und  zugleich  die 
Alliteration  herzustellen ,  hohdno  excellentium  (Graff  4,  772)  statt  zohono  setzen.. 
Die  von  Herrn  v.  Karajan  hervorgehobene  Alliteration  des  h  in  zohono  ist  unthunlich. 
Findet  mein  Vorschlag  Beifall,  so  ist  das  folgende  fe  {f6  uuara  fe)  der  Handschrift, 
das  im  corrigierten  Text  folgerichtig  mßu  geändert  wurde,  als  nom.pl.  masc.  =  sii 
(Graff  6,  3)  beizubehalten. 

Auch  jezt  sind  noch  nicht  alle  Fragen  und  Bedenken  beseitigt ,  welche  dieser 
Segensspruch  hervorruft,  doch  etwaige  weitere  Verbesserungen  und  Berichtigungen 
mögen  andere  beibringen,  andere  mögen  auch  untersuchen,  ob  die  eingefugten 
Götternamen  hier  an  ihrem  Platze  stehen.  Ich  erlaube  mir  nur  zu  bemerken,  daß 
die  Ortsnamen  Hermanns,  Hermannsberg,  Hermannsdorf,  sämmtlich  in 
Oesterreich  unter  der  E-nns,  durchaus  keinen  Bezug  auf  Hirmin  haben.  Sehr 
ge^^agt  ist  auch  die  Heit)eiziehung  des  Hermanns-Kogels,  selbst  dann,  wenn 
„der  glüdchrkigende  Brunnen  dieses  Berges  mit  dem  uralten  Baumstamme  über 
denselben**  auf  heidnischen  Cultus  hinzuweisen  scheint.  Erst  wenn  der  Name  des 
Gottes  Hirmin  in  einer  alten,  historisch  nachweisbaren  Namensform  des  Berges 
bestimmt  zum  Vorschein  kommt ,  erst  dann  kann  diese  zu  Folgerungen  verwendet 
werden,  die  einer  Beachtung  werth  sind.  Das  Gesagte  gilt  auch  von  des  Ver- 
fassers Meinung,  daß  die  von  ihm  genannten  Berge  Oesterreichs ,  Steiermarks  und 
Salzburgs  „uralt-mythologische  Bezeichnungen  sein  mögen.**  Auffallend  ist  an  jener 
Stelle  übrigens  noch  die  Bemerkung,  daß  der  Zieherg  bei  Kirchdorf  „ganz  unge- 
zwungen** an  den  Götternamen  ^/o  erinnern  soll,  welchen  Namen  der  Verfasser  doch 
S.  17  (322)  aus  der  Reihe  der  Götter  streicht  und  durch  Ziso  ersetzt  wissen  will. 

Bevor  ich  diese  Segensformel  verlasse ,  kann  ich  nicht  übergehen ,  daß  Herrn 
von  Karajans  Übersetzung,  die  sich  „neuhochdeutsch**  und  „wortgetreu"  nennlt, 
beide  Bezeichnungen  nur  mit  Einschränkung  zulässt.  Ich  will  daher  eine  andere 
Übertragung  ihr  gegenüber  stellen.  Die  Grundlage  soll  der  unveränderte  Text  der 
Handschrift  bilden,  nur  zohono  soll  in  hohöno  verbessert  werden,  und  mögen  die  von 
Heitn  von  Kar^'an  eingefügten  Grötternamen  gleiohflB.l'is  Aufnahme  finden. 

„W^otaa  ward  gel>oreB  vor  dem  Wolf  oder  Diebe.  Da  war  Hirmin  Wuotans 
Hirte.     Wuotan  und  Hirmin  der  möge  herrschen  heute  über  die  Hunde ,  die  treff* 


Uchcu»^  44^  gOmn  nicW  Wolf  wob  Wölfin  su  Schaden  •vrerden  k^ne,  wohin  des 
Waldes  Q^ßx  W^gp^  oder  def  Heide  sie  laufen.  Wuotan  «od  fiimiii  der  sAieke 
mix  si^  heute  alle  wehlerhalte«  hennwaits.'* 

44iöyien^  Jbleibt  oooh  bei  4er  TeElhersiellung,  welche  dieser  Übersetzung  zu 
Gxmiß  ii^,  Aach  den  SiiJi>iekteB  Wuotan  wiOa  Hirmin,  wenn  aueh  nicht  die  Ein- 
sah} 4#8  V^b  ^rqEftM^«r«;(2,  >H«m»)o)«  60  dofih  das  Demeostratty  der,  das  nur  atif  Hir- 
min  hinweist.  Sollte  der  hl.  Chri8t,(- Wuotan)  an  den  zww  tiezelcfaeeten  SteMen  erst 
duxcb  d^  spiUereii  Spkreiber  derForw«!  binzugetreien  sein?  Dieser  Temmthung 
dür^n  YieXleic^t  Much  mob  aindere  aruade  zu  Hälfe  kommMi. 

Ipb  |r^laii£«  nuH  an  das  2#eite  Stttek,  von  dem  die  Huidsohrift  nachlegenden 
Text  OberiSefef  t. 

(^lontra  «eipente  inxpi  nomine  quinta  defia  maria 
nam  Zife  ^o  Zi£o  peanie  naria  nartanciUa  svp 
largarba  uidenf  H  eile  in  nomine ;  Dextera  dfll ; 

Biese  Zetlen,  denen  ursprünglieher  Sinn,  wie  Hr.  ¥oh  Karajan  annimmt, 
der  Schreiber,  wenn  nicht  schon  seine  Vorlage,  nicht  mehr  yersiand,  und  deren 
Worte  &i(äk  dieser  d»rffk  Umdeutung  ins  Lateinisehe  TerstSAdUeh  zu  machen  suchte, 
l|k^ten   naph  des  Heraäsgehers  fiersteliung  und  neuhechdei»tsehen ,   wortgetreuen 

Contra  serpentem. .  In  Chrifti  nomine  ^tiuit  defiu  m&rin  («uert) : 
'Nari4  Zifo,  donmo  Zifo  prechanter,  naria;  natran  chila  suberi 
rar  >  ganiaui  d^a  in  fife.   In  nomine  (pa|^  et  filii  et  epiritus  fanctt). 
J>«xtera  dAmini  (fecit  yirtutem.   Psalm^  118,  16). 
iSpricb  die«e  berühmten  Worte:  'llette  Ziso,  Herf  Ziso,  du  streikender,  rette!  der 
Scblangen  Kehle  säubere  sogleich ,  mache  sie  ruhig  in  der  Höhle.' 

Die  gegebene  Erklärung  obiger  drei  Zeilen,  für  welche  die  Gründe  des  Heraus- 
geheT9  in  der  Sdirtft  selbst  nachgesehen  werden  können ,  zeigt  unstreitig  ron  sel- 
tenem Sehaarftinn«  nur  ist  su  bedauern ,  daft  er  sieh  an  einem  se  undankbaren  Stoff 
abigeBfriIht  bat,  der  allem  Anscheine  nach  Nichts  ist  als  ein  Abracadabra  und  somit 
audi  Nidkts  bedeutet.  Den  fielen  bekannten  Segeüasfermeln  dieser  Art  will  ich 
hü»r  nur  eine  beifiigen ,  da  sie  noch  nicht  yeröffentliefat  sein  dürfte.  Sie  "findet  sich 
in  einer  Papißrhandsohrift  !(14*  Jahrh.)  der  Wiener  HofbibHothek. 

Das  man  die  wurm  totes  an  dem  menschen  oder  an  dem  rosse  so  spridi  diM 
wort  t  ulpium  pandax  f  alphando  f  troysum  transitor  ayos  t  rairitus  f  crucifixus  t 
In  dem  namen  des  vaters  und  des  f  suns  u.  s.  w. 

Aber  auch  ron  dem  Standpunkt  des  Herausgebers  hat  nicht  Alles ,  was  er  zur 
Erf^laraog  jenes  Spruches  und  des  von  ihm  hergestellten  Textes  beibringt ,  seine 
OiUtigkeit.  Hier  mögen  nur  ein  Paar  Berichtigungen  Platz  finden.  S.  18 
sagt  der  Verfasser  in  Bezug  auf  natran :  „Es  wäre  ganz  leicht  gewesen ,  hier 
na^tpan  in  das  erwartete  na;trun  z^  änderji.  Dagegen  spricht  aber  die  Wahrneh- 
mung, dai^  unserem  Denkmale  der  allgemeine  Name  der  Schlange  nicht  weiblich, 
sondern  männlich  galt.  Dies  beweist  das  in  der  folgenden  Zeile  erscheinende  Pro- 
nogiei^  dm  statt  d£a,  unser  Denkmal  Sßl4ie»6t  sich  als«  hierin  dem  QothisflhttQ  An, 
in  welchem  nadrs  männlich  ist.  Statt  des  gewöhnlichen  naMn  oder  natren  erscheint 
hier  no^on  durch  Assimilation.   Vrgl.  Gramm.  1',  87.** 

Hr.  T.  Karajan  h9>b  hier  4^ers«b9n»  dai^  sieh  wohl  der  Ableitungs- ,  nicht  aber 


128  LITTERATÜR. 

der  FiexionsYokal  dem  Vokal  der  Wurzel  assimiliren  könne.  Gerade  an  der  von 
ihm  bezeichneten  Stelle,.  Gramm.  1',  87,  sag^  Grimm  dies  deutlich:  „Niemals  kann 
auch  die  Bedeutsamkeit  eines  Flezionsrokals  geopfert  und  dem  Yorausstehenden 
Wurzelvokal  assimilirt  werden.  Wohl  aber  ändert  sich  zuweilen  der  Ableituogs- 
Yokal,  und  für  ragin  wird  ragant  für  magin  magan  getroffen. **  Aber  gerade  diese 
Beispiele  scheinen  wegen  ihrer  äul^eren  Ähnlichkeit  im  Auslaute  mit  dem  fraglichen 
nabrin  irre  geführt  zu  haben. 

Wie  aber  steht  es  mit  der  Behauptung,  daß  das  in  althochdeut-schen  Sprach- 
denkmälern nur  als  fem.  erscheinende  natra  hier  als  masc.  hervortrete  ?  Der  Be- 
weis« sagt  der  Verfasser,  liegt  in  dem  Pronomen  den  statt  dia^  und  in  uiden^j  das 
-m  (^/getrennt  wird,  scheint  dieses  dm  in  der  That  vorzuliegen.  Es  ist  aber 
noch  eine  andere  Auffassung  dieses  Wortes  zulässig.  Vorerst  sei  gesagt,  daß  -m 
in  mdmf  als  Rest  des  vorangehenden  Verbums  gmrha  betrachtet  und  daraus  gweuam 
gebildet,  das  an  den  angefügte  /  aber  als  aus  einem  darauffolgenden  %  mit  einem 
schiefen  Striche  über  der  Zeile,  was  die  gewöhnliche  Abkürzung  füt  in  ist,  ent- 
standen gedacht  wird.    Vgl.  S.  16  und  19. 

An  die  Stelle  dieser  Erklärung  will  ich  eine  andere  fügen ,  die  graphisch  ge- 
wiss eben  so  gut  möglich  ist  und  zugleich  den  Vortheil  voraus  hat,  daß  sie  naJbra 
^in  Übereinstimmung  mit  allen  übrigen  althochdeutschen  Denkmälern  als  fem.  vorfuhrt. 

Ich  theile  -denf  in  de  und  nf  und  nehme  an ,  daß  der  Schreiber  nf  aus  in  ver- 
lesen hat ,  was  leicht  möglich  ist ,  da  der  zweite  Strich  des  n  alter  Handschriften 
häufig  nach  oben  verlängert  eine  dem  /  sehr  ähnliche  Gestalt  annimmt.  Daß  dt 
aber  als  acc.  fem.  sing,  wirklich  vorkommt,  darüber  vgl.  Graff5,  8.  Im  Irrthum 
ist  femer  Herr  v.  Eärajan,  wenn  er  S.  17  nicht  Zio ,  sondern  Zifo  für  die  althoch- 
deutsche Form  des  nordischen  Tyr  hält.  Vgl.  Kuhn  in  Haupts  Zeitschr.  2,  231 
und  Myth.  175  fg. 

Vorübergehend  sei  noch  gedacht  des  wahrscheinlich  durch  einen  lapsus  calami  in 
die  Übersetzung  gekommenen  gen.  pl.  „der  Schlangen"  statt  des  sing,  „der  Schlange." 

Schließlich  ist  hervorzuheben,  daß  der  Behauptung,  die  beiden  Segens- 
formeln seien*  wie  alles  übrige  der  Handschrift  von  derselben  Hand  geschrieben, 
beizustimmen  sehr  schwer  wird.  Das  r  und  die  Art  seiner  Verbindung  mit  ty  beides 
in  den  Segensformeln  ganz  anders  als  in  den  Leidensgeschichten ,  weisen  bestimmt 
auf  zwei  verschiedene  Hända 

Diese  Berichtigungen  vermindern  aber  keineswegs  unsem  Dank,  auf  den  Herr 
von  Kars^an  durch  die  Veröffentlichung  dieser  altdeutschen  Sprachdenkmale  (nicht 
'Baudenkmale,  wie  auf  der  Schriffctafel  steht)  begründete  Ansprüche  hat.  Auch 
weiß  ich  sehr  gut,  um  wie  viel  leichter  es  hat,  wer  nachgeht  als  wer  vorantritt, 
und  daß  der  umsichtigste  Garbenbinder  nicht  verhindern  kann,  daß  ein  emsiger 
Ährenleser  hinter  ihm  noch  mehrere  Ähren  finde  und  heimtrage. 

FRANZ  STARK. 

s 
VERBESSERUNGEN. 
S.  66,  Z.  15  V.  u.  lies:    das  Wort.  —  S.  69,  Zeile  2  lies:  ConsonantenverbindniLgeii  stehen  —  Tennis.  — 
S.  70,  Z.  2.  11.  12.  lies:  überklinsrenden  (gleiteaden)  Reime.  —  S.  78,  Z.  6  bHwndiu»  Z.  7  t'n6WniMtf«. 


Sxaek  der  J.  B.Ketcler'schen  Baohdrnckerei  in  Stuttfart. 


RATH  DER  NACHTIGALL 

▼ov 

LUDWIG  UHLÄND. 

(Zur  Abhandlung  über  die  deutschen  Volkslieder,  s.  Germ.  2,  218.) 


Als  die  Wälder  noch  von  vollerem  Gesänge  der  ungestört  nistenden 
Vögel  widerhallten  und  zugleich  die  Besucher  des  Waldes  wenig  von  ausge- 
bildeter Tonkunst  gekostet  hatten,  da  war  Ohr  und  Herz  noch  gänzlich  offen 
für  die  schlichten  und  doch  ergreifenden  Weisen  der  Sänger  auf  dem  Zweige 
(MS.  1,  285^:  waUHnger).  Den  belebtesten  Gehölzen  gab  man  an  vielen 
Orten  kurzweg  den  Namen  Yogelsang,  herkömmlich  gieng  man  in  den 
grünen  Wald,  um  die  Vögel  singen  zu  hören,  und  dieser  Genuss  wurde,  neben 
dem  Farbenglanz  und  Dufte  der  Blumen,  zu  den  weltlichen  Hauptfreuden 
gezählt.  (Warn.  Z.  1875—85.  2021—24.  2243:  einer  artetet  daz  vogeUano 
etc.  und  oft)  Vor  allem  aber  ist  in  unsem  Volksliedern,  wie  schon  im 
Minnesang,  die  tönereiche  Nachtigall  hochgehalten,  sie  wird  bald  innig  und 
zutraulich  die  liebe,  viel  liebe  Nachtigall  geheifien,  bald  erhält  sieden 
Ehrennamen  Frau  Nachtigall  und  wird  mit  Ihr  angeredet.  Ihre  Stimme 
dringt  ja  am  tiefsten  ins  Gemüth,  je  schmächtiger  und  missfarbiger,  um  so 
seelenhafter  ersAeint  die  Sängerin,  deren  mächtige  Töne  die  zarte  Brust  zu 
sprengen  drohen;  aus  der  Dämmerang  des  Morgens  oder  in  der  stillen  Nacht 
erschallt  ihr  Gresang  zauberhaft  und  ahnungsvoll  (MS.  2, 80, 4.  Ben.  327,  4). 
Ihm  wird  denn  auch  der  bedeutendste  und  manigfachste  Einfluss  auf  die 
Stimmungen  und  Entschlüsse  der  Menschenseele  zuerkannt,  von  den  Mah- 
nungen, dem  Rathe  der  Nachtigall,  dem  weisen  und  dem  bethörenden,  han- 
delt eine  Reihe  sinniger ,  weithin  anknüpfender  Lieder.  Meist  bewegen  sich 
dieselben  in  lebendiger  Wechselrede. 

liin  niederdeutsches  (m.  Volksl.  Nr.  17  A)  hebt  an  von  einer  Stadt  in 
Österreich,  die  mit  Marmelstein  gemauert  und  mit  blauem  Blumwerk  geziert 
ist,  um  dieselbe  liegt  ein  grüner  Wald,  in  welchem  Frau  Nachtigall  singt, 
^nm  unser  Beider  willen',  wie  ein  Mädchen  meint,  von  dem  sie  angerufen  wird: 

Frau  Nachtigall,  klein  Waldvögelein, 
lass  du  dein  heiles  Singen! 
*Ich  bin  des  Walds  ein  Vöglein  klein 
und  mich  kann  Niemand  zwingen.' 


130  LUDWIG  ÜHLAND 

Bist  da  des  Walds  ein  Yöglein  klein 
und  kann  dich  Niemand  zwingen, 
so  zwingt  dir  der  Reif  nnd  kalte  Schnee 
das  Laub  all  von  der  Linde. 

'Und  wann  die  Lind  ihr  Laub  verliert, 
behält  sie  nnr  die  Äste, 
daran  gedenkt,  ihr  Mägdlein  jnng, 
nnd  haltet  enr  Eränzlein  feste! 

Und  ist  der  Apfel  rosenroth, 
der  Wnrm  der  ist  darinne; 
und  ist  der  Gesell  all  säuberlich, 
er  ist  von  falschem  Sinne. 

Daran  gedenkt,  ihr  Mägdlein  jung, 
^     und  lasst  euch  nicht  betrügen ! 
und  loben  euch  die  Gesellen  viel, 
thun  nichts,  denn  dass  sie  Ifigen. 

Zwischen  Hamburg  und  Braunschweig 
da  sind  die  breiten  Straßen, 
und  wer  sein  Lieb  nicht  behalten  kann, 
der  muss  es  fahren  lassen.' 

Zum  Seitenstücke,  mit  ähnlichem  Eingang,  bietet  sich  die  Ansprache  eines 
unglücklichen  Freiwerbers  im  Antwerpener  Liederbuche  (Yolksl.  Nr.  17  B): 

.     .     in  meines  Vaters  Hof  ^ 

da  steht  eine  grüne  Linde, 
darauf  so  singt  die  Nachtigall, 
sie  singt  so  wohl  von  Minne. 

Ach  Nachtigall,  klein  Yögelchen, 
wollt  ihr  eur  Zunge  bezwingen? 
ich  würd  all  eure  Federiein 
mit  Golddrath  lassen  bewinden. 

'"Was  frag  ich  nach  eurem  rothen  Gold 
oder  nach  eur  loser  Minne? 
ich  bin  ein  klein  wild  Vögelchen, 
kein  Mann  kann  mich  bezwingen.* 

Seid  ihr  ein  klein  wild  Vögelchen, 

kann  euch  kein  Mann  bezwingen, 

so  zwingt  euch  der  Hagel,  der  kalte  Schnee 

die  Läuber  von  der  Linden. 


RATH  DER  NACHTIGALL.  JSl 

'Zwingt  mir  der  Hagel,  der  kalte  Schnee ^ 
die  Länber  von  der  Linden, 
alsdann  so  scheint  die  Sonne  schön, 
so  werd  ich  wieder  singen.' 

Der  junge  Gesell  macht  sich  spornstreichs  auf,  ^all  über  die  grüne  Straße^ 
zu  den  Landsknechten,  die  er  im  blanken  Harnisch  glitzern  sieht.  Beide 
Zurufende  wollen  der  Nachtigall  den  Gesang  verbieten,  weil  er  ihren  Liebes^ 
wünschen  nicht  günstig  zu  lauten  scheint,  aber  das  Mädchen  erhält  heilsam« 
Warnung  und  der  gewitzigte  Freier  fasst  männlichen  Entschluss.  Ein  andrer 
Kriegsmann,  der  zu  Augsburg  gefangen  liegt,  fordert  im  Gegentheil  die 
Nachtigall  zum  Singen  auf;  seine  Liebste  lehnt  ihr  Leiterlein  an  den  Thurm 
und  hört  einen  Wechselgesang ,  dessen  Alles,  was  drinnen  ist,  sicherfreut 
(Volksl.  Nr.  16): 

So  sing,  so  sing,  Frau  Nachtigall, 
da  andre  Waldvögelein  schweigen! 
so  will  ich  dir  dein  Gfieder 
mit  rothem  Gold  beschneiden. 

(d.  i.  bekleiden,  d.  Wörterb.  1587  f.  vgl.  noch  Altd.  Wald.  3,  236,  26  f.) 

^Mein  Gfieder  beschneidst  mir  freilich  nicht, 

ich  will  dir  nimmer  singen, 

ich  bin  ein  klems  Waldvögelein, 

ich  trau,  dir  wohl  zu  entrinnen.' 

Bist  du  ein  kleins  Waldvögelein, 
so  schwing  dich  von  der  Erden , 
dass  dich  der  kühle  Thau  nicht  netz, 
der  Reif  dich  nicht  erfröre! 

^ünd  netzet  mich  der  kühle  Thau, 
so  trücknet  mich  Frau  Sonne; 
wo  zwei  Herzlieb  beinander  sind, 
die  sollen  sich  bass  besinnen. 

Und  weicher  Enab  in  großen  Sorgen  liegt 
und  der  ein  schwere  Bürde  auf  ihm  trägt, 
der  soll  sich  freuen  gen  der  lichten  Sommerzeit, 
dass  ihm  sein  Bürde  geringert  werd. 

So  hab  ich  von  den  Weisen  hören  sagen: 
großen  Unmuth  soll  man  aus  dem  Herzen  schlagen, 
man  soll  ihn  unter  die  tiefe  Erde  graben, 
ein  frischen  freien  Muth  den  soll  ein  Krieger  haben. 

9» 


]32  LUDWIG  UHLAND 

Zwisohen  Berg  nnd  tiefem  Thal 
da  liegt  ein  freie  Straße, 
wer  seinen  BaUen  nit  haben  wöU» 
der  mag  ihn  wohl  fahren  lassen.' 
Anch  hier  ist  der  Rath  ein  besonnener,  eine  Tröstung  nnd  Ermuthignng 
selbst  fdr  den  Gefangenen.  Anderwärts  aber  wirkt  der  Nachtigalischlag  ver- 
führerisch nnd  leidenschaftlich  aufregend.    Als  der  heilige  Bernhard  beim 
Besuche  des  GistercienserkJosters  Himmerod  in  der  Eifel  die  Mönchszucht  in 
tiefem  Verfalle  fand  nnd  zugleich  der  tippige  Gesang  der  Nachtigallen  rings- 
umher zu  seinem  Ohre  drang,  ward  es  ihm  klar,  dass  dieser  an  dem  welt- 
lichen Sinne  der  Brüder  schuld  sei ,  zürnend  erhob  er  die  Hand  und  sein 
Bannsprnch  zwang  das  ganze  Volk  der  Nachtigallen,  von  dort  hinwegzu- 
fliehen,  sie  flogen  zum  Frauenstifte  Stuben  an  der  Mosel  (Schmitz,  Eifel- 
sagen  1 09).  *  Von  der  Minne*  lässt  Konrad  von  Würzburg  die  Sangstimme 
der  viel  lieben  Nachtigall  erklingen  (Engelh.,  Haupts  Ausg.Z.  4164  ff.); 'sie 
singt  so  wohl  von  Minne',  hieß  es  zuvor  im  niederländischen  Lied,  in  den 
Bruchstücken  eines  andern  wird  sie  von  dem  verlassenen  Mädchen ,  das  die 
Geschichte  seines  Unglücks  erzählt,   für  solches  verantwortlich  gemacht. 
Davon  sind  nur  zwei  Gesätze  noch  unentstellt  erhalten  (Antw.  Liederb.  von 
1644,  Nr.  193),  das  eine: 

Es  war  zu  Nacht,  in  so  süßer  Nacht, 

dass  alle  die  Vögelein  sungen, 

die  stolze  Nachtigall  hob  an  ein  Lied 

mit  ihrer  wilden  Zunge; 
das  andre: 

Nun  will  ich  ziehn  in  den  grünen  Wald , 

die  stolze  Nachtigall  frageo.: 

ob  sie  alle  müssen  geschieden  sein, 

die  einst  zwei  Liebchen  waren? 

Dem  besser  berathenen  Mädchen  des  ersten  Liedes  steht  hier  eine  Ver- 
führte gegenüber  und  schlimmer  als  dem  jungen  Landsknecht  und  dem  Ge- 
fangenen zu  Augsburg  ergeht  es  in  einem  verwandten  Liede  (Horae  belg.  2, 
2.  Ausg.,  S.  82  f.)  den  drei  Gesellen  aus  Rosendael  in  Nordbrabant,  Sie 
haben  ihr  Geld  verzehrt,  ziehen  auf  Preibeute  und  greifen  einen  reisenden 
Kaufmann  an;  von  dem  Lösegelde,  das  sie  ihm  abnöthigen,  kaufen  sie  Jeder 
ein  apfelgrau  Ross  und  reiten  zu  Antwerpen  ein,  wo  sie  alsbald  ergriffen  und 
auf  die  Folterbank  gelegt  werden;  das  macht  ihr  junges  Herz  trauern: 

Nun  sind  all  unsre  Glieder  lahm, 

was  sollen  wir  beginnen? 

ich  will  nicht  mehr  nach  Bosenthal  gehn 

und  hören  die  Nachtigall  singen. 


RATE  DER  NACHTIGALL.  133 

0  Nachtigali»  klein  Waldvögelein, 

wie  habt  ihr  mich  betrogen! 

ihr  pflagt  zu  singen  vom  Birnebamny 

wo  schöpe  Fräulein  waren. 
Wie  diese  Gesprächlieder  nberhaapt  allerlei  Verwirrung  erlitten  haben,  so 
folgen  hier  an  unrechter  Stelle  noch  zwei  Strophen  ("0  Nachtigall,  klein 
Vögelein,  wollt  ihr  mich  lehren  singen?  etc.')  mit  der  ständigen  Formel  von 
Zwingen  und  Nichtzwingen,  dagegen  tritt  der  Si^n  des  Vorausgehenden  be- 
stimmt und  eigen thümlich  hervor:  der  junge  Gesell  wirft  die  Schuld  seines 
Unheils  auf  die  Nachtigall,  ihr  Gesang  hat  ihn  bethört,  zu  zügellosem  Leben 
aufgereizt ,  erst  in  die  Sommerlust  zu  schönen  Frauen  und  von  da  auf  die 
Wege  kecken  Frevels  geführt,  bis  er  zuletzt  vom  hohen  Ross  auf  die  Pein- 
bank niedersteigen  musste.  Liedesklänge  vom  wohlgezierten  Schloss  und 
der  Linde,  darauf  die  Nachtigall  singt,  die  ihre  Federn  nicht  mit  Golde  be- 
schlagen lassen  will,  aber  vom  Zwange  des  Frostes  und  Schnees  bedroht  ist, 
haben  sich  auch  in  Dänemark  und  Schweden  verbreitet,  zum  Theil  wörtlich 
mit  Deutschem  stimmend,  doch  wieder  mit  andern  Anknüpfungen  und  in 
freiester  Bewegung  (Grundtvig  2,  l7l  f.  Geyer  u.  AfzeL  2,  67  S.  Arwidss. 
3,  7—17.  22—25.  301  f.:  der  Wurm  im  Apfel)  Daneben  begegnet  man 
dort  solchen  Liedern,  worin  das  Belauschen  des  Vogelsangs  nur  zum  Ver- 
wand verliebter  Abend-  und  Waldgänge  dient;  so  besagt  ein  dänisches: 
(Jungfrau  Mette :)  Da  bin  ich  gestanden  die  Nacht  so  lang 
^   und  hört*  auf  der  Nachtigall  süßen  Sang. 

(fierr  Peder:)         Du  horchtest  nicht  anf  der  Vögel  Sang, 
doch  auf  Olufs  vergüldeten  Homes  ELlang. 
(Grundtvig   2,   288;  nahe    steht    das    normannisch-bretonische   Lai  bei 
Roquefort^  Mar.  de  Fr.  1,  314  ff.    vgl.  Barzas-breis,  4.  Ausg.  1,  248  f., 
Strengleikar  Nr.  5.) 
Ein  schwedisches: 

Du  hast  nicht  gehorcht  anf  den  Vogelsang, 
du  wartetest  auf  des  Gesellen  Gang. 

'Nicht  wartet'  ich  auf  des  Gesellen  Gang, 
ich  habe  gehorcht  auf  den  Vogelsan^; 

2uletzt  das  Geständniss: 

Die  Jungfrau  weinet,  die  Zähren  rollen: 

Meinthalb  gieng  ich  gestern  zum  Holze.' 
(Arwidss.  2,  240.   Vgl.  Minne-Falkner  Str.  100.   Herders  VolksU  1,  Leipz. 
m8,S.79.) 

Noch  ist  ein  englisches  Lied  bekannt  geworden,  das  von  alter  Zeit  m 
GomwaUis  nnd  Devonshire  umgeht  und  neuerlich  auch  von  cornischen  Ar- 


134  LUDWIG  UHLAI9D 

beitern  an  den  Bleigrnben  des  Mosellands  gesungen  wurde:  ''Mein  Herzlieb, 
komm  mit!  hörst  du  nicht  den  zärtlichen  Sang,  die  süßen  Weisen  der  Nach- 
tigally  wie  sie  singt  in  denThälem  drunten?  sei  nicht  erschrocken,  im  Schat- 
ten zu  wandeln,  noch  in  den  Thälem  drunten!*  Das  Mädchen  heißt  ihn  allein 
dem  Sänge  nachgehn,  sie  will  ihm  derweil  seinen  Eimer  nach  Hause  tragien, 
aber  seine  Bitte  wiederholt  sich  dringender;  bald  darauf  gehen  sie  als  Braut- 
leute zur  Kirche  und  fortan  erschrickt  sie  nicht  mehr ,  im  Schatten  zu  wan- 
deln, in' den  Thälem  drunten,  und  die  zärtliche  Rede,  den  süßen  Sang  der 
Nachtigall  zu  hören.  (Dixon,  in :  Ancient  poems,ballads  and  songs  of  the  peasantry 
of  England  ed.  by  R.  Bell,  Lond.  1867,  S.  247  ff.   Vgl,  Arwidss.  3,  275-78.) 
Es  sind  sehr  ausgedehnte  Zusammenhänge,  auf  die  zur  Erläuterung  der 
vorangestellten  deutschen  Liederweise  eingegangen  werden  muss.  Nordfran- 
zösische Dichtungen  zeigen  den  Eindruck  des  Vogelsangs  in  besonders  stäti- 
ger  Stufenfolge  vom  besänftigenden  Rath  und  der  Anregung  sanfter  Gefühle 
bis  zur  Weckung  des  Heldengeistes  und  zur  Anstiftung  gewaltsamen  Rache- 
werks'. Ein  kleines  Volkslied  in  der  gedruckten  Sammlung  von  1538  (Chans, 
nouu.  ass.,  f.  153^)  betrifft  die  Rathfrage  eines  Heiratlustigen:  'Nachtigall- 
chen! was  singst  du  hier?*  *ünd  was  begehrst  du  hierf  'Was  ich  begehre? 
eine  Frau  begehr*  ich.*  *So  nimm  nicht  die  Weiße,  denn  ihre  Farbe  truht 
sich!  nimm  nicht  die  Rothe,  sie  ist  gar  so  stolz!  nimm  mir  die  Bräunliche, 
die  so  artig  ist,  so  geliebt  von  Vater  und  »fctter,  von  Schwester  und  Bru-. 
der!'   Selbst  nicht  von  glänzendem  Äußern,  empfiehlt  die  weise  Nachtigall, 
der  anspruchlosen  Liebenswürdigkeit  den  Vorzug  zu  geben.   Kleine  Reigen 
(rmdes)  aus  derNormandie  halten  noch  echten  Volkston  ein,  auch  an  Deut- 
sches gemahnend ;  'Hinter  Ineines  Vaters  Haus,  da  ist  ein  Niederholz  (a.  eine 
blühende  Ulme),  dort  singt  die  Nachtigall,  Tag  und  Nacht  entlang;  sie  singt 
für  die  Mädchen,  die  keinen  Freund  haben,  sie  singt  nicht  für  mich,  ich  hab* 
emen,  Gott  sei  Dank!'  oder:  'An  der  klaren  Quelle  wusch  ich  mir  die  Hände, 
am  Laub  der  Eiche  hab'  ich  sie  getrocknet,  auf  dem  höchsten  Zweige  sang 
die  Nachtigall.   Sing,  schöne  Nachtigall,  die  du  ein  fröhliches  Herz  hast! 
meines  ist  nicht  so,  mein  Liebster  hat  mich  verlassen  um  einer  Rösenknospe 
willen,  die  ich  ihm  verweigert.   Ich  wollte,  die  Rose  wäre  noch  am  Rosen- 
strauch, und  der  Rosenstrauch  SBlber  wäre  noch  zu  pflanzen,  und  der  Pflanzer 
selbst  wäre  noch  nicht  geboren,  und  mein  Freund  liebte  mich  noch.*  (E.  de 
Beaurepaire,  Etüde  surla  poesie  popul.  en  Normandie  etc.  Paris  1856,  S.41  f. 
46  f.)  Bei  den  höfischen  Dichtern  der  früheren  Zeit,  Provenzalen  und  Nord- 
franzosen,  gehörten  die  Singvögel  mit  zu  dem  üblichen  Frühlingsbild  am 
Eingange  der  Lieder,  doch  eben  im  nachhaltigen  Gefallen  an  dieser  Form  er- 
probt sich  ihre  volksmäßige  Begründung  und  manchmal  noch  ist  der  Säoger 
von  den  alten  Anklängen  tiefinnerlich  erfasst.   Statt  Aller  sei  hier  von  pro- 
venzalischer  Seite  Bernart  von  Ventadorn  angeführt,  der  vom  süßen  Saoge 
der  Nachtigall,  freudig  erschrocken,  in  der  Nacht  aufgeweckt  wird  und  selbst 


RATH  DER  NACHTIGALL,         ,  135 

ein  verliebtes  Freudenlied  zu  siDgen  anhebt  (Rayn.3,  8ß  vgl.  3,  91);  sodann 
aus  dem  nördlichen  Frankreich  Guiot  vonProvins  oder  Gasse  Brul6,  unter  deren 
Namen  ein  Kunstlied  geht,  das  so  beginnt :  ^'Die  Vögel  meines  Heimatlands  hört' 
ich  in  Bretagne,  bei  ihren  Gesängen  bedünkt  es  mich,  dass  ich  sie  vormals  in 
der  süßen  Champagne  gehört  habe,  mag  es  Täuschung  sein,  sie  haben  mich  in 
so  süße  Gedanken  versenkt,  dass  ich  ein  Lied  zu  dichten  anhob';  dasselbe  ist 
der  Sehnsucht  nach  einer  fernen  Geliebten  gewidmet  (Wackernagel,  altfranz» 
Lieder  und  Leiche  26. 104.  Hist.  lit.  23, 566.  Vgl.  Rayn.  6, 196).  Den  Gesang 
der  Vögel  als  Heimatmahnung,  der  in  der  Lyrik  zum  Liede  weckt,  kennen  auch 
die  epischen  Dichtwerke,  jedoch,  wie  es  ihnen  ansteht,  in  entschiedener  Richtung 
auf  die  That.  So  das  Gedicht  von  Amicus  und  Amelius  (herausg.  von  G.  Hof- 
mann, Z.  637  ffi) :  es  war  an'  Ostern,  im  April,  wann  die  Vögel  hell  und  heiter 
singen^  als  Graf  Amis  in  einen  Baumgarten  trat;  er  hört  ihr  Getös  und  Ge- 
kreisch, da  gedenkt  er  auf  einmal  seines  Landes,  seiner  Frau  und  seines  klei- 
nen Sohnes,  die  er  seit  sieben  Jahren  nicht  gesehen  hat,  die  Augen  gehe^ 
ihm  übet  und  es  drängt  ihn ,  mit  dem  ersten  Morgenlichte  dorthin  aufzubre- 
chen. Im  Parzival  zieht  Herzeloide,  deren  Gemahl,  Gamuret  von  Anjou; 
vom  Speere  gefallen  ist,  in  den  einsamen  Wald,  um  ihren  jungen  Sohn  vor 
Ritterschaft  zu  behüten,  die  dem  Vater  verderblich  war;  nichts  darf  vor  dem 
Knaben  von  einem  Ritter  verlauten,  schon  aber  schneidet  Parzival  sich  Bogen 
und  Bolz,  womit  er  Vögel  schießt;  hat  er  einen  getroffen,  der  zuvor  mit  lau- 
tem Schalle  sang,  da  weint  er  und  rauft  sich  die  Haare;  wenn  er  sich  Mor- 
gens am  Flusse  wascht,  dann  dringt  der  süße  Vogelsang  über  ihm  in  sein 
Herz  und  dehnt  ihm  die  junge  Brust,  weinend  läuft  er  zur  Mutter,  doch  kana 
er  nicht  sagen,  wie  ihm  geschehen;  sie  geht  der  Sache  nach,  bis  sie  ihn  nach 
dem  Schalle  der  Vögel  lauschen  sieht  und  inne  wird,  dass  von  dieser  Stimme 
die  Brust  ihres  Kind.es  erschwillt,  nach  angeborner  Art  und  eigener  Lust; 
da  befiehlt  sie  ihren  Leuten ,  die  Vögel  aufzufangen  und  zu  tödten ,  aber  die 
Vögel  sind  'besser  beritten ,  mancher  entrinnt  dem  Tod  und  vergnügt  sich 
noch  femer  mit  Gesang;  auch  erbittet  Parzival  ihnen  Frieden,  die  Mutter 
küsst  ihn  und  spricht:  Vas  wend'  ich  dessen  Gebot,  der  doch  der  höchste 
Gott  ist?  sollen  Vögel  meinethalb  Freude  lassen?'  (Parz.  Lachni.  2.  Ausg. 
S.  66  ff.)  Parzivals  jugendliche  Regung  ist  nicht  etwa  so  zu  verjstebep,,  dass 
der  Vogelsang,  von  dem  auch  die  Minnelieder  durchklungen  sind,  zunächst 
die  zarte  Sehnsucht  und  nur  mittelbar  den  Kampfnujth  anfache,  der  Nach- 
druck ist  wörtlich  auf  Ritterschaft,  Rittersleben  gelegt,  in  dessen  vollem 
Gehalte  Frauendienst  und  Tapferkeit  unzertrennlich  zusammenfallen.  Ge- 
radezu kriegerisch  virkt  in  einem  karlingischen  Gedichte'  (Joardaiqs  de 
Blaivies,  C.  Hofmanns  Ausg.  Z.  1546  ff.)  die  Stimme  der  Vögel,  voraus  der 
Nachtigall,  auf  das  Gemüth  eines  andern  Heldenkinds.  Jourdain,  Sohn  des 
ermordeten  Grafen  Girard  ton  Blaives,  hat  am  Hof  eines  Königs  über  Meer 
Zuflucht  gefunden,  als  er  nun  eines  Morgeus  früh  in  den  Baumgarteu  ger 


i36  *  LUDWIG  UHLAND 

gangen  ist,  hört  er  den  Gesang  der  Nachtigall  und  die  Lnst  der  andern  Yöge), 
da  gedenkt  er  an  den  Wütherich  Fromont^  der  ihm  Vater  und  Mutter  mit 
der  Schärfe  des  Schwerts  im  Schlaf  erschlagen  nnd  ihn  selbst  des  Landes 
enterbt  hat:  'Jetzt',  ruft  er  ans,  'sollt*  ich  dort  in  meinem  Lande  sein,  Ritter 
war'  ich  dann  far  jetzt  nnd  immer  nnd  würde  meinen  tapfern  Vater  rächeu.' 
Selbst  der  Wortlaut  des  Nachtigallrufes  drängt  zum  Schwerte ,  man  findet 
denselben  gleichfalls  in  einer  Dichtung  des  genannten  Sagenkreises,  derjeni- 
gen von  Frau  Aie  (Martonne,  Analyse  du  roman  de  dame  Aye  p.  23,  auch 
in  Eist.  lit.  2?,  346):  zur  Osterzeit,  wann  die  Wälder  lauben  und  die 
Wiesen  beblümt  sind,  die  Vögel  singen  und  großen  Lärm  verfuhren,  auch 
die  Nachtigall,  welche  spricht  occi^  occil  (tödte!)  da  geräth  das  Mädchen  in 
Schrecken,  das  seinen  Freund  (im  Heerlager)  ferne  weiß.  (Vgl.  noch  die 
Stelle  aus  einer  Überarbeitung  des  Jourdain  de  Bl.  bei  Reiffenberg ,  Chron. 
rim.  de  Ph.  Mouskes  2,  CCLIX.)  'Süße,  artige  Nachtigall,  die  du  sprichst 
occi  occi  occit*  beginnt  ein  Lied  in  einer  musikalischen  Handschrift  des 
15.  Jhd.  (Straßb.  Bibl.  Pap.  in  fol.  Bl.  37':  He  (res  dotis  rouaignol  ioli 
I  qui  die  od  od  od  etc.)  Dieses  ocd  ocdj  das  auch  die  Bauern  bei  Ver- 
folgung Reinekes,  der  den  Hahn  wegträgt,  als  Mordgeschrei  erschallen  lassen 
(Rom.  du  Renart,  Meon  1,  63 :  Tuit  aescrient  od  qd!\  verlautet  als  Losung 
der  Nachtigall  am  deutlichsten  im  Gedichte  von  den  Thaten  des  Mönchs 
Eustach,  eines  berüchtigten  Seeräubers  aus  der  Grafschaft  Boulogne ,  der 
1217  umkam;  dort  wird  ein  wunderlicher  Schwank  erzählt:  Eustach  hat  dem 
Grafen  von  Boulogne  schlimme  Streiche  gespielt  und  wurde  deshalb  von  ihm 
verfolgt,  war  auch  schon  in  seinen  Händen,  aber  unerkannt;  jetzt  reitet  der 
Graf  dem  Entronnenen  in  den  Wald  nach,  da  steigt  Eustach  in  ein  Weihen- 
nest, macht  sich  zur  Nachtigall  und  hat  den  Grafen  zum  Narren ;  als  er  den- 
selben vorbeikommen  sieht,  schreit  er:  ocM  ochi,  ocM  ochi!  (schlag  todt, 
schlag  todt!)  Der  Graf  antwortet:  *Ich  werd'  ihn  todtschlagen ,  bei  Sanct 
Richier!  wenn  ich  ihn  mit  Händen  greifen  kann.'  Eustach:  fier  fier!  (schlag 
zu,  schlag  zu!)  Der  Graf:  Meiner  Treu!  ich  werde  zuschlagen,  aber  an  die- 
sem Orte  krieg*  ich  ihn  nimmermehr.*  Eustach  neckt  fiirder:  non  Fot,  si  ot! 
non  Voty  si  ot!  (er  hatt'  ihn  nicht,  hatte  doch!)  Graf:  'Hatte,  ja  wohl!  ge- 
stohlen hatt'  er  mir  all  meine  guten  Rosse.*  Eustach:  hui  hui!  Graf:  *Wohl 
gesprochen!  noch  heute  (hui)  werd*  ich  ihn  mit  meinen  Händen  erschlagen, 
wenn  ich  ihn  zu  Händen  kriege;  kein  Thor  ist,  wer  demRathe  der  Nachtigall 
glaubt,  sie  hat  mich  gut  gelehrt,  an  meinen  Feinden  Rache  zu  nehmen ,  denn 
sie  ruft,  ich  soll  ihn  schlagen  und  tödten.*  Da  macht  der  Graf  von  Boulogne 
sich  auf  9  den  Mönch  Eustach  zu  verfolgen.  (Romans  de  Witasse  le  Moine 
Z.  1141  ff.)  Eine  solche  Deutung  der  verschiedenen  Tonstufen  des  Nachti- 
gallschlags lässt  keinen  Zweifel  darüber,  dass  man  in  ihm  nicht  lediglich  die 
schmelzenden  Hauche  der  Sehnsucht  vernahm.  Zugleich  erscheint  es  hier  als 
volksmäßiges  Herkommen,  derlei  Naturlauten  Sinn  und  Wort  unterzulegen. 


RATH  DER  NACHTIGALL.  137 

Übrigens  ist  das  Spiel  mit  occi  doch  erst  für  ein  hinzugekommenes  anzu- 
sehen, während  die  wesenhaftere  Vorstellung  vom  Vermögen  der  Vogel- 
stimme, den  Heldengeist  zu  wecken  und  den  schlagfertigen  Entschluss  hervor- 
zurufen, schon  in  den  Liedern  des  nordischen  Alterthums  sich  aufzeigen  lässt. 
In  dem  Mythenliede  vom  Ursprung  der  drei  Stände ,  Rigsmal ,  ist  es 
nicht  die  wohlsingende  Nachtigall,  sondern  die  heisere  Krähe,  die  dem  Spröss- 
ling  des  edeln  Geschlechts,  dem  jungen  Jarlssohne ,  kriegerische  Mahnung 
zuruft;  des  Vogelzwitschems  kundig  (Rigsm.  41),  reitet  er  durch  Gesträuch 
und  Wälder,  lässt  das  Geschoss  fliegen,  beizt  Vögel,  da  spricht  die  Krähe, 
die  einsam  auf  dem  Zweige  sitzt:  ""was  sollst  du,  junger  Edling,  Vögel  beizen? 
besser  ziemte  dir.  Streitrosse  zu  reiten  und  Heer  zu  fällen,  Dan  und  Danp 
haben  kostbare  Hallen ,  herrlicheres  Stammgut ,  als  ihr  habt ,  sie  verstehen 
wohl,  den  Kiel  zu  steuern,  Schwertschneide  Wunden  reißen  zu  lassen'  (ebd. 
43  flf).  Wie  Parzival,  schießt  der  nordische  Jüngling  nur  erst  nach  den 
Waldvögeln*(Parz.  66*:  und  schöz  vil  vögele  die  er  vant  Rigsm.  43:  kolß 
fieyffddf  kyrdifugla)  und,  gleich  Jenem,  wird  er  darüber  vom  Vogelschall 
ergriffen;  wie  den  Sohn  Girards  der  Nachtigallsang  zur  Erkämpfung  seines 
Erbes  und  zur  Vaterrache  befeuert,  so  reizt  die  Krähe  ihren  Lehrling  durch 
das  leuchtende  Vorbild  dänischer  Königsahnen  (vgl.  Yngl.  S.  K.  20) ,  sich 
stattlichem  Stammbesitz  mit  dem  Kriegsschiff  und  der  blutigen  Schwert- 
schneide zu  erobern,  bereits  ein  altnordisches  occi!  Zur  Wikingsfahrt  anzu- 
treiben, war  die  Krähe  vornehmlich  geeignet;  diese  Vögel  zogen  gleichzeitig 
mit  den  nordfriesischen  Seefahrern  im  Frühling  von  den  Inseln  weg  und 
kehrten  mit  ihnen  im  Herbste  wieder  heim,  auch  sollen  jene  Friesen  eine 
Krähe  in  ihrer  Fahne  geföhrt  haben  (Hansen,  Chronik  der  fries.  üthlande 
S.  18).  Nach  einem  der  eddischen  Sigurdslieder  erhält  dieser  junge  Wölsung 
von  den  Vögeln  auf  dem  Reise,  deren  Gespräch  er  durch  Kosten  vom  Herz- 
blut des  Wurmes  versteht,  die  Weisung,  den  treulosen  Regln  zu  erschlagen 
und  sich  des  Hortes  zu  bemächtigen;  ein  Vogelweibchen  (altn.  igda^  dän. 
egde^  sitta  europaea,  eine  norwegische  Nachtigall,  Sv.  Egilss.  Lex.  poet.  435  *) 
singt  den  andern  zu:  'klug  bedäucht'  er  mich,  wüsst'  er  zu  brauchen  euem 
großen  Liebesrath  (äsiräd),  ihr  Schwestern!'  (Saem.llO*  f.)  Gerade  ver- 
waisten ,  heimatlosen  Heldensöhnen  wird  die  Stimme  der  Wildniss ,  rathend 
und  tieferregend,  vernehmbar.  Im  deutschen  Volkslied  ist  von  solchen  Waffen- 
rafen  nnr  unsichere  Spur  vorhanden.  Nichts  was  dem  gewaltsamen  occi  ent- 
spräche, unerachtet  das  Wälsch  der  Vögel  vielfach  ins  Deutsche  übertragen 
ist  (z.B.'derFink  da  sang  sein  reit  herzu!'  herald.  Spruchgedicht,  Druck  des 
16.Jhd.,imSerapeum5,355;  MS.3, 109*;  reicheSammlung  bei  Rochholz,  Ale- 
mann. Kinderlied.  Nr.  146 — 183).  Bei  den  Minnesängern  und  späterhin  hat  die 
Nacitigall  nur  schmachtende  oder  tändelnde  Lieder  ohne  Worte  (vgl  Wackern. 
Leseb.250,  27:  ein scmgedne wort):  tandaradei,  deilidurei,  titidon  zizizietc. 
(Walth.  Lachm.  39  f.  MS.  1,  110  f.  Carm.  Bur.  200.  Straßb.  musikal.  Hds. 


138  LUDWIG  UHLAND 

Bl.  38*.  Vgl.  Gr.  3,  308.  Waokern.  Ältfr.  Lied.  203)  und  wenn  der  vielge- 
wanderte tirolische  Dichter  Oswald  von  Wolkenstein  (Ged.  XLI,  23  f.  vgl. 
51  f.)  jenes  occi  selbst  ertönen  lässt,  so  geschieht  es  in  einem  bunten  Ge- 
mische deutscher  und  romatiischer  Hufe.  Zwar  singt  die  Nachtigall  dem  Ge- 
fangenen zu  Augsburg:  'ein  frischen  freien  Muth  den  soll  ein  Krieger  haben!' 
und  der  dies  Liedlein  gesungen  hat,  ist  ''ein  Krieger  gut*  (Yolksl.  Nr.  16),  die 
drei  Gesellen  aus  Rosenthal,  die  ihr  zugehorcht,  sind  Freibeuter  geworden 
und  der  von  ihr  hinweg  zu  den  Landsknechten  gegangene  Freiersmann  schließt 
mit  den  Worten  (Hör.  belg.  2,  2.  Ausg.,  164)  : 

Der  uns  dies  Liedchen  eri^tmals  sang, 

er  hat  es  wohl  gesungen 

mit  Pfeifen-  und  mit  Trommelnklang  ^ 

zum  Trotz  den  Neiderzungen. 
Aber  das  Eigenthümliche  dieser  Stücke  beruht  in  den  Gegensätzen:  der 
verschmähte  Liebhaber  geht  von  der  minnesingenden  Nachtigall  zum  blanken 
Harnisch  und  singt  von  ihr  zu  Pfeifen-,  und  Trommelnklang;  ''der  in  großen 
Sorgen  liegt*,  der  Gefangene,  Gefolterte,  hat  noch  den  trotzigen  Muth,  mit 
dem  kleinen  Waldvöglein  und  'den  hübschen  Liedern  von  ihm  zu  spielen. 
Auch  für  diese  Wendung  kann  ein  französisches  Volkslied  verglichen  wer- 
den: Drei  Abenteurer  aus  Lyon,  die  ohne  den  rothen  Heller  (ne  croix  ne 
pille,  Bild-  und  Kehrseite  der  Münze)  zur  See  gegangen  und  vom  Nordwind 
weit  in  das  salzige  Meer  hinausgejagt  sind,  wo  sie  von  heidnischen  Galeeren 
(Barbaresken)  verfolgt  und  zur  Übergabe  aufgefordert  werden,  stellen  sich 
unter  den  Schutz  Gottes,  der  Jungfrau  Maria,  des  h.  Nicolaus  und  der  h.  Bar- 
bara, Einer  aber  stimmt  an:  'Nachtigallchen  des  Waldes,  geh  und  sage  meiner 
Freundin:  Gold  und  Silber,  soviel  ich  habe,  davon  soll 'sie  Schatzmeisterin 
sein;  über  meine  drei  Schlösser  soll  sie  die  Herrschaft  haben,  das  eine  ist  in 
Mailand,  das  andre  in  Picardie,  das  dritte  in  meinem  Herzen,  doch  wag*  ich 
das  nicht  zu  sagen.'  (Chans.  1638,  f.  69,  vgl.  f.  68.)  Der  schließende  Anruf 
war  ohne  Zweifel  ein  Liedchen  für  sich,  aus  dem  Bereiche  der  hier  nicht  zu 
erörternden  Liedergattung  vom  Botenamte  der  Vögel,  zumal  der  Nachtigall 
als  Liebesbotin  (schon  provenzalisch:  Parn.  occit  138  f.  Rayn.  6,  292  ff. 
vgl.  Bartsch,  Prov.  Leseb.  55  ff.),  doch  ist  dasselbe  nicht  bloß  zufällig  bei- 
geschrieben, sondern  dient  zum  Ausdruck  des  kecken  Sinnes ,  der  lustigen 
Selbstverspottung  jener  lockern  Gesellen ,  mitten  in  Meeressturm  und  Fein- 
desdräuen.  Dem  deutschen  Kriegsvolke  schmettert  die  Nachtigall  in  den 
wildesten  Schlachtlärm  hinein.  Nach  ihr  war  eine  Art  schweren  Geschützes 
benannt;  die  Nachtigall  dieses  Schlags  wog  60  Zentner,  schoß  60  bis  60 
Pfund  Eisen  und  zu  ihr  gehörten  13  Wagen  mit  88  Pferden  (LeonL  Fron- 
spergers Kriegsbuch,  2.  Thl.  Frankf.  1573,  Bl.  5.  Vgl.  SchmeÜer  2,  672. 
Barthold,  G.  von  Frundsb.  106).  Thätig  ist  eine  solche  bei  Zerstörung  des 
Schlosses  Hohenkrähen  im  Jahre  1512  (Volksl.  Nr.  177,  Str.  8  ff.); 


RATE  D£B  NACHTIOALL.  139 

Der  Kaiser  mit  seim  Ftaueazimmer, 

seiner  Kantorei  vergiss  ich  nimmer, 

viel  Freud  in  dieser  Sache: 

die  ^achtgall  hat  sich  geschwungen  auf, 

nit  besser  mocht  mans  machen. 

Die  Singerin  singt  den  Tenor  schön» 

die  ^achtgall  den  Alt  in  gleichem  Ton, 

scharpf  Metz  bassiert  mit  Schalle, 

die  Schlang  den  Discant  warf  darein, 

sie  achten  nit,  wem  es  gfalle. 

Sie  sungen,  dass  die  Mauren  kluben 

und  Bett  und  Bölster  zum  Dach  aus  Stuben , 

ei|  war  ein  seltsamer  Tanze. 
Bei  der  Einnahme  von  Doornick  1521  waren: 

so  ich  mich  bsinn,       drei  Singerinn, 

vier  Nachtigal  mit  namen  etc. 

die  Nachtigal       allein  zumal 

hätt  diese  Stadt  ersungen. 
(DruckbL  in   der  Heidelb.  Hds.  793,   Bl.  73;   vgl  Mone,   Änz.  7,  63  f. 
Hildebrand,  bist.  Volksl.  92  ff.) 

Besonders  aber  wird  in  einem  der  niederdeutschen  Landsknechtlieder  auf 
die  geldrisch-burgundische  Fehde  von  1542—43  erzählt,  wie  die  Geldrer 
das  Lager  des  Prinzen  von  Burgund  bei  Nacht  überfallen ; 

Die  Sonne  hat  sich  verborgen  (yerkykei), 

die  Sterne  sind  aufgegangn, 

der  Mond  ist  hervor  gedrungen, 

Frau  Nachtigall  mit  Gesang; 

sie  sungen  also  helle, 

dass  es  in  den  Himmel  klang. 
(Steinen,  westphäl.  Gesch.  4,  1475.   Soltau  352  f.) 

Unter  den  hellsingenden  Nachtigallen  versteht  der  geldrische  Kriegs* 
knecht  nichts  Andres ,  als  was  er  früher  unbildlich  sagte :  ''die  Büchsen  hört 
man  krachen  im  Jülioher  Land  so  weit;'  jetzt  aber  zieht  er,  gleich  dem  Ge- 
sellen aus  Lyon,  die  Nachtigall  der  Liebeslieder  herbei,  und  zwar  (s.  Soltau 
349)  den  Anfang  eines  in  demselben  Tone  verfassten  Wächterlieds: 

Die  Sonne  die  ist  verblichen, 

die  Sterne  sind  (a.  der  Mond  ist)  aufgegangn ,    • 

die  Nacht  die  kommt  geschlichen, 

Frau  Nachtigall  mit  Gesang. 
(Heidelb.  Hds.  343,  BL  95.     G.  Forsters  fr.  Liedl.  Ten.  3,  1563,  Nr.  42. 
Ambr.  Liederb.  Nr.  58.  Erfizrt  Liederb.  Nr,  68.  Vgl  VolkaL  Nr.  17',) 


146  LUDWIG  ÜHLAND 

In  ein  andres,  stilleres  Gebiet  fährt  die  aas  fernem  Morgenland  stam- 
mende Fabel  von  den  drei  Lehren  der  Nachtigall.  Dieselbe  tritt  am  frühesten 
in  der  griechischen  Legende  Barlaam  nnd  Joasaph  hervor:  Ein  Vogelsteller 
fängt  eine  Nachtigall  und  will  sie  schlachten »  da  spricht  sie:  was  ihn  dies 
helfe,  da  er  sich  doch  mit  ihr  nicht  den  Magen  fallen  könne?  wolF  er  sie  aber 
der  Bande  entledigen,  so  werde  sie  ihm  drei  Anweise  geben,  deren  Bewah- 
rung ihm  fiir  sein  ganzes  Leben  nützlich ,  sein  werde.  Erstaunt  über  ihre 
Anrede,  verheifit  er  ihr  die  Freiheit,  wenn  sie  ihm  etwas  Neaes  zuhören 
gebe.  Nun  lehrt  sie:  'Unerreichbares  strebe  nie  zu  erlangen,  lass  dich  keine 
verlorene  Sache  reuen  und  glaube  kein  unglaubliches  Wort!'  Nachdem  er 
sie  losgelassen ,  will  sie  erkunden ,  ob  er  den  Gehalt  ihrer  Worte  begriffen 
und  sich  Nutzen  daraus  gezogen  habe.  Aus  der  Luft  herab  spottet  sie  der 
Unklugheit  des  Mannes,  der  solchen  Schatz  hingegeben,  denn  in  ihren  Ein- 
geweiden befinde  sich  ein  Edelstein  (ficcQYcc^^tijgX  größer  als  ein  Straußenei. 
Voll  Bestürzung  und  Reue,  versucht  er  sie  wieder  zu  fangen,  er  will  sie 
in  sein  Haus  zurücklocken,  wo  er  sie  freundlich  bewirtheu  und  dann 
ehrenvoll  entlassen  werde,  die  Nachtigall  aber  zeigt  ihm,  wie  wenig  er 
ihre  Lehren  genützt,  die  er  doch  gerne  angehört:  er  habe  schlecht  be- 
halten, dass  er  um  Verlorenes  sich  nicht  grämen  und  dass  er  nicht 
versuchen  solle,  sie  zu  fangen,~  deren  Weg  er  nicht  verfolgen  könne,  und  wie 
könnte  ihr  Inneres  einen  Edelstein  bergen ,  größer  als  ihre  ganze  Gestalt? 
(Boissonade,  Anecd.  gr.  4,  79  ff.  auch  in  Aretins  Beitr.  10,  1247  f.)  Mit 
dem  Barlaam  gieng  diese  Fabel  in  die  abendländischen  Sprachen  über,  na- 
mentlich im  14.  Jhd.  in  die  allgemein  verbreitete  goldene  Legende  (Gap.  175, 
bei  Gräße  180);  vor  und  nach  dieser  Zeit  ist  sie  auch  manigfach  in  andern 
Verbindungen  oder  für  sich  allein  erzählt  worden,  so  in  der  gleichfalls  viel- 
gebrauchten Disciplina  clericalis  aus  der  ersten  Hälfte  des  12.  Jhd.  (Schmidts 
Ausg.  S.  67  f.) ,  in  der  beliebten  Sanunlung  Gesta  Romanorum  (bei  Keller 
Cap.  167),  altfiranzösisch:  in  d^n  Ermahnungen  des  Vaters  an  den  Sohn, 
einer  gereimten  Bearbeitung  der  Disciplina  (M6on2, 140),  und  als  besondres 
Lai,  deutsch:  zwar  nicht  in  Rudolfs  Barlaam,  aber  unter  den  gereimten  Bei- 
spielen aus  dem  13.  Jhd.,  dann  von  Boner,  Hans  Sachs  und  anderwärts.  (Zur 
Literatur:  Schmidt  S.  151  ff.  J.  Grimm,  Reinh,  CCLXXXI.  Loiseleur,  Essai 
sur  les  fabl.  ind.  71  f.  Gräße,  Gesta  Rom.  276  f.  Bist.  Ut.  23, 76  f.  Vgl.  Lieders. 
2,  656  ff.  Keller,  altd.  Ged.  12  ff.  Zeitschr.  f.  d.  Alt.  7,  343  ff.)  Da  einige 
der  genannten  Sammelwerke  für  den  geistlichen  Unterricht  bestimmt  waren, 
weshalb  auch  die  Fabeln  und  Märchen  mit  christlichen  Deutungen  überreich 
versehen  sind,  so  konnte  die  Nachtigall,  deren  Lehrsprüche  schon  Barlaam 
in  solcher  Weise  auslegt,  selbst  vom  Predigtstuhl  zum  Volke  reden.  Die 
vielfältigen  Aufzeichnungen  stimmen  wohl  im  Ganzen  überein,  doch  bildet 
die  Disciplina  clericalis,  deren  Verfasser,  ein  getaufter  spanischer  Jude,  nach 
seiner  Angabe  (S.  34),  zum  Theil  aus  arabischen  Quellen  geschöpft  hat,  mit 


RATE  DER  NAGHTIOALL.  141 

den  zwei  altfranzösischen  Stücken  eine  besondre  Reihe,  die  sich  von  den  an- 
dern durch  einige  hieher  nicht  unerhebliche  Züge  unterscheidet:  de^  Vogel 
weigert  sich,  in  der  Gefangenschaft  zu  singen  (Disc.  der.  67:  retenta  nee* 
prece  nee  pretio  eamtabo) ,  und  muss  daher  schon  vor  Ertheilung  und  auf 
bloße  Zusage  der  drei  Sprüche  freigelassen  werden ,  statt  der  Lehre ,  nicht 
nach  Unerreichbarem  zu  trachten,  steht  die,  was  man  habe,  festzuhalten, 
auch  wird  im  Eingange  die  Annehmlichkeit  des  Gartens  geschildert,  in  wel- 
chem das  unbenannte  Vögelein  singt.   Das  kleine  Landschaftbild,  sonst  nur 
leicht  entworfen,  erwächst  in  dem  nordfranzösischen  Lai  zu  einer  ausgeführ- 
ten Darstellung  selbständigen  Inhalts:  Vor  mehr  als  hundert  Jahren  besass 
ein  reicher  Bauer  ein  wunderschönes  Herrenhaus ,  wie  kein  andres  auf  der 
Welt  war,  mit  herrlichen  Thürmen  und  köstlichem  Baumgarten ,  rings  von 
einem  Strom  umflossen;  ein  Ritter  hatt*  es  erbaut,  dessen  Sohn  es  dem  Bauer 
verkaufte;  der  Garten  duftete  so  von  Rosen  und  andrer  Würze,  war*  ein 
Kranker  eine  I^acht  darin  gelegen,  er  wäre  geheilt  von  dannen  gegangen;  die 
Bäume  trugen  Früchte  jeder  Art  und  zu  jeder  Jahreszeit;  er  war  gänzlich 
durch  Zauberkunst  geschaffen.    Mitten  darin  sprang  ein  klarer  Quell,  be- 
schattet von  einem  Baume,  der  nie  sein  Laub  verlor;  auf  dem  Baume  sang 
täglich  zweimal,  Morgens  und  Abends,  ein  Vogel,  kleiner  als  ein  Sperling 
(?moft«9on),  größer  als  der  Zaunkönig;  weder  Nachtigall  noch  Amsel,  Drossel 
noch  Staar,  Lerche  noch  Galander  war  so  lieblich  zu  hören,  er  sang  Lieder 
und  Weisen,  dass  weder  Geige  noch  Harfe  sich  damit  messen  konnte,  der 
Kummervollste  vergass  beim  Gesänge  des  Vogels  sein  Leid ,  erglühte  neu 
von  Liebe,  dachte  sich  einem  Kaiser  oder  Könige  gleich,  wenn  er  auch  Bauer 
oder  Bürger  war,  und  hätt*  er  über  hundert  Jahre  verlebt,  er  däuchte  sich 
alsbald  ein  Jüngling,  ein  Diener  schöner  Frauen  zu  sein.   Ein  andres  Wun- 
der war,  dass  der  Garten  nur  so  lange  bestehen  konnte,  als  der  Vogel  dort- 
hin zu  singen  kam,  denn  vom  Gesänge  geht  der  Liebeshauch  aus,  der  Blumen 
und  Bäume  in  Kraft  erhält;  wäre  der  Vogel  ausgeblieben,  sogleich  wäre  der 
Garten  verdorrt  und  die  Quelle  versiegt.   Der  Bauer,  dem  dieses  Anwesen 
gehört,  will  eines  Morgens  sein  Gesicht  an  ^der  Quelle  waschen,  als  eben  der 
Vogel  hoch  auf  dem  Baume  mit  vollem  Athem  sein  Lied  anstimmt  und  in 
seinem  Latein  also  singt:  'Hört  auf  mein  Lied,  Ritter,  Geistliche  und  Laien, 
die  ihr  der  Minne  huldigt  und  ihre  Schmerzen  duldet,  auch  zu  euch,  schöne 
JuDgfraun,  sprech'  ich:  voraus  sollt  ihr  Gott  lieben  und  sein  Gebot  halten, 
gerne  zur  Kirche  gehn  und  sein  Amt  anhören!  Gott  und  Minne  sind  einhellig, 
beide  lieben  Sinn,  Wohlgezogenheit,  Ehre,  Treue,  Milde,  beide  hören  auf 
schöne  Bitte ,  und  haltet  ihr  euch  an  jene  Tugenden ,  so  könnt  ihr  Gott  und 
die  Welt  zugleich  haben.'  Als  aber  der  Vogel  den  filzigen  Bauer  unter  dem 
Baume  lauschen  sieht,  da  singt  er  in  andrem  Tone:  'Lass  deinen  Lauf,  o 
Fluss!  Häuser,  Thürme,  stürzet  ein!  welket,  Blumen!  Kräuter,  dorret!  Bäume, 
hört  auf  zu  tragen!  hier  pflegten  mich  edle  Frauen  und  Ritter  zu  hörei% 


142  LUDWIG  UHLAND 

denen  der  Bronnen  lieb  war,  die  an  meinem  Gesänge  sich  vergnügten,  darch 
ihn  um  so  schöner  liebten,  Milde,  Höflichkeit,  Tapferkeit  übten,  Ritterschaft 
'handhabten;  jetzt  hört  mich  dieser  missgünstige  Bauer,  dem  Münze  lieber  ist 
als  Minne,  der  hieher  kommt,  nicht  um  besser  zu  lieben,  nein  um  besseczn 
essen,  zu  trinken,  zu  schlingen*  Damit  fliegt  der  Vogel  hinweg,  der  Bauer 
aber  denkt  darauf,  ihn  zu  haschen,  um  ihn  theuer  zu  verkaufen,  oder,  wenn 
das  nicht  gelänge,  in  ein  Käfig  zu  sperren  und  sich  früh  und  spät  von  ihm 
singen  zu  lassen;  er  stellt  Netze,  worin  der  Vogel  gefangen  wird,  und  nun 
erst  folgt  die  schon  bekannte  Geschichte  von  den  drei  Kluglehren  (trois 
senei);  der  befreite  Vogel  kehrt  nicht  wieder,  die  Blätter  fallen  vom  Baume, 
der  Garten  verödet,  die  Quelle  versiegt  und  das  Sprichwort  bewährt  sich: 
wer  Alles  begehrt,  verliert  Alles.  (M6on  3,  114  ff.)  Die  Verbindung  des 
indischen  Apologs  mit  dem  feudalistischen  Märchen  ist  nicht  sonderlich  ge- 
lungen. Zweimal  des  Vögleinis  Lehren  und  so  verschiedenartig,  dass  die 
beiden  Theile  ohne  inneren  Zusanunenhang  neben  einander  stehen;  der  Finch 
des  hinwegfliegenden  Wundervogels  verliert  alle  Wirkung,  wenn  dieser  gleich 
am  Abend  in  den  Garten  zurückkehrt.  Dennoch  ist  das  Dichterische  des 
Grundgedankens  nicht  zu  verkennen:  eine  ganze  Ritterwelt,  hochgethürmte 
Burg,  Sommerwonne,  Frauendienst,  Waffenruhm,  wird  von  dem  kleinen  Ge- 
schöpfe heraufgesungen  und  schwebt  an  dem  Zauber  seiner  süßen,  belebenden 
Stimme.  Gewiss  war  dieser  Gedanke  dem  ungeschickten  und  weitschweifigen 
Verdoppler  der  Fabel  nicht  eigen,  vielmehr  ist  hier,  wie  anderwärts  beim 
unstrophischen  Lai  (lai  heißt  Z.  91.  132  f.  139  der  Sang  des  Vögleins,  aber 
auch  das  ganze  Gedicht  in  der  Überschrift  und  Z.  421 :  U  lata  de  Voiselet), 
eine  besser  abgeschlossene  Vorlage  in  Liedesform  anzunehmen ,  auf  welche 
jedoch  voraus  schon  die  zum  Gemeingut  gewordene  Lehrfabel  eingewirkt 
haben  kann.  Von  solchem  Einfluss  zeigen  sich  ja  auch  in  den  deutschen 
Volksliedern  unverkennbare  Merkmale.  Zuerst  die  wiederkehrende  Bezeich- 
nung der  Ortlichkeit: 

Da  liegt  eine  Stadt  in  Osterreich  {Oaterrilc)^ 
die  ist  so  wohl  gezieret 
all  mit  so  manchem  Blümlein  blau, 
mit  Marmelstein  gemauret 
(Nd.,  Volksl.  17A.) 

Da  steht  ein  Kloster  in  Ostenreich  (Oo8tenrijc\ 
es  ist  so  wohl  gezieret 
mit  Silber  und  mit  rothem  Gold, 
mit  grauem  Stein  durchmauret. 
(Ndl.,  ebd.  17  B.) 

Es  liegt  ein  Schloss  in  Osterreich, 
das  ist  gar  wohl  erbauet 


RATH  DER  NACHTIGALL.      .  143 

von  Zimmet  nnd  von  Nägelein, 

wo  fiiadt  man  solche  Manren? 

(Anfangsstr.  in  G.  Forsters  fr.LiedLTen.2, 1565,Nr.77.) 
Überall  ist  es  hier  derselbe  Landesname,  wie  er,  je  in  der  besondem 
Mundart^  dem  deutschen  Österreich  zukommt;  entschieden  auf  dieses  bezieht 
sich  das  Lied  von  einem  unschuldig  gefangenen  und  hingerichteten  Knaben: 

Es  liegt  ein  Schloss  in  Österreich, 

das  ist  ganz  wohl  erbauet 

von  Silber  und  von  rothem  Grold, 

mit  Marmelstein  vermauret. 
Schluss:  Wer  ist  der  uns  dies  Liedlein  sang? 

so  frei  ist  es  gesungen; 

das  haben  gethan  drei  Jungfräulein 

zu  Wien  in  österreiche. 
(Volksl.  Nr.  125;  auch  nd.,  ndl.,  dän.  und  schwed.) 
Das  erste  Gesätz  ist  vernehmlicher  Nachklang  der  älteren  Lieder  von 
der  Nachtigall,  aber  in  diesen  selbst  weist  der  märchenhafte  Bau  der  Stadt, 
des  Klosters,  Schlosses  auf  ursprünglichen  Bezug  zu  einem  entlegenem  Ost- 
lande (Graff  2,  392 :  östarrichi,  oriens).  Um  jene  Stadt  her  liegt  der  grüne 
Wald  mit  der  singenden  Nachtigall,  die  aber,  wie  das  Vöglein  der  einen 
Fabelreihe,  sich  nicht  zum  Sänge  zwingen  lässt;  ihre  Sprüche  werden  auch 
gerne  noch  in  der  Dreizahl  gehalten ,  selbst  wenn  sie  nicht  alle  gleich  gut 
auf  den  gegebenen  Fall  zutreffen ,  und  es  sind  darunter  einige ,  in  denen  ein 
leichter  y  der  Sorge  und  des  Kummers  sich  entschlagender  Sinn  empfohlen 
wird;  vom  Barlaam  an,  wo  die  Schlusslehre  lautet:  'gräme  dich  nicht  um 
eine  vorübergegangene  Sache  (ju^  fievafieXS  int  nqayiiavi  naQeX&ovn, 
Diso. der.:  ne  doleaa  de  amiaais)?  tönt  dieselbe  in  vielen  Sprachen  fort  und 
in  den  deutschen  Nachtigalliedern  ist  sie  durch  einen  verschiedentlich  ge- 
fassten  Äpruch  vertreten ,  der  auch  für  sich  bestehend  oder  ein  anderartiges 
Lied  beschliessend  in  Notenbüchem  des  16.  JFhd.  vorkommt: 

Zwischen  Berg  und  tiefem  Thal 

da  liegt  ein  freie  Straße; 

und  wer  sein  Lieb  nicht  behalten  mag, 

der  muss  es  fahren  lassen. 
(Volksl.  Nr.  16,  Str.  9.  Nr.  17  A,  Str.  8.  B,  Str.  9;  einzeln  mit  Singnoten 
im  Augsb.  Liederb.  von  1512,  Nr.  3,  sowie  bei  G.  Forster  1549  und  1563, 
3,  Nr.  27,  in  andrer  Verbindung  ebd.  4,  1556,  Nr.  32.) 

Der  vielfach  vermittelten  Lehrfabel  aus  dem  Osten  kamen  Anklänge  des 
heimischen  Volksgesangs  entgegeh.  In  jener  waltet  eben  der  Lehrzweck 
vor,  die  Lehren  sind  verständig  und  nützlich,  auch  der  Art  des  Vögleins 
wohl  angepasst;  die  Volkslieder  sind  lebhafter  empfunden,  sie  fassen  einer- 
seits das  Leben  der  Vögel  mit  all  der  Innigkeit  auf,  die  ihm  überhaupt  in 


144  LÜDWI0  ÜHLAND 

deutscher  Dichtung  zugewandt  ist,  und  ^teilen  demselben  von  der  andern 
Seite  Menschen  mit  tieferregtem  Gemüthe  gegenüber.  Alte  Spräche  sagen: 
*ich  bm  frei,  wie  der  Vogel  auf  dem  Zweig;  ich  bin  Niemands,  Niemand  ist 
mein,  wer  mich  faht,  des  will  ich  sein.'  (Lieders.  3,  637.  493.  Rechtsalt.  41, 
Anm.)  Dem  Falken  wird  zugerufen:  'du  fleugst,  wohin  dir  lieb  ist»  du  erkie- 
sest dir  in  dem  WaJde  einen  Baum,  der  dir  gefalle'  (MS.  1,  99*);  ebenso  der 
Kachtigail:  'du  bist  ein  kleins  Waldvögelein,  du  fleugst  den  griiipien  Wald 
aus  und  ein'  (Volksl.  Nr.  15  A,  Str.  3).  Darum  heißt  sie  bei  den  Minnesän- 
gern: die  freie  Nachtigall  (MS.  1,  24'.  342\  3W);  noch  1532  wird  ihre 
Freiheit  zu  Bamberg  obrigkeitlich  anerkannt:  'Gebot  der  Nachtigall  halb: 
seil  nicht  gefangen  werden'  (Aufsess,  Anzeig.  2, 10).  In  den  Zweigesprächen 
nun  will  man  ihr  das  helle  Singen  bald  untersagen ,  bald  gebieten  oder  ab- 
lernen und  zum  Dank  ihr  Gefieder  mit  Golde  bekleiden,  aber  sie  verschmäht 
das  glänzende  Zeichen  der  Dieiistbarkeit.  Konrad  von  Würzburg  vergleicht 
sein  eigenes ,  keinen  äußeren  Lohn  ansprechendes  Dichten  dem  Gesänge  der 
Nachtigall,  die  sich  nicht  darum  kümmert,  ob  Jemand  sie  höre  oder  nicht. 
(Troj.  Kr.  170  ff.)  Sie  selbst  rühmt  sich,  dass  Niemand  sie  zwingen  könne 
und  sie  jeder  Gewalt  zu  entrinnen  wisse.  Allein  die  freifliegenden  Vögel 
sind  auch  obdachlos ,  aller  Unbill  des  Wetters  und  der  Jahreszeit  preisge- 
geben. Schon  die  altnordische  Dichtersprache  nennt  den  Winter:  Betrüb- 
niss,  Angst  der  Vögel  (aut,  sMdfuglaj  Lex.  poet.  208'.  Myth.  715);  ihr 
Ungemach  unter  freiem  Himmel  bezeichnen  in  angelsächsischem  und  skaldi- 
schem Gebrauche  die  Beiwörter  des  Adlers  und  des  Raben:  der  nassfedrige, 
thaufedrige ,  schmutzkleidige ,  thaufarbige  (J.  Grimm ,  Andr.  u.  El.  XXVI  f. 
Gr.  4,  729.  Saem.  95,  41).  Mittelhochdeutsche  Dichter  fragen  zur  Zeit  des 
Laubfalls:  'wo  nehmen  nun  die  Vögel  Dach?'  (MS.  2,1 60  \  3,32P.  Ben.411,2. 
Heinz,  v.  Konst.  2,  13  ff.)  Wann  auf  der  Linde  Rost  liegt,  dann  ist  die  Zeit, 
wo  der  Wald  des  Laubes  bloß  wird  'und  die  Nachtigall  ihr  Herze  zwinget', 
d.h.  zu  winterlangem  Schweigen  niederhält  (Ben.  397,  5).  So  wird  ihr  auch 
im  Volksliede ,  wenn  sie  mit  ihrer  Freiheit  sich  brüstet,  entgegengehalten, 
dass  doch  der  Reif,  der  Hagel ,  der  kalte  Schnee  ihr  das  schirmende  Laub 
von  der  Linde  streife ,  sie  soll  sich  hinwegschwingen ,  damit  nicht  der  kühle 
Thau  sie  netze,  der  Reif  sie  erfröre;  doch  hat  sie  auch  hierauf  Antwort :  'und 
netzet  mich  der  kühle  Thau,  so  trücknet  mich  Frau  Sonne.'  Lust  und  Leid, 
Bedrängniss  und  Trost  eines  Nachtigallebens  ist  damit  in  wenigen  Zügen 
vorübergeführt.  Ein  ähnliches  Liedchen  lässt  den  Kuckuck,  vom  Regen 
durchnässt,  auf  dem  Zaune  sitzen,  darnach  kommt  der  Sonnenschein,  alsbald 
schwingt  der  Kuckuck  sein  Gefieder  und  fliegt  über  den  See  hin;  dies  der 
ganze  Inhalt  (VolksL  Nr.  11).  Ohne  Nutzanwendung  oder  Lehrspruch  sind 
solche  der  Natur  abgelauschte  Lebensbilder  ein  Spiegel  menschlicher  Zu- 
stände und  Erfahrungen.  An  die  Geschichte  der  Nachtigall  treten  nun  so 
mancherlei  persönliche  Fragen  und  Begehren  heran,  die  von  jungen  Mädchen 


BATH  DER  NACHTIGALL.  145 

und  GeseUen  gestellt  werden,  von  Verliebten,  Werbenden,  Verlassenen,  Aus- 
gewiesenen, Gefangenen.  Überall  sind  es  Anliegen  des  klopfenden  Herzens, 
denen  die  Nachtigall  Rede  stehen  soll,  und  sie  antwortet  durch  das  Beispiel 
ihrer  eigenen  Erlebnisse :  mit  der  entlaubten  Linde  mahnt  sie  zum  Festhalten 
des  jungfräulichen  Kränzleins ,  durch  den  goldenen  Flügelschmuck  will  sie 
nicht  ihre  Freiheit  binden  lassen ,  ihr  bt»:eiftes  Gefieder  und  die  trocknende 
Sonne  gibt  sie  dem  Mann  im  Kerker  zum  Tröste.  All  das  bewegt  sich  in  der 
leichten  Schwebe  des  Vogelsangs  und  Vogelzugs  und  doch  waltet  ein  tiefer 
Klageton  in  dieser  Flüchtigkeit  der  Sonmierlust,  des  Jugendmuths,  des  Liebe- 
lebens, und  in  dem  letzten  Käthe  der  Entfliegenden:  fahren  zu  lassen,  was 
nicht  zu  behalten  ist.  Die  Fabel  von  den  drei  Lehren  des  Vögeleins  hatte 
selbst  wohl  in  frischer  Naturanschauung  ihren  Ursprung,  war  sie  allmählig 
altklug  geworden ,  im  lebendigen  Borne  des  Volksgesangs  konnte  sie ,  eine 
badende  Nachtigall,  sich  verjüngen. 

Beiderlei  Arten  des  bedeutsamen  Vogelsangs ,  der  aufreizende  und  der 
lehrhafte,  werden  als  Rath  bezeichnet;  so  auf  der  einen  Seite  was  dem  jun- 
gen Sigurd  (ßstrdd)  und  dem  Grafen  von  Boulogne  {dyniseil)  gesungen  wurde, 
anderseits,  in  der  norwegischen  Bearbeitung  des  Barlaam  um  1200  und  in 
einer  alten  Verdeutschung  der  Gesta  Romanorum,  die  drei  Rät  he  der 
Nachtigall  an  den  Vogelsteller  (Barlaam  etc.  udg.  af  Keyser  og  Unger,  Kap. 
45:  j^rm  rdi.  Fabeln  aus  den  Zeiten  der  Minnes.  Zur.  1757,  S.  243).  Der 
vorgenannte  Graf  weist  aber  zugleich  auf  einen  sprichwörtlichen  Ausdruck 
oder  Denkreim,  wenn  er  sagt:  'kein  Thor  ist,  wer  dem  Nachtigallrathe 
glaubt*  (Eust.  Z.  1165  f.:  il  rCest  mie  fol,  qui  croit  conseil  de  louasignoV). 
Entsprechend  ist  es  im  Renner  (Z.  2873)  Merkmal  eines  Einfältigen:  'der 
hörte  nie  ein  Vöglein  im  Maien.'  Nach  einer  englischen  Ballade  äußert  der 
von  schwerem  Unheil  bedrohte  Graf  Percy  von  Nordhumberland ,  als  er  mit 
seiner  schönen  Frau  in  den  Garten  geht:  *ich  hört'  einen  Vogel  singen  in 
mein  Ohr,  dass  ich  muss  fechten  oder  fliehen.'  (Percy,  Reliq,  Lond,  1840, 
72, 7  f.)  Meister  Hagens  kölnische  Reimchronik,  geschrieben  1270,  berichtet 
von  den  Anschlägen  des  Bischofs  Engelbrecht  wider  die  Stadt:  ''Der  Bischof 
hört'  ein  neues  Lied  singen  ein  ander  Vögelchen:  „Herr  Bischof!  wollt  ihr 
Herr  sein  von  Köln  der  Stadt ,  über  Arm  und  Reich ,  all  euer  Leben  lang, 
darzu  will  ich  euch  Rath  geben."  „Ja!  sing  an.  Vögelchen!  ich  will  dir 
gefolgig  sein."  „Fahrt  ein  zu  Köln  auf  euren  Saal  und  thut,  was  ich  euch 
rathen  werde!"  Der  Vorschlag  geht  auf  heimliche  Bewaffnung  und  treulosen 
Überfall.  *Des  Rathes  war  der  Bischof  froh  und  that  genau  also.*  (Hag. 
Z.  3077  ff.)  Auch  der  Reimspruch  eines  bairischen  Herolds  um  1424  streift 
an  die  kriegerischen  Aufrufe,  indem  von  einem  tumierlustigen  Adelsge- 
schlechte  gerühmt  wird:  'und  hörten  sie  einen  Grillen  singen  von  einem  Ritter- 
spiel, sie  legten  darauf  Kostung  viel.'  (Schmoll.  2, 108.  DueliiExcerpt.261.)* 
Eben  der  sprichwörtliche  und  formelhafte  Gebrauch^  verhohlene  Rathschläge 

OS&IIAVIA.  UI.  10 


146  LUDWIG  UHLAND,  BATH  DKR  NACHTIGALL. 

and  Entschlösse,  selbst  in  wenig  dichterischen  Angelegenheiten,  asf  EiDgebüng 
der  Vögel  zu  schieben,  setzt  eine  lebensvollere  Anifassnng  voraos,  wie  sie 
altverbreitet  in  Heldenmären  and  Yolksliedem  nachgewiesen  werden  konnte; 
eine  Auffassung,  die  nicht  einzig  sinnbildlicher  Art  ist,  sondern  wirkM  von 
dem  'hellen  Singen',  der  'wilden  Zunge'  des  Waldvögleins  ausgeht  lodem 
der  Nachtigall  unter  allen  Waldesstimmen  mit  dem  kräftigsten  Klang  auch 
die  reichste  Manigfaltigkeit  der  Töne  zu  Gebot  steht  (B^n.327,4:  mangelei 
tBtir gehrahtjiel&ier^  donneliae.  440, 1 :  vremde,  süezewtse^  doenevü.Vi&X 
80,  4:  Wie  unüekomen,  Nahteffoi  ein  vrouwel  dtn  d6n  deristrtchemamger 
tüezenetMmnenetc.)^  vermag  sie,  Alles,  was  im  Innern  des  Hörenden  scUom- 
mert  oder  wach  ist,  aufzurühren  und  jene  verschiedensten  Gemtithstimmoiigeo, 
nachdenkliche,  gefühlvolle,  stürmische,  gleich  eindringlich  anzuechlagen. 

Soviel  vom  Rathe  der  Nachtigall;  damit  ist  jedoch  ihr  Greschäftskreis 
in  der  deutschen  Volksdichtung  lange  nicht  erschöpft,  sie  hat  noch  Vieleflei 
auszurichten,  als  Sendbotin,  Wahrsagerin,  femartige  Zeugin  und  Anklägerin 
verborgener  Schuld,  und  diese  verschiedenen  Berufe  greifen  wechselseitig 
ineinander.  Nicht  zu  vergessen  ist  endlich  die  von  allem  Geflügel  des  Wal- 
des und  der  Lüfte  gefeierte  Hochzeit  der  Nachtigall  mit  dem  Gimpel  (Volksl. 
Nr.  lOA,  Str.  3.  5).  *) 

*)  Nachträge.  2uS.  129,2. 10:  (Mone,Zeitschr.3,473.  Cann.Bur.216i>,  2:  erfucr^ 
Biin  daz  vogeUcmeh).  —  Zu  S.  134,  Z.  7  v.  n. :  Aussprüche  der  NachtigaU  über  rechtschaffene 
und  imstate  Liebe  belenchtet,  in  der  Neige  des  13.  Jahrhunderts,  Baude,  ein  flandrischer  Sftnger: 
'ihr  wisst  nicht,  was  die  NachtigaU  sprach,  sie  sprach,  daß  Liebe  durch  falsdie  Liebende  EnGnnde 
gieng;  das  sprach  die  Nachtigall,  aber  ich  sage,  daH  der  ein  Thor  ist,  der  sich  yon  guter  Liebe 
scheiden  wiU  etc.  Wohl  habt  ihr  die  Nachtigall  gehört:  wenn  ihr  nicht  redlich  liebt,  hi^t 
ihr  die  Liebe  yerrathen,  wehe  dem,  der  sie  verrathen  wird !'  (Hist.  littSr.  de  la  France  23, 530  f.) 
Was  ^e  Nachtigall  sprach  (m  ditt  U  Um$eignoU),  scheint  ebenso  sprichwörtlich  gegolten  n 
haben,  als  die  Reden  Salozuons  oder  die  des  Bauen  (««  diit  SalimomB^  ee  düt  U  vilm»i 
Tgl.  ebd.  686  ff.  und  Leroux  de  Lincy,  Proverb.  fr.),  wenn  es  auch  nicht,  wie  diese,  gesainmett 
ist.  —  Zu  S.  135,  Z.  17:  Der  Held  eines  andern  Romans,  Aubri  Ton  Burgnnd,  zweifelt  an 
der  Treue  seiner  Gemahlin ,  der  Königin  von  Baiem,  unrubyoU  geht  er  in  den  Garten,  lehnt 
sich  an  einen  Weidenbaum,  sieht  den  Fisch  im  Strome  schwimmen,  hört  die  Lerche,  die  Amsel* 
den  Staar,  den  Galander  im  Gesträuche  singen  und  sieht  die  Blumen  läng«  der  Wiese  blühen, 
da  gemahnt  es  ihn,  wie  er  ein  Jüngling  war«  seiner  Liebes-  und  Frühlingszeit:  'Fisch,  wi«  hast 
du  all  deinen  Wunsch!  Vogel,  der  du  singest,  wie  hast  du  deine  Wonne!  So  lebt*  ich  als 
junger  Ritter,  da  ich  nichts  hatte ,  denn  mein  geschwindes  Ross,  meinen  starken  Speer  nn^ 
meinen  neuen  Schild;  damals  wftre  mir  ein  grünes  Krftnzlein  lieber  gewesen,  denn  hnndert 
Mark  im  Gurte ;  um  schöne  Frauen  tummelt*  ich  mich  wacker ,  mandie  Stadt  und  manche 
Teste  brach  ich,  gute  Jahre  hatt*  ich,  beim  heiligen  Mareell!  Nun  ist*s  toiM;  der  Biaeke, 
der  gekettet  ist,  um  besser  am  Pfahle  festgehalten  zu  werden  (a.  ein  Bftf  in  der  Kette,  ^ 
man  den  Maulkorb  anlegt  etc.),  steckt  wahrlich  nicht  in  so  heillosem  Zwinger,  wie  ich  Jetzt.' 
(Tarb6,  Roman  d*Aubery  le  Bourgoing.  Reims  1849«  p.  44.  Hist  lit.  22,  326.)  —2° 
S.  136,  Z.  17:  Nur  theilweise  bekannt  geworden  ist  das  SinggesprAch  von  OuiUaumi  U 
Vinier,  Bürger  zu  Arras  gegen  £nde  des  13.  Jahrhunderts,  worin  derselbe  ausruft:  'Hocher- 
freut ist  mein  Hers  durch  die  Nachtigall,  die  ich  gehört,  wie  sie  singend  sprach;  Ji&rjier,  <^ 
od,  schlag  todt  Alle,  die  ein  Schrecken  Treuliebender  sind' !   (Hist.  lit.  23,  692  f.) 


JACOB  QBDOi,  ME  AHD.  PIUETESITA.  14T 

DIE  AHD.  PRAETERITA. 


Heine  anfstelliiDg  der  althochdeatschen  prflDterita  lautete  bisher: 
nam  nami  Dam,  nämumSs  nämnt  namim 
scolta  scoltds  scolta,  scoltumfis  scoltat  scolton 
nerita  neritös  nerita»  neritiunis  neritnt  neritun 
pranta  prantds  pranta,  praatamds  prantat  prantaa 
salpdta  salpdtös  salpdta»  aalpötumes  salpdtut  salpAtun 
hapßta  hapdtds  hapdta»  hapitamds  hap|tat  hapitan, 
die  erste  reihe  gehört  der  starken  form,  die  fbnf  übrigen  sind  der  schwachen. 
Dies  paradigma  ist  aber  nur  den  fränkischen  und  bairischen  denk- 
mäiern  gemäsz,  namentlich  den  hrabanischen »  casselischen ,  monseeischen 
glossen,  der  exhortatio,  dem  bnichstück  ans  Matthaens,  dem  Hildebrands  and 
Lodwigslied,  Tatian  nnd  Otfried. 

Anders  jedoch  verhält  es  sich  mit  dem  hier  noch  anerkannten  alaman« 
nischen  dialect,  der  zwischen  starker  nnd  schwacher  conjagation  nnterschei- 
dend,  zwar  jener  das  characteristische  a  läset,  in  der  schwachen  hingegen  überall 
ö  daf&r  verwendet,  die  beispiele  ändern  sich  demnach  folgendergestalt: 
nam  nämi  nam,  nämnmis  nämnt  nämnn 
scolta  scoltös  scolta,  scoltomes  scoltöt  scoltdn 
nerita  neritos  nerita,  neritdmes  neritdt  neritdn 
pranta  prantös  pranta,  prantomSs  prantdt  prantdn 
salpöU  salpdtds  salpdta,  salpötdmSs  salpdtot  sa)pdtAn 
hapeta  hapetds  hap4ta,  hapStomes  hapdtdt  hapdtön, 
der  unterschied  rührt  also  nicht  den  sg.,  blosz  den  pL  an,  er  wird  aber  befolgt  in 
Kero,  in  den  hymnen,  der  Samarit,  in  den  Diät.  1, 491 — 526  gedrnckten  bibel- 
glossen,  indenglossenznPradentias,  im  Greorgslied,  endlich  dnrchgehends  bei 
Notker,  nur  daitz  diesem  das  a  sich  zu  e  verdünnt  hat,  d  aber  haftet  er  conjogiert : 
nam  näme  nam,  nämen  näment  n&üien 
solta  soltds  solta,  soltön  soltont  soltön 
nereta  neretds  nereta,  neretdn  neretdnt  neret6n 
branda  brandds  branda,  branddn  branddnt  branddn 
'salbota  salbotds  salbota,  salbotön  salbotont  salbotdn 
habeta  habetös  habeta,  habeton  habetdnt  habetdn. 
In  allen  paradigmen  mag  die  länge  des  dem  t  vorangehenden  d  and  % 
onsicher  sein,  da  sie  in  den  handschriften  oft  gar  nicht  oder  schwankend 
bezeichnet  wird,  älteren  denkmälem  darf  man  mehr  das  arsprüngliche  d  und 
e  lassen,  späteren  o  and  e  ertheilen,  wie  ich  zumal  bei  Notker  annehme,  auf 
diese  Yocale  kommt  uns  aber  hier  nichts  an,  blosz  auf  Unterscheidung  des  star- 
ken um  ut  an  von  dem  schwachen  töm  tot  tön,  womit  kein  tom  tot  ton  ge^ 
meint  sein  kann ,  weil  Notker,  der  jedes  n  der  fiexionen  zu  e  schwächt,  an 
t6n  festhält,  wenn  es  auch  die  handschriften  bald  tdn  bald  ton  schreiben. 

10» 


148  JACOB  OBIMM 

für  die  länge  entscheidet  das  alte  'platoon  winti  indi  erloso  tatan  E.  ed.Hat- 
temer  33  flavernnt  venu  et  impegerunt,  was  der  Übersetzer  als  impie  egerant 
anffaszte  nnd  erlöse  tätun  verdeutschte,  doch  diese  albernheit  stellt  ans  den 
unterschied  der  formen  plätdn  und  tätun  lebhaft  vor  äugen,  andere  belege 
aus  K.  sind  kehörtomSs  audivimus  34;  limetdn  didicerunt  34;  farhocton 
spreverunt  37;  kisaztomSs  66.  123;  ferdoleton  110;  lunetömes  114;  neben 
dem  u  starker  form:  entfiangut  accepistis  36 ;  pirumds  sumus  38.  102;  qhaa- 
tnmes  diximus  64.  106;  scnlun  debent.  99.  zum  überflnsz  mögen  hier  noch 
mehr  beispiele  des  tdnfojgen:  cavestinotön  Diut.  1,49P;  fnricimbartön 492'; 
winetdn  carpebant,  slaffetön  torpebant.  293*;  soffötön  condivemnt  493^ 
anagasazton495^  kiurdriozötön,  waraböton498*';  kiantfrägötön  607^  bebi- 
tön  510*;  kisazton  519*;  arekisöton  519*;  piweritön  abigerunt  519";  anu'i- 
tön  inhiabant520^  prantön523*;  trahtdtön  529*;  wuaftön  luxerunt  629'. 
gegenüber  starkformigen  prsst.  in  derselben  glosse:  kifinhtun  491**;  woahsun 
493^;  arprahastun  =  arprastun  emmpebant  497";  wurtun  497";  luafiui  lam- 
bebant  499".   auch  hymn.  19,  5  warun  neben  wizindtön. 

Die  sogenannt  keronischen  glossen  Diut.  1 ,  128  ff.  bieten  fast  keine 
prsBterita^  doch  steht  erwalztom  L  arwalzton  divellebant  195,  wo  die  Reichen« 
auer,  mehr  fränkische  hs.  arwalztnn,  Hattemer  1,  164"  aber  richtig  irwalzton 
u.  irprächun  gewährt;  kilägötun  obsidiaverunt  204"  ist  wieder  aus  derBei- 
chenauer  hs. 

Die  Übersetzung  des  isidorischen  tractats  hat,  nach  Holzmanns  ausgäbe, 
chihdrdön  7*,  13;  chifrumiddn  9",  4;  sendidon  9",  12;  dhecchidon  10",  7; 
aughidom  11%  18;  folglich  wird  auch  14",  4  mahton  d.  i.  mahtdn,  und  nicht 
jnahtun  zu  lesen  sein,  in  dies  denkmal,  das  man  doch  sonst  eher  för  fränkisch 
als  für  alamannisch  halten  wird ,  könnte  ein  alamannischer  abschreiber  die 
o  =  ö  an  die  stelle  fränkischer  u  eingetragen  haben ,  wie  das  fragment  bei 
Maszmiun  zu  bestätigen  scheint,  welches  s.  19  deondtun  liest,  nicht  deondton. 

Eine  menge  schwacher  tön  liefert  Notker  allenthalben,  am  überzeugend- 
sten wenn  ihnen  starke  en  zur  seite  stehen,  z.  b.  Boeth.  126  triumviri  Uezen 
die  über  fravali  dingoton;  tie  föne  anderen  bürgen  dara  chomene  waren,  tie 
habeton  dia  selbün  ea;  Capeila  126  raspoton  daz  üzer  iro  munde  fuor  same- 
liche  diemun,  die  liste  unde  lirnunga  hiezen.  er  wird  stets  wären,  fuoren,  würfen, 
gruoben  und  stets  soltön,  woltön,  mahtön,  legeton,  sazton,  ilton,  gesamenotön, 
zeigoton  schreiben,  wenn  gleich  die  abschreiber  den  circumflexüber  dem  o  sparen. 
wäron  gruobon  setzt  kein  einziger  so  wenig  als  selten,  weiten,  raspoten. 

Was  uns  die  alamannischen  quellen  vom  achten  bis  zum  eilften  jh' 
^schauen  lassen,  das  kennzeichen  im  für  starke,  t6n  für  schwache  praeteritat 
kann  nicht  so  leicht  aus  der  spräche  gewichen  sein,  musz  unter  dem  volk 
auch  noch  später  gehaftet  haben,  von  Notker  bis  auf  Hartmann  von  Aue 
joder  Rudolf  von  Ems  ist  schon  ein  beträchtlicher  Zwischenraum,  diese  dichter 
mögen  aber  auch  von  ihrer  schwäbischen  oder  alemannischen  mundart  über- 


DIE  AHD.  PRAETERITA.  149 

getreten  sein  zur  hochdeutschen  dichtersprache ,  ich  wüste  ans  ihren  werken 
keine  spur  oder  nachwirkung  des  alten  ton  aufzuweisen.  Allein  Urkunden  und 
andere  prosadenkmäler  des  13.  14.  jh.  könnten  sie  eher  zu  erkennen  geben« 
wer  die  von  Grieshaber  bekanntgemachten,  aus  dem  Schwarzwald  stanunen-» 
den  und  noch  dem  13.  jh.  angehörigen  predigten  liest,  entdeckt  in  ihnen  viel-» 
fach  neben  sahen,  giengen,  zugen,  waren  auch  noch  wincton,  volgeton,  opfero- 
ton,  antwurton  responderunt,  verschiedentlich  scheinen  die  Schreiber  den 
unterschied  zu  vernachlässigen,  am  sorgfältigsten  wacht  über  ihre  auffallend 
eigenthümliche  mundart  die  band,  nach  Grieshaber  eine  firauenhand,  von  der 
die  blätter  73 — 77  (theil  1,  83 — 91)  herrühren,  und  die  unser  altes  tön 
durch  tun  ausdrückt,  wie  sie  auch  sonst  u  für  d  setzt,  es  heiszt  hier  hueben,^ 
giengen  aber  randun  (rannten)  setjm  (sagten)  fuortun  (führten)  neben  wauren 
(wären)  bauten  (bäten),  das  ist  völlig  die  alte,  notkersche  Unterscheidung, 
in  heutigen  schwäbischen  oder  schweizerischen  eigenheiten  der  gemeinen 
Volkssprache,  die  sich  bekanntlich  des  einfachen  praet.  enthält,  wird  schwer 
danach  zu  suchen  sein. 

Wie  nun  ist  dieser  alte  und  lange  zeit  (ortdauernde  abstand  der  praete- 
rita  nämun  und  neritön,  prantön  zu  verstehen  ?  welchen  grund  mag  er  haben? 
Ich  bin  geneigt  ihn  in  die  frühste  zeit  unserer  Sprachgeschichte  zu  ver- 
legen und  hier  eine  einleuchtende  berühmng  zwischen  alamannischem  und 
gothischem  dialect  zu  gewahren,  die  in^  keinem  der  übrigen  so  offen  vortritt. 
Es  springt  in  die  äugen,  wie  genau  die  starken  prdeterita 

nam  nami  nam  nämumes  nämut  nämun 
den  gothischen 

nam  namt  nam  nemum  nemu}  nemun, 
wiederum  die  schwachen 

sGolta  scoltes  scolta  scoltom  scoltot  scoltön 
.    nerita  neritos  nerita  neritöm  neritöt  neriton 
den  gothischen  zur  seite  stehn : 

skulda  skuldes  skulda  skuldedum  skuldedn}  skuldedun 

nasida  nasidSs  nasida  nasidedum  nasidedu])  nasidedun 
und  sa  durch  die  bank. 

In  der  starken  fiexion  entsprechen  sich  goth.  um  u])  un  und  alam.  am  ut 
un,  in  der  schwachen  aber  goth.  dedum  dedu])  dedun  und  alam.  tom  tot  tön; 
wie  könnte  es  anders  sein ,  als  dasz  nicht  ein  solches  tom  tot  tön  aus  einem 
früheren  tätum  tätut  tätun  gekürzt  hervorgegangen  wäre?  längst  ist  gezeigt 
und  bewiesen,  da&z  unserer  schwachen  verbalflexion  ein  auxiliares  thun  unter- 
liegt, das  bereits  im  goth.  sg.  da  des  da  kürzung  erlitt  (GDS.  882),  den  fort-* 
schritt  ähnlicher  kürzung  erblicken  wir  im  alam.  tom  tot  tön  wie  im  tum  tut 
tun  der  übrigen  deutschen  sprachen,  nur  dasz  in  dem  ö  das  gewicht  der 
vollen  form  nachwirkt,  die  flexion  der  starken  praeterita  blieb  unverändert 
und  ihr  u  erfiihr  keinen  eindruck.    Ähnliche  wortverengungen  trugen  sich 


ISO  JACOB  0RIMH 

genug  in  der  spräche  zu:  hiuta,  hiom  ans  hiatagn,  hinjära,  Notkers  cMt,  sist 
ans  chidet,  sihest,  and  noch  häufiger  mhd.  git  lit  schät  hau  Albreht  aas  gibet 
liget  schadet  haben  Adelbreht,  man  beachte  zumal  bön  für  boum  (Haupt  4, 547) 
trön  fttr  troum  CDiut.  S»  6)  wegen  production  des  letzten  u,  wie  in  tom,  ton 
fiir  tätum,  t&tun.  Am  wichtigsten  ist  es  aber  nicht  sowol  einzelne  fälle  als 
ganze  verbalreihen  zu  erw&gto,  namentlich  die  Verengung  der  gothischen 
reduplieationen  lailaikmaimaithaihait  haihald  saizlep  lailöt  und  aller  solcher 
in  ahd.  iiaz  miaz  hiaz  hialt  sliaf  liaz,  mhd.  miez  hiez  hielt  slief  liez;  ja  aaf 
einer  noch  viel  älteren  stufe  unserer  spräche  mögen  sogar  die  scheinbar 
einfachen  ablaute  nam  las  u.  s.  w.  aus  der  reduplication  ninam  lilas  oder 
ninama  lilasa  entspringen,  folglich  läge  alTen  formen  des  starken  wie 
schwachen  pneteritoms  wo  nicht  gleiche  dpch  ähnliche  kürzong^zum  gründe, 
der  schlieszende  vocal  mag  dabei  verlängert  werden  oder  nicht  wir  wissen 
niclit,  ob  dem  hialt  hielt  hier  oder  da  ein  heialt  hialt  hiält  hialt  vorausgieng. 
alle  übrigen  dialecte,  der  fränkische,  thüringische,  bairische,  sächsische  be- 
hielten kurzes  tun,  dun  und  schon  mhd.  ten  steht  dem  en  der  starken  pr»t. 
gleich;  der  alamannische  hatte  ein  feineres  nachgefiihl  der  eingetretnen  Ver- 
dichtung und  stellte  dem  starken  un  schwaches  tön  gegenüber. 

Da  nun  aber  das  zweisilbige  goth.  dedum  in  alle  flexionen  des  prst. 
conj.  übergieng,  mithin  diese 

skuldedjau  skuldedeis  skuldedi,  skuldedeima  skuldedei]?  sknldedeina, 
naside^jau  nasidddeis  nasidedi,  nasidedeima  nasidödeij)  nasidedeina 
lauteten  und  von  den  starken 

nemjau  nemeis  nSmi,  nemeima  nemei]>  nSmeina 
abstanden;  so  fragt  es  sich,  ob  auch  im  conjunctiv  der  alamannische  dialect 
von  den  übrigen  abgewichen  sei? 

Sicher  gebührt  hier  dem  pl.  aller  dialecte  langes  i,  weil  et  schon  im 
goth.  ei  begründet  ist: 

scoltimes  scoltit  scoltin 
neritfmds  neritit  neritin, 
ganz  wie  nam!mSs  nämit  namin, 

obschon  die  handschriften  diese  theoretische  aufstellung  nicht  rein  erkennen 
lassen,  meist  nur  i  statt  i  gewähren,  welches  aUmälich  auch  jenem  gewichen 
sein  musz.  nicht  anders  darf  die  theorie  der  zweiten  person  des  sg.  durch- 
gängig is  einräumen,  sowol  in.nämis  als  inscoltis,  neritis.  Schwierigkeit 
greift  blosz  fär  I  und  III  sg.  platz,  hat  man  aus  dem  goth.  jau  ein  ahd.  i» 
aus  goth.  i  der  starken  flexion  ein  ahd.  i,  aus  goth.  dedi  der  schwachen  ein 
ahd.  i  zu  folgern?  in  der  dritten  person  starker  form,  glaube  ich,  darf  insge- 
mein nur  kurzes  i  eintreten,  weil  zu  langem  nirgends  ein  gmnd  obwaltet,  fox 
die  schwache  4orm  wird  aber  wiederum  zwischen  fränkischbairischem  dialect 
und  dem  alatnannischen  zu  unterscheiden  sein,  dieser  wird  das  goth.  dSdi 
durch  ti  auschrücken»  wie  dddun  durch  tdn,  j^er  hingegen  kurzes  ti  behalten, 


DIE  DEÜTSHE  INSTBUMENTAUS.  151 

• 
wie  er  tan  behielt,  hiernach  ist  also  starke  und  schwache  öexion  der  III  sg. 
priet.  conj.  aiamannisch  verschieden,  sie  lautet  nämi  aber  scolti,  neriti,  wäh- 
rend fränkisch  nami  und  scolti,  neriti  galt,  entscheidend  für  den  alamanni- 
sehen  brauch  ist  Kotker,  welcher  wäre  esset,  chäde  diceret,  täte  Sstceret, 
wnrte  fieret,  stieze  tunderet  schreibt,  allein  solti  deberet,  mahti  posset,  lusti 
cuperet«  sconti  incitaret»  gleichviel  ob  die  handschriften  oft  auch  solti  mahti 
lasti  setzen,  keine  wird  solte  mafate  luste,  noch  wen%er  wäri  chädi  tati 
schreiben,  wie  vorhin  im  ind.  bürgen  und  habetön  nebeneinander  standen, 
findet  sich  hier  im  conj.  traoge  und  solti  Bth.  56;  zegienge  unde  begondi 
Bth.prol.3,  überwände  und  fröniscoti  Cap.  164;  fareti  and  bräche  Gap.  164. 
diese  e  oder  i  der  starken  III  sg.  praet.  conj.  stehen  auf  gleichem  fasz  mit 
der  starken  II  sg.  pra^t.  ind.  Was  endlich  die  I  sg«  conj.  angeht,  so  ist  diese 
gerade  wie  die  III  zu  behandeln,  weil  Notker  wäre  essem,  täte  facerem ,  da- 
gegen solti  deberem,  mahti  possem,  scunti  incitarem  schreibt. 

Ich  glaube  mit  dieser  auseinandersetzung ,  und  sie  muste  umständlich 
geschehen,  eine  vorher  übersehene  eigenheit  des  alamannischen  dialects  ge- 
bührend hervorgehoben  zu  haben,  dieser  dialect  zeichnet  «ich  noch  durch 
vieles  andere  aus,  was  einmal  genau  zusammengefaszt  werden  sollte;  bis 
auf  heute  erscheint  unter  den  volksmundarten  die  schwäbische  und  schwei- 
zerisch* vorzüglich  lebendig  und  sinüig,  es  wäre  ein  glück  gewesen,  wenn 
unser  hochdeutsch  sich  mein*  aas  der  ^alamannischen  spräche,  als  aus  der 
fränkischen  und  bairischen  gebildet  hätte,  wie  weit  steht  die  klarheit  und 
frische  in  Hebels  poesie  über  der  blöden »  die  verbalflexion  oft  abbeiszenden 

mnudart  des  dietmarsischen  quikborns. 

JACOB  GRIMM. 


DER  DEUTSCHE  INSTRUMENTALIS. 


Was  wir,  nach  weise  der  Slaven  und  Litauer,  dativ  und  instrum^tal 
nennen,  heiszt  auf  lateinisch  dativ  und  ablativ.  die  griechische  st>rache  kennt 
keinen  ablativ,  nur  den  dativ.  das  latein  wirft  beide  casus  häufig  zusanunen, 
im  pl.  überall  und  im  sg.  zweiter  declination ,  nicht  selten  dritter;  blosz  die 
erste,  vierte^  fünfte  unterscheiden  den  dat.  ae,  ui,  ei  vom  abl.  a,  u«  e,  die 
dritte  gewöhnlich  d^  dat.  i  vom  abl.  e.  es  leacteet  ein ,  dasz  i  In  allen  de- 
clinationen  (denn  ae  ist  =  ai  und  o  steht  für  oi)  den  dat.  wirkt,  im  abl.  aber 
wegfallt  zu  merken  sind  die  pronominaldative  ei,  Uli,  isti^  ipsi,  *cai,  huic 
gegenüber  den  dreigeschlechtigen  abL  eo  ea  eo,  ilto  iilaiUe>  isto  ista  isto, 
ipso  ipsa  ipso,  quo  qua  quo,  hoc  hac  hoc. 

Auch  in  den  deutschen  sprachen  hat  der  pl.  nur  dative^  keine  instrumen- 
tale, und  der  sg.  scheint  sparsam  damit  versehen,  wo  eine  instrüraedtalform 
haftet,  verdrängt  sie  meistentbeils  den  dat,  das  ist  ein  zeichen  aussterbender 
formen,  wie  z,  b.  auch  duale,  wenn  sie  haftan,  den  pl.  mitv^tetea. 


152  JACOB  GRUIM 

« 

Der  Gothe  besitzt  blosz  in  den  partikeln  ei,  ]>e  oder  ])ei,  bi])^,  clü)e, 
hve,  sve,  desgleichen  in  den  pronominalbildungen  hv^leiks ,  favelauds  Über- 
reste des  instr.  neutr.,  unterschieden  von  dem  dat.  imma,  ])amma,  hvamroa, 
kein  svamma  bietet  sich  dar.  das  eigentliche  nomen  snbst  und  adj.  kennen 
keinen  instr.  m.  oder  n.,  lauter  dative. 

Ahd.  entspricht  nichts  den  goth.  partikeln  ei  und  sve,  wol  aber  dia  und 
pidiu,  zidiu  dem  Je,  bijö,  duJÄ;  huiu,  später  wiu  dem  hve;  die  dative  lauten 
imn,  demu,  huemu.  auszerdem  ist  hin  ein  den  Substantiven  tagu  und  jäm, 
also  einem  m.  und  n.  zugesellter  instrumental,  ganz  im  sinne  des  lat.  hoc^nnd 
die  kürzung  hiutü  gleicht  vollkommen  dem  lat.  hodie  für  hoc  die,  hiujarii  kürzt 
sich  in  hiuru,  das  lat.  horno  geht  auf  hoc  anno  zurück,  homus  gebildet  wie 
diumns  von  diu,  die.  dem  Gothen  gilt  ein  dativisches  himmadaga,  kein 
himm^era  begegnet ,  unerhört  wäre  ein  instrumentales  hedage ,  hejSre.  ans 
dem  ahd.  hiutu,  hiuru  folgt,  wie  gesagt,  ein  substantivischer  instr.  m.  und  n. 
tagü,  järu  und  die  grammatik  hat  ihn  in  viscö  angesetzt  neben  dem  dat.  visca, 
wie  den  instr.  adj.  plintd  neben  dem  dat.  plintemu.  für  das  m.  ist  beweisend 
mit  gern  im  Hildebrandslied,  fürs  neutr;  dinu  speru  und  billiu  ebenda,  goth. 
hvSleiks  wird  zu  ahd.  huiolih,  wiolih  statt  huiülih,  wiulih. 

Alts,  ist  der  oft  erscheinende  instr.  thiu  auf  das  n.  einzuschränken  und 
dem  m.  abzusprechen,  nicht  zu  übersehn  der  gleiche  casus  in  thins,  hoft  doch 
unterscheidet  sich  auch  im  n.  der  dat.  themu  vom  instr.  thiu.  snbst.  und  adj. 
gewähren  denselben  instr.  folkü,  barnü,  gödü,  mind  neben  dem  dat.  folka,  barna, 
gödemu,  minemu.   masculina  gestatten  blosz  den  dat.  fiska,  gödemu,  minemn. 

Ags.  lautet  die  dem  goth.  Je ,  ahd.  diu  entsprechende  partikel  Je  oder 
Jy,  dem  alts.  thius  gleicht  ags.  Jeos.  die  nominalinstrumentale  endigen  auf 
e,  sind  aber  für  adj.  und  snbst.  sowol  dem  m.  als  n.  zuständig,  neben  beiden 
gilt  zugleich  ein  dativ.   belege  sind  gegeben  GDS.  936. 

Altn.  erscheint  Jvi  und  hvi  für  goth.  Je,  hve,  offenbar  ist  Jvi  unorga- 
nisch an  die  stelle  von  Ji  getreten ,  das  noch  hin  und  wieder  aufbaucht,  auch 
durch  schwed.  ty,  dän.  ti,  neben  hvi  bestätigt  wird,  nicht  nur  diese  beiden 
instrumentale  y  sondern  auch  die  adjectivischen  auf  u  endigenden  stehn  bIos2 
dem  n.,  nicht  dem  m.  zu,  erstrecken  sich  beim  n.  aber  zugleich  auf  den  dativ, 
anders  ausgedrückt,  alle  neutralen  adjectiva  haben  nur  den  instr.,  alle  männ- 
lichen nur  den  dat.,  alle  substantiva,  welches  geschlechts  sie  seien,  lediglich 
den  dativ. 

Überschauen  wir  die  bisher  verhandelten  instrumentale ,  so  sehen  wir 
sie  bald  dem  nomen  überhaupt,  bald  dem  subst  entzogen,  bald  aufs  nentram 
beschränkt,  bald  dem  masc.  und  neutr.  überwiesen,  ihr  hauptsitz  scheint 
allerdings  das  pronominale  und  adjectivische  neutrum,  in  welchem  sie  wie- 
derum den  dativ  sowol  vertreten ,  als  neben  sich  dulden,  mhd.  und  nhd.  hat 
der  dativ  ganz  die  herschafb  an  sich  gerissen  und  mit  ausnähme  einiger  Über- 
bleibsel in  Partikeln  den  instr.  verdrängt. 


DIE  DEUTSCHE  INSTRUMENTALIS,  163 

Noch  aber  ist  ungefragt  Dach  einem  weiblichen  instrnmentalis,  nnd  dar- 
auf 2u  antworten  bildet  der  nntersnehung  schwierigsten  theil.  da  sich  der  lat. 
abl.  f.  sg.  meistens  von  dem  dat.  scheidet,  der  sl.  nnd  lit.  instr.  f.  vom  dat.  ab- 
steht, warum  sollte  unserer  spräche  diese  Unterscheidung  fremd  geblieben  sein? 

Ich  habe  ein  Verhältnis  wenigstens  zu  berühren,  dessen  erörterung  nicht 
hierher  gehört  die  lateinische  spräche  erweitert  in  erster,  zweiter  und  fünfter 
declination  sämtliche  noroina  jedes  geschlechts  durch  ein  dem  gen.pl.  einge- 
schaltetes, aus  S  entsprungenes  R.  wir  schalten  gleichfalls  allen  starken  ad- 
jectiven  der  aform  R,  goth.  Z  ein,  nicht  den  Substantiven;  aber  wir  gewähren 
dasselbe  R  auszerdem  allen  starken  gen.  und  dat,  sg.  f.  unser  nhd.  blinder 
ist  niederschlag  des  ahd.  plintero  cajcorum,  caBCorum,  des  gen.  sg.  f.  plintera 
c«cae  und  dat.  sg.  f.  plinteru  caecae.  die  goth.  gen.  pl.  blindaize  blindaizd 
blindaize  kamen  oem  lat.  caecorum  csBcarum  caecorum  noch  näher,  der  gen.  sg. 
lautete  blindaizos;  doch  der  dat  sg.  f.  nicht  biindaizai,  vielmehr  blindai,  dem subst 
gibai  analog,  alle  übrigen  deutschen  sprachen  lassen  das  R  auch  dem  dat.  sg.,  der 
ags.  dat  flectiert  gleich  dem  gen.  blindre,  der  altn.  gen.  blindrar,  dat.  blindri. 

Dasz  die  Gothen  ihrem  dat.  blindai  das  z  entzogen,  ist  bedeutsame  al^-^ 
weichung  von  dem  typus  der  übrigen,  doch  erscheint  eine  wichtige  ausnähme, 
dem  dat  izai  und  ])izai  des  pronomens  steht  z  dennoch  zu,  wie  dem  gen.  izos, 
]>izös,  was  läszt  sich  daraus  entnehmen? 

Ich  bin  auf  den  gedanken  verfallen,  dasz  izai  und  ]>i2ai  wahre  dative 
seien ,  blindai  instrumentalform  zeige ,  die  im  gothischen  den  dat.  biindaizai 
verdrängte,  wie  umgekehrt  der  männliche  und  neutrale  dat.  imma,  ])amma, 
bliodamma  den  instr.  verdrängt  hat,  den  wiederum  dieselben  pronomina  in 
den  Partikeln  ei  und  ])e  hegten,  der  eigentliche  instr.  konnte  demnach  blinde 
oder  blindei  lauten. 

Ahd.  erhielt  sich  die  dativflexion  vorwaltend  sowol  in  imu,  denm,  plintemu 
als  in  im,  dem,  plintem;  nur  ausnahmsweise  bricht  der  instr.  diu,  plintü  hervor. 

Ags.  herscht  der  dat.  in  him  hire  him,  ])äm  ]>aBre  ])am,  blindüm  blindre 
blindum,  woneben  doch  die  männlichen  und  neutralen  instrumentale  ]7e  nnd 
blinde  vorkommen. 

Altn.  gilt  der  dat  m.  in  ])eim,  blindum,  der  dat.  f.  in  ]7eirri,  blindri,  hin-* 
gegen  der  instr.  n.  in  J)vi,  blindu,  folglich  ist  im  m.  f.  der  instr.,  im  n.  der 
dat  gewichen,  blindu  tilgt  blindum  wie  blindai  biindaizai. 

Sollte  sich  aber  jener  gemutmaszte  goth.  instr.  f.  blindai  nicht  auch  io 
den  andern  dialecten  spüren  lassen? 

Bei  Otfried  1.  25,  6  ist  eine  merkwürdige  stelle: 

dmhtin,  qnad  er,  wio  mag  sin,  ja  bin  ih  smäher  scalc  thin, 

thaz  thih  henti  mine  zi  doufenne  birine? 

hier  kann  man  henti  nicht  als  nom.  pl.  deuten  und  das  verbum  im  sg.  statt 

des  pl.  (keine  hs.  liest  birinen)  hinzu  nehmen,  denn  es  müste  minö  daneben 

stehn;  wäre  aber  mine  die  zur  dativform  des  subst.  gefagtQ  weibliche  instm- 


164  HOrPMAMN  VON  FAIXERSUSBISI 

mentalflexion,  so  ergäbe  iiich  der  passende  sinn,  dasz  ich  dieli  mit  meiner 
hand  berühre,  und  dies  henti  mine  birein  gliche  aufs  haar  dem  gotk  gamelida 
meinai  handaa,  scripsi  mea  mann.  Pfailem.  19  oder  dem  nfraelida  handan 
meinai,  sabscripsi  mann  mea  in  der  nrkande.  dem  ahd.  männlichen  instr. 
minA  stände  der  weibliche  mine  zur  seite,  wie  vielleicht  dem  ags.  männlichen 
mine  der  weibliche  minä»  da  Lye  unter  dem  wort  read  aus  ps.  136,  15  die 
phrase  anffthrt  *on  J)ä  saa  readre'  in  man  rubre,  wo  ])ä  nicht  der  acc.  sem  kann 
wegen  des  folgenden  re&dre,  dies  müste  denn  für  reade  verschrieben  sein, 
doch  soll  auch  ps.  105«  21  stehn  on  s»  reädre,  ohne  artikel,  was  den  dativ 
bestätigt,  femer  hat  Beda  2,  13  mid  ]>ä  fsmnan  cum  virgine;  474,  24  \i 
fordgongenre  tide,  procedente  tempore,  in  welchem  ]>ä  unmöglich  einacc; 
gesehen  werden  kann. 

Längst  war  von  Holzmanns  Scharfsinn  eingesehn  worflbn,  dasz  auch  im 
ahd.  Isidor  1%  4  die  steile  dhanne  ir  mit  ercnä  ewä  abgrundiu  wazar  umbi 
hringida,  quando  certa  lege  gyro  vallabat  abyssos,  dn  instr.  f.  stecken  müsse; 
ich  suchte  vergebens  den  acc.  festzuhalten,  der  auch  sonst  unleugbar  der 
prop.  mit  folgt,  hier  ist  der  instr.  eben  so  wenig  zu  leugnen,  and  wir  haben 
nur  anzunehmen,  dasz  neben  solchem  ä,  das  dem  ags.  ä  begegnet,  bei  Otfried 
&  eingetreten  sei,  welches  e  auch  im  ahd.  pl.  ql  und  in  der  coiyngation  dem 
goth.  ai  entspricht. 

Nettgefundene  stellen  mögen  alles  besser  aufklären  und  was  diesmal  zn 
vermuten  gewagt  wurde  vollends  sichern  oder  abweisen,  über  den  dativ  der 
goth.  substaative  gibai,  anstai  werde  ich  bei  uidrer  gelegenheit  sprechen. 

JACOB  6BIMM. 


LEDER  HERZOGS  JM  L  VON  BRÄBMT. 


Die  Lieder  des  ritterlichen  brab«it*sche&  Herzogs  Janl.,  der  den  3.  Hai 
1294  an  der  Wnnde  starb,  die  er  im  Turnier  zu  Bar  erhielt,  sind  bekanntlich 
nur  in  einer  einzigen  Handschrift  enthalten,  in  der  Pariser  Nr,  7266,  worin 
aufter  diesen  Liedern  nur  hochdeutsche  vorkommen.  Sie  sind  in  v.  d. 
Hagen's  Minnesingern  1,  15—17  gedruckt.  Mona  hält  Nr.  1  und  8  fftr  hoch- 
deutsch, V.  d.  Hagen  auch  noch  Nr.  2,  3,  7  und  9.  Nach  meiner  Ansicht 
ist  nur  Nr.  8  hochdeutsch  und  die  letzte  Strophe  von  Nr.  6,  die  aber  auch  gar 
nicht  dazu  gehört. 

Schon  vor  30  Jahren  hatte  ich  eine  Wiederherstellung  versucht  und  an 
das  königl.  Institut  zu  Amsterdam  gesendet.  Später  hat  Willems  in  s.  Onde 
vlaemsche  Liederen  (Gent  1848)  Bl.  11—26  alle  9  Lieder  vemieder- 
ländischt.  Dadurch  ist  aber  ein  neuer  Versuch,  den  Text  seiner  Ursprung- 
lichkeit  zu  nähern,  nicht  überflüssig  geworden ,  und  so  will  ich  denn  einen 
sotcben  neuen  Y ersuch,  wie  ich  ihn  bereits  in  der  zweiten  Ausgabe  der  Pari 


LIEDER  HEBZ006  JAK  I.  TOM  BRAMNT.  155 

I.  meinef  Horae  belgicae  (Hannover,  Rümpler  185T)  S.  129  angekündigt  habe, 
jetzt  infttheilen. 
WXDCAB,  21.  Jaiiiiar  1868.  HOFFMAKN  YOK  FALLEBSUEBEV. 

h 

1.  Bfiniqc  ende  goet, 
hoofsch  ende  rener  sinne 
Efi  si  ende  wael  ghemo6t 
die  ic  met  tronwen  miime. 
Si  es  coningfamne 

in  miere  herteo  gront, 
daer  si  bestedet  es  inne 
na  ende  ooc  talre  stont      ^ 

Vriendelijc  bevanghen 

heeft  mi  een  roder  mont 

ende  twee  lichte  wanghen, 

daer  bi  een  kele  ront. 

2.  Noch  wordic  ghesont, 
trooste  mi  die  minnelike^ 
Die  mi  heeft  verwont. 
ach  ghenade  doghetrike! 
Ic  moet  sekerlike 
sterven  in  corter  stont, 
mi  werde  gfaraadeUke 
dan  Qwe  goede  cont. 

Vriendelijc  bevanghen 
heeft  mi  een  roder  mont 
ende  twee  lichte  wanghen, 
daer  bi  een  krie  ront 

3.  Lichte  oghen  daer, 
minlic  een  Heflic  kinne 
Doen  mi  sorghen  baer. 
ach  ghenade  coningfainne! 
In  senender  noot  ic  brinne 
na  n  in,  alre  stont: 

helpt  mi,  dat  ic  ghewinne 
troost^  miere  Salden  voot. 
Vriendelqc  bevanghen 
heeft  mi  een  roder  mont 
ende  twee  lichte  wanghen, 
daer  bi  een  kele  ront. 
1,  7.  biiHiiP,  mm  Skm$  a/rnrnnitm.    - 
11.  Bm  WUmm''  ende  tw«e  blosende  iraag«n. 


IM  HOmCAMK  VON  FALLERSLEBEN 

2.  8.   B0i  WaUmti  dan  uwer  goetheit  eonl.  • 

S.  8.  baer,  ßrei,  Uäig  —  gut  mid^  —  also:  maehin  mUhfrei  von  Scrgmn,  Daraut  fmuht 

Willmu:  doen  mi  sorgen  openbaer. 

5.    Senen  dem  MKd,  entlehnt^     Willsms  ßigt  dcufu  folgende  Bemerkung  —  erlMt  näm- 

^A  in  iwinender  noet:  „In  swinender  noet,  in  hezwyhender  nood.  Est  MwahUtl^ 

hetft  sender  not,  %oaervoor  ik  tri  enge  tael  geen  gepctst  woord  vond,  Later  voerd« 


8.  hat  Wiümns  völlig  missverstcmden:  er  denkt  an  Wunde,  ändert:  troest  ted  mir« 
▼eneerderwont tMu2  bemerkt  doMu:  „veraeerder  wont.  Het  gwahisch  heeft  saelder 
▼nnt,  vervuiide  vfont."^  —  Saide,  nd,  und  nl.,  es  findet  sieh  im  Leven  van  Jetw 
eap.  115  und  mehrmals  hei  Potter,  KiUaen  kennt  es  nicht  mehr. 

n. 

1.  Eens  meienmorghens  vroe 
was  ic  opghestaen, 

In  eoD  schoon  bogaerkyn 
sondic  speleD  gaen. 
Daer  vant  ic  drie  joncfronwen  staen, 
die  een  sanc  voor,  die  ander  sanc  na: 
harba  lori  fa,  harba  harba  lori  fa, 
harba  lori  fa. 

2.  Doe  ic  versach  dat  schone  crant 
in  den  bogaerkyn 

Ende  ic  verl^oorde  dat  soete  ghelant 
van  den  maechden  fijn, 
Doe  verblide  therte  mijn, 
dat  ic  singben  moeste  na : 
harba  lori  fa,  harba  harba  lori  fa, 
harba  lori  fa. 

3.  Doe  groettic  dalreschoonst, 
die  daer  onder  stont, 

Ic  liet  tn^n  aerm  al  omme  gaen 
doe  ter  selver  stont; 
Ic  wondese  cnssen  aen  hären  mont, 
si  sprac:  laet  staen,  laet  staen,  laet  staen! 
harba  lori  fa,  harba  harba  lori  ßi, 
harba  lori  fa. 

1,  3.  bogaeridjn/£ir  boomgaerdeidjo,  BaumgOrtchen,  4ie  Unterärüehung  desm  indiete» 
Worte  gang  gewöhnlieh. 

5.    Danach  in  der  Hs,  noch  eine  Zeile:  n  waren  so  wol  getan. 

7.  harbalorifo,  ein  Refrain,  eine  blosse  Jauehsung  (mhd.  jÄwesnnge,  iubHatiiö),  o»t  U- 
grijßosen  Lauten  und  Worten  susammengesetzt ,  vgl.  W.  Waekemagelf  AUfrant' 
Lieder  und  Leiche  203.  Es  ist  also  eitele  Mühe,  dergleichen  erklären  su  woUe»» 
wie  Willems  harbalorifa"  herba  fiors  fa ,  Vh&rbe  fait  des  fleurs ,  Vherbe  semsten 
ßeurs.*^ 


USDSB  B1R20C«  JAN  I.  VON  BIUBANT.  167 

IIL 

1«   Onghelgc  staet  ons  die  moet  ~  . 

mi  enten  denen  woutvoghelkinen, 
Want  si  vroawen  sich  der  bloet 
diese  nten  asten  sien  schinen, 
Daer  onder  si  willen  rawen  desen  coelen  mei 
ende  verniewen  haer  ghesanc  enthaer  gheschrei. 

Emmer  dienen  sonder  loon  dats  jamerlic. 

wetti  wie  dat  heeft  ghedaen?  siet  dat  ben  ic. 

2.  Ic  wil  emmer  bliven  staet 

ende  en  wil  haer  niet  ontwenken. 
Loont  si  mi  met  missedaet. 
wee,  wes  sal  ic  dan  ghedenken! 
Neen,  vroa  Venns,  laet  ontfermen  di, 
ende  bid  die  lieve  dat  si  trooste  mi. 

Emmer  cBenen  sonder  loon  dats  jamerlic. 

wetti  wie  dat  heeft  ghedaen?  siet  dat  ben  ic. 

3.  Ic  moet  emmer  draghen  qnaei  « 
nacht  ende  dach  ende  tallen  stonden. 

Dat  doet  mi  haer  minnestrael, 

die  ver versehet  mine  wenden. 

Die  staen  onverbonden,  dats  al  te  haert: 

na  alrierst  so  jaech  ic  opter  wedervaert 

Emmer  dienen  sonder  loon  dats  jamerlic. 

wetti  wie  dat  heeft  ghedaen?  siet  dat  ben  ic. 

1>  3.   bloet,  Blaths,    Äueh  beiIHrc  Potter  in  Der  Minnen  hap  2,  S774 : 
daer  die  minne  in  bloete  itaet. 
Bei  Willemi:  als  «i  Teriiogea  dor  den  Uoet. 

4.  Für  nten  atten  bei  WUleau  ten^uten  nte. 

5.  Für  mwen  bei  Wülemt  ritten.    Bnwen  ^  nwU,,  bei  KUiaen  roenwtn,  ronwea, 
mwen. 

2,  1.    Itaet,  fe$t,  itandhcft»  bei  WtUeme  gestade,  dasselbe  was  bei  Potter  itadieht  ttidilic, 

itede,  Btedich,  stedelic,  mhd.  8t»te. 

5.  Flkr  ontfermen  bei  Willems  teie  tn  der  Bs.  erbarmen. 

6.  Für  bid  die  Uere  bei  Willems  sech  die  lielite. 

3,  6.    wederraert,  Rückkehr,  Umkehr,   opter  wederraert  jagiien,  so  jagen  dass  man  eu  der 

verlassenen  Spur  wieder  umkehrt ,  also  wieder  von  frisehem  mu  jagen  anfangen 
muss»  wie  es  in  dem  lAede  der  Limburger  Chronik  beim  J,  1379  heisst  : 

die  widerrart  ich  genslichen  Jagn, 

das  praere  ieh  jeger  an  der  tpor. 

IV. 
1.  Johcfrou  edel,  goedertieren» 
waelgheraket  van  manieren. 


158  HOmCANN  TON  FALLERtaJOMBir 

als  ghi  ghebiedt  so  sal  ic  vieren 
vernoy  daer  ic  ben  iime. 

Dat  ic  BUS  moet  qaekn» 

dat  doet  mi  lieve  mione. 

in  cans  mi  ghehelen: 

ghewaerlic  ic  ontsinae. 

2.   Uw  eichen  wil  ic  wesen: 

wet  yoorwaer,  in  cans  gbenesen» 

ten  si  dat  ic  in  desoi 

troost  moghe  aen  n  ^eiriniMn. 

Dat  ic  SOS  moet  qneirai» 

dat  doet  mi  lieve  minne. 

in  cans  mi  ghehelea : 

ghevaerlic  ic  ontaiime. 

1,  1.   goedarüMren  (A.  gaotet  diren),  amßmfUij^,  mMm  WmM,  f^  Eqt.  hOg.  3, 138. 

2.  iraeli^ertket,  vorWgUch,  auig^mchnet,  v^  d4  Vrint  L^tmtfUghel  woorMijf^ 
Bh  43fr. 

5.  Ternoy  Tieren, /fM*  von  LM  i^in,  renioy  {Hk.  fOr  noij),  s,  darüber  Bor.  belg.Zt  1^* 
Ei  stammt  vom  praveng.  enoel,  enoi«  «Md  woher  dim—  «.  DUm  Wb,  240  wnttr  noja. 

4.    ras,  dos,  60. 

6.  Für  mi  liere  minne  M  WiUemi  mire  liefiste  minne. 

7.  ghehelen,  vwhehUr^ 

8.  entsinnen,  von  iStnn«n  kommen,  wfhiinmg  werden, 

2,  1.    eighen,  a^  und  subet.,  ein  Leibeigener,  Höriger.   Ober/Omig  als»  dae  man,  v/tkket 

WiUemi  hmjfufUfft ,'  eigenman. 

3.  ten,  si/ttr  het  en  si« 

Der  cnoschen  smalen  brone  oghen 

die  hebben  mi  dat  gbedaen, 

Dat  ic  minnen  moete  doghen» 

ic  val,  in  can  niet  gbestaen. 

Gheeft  si  mi  troost,  so  waer  mi  wael  ghescliietf 

ocbarme  ic  pense  sine  weis  doen  niet. 

Die  mi  heeft  sus  bevaen, 

in  baer  prisoen  ghedaen, 

die  en  welle  mi  troosten,  ic  ben  doot  sonder  waen. 

1.    Dire.  Potter,  der  Minnen  loop  1,  1525: 

se  ghino  die  edele  cnusehe  smal 
alleine  spatseren  in  een  dal. 
smal,  niedlieh,  nett»  groHöe, 

3.  doghen,  Willems  hat  dafür  togen ,  flandrisch  dasselbe  was  toonen,  eeigen ;  si  m' 
aber  nur  das  mhd,  tongen,  h«iniUeh,  was  hier  der  Dichter  aus  dem  Hochdeutschen 
entlehnt  hat, 

4.  in  d  i.  ic  en. 

6.    ochanne,  sonst  aueh  ay  annek  Bor,  beig,  3,  126.     >FIMmw  hat  wachanne. 


UEDU  BBBZOOS  JAN  I.  TOST  nUBANT.  IM 

VI. 

1.  In  sach  noit  lo  roden  mont 
noch  ooc  so  miiin#itc  oghen 

Als  si  heeft  die  mi  heeft  ghevont 
al  in  het  herte  doglien. 
Toch  leve  ic  in  hoghen 
ende  hopes  loon  ontfaen: 
gheeft  si  mi  qoale  dogben» 
si  mach  mgs.beteren  säen« 

Lief»  mi  heeft  aw  minne 

so  vriendeiyc  beva^, 

dat  ic  n  met  sinne 

moei  Wesen  onderdaen. 

2.  Mi  es  wad  als  ic  mach  sgn 
bi  miere  schonen  yroowen 
Ende  ic  dan  haer  ciaer  aenscbqn 
ende  haer  ghelaet  mach  schouven. 
God  verre  si  van  rouwen! 

si  es  so  waelghedaen, 
dat  ic  haer  met  tronwen 
moet  tallen  diensten  staen. 

Lief»  nu  heeft  aw  minne 

so  vriendelijc  bevaen, 

dat  ic  n  met  sinne 

moet  Wesen  onderdaen. 

1.  in  d.  *.  io  en.  — '  noü,  nUmoU. 

4.  doghen  ist  wieder  da*  mhd,  tong^n  wie  V.  3. 

5.  in  hon^  leTen,  tu  Frm»dm  Ubm,  vgU  Muydee,  op.  Stets  3,  SM  Mv.  /ülü  nl^  ttr« 
hengd  njn. 

6.  hapetfOrhope  des* 

7.  doghen,  erleiden. 

8.  laen,  goffleieh,  mhd.  iS»  tAn. 

3.  aeniehijn,  Anguicht, 

4.  Reiset»  dcu  Ausishen. 

5.  Teiren,  fem  luUten,  —  ronwe,  Betrübniti, 

VH 
L  Menech  cteatnur  es  blide» 
die  onthier  in  sorghen  was; 
Dats  natnnriic  teghen  den  tide. 
toch  helt  mi  minne  in  een  pas: 
Si  doet  mi  dat  ic  verswine. 
ghenade,  cnusche,  waerde»  fine! 
om  n  pensic  dach  ende  nacht. 


160  HOmfAMK  VON  PAIXEB8LEBEN 

Mi  es  droef  van  baer  te  sine, 
nochtan  lidic  bi  baer  pine, 
dat  doet  recbter  minnen  cracbt 

2.  Menech  belt  van  minnen  tale, 

dien  nocb  niet  dwanc  der  minnen  bant. 

Ic  woa  dat  mens  kende  wale, 

sone  werde  goet  minne  niet  gbescbant 

Tes  clerc,  leke  no  begbine» 

si  togben  sieb  baten  lief  te  sine, 

des  toeb  int  berte  niet  en  bacbt. 

Mi  es  droef  van  baer  te  sine, 

nocbtan  lidic  bi  baer  pine, 

dat  doet  recbter  nünnen  cracbt 

3.  Haddic  caur  van  allen  vrouwen, 

sone  wandelde  tocb  niet  bet  berte  mijn; 
So  seer  mimiic  eeo  met  tronwen, 
dat  ic  baer  onderdaen  moet  sijn. 
Tuscben  Mase  enten  Rine 
en  es  gbeen  scboner  dan  die  mine, 
si  leit  vast  in  miere  gbedacbt. 

Mi  es  droef  van  baer  te  sine, 

nochtan  lidic  bi  baer  pine, 

dat  doet  recbter  minnen  cracbt. 

1,  1.    hhde, /röhUch. 

2.  onthier  (Si.  bis  her),  bis  her,  nihd.  anxe  her,  Sor.  belg.  3,  148. 
8.   Für  teghen  hei  WilUms  omme. 

4.  In  een  pas  honden,  in  einmn  Zuitamdß  halten;  $o  aueh  bei  Pottet  2,  8872. 

6.  yerswinen,  daetelbe  wae  Tordirineii,  vergehen, 

7.  pensen,  dat  fr 0.  penser. 

10.    Für  rechter  bei  Willeme  oprechter. 

2,  1.    tale  houden,  sieh  aussprechen, 

3.  ic  wou  für  ic  wonde,  ich  wonte,  ieh  wollte. 

6.  sie  geigen  sich  von  aussen  lieb  $fu  sein.  Bei  Willems  völlig  missglückt:  sine  toeo« 
uter  rasten  te  sine,  mit  der  Erklärung:  „Of  gy  (hy)  Pracht  de  rust  te  Verliesen.  ^ 
Mwabisehe  tekst  stelt  liep,  ly/.*'     Die  Hs.  hat :  si  enge  sich  nzen  Uep  ze  sine. 

7.  hacht,  haftet;  dafür  Willems  acht. 
8,    1.    caur  hebben,  zu  wählen  haben. 

4^   Für  onderdaen  bei  Willems  onderdanech. 

5.  Bei  Willems  ende  tasschen ,  vercmlasst  durch  das  missverstandene  mhd.  iniwiscbso* 

IX. 

1.   Sal  ic  sus  gbebonden, 
joncfrou,  voor  u  staen? 
Helet  mine  wenden! 
wat  bebbic  gbedaen? 


STABAT  KATER  IN  DUlTSCm.  161 

Vroa,  door  god  ghenade, 
veel  reine  Ealech  w\jf! 
troosdi  mi  te  spadie, 
dat  nemet  nü  het  lijf. 

2.   Ben  ic  sus  verdelet, 
joncfroa  minnelic? 
Blijfic  onghehelet, 
dan  verderve  ic. 

Vrou,  door  god  ghenade, 

veel  reine  saiech  wijfl 

troosdi  mi  te  spade, 

dat  nemet  mi  het  lijf. 

1,  8.   Uj^  Leben. 

2,  1.   Terdelet,  vefuriheüt,  verdammt;  Willems  hat  dafür  dcu  jüngere  rerordeelet 


STABAT  MATER  IN  DUITSCHE. 

(Ans  Ghetijdeii  nui  onfer  liereii  Tromren.  UoToUit.  Exemplar  der  LübecUicfaen  Stadtbibliothek, 

wahnch.  Leiden  1497.) 


1 .  Die  moeder  stont  vol  van  ronwen 
wenende  onder  tcrais  met  rouwen, 
daer  haer  lieve  sone  aenhinc» 
Wiens  siele  sachtende  ende  bevende, 
seer  bedract  in  swaerheit  levende, 
metten  sweerde  des  rouwen  doorghinc. 

2.  0  boe  droeve  ende  hoe  onblide 
was  die  soetste  gbebenedide 
moeder  van  den  enighen  sone, 
die  welke  wenende  ende  ronwede, 

die  werde  moeder,  als  si  aenschoawede 
sine  pine  swaer  ende  onghewone! 

3.  Wie  is  die  mensche,  hi  en  dede  claghe, 
als  bi  Cristus  moeder  aensaghe 

in  sulken  swaren  druc  sijnde? 

wie  en  soude  niet  wenen  moghen 

sulc  moeder  siende  in  sulken  doghen 

so  droevich,  als  men  haer  kint  so  pijnde? 

4.  Omme  syns  volcs  sondighe  ghewenten 
siende  Jesom  also  tormenten 

11 


162  HOFFMANN  VON  PALLERSLEBEK,   8TABAT  MATER. 

ende  den  gbeeseelen  80  onderdaen. 
si  such  baer  kint  Beer  gbenoost 
ontfermelic  sterven  ende  ongbetroost, 
met  sacbter  Bielen  deerlic  uutgaen. 

6.   Eya  moeder,  fanteine  der  minnen, 
doet  mi  dien  druc  bevoelen  binnen, 
dat  ic  met  di  docb  wenen  macb; 
doet  dat  mine  herte  berne  sere 
in  der  minnen  Cbristi  onsen  bere, 
dat  bem  believe  mijn  bejacb. 

6.  Heiligbe  moeder  doet  dat  liden 
ende  sijn  wonden  tot  allen  tiden 
in  mijn  berte  vaste  ende  vri, 
doet  dat  sijn  passie  ende  wonden, 

sijn  smadigbe  crucinghe  om  onse  sonden 
deelacbticb  niet  mi  sondare  si. 

7.  In  mi  vesticbt  dijn  liden  altenen, 

doet  mi  de  crucinghe  dijns  sQons  bewenen , 
die  ben  in  dese  allende  gbeduurlic, 
doet  mi  waerlic  met  di  beclaghen 
die  crucinghe  seere  swaer  onverdraghen 
ende  met  begbeerten  bewenen  truurlic. 

8.  Doet  mi  met  di  ondert  eruce  staen, 
met  di  gbesellende  gherende  te  gaen 
ende  met  begbeerten  in  mi  gbeplant, 
desen  dmc  maect  mi  gbemeine 
ende  en  doet  in  mi  niet  wesen  deine 
die  begheerte  uwes  lidens  onderstant. 

9.  0  magbet  der  maecbden  boven  al, 
en  sijt  mi  niet  vreet  in  mijn  misval, 
doet  mi  met  di  wenen  gbenadelic, 
doet  mi  dragben  Christas  doot, 
sijn  passie  ende  liden  groot 

ende  denken  om  sijn  wonden  gbenadelic. 

10.    O  magbet  soet,  magbet  goedertieren, 
Maria  sacbtmoedicb  in  alle  manieren, 
aenhoret  roepen  des  dienaers  dijn, 
maect  die  wonden  met  pii  ghewont 
ende  tcruce  te  dragben  in  alre  stont. 
ter  liefden  van  den  sone  dijn. 


MAX  BIEOER,  DIE  KIEBELUNOENSAOE.  163 

11.  Insteect  ml  vierichlic  in  desen 

bi  di,  0  maghet,  beschermt  te  wesen 
in  den  daghe  sijns  ordeels  wreet, 
doet  dattet  cruce  behoede  mi 
ende  Christus  doot  bi  mi  si 
ende  met  gracien  maect  mi  ghecleet, 

12.  Met  Christo  doet  mi  verscheiden 

ende  gheeft  mi  te  comen  na  dit  beleiden 
te  liden  der  victorien, 
wanneer  dlichaem  sal  laten  dleven, 
doet  dat  die  siele  dan  si  ghegheven 
ten  paradise  der  glorien.     Amen. 

HOFFMANN  VON  FALLERSLEBEN. 


DIE  NIBELUNGENSAGE. 

vov 

MAX  RIEGER. 


Ethische  und  physikalische  Auffassung  eines  Mythus  sind  keine  aus- 
schließenden Gegensätze.  Was  in  den  uns  vorliegenden  Quellen  ethisch  ver- 
standen wird  konnte  auf  einer  früheren  Stufe  physikalischen  Sinn  haben;  die 
einfachere  Gestalt  der  Sage,  welche  dieser  fordert,  kann  der  complicierten» 
die  ans  überliefert  ist,  als  Grundlage  vorausgegangen  sein.  Was  Wilhelm 
Maller  als  Sinn  und  ursprüngliche  Gestalt  des  mythischen  Theiles  der  Nibe- 
luogensage  herausgefunden  hat,  soll  im  Folgenden  nicht  bestritten,  nur  dahin 
gestellt  sein.  Was  hier  über  denselben  Gegenstand  vorgetragen  wird ,  will 
Sion  und  Zusammenhang  der  Sage  nur  für  die  letzte  Periode  treffen,  in  der 
sie  überhaupt  noch  mythisch  verstanden  ward,  für  die  letzte  Periode  vor  jener 
Vermenschung  der  Mörder  Siegfrieds,  die  es  möglich  machte,  sie  für  eins  mit 
dep  von  Attila  vernichteten  Burgundionen  zu  nehmen.  Ob  nicht  einzelne 
Elemente  der  Sage  vor  und  neben  ihrer  Verwendung  in  derselben  eine  Existenz 
und  Bedeutung  fär  sich  hatten,  ob  vielleicht  die  Hauptzüge  selbst  früher  einen 
andern  Sinn  hatten  bleibt  unerörtert.  Ich  gehe  nicht  darauf  aus  zu  zersetzen, 
sondern  iiieder  aufzubauen ,  was  in  ansehnlichen  und  deutlichen  Trümmern 
von  einer  einstigen  Ganzheit  zeugt,  die  jenseits  all  unsrer  Quellen  liegt.  Ich 
fand  es  einladend  den  von  Lachmann  eingeschlagenen  Weg  noch  einmal  zu 
versuchen  um  ihn  wo  möglich  noch  weiter  zu  verfolgen  und  eine  noch  be- 
stimmtere und  vollständigere  Ansicht  aufzufinden.  Ich  dehne  die  Untersu- 
chung auch  über  den  angeschweißten  historischen  Theil  der  Sage  aus ,  nicht 
am  seine  genügend  aufgehellte  Beziehung  zur  Geschichte  noch  einmal  zu  er- 

11  • 


164  ^AX  RIEOER 

örtern,  sondern  um  dem  ursprünglichen  Zusammenhange  beizukommen,  der 
sowohl  der  nordischen  als  deutschen  Überlieferung  hier  zu  Grunde  liegen  mnC. 

DIE  NORDISCHE  GESTALT  DER  SAGE. 

Es  sei  erlaubt ,  um  für  die  Untersuchung  selbst  glattere  Bahn  zu  ge- 
winnen, eine  Art  Harmonie  der  alten  und  reichen  nordischen  Quellen  voraus- 
zuschicken ,  worin  die  mit  einander  stimmenden  Angaben  zu  einem  Ganzen 
vereinigt,  widerstrebende  aber  aus  einander  gehalten  und  einige  unbedeutende 
Anwüchse  stillschweigend  beseitigt  werden. 

Ein  Sohu  Odhins  *)  hieß  Sigi,  er  ward  König  in  Hunland.  Sein  Sohn 
hieß  Reri,  dessen  Sohn  Völsung  *),  nach  dem  seine  Nachkommen  Völsunge 
genannt  wurden.  Sein  Sohn  war  Sigmund,  der  in  Frakkiand  herrschte.  Er 
besaß  ein  göttliches  Schwert  von  seinem  Urahnen  Odhin;  aber  als  er  gegen 
die  Söhne  Hundings  stritt ,  hielt  ihm  der  tückische  Gott  seinen  Speer  ent- 
gegen, an  dem  das  Wunderschwert  zersplitterte;  darauf  ward  Sigmund  er- 
schlagen. Sterbend  hieß  er  sein  Weib  Hiördis  die  Schwerttrummer  sammeln 
um  sie  für  den  Sohn  aufzubewahren ,  den  sie  unterm  Herzen  trüge.  Hiördis 
ward  aber  von  Alf,  König  Hialpreks  Sohn,  vom  Schlachtfelde  selbst  geraubt 
und,  nachdem  sie  Sigurdh  geboren,  des  Räubers  Weib;  Hialprek  war  König 
in  Dänemark.  Der  kunstreiche  Regln  kam  zu  ihm  und  erzog  Sigurdh.  Als 
dieser  heran  gewachsen  war,  erzählte  ihm  Regln  seine  Familiengeschichte. 
Einst  nämlich  wanderten  drei  Äsen  zusammen,  Odhin  Höni  und  Loki.  Sie 
kamen  zu  einer  Stromschnelle ,  an  der  ein  Otter  saß  und  einen  Lachs  ver- 
zehrte; Loki  warf  ihn  todt  und  die  Äsen  zogen  ihm  den  Balg  ab.  Denselben 
Abend  kehrten  sie  in  Hreidhmars  ')  Haus  ein,  eines  gewaltigen  Mannes  (mikil 
fyrvr  ser),  und  zeigten  ihre  Beute.  Da  griffen  Hreidhraar  und  seine  Söhne 
Fafni  und  Regin  die  Aseh  und  heischten  Wehrgeld  für  den  dritten  Sehn  Ottr, 
den  jene  in  Otters  Gestalt  gefunden  und  getödtet  hatten.  Sie  sandten  Loki 
aus  um  Gold  zu  schaffen;  er  gieng  wieder  zur  selben  Stromschnelle  und  fieng 
im  Netze  der  Ran,  das  er  geliehen  hatte,  den  Zwerg  Andvari,  der  in  Hechts- 
gestalt im  Wasser  wohnte.  So  Sämund;  Snorri  weiß  nichts  davon,  daß  And- 
vari in  derselben  Stromschnelle  wohnte,  bei  der  Ottr  getödtet  worden,  und 
lässt  ihn  nicht  mit  Rans  Netze,  sondern  mit  der  Hand  fangen,  dagegen  weiß 
er  daß  Andvaris  Wohnung  in  Svartälfaheim  war.  Loki  hieß  ihn  sich  mit 
seinem  Golde  lösen;  Andvari  wollte  einen  Ring  zurückbehalten,  Loki  ließ  es 

*)  Eine  andere  Ansicht  über  Signrdhs  Abstammung  verrftth  sich,  wenn  er  Sig.  kr.  II  U 
Yngvakowr  und  Sig.  ky.  III  24  Freys  vinr  heißt;  auch  Helvi  Sigmunds  Sohn  heiftt  atUtafr 
Yngva, 

*)  Fae^ir«  heiflt  er  richtig  im  BeoTulf,  als  Stammvater:  nordisch  also  Velsir;  Völtwngr 
wire  ein  aus  dem  Patronymicnm  abstrahierter  Eponymus. 

^  Fomald.  s.  I,  149  geben  die  meisten  Hs.  Hrodmar  für  das  sonst  allgemeine  onrer- 
stftndliche  Hreidmar. 


DIE  NIBELDNGENSAGE.  1^5 

nicht  zn;  da  verflachte  Andvari  den  Ring,  daft  er  seine  Besitzer  verderben 
sollte;  Sämand  ftigt  hinzu  daß  er  in  den  Stein  gieng.  Durch  den  Bing  war 
Andvaris  Hort  unerschöpflich  gewesen,  denn  er  hatte  die  Kraft  sich  zu  ver- 
mehren. Die  Äsen  f&llten  nun  den  Otterbalg  mit  Gold,  stellten  ihn  auf  die 
Füße  und  schütteten  ihn  mit  Gold  zu.  Hreidhmar  fand  daß  noch  ein  Barthaar 
hervor  schaute;  da  legte  Odhin  Andvaris  Ring  auf  das  Barthaar;  nun  waren 
die  Äsen  gelöst.  Fafhi  und  Regin  forderten  vom  Vater  ihren  Antheil  am 
Wehrgeld,  er  weigerte  es;  da  erstach  ihn  Fafni  im  Schlafe.  Nach  Snorri 
waren  beide  Brüder  an  seinem  Morde  schuldig.  Nun  forderte  Regin  seinen 
Antheil  am  Vatererbe,  aber  Fafni  riß  das  Ganze  an  sich.  Beide  Brüder  wer- 
den im  Fafhismal  (29.  38)  als  Jötune  bezeichnet;  nach  Sämunds  Prosa  war 
Regin  ein  Zwerg  von  Wüchse.  Regin  reizte  Sigurdh  Fafni  zu  tödten;  er 
sagte  ihm  wo  er  in  Wurmes  Gestalt  auf  der  Gnitaheide  das  Gold  hütete. 
Zuvor  schmiedete  ihm  Regin  aus  den  von  der  Mutter  bewahrten  Schwert- 
trümmem  das  Schwert  Gram,  mit  dem  Sigurdh  eine  im  Rhein  herab  treibende 
Woilflocke  durchschnitt  und  den  Amboß  Regins  zerklob.  Odhin  half  ihm  aus 
Hiolpreks  Heerde  das  Ross  Grani  wählen,  das  ein  Abkömmling  von  des  Gottes 
eignem  Hengste  war.  Er  fuhr  darauf  mit  Regin  nach  der  Gnitaheide ;  er 
machte  in  Fafins  Spur,  wo  er  zum  Wasser  zu  kriechen  pflegte,  eine  verdeckte 
Grube  und  stach  ihn  aus  dieser  in  den  Bauch.  Sterbend  warnte  ihn  Fafni 
sich  des  verderblichen  Goldes  zu  enthalten.  Regin  schnitt  dem  todten  Wurme 
das  Herz  aas,  hieß  es  Sigurdh  für  ihn  braten  und  legte  sich  schlafen.  Sigurdh 
rührte  das  Herz  mit  dem  Finger  an,  ob  es  gar  wäre,  verbrannte  sich  und 
steckte  den  Finger  in  den  Mund;  da  verstund  er  was  die  Vögel  sprachen.  Er 
horte  sie  über  sich  sagen,  daß  Regin  ihn  aus  Bruderrache  tödten  würde,  wenn 
er  ihm  nicht  zuvor  komme ,  daß  es  unklug  sei  den  einen  Bruder  zu  sparen, 
nachdem  man  den  andern  erschlagen,  und  daß  er  nach  Regins  Tod  des  Goldes 
allein  walten  würde,  und  er  erschlug  auch  Regin.  Wieder  hörte  er  die 
Vögel  von  der  schönen  Magd  sagen,  die  auf  Hindarfiall  in  einem  von  Feuer 
umgebenen  Saale  ihres  Erlösers  aus  dem  Zauberschlafe  harre.  *)  Er  lud 
nun  Fa&is  Gold  auf  den  Hengst  Grani,  dazu  den  Schreckenshelm ,  vor  dem 
alles  Lebende  zittern  mußte,  eine  Goldbrünne  und  das  Schwert  Hrotti,  Alles 
aas  Fafnis  Nachlaß;  aber  der  Hengst  gieng  nicht  von  der  Stelle  bis  ihn  auch 
Sigurdh  selbst  bestiegen  hatte.  Er  ritt  südlich  gen  Frakkland.  Er  sah  ein 
großes  Lieht  auf  einem  Berge  wie  von  brennendem  Feuer;  als  er  hinauf  ge- 
stiegen war  fand  er  eine  Schildburg  und  darin  eme  schöne  Magd  in  völliger 


^)  Nr.  41  des  PalhUm.  Yerheiflt  allerdings,  Sigurdh  werde  Oinkis  Tochter  freien,  nnd  ei 
gewinnt  dadurch  den  Ansehein  als  sei  auch  in  Nr.  40  mit  der  mep  mikia  ftgtzia  Gndhmn  ge- 
meint. Aher  die  Torher  gehenden  Worte  'es  ist  nicht  königlich  Manches  sa  fürchten*  hahen 
nur  Sinn,  wenn  darauf  Ton  der  gefahrrollen  Werbung  um  Sigrdxifa  die  Rede  ist.  Nr.  41  mu0 
interpoliert  sein.  Da0  auch  in  Gripisspa  die  Fahrt  zu  Oiuki  Tor  der  nach  Hindarfiall  erwfthnt 
wird  mag  geradezu  auf  dieser  Interpolation  beruhen, 


166  MAXaiEGER. 

Rüstong  schlafend  liegen.  Die  Bronne  war  wie  ans  Fleisch  gewachsen;  er 
schliss  sie  mit  dem  Schwerte  Gram  auf  and  die  Magd  erwachte.  Sie  hiefi 
Sigrdrifa  und  war  Yalkyrie  gewesen.  Zwei  Könige  hatten  mit  einander  ge- 
stritten, der  alte  Hialmgunnar,  der  der  größte  Heermann  war,  und  -der  junge 
Agnar;  jenem  hatte  Odhin  Sieg  verheißen,  aber  Sigrdrifa  ihn  gefällt  Da 
stach  Odhin  einen  Schlafdom  in  ihr  Gewand  (d  feldi  Fafnism.  43)  und  sprach 
daß  sie  nicht  mehr  Sieg  im  Streite  verleihen,  sondern  vermählt  werden  sollte; 
sie  aber  gelobte  sich  keinem  zu  vermählen,  der  sich  fürchten  könne.  Mit 
Sigurdh  tauschte  sie  nun  Yerlobungseide.  Yölsunga  saga  C.  23.  24.  läfit 
hierauf  Signrdh  reiten  bis  er  zu  Heimis  Hofe  kam,  der  Urynbilden  Schwester 
Bekkhild  hatte;  hier  beizte  er  mit  Heimis  Sohn  Alsvidh.  Einmal  entflog  ihm 
sein  Habicht  und  setzte  sich  in  das  Fenster  eines  Thurmes;  er  stieg  ihm  nach 
und  fand  in  dem  Gemache  Brynhiid ,  die  seine  Heldenthaten  in  ein  Gewebe 
wirkte.  Er  erzählte  das  Abenteuer  dem  Alsvidh;  dieser  belehrte  ihn  daß  er 
Brynhiid  Budhlis  Tochter  gesehen  habe,,  die  Schildmagd  sei  und  alle  Männer 
verschmähe;  Sigurdh  besuchte  sie  darauf,  ward  ehrenvoll  aufgenommen  und 
verlobte  sich  mit  ihr.  Die  Saga  reiht  also  zwei  ganz  verschiedene  Berichte 
über  Sigurdhs  erste  Begegnung  und  Verlobung  mit  der  Schildmagd,  die  nan 
Brynhiid  heißt,  an  einander;  sie  macht  nur  einige  schwache  der  übrigen  Er- 
zählung widersprechende  Versuche,  die  Thurmscene  als  zweite  Begegnung  er- 
scheinen zu  lassen. 

Sigurdh  zog  weiter  mit  seinen  Schätzen ,  kam  zu  Giuki,  der  ein  Reich 
südlich  am  Rhein  hatte,  und  ward  wohl  aufgenommen.  Giukis  Weib  war 
Grimhild,  seine  Söhne  Gunnar  Högni  und  Guthorm,  seine  Tochter  Gudhrun. 
Sigurdh  erzählte  von  der  Braut,  die  er  gewonnen.  Da  reichte  ihm  Grimhild 
eines  Abends  ein  Hörn;  als  er  es  ausgetrunken,  hatte  er  Brynhiid  —  Sigrdrifa 
heißt  sie  nur  in  Fafnismal  und  Sigrdrifumal  —  vergessen.  Fünf  Halbjahre 
weilte  er  bei  Giuki;  die  Brüder  boten  ihmTheil  am  Reich  und  ihre  Schwester 
zum  Weibe,  damit  er  noch  länger  bliebe;  Sigurdh  schwur  Bruderschaft  mit 
ihnen  und  trank  den  Brautlauf  mit  Gudhrun.  Einfacher  stellt  diesen  Her- 
gang Gripisspä  31.  33  dar:  'Giukis  Gast  bist  du  eine  Nacht  gewesen  und 
wirst  nicht  mehr  gedenken  der  Pflegetochter  Heimis;  Grimhild  wird  dich  be- 
rücken und  dir  ihre  Tochter  bieten.'  Der  verhängnissvolle  Trank  ist  hier 
eher  verschwiegen  als  vergessen:  man  hat  ihn  sich  unter  den  svikum  der 
Grimhild  zu  denken.  Grimhild  rieth  nun  ihrem  Sohne  Gunnar  Brynhilden  zu 
werben  und  Sigurdh  gelobte  seine  Hilfe  dazu.  Sie  ritten  zu  ihrem  Vater 
Budhli,  erhielten  aber  den  Bescheid,  die  Tochter  folge  nur  ihrem  eigenen 
Willen.  Sie  begaben  sich  darauf  nach  Hlyndalir  zu  Brynhildens  Erzieher 
Hehni  und  erfuhren  von  ihm  daß  ihr  Saal  nahe  bei  stehe  und  daß  sie  nur  den 
einen  nehmen  wolle,  der  das  ihn  umgebende  Feuer  durchreite.  Gunnar  ver- 
suchte dieß,  aber  sein  Ross  scheute;  er  versuchte  es  auf  Grani,  aber  Grani 
gieng  nicht  von  der  Stelle;  da  tauschte  Sigurdh  seme  Gestalt  mit  ihm  und 


DIE  NIBELü^iGSNaAGE.  167 

spornte  in  Gunnars  Gestalt  Grani  darch  die  Flammen,  die  alsbald  vor  ihm 
erloschen.  0  Brynhild  erfüllte  betrübt  ihre  Verheißung  gegen  den  vermeint- 
lichen Gunnar;  dieser  vollzog  auf  ceremo^iöse  Weise  die  Yermählong,  indem 
er  drei  Nächte  ihr  Lager  theilte,  aber  so,  daß  das  Schwert  Gram  zwischen 
ifaDen  lag.  Er  zog  ihr  den  Bing  Andvaranaut  ab,  den  sie  von  ihm  selbst  einst 
emp&ngen,  nnd  steckte  ihr  einen  andern  Yerlobungsring  an.  ')  Brynhild 
ward  darauf  von  ihrem  Vater  Badhli  den  Giakangen  gebracht  und  die  Hoch- 
zeit gehalten;  erst  da  sie  zu  Ende  war,  gedachte  Sigurdh  wieder  der  Eide,  die 
er  mit  ihr  gewechselt  hatte.  ') 

Einmal  badeten  die  Königinnen  zusammen;  Brynhild  gieng  weiter  in 
den  Fluß  und  sagte,  sie  wolle  nicht  das  Wasser  auf  ihr  Haupt  bringen,  das 
aas  Gudhnins  Haare  rinne  ^),  denn  sie  habe  einen  muthigeren  Mann.  Gudhrun 
gieog  ihr  nach  und  erwiderte,  daß  sie  darum  ihr  Haar  oberhalb  waschen 
möge,  weil  ihrem  Manne,  der  Fafni  und  Regln  erschlagen,  Keiner  gleich  sei. 
Darauf  Bryahild:  ,;mein  Mann  ritt  durch  die  Waber  lohe,  Siegfried  wagte  es 
nicht. ^  Da  entdeckt  ihr  Gudhrun  im  Zorne  daß  es  Sigurdh  war,  der  in 
Gonnars  Gestalt  die  Flammen  durchritt,  ihr  Lager  theitte  and,  wie  Gudhrun 
meiot,  ihr  das  Magdthum  nahm;  sie  beweist  es  mit  Andvarnanaut,  den  Si- 
prdh  ihr  geschenkt  hatte.  Brynhild  drohte  nun  Gunnar  zu  verlassen,  wenn 
er  Sigurdh  nicht  tddte.  ^)  Gunnar  und  Högni  stifteten  ihren  Bruder  Gutborm 
zam  Mord  an,  der  jung  und  thöricht  war  und  Sigurdh  keine  Bruderschaft  ge- 
schworen hatte.  Nach  Sigurdar  kv.  HI  ermordete  er  Sigurdh  im  Schlafe  und 
ward  selbst  von  dem  todwunden  getödtet;  nach  Gudrunar  kv.  U  4  geschah 
es  als  die  Brüder  mit  Sigurdh  zum  Ding  ritten;  deutsche  Männer  aber,  so  be- 
richtet Säraond  oder  wer  die  Lieder  zusammen  stellte  hundert  Jahre  vorHer- 
steliong  des  KibelongenKedes,  sagen  daß  es  im  Walde  geschah.  Nach  Snorri 
ward  sein  dreijähriger  Sohn  Sigmund  mit  ihm  getödtet;  auch  Sig.  kv.  HI  12 
weist  auf  dessen  Tödtung.  Brynhild  erstach  sich  nun  und  befahl  sie  auf 
einem  Scheiterhaufen  mit  Sigurdh  zu  verbrennen ;  Gudhrun  floh  in  Wälder, 
gelangte  nach  Dänemark  zur  Halle  König  Alfs  (var.  Hialfreks  Völs.  s.  32) 
Hnd  saß  da  und  stickte  mit  Thora  Hakons  Tochter  sieben  Halbjahre;  die 
Giukonge  aber  nahmen  das  Gold  und  Andvaranaut. 

')  Die0  sagt  das  Ton  YOk.  b.  e'tierte  Lied;  gleichwohl  lässt  nachher  die  Saga  Signrdh 
doTch  dasselbe  Feuer  wieder  i müekreiten. 

*)  Saeni  Terkeliit  die0  so,  daf  er  ihr  Jezt  Aadranuiaiil  Ar  den  allen  Verlobnogirittg  gab; 
VeiQ  Zanke  bemft  sieh  dann  Qadhraa  darauf,  da0  Brynbild  eineo  Riog  ?on  Sigotdh,  nkht  von 
Oiumar  trage. 

*)  Gana  unnütz  ist  was  Sigardarkr.  m  34—39  über  BrynhUdens  Erwerbung  dnrch  die 
GitikoDge  bringt 

*)  Ein  uraltes  MotiT;  wem  fäUt  nicht  die  Fabel  Tom  Wolf  und  Lamm  ein? 

*)  Es  ist  überflüssig  und  unedel,  daß  Brynhild  i  ach  Brynh.  ky.  und  Sig.  kr.  TU  Sigurdh 
▼erlenmdet  als  habe  er  Gunnars  Vertrauen  im  Brautbette  missbrancht.  Um  seinen  Tod  zu 
verlangen  braucht  sie  nur,  wie  hn  hd.  Epos ,  anzuführen  da0  er  sich  ihres  Beilagers  gegen 
Gndfanm  gerOfamt  habe. 


168  1^^  RIEGER 

Atli  beschuldigte  sie  um  Brynhiidens  Tod,  deren  Bruder  er  war,  und 
wollte  Rache  för  sie  nehmen.  Nach  Völs.  s.  25  war  er  ein  grimmer  Mann, 
lang  und  schwarz  und  doch  würdevoll,  und  der  größte  Heermann;  sein  Vater 
Budhii  war  reicher  als  König  Giuki.  Schwarz  ist  der  Barbare;  das  Bild  des 
hunischen  Eroberers  ist  auch  im  Norden  nicht  ganz  verloren.  Ätlam.  99 
dagegen  stellt  ihn  als  einen  Zagen  dar,  dem  passiven  Charakter  entsprechend, 
den  ihm  die  deutsche  Überlieferung  beilegt:  was  nur  eine  andere  Art  ist  den 
Barbaren  zu  kennzeichnen.  Atli  ließ  sich  durch  das  Versprechen  ihm  Gudhrun 
zu  geben  beschwichtigen.  Grimhild  fuhr  mit  ihren  Söhnen  und  AtUs  Boten  *) 
zu  Gudhrun  und  überredete  sie  dieß  Wort  zu  lösen.  Nach  Gudhr.  kv.  III 17. 18 
hatte  Grimhild  ihre  Söhne  bestimmt  der  Schwester  ihren  Sohn  zu  büßen, 
ihren  Mann  zu  gelten ;  Nr.  25  wird  ihr  aber  nur  ihr  Vatererbe  geboten ,  das 
ihr  ohnedieß  gebührte.  Daß  ihr  Grimhild  auch  einen  Vergessenheitstrank 
gab  wird  28.  29  ignoriert :  Nr.  21 — 24,  die  davon  handeln,  werden  also  inter- 
poliert sein.  Sie  gibt  widerwillig  nach,  indem  sie  das^ Unheil  weissagt,  das 
aus  dieser  Ehe  entstehen  würde. 

Atli  ward  lüstern  nach  dem  Hort  der  Giukunge  (Völs.  s.  33)  und  ließ 
sie  zu  einer  Hochzeit  laden.  Gudhrun  warnte  ihre  Brüder,  nach  Atlakvida 
durch  einen  mit  Wolfshaar  bewundenen  Ring ,  nach  Atlamal  durch  Runen, 
die  aber  der  Bote  umschnitt.  In  beiden  Liedern  widerräth  Högni  die  Reise; 
Atlakvida  gibt  Nr.  9 — 11  zu  verstehen  daß  Gunnar  sie  beim  Trunk  in  wildem 
Todesmuthe  gelobte;  worauf  dann  die  unheilkündenden  Träume  der  Weiber 
beider  Könige  zu  spät  kommen.  Sie  zogen  15  Mann  in  Allem  aus,  nachdem 
sie  ihren  Fall  ahnend  das  Gold  in  den  Rhein  versenkt  hatten.  Die  Ruder 
brachen  ihnen;  die  Fähre  verließen  sie  unbefestigt.  Gudhrun  warnte  sie  nach 
Atlakvida  nochmals ,  aber  zu  spät  beim  Eintritt  in  Atlis  Burg ;  nach  Atlam. 
entdeckt  ihnen  in  diesem  Augenblick  der  sie  begleitende  Bote  Atlis  daß  sie 
verrathen  seien  und  wird  von  ihnen  erschlagen :  wie  auch  im  deutschen  Epos 
Werbel  za  Anfang  des  Kampfes  seiner  Botschaft  entgelten  muß.  Nach 
hartem  Streite,  in  dem  Atli  zwei  Brüder  verliert  und  Gudhrun  selbst  auf 
ihrer  Brüder  Seite  ficht ,  in  dem  auch  ein  Brand  voraus  gesetzt  wird ,  da 
Högni  nach  Atlakvida  19  einen  Gegner  ins  Feuer  stieß,  ^)  sind  die  Begleiter 
mit  Ausnahme  des  feigen  Koches  Hialli  gefallen,  Gunnar  und  Högni  in  Fesseln. 
Man  fragte  Gunarn  ob  er  sein  Leben  mit  dem  Golde  lösen  wolle,  das  sie  ver- 
borgen hatten;  er  antwortete,  nicht  eh  er  Högnis  Herz  gesehen.  Da  schnitten 
Atlis  Knechte  Hialli  das  Herz  aus  und  brachten  es  vor  Gunnar  für  Högnis, 
aber  Gunnar  erkannte  es  an  seinem  Zittern.  Nach  Atlam.  ward  Hialli  nicht 
wirklich  getödtet,  sondern  Högin  mochte  sein  Geschrei  nicht  hören  und  hieß 

*)  Chidt.  kT.  n  19.  Auch  sie  sind  durch  dunkles  Haar  —  »earcMr  iarpar  —  charakteri- 
siert, wofür  Simrock  merkwürdiger  Weise :  mit  gelbem  Haarschmuck.  Denselben  Sinn  hat 
es,  daß  Atlis  Sohn  £rp  heiQt. 

^)  Obgleich  Völs.  s.  37.  dieß  auf  ein  Herdfener  bezieht. 


DIE  NIBELUNGENSAGE.  169 

Heber  sein  eignes  Herz  nehmen.  Gunnar  aber  weigerte  den  Hort:  'allein 
weiß  ich  nan  nm  der  NiflungeGold  nnd  der  Rhein  soll  sein  für  immer  walten.* 
Gnnnar  ward  darauf  in  einen  Schlangenthnrm  geworfen.  Gadhrun  ließ  ihm 
eine  Harfe  zukommen.  Atlakvida  lässt  ihn  mit  der  Hand  spielen,  nach 
Atlam  röhrte  er,  an  den  Händen  gefesselt  wie  Völs.  s.  6  erklärt,  die  Saiten 
mit  den  Zehen.  Alle  Schlangen  entschliefen  davon;  nur  eine  große  Natter 
blieb  wach  und  biß  ihm  in's  Herz;  es  war  aber  Atlis  Mutter,  die  in  dieser 
Gestalt  erschien  (Oddrunargratr  32). 

Das  Wurmhaus  war  draußen  auf  der  Heide;  als  Atlimit  seinen  Mannen 
daher  zurückkehrte,  bot  ihm  Gudhrun  einen  Becher  und  hatte  ein  Mal  be- 
reitet; darauf  entdeckte  sie  ihm  daß  er  seiner  beiden  Söhne  Herzen  gegessen. 
Atli  hatte  sich  unbedachter  Weise  übertrunken;  Gudhrun  erstach  ihn  im 
Bette  und  ließ  sein  Blut  von  den  Hunden  lecken  (dieß  muß  der  Ausdruck 
hvelpa  leysti  andeuten).  Darauf  warf  sie  eine  Fackel  an  die  Thür  der  Halle 
und  verbrannte  alle,  die  an  ihrer  Brüder  Mord  mitschuldig  waren.  Kein  Weib 
rächt  mehr  ihre  Brüder  so;  dreier  Volkskönige  Todes  (Atlis  und  seiner  bei- 
den Brüder,  die  sie  im  Kampf  erschlagen  Atlam.  48)  konnte  sie  sich  rühmen 
eh  sie  starb:  so  berichtet  und  schließt  Atlakvida;  etwas  anders  Atlamal. 
Atli  rühmt  sich  hier  gegen  sie  des  Mordes  ihrer  Brüder,  sie  droht  ihm  Unheil 
und  schlägt  Buße  aus,  schließt  aber  mit  Hinweis  auf  ihre  Ohnmacht  ihm  ge- 
genüber. So  machte  sie  ihn  sorglos,  richtete  ein  Erbmahl  über  ihre  Brüder 
au,  tränkte  ihn  mit  dem  Blut  der  Knaben  aus  ihren  Schädeln  und  speiste  ihn 
mit  ihren  Herzen,  entdeckte  es  ihm  darauf.  Er  droht  ihr  Steinigung  und 
Feuer;  sie  erwidert  „versprich  dir  solche  Sorgen  vor  Morgen,  ich  will 
schönern  Todes  in  das  andere  Licht  fahren"  (84).  Sie  erschlug  ihn  sodann 
mit  Niflung  (oder  dem  Niflung?)  Högnis  Sohn  im  Schlaf.  *)  Nun  folgt  ein 
Gespräch  worin  sich  beide  Gatten  ihr  Verhalten  vorwerfen;  zuletzt  bittet 
Atli  ihm  die  letzte  Ehre  zu  gönnen  und  Gudhrun  verspricht  ein  Schiff  und 
eine  gemalte  Kiste  zu  kaufen  und  Tücher  zu  wichsen  um  ihn  einzuhüllen. 
Sie  hielt  auch  Alles  und  wollte  sich  selbst  tödten;  aber  ihre  Tage  wurden 
gefristet  und  sie  starb  ein  andres  Mal.  Der  Combinationstrieb,  der  in  altern- 
der Sage  mehr  und  mehr  um  sich  greift ,  machte  sie  bekanntlich  zur  Mutter 
Svanhildens  Jörmunreks  Braut;  und  die  prosaische  Einleitung  zu  Gudrunarhvöt 
berichtet  übereinstimmend  mit  Sig.  kv.  III  60  daß  sie  nach  Atlis  Ermordung 
sich  in  die  See  stürzte,  aber  nicht  sinken  mochte  und  von  den  Wellen  an 


*)  Nach  Nr.  50  nämlich  blieben  die  zwei  Sdhoe  und  der  Brader  Rostberas ,  die  HOgnis 
Weib  ist,  im  Kampf  übrig.  Wird  hier  einer  jener  Söhne  gemeint?  aber  warum  ist  dann  der 
andre  nebst  dem  Oheim  vergessen  ?  Eher  hat  Simrock  Recht  wenn  er  (Edda  470)  das  Auf- 
treten dieses  Niflnng  so  erklart,  wie  es  Thidreks  s.  an  die  Hand  gibt ,  daß  ihn  HOgni  todwnnd 
sich  zum  Racher  gezeugt  habe.  Dann  wird  Nr.  50  hier  ignoriert,  wie  sie  andererseits  der 
Zahlangabe  in  Nr.  28  widerspricht;  aus  beiden  Umstünden  dürfte  hervorgehen,  daO  sie  dem 
Zusammenhange  fremd  sei. 


170  HAX  BI£GEB 

Jonakrs  Land  geführt  ward.  Die  Meinung  in  Atlamal  scheint  die  zu  sein, 
daß  sie  auf  steuerlosem  Schiff  mit  Atlis  Leiche  zum  Sterben  hinaustrieb  ond 
80  zu  Jonakr  kam.  Atlakvida  ist  nicht  deutlich;  sie  spricht  von  Gudhrons 
Tod,  aber  ohne  jede  Zeitbestimmung  und  außer  Zusammenhang  mit  der  Ver- 
brennung des  Gesindes  in  der  Halle.  Zweifellos  ergibt  sich  gleichwohl  aas 
Allem,  daß  Gudhrun  nach  ächter  Sage  pflichtgetreu  mit  ihrem  Gatten  starb, 
sei  es  daß  sie  sich  mit  ihren  Opfern  verbrannte  oder  mit  seiner  Leiche  auf 
die  See  hinaus  trieb.  ^) 

DIE  SIBELÜNGE. 

Unverholen  gibt  diese  nordische  Fassung  der  Sage  den  an  Andvaris 
Hort  haftenden  Fluch  als  ihr  Hauptmotiv  zu  erkennen;  acht  Edelinge,  wie 
es  Andvari  verheißt,  oder  vielmehr  alle,  die  mit  ihm  irgend  zu  thun  haben, 
stürzt  er  nach  einander  ins  Verderben.  Erinnert  man  sich  der  wilden  Gold- 
gier des  germanischen  Alterthumes,  die  aus  der  Wichtigkeit  eines  Hortes  als 
Grundlage  jeder  Herrschaft  hervor  gieng  und  eine  reiche  Quelle  voa  Blutver- 
gießen, Verrath  und  Mord  bildete,  so  scheint  es  sehr  natürlich,  daß  die  meist 
gefeierte  Sage  jenes  Alters  die  unheilvollen  Wirkungen  des  Goldes  in  der 
Welt  darstellte.  Sagt  doch  Völuspä  wo  sie  die  Götter  im  Stande  der  Un- 
schuld beschreibt :  es  fehlte  ihnen  an  I^ichts  als  am  Golde  (8) ;  und  dann 
wird  (25)  die  erste  Goldgewinnung  als  erster  Todtschlag  und  (26)  das  Gold 
selbst  als  wandernde  Hexe  dargestellt,  die  stets  übles  Volkes  Wonne  war. 

Nun  aber  beruht  der  zweite  Theil  der  Sage,  Alles  was  mit  Atli  zusammen 
hängt,  auf  Anschweißung  eines  historischen  Elementes  an  den  Mythus,  und 
die  Forschung  soll  ermitteln  welche  Bewandtniss  es  mit  dem  letzteren  vor 
jener  Anschweißung  hatte.  Macht  man  dieselbe  demgemäß  ungeschehen,  so 
schließt  die  Sage  damit,  daß  nach  Sigurdhs  Ermordung  der  Hort  den  Giukungen 
anheim  fällt;  auf  sie  erstreckt  sich  seine  unheilbringende  Wirkung  dann  nicht 
mehr.  Daß  sie  ihn  in  den  Rhein  versenken  muß  zwar  noch  als  mythischer 
Zug  in  Anspruch  genommen  werden,  der  nur,  und  in  der  oberdeutschen  Sage 
nicht  einmal,  in  den  historischen  Zusammenhang  verschlungen  ist;  aber  er 
kann  nicht  den  Sinn  haben,  daß  sich  die  Giukunge  so  vom  Fluche  des  Goldes 

*)  Über  die  Greschichte  von  Oddrun ,  die  so  wenig  zo  berücksichtigen  war  wie  die  in 
Atlam.  53  angedeuteten  Ereignisfie,  hier  nur  eine  Bemerkung.  Ganz  ähnlich  wie  hier  yerbalteii 
sich  im  hochdeutschen  Epos  Orfarun  und  Gudrun  zu  einander.  In  der  nordischen  Quelle  ein 
Yerlöbniss  und  ein  Liebeshandel ,  in  der  deutschen  ein  Ehebund  zwischen  Ortrun  und  dem 
Bruder  der  Gudrun;  in  der  nordischen  Gudrun  widerwillig  dem  Bruder  der  Ortnin  Tennihlt, 
in  der  deutschen  von  ihm  geraubt  and  herrisch  if^eworben.  Wenn  dort  Oddroos  Bruder  an 
ihrem  Verführer,  hier  Gudruns  Bruder  Mi  ihrem  Bttuber  Rache  nimmt,  sind  nur  die  Rdleo 
▼ertanscht.  Zufall  wird  die0  Alles  nicht  sein ;  es  leitet  vielmehr  auf  die  YermntbuBg,  dal  die 
deutsche  Sage  von  Gudrun  und  Ortrun,  in  wekher  Gestalt  auch  immer,  dem  Norden  bekannt 
war  und  daß  hier ,  im  Zusammenhang  der  Giokungensage ,  Oddrun  Ton  dtm  Kamen  einer 
andern  Gudhrun  angezogen  ward. 


DIE  NIBEXiUKGENSAGE.  J7l 

befreien,  das  sie  erst  durch  Mord  gewonnen  haben:  vielmehr  soll  es  anf  dem 
Grunde  des  Wassers  nur  desto  sicherer  aufbewahrt  sein.  Der  Mythus  hätte 
also  vor  seiner  Verbindung  mit  dem  geschichtlichen  Elemente  seine  Idee  mit 
einer  nicht  denkbaren  Unvollständigkeit  ausgesprochen.  Und  sie  hat  doch 
schon  vorher  in  ihm  gewaltet,  da  von  ihr  der  historische  Anwuchs  erst  ange- 
zogen ist.  Eine  Lösung  des  Räthsels  liegt  nur  in  der  Annahme ,  daß  das 
Gold  an  den  Giukungen  seine  rechten  Eigenthümer  gefunden  habe,  denen  es 
darum  nicht  schaden  konnte ,  deren  Recht  also  auf  einem  andern  Titel  als 
dem  des  Erwerbes  beruhte. 

Wir  müßen  hierbei  bedenken  daß  Gibika-Giuki  nicht  nur  Name  eines 
historischen  Burgundionenkönigs  war,  sondern  noch  jezt  ein  freundlicher  be- 
gabender  Zwergkönig  im  Harz  ist,  nach  dem  auch  in  andern  Gegenden  Gibi- 
chensteine,  Gibichenkoppen  und  dergleichen  genannt  sind  (Zeit^chr.  f.  d.  A. 
I,  573  f ).  ^)  Der  Name  Gibika  stand  also  allem  Anscheine  nach  auch  im 
Heidenthum  einem  übermenschlichen,  wie  es  scheint  elbischen  Wesen  zu,  und 
der  Name  Giukunge,  der  nur  erst  geschichtlich  aussah,  wird  dadurch  auch 
der  mythischen  Welt  gewonnen;  die  Gleichnamigkeit  der  historischen  und 
mythischen  Gibichunge  wäre  ja  dann  der  Umstand,  der  die  Combination  des 
mythischen  nnd  historischen  Theiles  unserer  Sage  an  die  Hand  gab.  Lediglich 
dem  Mythus  scheint  aber  das  andre  Patronymicum  anzugehören,  das  in  den 
nordischen  und  hochdeutschen  Quellen  neben  den  Namen  Giukunge  und  Bur- 
gonden,  in  der  auf  sächsische  Überlieferung  begründeten  Thidreks  saga  aliein 
auftritt,  der  Name  Nibelunge.  *)  Kein  in  der  Geschichte  vorkommen- 
des Geschlecht  hat  ihn  geführt;  die  genealogische  Weisheit  des  Nordens,  die 
einen  Naefiii  an  seine  Spitze  setzt  und  zwischen  diesem  und  Giuki  drei  Ge- 
nerationen aufzuzählen  weiß  (Fomald.  s.  2,  11),  hilft  uns  Nichts;  wenn  Ni- 
belunc  als  deutscher  und  besonders  fränkischer  Personenname  vom  achten 
Jahrhundert  an  häufig  erscheint,  so  geht  daraus  Nichts  hervor,  als  daß  in 
der  Sage  ein  Geschlecht  dieses  Namens  muß  so  berühmt  gewesen  sein,  daß 
man  Kinder  nach  ihm  nannte.  Ist  nun  der  Name  mythisch,  so  muß  sein 
Wortsinn  über  seine  Bedeutung  Aufschluß  geben;  er  bezeichnet  aber  Nebel- 
kinder und  stellt  sich  nothwendig  zu  Niflheim  undNiflhel.  Nichts  kann  ein- 
facher sein  als  diese%prachliche  Auffassung,  und  was  die  Etymologie  der 


*)  Gübich  schreibt  Harrys  (Sagen  Niedersachsens  1840),  Hibich  und  Heweke  Pröble 
(Harzsagen  1854).  Der  letztere  behauptet  Gübich  nie  gehört  zu  haben,  wohl  aber  sogar  Gütte 
für  Hütte ;  also  ^re^mgekehrt  auch  Hibich  als  Gibich  aufzufassen.  Kuhn  und  Schwarz  aber 
(Nordd.  S.  218.  290  nebst  Anm.)  bringen  neben  Hübich  Gäbke  und  Gäweke. 

')  In  den  nordischen  Liedern  steht  Cfittkunpar  einmal  Sigurdarkv.  HI  35 ,  Borgundir 
einmal  Atiakv.  18,  Nifltmgar  in  den  beiden  Atliliedem  öfter  nnd  BrynhildarkT.  16.  Es  ist 
zwar  unverständlich,  wenn  AtlakT.  18  gelesen  wird  fengu  ßeir  GfanncMr  oi  t  fiötwr  s4ttu  vmir 
Borgunda  oh  bimdu/astla;  aber  «s  ist  vin  oder  vielleicht  (nach  Analogie  der  übrigen  Mund- 
arten) t/MM  zu  bessern  und  von  Gnnnar  zu  verstehen,  wie  Hrodhgar  im  Beovulf  t/m«  Bmniffa 
heifit. 


172  MAX  RIEGER 

Mythenforschuog  so  auf  die  Hand  legt,  muß  dieser  schon  einen  Weg  weisen.  *) 
„Ein  übermenschliches  Geschlecht  aus  dem  kalten  neblichten  Todtenreiche/ 
nm  Lachmann*8  Ausdruck  wieder  zu  geben,  wären  denn  die  mythischen  Kibe- 
lunge,  ihr  König  „der  König  des  Todtenreiches"". 

EXCURS  ÜBER  DUS  BBZUSHÜKO  DER  ELBE  ZUM  TODTENREICHE. 

Es  fragt  sich  natürlich  demnächst,  ob  für  Wesen  dieser  Art  in  deutsche^ 
Mythologie  Raum  sei  und  was  wir  ihnen  Verwandtes  zur  Seite  zu  stellen 
haben.  Wir  finden  aber  durchaus,  daß  die  Vorstellungen  vom  Todtenreiche 
mit  denen  vom  Reiche  der  Elbe  zusammen  fallen,  daß  sogar  die  abgeschiede- 
nen Seelen  sich  geradezu  mit  den  Eiben  vermengen  und  als  eins  mit  ihnen 
erscheinen. 

Am  nacktesten  gibt  dieß  der  gälische  Volksglaube  zu  verstehen  in 
Nr.  10  der  ir.  Elfenm.,  wo  das  stille  Volk  förmlich  als  die  Gemeinschaft  der 
Abgeschiedenen  gedacht  wird,  so  daß  der  Lebende  unter  ihm  sowohl  Familien- 
feinde als  wohlwollende  Verwandte  hat,  und  daß  um  eine  jüngst  vertorbene 
Frau  zwischen  ihrer  eigenen  Verwandtschaft  unter  diesem  Volk  und  der  ihres 
Mamies  gestritten  wird.  Begeben  wir  uns  auf  germanischen  Boden,  so  wer- 
den allerdings  die  Manen  unterm  Namen  näir  neben  dvergar  und  dÖkkSfow 
aufgeführt,  also  von  Beiden  unterschieden  (Hrg.  Od.  25);  aber  unter  den 
Zwergnamen  der  Völuspa  erscheint  dann  wieder  ein  einzelner  När  nebst  den 
gleichbedeutenden  Näinn  und  Ddirm.  ')  Deutlicher  sind  die  niederdeutschen 
Alken,  Aulken,  Ölken,  Olkers,  Üllerken  d.  i.  Altchen,  Eiterchen,  ein  Name, 
der  sowohl  die  in  den  Heidengräbern  liegenden  Todten  als  das  neckende  Elbe- 
volk bezeichnet  (Kuhn  und  Schwarz  Nordd.  Sagen  S.  485),  das  mit  Holda 
im  Berge  wohnt  (Nr.  322  ders.  Samml.;  vgl.  'S.  418,  Nr.  186).  Holdas 
Elbereich  im  Berg  ist  bekannt,  eben  sie  hat  aber  auch  die  ungetauften  Kinder, 
ja  auch  andere  Abgeschiedene  in  ihrem  Heer  (Myth.  887).  Die  gleichbe- 
deutende Berchte  zieht  an  der  Spitze  der  Heinchan  oder  Heimchen,  die  in 
ihrem  Auftrag  die  Felder  bewässern,  also  unverkennbare  Elementargeister 
sind  (M.  253  f.);  aber  dieselben  Kleinen  gelten  auch  wieder  fiir  Seelen  un- 
getaufter  Kinder  (M.  884  f.)  Wuotans  TodtenreicTi  ift  Berge,  das  auf  deut- 
schem Boden  die  nordische  ValhöU  vertritt,  hat  allerdings  so  viel  ich  weiß 
nirgend  mit  Eiben  zu  thun;  doch  könnte  eine  Spur  darin  liegen,  daß  Dietrich 
von  Bern  von  einem  Zwerg  abgeholt  ward  mit'den  Worten  y^^  sollt  mit  mir 
^  gehn,  dein  Reich  ist  nicht  mehr  in  dieser  Welt",  während  ^hn  nach  anderer 


*)  Vgl.  Mythol.  630  f. 

*)  Der  yierte  dieses  Kreises  Nipingr  =  nipinn  oder  hnipinn  tristU  (got.  gamipMm 
eanirutari,  ags.  nipan  volvi  zeigen  welches  der  organische  Anlaut  sei)  wird  nichts  Anderes 
bedeuten. 


j 


DIE  NIBELÜNGENSAGE.  173 

Sage   die   Teufel   auf  St.  Johannes  Befehl  in   den  Berg  Vulkan   föhrten 
(Heldens.  38  f.). 

Wenn  in  Sagen  Seelen  unterm  Wasser,  also  im  Gebiet  der  Nixe  wohnen, 
so  findet  dabei  die  nahliegende  Beschränkung  auf  die  Ertrunkenen  Statt  und 
dieses  Todtenreich  scheint  also  nur  auf  zufalligen  Raub  oder  gar  nur  auf  ein 
jährliches  Opfer  angewiesen.  Doch  fehlt  es  nicht  an  Spuren,  daß  auch  es 
einst  in  umfassendem  Sinne  diesen  Namen  verdiente.  In  Wasser  vorzugs- 
weise werden  überall  spuckende  Geister  gebannt  (s.  Schambach  und  Müller 
Niedersächs.  S.  Aum,  zu  Nr.  240;  Wolf  D.  S.  u.  M.  460):  hier  also  muß 
der  Ort  sich  öfihen ,  an  den  sie  von  Rechtswegen  gehören.  Reinhart  im 
Brunnen  behauptet  sein  Leib  sei  todt  und  seine  Seele  hier  im  Himmelreiche, 
wo  er  der  Schule  zu  pflegen  und  die  Kinder  zu  lehren  habe;  auch  seien  da 
Rinder,  Schweine  und  Ziegen  genug  auf  der  Weide  (V.  889  ff.).  Dieser 
letztere  Zug  kehrt  wieder  im  Mährchen  vom  Bürle  (K.M.  61),  das  vorgibt 
seine  erschwindelte  Heerde  auf  dem  Grunde  des  Teiches  gefunden  zu  haben, 
und  auch  hier  wird  man  also  eher  an  ein  Paradies  in  allgemeinem  Sinne  als 
an  einen  Aufenthalt  der  Ertrunknen  denkßn  dürfen.  Reinhart  lässt  aber 
auch,  was  mythologisch  auf  eins  heraus  kommt ,  die  Hölle  in  der  Tiefe  des 
Brunnens  sein :  eh*  er  ins  Himmelreich  gekommen  habe  er  einen  iuk  in  die 
helle  getan.  Diese  selbe  Anschauung  zeigt  sich,  wenn  bei  Caesar,  heisterb. 
die  Seele  des  Landgrafen  Ludwig  vom  Teufel  in  einen  Brunnen  geworfen 
wird,  worin  man  ihn  später  noch  sieht  (D.  M.  u.  S.  119);  sie  liegt  bereits  in 
der  ags.  Glosse  zu  barathrum:  gehennan  seäd  L  hellegrunt  (H.  Zs.  9,  422)  J 
sie  liegt  in  der  vlämischen  Hellehome  und  Helleheke  und  in  dem  häufig  dort 
begegnenden  Belleput  (Wolf  Beitr.  z.  d.  Myth.  1,  202).  Meistens  ist  er  nach 
Wolf  ein  kleiner  tiefgehender  trüber  Sumpf,  wie  sie  auch  anderwärts  häufig 
genug  im  Rufe  der  ünergründlichkeit  stehen ,  entführte  ungetaufte  Glocken 
oder  versunkene  Schlösser  enthalten  und  dem  Teufel  zur  Ein-  und  Ausfahrt 
dienen;  aber  der  Helleput  zu  Melden  bei  Oudenaerde  ist  ein  Strudel  in  der 
Scheide  (Niederl.  S.  680).  Strudel  waren  heilig  (Myth.  557  f.;  equi  gurgiti-- 
hu8  immersi  Gros.  V,  16);  auch  sie  nehmen  gebannte  Geister  auf:  einer  ist 
in  die  tiefe  Stelle  beim  Zusammenflusse  der  Ruhme  und  Oder  gebannt  und , 
sitzt  da  unten  im  Wasser  an  einen  Busch  gebunden  (Ns.  S.  240, 5).  Dazu  fügt 
sich  nun  merkwürdig  eine  Stelle  derNiälssaga  (C.  158):  Hrafii  der  Rote  ward 
in  einen  Fluss  getrieben;  er  däuchte  sich  da  die  Qualen  der  Hölle  Qielvttis 
qadlar)  in  der  Tiefe  zu  sehen  und  däuchte  ihm,  daß  ihn  Teufel  hinunterziehen 
wollten.  Hrafn.  sprach  da  „Apostel  Peter,  dein  Hund  ist  zweimal  nach  Rom 
gelaufen  und  wird  das  drittemal  laufen,  wenn  du  es  gewährst;"  da  ließen  ihn 
die  Teufel  los  und  kam  Hrafh  über  den  Fluss.  Hier  ist  also  die  Vorstellung 
der  räuberischen  Nixe  mit  der  des  Höllenmundes  im  Flusse  vereinigt  und 
nun  stehe  ich  auch  nicht  an,  den  Flussnamen  Egidara  als  Thor  des  Todten- 
reiches  zu  verstehen,  nämlich  als  einen  scheueren  Ausdruck  fär  Fi/eldor  des 


174  MAX  BIEGER 

Wandrersliedes.  Ftflmegir  heißen  V.  spÄ  50  diejenigen,  die  unter  Lokis 
Anfuhrnng  auf  Naglfar  zum  Weltkampfe  fahren  und  die  Snorris  Edda  als 
Heljar  sitmar  bezeichnet;  und  Ftfelcynnes  eard  bewohnte  Grendel  aiüm 
Mne  scyppend  foracrifern  häfde  (Beov.  ed.  Thorpe  209) :  es  ist  doch  deut- 
lich, daß  die  Wohnung  unterm  Wasser  dem  Dichter  nur  darum  fax  Ftfel- 
cyvmea  e<xrd  gilt,  weil  sie  ihm  mit  dem  Orte  der  Verdammten  zusammenföUt 
Ich  behaupte  nicht  zu  wissen ,  was  fifel  eigentlich  heißt  *),  nur  daß  sein  Be- 
griff in  enger  Beziehung  zum  Todtenreiche  stehen  muß.  Wird  dann  derOcean 
ftfelvdg  und  ßfelstredm  genannt  (Andr.  u.  El.  S.  147),  so  vermuthe  ich,  daJ 
er  das  der  Weltschlange  zu  verdanken  hat,  einer  Hauptperson  unter  dem 
fi/eloynne,  die  im  Ocean  liegt  oder  vielmehr  ein  Symbol  des  weltumgürtenden 
Oceans  ist.  Das  nordische  Oegisdyr  muß  auf  Missverstand  beruhen;  so 
möchte  mit  Recht  eine  Mündung  heißen,  aber  wie  sollte  der  Name  eines 
Flusses  von  dem  gemeinen  Umstände  genommen  sein«  daß  er  in  die  See 
mündet? 

Ich  rede  nicht  vom  Glasberg  als  Aufenthalt  der  Elbe,  weil  seine  Eigen- 
schaft als  Todtenreich  nur  in  litauischem  und  slavischem  Glauben  ausdrück- 
lich vorliegt  (M  796).  Desto  mehr  fällt  das  überseeische  Todtenreich  des 
deutschen  Glaubens  (Wackernagel  in  H.  Zs.  6,  131),  das  zugleich  ein  Reich 
der  Elbe  ist,  ins  Gewicht.  Es  ist  ein  fester  Sagenzug«  daß  die  ertappte  Mahr, 
also  die  auf  Liebesabenteuer  ausgezogene  Eibin,  Engelland  als  ihre  Heimath 
angibt:  s.  Nd.  S.  16,  102  (nebst  Anm.),  293,  338;  und  umgekehrt  verbinden 
sich  irdische  Weiber,  die  nach  England  gelangen,  dort  mit  männlichen  Mah- 
ren. Vaernewycks  Historie  van  Belgis  erzählt,  daß  zwei  und  dreißig  Schwe- 
stern aus  Asisyrien,  die  sich  gegen  ihre  Männer  verschworen  hatten,  von 
diesen  auf  steuerlosen  Schiffen  der  See  überlassen ,  durch  die  Wellen  nach 
England  getrieben  und  dort  von  Mahren  beschlafen  wurden ,  woher  die  erste 
riesische  Bevölkerung  des  Landes  ihren  Ursprung  nahm  (Nl.  S.  105). ')  In 
diesen  stark  historisierten  flämischen  Chronistensagen  wiederholt  sich  der 


*)  Nordisch  heißt  ftfl  n.  xmd.  ßfli  m.  hämo  fatuus,  /ißskapr  vamtcu:  ich  denke  weil 
Wesen  der  Unterwelt  leere  Larven  oder  Schatten  sind. 

^)  Die  ITmstAnde  sind  doch  zu  verschieden,  als  daß  man  eine  Nachbildung  der  bekannten 
Erzählung  des  Jemandes  vom  Ursprung  der  Hiunen  annehmen  dürfte:  und  wenn,  so  setzt  die 
Nachbildung  immer  die  Ansicht  voraus ,  daß  Britannien  die  Heimath  der  £lbe  sei.  Von  dieser 
Ansicht  scheint  mir  sogar  Jornandes  selbst  eine  unverstandene  Probe  zu  geben,  indem  er  C.  5 
mit  Yerachtung  die  nur  mündlich  überlieferte  Sage  abweist ,  daß  die  Goten  einst  auf  Britan- 
nien oder  irgend  einer  Insel  in  Sklaverei  gerathen  und  für  den  Preis  eines  Bosses  losgekauft 
worden  seien.  In  welchem  andern  Sinne  hätte  ungelehrte  Sage  auf  diesen  Einfall  kommen 
sollen?  Aber  daß  die  Stanunväter  des  Volkes,  zwölf  Brüder  etwa,  in  die  Gewalt  der  Todes- 
dämonen geriethen  und  von  einem  Gott ,  ihrem  Beschützer  oder  Vater ,  durch  Hingabe  eines 
göttlichen  Rosses  erlöst  wurden ,  ließe  sich  wohl  ausmalen.  Findet  sich  doch  Grani ,  der  Ab- 
kömmling Sleipnis,  unter  Hialpreks  Herde,  den  ich  glaube  als  Elbekönig  ansehen  zn  dürfen. 


DIE  NIBELUNGENSAGE.  175 

Zag,  daß  ein  EdelmanD  die  Tochter  des  Königs  von  England  entfuhrt:  sollte 
da  nicht  auch  die  Tochter  des  Elbekönigs  gemeint  sein?  In  N.  65  der  Nl.  S. 
wird  es  von  Liederyk  de  Buk,  dem  ersten  Förster  von  Flandern  erzählt;  eben 
diesem  begegnet  aber  nach  einer  andern  Sage  (N.  66)  im  Wald  auf  der  Hirsch- 
jagd, ganz  wie  sonst  das  Wünschelweib,  Idonea,  die  Königstochter  von  Frank- 
reich, die  von  einigen  Rittern  nach  England  entfuhrt  werden  sollte  und  ihnen,, 
da  sie  Streit  mit  einander  bekamen,  entronnen  war;  sie  wird  Liederyks  Weib, 
beweist  eine  übernatürliche  Fruchtbarkeit  und  verhehlt  ihre  Herkunft:  eine 
elbische  Ehe  ward  also  diesem  Helden  jedenfalls  beigelegt  und  eine  Beziehung 
zu  England  hat  seine  Ehe  auch  nach  dieser  zweiten  Sage.  In  N.  30  entführt 
Balduin  von  Heusden  die  englische  Königstochter,  ihr  Vater  ermittelt  sie 
durch  einen  englischen  Kaufmann  und,  fordert  sie  zurück,  sie  schickt  aber 
nur  ihre  beiden  Söhne,  von  denen  der  König  einen  behält,  den  andern  wie- 
derkehren lässt;  dieser  König  heißt  unverständlich  Eiderik,  sollte  das  nicht  für 
Eiberik  stehen?  Auch  Riwalin  und  Blanscheflur  mit  ihrem  elbischen  Namen 
schließen  sich  hier  an.  Endlich  zweifle  ich  kaum,  Procops  bekannte  Erzäh- 
lung 6otth.iy,  20  so  auszulegen,  daß  Radiger  sich  der  Elbekönigin  verlobte, 
ihr  auf  Anstiftung  seiner  Freunde  wie  der  Staufenberger  untreu  und  darauf 
von  den  Eiben  in  ihr  Reich  Britannien  entführt  ward. 

Gar  viel  breitspuriger  könnte  dieser  Beweis  einher  gehen,  wenn  ich 
mich  nicht  absichtlich  vom  Gebiete  der  Symbolik  fern  und  an  das  Ausdrück- 
liche fest  hielte;  z.B.  ist  der  Schwanenritter,  an  den  diese  flämischen  Ge- 
schichten gemahnen,  nach  W.  Müllers  Untersuchung  im  l.B.  dieser  Zs.  ein 
Ankömmling  aus  dem  Todtenreiche,  während  er  auch  ganz  wie  ein  Alb  er- 
scheint. Ich  will  dafür  noch  auf  zwei  wichtige  Züge  des  nordischen  Glaubens 
hinweisen. 

Erstens  ds^ß  der  Saal  Gimill ,  der  nach  dem  Weltbrande  die  Seelen  der 
Gerechten  aufnehmen  soll  (V.  spä  62),  nach  Snorri  einstweilen  von  den 
Lichtelben  bewohnt  wird  (doemis.  17).  Werden  sie  ihn  räumen  müssen,  wenn 
einst  die  Seelen  ihren  Einzug  halten,  oder  kommen  auch  nach  dieser  Ansicht 
die  Abgeschiedenen  zu  den  Eiben? 

Zweitens  daß  auch  Valhöll,  Odhins  Todtenreich  fiir  Krieger  und  Edle, 
ein  Reich  der  Elbe  ist,  die  ihm  die  Seelen  zuführen  und  der  Seelen  dort 
pflegen.  Grimm  muß  eine  Berührung  der  Valkyrien,  Schwanjungfrauen, 
Wald- und  Meerminnen  mit  den  Eiben  ein  übers  andere  Mal  zugeben  (M.  391, 
451,  456,  457,  459  f.,  465)  und  die  Scheidung  beider  Classen  scheint  am 
Ende  nur  darauf  zu  beruhen ,  daß  die  Elbe  in  untermenschlicher  Kleinheit 
dargestellt  werden.  Aber  doch  passt  dieß  Kennzeichen  auf  mancherlei  We- 
sen nicht,  dieGrinmi  selber  als  elbisch  gelten  lässt  Alle  Sagen  zumal,  worin 
elbische  Frauen  die  Liebe  irdischer  Männer  gewinnen,  setzen  ein  Ebenmaaß 
der  Gestalt  voraus;  oder  sollen  nun  auch  die  Mixen,  die  ins  Dorf  zum  Tanze 
konmien,  und  die  schönen  Tänzerinnen,  die  einen  zuschauenden  Jüngling  ent- 


176  ^^^  RIEGEB 

weder  in  ihren  Kreis  ziehen  oder  sich  von  ihm  rauben  lassen  (Wolf  Beitr.  z. 
d.  M.  2,  265.  261  f.  aus  Caes.  heist.  und  Walter  Map),  aus  dem  Elbereich 
verwiesen  und  den  weisen  Frauen  zugetheilt  werden?   Wird  doch  vielmehr 
die  am  Ufer  gefundene  Meerminne  in  niederländischer  Quelle  ausdrücklich 
een  alvinne  genannt  (M.  440).    Und  was  soll  aus  dem  Hausgeiste  bei  Cäsa- 
rius  werden,  der  adoleacenUs  venusti  epeciem  besaß  (Wolf  2,  252),  und  was 
aus  dem  unzwergischen  Knecht  Ruprecht?   Bezeichnend  scheint  mir  doch 
das,  daß  der  Ausdruck  Alb  am  zähesten  an  einem  Wesen  gehaftet  hat,  das 
nach  seiner,  Entzauberung  ein  schönes  Weib  ist  und  menschliche  Ehe  ein- 
geht.  Eher  mochte  der  männliche  Incubus,  der  verstohlen  naht  und  wieder  ent- 
weicht wie  Eiberich  bei  Ortneids  Mutter,  in  eibischer  Kleinheit  gedacht  wer- 
den.   Doch  hört  man  nichts  davon  bei  dem  Alb ,  der  nach  Thidr.  s.  150 
(Peringsk.)  Hagens  Vater  war ,  vielmehr  konnte  es  der  Königin ,  da  sie  er- 
wachte, vorkommen  als  läge  ihr  Mann  bei  ihr.  Im  Ganzen  treten,  das  Hexen- 
wesen abgerechnet ,  beim  Liebesverkehr  mit  Menschen  die  Elbe  sehr  hinter 
die  Eibinnen  zurück:  aber  ein  solcher  buhlender  Alb  ragt  an  Alter  und  Ruhm 
über   die   meisten   unsrer   Sagengestalten   empor,    der   Schmied  Wieland. 
J.  Grimm  sucht  den  Sinn  von  dlfa  liödi  und  älfa  vtsi,  der  Heldens.  388 
unbefangen  aufgefasbt  wird,  abzuschwächen:  jenes  soll  nicht  al/arum  gentiUs 
bedeuten  nach  Analogie  des  ags.  Vedera,   Vendia,  Secgena  leöd  upd  nach 
der  klaren  Stelle  L.  In.  11  gif  hvd  his  dgenne  leöd  ivar,  geleöd^  leodan)  ^^- 
bycge  ßeövne  odde/rigne,  sondern  al/arum  socvua  soll  der  Held  als  Lehrling 
der  Zwerge  heißen  (M.  413);  und  alforum  princeps  weil  er  sich  wie  Siegfried 
ein  Zwergvolk  unterworfen  hätte  (M.  422) ,  wovon  wir  doch  nichts  wissen. 
Doch  ist  Alles  elbisch,  die  Schmiedekunst,  der  Zauberring  und  das  Flug- 
hemd, und  daß  er,  wie  jener  Alb  der  Mutter  Hagens,  Baduhilden  als  Incubus 
im  Trunk  und  Schlafe  beiwohnt.   Nie  aber  hätte  Wieland,  wenn  als  Zwerg 
'gedacht,  zugleich  als  Held  gedacht  werden  können,  der  eine  Schwangjungfrau 
beschleicht.  *)   So  viel  zum  Beweise,  daß  die  Schranke  zwischen  Eiben  und 
Grimms  weisen  Frauen  (mit  alleiniger  Ausnahme  der  riesischen  Nornen) 
unhaltbar  ist.    Einzelne  Valkyrien  zwar,  wie  Brynhild,  stellt  der  Norden 
ganz  heroisch  dar ,  indem  er  die  Vorstellung  irdischer  Schildmägde  *)  in  die 
verwandte  der  Valkyrien. erhebt;    aber   daneben   hält    sich    doch  von  der 


^)  Ich  habe  keinen  Zweifel ,  daß  Völund  Hervörs  Gatte  und  Völund  bei  König  1 
verschiedene  Personen  sind ,  daß  also  der  Inhalt  der  VölundarkTida  auf  Combination  beruht. 
Zwischen  den  beiden  Theilen  ist  keinerlei  verständiger  Zusammenhang;  denn  derjenige«  d^° 
das  Lied  durch  den  Ring  herzustellen  sucht,  ist  ganz  verkehrt.  Der  Ring  ist  es ,  dessen  An- 
legung dem  Ydlund  das  Flughemd  verschafft :  gehörte  er  also  der  Hervor,  so  mu0te  sie  ihn,  da 
sie  entflog ,  mitgenommen  haben.  Ein  merkwürdiges  Beispiel  frühen  Missverständnisses  deat- 
scher  Sagenzüge  im  Norden. 

^)  In  nordischen  Sagen  etwas  gewöhnliches,  für  den  Süden  bereits  von  Dio  Cassins  71t  ^ 
bezeugt 


DIE  NIBELUNGENSAGE.  177 

mentaren  Seite  dieser  letzten)  der  wichtige  Zug  von  den  thautriefenden  Mäh- 
nen ihrer  Rosse  (Helgakv.  I,  28).  Yalkyrien  sind  eigentlich  Elbe  und  ge- 
währen einen  neuen  Eall  enger  Beziehung  der  Elbe  zum  Todtenreiche. 


Nach  dem  Allem  denke  ich  ist  es  einfach  und  natürlich,  wenn  ein  uralter 
vom  Nebel  her  genommener  Geschlechtsname  seine  Träger  zu  Eiben  stem- 
pelt, die  aus  dem  Todtenreiche  Nebelheim  stammen  und  dort  herrschen. 
Heutige  Sage  kennt  wenigstens  noch  Nievelmännchen  als  neckische  nächt- 
liche im  Berg  hausende  Elbe  (D.  M.  u.  S.  72);  alt  ist  der  Ausdruck  Nebel- 
kappe för  den  unsichtbar  machenden  Mantel  der  Zwerge  (M.431):  beruht  er 
nur  darauf,  daß  die  ünsichtbarkeit  als  ein  die  Gestalt  umfließender  Nebel 
gedacht  wird?  Davon  weiß  sonst  deutscher  Glaube  nichts  (M.  306).  Nebel- 
heim tritt  schon  im  Norden  neben  Hei  merklich  zurück  oder  muß  sich  in  der 
Combination  Niflhel  an  die  üblichere  Bezeichnung  anlehnen;  kein  Wunder, 
wenn  es  in  Deutschland  verschollen  ist.  Gibt  es  übrigens  einen  für  das  nörd- 
liche Todtenreich  eingetretenen  rationalistischen  Ausdruck ,  so  muß  es  wohl 
Norwegen  sein,  das  im  Epos  für  Nibelungeland  gilt,  so  fest,  daß  sogar  der 
schwedische  Schilbnng  Nibelungs  Bruder  werden  mußte  0;  und  wieder  ist 
nach  Snorri  Norwegen  Alfheim  (s.  Lachm.  Anm.  344). 

Steht  aoch  der  Geschlechtsname  der  Nibelunge  in  dürrer  Vereinzelung 
da,  was  wir  im  Besondern  von  ihnen  wissen ,  gibt  trotz  aller  Vermenschung 
anverwerfliche  Auskunft  über  ihr  elbisches  Wesen. 

Vom  Vater  Gibich  war  schon  die  Rede.  Sein  Name ,  der  largitor  be- 
deutet, bringt  seinen  Charakter  in  Gegensatz  zu  den  mißgünstigen  Söhnen, 
so  daß  verschiedene  Seiten  des  elbischen  Wesens  genealogisch  auseinander 
gelegt  werden;  dafür  hat  er  an  der  Handlung  auch  keinen  Theil. 

Günther  oder  Gunnar,  Guthorm  oder  Gernot  für  Godomar  0  und  Giselher 
sind  geschichtliche  burgundische  Gibikunge  und  auszuscheiden ,  wo  von  my- 
thischen Gibikungen  oder  Nibelungen  die  Rede  ist.  Gudhrun  wird  zu  ihnen 
gehören;  hatte  vielleicht  Attila  vor  seiner  Thronbesteigung  (Zs.  f.  d.  A.  10, 


')  Es  gilt  hier  gleich,  ob  die  von  Siegfried  beraubten  Besitzer  des  Hortes  den  Nibelnnge- 
namen  mit  Recht  oder  Unrecht  tragen;  genug  dass  die  Sage  Norwegen  and  Nibelnnge  znsam- 
mcDbringt. 

^  Sftmond  schreibt  Guthorm  und  zweimal  (Manch  119  J  Gudthorm,  Snorri  Outthorm, 
Völs.  s.  Outtarm  zudi  Zeichen,  daß  der  Name  fremd  war  und  von  Oudorm  =  drcteo  deorum 
^\hat  abstand.  Ans  Godomar  ist  indess  die  Entstellung  nicht  zu  begreifen;  es  maß,  wie 
Wackemagel  meint ,  ein  TerschoUener  nach  Gunthari  gebildeter  Gunthram  zu  Grande  liegen. 
Hä&selhafter  ist  GSmöt ,  in  Thidr.  s.  Gtmoz,  Dieß  z  kann  nur  aus  hdentschen  Quellen ,  die 
ttn«  nicht  vorliegen,  entlehnt  sein:  dann  aber  stellt  sich  der  Name  zu  Sahmöt  und  gebührt  dem 
Stammbelden  eines  Volkes  von  Gerschwingem.  Das  hd.  t  deutet  an ,  daß  man  ihn  in  einem 
Hieile  des  hdentschen  Gebietes  missyerstand  und  nach  Analogie  der  Namen  auf  not  =  nd.  n^ 
beortfamhe. 

onaunAoi.  12 


178  li^AX  RIEGER 

169)  wirklich  eine  burgundische  Godoruna  Godomares  Sefavester  zom  Weibe 
genommen  (Lachm.  Anm.  347)?  Der  Nibelunge  Tochter  hieft  ohne  Zweifel 
Ortmhäd  von  der  elbischen  grima  oder  dem  heUthelm  (M.  218,  432);  dem 
Norden  kamen  beide  Namen  zu  und  er  erfand  eine  Mutter  um  beide  unterzu- 
bringen. Diese  Grimhild  nun  reicht  dem  Helden  ein  Hom,  aus  dem  er  Ver- 
gessenheit trinkt,  ganz  wie  sonst  Elbe  und  zumal  elbische  Frauen  thun  (M. 
1055)  und  wie  schon  Kirke  that  ^);  sie  ist  die  falsche  elbische  Braut,  die  sich 
verlockend  zwischen  den  Held  und  seine  rechte  Verlobte  eindrängt,  wie  Venus 
in  der  Sage  bei  Vincent.  Bellovac.  (Wolf  Beitr.  2,  256)  und  genau  wie  Re- 
panse  de  schoie,  bei  deren  Anblick  Feirefiß  der  geliebten  Secundille  Tergisst: 
denn  die  Gralsburg,  nach  Müller  (Germ.  1,  430)  das  Todtenreich,  verstehe 
ich  ohne  Widerspruch  gegen  diese  Auffassung  als  Reich  der  Elbe,  die  Trä- 
gerin des  Grals ,  als  becherreichende  Eibin.  Grimhild  die  Elbekönigin  hat 
denn  auch  wie  der  Zwerg  Läurin  einen  Rosengarten  ^),  ja  sie  wird  mit  Holda 
verwechselt,  wenn  der  treue  Eckhart,  hier  Eckewart,  als  Warner  an  der 
Grenze  ihres  Reiches  erscheint. 

Von  den  Brüdern  bleibt  für  den  Mythus  nur  Hagano  übrig,  der  in  nordi- 
scher Überlieferung  bloß  eine  Rolle  als  Rathgeber  spielt,  nach  deutscher 
Ansicht  aber  Siegfrieden  erschlug  und  den  Hort  versenkte  und  sehr  vohl 
ursprünglich  auch  der  sein  konnte,  für  den  Siegfried  Brünhilden  erwarb;  im 
dänischen  Liede  (bei  Grimm  N.  V)  ist  Herr  Nielus  Brynildens  Gatte  und 
Sivards  Mörder  und  keines  Bruders  wird  neben  ihm  gedacht.  Um  den  Nibe- 
lung  mit  den  burgundischen  Königen  zu  combinieren,  machte  ihn  die  Überlie- 
ferung bald  zu  ihrem  Bruder,  bald  zu  ihrem  Dienstmann :  uns  ein  Zeichen, 
daß  er  in  keiner  Weise  zu  ihnen  gehört.  Sein  Name  (von  Juigcvn  Domstraacb), 
so  viel  geschichtliche  Personen  ihn  auch  entlehnten ,  stellt  sich  zu  den  zahl- 
reichen Teufels-  und  Albnamen,  die  von  Pflanzen  genommen  sind  (M.  1015); 
eine  tiefere  Bedeutung  erhält  er  noch  durch  die  Beziehung  des  Domes  zam 
Tode,  die  Grimm  entwickelt  hat  (Abh.  der  Berl.  Ak.  v.  1849  S.  221,  223  ff., 


*)  In  den  Märchen  ist  der  Vergessenheitstnink  als  Schlaftrunk  symbolisiert.  In  N.  93  der 
Grimmischen  Sammlung  Tersanrat  der  Held  dreimal  die  rerwünschte  Jongfirao  zu  erlösen,  v^ 
er  TOD  dem  Tranke,  den  ihm  die  alte  Frau  des  Hauses  im  Walde  bietet,  in  tiefen  Schlaf  sinkt. 
Hier  ist  die  Beziehung  des  Trunkes  zu  den  Eiben  dadurch  besonders  klar,  dal  die  Verwüuebte 
zuerst  mit  weißen,  dann  mit  rothen  oder  braunen^  zuletzt  mit  schwarzen  Rossen  gefchw» 
kommt  So  werden  die  drei  nach  der  Farbe  verschiedenen  Clasaen  der  Elbe  angedeutet:  vgl. 
Wolf  Hausm.  S.  41,  51,  271,  373,  besonders  aber  die  Ballade  vom  jungen  Tamlan,  dasseo 
Erlöserin  das  schwarze  und  braune  Boss  yorüberlassen,  vom  weilen  aber  den  Mann  herabziehen 
mul  (Wolf  Beitr.  2,  258).  Schwarze,  rothe  und  weile  Eiben  sind  es  nach  mftrkisehem  Ab«r- 
glauben,  die  das  Oedftohtnil  rauben  (Nd.  S.  S.  443).  Zur  Yergleichung  kommen  auch  di« 
grauen,  bleichen  und  schwarzen  Rosse  im  Walde  wo  Heimi  wohnt  Thidr.  s.  17. 

')  Hocker  Stamms,  der  HohenzoUem  und  Weifen  34  bringt  den  Namen  der  Yangionen 
in  sinnreiche  Beziehung  zu  der  Wormser  Rosengartensage.  Ist  diese  so  alt,  so  gewinnen 
neben  den  historischen  Oibiknngen  auch  die  mythischen  dort  einen  Ortlichen  Halt 


DIE  NIBELimGENSAGE.  179 

242,  244).  Dorn  dient  zum  Leichenbrand  und  wird  auf  Grabhügel  gepflanzt; 
aber  die  Sage  lässt  auch  Domen  durch  Leichen  empor  wachsen ,  ja  Leichen 
sieb  in  Domen  verwandeln;  eines  zauberischen  Dornes  bedient  sich  Odhin 
nm  Brynhilden  in  todähnlichen  Schlaf  zu  versenken ,  und  Dornen  statt  der 
Waberlohe  umgeben  im  Märchen  das  Lager  der  schlafenden,  die  selber  Dom- 
röschen heißt.  Wenn  nun  der  Dorn  oder  hagen  so  deutlich  als  Baum  des 
Todes  auftritt,  so  dürfte  ja  damit  für  den  nd.  Ausdmck  heinenkleed  =  Todten- 
kleid,  für  jene  Heinchen,  die  zugleich  Elbe  und  abgeschiedene  Seelen  sind, 
und  endlich  für  den  Freund  Hein  (M.  811)  der  Schlüssel  gegeben  sein:  im 
Dom  wohnt  die  Seele  als  Alb,  aber  dieser  Alb  ist  auch  wieder  ein  Todbringer 
oder  der  Tod  selbst,  und  in  Hagano  gäbe  sich  denn  der  Todesdämon  un ver- 
hüllt zu  erkennen.  Noch  mehr:  Hagen  von  Troia,  wie  er  in  Thidr.  s.,  in  der 
Vorrede  des  [Heldenbuches  und  schon  im  Waltharius  heißt  (Heldens.  87), 
bedeutet  nichts  anders  als  Hagen  von  Elbeland.  Die  alte  Troie,  so  genannt 
im  Gegensatze  zur  secunda  Troia  oder  Troia  minor  am  Niederrhein  (s.  Alt- 
dän.  Heldenl.  432  f.,  Lacomblet  Archiv  1, 172)  ist  im  Wolfdietrich  das  Land, 
wo  die  rauhe  Else  oder  Frau  Sigeminne  herrscht,  und  trägt  von  ihr  im  Buche 
von  Bern  und  in  der  Rabenschlacht  auch  den  Namen  JElsentroie  (Heldens. 
198,211).  Dieser  Umstand  kann  sich  nur  aus  der  fränkischen  Troiasage 
erklären.  Wenn  einheimische  Sage  den  Stammvater  der  Franken  aus  dem 
Lande  der  Elbe  kommen  ließ  und  dieß  in  der  Anlehnung  an  gallische  Troia- 
sagen  (s.  Roth  Germ.  1,  50  ff.)  so  historisiert  ward,  daß  die  Franken  aus 
Troia  stammten ,  so  konnte  von  da  aus  auch  in  andere  Sagen  —  und  Wolf- 
dietrich ist  ja  selbst  ursprünglich  ein  austrasisch-fränkischer  Held  —  der 
Name  Troia  für  das  Elbeland  eindringen.  *)  Oder  soll  Hagens  Abstammung 
von  Troia,  für  die  doch  auch  der  Bagene  von  Tronje  des  hd.  Epos  sichtlich 
HDr  ein  anderwärts  angelehntes  Missverständniss  ist,  nur  darauf  beruhen,  daß 
die  Nibelunge  hie  und  da  auch  als  Franken  betrachtet  wurden,  nachdem 
das  einst  burgundische-Land  um  Worms  fränkisch  geworden  war?  Das  könnte 
sich  für  den  Waltharius  empfehlen ,  weil  hier  auch  ein  fränkischer  Bogen- 
schütze in  offenbarer  Beziehung  auf  die  Troiasage  zum  Nachkommen  des 
Pandarus  gemacht  wird  (726  ff.);  aber  warum  ist  es  sonst  immer  nur  Hagen, 
dem  diese  Abstammung  beigelegt  wird?  Derselbe  Hagen,  dessen  unverwüst- 
liche elbische  Natur  man  auch  dadurch  auszudrücken  wusste ,  daß  man  ihm 
einen  Alb  zum  Vater  gab!  Denn  eben  der  Waltharius,  der  ihn  zuerst  zum 
Troianer  macht,  nennt  seinen  Vater  mit  einem  Albnamen  (s.  Lachm.  Anm. 


')  Es  ist  die  Sage  vom  Schwanenritter,  dieser  ganz  elbischen  Erscheinung,  die  von  dent- 
Bcber  Seite  der  frftnldschen  Troiasage  zu  Grunde  liegt :  er  ist  der  Franken  Stammvater ,  den 
lieh  dann  einzelne  Fürstengeschlechter  des  alten  Frankenbodens  besonders  aneigneten.  Er  ist 
bereits  der  Ulixes  bei  Tacitus,  der  Ankömmling  von  Troia:  und  von  Troia  ist  auch  der  Schwa- 
nenritter,  der  hier  Brahon  als  Eponymas  von  Brabant  hei0t,  bei  Wolf  Nl.  S.  51. 

12» 


180  MAX  BIEGER 

345)  Agcui  *)  und  Thidr.  8.  lässt  ihn  wie  Ortneid  von  einem  Incubns  erzeagen, 
daher  sein  Ansehen  wie  das  eines  Trolles  und  auch  im  hd.  Epos  eisltch  sk 
gerinne  ist. 

Ich  mache  endlich  daran!  aufmerksam,  wie  das  ganze  Than  der  Nibe- 
Innge  im  ersten  Theile  der  Sage  nichts  Heldenhaftes  hat,  nur  ans  Zauber  and 
Tücke  besteht;  denn  was  Ätlam.  und  Völs.  s.  von  Heerfahrten  wissen  wollen, 
die  sie  mit  Sigurdh  ausgeführt  hätten,,  ist  müßige  Lückenbüßerei.  Dem  von 
Siegfried  angebotenen  Holmgange,  der  freilich  nur  dem  hd.  Epos  bekannt, 
aber  einer  seiner  alterthümlichsten  Zöge  ist,  weichen  sie  aus,  dafar  gewinnen 
sie  ihn  durch  Schmeichelworte  und  die  Schönheit  ihrer  Schwester,  oder  ur- 
sprünglich durch  einen  Zaubertrank,  den  die  Schwester  reichte.  Der  Bethörte 
muß  selber  seine  rechte  Braut  dem  Mbelung  gewinnen  und  zu  diesem  Zweck 
.  ist  seine  Gestalt  von  den  I<^ibelungen  verzaubert.    Es  ist  fester  Sagenzug, 
daß  wer  im  Todtenreich  oder  im  Reich  der  Elbe  war,  entstellt  zurückkehrt 
und  nicht  mehr  erkannt  wird  (s.  W,  Müller  zu  den  Ns.  S.  S.  395  ff.):  so 
glaube  ich  verhielt  es  sich  mit  Siegfried,  er  sah  wie  ein  Alb  aus,  wie  es  der 
entführte  Tamlan  der  schottischen  Sage  ausdrücklich  von  sich  bezeugt;  wenn 
Günther  gleichzeitig  Siegfrieds  Gestalt  annimmt,  so  ist  dieß  dagegen  ein 
eibischer  Trug  (M.  432):  so  nahte  der  Alb,  der  Hagen  erzeugte,  der  Königin 
in  ihres  Mannes  Gestalt.   Ein  andrer  Gestaltentausch  ist  den  Signy  mit  einer 
seidkona  vornimmt,  um  in  deren  reizender  Gestalt  bei  Sigmund  zu  schlafen, 
während  die  seidkona  Signys  Platz  bei  ihrem  Manne  einnimmt  (Völs.  s.  7). 
Ich  wage  die  Vermuthung,  daß  uns  hier,  obwohl  entstellt,  eine  der  ältesten 
Mahrensagen  vorliegt   Setzen  wir ,  wie  es  so  oft  nöthig  wird ,  an  die  Steile 
der  Hexe  eine  Eibin ,  so  ist  Signy  selbst  die  Zauberfrau ,  die  mit  Eiben  um- 
geht und  an  ihrer  Natur  Theil  nimmt,  und  hier  bereits  erscheint  denn,  wie 
der  neuere  Aberglaube  die  Mahr  vorherrschend  versteht,  ein  menschliches 
Weib  als  Mahr.  ^   Auch  hier  also ,  nur  ganz  anders  motiviert,  geht  der  Ge- 
staltentausch zwischen  Alb  und  Mensch  vor.  Götter  mögen  wohl  die  Gestalt 
gewisser  Menschen  annehmen,  wie  Odhin  die  Brunis  in  der  Bravallaschlacht; 
wo  aber  liehen  sie  je  niedern  Wesen  ihre  eigne?  fromme  Scheu  muß  wohl 
diesen  Gedanken  vom  Mythus  ausgeschlossen  haben.   Es  ist  darum  gewagt 
von  Lachmann  (Anm.  340  f.),  den  Gestaltentausch  als  eine  göttliche  Kunst 
Siegfrieds  anzusehen,  zu  der  nach  ursprünglicher  Sage  seine  Tarnhaut  diente; 
dieß  gemeine  Attribut  der  Zwerge  drang  ohne  Zweifel  nur  als  Ersatz  für  den 
Gestaltentausch  in  die  Sage  ein.    Der  Mord  Siegfrieds  ist  der  folgerechte 


^)  Walth.  629  ff.  sohUdert  ihn  Ounthari  um  Haganon  zu  schmähen  als  einen  Zagen,  aber 
diefi  muß  em  MissTerständniss  des  Dichters  sein;  wir  wissen  ans  Thidr.  s.  365  hesser  was  es 
heißt,  wenn  Hagneu  seine  Abkunft  vorgeworfen  wird. 

0  Signy  kommt  sn  Sigmund  ganz  wie  Fomald.  s.  1,  30  die  alfhona  ra  KOnig  Helgi, 
Abends  spAt  nnd  am  Herberge  bittend. 


DIE  iaB£LUKa£NSAG£.  181 

Schloß  der  Dibelangischen  HaDdlungsweise.  Sein  rechter  Vollstrecker  ist 
Hagen,  der  Todesdorn,  nicht  der  im  Norden  zur  Schonung  der  Bundesbruder- 
schaft untergeschobene  Guthorm.  Was  aber  den  über  die  Quelle  gebeugten 
oder,  nach  Hans  Sachs,  den  am  Lindbrunnen  schlafenden  tückisch  traf,  war 
nach  dem  ursprünglichen  Sinne  sicher  nichts  als  ein  Albschuß  (M.  429). 

DER  HORT. 

Nachdem  das  Wesen  der  Nibelunge  so  festgestellt  ist,  wird  die  Be- 
wandtniss  des  Hortes  und  mit  ihr  Idee  und  Motiv  des  ganzen  Mythus  klar. 

ÜDzähliche  Male  spricht  sich  in  Sagen  die  Ansicht  aus,  daß  die  Unter- 
welt, das  Reich  der  Todten  und  der  Elbe,  im  Besitz  einer  Fülle  Goldes  sei, 
zu  der  alles  auf  der  Welt  befindliche  Gold  sich  nur  wie  ein  Abfall  verhalte. 
Lehrte  nun  der  Welt  Lauf,  daß  das  Gold  die  Wurzel  <Jes  meisten  Unheiles 
war,  so  lag  der  Gedanke  nah,  daß  es  den  Menschen  darum  nicht  gedeihe, 
weil  es  ein  Raub  an  den  Mächten  der  Unterwelt ,  seinen  ursprünglichen  und 
rechtmäßigen  Eigenthümern  sei.  Der  Mythus,  der  diesen  Gedanken  aus- 
fahrte, nannte  die  Unterwelt  Nebelheim  ^),  ihre  Mächte  Nibelunge,  das  Gold 
also  der  Nibelunge  Hort.  Sein  Wächter,  Andvari  (ein  Abstractum,  das  nach 
Finn  Magnussen  im  heutigen  Isländisch  vigilamtia  vel  sedvlitaa  bedeutet), 
wohnt  in  einem  Fluß  in  i9t;ar^Z/aA^m,  und  zwar  in  einem /or«  dieses  Flusses  : 
kann  das  auch  Strudel  sein,  also  Zugang  zur  Unterwelt?  Wenigstens  kom- 
men Strudel  leicht  bei  Stromschnellen  vor.  Von  dem  überlisteten  Andvari 
gewinnen  die  Götter  den  Hort,  natürlich  durch  Loki,  den  personificirten  Keim 
des  Verderbens,  der  in  der  natürlichen  und  sittlichen  Welt  enthalten  ist,  den 
die  Götter  in  ihre  Gemeinschaft  aufgenommen  haben.  Wenig  ist  das  Gold 
den  unterirdischen  werth  und  ohne  Widerrede  gab  Andvari  Alles  hin ,  nut 
den  Kern  des  Hortes,  den  Ring  durch  den  er  sich  neu  erzeugen  konnte,  wollte 
er  nicht  missen :  Loki  entreißt  ihm  auch  diesen;  nun  ist  zwar  das  Gold  sammt 
seinem  Samen  auf  der  Oberwelt ,  aber  die  Unterwelt  hat  ihren  Fluch  darauf 
gelegt.  Einen  Nachklang  dieses  Mythus  glaube  ich  im  Märchen  vom  Fischer 
und  syner  Fru  (Gr.  19)  zu  erkennen:  der  in  Fischgestalt  gefangene  Alb 
(s.  Ns.  S.  Anm.  z.  35)  löst  sich  hier  durch  Gewährung  von  Wünschen,  nimmt 
aber  Alles  zurück  als  der  Fischer  unersättlich  ist.    Eine  andre  alte  Idee, 


^)  Nißheim  ist  nach  nordischer  Ansicht  zwar  ein  nördliches,  aher  auch  ein  unterirdisches 
Und  (M.  672  f.) ;  der  Weg,  den  die  Todten  reiten,  führt  nordwärts  nnd  niede^rwArts.  d.  h.  in 
<&e  £rde  hinein.  Anch  dem  Griechen  liegt  der  Eingang  der  Unterwelt  in  dem  sonnenlosen 
Lande  der  ELimmerier ,  im  anfersten  Westen  jenseits  des  Oceans ,  Odyss.  X.  14  ff. ,  dem  in 
dentBcher  Ansdiaanng  das  Todtenreich  Britannien  entspricht:  aber  auch  die  Unterwelt  hei0t 
^^0«,  d.  i.  Nebelheim  (etymologisch  entspricht  unser  €rp  =  furvus).  Die  Vorstellung  eines, 
^tem  NebeUandes  passt  sowohl  auf  den  nördlichen  oder  westlichen  Vorhof  der  Unterwelt 
^  auf  diese  selbst  Snorri  berichtet  von  den  Wurzeln  des  Weltbaumes:  «m  er  med  Attim  en 
^^«MMir  med  Hrimfiutstm  —  enjnidja  etendr  yfir  Niflheimi  (Gylfag.  15). 


182  1<AX  BIEGEB 

woDach  das  Weib  Versucher  und  böses  Princip  ist,  hat  sich  in  dem  Märchen 
eingemischt  und  scheidet  sich  leicht  wieder  aus;  an  der  Stelle  des  Hortes 
und  des  Wunderringes  stehen  Reichthum  und  hohe  Würden  in  einer  Stufen- 
leiter; die  Verfluchung  der  letzten  Gabe  kommt  mit  der  Vereitelung  aller 
auf  eines  heraus.  Aber  den  Göttern  steht  das  Glück  zur  Seite:  noch  gelingt 
ihnen  Alles ,  bis  einst  auch  ihr  Tag  kommt  Ihr  Glück  gibt  es ,  daß  Ottrs 
Wergeid  ohne  den  Wunderring,  den  sie  zu  behalten  dachten,  nicht  voll  wird. 
Hier  gewährte  der  sinnvolle  Mythus  zugleich  die  Begründung  eines  der  wich- 
tigsten Rechtsinstitute  des  Alterthumes;  es  ist  begreiflich,  daß  gerade  dieser 
Theil  des  mythischen  Ganzen  nach  dem  Untergänge  der  Götter  sowohl  als 
jenes  Institutes  spurlos  verscholl.  Der  Fluch  ist  also  von  den  Göttern  auf 
die  Empfänger  des  Wergeides,  die  lötune  abgewälzt  und  von  diesen  erbt  er 
auf  den  Helden  und  die  Schildmagd,  seine  Braut;  nachdem  er  Riesen  nnd 
Menschen  ins  Verderben  gerissen,  fällt  Hort  und  Ring  an  die  rechten  Eigen- 
thümer ,  die  Nibelunge ,  zurück  und  wird  von  ihnen  wieder  in  die  Tiefe  des 
Wassers,  die  ihn  einst  barg,  versenkt,  d.  h.  der  Unterwelt  zurückgegeben. 
Freilich,  das  Gold  ist  ja  noch  in  der  Welt  und  wirkt  Unheil  fort  und  fort 
Auf  solche  Bedenken  darf  man  vom  Mythus  keine  Rücksicht  erwarten.  Er 
muß  sich  poetisch  abrunden  und  stellt  darum  an  Zeit,  Ort  und  Person  ge- 
bunden dar,  was  ewig  dauernde  oder  ewig  wiederkehrende  Wahrnehmung  ist. 
Auch  durfte  er  nicht  mit  der  Ansicht  in  Widerspruch  gerathen ,  daß  alles 
Gold  in  Menschenhand  nur  ein  geringer  Abfall,  des  unendlichen  Vorratlies 
der  Unterirdischen  sei,  und  darum  den  verfluchten  Ring  nicht  auf  der  Ober- 
welt lassen;  endlich  ließ  es  sich  denken,  daß  mit  dem  Samen  des  Goldes  nan 
auch  der  Abfall  verflucht  sei,  der  uns  zu  Theil  wird,  während  ohne  Andvaris 
Fluch  leicht  verdiente  und  gern  gewährte  Spenden  der  Unterirdischen,  wie 
sie  den  Sagen  noch  geläufig  sind,  uns  nicht  geschadet  hätten.  Deutet  docli 
der  Name  des  Vaters  Qihicho  darauf,  daß  die  Nibelunge  früher,  d.h.  doch 
wohl  vor  Lokis  Fischzuge,  freundliche  Geber  waren. 

Der  Ansicht,  daß  das  Gold  den  Mächten  der  Unterwelt  gehöre,  liegt 
eine  sehr  einfache  Naturbeobachtung  zu  Grunde;  unserm  Mythus  insbeson- 
dere das  Vorkommen  von  Flußgold.  Ohne  Zweifel  war  dieses  und  seine  Ge- 
winnung den  Deutschen  früher  bekannt  als  der  schwierigere  und  im  nörd- 
lichen Europa  so  wenig  lohnende  Bergbau  auf  Gold.  Schon  von  den  Kimbern 
und  Teutonen  ward  das  erbeutete  Gold  und  Silber  in  die  Rhone  geworfen: 
was  aus  dem  Wasser  gewonnen  war,  gaben  sie  in  frommer  Scheu  dem  Wasser 
und,  müßen^wir  hinzufügen,  der  Unterwelt  zurück  (Wackernagel  H.  Zs.  9, 
654).  Fragte  es  sich  also  im  Mythus ,  woher  das  verderbliche  Gold  in  die 
Welt  gekommen  sei,  so  mußte  es  aus  einem  Strome  geholt  sein  *);  und  wie- 

^)  Der  Strom  war  nach  Skaldsk.  m.  39  in  STart&lfaheim,  dieses  wird  nach  Sn.  17  unter 
der  Erde  gedacht:  damit  wttre  der  Bach  im  Kyffhäoser  za  yergleiohen,  dessen  Schlamm  n 
Golde  wird  Nd.  S.  247,  1,   Das  ist  recht  eigentiiches  famgoU  (M.  498). 


DIE  NIBELUKGEN6AGE.  183 

d«r  erklärte  der  Mythus  warum  der  Rhein  Gold  ftthre:  oeidische  Nibelunge 
Httea  66  hinein  gesenkt.  Grade  wo  dieß  nach  Nib.  1077  geschehen  war,  in 
der  Gegend  des  ehemaligen  Lochheim,  ward  auch  Gold  gewaschen  (im  Amte 
Genisheim  s.  Dahl,  Beschr.  des  Fürstenth.  Lorsch  S.  251). 

Doch  gilt  der  Hort  nach  einer  Überlieferung  auch  für  Berggold.  Nach 
Thidr.  s.  «386  war  er  in  einen  Berg  verschlossen,  in  den  Högnis  nachgebomer 
McheT  den  AttUa  lockte  und  einspeiTte;  und  eben  dieß  erzählt  die  hvenische 
Chronik  unter  Beistimmung  der  dänischen  Volkslieder  von  Gremild  (Heldens. 
306).  Was  Atlam.  53  angedeutet  wird,  hängt  hiermit  wohl  zusammen,  bleibt 
siber  unverständlich.  Wenn  Sämuud  den  Andvari  nach  seiner  Lösung  in  den 
Stein  gehen  lässt,  so  scheint  eine  Überlieferung  durchzublicken,  die  nichts 
von  seiner  Fischgestalt  wusste  und  ihn  das  Gold  im  Berge  hüten  ließ. 

Nun  ist  noch  Sinn  und  Zusammenhang  des  Mythus  in  einzelnen  Punkten 
aa&ahellen. 

SIEGFRIEDS  GEBURT  ÜHD  KNECHTSCHAFT. 

Der  Name  der  Mutter  Siegfrieds  hat  sich  nur  im  hd.  Epos  richtig  er- 
halten. Zu  Siffo  Sigimimd  Sigufrit  gehört  offenbar  Sigvlint,  nicht  Hiördis. 
Hier  hat  bei  Gelegenheit  einer  Mythencombination  eine  seltsame  Yerschie- 
baug  stattgefiinden,  die  sich  noch  zurecht  rücken  lässt.  Helgis  Vater  heißt 
das  einemal  Siörvard,  dann  aber,  um  ihn  in  die  Alles  überstrahlende  Wöl- 
sDDgesage  einzufügen,  ist  es  Sigmund.  Dem  Hiörvardh  nun  wird  als  Ge- 
mahlin SigrUnn  beigelegt,  dem  Sigmund,  zwar  nicht  als  Helgis,  doch  als 
Sigurdhs  Yater,  Mördi^:  kein  Zweifel,  BiördU  gehörte  ursprünglich  zu 
Biörvardy  SigrUna  zu  Sigmund.  Sonbt  aber  hat  die  oberdeutsche  Sage 
auch  Alles  von  Siegfrieds  Abkunft  vergessen,  was  sie  erzählt  ist  nach  leerer 
Wahrscheinlichkeit  erfundeu.  Thidriks  saga  bringt  eine  Geschichte ,  die  aus 
der  Genovefalegende  und  dem  Mythus  von  Sceäf  oder  Scild  zusammenge-  , 
setzt  ist,  desshalb  aber  nur  für  einen  Stammvater  gerecht  wäre,  da  doch 
Siegfried  ein  Letzter  seines  Stammes  ist.  Es  bleibt  nur  der  originelle  und 
unverdächtige  Bericht  des  Nordens  über  seine  Geburt.  Nach  diesem  ist  aber 
Sigurdh  ein  gebomer  Knecht,  was  nachmals  Brynhild  bei  dem  verhängniss- 
YoUen  Zanke  seinem  Weibe,  was  auch  der  sterbende  Fafni  ihm  selbst  vorwirft. 

Das  hd.  Epos  legt  denselben  Vorwurf  in  Brünhildens  Mund,  nur  so  ge- 
wandt^ daß  Siegfried  Günthers  Eigenholde  sei;  und  das  sagt  ihr  Siegfried 
selbst,  da  er  mit  Günther  nach  Island  kommt  sie  zu  werben.  Freilich,  es 
wd  uns  an  andrer  Stelle  (375)  erklärt,  dieft  war  nur  eine  vorher  verabredete 
Vorspiegelang:  aber  der  Interpolator  lässt  uns  imUnklaren  über  deren  Grund; 
und  wenn  sie  auch  hätte  dienen  sollen  um  Sigfried  als  ungenSz  seines  Ver- 
löbnisses mit  Brünhild  zu  entbinden,  der  echten  Sage  ist  es  jedenfalls  nicht 
gemäß,  sich  dureh  Nothlügen  über  Verlegenheiten  zu  helfen.  Tief  wurzelt 
aber  das  Motiv  von  Siegfrieds  Knechtschaft,  wenn  es  ebenmäfiig  in  der 


184  ^AX  RIEOER 

obetdeutschen  udcI  Dordischen  Überlieferung  auftaucht;  und  in  der  nordischen 
ist  es ,  obschon  nicht  auf  Gunnar  bezogen ,  entschieden  als  Ernst  gemeint 
und  auch  in  Thidr.  s.  erscheint  Signrdh  als  Dienstmann  König  Isungs  (168. 
190);  was  will  also  der  Mythus  mit  diesem  Motiv? 

Lachmann  meinte ,  indem  er  die  Entstehung  dieser  Knechtschaft  dnrch 
Geburt,  wie  der  Norden  sie  annimmt,  ganz  bei  Seite  ließ,  der  Held  werde 
durch  den  Erwerb  des  Goldes  den  finstern  Dämonen,  denen  dasselbe  eigent- 
lich gehört,  unterthan  und  müße  ihnen  darum  seine  Braut  überhissen  und 
eine  Tochter  aus  ihrem  Stamme  zum  Ersätze  nehmen.  Hreidhmar  und  seine 
Söhne  müßen  dann  folgerechter  Weise  vor  Siegfried  Knechte  der  Nibelunge 
gewesen  sein,  wovon  man  doch  nichts  hört.  Aber  dieß  zugegeben,  so  müßte 
doch  der  Mythus  diese  vom  Golde  bedingte  Knechtschaft  irgendwie  zur  An- 
schauung bringen :  denn  an  sich  wird ,  wer  eines  andern  Eigenthum  an  sich 
reißt,  nichts  weniger  als  dessen  Knecht.  Der  von  Lachmann  hinter  der 
Sjiechtschaft  vermuthete  Gedanke  läge  in  einer  dem  Mythus  nicht  gemäßen 
abstracten  Nacktheit  vor. 

Diese  Untersuchung  steht  hier  an  der  dunkelsten  Stelle;  will  sie  vor- 
wärts kommen,  so  muß  sie  einen  Sprung  ins  Finstere  wagen. 

Wo  die  Sage  Siegfried  zum  Knecht  der  Nibelunge  macht,  weiß  sie  kei- 
nen Entstehungsgrund  seiner  Knechtschaft;  wo  sie  dagegen  einen  solchen 
angibt,  nämlich  Geburt  in  der  Gefangenschaft,  ist  der  Herr  des  Helden  ein 
bedeutungsloser  Dritter,  so  daß  das  ganze  Motiv  müßig  dasteht.  Dieß  ver- 
einigt sich,  wie  ich  glaube,  so,  daß  der  Räuber,  in  dessen  Knechtschaft  Sieg- 
fried geboren  wird,  ursprünglich  kein  andrer  als  der  Nibelunge  König  war. 

Dieser  Räuber  und  nachmalige  Gatte  der  Hiördis  heißt  zwar  immer  (in 
Sinfiötla  lok,  Völs.  s.  und  Nornag.  s.)  Alf  Hialpreks  Sohn;  aber  der  Vater- 
stelle an  Sigurd  vertritt  (Fornald.  s.  1,  148),  dessen  Knecht  gewesen  zu  sein 
Brynhild  dem  Gatten  Gudhruns  vorwirft  (das.  188)  und  der  auch  sonst  allein 
genannt  wird  (Sigurdar  kr.  IL  im  Anf.  SkaldsLm.  40.  Fornald.  s.  1,  321  f.) 
ist  Hialprek.  Wozu  brauchte  Sigurdh  neben  einem  Stiefvater  noch  einen 
Pflegevater?  Dieser  Luxus  der  Sage  deutet  auf  eine  ursprüngliche  Verschie- 
denheit von  Überlieferungen;  nach  der  einen  hieß  der  Entfuhrer  Alf,  nach 
der  andern  Hialprek  und  beide  Namen  wurden  als  Sohn  und  Vater  zusam- 
mengebracht, ganz  wie  Gudhrun  und  Grimhild.  Wir  können  also  Hialprek 
ganz  aus  dem  Spiele  lassen;  Alf  aber,  allerdings  kein  seltener  Mannesnaoie, 
ist  mythisch  genommen  eponymer  !E^lbekönig.  Darum  erscheint  er  als  Stamm- 
könig  in  Alf  heim ,  dem  Lande  zwischen  Götaelf  und  Raumelf:  das  war  Alf- 
heim  genannt,  worüber  König  Alf  herrschte,  und  das  Volk  ist  alles  eibischer 
Art  (älfakyns),  das  von  ihm  abstammt;  das  waren  schönere  Leute  als  andere 
Völker,  nächst  dem  Riesenvolke  (Fornald.  s.  2,  384). 

Aber  auch  wenn  wir  uns  an  die  andere  Überlieferung  halten,  stoßen  wir 
auf  den  Elbekönig.   Zwar  Hiaiprekr  ist  Cfhüpericvk»;  Snorri  macht  ihn  znm 


DIE  NIBELÜNOENSAGE.  185 

König  äJndSi,  d.  h.  doch  wohl  in  Deutschland,  Völs.  s.  gibt  ihm  freilich  Däne- 
mark, aber  Kornag.  Majuskel  s.  mederFrakkland;  und  da  die  Welsunge  auch 
sonst  in  fränkischem  Boden  zu  wurzeln  scheinen,  so  ist  eine  Anknüpfung  an 
den  Merowing,  Fredegundens  Gemahl,  vielleicht  denkbar:  aber  auch  nur  eine 
Anknüpfung,  die  sonst  für  die  Forschung  unfruchtbar  bleibt.  Viel  bedeut- 
samer ist  es,  daß  in  Völs.  s.  die  einzige  um  1400  entstandene  Pergamenths. 
Hialprek,  die  übrigen  Halfrek  geben,  während  dieß  in  Nornag.  s.  umgekehrt 
die  Haupths.  gegen  das  Hialprek  der  meisten  übrigen  gewährt.  Wenn  man 
non  sieht,  dass  in  Nornag.  s.  alle  Hss.  gegen  eme  Half  für  Alf  geben  und 
daß  auch  Völs.  s.  den  König  in  Dänemark,  bei  dem  Gudhrun  nach  ihres 
Mannes  Tode  lebt  und  den  die  Sage  doch  wohl  für  eine  Person  mit  Sigurdhs 
Stiefvater  nahm,  zweimal  Half  (beiBiörnerHialfrek)  nennt,  so  wird  es  wahr- 
scheinlich, daß  Halfrek  für  Alfrek  und  dieses  selbständig  neben  dem  durch 
Sämund  und  Snorri  bezeugten  Hialprek  steht.  Alberich  also ,  der  beinahe 
appellative  Name  des  Elbeköniges  in  so  mancher  Sage ,  war  auch  der  Name 
dessen,  der  den  ungebomen  Siegfried  in  seine  Gewalt  brachte.  Daneben 
könnte  sogar  Hialprek  einen  verwandten  Sinn  bekommen :  es  wäre  ein  Alb- 
name ähnlichen  Sinnes  wie  Gibika. 

Daß  Völs.  8.  den  Alf  mit  Schiffen  und  Schiffsheer  ganz  wie  einen  nordi- 
schen Seekönig  auftreten  lä«st,  kann  nicht  im  Geringsten  stören;  die  Ent^ 
föhrnng  über's  Meer  ist  sogar  nicht  unelbisch  und  könnte  Britannien  zum 
Ziele  haben.  Wenn  die  entführte  Königin  mit  ihrer  Magd  die  Rolle  wechselt, 
beide  sich  aber  durch  die  Erinnerung  an  ihre  frühere  Lebensart  verrathen,  so 
ist  auch  im  Mährchen  wo  dieser  Zug  vorkommt  der  Entführer  ein  über- 
menschliches Wesen  (Km.  3  N.  127).  Daß  Elbe  ungeborne  Kinder  in  ihre 
Gewalt  bringen,  indem  sie  Vater  oder  Mutter  zu  unvorsichtigem  Versprechen 
verleiten,  ist  häufig  und  bekannt ;  daß  sie  schwangere  Mütter  entführen ,  ein 
geraderes  Verfahren  zum  selben  Zwecke ,  findet  sich  in  Müllenhoffs  S.  aus 
Schleswig-Holst  und  Lauenb.  Nro.  408. 

Warum  sollte  nicht  Alb  *)  und  Alberich,  ja  Helferich,  neben  Gibich  in 
unsrer  Sage  den  Vater  der  Nibelunge  bezeichnet  haben?  In  Thidr.  s-  heißt 
er,  wie  im  hd.  Epos  Hagens,  des  eigentlichen  Nibelungs  Vater,  Aldrian,  worin 
doch  auch  am  ersten  etwas  von  alh  stecken  dürfte.  ^  Ich  denke  also ,  der 
alte  Nibelungekönig  brachte  den  Sprössling  eines  gottentstammten  Helden- 
geschlechtes in  seine  Gewalt  um  durch  ihn  den  seit  Lokis  Fischznge  ver- 


^)  Bern  nordiachen  Alf  iteht  freUich  kein  so  hXufiges  deatsches  Alb  rar  Seite.  Fönte- 
maim  bringt  nur  aus  dem  Polypt.  .de  s.  Remi  einen  Albus.  Aber  Ammians  Vsstralpui 
schemt  doch  sefaon  die  Möglichkeit  eines  einfachen  Alp  als  Eigennamen  zu  gewähren. 

*)  Förstemann  yerzeichnet  Wol/draegi ,  —  drsffi,  —  driffi,  —  thrigi  und  Ctmdrigi  = 
Cunddrigi  (za  got,  Jrrckgian  =  tqixeiv)\  nordisch  ist  hemd/r<ig%  hnmdre^  ein  dami  desidene: 
entstand  yieUeicht  ans  Albdregi  Albdrigi  ein  Aldriganm  Aldrianus?  £s  wftre  einer  der 
mit  den  Eiben  lebt,  ungef  Ahr  was  äl/a  Uödi» 


186  MAX  RI£6£B 

lorenen ,  nun  von  dem  furchtbaren  Fafoi  gehüteten  Qoldhort  wieder  zq  ge- 
winnen. Darum  gab  er  ihn  in  Beging  Zucht,  weil  er  wusste,  daß  dieser  ihn 
gegen  Fafni  gebrauchen,  selbst  aber  durch  ihn  fallen  würde.  Nun  ist  zwar 
das  Gold  in  des  mächtigen  Helden  Hand,  aber  ihm  ist  mit  elbischen  Künsteu 
beizukommen,  während  es  gegen  den  Riesen  in  Wurms  Gestalt  eines  Helden 
mit  Götterkraft  bedurfte.  Das  Gold  ist  den  Nibelungen  wieder  näher,  sobald 
es  von  den  Riesen  zu  den  Menschen  gekommen  ist. 

WIE  SIEGFRIED  DEN  HORT  GEWAM. 

Über  die  Besitzer  des  Hortes  vor  Siegfried,  ihren  Streit,  die  Art  wie 
Siegfried  in  diesen  verwickelt  ward  und  den  Hort  selber  gewann  lassen  sich 
drei  verschiedene  Überlieferungen  deutlich  scheiden. 

Der  Norden  gibt  nur  einen  Bericht,  der  in  sich  vollkommen  klar  und  be- 
friedigend ist;  nur  daß  Sämund  bereits  (und  nach  ihm  Nomag.  s.)  den  Regln, 
]}ann  inn  hrtmkalda  iötunn  (Fafnism.  38),  als  dvergr  of  vöxt  bezeichnet.  Er 
ist  neben  Fafhi  der  schwächere  und  klügere  und  geht  darum  in  die  Vorstellung 
eines  Zwerges  über.  Vorsichtiger  lässt  ihn  Völs.  s.  14  nur  erzählen:  6k  var 
ek  ennjyrtdi  ok  var  ek minnstr  Jyrirmer um  atgerfi ok yfirldt ;  Snorri spricht 
sich  über  diesen  Punkt  nicht  aus. 

Die  entstellende  Erzählung  der  Thidr.  s.  und  die  noch  mangelhaftere  im 
hürnen  Seifried  1  — 11  lässt  eine  Grundlage  erkennen,  die  mit  dem  nordischen 
.  Bericht  übereinstimmt.  Einen  dem  Norden  fremden  Zug  liefern  beide  Quellen 
in  der  Hornhaut,  die  Siegfried  durch  das  Bad  im  Drachenblute  bekommt;  da- 
für vergessen  beide  die  Hauptsache,  daß  er  dem  Drachen  einen  Hort  abge- 
winnt; doch  holt  dieß  die  Saga  in  C.  334  nach.  Wie  Siegfried  zu  dem 
Schmiede  kam  erzählt  dieselbe  halb  nach  dem  Mythus  von  Scild,  den  sie  auch 
in  Wielands  Gechichte  einschwärzt,  halb  nach  der  Genovefasage;  einfacher 
und  besser  der  h.  Seifr.  2 — 4:  der  junge  Held  ist  so  unbändig,  daß  ihn  seine 
Eltern  in  die  Welt  hinaus  schicken,  so  kommt  er  zu  dem  Schmied.  Hier  ist 
noch  eine  Spur  davon ,  daß  ihn  der  Entfuhrer ,  an  dessen  Stelle  freilich  der 
Vater  Siegmund  getreten  ist,  dem  ßegin  zur  Zucht  übergibt.  Eine  Combi- 
nation  liegt  nur  darin  vor,  daß  die  Saga  den  Schmied,  der  Siegfried  erzog  und 
des  Wurmes  Bruder  ist,  Mimi  nennt;  der  NameRegin  wird  dabei  dem  Wurm 
ertheilt,  Fafni  fehlt  Mimi  war  nach  nordischem  Mythus  die  personificierte 
uralte  Weisheit  der  lötune ,  der  auch  die  Weltordnung  der  Äsen  nicht  ent- 
rathen  kann.  Dieß  erhabene  Wesen  erscheint  in  jüngerer  Sage  von  Wieland 
>}nd  Siegfried  als  einsam  hausender  Schmied  und  Lehrmeister.  Die  Schmiede- 
kunst ward  ihm  als  Symbol  der  Klugheit  und  Geschicklichkeit  beigelegt,  nicht 
anders  als  dem  Regln,  dessen  Name  zu  seiner  Charakteristik  noch  nicht  ge- 
nügte; und  bei  Mimi  in  der  Lehre  gewesen  sein,  war  vermuthlich  schon  früher 
ein  Ausdruck  für  heroische  Weisheit.     Ward  er  von  Siegfried  gebraucht,  ßO 


DIE  NIBELUNGENSAGE.  187 

durfte  nur  der  Lehrmeister  nicht  mit  dem  übervortheilten  Bruder  Fafni*8  ver- 
mengt werden.  So  scheint  es  richtig  im  zweiten  Theile  des  K  Seifr.  47  ge- 
meint: er  ward  wolferr  versendet  in  einen  fi/Mtem  ton,  darinn  zoch  in  ein 
meister;  Aeser  Meister  hat  mit  dem  Wurme  I<^ichts  zu  thun.  Aber  mit 
Siegfrieds  Verhältniss  zu  dem  Kibelungekönig,  der  ihn  ungeboren  geraubt,  ver- 
trägt sich  seine  Erziehung  darch  Mimi  nicht  wohl. 

Einen  ganz  abweichenden  Bericht  gewährt  die  oberdeutsche  Sage  im 
Nibelungelied  und  Biterolf.  Einsam  reitend  kommt  hier  der  Held  von  Unge- 
fähr vor  den  Berg,  aus  dem  man  der  Nibelunge  Hort  zum  Behuf  der  Theilung 
hervor  getragen  hat.  Zwei  um  das  Vatererbe  streitende  Brüder,  die  Siegfried 
in  ihren  Streit  herein  ziehen  um  Beide  durch  ihn  zu  fallen ,  wie  in  der  nordi- 
schen und  sächsischen  Sage:  aber  Nichts  davon,  daß  der  eine  Bruder  den 
andern  bereits  beraubt  hatte ,  daß  der  Räuber  stärker  und  größer  oder  ein 
Lindwurm  war,  daß  der  Beraubte  Siegfried  gegen  ihn  anstiftete  oder  sein 
Zuchtmeister  war.  Man  mag  sich  denken,  daß  dieser,  nachdem  er  das  gött- 
liche Ross  von  seinem  Pflegevater  gewonnen,  in  Recken  Weise  auszog;  auch 
80  konnte  sein  Zusammentreffen  mit  den  Besitzern  des  Hortes  irgend  wie 
Fügung  der  Nibelunge  sein ,  vielleicht  zugleich  göttliche  durch  Vermittelung 
des  Bosses.  Die  Erzählung  hat  übrigens  in  ihrer  Einfachheit  ein  alterthüm- 
liches  und  acht  mythisches  Gepräge  und  lebt  im  Mährchen  fort  (s.  Km.  92 
nebst  Anm.  193).  Verkehrt  sind  nur  die  Namen  des  Vaters  Nibelung  und 
SchilboBg.  Der  letztere  beruht,  wie  oben  schon  bemerkt  worden ,  auf  einer 
geographischen  Ideenverbindung;  zu  Nibelungen  stempelte  diese  Besitzer  des 
Hortes  vor  Siegfried  eine  Überlieferung,  die  wohl  von  der  Nibelunge  Hort 
wusste,  die  wahre  Bedeutung  des  Namens  aber  längst  verloren  hatte  und  auch 
das  Geschlecht,  mit  dem  sich  Sigftied  verschwägerte,  nur  unter  dem  Namen 
Gibichunge,  Burgonden  oder  Rheinfranken  kannte.  *) 

Nun  bekämpft  aber  Siegfried  nach  jenen  hd.  Quellen  nicht  nur  die  bei- 
den Nibelungssöhne,  sondern  auch  ihre  Mannen,  nämlich  700  oder  500  Recken, 
zwölf  Riesen,  von  denen  einer  ihn  dem  Biterolf  zufolge  in  den  Zorn  brachte, 
der  allen  verderblich  ward,  und  zum  Schlüsse  den  Zwerg  Alberich.  Vergleicht 
man  diese  Erzählung  mit  einer  andern  Stelle  des  Nibelungeliedes  451  ff.,  wo 
der  Kampf  um  den  Hort  parodisch  nachgebildet  und  nur  ein  Riese,  der  Pfört- 
ner der  Nibelungeburg  ist,  nebst  Alberich  überwältigt  wird,  so  wie  mit  dem, 
was  der  hürnen  Seifried  vom  Zwerg  Eugel  und  dem  Riesen  Kuperan ,  dem 
Bewahrer  des  Schlüssels  zum  Drachenstein,  zu  berichten  weiß :  so  ergibt  sich 
daß  dort  auch  nur  der  eine  Riese ,  der  im  Biterolf  aus  den  Zwölfen  hervor 
gehoben  wird,  Bedeutung  hat  und  daß  uns  nicht  eine  gleichgültige  Aus- 


*}  Über  eine  »olche  Bewandtnks  des  NibelungeDamens  an  dieser  Stelle  kann  ieh  mit  Müller 
(Erkiärang  der  Nibelnngensage  S.  38)  übereinstinmien«  ohne  ihm  zuzugeben ,  daß  darum  diese 
falschen  Nibelonge  überhaupt  eine  werthlose  Erdichtung  seien. 


188  MAX  RIE6EB 

8chmückung,  sondern  eine  Combination  zweier  verschiedener  Berichte  über 
Gewinnung  des  Hortes  vorliegt;  eine  Combination,  die  auch  der  hürnen  Sei- 
Med  in  seiner  Weise  andeutet,  wenn  134  die  beiden  Söhne  Niblings,  Engels 
Brüder,  den  Schatz  ihres  verstorbenen  Vaters  aus  dem  bebenden  Berge  her- 
vor tragen  lassen.  Die  zwei  Stellen  des  Nibelungeliedes  bezeugen  mit  der 
ausführlicheren  Erzählung  des  h.  Seifried  eine  zweite  Fassung  dieses  Theiles 
der  Sage  in  oberdeutscher  Überlieferung,  im  Ganzen  die  dritte.  Ein  Zwerg 
ist  von  einem  Riesen  eines  Schatzes  beraubt,^Siegfried,  der  ihm  einsam  reitend 
begegnet,  überwindet  mit  seiner  Hülfe  den  Riesen ,  dann  aber  ihn  selbst  und 
ninmit  den  Schatz  für  sicL  Das  Nibelungelied  weiß  Nichts  -vom  Beistande 
des  Zwerges  gegen  den  Riesen;  der  h.  Seifr.  lässt  den  Zwerg  fälschlich  vor 
dem  Riesen  überwunden  werden.  Alle  drei  Berichte  lassen  mildernd  den 
Zwerg,  der  eine  nibelungische  auch  den  Riesen  nur  überwunden  und  dienstbar 
gemacht,  nicht  getödtet  werden.  Alle  drei  haben  vergessen,  daß  beide  Wesen 
Brüder  sind,  was  Inder  Ordnung  war,  sobald  man  aus  dem  schwächeren 
Riesenbruder  einen  Zwerg  werden  ließ.  Diese  F^assung  steht  der  nordisch- 
sächsischen näher  als  die  erste  oberdeutsche,  aber  auch  ihr  ist  es  fremd,  daß 
der  beraubte  Bruder  Siegfrieds  Erzieher  war  und  daß  der  Räuber  als  Lind- 
wurm gieng.  Darin,  daß  dieser  letzte  Zug  fehlt,  kann  ich  nur  einen  Vorzog 
an  Einfachheit  und  Ursprünglichkeit  erkennen.  Müller  (Nibelungensage  36) 
meint  daß  die  spätere  Zeit  den  Riesen  in  Drachengestalt  als  einen  zu  mythi- 
schen Zug  nicht  habe  halten  können  und  ihn  darum  in  zwei  Personen,  einen 
Drachen  und  Riesen  zerlegte.  Aber  der  h.  Seifried  weiß  ja  sehr  wohl  dat 
sein  zweiter  Drache  ein  verzauberter  Mann  ist!  *)  Dieser  Drache,  der  bei 
einer  Hochzeit  eines  Königs  Kind  aus  dem  Fenster  entfuhrt,  ist  vielmehr  ein 
besonderes  mythisches  Motiv,  das  zahlreiche  Mährchen  ausführen  und  er- 
läutern, ')  in  unsrer  Sage  nur  ein  Eindringling.  . 

Wenn  aber  das  Nibelungelied  um  der  Hornhaut  willen  ebenfalls  einen 
Drachenkampf  annimmt,  der  zur  Erwerbung  des  Hortes  in  keiner  Beziehung 
steht,  so  hat  es  sich  damit  zu  besonderem  Zwecke  des  ausgewitterten  Restes 
der  nordisch-sächsischen  Überlieferung  bemächtigt;  auchThidr.  8.143—147 
und  der  h.  Seifr.  bei  seinem  ersten  Drachenkampfe  wissen  ja  von  keiner  Be- 
ziehung des  Drachen  zum  Horte ,  ohne  darum  einen  Riesen  als  Besitzer  des 
Hortes  neben  dem  Drachen  aufzustellen.  Und  doch  lässt  sich  eine  so  mangel- 
hafte Kenntniss  vom  Drachenkampfe  und  dadurch  möglich  gemachte  Annahme 
desselben  neben  dem  Riesenkampfe  mit  Sicherheit  nur  dem  Interpolator  des 
ersten  Nibelungeliedes,  von  dem  Str.  101  her  rührt,  und  denjenigen,  die  863, 


*  ^)  Auch  Thidr.  s.,  die  nur  einen  Drachen,  keinen  Riesen  kennt ,  gesteht  ohne  Schwierig- 
keit, da0  Regin  erst  zur  Strafe  seiner  Zaubereien  zum  Drachen  geworden  sei. 

^)  Mährchen  Ton  der  Ehe  eines  Gottes  in  Thiergestalt  mit  einer  irdischen  Magd,  die  mehr 
oder  weniger  in  den  Mythus  von  Eros  und  Psyche  übergehen :  s.  Km.  3,  N.  88,  127.  Wolf 
Beitr.  2,  64  ff. 


DIE  NIBELUNOENSAOE.  189 

949,  1061  dichteten,  nachsagen.  Denn  das  siebente  Lied,  das  am  ansf&hr- 
lichsten  über  den  Drachenkampf  ist  (842, 846),  weiß  so  wenig  wie  das  achte 
von  Nibelongeland  und  -leaten:  Siegfried  and  die  Seinen  sind  ihm  von  Mie- 
derland 826, 831 ;  erwägt  man  dagegen  den  Ausdruck  dS  er  den  lintdrachen 
an  dem  berge  sluoCt  ^o  wird  es  sehr  wahrscheinlich ,  daß  nach  der  Ansicht 
dieses  Dichters  Siegfried  nicht  nur  die  Hornhaut,  sondern  auch  den  Hort  von 
dem  Drachen  gewann:  denn  der  Berg  gehört  auch  89,  666  zum  Horte,  wie 
auch  nach  Beov.  1779  der  Drache,  der  den  Hort  besaß,  von  Sigemund  under 
käme  stän  erschlagen  ward. 

Die  unvollständige  Hornhaut  halte  ich  übrigens  für  einen  ächten  und 
tiefbegrfindeten  Zug.  Sollte  der  Norden  keine  Spur  von  ihr  bewahren?  Nach 
Sämund  nahm  Sigurdh  aus  Fafnis  Höhle  unter  Anderm  eine  Goldbrünne,  von 
der  keine  Eigenschaft  angegeben  wird.  Aber  der  Riese  Kuperan ,  der  Fafhi 
vertritt,  trägt  eine  Brünne  von  eitel  klarem  polde,  gehert  mit  tractien  bluoty 
die  mit  Ortneids  Brünne  verglichen  wird  and  die  er  Siegfried  überlassen  will 
(70) ;  Ortneids  Brünne  ist  gleichfalls  in  Drachenblut  gehärtet  und  nie  von 
einem  Schwerte  verschnitten  worden  (Ecken  1.  24).  Das  ist  nur  ein  um- 
ständlicherer Ausdruck  för  die  Hornhaut ,  die  da  am  Platz ,  wo  Fafni  nicht 
Drache  ist.  Die  ehrwürdigste  Verwandtschaft  hat  jene  indess  in  Achilleus, 
bei  dem  auch  ihre  UnvoUständigkeit  zutrifft,  ein  tiefer  Gedanke  des  Mythus. 
Ein  Geringstes  kann  das  Größte  vereiteln  und  die  Kette  von 'Wirkungen,  die 
ans  umschlingt,  ist  immer  unberechenbar.  Das  Lindenblatt,  schöner  als  die 
bei  Achilleus  und  in  Thidr.  s.  gebrauchten  Motive ,  vergleicht  sich  der  ver- 
gessnen  Mistel  im  Mythus  von  Balder. 

Keine  deutsche  Quelle  gedenkt  mehr  des  an  Hreidhmar  begangenen 
Yatermordes,  der  mit  allen  drein  Berichten  gleich  verträglich  wäre;  doch 
scheint  es  noch  bedeutsam,  wenn  im  h.  Seifr.  166  "ohne  Erklärung  gesagt 
wird,  der  Vater  Nibling  sei  vor  Leide  gestorben:  über  den  Hader  seiner 
Söhne?  ward  so  jemals  erzählt,  so  mochte  es  als  Milderung  fiir  den  Vater- 
mord gelten. 

SIEGFRIED  UND  BRÜNHILD. 

Von  den  Leichen  der  feindlichen  Brüder  wird  Siegfried  durch  die  Vögel, 
die  er  nun  verstund,  zu  Brünhilden  gewiesen.  Nach  Thidr.  s.  ist  es  Mimi, 
der  ihm  von  ihr  sagt;  hat  dieß  einigen  Grund,  so  ist  hier  Mimi  im  eigent- 
lichen Sinne  seines  Namens  zu  fassen  und  nicht  als  Bruder  des  Drachen. 

Während  Siegfried  unbewusst  den  Zwecken  der  Nibelunge  dient  ist  ihm 
auch  von  seinem  Ahnen  Wodan  eine  Bestimmung  angewiesen,  die  zu  ,Helden- 
ehre  und  Liebesglück  führen  sollte.  Wodan  hattiB  Brünhildens  Gelübde  ge- 
hört, wenn  sie  nicht  Schildmagd  bleiben  dürfe,  doch  nur  den  Mann  zu  nehmen, 
der  sich  nicht  furchten  könne:  ^)  oder  er  hatte  selbst  nach  Helr.  Brynh.  diesen 

^)  Du  Ut  Jener,  der  aonog  dai  Fürchten  m  leinen ,  ein  Tercaabertet  Sehlo0  erlöste  nnd 


190  MAX  BIEOER 

Einzigen  za  ihrem  Erlöser  aas  dem  Zauberschlafe  bestimmt.  Ein  äcbter 
Göttersprosse,  ein  Weisung  mußte  es  sein,  der  die  Waberlohe  durchritt;  dem 
letzten  dieses  Stammes  verhalf  daram  der  Gott  zu  Grani,  dem  einzigen  Helden 
zu  dem  einzigen  Rosse,  das  dazu  taugte,  weil  es  vom  Rosse  des  Gottes  wie 
jener  vom  Gotte  stammte.  Wie  der  Held  war  auch  dieses  Ross  in  der  Ge- 
walt der  Nibeiunge,  wovon  die  Sage  irgend  einmal  den  Grund  wird  gewasst 
haben.  Die  oberdeutsche  Sage  hat  das  Ross  völlig  vergessen ;  die  sächsische 
kennt  es  noch,  aber  nicht  mehr  seinen  Zweck,  denn  Siegfried  kommt  hier 
zu  Brünhilden  um  das  Thier  von  ihr  zu  erlangen:  doch  beweist  auch  diese 
falsche  Beziehung  noch  daß  es  zu  ihr  gefbört.  Von  Rechts  wegen  mußte  es 
das  eiserne  Thqr  überspringen,  das  hier  Brünhildens  Burg  verschließt,  wie 
im  dänischen  Heldenlied  (bei  Grimm  S.  38)  die  15  Ellen  hohe  Burgmauer. 
Schön  ist  wie  in  Thidr.  s.  der  unbändige  Hengst  seinen  rechten  Herrn  erkennt 
und  sich  willig  von  ihm  zäumen  lässt.  Auch  Brünhild  denkt  bei  seinem  Ein- 
tritte gleich  daß  er  es  sein  müße  ^)  und  sagt  ihm  darauf  wessen  Sohn  er  sei: 
denn  sie  wusste  ihren  Erlöser  von  Wodan,  aber  ihm  hatte  der  Entführer  seine 
Abkunft  verhehlt.  Diese  Züge  stehen  in  der  Saga  unverstandea  da ,  aber 
ihr  Sinn  springt  in  die  Augen.  Auch  der  h.  Seifr.  weiß,  daß  Siegfried  Nichts 
von  seinem  Geschlechte  wusste,  aber  er  erfahrt  es  hier  falschlich  von  Engel. 
Nach  Thidr.  s.  204  f.  sowohl  wie  nach  der  nordischen  Überlieferung  ver- 
lobt sich  nun  Siegfried  mit  Brünhilden,  lässt  aber  das  Beilager  unvollzogen, 
scheidet  vielmehr  ohne  daß  man  erführe  warum  und  ebenso  grundlos  erscheint 
er  dann  am  Hof  der  Nibelunge.  Wenn  er  der  Frühlingsgott  ist,  der  die  Erd- 
göttin aus  der  Haft  des  Winters  oder  Todes  erlöst  hat,  braucht  er  freilich 
keinen  Grund  sie  wieder  zu  verlassen;  aber  dem  heroischen  Siegfried  der 
heroischen  Brynhild  gegenüber  ist  ein  solcher  unerläßlich  und  muß  der  Sage 
einmal  bekannt  gewesen  sein.  Ich  glaube  daß  hier  unser  hd.  Epos  ans 
der  Verlegenheit  hilft.  In  seinem  ersten  Liede  zieht  zwar  Siegfried  selb- 
zwölfb  aus  um  Kriemhild  den  Bürgenden  abzugewignen,  ganz  in  der  Art  der 
Raufbolde  in  nordischen  Sagen,  die  an  der  Spitze  von  elf  oder  zwölf  Berserken 
zum  Holmgang  über  ein  schönes  Weib  ausfordern;  aber  in  Worms  angekom- 
men hat  er  diesen  Gegenstand  seiner  Wünsche  vollkommen  vergessen  ')  und 
fordert  über  lant  v/nde  hürge  (109)  zum  Kampf,  und  auch  nachdem  er  sich 
hat  besänftigen  lassen  schießt  er  mit  den  Bürgenden  den  Schaft  und  wii:fl  den 
Stein,  kommt  aber  mit  keinem  Wort  auf  Kriemhilden  zurück.  Meinte  etwa 
Siegfried,  wenn  er  das  Reich  der  Bürgenden  erstritt^  fiele  damit  die  schöne 


eine  Königstochter  dayon  trog  (Km.  4  nebst  Anm.).  GewöhnUch  ist  diese  nur  der  dem  Erlöser 
aasgesetzte  Preis:  bei  Wolf  Hausm.  S.  415  und  Km.  121  gehört  sie  znm  Schloß  and  wird  mit 
erlöst. 

')  Anch  Völs.  8.  20  bat  diesen  Zng. 

^)  Str.  122,  die  einen  Yersnch  macht  in  die  verlassne  Bahn  einzulenken,  erweist  Rch 
duEcb  den  Wideri^ruch  mit  124  als  zweifeUos  unfteht. 


DIE  MIBELÜNGENSAGE.  191 

Königin  von  selbst  in  seine  Hand?  aber  wie  er  die  Wette  stellt  konnten  die 
besiegten  Könige  mit  ihrer  Schwester  mhig  davon  gehn.  Oder  dieß  zuge- 
geben, wie  kann  der  Dichter  schließen,  ohne  Siegfried,  der  nun  der  Bnrgon- 
den  Freond  geworden,  in  Güte  seine  Werbung  vorbringen  zu  lassen?  Mit 
einer  „epischen  Verschweignng  der  Motive**  kommt  man  hier  keines  Falls 
aus.  Der  Dichter  muß  vielmehr  für  den  zweiten  Theil  seines  Liedes  eine 
Grundlage  gehabt  haben,  die  überhaupt  Nichts  von  Siegfrieds  Absiphten  auf 
Kriemhild,  nur  von  einem  beabsichtigten  Holmgang  uni*s  Reich  wusste :  dazu 
gab  er  nach  anderm  Motiv  treuherzig  eine  unpassende  Einleitung.  Mit  jener 
Grundlage  war  es  aber  vollkommen  verträglich,  daß  der  Held  sich  bereits  mit 
Brünhilden  verlobt  hatte.  Man  darf  also  annehmen  daß  er  sie  verließ  und 
zu  den  Nibelungen  zurück  kehrte  *)  um  diese  vor  Vollziehung  der  Ehe  zu 
einem  Holmgange  zu  fordern:  nur  im  ursprünglichen  Zusammenhange  mu^te 
der  Preis  dieses  Bolmganges  nicht  ihr  Reich,  sondern  ihr  Eigenthum  an  Sieg- 
fried selbst,  seine  eigene  Freiheit  sein.  Denn  als  der  Nibelunge  Knecht  war 
er  Brünhildens  üngevoß;  dieß  war  es,  was  der  Vermählung  im  Wege  stand. 

Wie  nun  Günther  ihn  durch  das  Erbieten  entwaffnet  aUez  daz  wir  hdn, 
geruoehet  irs  nach  ^en^  daz  si  tu  undertdn,  eben  so  konnte  ihm  der  Nibe- 
lunge König  jenen  andern  Preis  in  Güte  zugestehen,  für  Knechtschaft  Bundes- 
bmderschaft  bieten  und  Siegfried  sich  dadurch  bewegen  lassen ,  zum  Will- 
kommen den  ethischen  Trunk  anzunehmen,  der  ihn  den  Nibelungen  sicherer 
zu  eigen  machte  als  er  es  vorher  war.  Aber  damit  waren  sie  doch  noch  weit 
vom  Ziele:  denn  der  Held,  der  strahlend  von  Golde  zu  ihnen  gekommen  war, 
hatte  ja  den  Ring,  die  unerschöpflich  zeugende  Goldkraft ,  ohne  die  der  Hort 
bald  zerrinnen  mußte,  veräußert.  Brünhild  trug  ihn  als  Pfand  seines  Eides: 
und  darum  mußte  auch  Brünhild  in  der  Nibelunge  Gewalt  kommen,  Siegfried, 
der  sie  vergessen,  zu  grausamem  Hohne  sie  selber  gewinnen. ') 

Die  nordische  Überlieferung  lässt  bei  der  trügerischen  Brautwerbung 
abermals  die  Waberlohe  durchreiten.  •)     Sämund  zwar  und  nach  ihm  Völs.  s. 


^)  So  kehrt  der  Mährchenheld  zu  seinen  Freunden  zurück,  der  dann  die  erlöste  Jangfraa 
zu  Gunsten  einer  andern  vergisst.  Km.  56,  113,  186,  193.  Wolf  Hm.  S.  294.  Da0  diese 
Freunde  ein  Elbegeschlecht  sind ,  das  ihn  in  seine  Gewalt  gebracht  hat ,  ist  den  M&hrchen 
nicht  mehr  klar,  aber  M  wird  noch  angedeutet,  wenn  der  Teufel  den  nngebomen  oder  ganz 
jungen  seinem  Yater  abkauft  ohne  doch  auf  den  Verlauf  der  Geschichte  einen  weitem  £inin0 
zu  ftben:  Km.  94.    Hm.  S.  198. 

*)  Wolf  Hm.  S.  212  wünscht  der  heimgekehrte  Held  die  erlöste  Jungfrau  herbei  um  zu 
beweisen,  dal  sie  schöner  sei  als  seines  Vaters  Weib  und  yerliert  sie  darüber;  S.  218  rühmt 
er  ihre  Schönheit  um  seinen  Verzicht  auf  die  ihm  angebotene  Königstochter  zu  begründen  mit 
derselben  Folge.  Beide  Erzählungen  ergänzen  sich  und  geben  Siegfried  Brünhild  und  Grimhild 
in  Ihrem  Veihältniss  zu  einander  deutlich  genug  zu  eikennenr. 

*)  Auch  ein  Besuch  bei Heimi  findet  Statt,  wie  Sigurdh  Tordem  als  Heimis  Gast  Bryn- 
hilden  aitf  dem  Thurm  gefunden  hatte.  Dieser föttri  der  Heldin  sieht  in  Völs.  s'.  sehr  harm- 
los aus;  aber  Thidr.  s.  17,  wo  er  ihr  Nachbar  und  Lehnsmann  ist  und  in  einem  Wald  mit 


192  MAX  RIEGER 

gibt  sich  Mühe  sie  bei  Sigurdhs  erster  ADkanft  weg  zu  schaffen:  der  Äns- 
druck  wird  so  gestellt ,  als  habe  das  große  Licht  wie  von  brennendem  Feuer 
nur  vom  Glänze  der  Schildbarg  her  gerührt,  die  Brynhilden  umschloß;  aber 
die  Worte  in  Fafn.  m.  (42  f.)  lassen  darneben  keinen  Zweifel.  Schweigt 
doch  Gripisspa  bei  Gunnars  Werbung  sowohl  als  bei  der  Erlösung  aus  dem 
Zanberschlafe  von  der  Waberlohe.  Nun  hängt  aber  diese  offenbar  mit  dem 
Zauberschlafe  genau  zusammen  (s.  Helr.  Brynh.  10);  und  wenn  das  von 
Völs.  s.  bei  Gunnars  Werbung  citierte  Lied  die  Flammen  vor  dem  kühnen 
Reiter  erlöschen  lässt,  so  muß  dieß  Gesetz  für  sie  auch  da  gelten,  wo  Siegfried 
als  Erlöser  kommt.  Wo  kommen  sie  dann  aber  zum  zweiten  Mal  her?  Wohl- 
feile Erklärungen  wären  schon  denkbar:  aber  die  richtige  Sage  hat  gewiss 
den  Flammenritt  nur  einmal  und  im  Zusammenhange  mit  der  Erlösung  aner- 
kannt. Wenn  nun  diese  Siegfrieds  erstes  Zusammentreffen  mit  Brynhilden 
war,  so  bedurfte  es  später,  um  die  auf  seine  Wiederkehr  harrende  vor  Freiem 
sicher  zu  stellen,  eines  andern  Mittels;  und  hier  stimme  ich  mit  Simrock ganz 
überein,  wenn  er  (Edda  405)  die  drei  Spiele  des  hd.  Epos  für  das  vom  Nor- 
den vergessne  Richtige  erklärt.  Oddrunargr.  19  lässt  einen  Streit  Stattfin- 
den und  Brynhildens  Burg  erbrochen  werden;  dieß  mag  als  Entstellung  noch 
von  dem  Wettkampfe  zeugen.  Der  Süden  empfängt  vom  Norden  für  die 
Spiele,  die  er  ihm  leiht,  den  Zauberschlaf,  dessen  seine  Mährchen  noch  ge- 
denken, den  ihm  aber  aus  alter  Zeit  nur  der  lecUdus  Brunihildae  auf  dem 
Feldberg  (Heldens.  155)  bezeugt.  Indess,  es  war  auch  möglich  ein  erstes 
Zusammentreffen  und  Yerlöbniss  vor  dem  Zauberschlaf  anzunehmen  und  die 
Erlösung  bei  Gelegenheit  von  Gunnars  Werbung  eintreten  zu  lassen,  und  wir 
können  nicht  wissen,  ob  nicht  das  von  Völs.  s.  citierte  Lied,  das  den  Flammen- 
ritt  mit  dieser  Werbung  zusammen  brachte,  einen  solchen  Weg  einschlug.  *) 
Nur  wäre  nicht  viel  gewonnen,  wenn  es  sich  etwa  das  erste  Zusammentreffen 
so  gedacht  hätte,  wie  es  Völs.  s.  24  erzählt;  denn  das  Weben  im  einsamen 
von  Heimi  bewachten  Thurme,  der  an  Rapunzel  (Km.  12)  erinnert,  ist  offen- 
bar nur  eine  andere  Form  der  Verwünschung  und  kann  darum  nicht  neben 
Zauberschlaf  und  Waberlohe,  müßte  vielmehr  an  deren  Stelle  stehen.  Eine 
passende  Combination,  zu  der  sich  denn  auch  dieses  untergegangene  Lied  be- 


▼ielen  Bossen  wohnt,  macht  ihn  grimmig  und  unnahhar.  Er  hiefi  eigentlich  Stndas;  den  Na- 
men Heimi  hatte  er  von  einem  Wurm  angenommen,  der  so  heilet  und  vor  dem  sich  aUe  anden 
Wurme  fürchten.  Ich  halte  es  für  klar  genng  da0  der  wirkliche  Heimi  ein  Warm  war,  der  die 
schlafende  BrOnhild  bewachte,  ein  andrer  Ausdruck  für  die  Waberlohe.  Doch  mochte  er  auch 
neben  dieser  auftreten  und  Siegfried  ihn  erlegen  um  aus  seiner  Herde  Orani  zu  gewinnen,  mit 
dem  er  dann  das  Feuer  durchritt  oder  das  Thor  übersprang;  auf  eine  solche  Wendung  führt 
Thidr.  s. 

*)  Yöls.  s.,  die  das  Lied  vor  sich  hat,  weiß  hier  Nichts  vom  Zauberschlafe,  aber  sie  kann 
ihn,  den  sie  schon  früher  berichtet  hat ,  unterdrückt  haben ;  in  Helm  und  Brünne  wenigstens 
wird  Brynhild  auch  hier  gefunden.  RftthselhafiL  bleibt  der  Ausdruck  hun  tvarar  af  äh^ffgj^ 
af  Hnu  $aeU  sem  dl/t  af  bdru. 


DIE  NIBELUNGENSAOE.  193 

kannt  haben  mag,  gibt  dagegen  Helreid  Brynh.  Nach  diesem  Liede  hatte. 
Sigordh  der  zwöIQährigen  Brynhild  das  Scbwanhemd  geraubt  und  sie  dadurch 
genöthigt  sich  ihm  zu  verloben ;  ^)  darauf  wird  ihr  Ungehorsam  gegen  Odhin 
und  die  Strafe  des  Gottes  wie  in  den  andern  Quellen  berichtet;  eigenthümlich 
ist  daß  er  selbst  den  Mann ,  der  sich  nicht  furchten  könne  zu  ihrem  Erlöser 
bestimmt.  Dieser  war  bereits  ihr  Verlobter:  aber  er  betrügt  sie  bei  der  Er- 
lösung durch  den  Gestalten  tausch;  daß  der  Erlöser  nach  Odhins  Bestimmung 
aDcb  ihr  Gemahl  werden  mußte  hat  man  zu  ergänzen.  Hier  ist  Alles  in 
guter  Ordnung;  auch  enthalten  Mährchen  (Km«  193.  Wolf  Hausm.  S. 217) 
dieselben  nur  anders  motivierten  Hauptzöge:  eine  überwältigte  Seh wanjung- 
fraa,  die  später  vom  Glasberg  erlöst  werden  muß,  daneben  eine  falsche  JBraut 
und  einen  einschläfernden  Trunk.  Indess ,  die  bezwungene  Schwaiyungfrau 
ist  in  Wielands  Sage  zu  Hause  und  jene  andere  nur  noch  zu  vermuthende 
Combination  dürfte  den  Vorzug  verdienen. 

Über  das  Beilager  und  Siegfrieds  Rolle  dabei  gehen  die  deutschen  Be- 
richte mit  den  nordischen  aus  einander.  Auch  unter  sich  sind  sie  nicht  einig: 
das  Kibelungelied  stimmt  darin  dem  Norden  zu,  daß  Siegfried  Brünhilden 
nicht  berührt;  Thidr.  s.  hat  das  nordische  und  ächte  Motiv  des  Gestalten- 
taasches  bewahrt.  Denn  es  ist  ein  unschädlicher  Rationalismus ,  wenn  sie 
die  Helden  statt  der  Gestalten  die  Kleider  tauschen  lässt:  nur  ein  Missver- 
ständniss  des  Wortes  hämo  in  seinem  alten  Doppelsinne.  Es  ist  aber  sehr 
die  Frage,  ob  dieser  Kampf  im  Brautbette  nur  als  Parallelstelle  zu  dem  keu- 
schen Beilager  der  nordischen  Sage  gelten  darf.  Neben  den  Spielen  gedacht 
erscheint  er  doch  als  ein  seltsamer  Pleonasmus  im  mythischen  Ausdrucke. 
Thidr.  s.  kennt  daneben  keine  Spiele  und  das  mhd.  Lied,  das  hier  in  Frage 
kommt^  bezieht  sich  mit  keinem  Wort  auf  dieselben;  Nichts  verräth  daß  sein 
Dichter  das  vierte  Lied  oder  dessen  Inhalt  kannte;  und  da  das  Lied  am  An- 
fang offenbar  verstümmelt  ist,  so  kann  es  sein,  daß  die  verlorene  Exposition 
die  Werbung  um  Brünhild  ebenso  einfach  hergehen  ließ  als  Thidr.  s.  So  gölte 
denn  der  Kampf  im  Brautbette,  wo  ein  solcher  angenommen  ward,  sowohl  für 
die  Spiele  oder  den  Flammenritt  als  für  das  keusche  Beilager.  Ich  will  nicht 
entscheiden  ob  auch  hier  das  Einfachere  das  ursprüngliche  ist.  Das  Bei- 
lager mit  zwischengelegtem  Schwerte  behauptet  jedenfalls  seine  Stellung  im 
deutschen  Mährchen  (s.  Km.  60  und  Anm.);  es  ist  in  seiner  Beziehung  auf 


^)  Naeh  Slmrock  (Edda  411)  wäre  unter  hugfullr  honungr  und  wngwn  gram  in  Str.  6 
Agnai  za  Tentefan»  der  Str.  8  auch  der  junge  genannt  wird;  zw.  Str.  11  und  12  aber  wäre 
Alles  zu  ergänzen,  was  zwiseheü  Sigurdhs  erstem  und  zweitem  Besuche  bei  Brynldlden  liegt. 
E«  genüge  hiergegen  Folgendes  anzuführen.  Nach  Str.  5  will  Brynhild  erzählen  wie  die 
Giukmige  lie  äaUdauia  ok  eiOrofa,  d.  i.  amarit  Mpertem  et  fo^iftagom  gemacht  hij^en: 
vie  sie  durch  Jene  Siegfrieds  Liebe  yerloren  und  ihren  eignen  Eid  gebrochen  hat ;  auch  nach 
der  Erzählung  in  YOl».  s.  ist  dief  lezte  ihr  größter  Kummer.  Hei0t  es  nun  darauf  vw  ek  vetra 
tölf,  er  ek  ungum  gram  eida  setdak^  so  lässt  det  Zusammenhang  nur  an  Sigurdh  denken. 
naauxiA,  m.  18 


194  MAX  RIEOER 

> Siegfried  dadurch  gesichert,  daß  der  Ehetnann  seinen  Brndet  oder  Gesellen 
hernach  aus  Eifersucht  tödtet. 

Man  kann  fragen  ob  nicht  beim  Kampf  im  Brautbette  Thidr.  s.  das  Rich- 
tige bewahrt  indem  sie  Siegfrieden,  von  Günther  ermächtigt,  Brün^ildens 
Magdthum  wirklich  nehmen  lässt:  denn  anders  hat  der  Hergang  immer  etwas 
zu  Künstliches.  Der  Ironie,  die  in  Siegfrieds  Verdienst  um  die  Erwerbung 
Brünhildens  liegt,  entspricht  es  aber  nicht,  daß  er  zum  Genuß  ihres' Leibes 
kommt 

Andvaranaut  geht  von  Brünhildens  Finger  an  den  der  Grimhild  über. 
Hier  gibt  er  das  entscheidende  Moment  ab  um  die  Leidenschaft  der  betrognen 
Braut  gegen  Siegfried  zu  entflammen.  Wie  dieser  selbst  vorl\,er  Brünhilden 
in' die  Gewalt  derNibelunge  bringen  mußte,  durch  dieselbe  Ironie  des  Schick- 
sals muß  sie  nun  den  Nibelungen  den  Yorwand  liefern  ihren  Bundesbruder  m 
morden,  dem  dann  wieder  die  Anstifterin  als  sein  angetrautes  Weib  von 
Rechtswegen  in  den  Tod  folgt  ^).  Die  Besitzer  des  Goldes  müssen  ewig 
einander  aufreiben^  wie  Hreidhmar  und  seine  Söhne,  so  Siegfried  und  Brün- 
bild.  Das  Gold  strebt  von  einem  zum  andern  zurück  zu  seinen  rechten 
Eigenthümern,  den  Unterirdischen. 

* 
SIEGFRIED  UND  GRIMHILD. 

Grimhild  ist  von  Anbeginn  des  Helden  böser  Engel.  Aus  ihrer  Hand 
hat  er  den  verhängnissvollen  elbischen  Trunk  empfangen;  sie  verräth  das 
schlimme  Geheimniss  der  Brautwerbung  und  ruft  dadurch  den  Mord  gegen  ihn 
wach;  sie  verräth  auch  dem  Mörder  das  Geheimniss  seiner  Verwundbarkeit 
Denn  Siegfried  hat  durch  das  Bad  im  Blute  des  Drachen  dessen  Natur  an  sich 
genommen,  das  ist  keine  andere  als  die  Steinnatur  des  Riesen,  ^)  die  jeder  an- 
dern Wafie  als  einer  göttlichen  trotzt.  Das  Geschoß  der  Elbe  ist  gegen  ihn  so 
stumpf  wie  es  vordem  gegen  Fafni  war,  und  noch  immer  scheint  die  Arglist 
der  Dämonen  weit  vom  Ziele»  Aber  die  Natur  selbst,  deren  geheime  Kräfte 
von  ihnen  ausgehen,  hat  ihre  Zwecke  vorgesehen  —  ist  doch  Lindenlaub  selbst 
ein  Teufels-  oder  Albname  (M.  1016)  ')  —  und  das  dämonische  Weib  thut 
das  Übrige.  Sollte  die  tragisch  rührende  Wendung,  die  dieser  Sache  im 
Nibelungeliede  gegeben  ist,  ursprünglich  sein  und  auch  die  elbische  Grim- 


^)  Es  ist  ewig  schade ,  daß  die  deutsche  ÜberlieferaDg  dieß  so  notbvendige  and  rührende 
Hitsterben  Brünhildens  eingebüßt  hat.  War  auch  die  Sitte  im  Leben  längst  TeneholleOi  v» 
hätte  in  der  Sage  fest  sitzen  können;  wirkt  sie  doch  bei  ShaJupearea  Kent  und  Horatio  od« 
▼erkennbar  nach. 

')  Noch  Kuperan  zerspringt,-  da  ihn  Siegfried  Tom  Drachensteine  stürzt,  nto  hm^dert 
stücken  (114):  ganz  wie  Hrungni. 

^)  Auch  Familienname  in  der  nd.  Form  Lindehf,  wie  so  mancher  andre  dieser  Oesefl- 
lehaft. 


DIE  NIBELÜNGENSAGE«  I95 

hild  den  Verrath  nnr  aus  Liebe  begangen  haben  ?  Eher,  glaube  ich,  hat  sie 
die  Deiila  in  vollem  Siün  an  Siegfried  gespielt. 

Der  ganze  Zug  ist  natürlich  von  der  Überlieferung  ausgeschlossen ,  die 
Fafiii  nicht  in  Wurms  Gestalt  dachte;  wo  er  Riese  war  und  die  Unverwund- 
barkeit unterm  Sinnbild  einer  Brünne  auf  den  Helden  übergieng,  war  daf&r 
kein  Raum. 

Hiermit  kann  ich  den  mythischen  Theil  der  Sage  verlassen. 

DER  fflSTORISCHE  THEU  DER  SAGE. 

Ich  will  Nichts  von  dem  wiederholen,  was  von  Müllenhoff  im  10.  Bandet 
von  Haupts  Zeitschrift  ausgeführt  worden,  sondern  nur  den  Punkt  erörtern, 
in  dem  ich  nicht  glaube  daß  er  das  Rechte  getroffen  habp.  Es  ist  der  Wider- 
spruch zwischen  Norden  und  Süden  hinsichtlich  der  Stellung,  die  Attilas  Ge- 
mahlin zu  dem  Streite  einnimmt. 

Sie  ist  es ,  die  nach  deutscher  Ansicht  den  ganzen  Verrath  entwirft. 
Drei  Überlieferungen  gab  es  über  die  Art,  wie  sie  ihren  Gemahl  zum  Werk- 
zeug ihrer  Rache  machte.  Am  meisten  ist  diejenige  verkümmert,  wonach 
sie  den  goldgierigen  durch  die  Aussicht  auf  Erwerbung  des  Hortes  verlockte; 
sie  ist  angedeutet  Thidr.  s.  334,  349>  auch  die  an  Hagen  beim  Willkomm  ge- 
richtete Frage  nach  dem  Horte  gehört  hierher  Thidr.  s.  346.  Nib.  1677  ff. 
Nach  einer  andern  Überlieferung  bewaffnet  Grimhild  ihren  Gemahl  dadurch 
gegen  die  Gäste,  daß  sie  die  Tödtung  seines  und  ihres  Kindes  durch  Hagen 
arglistig  herbeiführt  Thidr.  s.  353,  Nib.  1849;  und  nach  einer  dritten,  die  im 
Nibelungeliede  die  beiden  Übrigen  fast  ganz  überwachsen  hat,  hetzt  sie  hinter 
des  Königs  Rücken  seine  Mannen  auf  die  Knechte  der  Gäste,  worauf  der 
König  selbst  in  den  Streit  mit  fortgerissen  wird  Thidr.  s.  352.  Nib.  1840  ff. 
In  der  nordischen  Prosa  wie  in  der  hochdeutschen  Epopöie  sind  alle  drei  Mo- 
tive durch  einander  gewirrt;  wenn  wir  die  Grundlägen  jener  und  das  unver- 
arbeitete Material  dieser  besäßen,  würden  wir  jedes  Einzelne  reinlich  durch- 
geführt sehen. 

W.  Grimm  meinte,  daß  die  deutsche  Ansicht  über  Grimhildens  Rolle  bei 
derNibelunge  Noth  erst  habe  entstehen  können,  nachdem  das  Institut  des 
Wergeides  abgekommen  war:  denn  Siegfrieds  Wittwe  hätte,  nachdem  sie 
Wergeid  für  ihren  Mann  genommen,  ihn  nach  den  Grundsätzen  des  Alter- 
tbnmes  nicht  mehr  rächen  können.  Einmal  aber  ist,  wie  oben  gezeigt  wor- 
den, im -nordischen  Liede  selbst  das  Wergeid  zweifelhaft  und  daneben  kommt 
auch  das  hier  mechanische  Mittel  eines  Yergessenheitstrankes  vor;  femer 
nimmt  eine  Sühne  zwischen  Grimhild  und  ihren  Brüdern  auch  das  Nibelunge- 
lied  an  und  ich  sehe  nicht  ein,  warum  dem  12.  oder  13.  Jh.  die  Sühne  ohne 
Wergeid  minder  heilig  soll  gewesen  sein  als  der  frühern  Zeit  eine  mit  Wer- 
geld:  noch  waren  ja  gewisse  Leistungen  an  den  verletzten  Theil,  Eide  und 

13» 


l^Q  HAX  RIE6ER 

schwere  StrafandrohangeD  gegen  den  Meineidigen  damit  verbunden  (s.Zsclii. 
f.  d.  A.  6,  21).  Allerdings  ist  in  dieser  Sühne  Hagen,  das  Hauptziel  für 
Grimhildens  Rache,  nicht  begriffen,  aber  das  ändert  nichts,  wenn  sie  am  ihn 
zu  verderben  die  andern  schonungslos  aufopfert  Mir  scheint  viehnehr,  die 
Sage  wollte  von  Anfang ,  daß  die  Wittwe  trotz  einer  aufgedrungenen  Sühne 
ihren  ermordeten  Gatten  räch,  zumal  sie  selbst  nicht  unmittelbar  als  Rächerin 
aufzutreten  brauchte,  sondern  durch  Künste  einen  Fremden  anstiften  konnte. 
Nur  so  hat  die  Sage  Hände  und  Füße ,  während  bei  der  nordischen  Ansicht 
die  Ehe  des  Rächers  mit  der  Wittwe  des  Gemordeten  ein  zweckloses  Motiv 
bleibt;  die  Sache  könnte  ebenso  verlaufen.  Venu  Atli  eine  andere  Frau  ge- 
nommen hätte. 

Ich  glaube  hier  eine  Fälschung  in  der  nordischen  Überlieferung  um  80 
sicherer  annehmen  zu  dürfen,  als  sich  ihre  Ursache  erkennen  lässt.  Sie  liegt 
in  einem  fehlerhaften  Einflüsse  der  Sage  von  den  altem  Weisungen. 

Völsung  vermählte  seine  Tochter  Signy  wider  ihren  Willen  an  Siggeir; 
sie  warnte  ihren  Vater  und  weissagte  ihm,  daß  aus  dieser  Ehe  Unheil  ent- 
stehen würde.  Nach  einiger  Zeit  ladete  Siggeir  seinen  Schwäher  und  dessen 
zwölf  Söhne  zu  einer  Hochzeit.  Da  die  Völsunge  Abends  an  Siggeirs  Küste 
landeten,  kam  Signy  heraus,  berichtete  ihnen  die  zu  ihrem  Verderben  ge- 
troffenen Anstalten  und  bat  sie  noch  umzukehren ;  der  Vater  weigerte  dieS, 
weil  es  ihnen  übel  anstehen  würde.  Siggeir  fällt  mit  Übermacht  über  sie 
her,  alle  finden  den  Tod,  nur  der  jüngste  Bruder  Sigmund  wird  von  Signy 
listig  gerettet  und  entrinnt  aus  den  Fesseln.  Von  da  an  hat  die  Erzählung 
mit  den  von  Signy  ausgehenden  in  Gememschaft  mit  Sigmund  betriebenen 
Racheplanen  zu  thun.  Signy  opfert  hierbei  ihre  beiden  mit  Siggeir  erzeugten 
Kinder  auf,  was  zweimal  auf  verschiedene  Weise  erzählt  wurd:  einmal  werden 
sie  getödtet  weil  sie  nicht  zu  Rächern  der  Völsunge  taugen ,  das  anderemal 
weil  sie  die  versteckten  Rächer  entdeckt  haben;  ihre  Köpfe  werden  dem  Vater 
vor  die  Füße  geworfen.  Da  Sigmund  abermals  gefangen  ist  und  in  einem 
Hügel  lebendig  soll  begraben  werden,  wirft  ihm  die  Schwester  heimlich  sein 
Schwert  in  das  noch  offene  Grab,  womit  er  sich  dann  herausschafft.  Endlich 
haben  Sigmund  und  sein  Geselle  Sinfiötli  Siggeirs  Halle  mit  Feuer  umgeben 
und  wollen  daß  Signy  herauskomme  und  sich  rette:  sie  aber  will  nun  gern 
mit  dem  Manne  sterben,  mit  dem  sie  ungern  gelebt  hat.     Völs.  s.  3—8. 

Dieser  wilden,  aber  erhabnen  und  rührenden  Sage  ward  im  Norden  der 
zweite  Theil  der  Nibelungesage  sichtlich  nachgebildet.  Einladend  war  daw 
das  gemeinsame  Motiv  der  verrätherischen.  Einladung  eines  Schwagers,  das 
vielleicht  die  deutsche  Sage  selbst  aus  der  Geschichte  der  Welsunge  herüber 
genommen  hat.  Gemeinsam  war  auch  die  Nöthigung  der  Tochter  ,nnd 
Schwester  zu  einer  verhassten  Ehe,  eine  Nöthigung,  die  auch  im  hochdeutschen 
Epos  haftet  und  in  der  die  tragische  Ironie  der  Sage  wieder  zum  Vorschein 
kommt.    Aber  Gudhrun  mußte  nun  auch  die  Rolle  der  Signy  weiter  spielen» 


DIE  NIBELUN6ENSA0E.  197 

80  schlecht  sie  zu  ihr  passte.  Dieselbe  ahnungsvolle  Warnung  an  ihre  Ver- 
wandten bei  der  Vermählung  mit  Atli,  dieselbe  Warnung  dann  bei  der 
Ankunft  der  Geladenen.  Wie  Signy  ihrem  Bmder  das  Schwert,  so  lässt  ihm 
Gadhrun  die  Harfe  in  den  Kerker  zukommen ,  die  zu  seiner  Rettung  dienen 
soll.  Signy  heißt  ihre  Kinder  tödten ,  weil  sie  ihres  Oheims  Versteck  ent- 
deckt und  ihn  dadurch  in  ihres  Vaters  Gewalt  gebracht  haben :  Gudhrun  die 
ihrigen,  weil  sie  nicht  für  der  Oheime  Leben  beim  Vater  bitten  wollen  (Drap 
Nif!.).  Wie  Signy  stirbt  Gudhrun  allem  Anscheine  nach  mit  ihrem  Gemahl 
im  Feuer,  das  sie  selbst  veranstaltet  hat.  Oder  wenn  sie  ihn  nach  anderer 
Überlieferang  in  Gemeinschaft  mit  einem  auf  dem  Todbette  gezeugten  Sohne 
Hognis  ermordet,  so  würde  vielleicht  eine  vollständigere  oder  ältere  Quelle 
berichten,  daß  Högni  diesen  Sohn  wie  Sigmund  den  Sinfiötli  mit  seiner 
Schwester  selbst  gezeugt  habe. 

Bis  zur  Bruderrache  am  Gemahl  ist  Alles  bei  Gudhrun  verkehrt  und 
widrig,  was  bei  Signy  richtig  und  angemessen.  Von  da  an  liegt  es  in  der 
Natur  der  Dinge,  daß  beide  Sagen  einander  gleichen.  Wie  Sigurdh,  nach- 
dem er  auf  Regins  Antrieb  den  Fafhi  getödtet  hat,  Regins  Bruderrache  fürch- 
ten muß,  so  fordert  es  der  Geist  des  Alterthums,  daß  die  Schwester,  die  zu- 
erst den  Gemahl  zur  Rache  an  den  Brüdern  benutzt  hat,  nun  wieder  der 
Pflicht  gegen  die  Brüder  eingedenk  ist  und  ihr  den  Gatten  opfert.  Und  gerade 
hier  bietet  die  Geschichte  in  dem  Gerücht  von  der  Ermordung  Attilas  durch 
Mco  wieder  einen  Ausgangspunkt  zur  Bildung  der  Sage.  Grimhildens 
Bniderrache  erzählte  also  sicherlich  auch  die  deutsche  Sage  nach  ihrer  Rache 
für  Siegfried.  Eben  so  natürlich  schließt  sich  dann  aber  auch  an  daß  sie 
selbst  mit  dem  Manne  stirbt,  dem  sie  den  Tod  gegeben :  es  ergibt  sich  aus 
derselben  Denkweise ,  die  die  Bruderrache  nach  der  Rache  an  den  Brüdern 
forderte.  So  that  Signy,  und  Brünhild  starb  zwar  mit  einem,  den  sie  geliebt, 
aber  der  sie  verrathen  und  den  sie  dafür  gemordet  hatte. 

Neben  Grimhilden  als  Rächerin  ihrer  Brüder  steht  aber  jener  Sohn  Ha- 
gens,  für  den  die  Sage  nicht  einmal  einen  Namen  hat,  mindestens  sehr  über- 
flüssig. Entweder  ist  er  in  der  oben  vermutheten  Weise  eine  Nachbildung 
Sinflötlis  oder,  nachdem  es  unthunlich  geworden,  daß  Griilihild  ihre  Brüder 
selbst  rächte,  ein  Ersatzmann  für  Grimhild,  den  Atlamal  unrichtig  mit  ihr 
verbindet.  Wie  wenig  eigenthümlich  die  Zeugung  eines  Rächers  auf  dem 
Todbette  unsrer  Sage  ist  zeigt  das  Beispiel  Riwalins. 

Die  deutsche  Überlieferung  fehlte  in  entgegengesetztem  Sinne  als  die 
nordische.  Dort  war  Attifas  Weib  auf  die  Seite  ihrer  Brüder  gebracht  und 
ilmi  allein  der  Mord  aufgebürdet :  hier  muß,  nach  den  beiden  überwiegenden 
Annahmen,  das  Weib  die  Schuld  allein  tragen,  durch  dessen  Arglist  der  gute 
alte  König  erst  in  den  Streit  verwickelt  wird.  Richtig  war  allein  daß  Grim- 
bild  ihrem  Gemahl  mit  der  Aussicht  auf  den  Hort  den  Mordplan  eingab, 
dessen  Ausführung  aber  ihm  anheim  fiel.     Nur  ihm  durfte  es  um  den  Hort 


198  ^^X  KIEGER,  DIE  NIB£LUNGI:NSA6£. 

ZU  thun  sein,  nur  er  mit  Günthers  Haupt  vor  Hagen  treten,  wie  im  nordischen 
Liede  mit  Högnis  Herzen  vor  Gunnar,  um  dann  das  Schweigen  des  Über- 
lebenden mit  dem  Tode  zu  strafen.  Es  ist  nicht  genug  zu  beklagen ,  daS 
jene  verfehlte  Auffassung  in  unserem  Epos  dem  großartig  ausgeführten  Cha- 
rakter Grimhildens  zum  Schluß  die  Spitze  abbricht,  indem  ihr  Rachedurst 
plötzlich  mit  Goldgier  vermengt  wird.  Nicht  minder  widerwärtig  wird  dann, 
weil  poetische  Gerechtigkeit  einmal  sein  muß,  mit  Etzels  Bewilligung  eine 
förmliche  Execution  über  sie  verhängt,  deren  Vollstrecker  Dietrich  von  Bern 
oder,  um  diesen  zu  schonen,  Hildebrand  ist. 

Die  Einführung  der  gotischen  Helden  in  die  Sage  war  mit  ihrer  rich- 
tigen Verfassung  vollkommen  verträglich.  Sie  konnten  ganz  so  in  den  Streit 
verwickelt,  Günther  und  Hagen  durch  sie  bezwungen  und  ausgeliefert  werden 
wie  es  jezt  geschieht.  Von  einer  durch  sie  zu  vollstreckenden  Execution 
konnte  so  wenig  an  Etzel  wie  an  Grimhiiden  die  Bede  sein.  Allerdings 
mußte  damit  auch  wegfallen,  was  im  Nibelungeliede  deren  Motiv  abgibt,  daß 
Dietrich  sich  Schonung  der  Gefangenen  versprechen  lässt;  für  die  ältere  Zeit 
war  dieß  auch  ein  Überfluß  an  Großmuth. 

Nach  dem  Allem  weiß  ich  natürlich  von  der  Geschichte  der  Chrodichild 
für  Erklärung  unsrer  Sage  keinen  Gebrauch  zu  machen,  Wohl  aber  glaube 
ich  daß  das  Umgekehrte  von  dem,  was  man  annimmt,  statt  gefunden  hat 
Die  Volkssage  erfand  für  das  Verfahren  der  Frankenkönige  gegen  das  Hans 
ihrer  Mutter  eine  ähnliche  Ursache,  wie  sie  auf  Attilas  Verfahren  gegen  die 
Gibikunge  gewirkt  hatte.  Diese  Mutter  war  eine  Burgundin;  ihren  Vater 
also  mußten  die  Burgunden  erschlagen  und.  sie  darum  ihre  Söhne  auf  Uire 
Verwandten  gehetzt  haben.  Hätte  schon  Chlodovech  die  Burgunden  gestürzt, 
so  wäre  wahrscheinlich  behauptet  worden ,  sie  hätten  Chrodichildens  ersten 
Mann  getödtet.  Daß  aber  Gregor  von  Tours  2,  28  Fabeln  berichtet  schließe 
ich  mit  Zuversicht  aus  dem  fünften  Briefe  des  Avitus,  worin  er  an  Gundobad 
schreibt  ßebatis  quondam  pietate  ineffdbilifunera  germanortmi.  Dieß  hätte 
von  gemordeten  Brüdern  nur  zu  einem  Nero  gesagt  werden  können.  Daß 
die  Geistlichkeit  sich  jedes  Mährchens  bemächtigte,  wodurch  der  Arianer 
Gundobad,  eines  der  edelsten  Fürstenbilder  jener  Zeiten ,  geschwärzt  ward, 
ist  natürlich. 

BASEL,  M«rz  1858. 


BEINHOU)  KÖHLEB.  DIE  DANKBÄSEN  TODTEN  UND  DEB  GÜTE  GEBHABD.     1 99 

DIE  DANKBAREN  TODTEN  UND  DER  GÜTE 

GERHARD. 


Karl  Simrock  hat  in  seinem  anziehenden  nnd  anregenden  Buche  'der  gute 
Gerhard  und  die  dankbaren  Todten'  (Bonn  1856)  Mährchen  zusammen  ge- 
stellt, in  denen  erzählt  wird,  wie  ein  junger  Mann,  meist  ein  Kaufmann,  den 
Leichnam  eines  Menschen,  der  als  Schuldner  gestorben  war,  von  allerhand 
Schimpf,  der  ihm  angethan  wird,  loskauft  und  bestattet,  und  wie  er  dann  von 
dem  dankbaren  Geiste  des  Todten  unterstützt  nach  mancher  Fährlichkeit  zu 
hohem  Glücke  gelangt,  meist  durch  die  Vermählung  mit  einer  von  ihm  — 
demKanfmanne — ans  der  Gefangenschaft  losgekauften  Königstochter,  welche 
Yermählung  aber  nur  durch  die  Hülfe  des  Geistes  ermöglicht  wird.  Ich  füge 
den  von  Simrock  beigebrachten  Mährchen  noch  einige  hinzu ,  die  theils  von 
ihm  bei  Abfassung  seines  Buchs  übersehen,  theils  aber  auch  erst  nachher 
bekannt  gemacht  worden  sind. 

Ich  verweise  zunächst  auf  ein  ungarisches  Mährchen  (Ungarische 
Volksmährchen.  Nach  der  aus  Georg  Gaals  Nachlaß  herausgegebenen  Ur- 
schrift übersetzt  von  G.Stier.  Pesth  (1857)  S.  153  ff.)  Ein  Kaufmannssohn 
aas  Amsterdam  —  so  wird  erzählt  —  kauft  in  der  Türkei  den  Leichnam  eines 
Mannes  los,  der  viele  Schulden  gemacht,  dabei  hart  und  hochmüthig  gewesen 
ist  und  nun  von  Jedermann  vor  der  Tempelthür  geschlagen  und  bespieen 
wird.  Nach  Amsterdam  zurückgekehrt  und  von  seinem  Vater  von  Neuem 
reich  mit  Golde  versehen  geht  er  nach  England,  wo  er  eine  gefangene  Königs- 
tochter ans  Frankreich  mit  zwei  Zofen  loskauft  und  sie  nach  Amsterdam 
bringt.  Aof  den  Bath  der  Prinzess  geht  er  nach  Paris  um  dem  König  die 
Rettung  seiner  Tochter  anzuzeigen,  der  ihm  einen  General  und  Soldaten  mit- 
l^bt,  um  die  Tochter  feierlich  nach  Paris  zu  bringen,  wo  sie  dem  Kaufmanne 
vermählt  werden  soll.  Unterwegs  zur  See,  als  sie  von  Amsterdam  abgefahren 
sind,  verliebt  sich  der  General  in  die  Prinzess  und  lässt  den  Kaufmannssohn 
auf  einer  wüsten  Insel,  wo  man  ausgestiegen  war,  zurück,  während  die  Prin- 
zessin schlief.  In  Paris  nimmt  man  an,  er  sei  ins  Meer  gefallen,  und  als 
nach  einiger  Zeit  der  General  um  die  Hand  der  Prinzessin  anhält ,  sagt  der 
König  sie  ihm  zu,  gewährt  ihr  aber  noch  ein  Jahr,  einen  Monat  und  einen 
Tag  Frißt.  Die  Prinzessin  richtet  am  Stadtthor  eine  Schenke  ein  und  gibt 
Befehl  Jedem ,  der  etwas  in  des  Kaufmannssohns  Namen  fordere ,  dieß  zu 
geben.  Dem  Kaufmanne  war  inzwischen  auf  jener  Insel  ein  alter  Mann  er- 
schienen, der  sich  ihm  als  Geist  jenes  in  der  Türkei  losgekauften  Todten  zu 
erkennen  gab,  ihn  in  einem  Kahn  ans  Festland  brachte, 'über  jene  Schenke 
in  Paris  unterrichtete  und  ihn  dahin  gehen  hiefi.  In  Paris  trifft  derKau&nann 
einen  beurlaobten  alten  Soldaten,  dem  er  zu  Gelde  zu  helfen  verspricht    Er 


200  REINHOLD  KÖHLER 

zieht  des  Soldaten  Kleider  an,  geht  in  jene  Schenke  nnd  bittet  in  des  Eaof- 
mannssohnes  Namen  um  Essen  und  Geld ,  das  er  in  Folge  jenes  Befehls  der 
Prinzessin  erhält  und  dem  Soldaten  bringt.  Er  thut  dieß  mehrmals,  zuletzt 
bittet  er  auch  um  Wein  in  dem  Becher,  aus  dem  die  Prinzessin,  wenn  sie  in 
die  Schenke  kommt,  zu  trinken  pflegt.  Er  trinkt  ihn  halb  aus ,  wirft  seinen 
Ring  hinein  und  heißt  die  Wirthsleute  der  Prinzessin  sagen ,  er  ließe  sie  im 
Namen  des  Kaufmannssohnes  bitten  den  Wein  auszutrinken.  Die  Prinzessin, 
die  täglich  die  Schenke  besucht,  erkennt  so  den  Ring  ihres  Verlobten.  Der 
König,  ihr  Vater,  muß  rasch  alle  abgedankten  Soldaten  wieder  zusammen- 
rufen und  erfährt  nun  von  jenem  alten  Soldaten,  daß  er  seine  Kleider  einem 
fremden  Jünglinge  geborgt  habe  u.  s.  w. ,  der  in  dem  und  dem  Wirthshause 
wohne.  Die  Königstochter  selbst  will  ihn  dort  abholen,  wie  sie  aber  ins 
Zimmer  tritt,  haut  Jener  mit  dem  Schwert  nach  ihr  und  ruft:  'Wenn  du 
nicht  auf  der  Stelle  hinausgehst,  taue  ich  dich  todt!*  Sie  antwortet:  *Thue 
dieß  nur^  du  hast  mich  ja  auch  einst  vom  Tode  errettit.'  Da  küsst  er  sie  und 
erklärt,  daß  er  nur  ihre  Liebe  habe  prüfen  wollen.  Dann  wird  Hochzeit  ge- 
halten, jener  General  aber  hingerichtet. 

Dieß  ungarische  Mährchen  —  das  übrigens ,  wie  Stier  a,  a.  O.  S.  VIII 
erwähnt,  Tpolyi  (in  seiner  magyarischen  Mythologie?)  aus  der  Reihe  der 
eigentlichen  ungarischen  Mährchen  streichen  zu  müßen  glaubt  —  ist  den 
deutschen  Mährchen  bei  Simrock  besonders  Nr.  1,  2,  3,  4,  5,  6  und  8,  bei 
manchen  Abweichungen  im  Einzelnen ,  im  Ganzen  außerordentlich  ähnlich. 
Daß  der  Leichnam  des  Schuldners  grade  Sonntags  vor  der  Kirchthöre  bespuckt 
und  geschlagen  wird  ist  wie  in  Nr,  10.  Daß  der  Kaufmannssohn  auf  einer 
Insel  gelassen  wird  stimmt  mit  Nr.  2,  5  und  8.  Die  Erkennung  durch  den 
Ring  begegnet  in  Nro.  2  und  8.  Der  alte  Soldat,  in  dessen  Kleider  sich  der 
Kaufmannssohn  ohne  Noth  steckt ,  ist  nicht  recht  passend  in  das  Mährchen 
gekommen  und  scheint  fast  eine  Entstellung  >des  Geistes  selbst,  der  seinen 
Schützling  allerdings  auch  noch  in  Paris  unterstützen  konnte.  Auch  die 
Liebesprobe  am  Schluß  des  Mährchens  ist  wunderlich;  ist  sie  vielleicht  ent- 
stellt aus  der  Probe ,  die  der  Geist  in  manchem  der  Mährchen  mit  seinem 
Schützling  vornimmt,  indem  er  von  ihm  als  Preis  fär  seine  Hülfe  die  Hälfte 
der  Geliebten  oder  des  erstgebornen  Kindes  (Simrock  S.  142)  verlangt? 

Nach  dem  ungarischen  wenden  wir  uns  zu  einem  polnischen  Mährclien 
(K.  W.  Woycicki's  Polnische  Volkssagen  und  Mährchen.  Aus  dem  Polni- 
schen von  Friedr.  Heinr.  Lewestam.  Berlin  1839,  S.  130  ff.),  das  'wir  im 
Auszug  mittheilen.  Ein  Schüler  stieß  auf  dem  Wege  in  die  Stadt  vor  dem 
Thore  auf  einen  unbekannten  Leichnam ,  der  von  den  Vorübergehenden  ge- 
treten und  bespieen  wurde,  und  gab  sein  weniges  Geld  her,  um  der  Leiche 
ein  christliches  Begräbniss  zu  schaffen.  Dann  betete  er  auf  dem  frischen 
Grabe  und  zog  weiter.  In  einem  Eichwald  schlief  er  unter  einem  Baume  ein, 
beim  Erwachen  fand  er  seine-  Taschen  .voll  Gold.    Dann  kam  er  an  einen 


DIE  DANKBAREN  TODTEN  UND  DER  GÜTE  GERHARD.      201 

Flafi,  wo  er  übersetzen  mußte.  Die  Fährleute,  die  sein  Qold  bemerkten,  be- 
raubten ihn  und  warfen  ihn  in  der  Mitte  des  Flusses  ins  Wasser.  Er  klammerte 
sich  an  ein  Brett,  das  ihm  entgegenschwamm,  und  kam  so  ans  Ufer.  Das  Brett 
war  aber  der  Geist  jenes  Leichnams.  Er  gab  sich  dem  Schüler  zu  erkennen, 
dankte  ihm,  und  lehrte  ihn,  wie  man  sich  in  eine  Krähe  verwandelt.  Zugleich 
schickte  er  ihn  zu  seinem  Bruder,  der  ihn  lehrte,  wie  man  zu  einem  Hasen 
oder  Reh  wird.  Mit  dieser  Zauberkraft  ausgestattet  wanderte  der  Schüler 
weiter  und  ward  endlich  Jäger  bei  einem  König.  Des  Königs  Tochter  wohnte 
anf  einer  unzugänglichen  Insel  und  in  ihrem  Schlosse  war  ein  Schwert,  mit 
dem  man  die  größten  Heere  schlagen  konnte.  Da  dem  König  Elrieg  drohte, 
so  machte  er  bekannt,  wer  der  Prinzessin  Schwert  herbei  schaffe,  der  solle 
ihr  Gemahl  und  später  König  werden.  Der  Jäger  unternahm  das  Wagstück 
ond  ließ  sich  einen  Brief  an  die  Prinzess  geben.  Mit  Hülfe  seiner  Verwand- 
lungen kam  er  auf  die  Insel  und  zu  der  Prinzessin,  deren  Liebe  er  gleich 
gewann.  Er  mußte  vor  ihren  Augen  die  Thiergestalten  noch  einmal  an- 
nehmen und  sie  schnitt  ihm  allemal  ein  Stückchen  Fell  oder  einige  Federn  ab. 
Dann  gab  sie  ihm  das  Schwert  und  einen  Brief  und  er  kehrte  zurück.  Es 
war  aber  ein  anderer  Jäger  dem  Schüler  ein  Stück  Wegs  gefolgt  und  hatte 
gesehen,  wie  er  sich  in  einen  Hasen  verwandelte.  Als  er  nun  jetzt  in  Hasen- 
gestalt wieder  in  die  Nähe  der  Stadt  zurück  kam,  erschoß  ihn  der  verräthe- 
rische  Jäger  und  nahm  ihm  Schwert  und  Brief  ab.  Nachdem  der  König  mit 
dem  Schwert  gesiegt  hatte,  wurde  die  Hochzeit  der  Prinzessin  mit  dem  fal- 
schen Jäger  gehalten,  aber  die  Prinzess  war  traurig,  denn  sie  sah  daß  es  nicht 
^er  rechte  war^  wagte  aber  dem  König  nichts  zu  sagen.  Inzwischen  hatte 
der  Schüler  lange  in  seinem  Hasenfelle  todt  in  jenem  Walde  gelegen.  Da 
erwacht  er  plötzlich  und  der  Geist  des  Leichnams  steht  vor  ihm,  erzählt  ihm, 
wie  er  vom  Jäger  getödtet  worden,  und  sagt  'Morgen  ist  der  Hochzeitstag  der 
Prinzess,  drum  eile  schnell  ins  Schloß'.  Der  Schüler  that  dieß  und  kam  in 
den  Hochzeitssaal.  Die  Prinzess  erkannte  ihn  gleich ,  er  erzählte  dann  die 
Vorgänge  und  zum  Beweise  der  Wahrhett  nahm  er  die  Thiergestalten  an, 
wobei  dann  allemal  die  von  der  Prinzess  abgeschnittenen  Streifen  oder  aus- 
gerupften Federn  an  die  betreffende  Stelle  passten  und  sogleich  anwuchsen. 
So  erhielt  der  Schüler  die  Hand  der  Prinzessin,  der  Jäger  abör  wurde  hin- 
gerichtet. 

Vergleicht  man  das  polnische  Mährchen  mit  den  andern ,  so  sieht  man 
daß  es  mehrfach  verändert,  zum  Theil  entstellt  und  verwildert  ist.  Gleich 
ÜQ  Anfang  ist  die  Angabe  vergessen  worden ,  daß  der  Leichnam  der  eines 
verstorbenen  Schuldners  war.  Aus  dem  in  den  meisten  Mährchen  vorkom- 
menden reichen  Kaufmanne  ist  ein  armer  Schüler,  der  in  die  Welt  zieht,  ge- 
worden. So  ist  in  dem  hierher  gehörenden  bretonischen  Mährchen  (Simrock 
Nro.ll,  S.94)  Mao  auch  nur  ein  armer  wandernder  Jüngling.  Merkwürdig 
^i  eine  weitere  Übereinstimmung  des  sonst  sehr  abweichenden  bretönischeb 


202  REINHOLD  KÖHLER 

Mährchens,  nämlich  die,  dal(,  wie  im  polnischen  Mährchen  der  Schüler  iiacl 
seiner  guten  That  in  einem  Walde  unter  einer  Eiche  einschläft  und  bei  seinem 
Erwachen  den  ersten  Dank  des  Todten  empfängt,  indem  seine  Taschen  mit 
Gold  gefüllt  sind,  so  auch  im  bretonischen  der  gute  Mao  kurz  nachdem  er  die 
Leiche  bestattet  hat  unter  einer  Eiche  einschläft  und  im  Schlaf  die  Erschei- 
nung des  dankbaren  Geistes  hat.  Das  Loskaufen  der  gefangenen  Königs- 
tochter hat  das  polnische  Mährchen  nicht  mehr,  vielleicht  aber  einst  gehabt 
In  der  jetzigen  Fassung  wird  der  Schüler  von  dem  Schiffe  aus  ins  Meer  ge- 
worfen, nicht  weil  man  ihm  die  Braut,  sondern  das  Geld  rauben  will.  DaS 
der  Held  ins  Meer  geworfen  oder  auf  einer  Insel  ausgesetzt  wird,  kommt  in 
den  meisten  unserer  Mährchen  vor,  und  auch  daß  bei  ersterem  der  Held  durch 
den  Geist  vom  Ertrinken  gerettet  wird,  findet  sich  in  einigen.  So  in  Nr.  1, 
wo  der  Geist  in  Gestalt  eines  Schwertes  erscheint,  in  Nr.  3  und  8  in  Gestalt 
eines  Vogels,  in  Nr.  6  und  7,  wo  der  Geist  keine  andere  Gestalt  annimmt. 
Um  dem  Geist  Gelegenheit  zu  geben  dem  Schüler  auch  weiter  dankbar  zu 
sein^  wurde,  da  die  Geschichte  von  der  losgekauften  Königstochter  und  ihrer 
erschwerten  Verbindung  mit  dem  Helden  aufgegeben  war,  ein  anderes  ur- 
sprünglich selbständiges  Mährchen  herbeigezogen ,  das  Mährchen  von  dem 
wunderbaren  Schwerte  im  Schlosse  der  Königstochter,  von  den  Thierver- 
wandlungen  und  von  dem  verrätherischen  Jäger.  Dieses  Mährchen  stimmt 
im  Wesentlichen  sehr  genau  überein  mit  einem  litauischen,  welches  man 
in  A.  Schleicher's  'Litauischen  Mährchen,  Sprichworten,  Räthseln  und  Liedern' 
(Weimar  1857)  S.  100  ff.  nachlesen  kann,  und  noch  genauer  mit  einem 
ungarischen  in  den  'Ungarischen  Sagen  und  Mährchen.  Aus  der  Erde!* 
yischen  Sammlung  übersetzt  von  G.  Stier'  (Berlin  1850),  S.  HO  ff.,  znm 
Theil  auch  mit  einem  neuerdings  im  Ausland  1858,  S.  117  mitgetheilten  ru- 
mänischen aus  Siebenbürgen. 

Wir  verlassen  nun  das  polnische  Mährchen  und  wenden  uns  nach  Asien 
zu  einem  armenischen,  welches  A.  von  Haxthausen  in  seinem  Buche  Trans- 
kaukasia  (Leipzig  1856)  I,  S.  333  f.  mittheilt  *)  Da  das  Mährchen  kurz  ist 
und  das  Buch  von  Haxthausen  nicht  in  Vieler  Händen  sein  wird,  so  lasse 
ich  es  ganz  wie  er  es  erzählt  folgen :  Einst  reitet  ein  wohlhabender 
Mann  durch  einen  Wald;  da  findet  er  einige  Männer,  welche  einen  bereits 
verstorbenen  Mann  noch  nachträglich  an  einem  Baum  aufgehangen  haben  und 
den  Leichnam  entsetzlich  schlagen.  Als  er  sie  fragt,  was  sie  zu  einer  solchen 
Entweihung  des  Todten  triebe,  antworten  sie,  er  sei  ihnen  Geld  schuldig  ge- 
blieben und  habe  sie  nicht  bezahlt.  Da  bezahlt  er  ihnen  die  Schuld  und  be- 
gräbt den  Todten.  Jahre  vergehen,  er  wird  allmählich  arm.  In  seiner 
Vaterstadt  aber  wohnt  ein  reicher  Mann,  der  eine  einzige  Tochter  hat,  der  er 


*)  S.  318  ff.  gibt  Hazthaasen  eine  ganze  I^ihe  armenischer  Sagen  und  M&brehen»  die 
der  Foncher  auf  diesen  Gebieten  nicht  übersehen  darf. 


DIE  DANKBAREN  TODTEN  UND  DER  GÜTE  OEBHARD.  203 

gem  eben  Mann  geben  möchte.  Allein  schon  fttnf  Männer  waren  in  der 
Hochzeitsnacht  gestorben  und  keiner  wagt  mehr  um  sie  zu  freien  and  ihr  za 
naheD.  Nun  wirft  der  Vater  sein  Auge  auf  diesen  arm  gewordenen  Mann 
(md  bietet  ihm  die  Tochter  an.  Der  ist  aber  zweifelhaft,  ob  er  sein  Leben 
wagen  soll,  und  bittet  um  Bedenkzeit.  Nun  kommt  eines  Tags  ein  Mann  zu 
ihm  und  bietet  sich  ihm  als  Diener  an.  'Wie  sollt'  ich  dich  in  Dienst  nehmen, 
da  ich  ja  so  arm  bin,  daß  ich  mich  kaum  selbst  ernähren  kann?  „Ich  ver- 
Jange  von  dir  keinen  Lohn,  keine  Kost,  sondern  nur  die  Hälfte  von  deinem 
künftigen  Hab  und  Gut!"  Sie  werden  darum  einig.  Nun  räth  ihm  der  Diener 
zü  jener  ihm  angebotenen  Heirath.  In  der  Hochzeitsnacht  stellt  sich  der 
Diener  mit  einem  Schwerte  ins  Brautgemach.  'Was  willst  duf  „Du  weißt, 
nach  unserem  Übereinkommen  gehört  mir  die  Hälfte  von  all  deinem  Hab  und 
Gut,  ich  will  das  Weib  jetzt  nicht,  aber  ich  will  hier  frei  stehen  bleiben/  -^ 
Als  nun  die  Neuvermählten  entschlafen,  kriecht  eine  Schlange  aus  dem 
Mande  der  Braut  hervor,  um  den  Bräutigam  zu  Tode  zu  stechen ,  allein  der 
Diener  haut  ihr  den  Kopf  ab  und  zieht  sie  heraus.  Nach  einiger  Zeit  ver- 
langt der  Diener  die.Theilung  alles  Hab  und  Guts,  es  wird  getheilt,  nun 
fordert  er  anch  die  Hälfte  des  Weibes.  „Sie  soll,  den  Kopf  nach  unten,  auf- 
gehangen werden,  ich  werde  sie  mitten  durchspalten !  ^  Da  gleitet  ihr  die  zweite 
Schlange  zum  Munde  heraus.  Nun  aber  spricht  der  Diener:  „Es  war  die 
letzte,  von  nun  an  kannst  du  ohne  Gefahr  und  glücklich  mit  deinem  Weibe 
leben!  Ich  aber  fordere  von  dir  nichts,  ich  bin  der  Geist  des  Mannes,  dessen 
Leichnam  dn  einst  von  der  Schande  und  Qual  des  Schiagens  errettet  und 
fironmi  begraben  hast!^  und  verschwindet.  — 

Hier  haben  wir  die  bekannten  Hauptzüge :  Bestattung  des  misshandelten 
Leichnams  eines  Schuldners ,  Dankbarkeit  des  Geistes  durch  Ermöglichung 
einer  erschwerten  Heirath  des  Wohlthäters ,  wobei  der  Geist  —  jedoch  nur 
zum  Scheine  —  die  Hälfte  seines  künftigen  Hab  und  Gutes  als  Lohn  ver- 
legt. Ganz  eigenthümlich  dem  armenischen  Mährchen  aber  ist  die  Jung- 
frau, deren  Freier  alle  in  der  Hochzeitsnacht  starben,  bis  auf  den  Helden  des 
Mährchens  ^  der  durch  Hülfe  des  Geistes  endlich  in  den  glücklichen  Besitz 
derselben  kommt.  Jedermann  wird  hierbei  sich  gleich  an  Tobias  und 
Sara  erinnern,  die  durch  den  Dämon  Asmodi  sieben  Freiern  verderblich  ge- 
wesen war.  Simrock  hat  S.  131  f.  in  treffender  Weise  auf  einen  möglichen 
Zusammenhang  der  Geschichte  des  Tobias  mit  unserm  Mährchenkreise  auf- 
merksam gemacht.  Diese  Yermuthung  dürfte  durch  das  armenische  Mährchen 
noch  bestärkt  werden. 

Die0  waren  Mährchen  des  Ostens,  aus  dem  Yolksmunde  ganz  neuerdings 
gesammelt,  die  nachzutragen  waren.  Wir  haben  aber  nun  auch  noch  die 
Aufmerksamkeit  auf  eine  vor  mehr  als  hundert  Jahren  im  Westen, in  Frank- 
reich nämlich,  von  einer  bekannten  Roman-  und  Novellenschriftstellerin 
erzählte  Geschichte  zu  lenken.     Es  ist  dieß  die  'Histoire  de  Jean  de  Calais', 


204  BEmHOLD  KÖHLER 

wie  sie  die  fracfatbare  Schriftstellerin  Madame  de  Gomez  (geborene  Madeleine 
Ang^Iique  Poisson,  an  einen  spanischen  Edelmann  verheirathet,  f  1771,  80 
Jahr  alt)  in  ihrer  zuerst  1723  erschienenen  und  vielfach  aufgelegten,  auch 
ins  Deutsche  übersetzten  Novellensammlung  'les  joumees  amüsantes'  erzählt 
hat.  ^)     Der  Inhalt  der  Geschichte  ist  folgender:  Jean  ist  der  Sohn  eines 
reichen  Kaufmanns  zu  Calais  und  hat  sich  durch  Vertilgung  von  Gorsareu  so 
verdient  um  die  Stadt  gemacht,  daß  man  zu  seinem  Namen  den  der  Stadt 
fögte.     Auf  einer  Seefahrt  kam  er  zu  der  unbekannten  blühenden  Insel  Ori- 
manie,  in  deren  Hauptstadt  Palmanie  er  auf  einem  großen  Platze  eines  Leich- 
nam sah,  den  Hunde  zerfleischten.   Er  erfuhr,  daß  diefi  die  gesetzliche  Strafe 
der  Schuldner  sei,  die  ohne  ihre  Schulden  bezahlt  zu  haben  stürben,  daß  es 
aber  Jedem,  der  Lust  dazu  habe,  frei  stehe  die  Leichen  durch  Bezahlung  der 
Schulden  loszukaufen.  Der  edle  Jean  that  dieß  und  ließ  die  Leiche  bestatten. 
Bevor  er  Palmanie  verließ,  bemerkte  er  auf  einem  vor  Anker  liegenden  Cor- 
sarenschiffe zwei  Sklavinnen,  die  er  loskauft  und  auf  sein  Schiff  mit  nimmt, 
um  ihnen  dann  die  Freiheit  zu  geben.     Unterwegs  gewinnt  er  die  Liebe  der 
einen,  Namens  Constanze,  und  vermählt  sich  mit  ihr,  t)hne  jedoch  von  ihr 
Aufklärung  über  ihre  und  ihrer  Freundin  Isabelle  Herkunft  zu  bekommen.  In 
Galais  wird  er  von  seinem  Vater,  der  die  Heirath  mit  einer  armen,  unbekann- 
ten Fremden  missbiiligt,  schlecht  empfangen  und  aus  dem  Hause  verbannt 
Nach  einem  Jahre  aber  ist  der  Vater  in  so  weit  milder  gestimmt,  daß  er  für 
Jean  ein  neues  Schiff  ausrüstet,  damit  er  jene  entdeckte  Insel  des  Handels 
wegen  wieder  besuche.   Als  Constanze,  die  inzwischen  eines  Sohnes  genesen 
ist,  die  bevorstehende  Heise  Jeans  erfährt,  bittet  sie  ihn  ihr,  ihres  Söhnchens 
und  ihrer  Freundin  Bild  auf  sein  Schiff  malen  zu  lassen,  um  sie  nicht  zu  ver- 
gessen, und  zuerst  bei  Lissabon  vor  dem  Königsschlosse  zu  landen.  Jeanlässt 
die  Bilder  malen  und  landet  vor  Lissabon.     So  gewahrt  der  König  von  Por- 
tugal die  Bilder  und  erkennt  darin  seine  Tochter  und  ihre  Freundin,  die  von 
Gorsaren  geraubt  worden  waren.     Nachdem  er  von  Jean  weitere  Aufklärung 
erhalten  hat,   erkennt  er  die  Ehe  an  und  schickt  den  glücklichen  Jean  mit 
einem  Geschwader  nach  Galais   um   die  Prinzessin  abzuholen.     Das  Ge- 
-  schwader  wird  von  Dom  Juan  commandiert,  einem  Prinzen  des  königlichen 
Hauses,  der  früher  um  Constanzen  geworben  hatte  und  nun  ergrimmt  ist,  daß 
sie  ihm  Entrissen.   Als  die  Flotte  auf  der  Bückfahrt  ist,  nimmt  Dom  Juan  die 
Gelegenheit  wahr  bei  einem  heftigen  Sturme  Jean  unbemerkt  ins  Meer  zu  stürzen. 
Voll  Verzweiflung  kommt  die  Prinzessin  ohne  Gemahl  bei  ihrem  Vater  an. 
Dom  Juan  macht  sich  allmählich  bei  König  und  Volk  immer  beliebter  nnd 
fordert  endlich  die  Hand  der  Prinzessin,  die  nach  vergeblichem  Widerstreben 


^)  Mir  liegt  die  '7.  Edition,  revag  et  corrigee «  Amsterdam  1768  vor,  wo  ünsre  Gesebiehto 
sich  Tom.  II,  pg.  145—182  findet.  Einen  Auszug  der  Geschichte  gibt  auch  die  Biblioth^ae 
universeUe  des  Romans,  Decembre  1776,  pg.  134  ff. ,  wo  auch  pg.  85  ff.  Nachrichten  aber 
Madame  de  Gomez  und  ihre  Werke. 


DIE  DANKBAREN  TODICN  UND  DER  GÜTE  GERHARD.       200 

vom  König  und  den  Ständen  gezwungen  wird ,  in  die  Vermählong  mit  Dom 
Jaan  zn  willigen.  Inzwischen  —  zwei  Jahre  sind  vergangen  —  war  Jean  de 
Calais  nicht«  wie  man  glaubte,  im  Meer  umgekommen,  sondern  hatte  sich  an 
herumschwimmende  Schiffstrümmer  geklammert  und  war  auf  eine  einsame 
Insel  verschlagen  worden ,  wo  er  die  zwei  Jahre  zubrachte.  Am  Tage  vor 
der  beschlossenen  Vermählung  Dom  Juans  mit  Constanzen  erschien  dem  ein- 
samen Jean  plötzlich  ein  Unbekannter,  der  ihm  das  Bevorstehende  meldet 
ond  ihm  zugleich  Hülfe  und  Rettung  verheißt,  wenn  Jean  verspreche,  ihm 
später  die  Hälfte  von  dem,  was  er  am  liebsten  habe,  zu  geben.  Jean  ver- 
spricht Alles  und  schläft  bald  darauf  plötzlich  ein.  Als  er  erwacht,  findet 
er  sich  in  einem  Hofe  des  Lissaboner  Rönigsschlosses.  Er  begibt  sich  in 
die  Schloßküche  und  wird  dort  aus  Mitleiden  zum  Holztragen  verwendet. 
Zufällig  'kommt  Gonstanzens  Freundin  in  die  Rüche  und  trotz  dem  langen 
Barte,  dem  verwilderten  Aussehen  und  den  zerrissenen  Kleidern  erkennt  sie 
den  Gemahl  Gonstanzens  an  seinem  Gesicht  und  besonders  an  einem  Ringe 
an  seinem  Finger.  Zu  seiner  Gattin  gebracht  wird  er  auch  von  ihr  und  dann 
vom  König  erkannt,  welcher  letztere  den  Yerräther  Dom  Juan  alsbald  hin- 
richten lässt.  Jean  de  Galais  wird  dann  zum  Erben  der  Krone  erklärt  und 
ein  großes  Fest  veranstaltet.  Als  dann  der  Hof  und  die  Großen  des  Reiches 
in  einem  Saale  versammelt  sind,  erscheint  plötzlich  ein  Unbekannter.  Es  ist 
derselbe  der  Jean  schon  auf  der  einsamen  Insel  erschienen  war.  Er  erinnert 
Jean  an  sein  Versprechen  und  Jean  erklärt,  er  solle  nur  fordern  and  Alles 
erhalten.  ^Wohlan!  ich  will  die  Hälfte  deines  Söhnleins f  Vergeblich  bietet 
der  König  dem  Unbekannten  alles  Mögliche  an ,  vergeblich  weint  Jeans  Ge- 
mahlin, vergeblich  fleht  der  Hof.  Jean  bleibt  eine  Zeit  lang  stumm,  dann 
aber  erklärt  er,  er  werde  unter  jeder  Bedingung  sein  Wort  halten.  Er  reicht 
das  Kind  dar  und  der  Fremde  schickt  sich  an  es  mit  seinem  Schwert  aus  ein- 
ander zu  hauen,  plötzlich  aber  gibt  er  es  dem  Vater  zurück  und  sagt:  'Je  te 
rond  ton  fils,  re^ois  aujourd'hui  le  priz  de  ta  vertu  et  de  ta  g^nerosite;  c*est 
moi  dont  le  corps  itoit  d^chir^  par  les  chiens  lorsque  tu  entras  dans  la  ville 
de  Palmanie;  c*est  moi  dont  tu  payas  les  dettes,  et  c*est  a  moi  a  qui  tu  as 
donni  la  s^pulture;  je  ne  t'ai  point  quitte  depnis  attentif  a  ton  sort,  et  con- 
noisant  ton  äme,  c*est  moi  qui  conduisis  le  corsaire  qui  enlevoit  la  princesse 
pres  de  ton  vaisseau,  oü  tu  Tachetas  sans  la  connoitre  ni  l'avoir  vüe,  et  dans 
le  seul  dessein  de  Im  rendre  la  lib^rt^;  apprends  par  ces  exemples  combien  le 
Ciel  Charit  les  hommes  vertueux:  j'ai  voulu  t'^prouver,  tu  ne  t'es  point  d6- 
menti,  joüis  en  paix  de  ton  bonheur,  sois  toujours  sage,  inviolable  et  modert, 
le  Ciel  ne  t'abandonnera  jamais,  tu  seras  v^ritablement  Prince,  parce  que  tu 
divras  ce  titre  a  ta  vertu  plutöt  qu'aux  loix  d*ane  naissance  qui  ne  dopend 
point  de  nous,  etdont  on  tire  peu  d'^clat  quand  la  sagesse  ne  Taccompagne 
pas.*  Mit  diesen  Worten  verschwindet  der  Geist,  dem  Jean  ein  prächtiges 
Mausoleum  bauen  lässt. 


208  REINHOLD  RÖHLEB 

les  hommes  vertaeux ;  jouis  en  paix  etc.  etc.,  wörtlich  wie  bei  der  Gomez. 
In  meiner  Aasgabe  spricht  der  Geist  wie  S.  206. 

Indem  wir  in  den  letzten  Gestaltungen  der  Geschichte  von  Jean  de  Calais 
den  dankbaren  Todten  vermissten ,  werden  wir  an  die  Dichtung  vom  Gates 
Gerhard  erinnert,  deren  Zusammenhang  mit  den  Mährchen  vom  dankbaren 
Todten  Simrock  so  wahrscheinlich  gemacht  hat,  obwohl  auch  in  ihr  die  Lo&- 
kaufung  des  Todten  fehlt  und  die  Erzählung  dadurch  wesentlich  umgestaltet, 
ja  fast  bis  zur  Unkenntlichkeit  entstellt  worden  ist. 

Rudolf  von  Ems  gibt  an,  dafi  er  die  Erzählung  übersetzt  habe,  aus 
welcher  Sprache  wissen  wir  nicht,  Haupt  meint  gewiss  mit  Recht,  man  werde 
am  natürlichsten  wohl  annehmen  müfien ,  aus  dem  Lateinischen.  Eben  so 
wenig  wie  eine  frühere  Darstellung  der  Geschichte  vom  Guten  Gerhard  be- 
kannt ist,  eben  so  wenig  hat  bisher  Jemand  eine  spätere  Dichtung  ähnlichen 
Inhaltes  nachgewiesen,  und  doch  glaube  ich  hat  es  solche  gegeben  und  man 
wird  sie  finden.  Den  Hauptinhalt  der  Geschichte  des  Guten  Gerhard  können 
wir  kurz  dahin  bestimmen ,  daß  ein  Kaufmann  eine  Königstochter  aas  der 
Sklaverei  loskauft  und,  obwohl  er  sie  seinem  Sohne  zur  Gattin  zugedacht 
hat,  doch  ihrem  früheren  Bräutigame,  als  dieser  erscheint,  großmüthig 
überlässt.  Daß  nun  eine  Geschichte  ähnlichen  Inhalts  in  französischer  Sprache 
im  17.  Jahrhunderte  bekannt  gewesen  ist,  schließe  ich  aus  einer  dramatischen 
Darstellung,  die  im  Jahre  1690  von  den  Schülern  des  Gynmasiums  zu  Weimar 
aufgeführt  wurde.  Das  Stück  selbst  ist  nicht  erhalten,  wohl  aber  dieEin- 
ladungsschrifb  des  Rector  Großgebauer  ^)  dazu ,  welche  den  kurzen  Inhalt 
desselben  nebst  dem  Personenverzeichniss  gibt.  Dieses  Programm  fahrt  den 
Titel  'Der  wunderlich  beglückte  Manfredo ,  als  der  Durchlauchtigste  Fürst 
und  Herr,  Herr  Wilhelm  Ernst,  Herzog  zu  Sachsen  etc den  19.  Ok- 
tober 1690  zum  29**"  mahl  seinen  frohen  Geburts-Tag erlebete,  zur 

Bezeugung  der  daraus  geschöpften  Freude  in  ein  geringes  Lustspiel  verfasset 
und  nebst  herzinniglichem  Wunsch  zu  Gott ,  daß  der  durchlauchtigste  Be- 
gierende Landes- Vater  biß  in  das  späte  Alterthum  dieses  verliehene  Ge- 
burts-Licht in  vollem  Segen,  guter  Gesundheit  und  allem  Hoch-Fürstl 
Selbst- Vergnügen  femer  sehen  möge.  Durch  die  in  dem  gepriesenen  Weimar 

studierende  Schul-Jugend  unterthänigst  vorgestellet,    worzu  Alle 

invitiret  werden  von  Philipp  Großgebauern ,  Rect.  Vimar'  Weimar,  Fol 
Nach  der  Inhaltsangabe,  die  ich  etwas  abkürze,  war  die  dem  Stück  zn  Grunde 
liegende  Geschichte  folgende :  Der  edle  Römer  Manfredo  liebt  Sophronisken, 
die  Tochter  eines  afrikanischen  Fürsten  Cassander,  an  dessen  Hofe  er  weilt. 
Da  aber  der  Vater  die  Tochter  dem  Fürsten  von  Cairo,  Jessied  Califfa,  be- 


^)  Mehr  über  Großgebaner  und  seine  dramatischen  Actos  findet  man  in  der  interessanten, 
dem  Weimarischen  Gymnasialprogramm,  Ostern  1858,  Toranstehenden  Abhandlang  Heiland 
'Über  die  dramatischen  Aofführnngen  im  Gymnasinm  in  Weimar.'  Der  Verf.  erwähnt  wob 
den  Kanfiredo,  jedoch  ohne  an  die  Ähnlichkeit  mit  dem  guten  Gerhard  sa  erionem. 


DIE  DANKBAREN  TODTEN  UND  DER  GUTE  OEBHABD.      209 

stimmt  haty  fliehen  die  Liebenden.  Unterwegs  werden  sie  von  Räubern 
überfallen  und  gefangen.  Sophroniska  wird  mit  ihrer  Dienerin  an  einen 
französischen  Raufmann  Floridan  verkauft  und  nach  Frankreich  gebracht, 
Manfred  aber  wird  mit  seinem  Diener  an  den  CapitschiAga  nach  Philadelphia 
verhandelt.  Manfred  flieht,  wird  aber  von  Neuem  von  Seeräubern  gefangen 
und  nach  Ephesus  gebracht  Dort  kauft  ihn  Jean  pier,  jenes  "Kaufmanns 
Sohn.  Sophroniska  hatte  inzwischen  dem  alten  Kaufmanne  so  gefallen  daß 
er  sie  an  Kindestatt  annahm  und  seinem  Sohn  zu  verehelichen  dachte,  wess- 
halb  er  ihn  nach  Hause  zurück  rief.  'Jean  pier  eilte  mit  seinem  erkauften 
Sklaven  wider  gen  Frankreich.  Aber  siehe,  da  Jean  pier  mit  seinem  Diener, 
dem  Manfredo ,  zu  den  Seinigen  gelangte ,  erblicket  die  Sophroniska  ihren 
Manfredum,  wiewohl  in  knechtischer  Gestalt;  und  sinket  durch  jählinge  Ver- 
änderung und  Bewegung  des  Gemüths  fast  ohnmächtig  ^ur  Erden  nieder, 
wird  aber  von  Manfredo  von  dem  Fall  erhalten.  Der  Raufmann  und  alle 
Umstehenden  Solches  sehend  verwundern  sich  über  diese  Begebenheit  sehr, 
and  nachdem  er  von  beider  Zustand  benachrichtigt  worden,  macht  er  sie  akrht 
allein  beiderseits  frei,. sondern  verspricht  ihnen  auch  eine  Hochzeit  auszu- 
richten? Dieß  ist  die  Geschichte,  deren  Ähnlichkeit  mit  der  vom  Guten 
Gerhard  nicht  zn  verkennen  ist.  Vielleicht  kann  ein  Leser  der  Germania 
die  Quelle,  aus  der  Groftgebauer  schöpfte,  uns  nachweisen. 

Schließlich  erwähne  , ich  noch,  daß  Freudenberg  in  einer  Anzeige  des 
Simrock'schen  Buches  in  den  Jahrbüchern  des  Vereins  von  Alterthumsfreun- 
den  im  Rheinlande  XXV,  S.  172  mit  Recht  an  eine  Stelle  in  Gicero*s  Schrift 
de  divinatione  (I,  27)  erinnert.  ^Quidf  iUa  duo  samnia^  qwB  creberrime 
cammemorantur  a  Staici»,  quis  tandem  potest  contemnere?  unum  de  Simo- 
nute:  qm  cum  ignotam  quendam  projectum  mortuum  vidisset  eumque  hu- 
mavisset  haheretque  in  ardmo  navem  conacendere^  moneri  visus  est,  ne  id 
fcuierety  ob  eo  quem  septdtura  affeceraJt;  si  naviffoeset,  eum  naufragio  esse 
perüurum:  itaque  Simamdem  redisse,  perisse  ceteros,  qui  tumnavigasserd^ 
Daß  im  classischen  Alterthum  die  Bestattung  der  Todten  für  heilige  Pflicht 
galt,  ist  bekannt  genug  (vgl.  C.  F.  Hermann  Lehrbuch  der  griechischen  Prlvat- 
alterthümer  f.  40,  5),  und  Simrock  bemerkt  selbst  in  der  Vorrede  (S.  X), 
daß  die  von  ihm  behandelte  Sage  'den  besten  Commentar  bilde  zu  den  be- 
kannten Horazischen  Zeilen :  At  tu,  ncnäa,  vagas  ne  parce  nialignus  arencB  etc^  . 
Die  Erzählung  bei  Cicero  ist  aber  dadurch  ganz  besonders  interessant,  daß 
nach  ihr  der  Geist  des  bestatteten  Todten  —  wie  in  unseren  Sagen  —  seine 
Dankbarkeit  durch  Rettung  seines  Wofalthäters  aus  drohender  Gefahr  bethätigt 

WEQCAB,  Apiil  1868*  BEC^HOLD  KÖHLER. 


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210  TWOPOR  VEBJ141JERE1} 


DER   WEINSCHWEIG. 


Von  jeher  hat  die  Dichtkunst  nicht..bioß  die  Liebe  sondern  auch  den 
Wein  und  Gesang  gepriesen.  Was  Göthe  -im  Götz  den  Bruder  Martin  sagen 
lässt,  „daß  der  Wein  erfrene  des  Menschen  Herz^  ^  das  hat  der  Psalmist 
(104,  15)  schon  ausgesprochen:  „Der  Wein  erquickt  dem  Menschen  das 
Leben,  so  mau  ihn  mäßiglich  trinket"  (Sirach  32,  32). 

Unsere  frühere  Minnepoesie  hat  fast  gar  keine  Weinlieder,  in  der 
spätem  Volksdichtung  (15.  und  16.  Jahrhundert)  spielen  sie  eine  größere 
RoUe(s.Wackern.'Xeseb.  1,968.  2,130  flF.).  Der  Weinsehwelg,  dasSelbst- 
gespräch  eines  Alieinzechers  vor  seiner  Kanne,  stammt  aus  der  zweiten 
Hälfte  des  13.  Jahrhunderts;  er  muß  gedichtet  sein  nach  1260,  wo  die  hohe 
Schule  zu  Treviso  (s.  Vers  300)  gestiftet  worden.  Dieses  Gedieht,  in  dem 
wir  eine  scherzhafte  Ironie  auf  das  einsame  Trinken  erkennen ,  gehört  also 
jener  Zeit  an,  da  der  Minnegesang  anfieng  zu  verwildern  (vgK  Gervinus  Gesch. 
der  d.  Dichtung  1,  320;  2,  275).  Ein  viel  schwächeres  Seitenstück  ist  der 
Weinschlund  (von  Pfeiffer  herausg.  in  Haupts  Zeitschrift  7,  406).  Der 
Weinschwelg  ist  gedruckt  in  Grimms  altd.  Wäldern  3,  13  ff.;  derselbe  Text 
in  W..  Wack.  Les.  1,  675—586;  darnach- auch  in  Hahns  mhd.  Lesebuch. 
Jeder  dieser  Texte  hat  414  Verse. 

Über  den  vorliegenden  neuen  Text  ist  folgendes  zu  bemerken: 

1)  Der  Text  ist  von  K.  A.  H^^hn  upd  mir  aufs  ^e^^  mit  der  B^-  vfer- 
gUchen,  und  es  haben  §ich  nicht  bloß  Verbesseruugep  ergQbaP.,  ^outo 
das  Gedicht  erscheint  hier  auch  vollständig,  indejp  die  Vfirs^  ?82  uud 
283  in  den  bisherigen  Prucken  fehlten,  .     . 

2)  Hahn  hinterließ  eine  Copie  der  Hs.  und  einen  von  ihm  geschriebenen 
Text.  Er  hatte  im  Sinne ,  Erläuterungen  beizufüge^ ,  allein  er  starb 
ohne  sein  Vorhaben  ausgeführt  zu  haben.  Bloß  in  dem  Handexemplar 
seines  mhd.  Lesebuches  fan4  ich  einzelne  Anm'erkungen,  Eine  Arbiit 
über  deutsche  ]^ecbtscbreibung  hatte  in  den  letzten  vier  Monaten  sein« 
ganze  ThSftJgkeit  in  Anspruch  genommen. 

Durch  die  von  mir  gegebenen  Erläuterungen  hoffe  ich  manchem  Leser 
zu  nützen.  .  •• 

WIEN.  THEODOR  VERNALEKEN. 


DBR  WEINfiCHWELO.  211 

Swas  ich  trinken«  hftn  gesehen,  ich  weig  wol,  dag  du  guot  bist, 

dag  ist  gar  tod  kinden  geschehen,  16.  die  wile  din  in  däm  yagge  iht  ist, 
ich  h4n  einen  twfileh  gesehen,  sd  wil  ich  büwen  dise  banc.** 

4.  äSm  wtl  idi  meistenehefte  j€hen :  D6  huob  €r  üf  unde  tranc 

.    den  dühten  becher  gar  enwiht,  einen  trunc  ron  zweinzec  slünden. 

dr  wolde  nftpfe  noch  kophe  niht,  *  20.  ßr  sprach  nDu  wil  ich  künden, 
9r  trano  ig  grögen  kanaep.  wag  tugent  du  hast,  ril  lieber  win. 

8.  Sr  ist  Tor  allen  mannen  wie  mOhtestu  tugenthafter  sin  ? 

ein  Torionf  allen  swelhen.  .  du  h&st  schoene  unt  gr6ge  güete, 

Ton  üren  nnt  Ton  Slhen     '  24.  du  gist  uns  hdhgemüete, 
wart  solher  slOnd  nie  niht  getAn.  du  machest  küene  d6n  zagen. 

12.  eg  BIMS  alle  eit-vor  im  stAa  swär  din  wafen  wil  tragen,    - 

ehi  grdge  kaael  trines  vol.  d^  wirt  wise  unde  karc, 

^  sprach  „vAa,  ich  erkenn  dich  wol,  28.  €r  wirt  snäl  unde  starc. 


Vm  1--4  k&h^m  ghUke  Bwrns.    Dasselbe  trefen  wir  Vers  315-- 318. 

1.  swag  miU  dem  OenUw  des  als  neutrales  Subst.  gebrauehten  Mfinitivs  {vergh  Vers 
Ul,  217,  £46).  Diesen  Gss^  nach  sirag  (wag)  finden  wir  auch  W.  Waek  Les,  1,  167. 
19.  414,  1.  Ruodolf  Barlaam  u.  Jos,  U ,  40.  43.  12;  TT.  Waek.  Les.  355,  1: 
sirag  dd  scheHennes  ergie. 

2.  Das  ist  nur  ein  Kinderspiel  gewesen.    Hs.  dag  ist. 

3.  swSlch  St.  m.  SehUteker,  voi^  einem  st.  V.  swSlhen ,  sehluehen,  hn  ahd.  findet  man 
svSlgo ,  swSlko  sehw:  m.  und  sweigari ,  swi^lcari  st.  m.  Oraf  6 ,  876.  nhd.  der 
Schwelget. 

4.  j6hen  st.  V.  sagen^  mit  dem  DcUiv  der  Person  und  Oenit,  der  Sache :  einem  etwas 
nachsagen,  zugestehen. 

b.  enwihl  für  neviht'nAi.  nichts,  enwiht  une  ahd,  niwiht  nur  in  positiven  Sätien  ge^ 
braucht^  es  enthält  in  sieh  selbst  den  verneinenden  Begriff  (ni).*     Vgl.  Qr.  Or.  3,  65. 

6.  A.  nspfiB.  napf  st.  m.  Trinkschale,  mu  nipfen,  nippin.  koph  st.  m.  ru/ndgeformtet 
Becher ,  mlat.  coppa ,  euppa;  nhd.  Köpf,  oberer  TheU  einer  Tasse,  Ben,  mhd. 
Wfrtb.  860. 

9.  ▼orionf/ür  Yorlonfe  sehw.  m.  Vorläufer.  Der  Dativ  allen  BwSlhen  (in  der  Es.  aller 
Bwelhen)  bei  dem  verbalen  SubstcMtiv  rorionfe  wird  Gr.  Gr.  4,  746  besprochen. 

10.  ftr,  St.  m.  tre  sehw.  m,  Auerochse.  Hs.  owem.  81ch  st»  «n.  auch  61be,  sehw.  m.  Elen» 
mer.     Vgl.  Ben.  »iM.  Wprtb.  1,  428. 

11.  slimt  St.  m.  1.  Schlund^  2.  Schluck. 

13.  kanel.    Oben  V.  7  kannen  im  Reim  auf  mannen.     Eine  andere  Form,  die  auch 

wohl  nur  ausser  Reim  vorkommt,  ist  kandel;  vgl  Ben.  mhd.  Wärt.  1,  786. 
1$.  Bs.  die  wile  din  indem  vagge  iht  ist. 

17.  bthren,  bauen.  Mit  den  Accus,  auch  in  der  Bedeutung:  »um  Aufenthalte  nehmen^ 
inne  haben;  s.  Ben.  mhd.  W.  1,  288. 

18.  ^  diesem  wiederkehrenden  Verse  hat  die  Hs,  immer  ont. 
13.  Bs.  einen  tnmch. 

26.  w4fen  st,  n.  Wage  tmtf  ^Wappen  {Banner), 

27.  karc  (J3r.  charch)  adj,  klug,  schlau.^  Im  mhd.  mit  listig  oder  mit  witstig  häufig  eu" 
samnengestellt.  Später  in  dem  Sinne:  schlau  mu  Eigennute  (nicht  freigebig)  und  so 
gleichbedeutig  mit  arg.  In  J.  Melbers  „vocabul.  predicantium" ,  gedr.  c.  1470—80 
ist  eaüidus  mit  arglistig  übertragen,  parcus  in  malo  mit  ein  Jkarger,  härter  als  ein 
stein" rin  bono  parcus  mit  ein  „sparhaftigery  qui  prudens  est  et  non  una  die  omnia 
consumens^.  In  Pf,  Myst  1,81:  karge  lüte,  di  widersprechen  etc. 

J4» 


212  THEODOR  YERNALEKEN 

er  fOrhtet  niemannes  drd.  pfelle,  samit  und  scharlat, 

du  machest  die  trürigen  rrö,  48.  swag  gezierde  disiu  wSrli  hat, 

du  g^st  d€m  alten  jungen  niuot,  die  nsem  ich  niht  für  dSn  win. 

32.  du  riebest  den  armen  ane  guot,  in  hat  in  dorn  harzen  min 

du  machest  die  liute  wol  gevar,  Minne  alsd  behdset, 

du  bist  euch  salbe  schoBne  gar,  52.  yersigelt  unt  yerklüset, 

du  bist  lüter  unde'blanc.**  wir  mugen  uns  niht  gescheiden. 

36.       Dö  huob  ör  üf  unde  tranc  sw€r  mir  in  "Wolde  leiden, 

einen  trunc,  d@r  für  die  andern  gie.  dör  mües  immer  haben  minen  ha;. 

är  sprach  „war  umbe  oder  wie  56.  är  kürzet  mir  die  wiie  ba; 

solde  ich  d€n  ^n  yermiden  ?  denne  sagen,  singen,  Seiten  Uadc/ 

40.  ich  mac  in  wol  erliden,  D6  huob  €r  üf  unde  traue 

Sit  är  allen  minen  willen  tuet.  einen  trunc  noch  groBger  dame  e. 

ör  dunket  mich  beiger  denne  guot,  60.  ör  sprach  „gras,  bluomen  imde  kle 

ich  geniete  mich  sin  nimmer.  und  aller  krute  meisterschaft, 

44.  ich  wil  in  loben  immer  die  würze  unt  aller  steine  kraft, 

für  buhurdieren  und  für  tanz.  dör  walt  und  elliu  rogelin, 

krdne,  tschapel  unde  kränz,  64.  die  möhten  (Ün,  yil  lieber  win, 


33.   gsTar«  d,  •'.  austehend. 

36.  lüter,  hsll,  rein,    blanc,  glänssend,  weiss, 

37.  der  die  cmdem  übertraf, 

40.  Erleiden,  in  derselben  Bedeutung  noeh  im. {demcmn*  "srlide",  Der  Wein  tdiodti 
mir  niehtf  ich  kann  iJm  vertragen. 

42.  Besser  als  gut,  eine  im  mhd^  beliebte  Art  den  Begrif  su  steigern.  Vgl  su  Sintis 
kl  &ed.  n,  5.  (ed,  Bahn), 

43.  genieten,  sehw,  verb.  reß.  mit  Genitiv:  1.  sieh  eifrig  beßeissen,  sieh  erfreut 
2.  genug  haben,  überdrüssig  au/geben.  Ich  werde  nie  von  ihm  ersättigt.  Über  «neb 
nieten**  s.  Or,  Gr,  4,  663.     Iwein  5642. 

45.  bnhordieren,  Inf,  ßtr  das  Subst,  bnhurt:  Kampf  spiel  in  Scharen,  ein  ritterUchss 
Schauspiel, 

46.  Oewd'hnlieh  schapel,  in  der  Hs,  tschapel  st,  n.  Blumanbinde, 

47.  Hs,  pfelle.  Samit  un  Scharlat.  pfelle  st,  m»  nach  Lachmann  Äusw.  289  «t»<  ^^ 
Seidenzeug,  dagegen  bei  Wack,  Wort,  QCCQXSIV  als  feines  Baumwollenseug  W* 
gefuhrt,  Wtinhold  „deut,  Frauen  des  Mittelalters^  sagt':  der  verbreitetste  Seide»- 
Stoff  hiess  Pfellel  {Pfeiler,  Pfelle,  fr»,  paile),  ScharlAt,  st,  n,  feines ,  hochroth  ge- 
färbtes Wollengeug,  mlat.  searlatum, 

61.   behüsen,  sehw,  v,  einheimisch  machen, 

h2.   Mit  einem  Siegel  verwart  und  in  eine  Klause  gesperrt»  in  VersehlusM  gebracht, 

64.    leiden,  unlieb  machen,  verleiden,    Ben,  mhd.  Wärt,  1,  983. 

56.    "^le,  Weile,  Zeit,     Vgl  zuweilen,  alleweil,  dieweil  (so  lange). 

67.    sagen,  subst,  Inf,  das  vorlesen  oder  verfassen  epischer  Gedichte,     Über  singen  wti 

sagen  vgl  Waek,  Littgeseh.  117.  145.     Laehm,  akad.  Vortr,  1833. 
69.    Waekem,  dann,  d  selten  ör,  goth,  air,  noch  im  nieder d.  eier  d,  h,  ehe,  früher,  vordem. 

61.  meisterachaft,  st.f.  Vorzüglichkeit,  Bedeutsamkeit',  krtt  st,  n,  KrcMt ,  m»  «*<*••* 
der  Hs.  wie  auch  noch  im  alemann,  ch  st,  k. 

62.  würz  st,  f  Wurzel,  Kraut,    kraft  st,f,  Wirksamkeit, 

63.  TOgelin/ör  die  volle  Schreibart  vogellin.     Gr,  Gr,  3,  671. 

64«.  66.  Die  könnten  deiner  nicht  vergessen  machen.     Via  Hs,  hat  ergetzen  (C  h.  vifff^^^ 


DER  "WKCKSCHWELG.  213 

die  liote  nihi  ergetzen.  är  hat  mich  dds  betwungen, 

si  mOhten  dich  nibt  ersetzen  dag  ich  ie  tot  swag  är  mir  geb6t. 

mit  allem  d€m,  das  si  kunnen.  84.  dar  win  ist  guot  für  manege  not. 

68.  ich  wil  dir  gärne  gunnen,  künde  &t  niht  wan  fröude  gäben, 

das  ^^  ^i^  kürzest  die  zit.  diu  wärlt  sold  immer  gein  im  streben : 

swas  jfrttuden  mir  diu  wärlt  git,  sin  frOude  ist  vor  allen  dingen. 

diu  kumt  ril  gar  Ton  diner  tngent.  88.  ich  wil  nach  fröuden  ringen, 

72.  «£n  iop  hat  inuner  jugent,  sit  mir  dar  win  fröude  git. 

dan  wärdekheit  wirt  nimmer  kranc.**  nu  wil  ich  ringen  unz  an  die  zit, 

Dd  huob  är  üf  unde  trano  dag  är  mir  sd  vil  firöuden  gäbe, 

einen  trunc  also  staro,  92.  dag  ich  mit  firöuden  immer  lebe. 

76.  und  solde  är  eine  halbe  marc  wie  kan  ich  denne  verdarben  ? 

ze  16ne  d&  mit  verdienet  hän,  ich  wil  nach  fröuden  warben  : 

am  dörfte  niht  beggers  han  getan.  das  habe  min  lip  inmier  danc!" 

[är  sprach]  „beidiu  ich  unt  dar  win  96.       Dö  huob  er  üf  unde  tranc, 

80.  müegen  immer  ensamt  sin:  dag  man  nie  solhes  niht  yernam. 

mir  ist  an  im  gelungen ;  är  sprach  „dar  herzöge  Tram 


machen ,  einen  fikr  etwas  enttehädigen,  nhd,  »u  y^ergötzen"  geworden.  Mit  dem 
Aeeui,  der  Perton  (<^B  Mute),  Ben.  mhd,  Wort.  1.  544.  Statt:  Beileid  bezeugen 
$agt  man  in  Zürich :  dae  Leid  ergetzen. 

Im  „  Wdnechlund*'  {Haupt  Zeittehr,  7>  408)  heißet  ee  : 
Sweone  Ich  sihe  bringen  dA  für  sih  ich  den  win  komen. 

in  wigem  becher  gnoten  win,  swenn  ich  den  becher  hAn  genomen 

dag  nim  ich  für  des  meien  schin  unt  er  mir  üf  der  hant  stöt 

und  für  der  Togelin  gesanc.  unt  der  win  sprangende  gdt, 

sagen,  singen,  seitenklanc,  sd  lob  ich  in  4ne  lösen 

für  die  liljen  unt  die  rösen. 
67.  »«68.  Bei  Waek.  577  .*  künnen  —  günnen,  die  Se,  hat  chunnen  —  gunnen. 
70.  fröuden  ete.    Wach  hat  fröude.     Die  He.  frouden;  man  hätte  dann  erwartet:  die 
koment;  allein  nach  abstrakten  Substant.  im  Plur.  kommt  es  öfters  vor,  dats  das 
demonstr,  Pron.  mit  seinem  Verb  in  dem  Sing,  steht,  #.  B.  Nibel.  2269,  3:  swag  ich 
freuden  h6te>  diu  liget  von  iu  erslagen.     Vgl,  Ben,  mhd^  Wörtb,  1,  315. 

72.  Du  wirst  immerfort  von  nettem  gelobt  werden. 

73.  krano  worden,  geschwächt  werden,  abnehmen,  wördekheit ,  statt  kh  in  der  i7#.  ch ; 
Waek,  werdekeit 

81.  mir  —  gelungen:  bei  ihm  ist  mir*s  woJU  ergemgen, 
83.    Wach:  deich.    Die  Hs.  dag  ich. 

85.  wan,  {nichts)  als,  ausser, 

86.  gein  {gegen  ihn),  nach  ihm  trachten. 
90.   unz,  bis,  so  lange. 

95.  dSs  etc.  Dc/ür  möge  man  mir  ewig  danken.  Vgl.  F.  160:  man  sol  mir  danken 
R^re.  Vgl,  Ben.  mhd,  Wörtb.  1,  353  „er  habe  danc*'.  Diese  Redensart  bedeutet 
nie  „er  leiste  Dank*',  sondern  immer  „er  empfange  Dank*",  und  entspricht  den  heutigen 
Ausdrücken:  loben  will  ich  den,  wohl  sei  ihm!  mir  schon  recht!  «.  dergl. 

98.  Tram.  Es  ist  nicht  leicht  zu  entscheiden,  ob  der  Name  so  zu  lesen  sei  oder,  wie 
Grimm  und  Wack.  haben,  Ytam.  Die  erstere  der  beiden  Formen  wird  übrigens 
durch  andere  Zeugnisse  beglaubigt.   Vgl.  Grimm  deut.  Heldensage  S.  160,  TT.  Wack. 


214  THEODOR  YBBNALEKEN 

dgr  was  gar  ane  wisheii,  du  bist  meister  det  mime, 

100.  dag  är  einem  wisent  nach  reit,  120.  du  liebest  mir  die  minnet 

gr  und  sin  Jäger  Nordian.  du  machest  stete  manegen  kouf, 

si  seiden  den  win  gejagt  han;  du  machest  manegen  vettelouf, 

so  waem  si  wise  als  ich  pin  du  machest  maneger  hande  spil, 

104.  mir  ist  ril  samfter  denne  in:  124.  mit  fröuden  kurzewüe  yih 

ich  kan  jagen  unde,  rahen,  diu  w^lt  ist  gar  mit  dir  erhaben, 

mich  enmüedet  niht  min  gahen,  du  kanst  die  durstigen  laben, 

ich  jage  dän  tII  lieben  win.  du  machest  die  sieehen  gesunt. 

108.  d€s  Jäger  wil  ich  immer  sin,  128.  sit  du  mir  erst  würde  kbnt, 

^r  hat  mir  ie  sd  wol  getan.  s6  bin  dir  gew^en  bi« 

swas  ich  sin  her  getrunken  han  swie  vil  diner  diener  si, 

und  swag  ich  sin  noch  immer  tac  d^^mich  doch  nietnen  Von  dir  draoc." 

112.  in  minen  lip  geswelhen  mac,  132.      Dd  huob  er  üf  unde  träne, 

dag  ist  wan  ein  aneyanc.**  dag  die  slünde  Inte  erklungen 

Air  est  huob  €r  unde  tranc  und  einander  drangen. 

yil  manegen  ungefüegen  slunt.  da  wart  von  starken  sltioden 

116.  [er  sprach],,  win,  mir  ist  diu  tugentkunt,    136.  ein  stürm,  dag  dän  ünden 

ich  erkenne  wol  dine  kraft,  diu  drogge  wart  ze  enge, 

din  kunst  unt  dine  meisterschaft. .       .  dag  sich  von  dem  wacgedrenge 


Wörtb.  versteht  tmter  Ytam  einen  ntffMhaßen  Herrn  t.  Brcmdenbwrp ,  $cMt  Iwn. 

Die  He.  hat  Tram. 
100.    Wisent,  et.  m.  Büffel. 
102.«  Hs,  solden  den.      Wach,  hat:  si  soMenn  ^nn. 

109.  ie,  immer. 

110.  h6r,  bisher,  bis  jetjtt,  trinken  mit  dem  Oenit.  partit,,  wie  Waek.  Les.  362,  20:  er 
tranc  eines  wagers ,  van  dem  Wasser. 

111.  immer  tac,  verstärktes  immer;  imm^r  im  Leben, 

113.  wsai  für  niht  yr&Uf  niehts  alSs  nur. 

114.  alrest,  für  aller  ^rsU  jetzt  erst. 

115.  ungefüege,  ungehörig,  unverhüUnissmässig,  derb  (wi0früh0r  nie). 
119«    Du  lenkst  die  Gedanken.  ' 

120.  lieben  transitiv:  lieb  machen  (Or.  Ot.  4, 685)  wie  bei  Walth.  52, 16  liebet lair di« ut 
Es  ist  das  ahd.  liubjan,  eommendare  (Oraff  2,  58). 

121.  staete  machen,  bestätigen,  fest  machen.  Das  Adj.  ist  hier  prädikativ.  In  den  bei- 
den folgenden  Versen  «{«Ar  machen  selbständig  und  heisst  veranlassen.  BeiKäufeti, 
namentlich  Versteigerungen  wird  noch  jetzt  in  der  Schweiz  Wein  geschenkt,  wn  dM 
Käufer  zu  ermmitem,     S,  cmeh  Strickers  Amis  V.  2136. 

123.    hande,  mancher  Art;  noch  im  nhd.  „allerhand^  (allerlei), 

125.    erheben  st.  v.  verherrlichen  oder  auch  fördern.     Vgl.  Graf  4,  818.  819. 

134.    Die  Es.  ane  ander.     Wach  nnde  einander. 

136.  Die  Es.  ein  stürme  da^  von  den  unden.      Waek.  dag  den. 

137.  Waek.:  diu  droge.  JVacÄ  Ben.  mhd.  Wort.  1.  398  der  Schlund.  Es  verdient  an- 
gemerkt zu  werden,  dass  das  niederd.  (westf.)  Wort  j,DruseV^  Strassewrinne  bedeutet, 
eine  Vertiefung,  damit  an  beiden  Seiten  das  Wasser  ablaufen  kann.  Dagiff^ 
Schlund,  KehU  heisst  im  westf,  j,Struote.'' 

138.  wicgedienge  st.  v.  das  Zuscmm^ndringen  des  bewegten  Wamrs,    wAc,  nhd*  Wog«- 


DER  WEINSCBWELG.  215 

din  ffiuse  beilüde  wfnren,  dSr  bringe  mir  gUdtolk  MtfgAAo." 

140.  blddehi  uode  kör^n  Dd  hadb  üt  üf  «nde  tratic 

ab  «in  windetpriit  if  d^m  mere.  als  6r  nimmer  wolde  erwindeil. 

da  ivart  mit  bvtteGliober  wer«  156.  är  sprach  mW&  sol  man  Tinddd, 

▼ersuod^i  maaages  slnndes  kraft.  swenne  ich  erstirbe,  einen  man, 

144.  §r  sprAeh  »»da^  ist  ein  meisterscfaafb,  dar  trinke  als  loh  tri  Aken  kan? 

dbs  iob  Boeh  niht  getrunken  hin.  min  habent  alle  trinknr  dte. 

nun  kimsi  ist  also  getan,  160«  man  sol  mir  danken  sdre, 

^  ich  midi  nibt  Tergäbe  dag;  loh  ir  iSben  sd  ziere. 

148.  und  6s  müeseelicbe  ane  Vahe  d4$r  besten  ttiAkttr  Tiere 

durch  das  '^^b.  i^  la^ge  triben  wil.  die  yolgen  mir  einen  tae. 

ich  iSbe  ^^10  ede  tu»  164.  ich  kan  wol  trinken  unde  mac, 

mtt  Wirt  triokene  nimmer  bao^.  idi  hAn  kunst  unde  kraft« 

152.  habe  iemen  einen  riligeb  Aiog,  js&h  hätae  ist  sd  tngentbaft, 

138.  gösse,  tt^/.  auch  St.  ».  Überiehwwmmmg»  WaMerschiwüL  sich  werren  «I«  it.  ikh 
verwimn,  ins  Stocken  gerathsn. 

140.  blddem  sehw,  v.  rauschen.    Vgl.  V.  229.     kerren,  st,  v,  sehreitn,  hrsisehen, 

141.  windesprut  st./.  Wirbelwind,  Orkan;  eig,  die  Braut  des  Windes,  vgl.  Or,  Myth.  598. 
tiaupt  Zeitschr.  6,  290. 

142..  htirteclich,  adj,  anstürmend,  oMtÜtMend,  heftig.  *  were,  Vertheidigung,  die  Wehr. 

147.  TergAhe,  übereile. 

148.  J^  Htts$4:  teaigsam  at^aHige, 

149.  durdi  das*  f»^nl. 

151.  beot.  Ben.  mhd.  Wiftterb.  261  utUerschiid9i  htöt  (Subit.  «lal««?)  v6n  huitt^  {Subst. 
fem.).  Chimm  (Gr.  4,  245)  erklärt  diese  den  Genit.  regierende  Impi^s&nalf^rm  mir 
ihft  bUos  mit:  ich  werde  von  etvfos  frei^  k&ihme  davon  los ,  ohne  an  i!rsatjsleistnng 
dafür  zu  denken.  So  auch  in  Poir».  12,  24:  doch  wart  im  selten  kambers  buos. 
Ani;tte  Belegstellen  bei  Grimm  4,  245^  und  im  mhd.  Wlfrierb.  1,  281.  282.  Merk- 
wÜHräij^  ist  wenigstens,  dass  wewi  buog  iMr  vine  Verkürtung  des  it.  f.  bao^d  ist,  in 
Sies^  JUdensaft  nie  die  vollere  Formg^äueht  wetdin  ist,  und  dass  schon  die  ahd. 
Sp¥aeh0  H  diesem  Falle  buog  gebraueht.  Ähnliehe  Äusdrüdke  sind :  mir  Wirt  rAt 
{hseM),  mir  Hirt  emesti  som  eie.  Im  nhd.  noch  »4igt  sith  das  Schwanken  der  Sub- 
stantiven Bedeutung  in  die  adjektivische,  e.  B.  mir  ist  es  ernst  damit. 

152.  einen  ringen  fnog  h&n,  d.  i.  leiehtfüssig  sein.  Das  mhd,  adj.  ringe,  leicht  (an  Ge» 
itfieht)  hört  mttn  noeh  im  alemannitehen,  z.  B.  *s  dfösthe  gat  nit  fing;  wmh*s  Gras 
ncus  ist,  gat*s  mähe  ringet  {leichter). 

153.  aaeganc  #1.  m.  die  Begegnung;  das  Vorzeichen,  das  bei  Antritt  des  W^ges,  beim 
Beginn  eiSfitft  GHehäfts  entgegen  kommt,  VgU  Grimm  Mythol.  1073/.  Eä  gibt  einen 
guten  und  einen  bösen  Angang,  Der  Trinker  würde  die  Erscheinung  ein^s  leicht- 
füssigen  beim  Weine  als  gutes  Vorzeichen  nehmen;  ein  lahmer  wäre  ihm  Von  böser 
Vorbedeutung  geweS^, 

155.  als,  als  ob,  mit  folg.  Conjunttiv.  erwinden,  ahd.  erwind^n,  zurückwenden,  umwen- 
den, hier:  aufhören, 

159.   trink«r.  Es.  trinchaer,  bei  Wack.  trinker. 

163.  Vier  der  besten  Trinker  fordere  ich  auf,  mir  einen  einzigen  Tag  ei  nachzuthun. 
Die  Es.  hat  volgent,  was  einen  weniger  pctssenden  Sinn  §ibt, 

194.  ich  k&ti  —  ich  mac  d,  h.  ich  verstehe  —  Hfh  bin  im  Stände ;  d&m  festem  iHUSpricht  im 
folgenden  Verse  ich  h&n  kunst,  dem  leztem  ich  hän  kraft. 

166.  M  Jh.  hat  ttgptäiil^. 


216  THEODOR  VEBNALEKEK 

daeg  m  trinken  nie  gehanc.  einen  trone,  dör  gr^se  glcte'tnioe. 

1 68.      Dd  huob  €r  üf  unde  tranc  är  sprach  „ditt  howe  und  dSr  pfluoc 

einen  trunc,  d€r  die  andern  übersteic.  die  müesen  immer  ledic  sin, 

d6  stuont  arm  üf  unde  neic;  188.  wessen  die  gebüren,  da^  der  win 
er  sprach  »win,  dir  si  genigen!  so  maneger  eren  wielte, 

1 72.  ich  trou  mit  dir  wol  gesigen,  und  s6  manie  lob  behielte, 

die  i^le  du  bist  min  nahgebür:  erkanten  si  rehte  sine  tugent, 

mir  enschadet  der  schime  noch  d£r  192.  si  vertriben  ir  alter  unt  ir  jugent 

schür,  bi  döm  wine  al  gemeine, 

ich  kan  deheiner  sorgen  pflegen,  nu  erkennent  sin  ril  kleine, 

1?6.  nur  enschadet  diu  sunne  noch  d^r  dag  hän  ich  zeinem  heile, 

r§gen ,  196.  da  von  ist  är  wolyeile, 
diu  frOude  bowet  minen  muot,  dag  machet  mir  min  laben  lanc." 

ich  ensorge  umb  er  noch  umbe  guot,  D6  huob  @r  üf  unde  tranc 

umbe  firiund  noch  umbe  mage,  ein  hunderslundigen  trunc. 

180.  ich  enurliuge  noch  enbage  200.  6r  sprach  »dag  machet  mich  junc, 
und  enruoch  wie  blög  d€r  walt  ste,  dag  ich  mine  trunke  lenge 

mir  enschadet  der  wint  noh  dar  snS,  und  den  slünden  des  yerhenge, 

dar  rife  noch  d€r  anehanc.**  dag  si  snellent  unde  grdgent 

184.      D6  huob  €r  üf  unde  tranc  204.  und  so  hurticlichen  st6gent, 


167.  Waek,  hat  dag  es ,  die  JIs,  dae?.  Diese  Form  habe  ich »  ohgUieh  sie  $cn»t  vaM 
nirgend  vorkommt,  nicht  verändern  wollen.  An  sieh  ist  sie  so  wenig  ansUfssig  o^ 
deis ;  beide  sind  verkürst  aus  dag  eg,  dag  ig»  gehanc,  von  gehinken  st,  v.  lahm  f^ 
jsurück  bleiben, 

170.  Srm,  Wack.  er.  In  der  Hs.  nieht  sieher  ob  erm  oder  erin.  Einen  reßeanven  Datw 
bei  sUn,  üf  stän  weist  Orimn  Or,  4,  35.  943  nach. 

17 1.  genigen:  Dir  sei  mit  dieser  Verneinung  mein  Dank  bewiesen,  Conj  Präs,  Pattwi 
wie  wir  jetzt  sagen:  Dir  sei  Dank  gesagt',  dir  sei's  gelohnet,  es  sei  dir  gewogt. 
genigen  :  gesigen  ein  erweiterter  Reim;  vgl,  W.  Orimm  ,  sur  Oesehiehte  des  lUm» 
(Berl.  1852) .-  Ein  solcher  Beim  ist  dem  Doppelreim  ähnUeht  nur  dehnt  sieh  hier  dsr 
Gleichklang  in  Einem  Worte  aus  und  uKichst  gleichsam  gurüek;  andere  Beisfi«^ 
sind  :  beronbet :  getoobet,  Terkiesen  :  Terliesea,  gligende  :  fligende. 

172.  Ä.  trou:  Waek,  trtm%, 

173.  Hs,  wile,  Waek,  ^.  nihgebür  nach  der  Es,  Bier  st,  m,  dagegen  V,  310  nichgebün 
sehw,  masc,  Nachbar, 

174.  Waek,  mim.  Bs,i  mir  enschadet  der  scheime  noch  der  schower.  schime,  sehw,  m.  der. 
Sonnenstrahl,  Blitsstrahl,    schür,  st,  m,  Donnerwetter,  Begenschauer, 

177.    Es,  bowet,    Wack,  büwet. 

180.     Wack,  hat  ichn  urliug.  nrliugen  sehw,  v.  kriegen,     bägen  st,  v,  streiten, 

X81.    ruochen,  bedacht,  besorgt  sein,  kümmern,     blös,  nackt,  entblättert,  . 

183.    anehanc  st.  m.  der  Thau,  eig.  die  anhängende  Feuchtigkeit, 

185.    Güsse,  Überschwemmiung,     tragen  st.  v.  auf  sich,  an  sieh  httben,  enthaiten, 

189.  walten  st.  v»  mit  Genit,  besitzen, 

190.  behalten  st,  v,fest  halten,  behaupten. 

201.  lengen,  la/ng  machen, 

202.  verhengen,  sehw,  v,  mit  dem  Dat.  der  Fers,  und  dem  Genit,  der  Saehei-  eugebei»» 
gestatten, 

203.  sn6Uent.   So  die  Hs,  und  Wack. ,  der  übrigem  swment  vorsehlägt  {Wärterb,),  Vgl 


J 


DER  WEINSCHWELO. 


217 


4i|  di«  tief«  roll  dfo  fladen 
eiB  ttqm  habent  in  dfo  tlflndeii. 
swSr  mir  ^rtte  gtkh  dfo  win, 

208*  dds  lop  mfles  immer  aslio  sin: 
er  h4t.mich  wol  geldret; 
er  iit  sin  immer  g^ret, 
wan  mir  ie  wol  an  ime  gelanc." 

212.     D6  huob  dr  üf  unde  tranc 
einen  tmno  langen  and  sd  grds, 
dag  sin  alle  die  bedr^{, 
die  ^i  hdrten  nnde  tihen. 

216.  ar  sprach  n^i  wil  na  nilien, 
.  dag  ieh  trinkeas  wil  beginnen. 
ich  bin  wol  worden  innen, 
dag  mir  dör  win  sfieget 

220.  mid  min  Mne  grOeget: 

d&  wider  bint  ich  minen  gmog: 
win,  ich  valle  dir  ze  fhog ; 
ieh  enphienge  dich  görne,    kund 
ih,  bas; 

224.  ich  enphahe  dich  immer  &ne  hag; 
dn  enphAhest  midi,  als  tuen  ich  dich : 
der  anipfanc  ist  minnedich 
das  81  unser  beider  antfonc.'* 

228.     Dd  huob  6r  uf  unde  tranc 


einen  truno,  ddr  begnnde  plddem» 

als  das  wager  üf  dfo  Addern 

tif  alten  knmpftnfilen  tuot. 
382.  er  sprach  „dag  ist*  ein  sttesia  lluot, 

diu  waschet  mir  Ton  d6m  herzen 

unfirttud  unde  smerzen. 

er  kan  mich  leides  wol  erjeten.** 
286.  do  begunde  er  springen  unde  tWMen 

manegen  sprunc  seitsonen. 

er  sprach  «niemen  sol  dds  wsnen, 

das  ^  s^ch  ™^  geliche. 
240.  min  herce  ist  sd  yrOnden  riohe ; 

der  win ,  der  mich  d4  machet  juno, 

dem  wil  ich  springen  einen  sprunc* 

yrdliche  er  dristunt  df  sprano. 
244.      Dd  huob  er  üf  unde  tranc. 

der  trunc  wart  maneges  tränke« 
wert 

er  sprach  „ich  bin  der  trinkens  gert. 

ich  bin  ein  trinkender  man, 
248.  der  alsd  sdre  trinken  kan, 

das  ich  allen  trinkem  an  gesige 

und  allen  trinkem  obe  lige. 

ich  wart  nie  trinkens  sat, 
252.  ich  kom.noch  nie  an  die  stat. 


Cfraf  6«  847,  wo  Sr  sMIIAt  init  dem  d&utsehm  Wart  magAt  und  mii  dmn  laimn  viff9t 
glotiiert  ist.  D&r  Sinn  ist  wohl :  dost  sie  anschwellen  und  grösser  werden. 
206.   Dass  die  WeUensehläge  — . 

210.  totn  sehw.  v.  Partie,  gteet,  die  Es.  hat  geeret.     Im  Jwein  (136)  heisst  es:  mich  hit 
geltoet  min  troom:  des  Un  ieh  gfttet. 

211.  Der  Skm  scheint  mu  sein:  der   Wein  ist  von  jenem  Trinker  immer  geehrt,  wie  er 
auch  von  mir  immer  in  Ehren  gehalten  ist, 

214.  Hs.  alle  die  lirte.  Mich  bedriuset  mit  dem  Oemt. :  ich  finde  beschwerlich,  werde  müde. 
Qr.  4,  681. 

216.  nu.     in  der  Es*  mi  oder  im. 

217.  beginnen  mit  dem  Genitiv  s.  Qr.  4,  667. 
227.   Empfang. 

329.  ilöder  st.  fem.f  Qeritme  einer  MühU,  jetst  die  Fluder,  das  Oeßuder.     SchmeUer 

bair.  W.  1»  586. 
231.   kmopftnOl  für  gomp-  oder  gmnpfimta,  d.  i.  Mahlwerk  um  Wasser  hera^  eu  pumpen. 
235.   eijeten  et.  v.  von  Unkraut  reinigen;   entblössen,  befreien.     Wohl  schmerlieh  wie 

Wach,  hat:  erreten,  obgleich  in  der  Hs.  dn  eweitefr  nicht  deutlich  ist.     Vgl.  Ben. 

mhd.  Wlfrterb,  1,  538. 
237.  seltscunen. 
243.  ttant,  meU  {dreimal^. 

250.  obe  lige  mit  Dat.  die  Oberhand  über  jemand  hohen;  überwinden. 

251.  Wackem.  (•».  Hahn)  haben  hier  tonkennes  (die  Qr.  Qr,  4, 105  besprochene  Form  des 


218 


THEODOR  TEBNALEKEN 


dag  diu  iMiAc  bi^Ad«  kflK&lft. 
280.  6r  sprseb  ««ddi  nntog  lob  laöli^n, 

des  ist  K6  läehen  harte  gtt^t: 

das  krachen  fraut  mit  dön  muot. 

äg  maöhei  des  ixities  gdet«. 
284.  ich  hän  Meg  min  gemüet« 

in  den  firOuden  Wi^l  getr^oket; 

dar  in  h&n  i$h  mi<»h  geiettket. 

ich  sano  i^  i$t  der  stunde» 
288.  dag  ich  ^rste  trinken  kund« 

und  mir  Mr  ndn  sd  W«I  gerie). 

ich  weif  wol,  dHg  dehein  kiel 

in  dag  mer«  ^6  tiefe  nie  geiiiiic.* 
292.      Dd  huöh  er  M  unde  tTftn« 

einen  yl6i»olirdtigen  tmne. 

er  sprach  ^ich  pin  wotdtt  Jniio 

an  libe  unt  ane  mnote. 
296.  wol  mich'*  66  spraöh  dör  güOle, 

;dag  ich  sd  gar  ein  meister  biti 

an  trinken:  seht,  dag  heig  ich  sin. 

ich  weig  wei,  datz  ^aris, 
300»  2e  Padcuw  unt  tee  Tetvis^ 

ze  E6me  und  ze  Turban 

yindet  mtA  deheinen  man, 

ich  ^ns!  sin  meister  gewesen, 
304.  dag  mir  nie  gein  einer  resen 

(jferundiums),  wohl  dem  RytMnui  tu  luh.    Die  Ar.  bietet  hier  genau  dieselbe  Fcn^ 

(trinehens)  iioie  in  dtn  Versen:  1.  151.  217.  ^6. 
257.    erriDgen  st.  v.  erzielen,  empfanden, 
26*0.   kanel  s,  $u  Vers  13.  * 

261.  Tolgrög  adj.  gross  genug,    zeim,  Es.  ze  einem ;  so  !&62  Ss,  2ö  eineh 

262.  in  einer  Noth  d.  h.  in  eineM/ofl,  itnäufköttieh. 

263.  ffs.  in  egissen.   St  (Gr.  Gr.  3,  57)  vä^te  d.  h.  ^ur  mehtig. 
4^5.    Wach.  L.  nie,  Ä.  niht. 

267.    gimme,  Edelstein^  kostbares  Ding. 

272  f.  Er  singt  mehr  der  süssen  Töne  (Melodien)  cds  e$  ktäV^e  üil^  Art  (ilhhte)  Imd  ^ 
sänge  unter  den  Vögeln  gibt, 

276.  Horant,  der  bekannte  Sänger  und  Held  in  der  Kudrun. 

277.  Bs.  dritte  teil.  —  278.  In  der  ffs.  abtoethiBlnd  äiUh:  htiber. 
2&2u.2^  fehlen  in  allen  bisherigen  Drucken. 

2167.   ich  sanc  sö  viel  als  .*  ich  sancte  mich. 

293.   Tiersöhrötic  adj.  viereckig  zugehauen,  ungeidhiökl  pYösi  wie  ein  ^AoAerätein. 

2^5.    ffs.  nnt  ane. 

298.    das  heig  ich  sin,  das  nenne  ich  vernünftig,  das  dünkt  nAiieh  V&rtriflicK     V<gl*  i 

das  ist  gescheid.     Vgl.  Gr^  Gr.  4,  257. 
299..  datz  so  viel  als :  dA  ze. 
300.    Treviso. 
804.   tSsett  schw.f,  Balg  des  Get^eidekomi]  Sle^i^h&it, 


d4  ioh  getmnke  mir  geniiee. 

wol  der  mnetftt,  diu  niek  trüec, 

sslic  fii  si  kfiniginne, 
266.  sklic  si  diu  süegitt  minne 

und  diu  wile,  dd  si  mich  erranc." 
D6  huob  er  üf  unde  tranc 

einen  trunc,  der  wi^  swsre. 
i20O.  swie  vol  diu  kanel  waure« 

si  was  2eim  trunke  nikt  volgidg, 

wan  man  zeiner  ndt  ita  gdg: 

er  hieg  et  Vaste  in  giegen 
264«  und  li«  dag  in  sich  yliegen 

dag  da  noch  solheg  niht  gesohach. 

d4  sag  er  ntder  unde  st»rach 

«der  inn  ist  rehte  ein  gimm«. 
268.  ick  hcere  ein  tüege  Atimme 

in  minem  faoubet  singen; 

die  htnre  ich  gerne  klingen. 

eg  ist  rebt,  dag  ich  in  krame: 
272.  er  singet  mere  süeger  d«ne 

denn  aller  slahte  klingen 

and  aller  vögele  singen; 

mir  wart  solhes  nie  niht  bekant; 
276.  er  singet  sd  wol,  dag  Horant 

dag  dritte  teil  nie  sd  wol  gesane." 
Dd  huob  er  üf  unde  tranc 


DER  WEIN8CBWELG. 


219 


ir  dftheioer  moht«  g^Üchen» 
halt  in  allen  diotsohea  riehen 
kom  mir  nie  deheiner  zuo» 

308.  d6r  beiditt  spat  UBde  frno 
b6  wol  an  trinken  ture. 
wines  nacbgebüre 
wil  ich  hiute  und  immer  wöteo. 

312.  min  sele  mucg  mit  ime  gendsen, 
im  ist  nun  sele  immer  holt, 
swenne  är  schone  als  ein  gelt 
Ton  d^m  zaphea  schindet» 

316.  yil  w^ic  mich  dds  Terdriueet^ 
8wa{  man  sin  in  mich  ginget: 
TÜ  wol  min  lip  das  geniaget. 
man  sagt  Ton  turnieren; 

320.  Ta^te  swdlhen  ander  Tieren, 

das  l^Ai^  ieb  wol,  das  hab  ich  danc." 

Dd  haob  er  üf  nnde  tranc 
eiaea  tranc,  dör  tu  grdg  was. 

324.  dr  sprach  „swa^  num  ie  geias 
Ton  den,  die  minne  pfll^t n 
and  t6t  Toa  miane  lÄgea, 
die  warn  mir  aiht  gliche  wia. 

328.  wie  starp  ddr  kttaic  PÄris, 


düT  dareh  Heleaam  wart  ertfegen! 
dös  tnmpheit  sol  man  inuner  klagen : 
ör  solde  den  win  g^eminnet  hAn, 

332.  sd  hfit  im  niemen  niht  getan. 
TTÖ  Didd  lac  Ton  minnen  tdt. 
Gr&landen  sluoo  man  ande  sdt 
und  gab  in  dän  TTOwen  ze  ^ssen, 

336.  want  si  sin  niht  wolden  Tergüsgett. 
Pkramus  ant  Tispd 
den  wart  Ton  minne  sd  wd, 
dag  si  sich  rigen  an  ein  swArt. 

340.  min  miane  ist  böggers  16aes  wdrt, 
denn^ir  aller  miaae  wsre. 
mia  minne  ist  fröadebasre, 
ich  bowe  dör  minne  striige. 

344.  mir  ist  bag  deaa  Car&ge, 

dör  Toa  miaae  ia  däm  s6  ertraa^j* 

Dd  haob  «r  af  ande  tranc 
einen  tranc  mit  grdger  ile. 

348.  der  wert  naz  ane  die  wile, 
dag  im  diu  gürtel  aebrast. 
är  sprach  ^dag  baat  ist  niht  ein  hast, 
d&  mit  ich  zallea  stunden 

352.  zuo  düA  wine  bin  gebunden; 


306. 

309. 
316. 

827. 
331. 
334. 


335. 

337. 

839. 


313. 
344. 
348. 
349. 


halt,  adv.  vielmehr;  attch;  eben,  ja,  allerdings,  Vgh  Ben,  mhd^  Wörth,  1,  619. 
Schmell  2,  185. 

tilren  auch  düren,  lateif^,  dutare»  nAd.  ausdauem,  Btandhalten. 
Waeh  hat  «trie  wönic**,  die  Bt.  aber  tiL    In  dU$ef  Vbtbindunff  iomt  twie  wAnic, 
jr.  B.  Bkwpi  Z9iU4ht,  0,  514«  887. 
die  Abkürzung  in  der  Et^  könnte  auch  glicher  b^deuten^ 
WaeK  hat  solden,  die  Ht,  solde  den. 

GrAlanden.    Vgl  TrieL  91,  27.    Tristan  begonde  einen  leiefa  dA  lAten  klingen  ia  TOn 
dSr  TÜ  stolgen  TriaDdhi  QrAlaades  d«s  schflenen.  JEnme  11664  und  dd  nuta  Grüanden 
sdt.    MSH,  I,  106.     Grüant,  dto  man  gar  Tendt,  wart  nie groegerndt besdb^. 
Auts^  diee^n  Zeugnissen  ist  tfon  ihm  nichts  b^ka/nnt, 
Waeh.  hat  segen,  dU  Es.  ze  eggen. 

Über  PgfomM  wn4  IHspi  s.  die  Ereähhng  in  hoMpts  Zeitickr.  6,  504/«  Waäk. 
LUtgesch,  5.  220.  die  Krone  11574.   TrisU  92,  16. 

rihen  st.  v.  durch  etufos  Zusammenhaltendes  verbindeng  an  einander  reihen*  Chr.l^, 
937.     2,  18.     rihe  —  r6ch,   rigen  —  rigen.     TispS  erttaeh  eich  mit  demselben 
Sehwerte  (dag  sw6rt  dag  dnrdi  in  gie  S.  516  bei  Eampt  6.) 
Es»  bowe. 

Curäge.   Korag  auch  Gur&g,  der  EM  eines  verlernen  Gedichts, 
Est  ane,  so  kmge  duss  — . 

'gürtel  hier/emin.,  gewöhnlicher  mase.  Das  Wort  scheint  auch  Ml  der  DeeUnaOon 
geschwankt  mu  haben.  Vgl.  den  Flur,  güftebl  Ben.  Wöttb*  h  598.  sebristen,  Mr- 
brechen.  Vgl,  mUen  370  g^rSste  d,  t.  Mangel,  Abbruch.  M  der  Sehweiä  Breiten 
tt,  Gebrechen, 


220 


THEODOR  VEBNALEKEN 


4as  ist  nun  salde  nnt  min  heil; 
und  sint  auch  drin  tU  starkiu  seil : 
das  «ine  ist  d68  v/iaes  güete, 

356.  das  ftnder  min  State  gemüete, 
das  dritte  ist  diu  g^wonheit. 
6t  mac  mir  nimmer  werden  leit, 
ich  muos  in  immer  minnen. 

360.  ich  mac  im  niht  entrinnen, 

wie  zehrnche  ich  einn  sd  starken 

Strand** 
D6  huoh  är  uf  unde  tranc 
sd  sSre,  das  si  alle  jdrhen, 

364.  die  sin  trinken  rShte  ersahen, 
swas  ^T  getrunken  hSt  unz  dar, 
des  solde  man  vergSs^n  gar, 
dar  trunc  behielte  gar  dän  pris. 

]}68.  $r  sprach  „diu  wärlt  ist  unwis, 
das  si  niht  ze  wine  gat, 
sd  si  deheinn  gebrästen  hat, 
und  trunke  da  für  alles  leit, 

372.  für  angest  unt  für  arbeit, 
für  alter  unde  für  ddn  tdt, 
für  siehtuom  und  für  alle  n6t, 
für  schaden  und  für  schänden  slac 

376.  und  für  swas  dSf  wSrlt  gewärren 
mac, 
für  nobel  unt  für  bcBsen  stanc.** 
D6  huob  €r  üf  unde  tranc 


sd  s^re,  das  sich  diu  kanel  bouc. 

380.  [«r  sprach]    „swas  ie  geyl^s  ode 
geylouc, 
das  sei  billich  erkennen  micb. 
die  liute  selten  alle  sich 
ze  minem  geböte  neigen: 

384.  diu  werlt  ist  gar  min  eigen, 
ich  h4n  gewaltes  so  vil, 
das  icl^  ^uon  das  ic^  '^h 
swas  '^^^  ^i«  ^^i  ist  getan, 

388.  das  icb  allen  minen  willen  hän: 
dk  von  heis  ich  ungenös- 
raine  tugende  sint  sd  grds« 
wsr  d€r  wärlde  sd  ril  me, 
,  das  d^  ^^^  und  islich  se 
als  guot  wsßr  als  das  ^^^^  ^^^> 
das  müese  sten  ze  miner  hant 
und  müese  mir  dienen  ane  wanc." 

Dd  huob  €r  üf  unde  tranc 
sd  lang^  unt  sd  sere, 
sd  yil  unt  dannoch  mere, 
sd  Taste  und  sd  harte, 

400.  das  sich  das  hemde  zarte. 
6r  sprach  „dös  wirt  guot  rÄt: 
ich  weis  ''^^l  was  derwider  stat; 
ich  kan  wol  wafen  mich," 

404.  er  zdch  ein  hirshals  an  sich, 
dön  hies  Sr  vaste  brisen 
dar  zuo  yon  guötem  iaen 


392. 


396. 


353.    sslde,  Olüek,  scdus, 
365.    unz  dar.  Ins  dahin,  hüher, 

370.    deheinen  darf  wohl  in  debein  ffekür^t  werdm,  wi0  339  ein. 
376.    wönren  oder  gev6rren  tt,  v^  hinderlich  sein, 

380.    6r  sprach  gehört  nicht  zum  Verse  und  ist  vieUeieht  ZusatM  des  Sehreihers,    Vgl 
Lachmann  su  Iwein  3637* 

388.  Waek,  hat  deich.  Die  Bs.  das  ich.   So  auch  v.  83.    Vgl,  Nihel.  v,  EoUsmasm  1340, 2 
und  Anmerh, 

389.  ungenög  st,  m,  derniemand  seines  gleichen  hat.    Dagegen  sagt  d0r  ^Weinschhi^ 
(Haupt  ZeiUehr.  7,  408): 

dfir  win  ist  schoener  tüsent  stnnt,  d6s  virt  min  fröude  s6  gros 

swenn  %i  mich  rüeret  an  den  munt,  das  ein  künic  min  gends 

an  frOuden  gerne  möhte  wesen. 

392*   islich  für  ieslich,  und  diese  ncteh  Orimm/ür  iesdweUch :  was  immer  für  einsr,  jedsr- 

400.    zerren  sehw.  v,  zerreissen, 

404.  hirshals,  einen  hirschledemen  Koller, 

405.  brisen,  sehnüi-en.     Vgk  Ben.  Wffrtb,  1,  256.     (3«r.  ÖV.  1 «,  937.     Übrigens  hat  die 
Es.  Mu  Anfang  dieses  Wortes  ein  Lochf  bloss  -sen  ist  deutlieh. 


DER  WEIKSCHWEL6.  221 

eis  Testes  baacier  enge.  412.  d«8  sol  ich  wol  genießen, 
408.  9t  sprach  „d€n  wines  gedrenge  da{  ich  ze  fröuden  minen  lip 

Ist  mich  na  ungelerret:  getwungen  h&a^  das  man  noch  wip 

ich  hin  mich  sd  rersperret,  sinen  lip  sd  sere  nie  getwanc.** 

6r  enmac  mich.niht  entsliesen.  416.  Dd  huob  dr  üf  unde  tranc. 


407.  baniieT  st.  n.  em$  d^n  OherlMb  bsdsekHUU  Eü$tu9^,  mlaL  pane4na^ 

409.  Ist  in  der  Es. ;  ungelerret,  visUeiehi  ungsgerrst,  urngtru^pfu 

411.  Wati,»  erslie^en.     Die  JBs^  entsliu«n :  geniuen* 

415.  Waek.  uin,  die  Es.  sinen  lip.    twingen  oder  getwiogen  tt.  v.  MusammendriUhen^ 


ANGELSÄCHSISCHE  GLOSSEN. 


Seit  Franz  Jonins  (geb.  zu  Heidelberg  1589)  hatte  sich  kein  Deutscher 
bis  auf  die  neuere  Zeit  mit  der  angelsächsischen  Sprache  und  Litteratur  be- 
fasst.  Junius  fand  in  seinem  Vaterlande  keinen  Nachfolger,  und  auch  in  der 
Heimath  des  Angelsächsischen ,  wo  er  lange  lebte  und  wirkte  (er  starb  zu 
Wiodsor  1677),  waren  diese  Studien  nicht  zu  dem  Aufschwünge  gelangt, 
woza  Junius  Vorgang  berechtigte.  Der  fleißige,  umsichtige  Frisch,  der  beste 
Lexicograph  des  18.  Jahrhunderts  ^  benutzte  nur  Soroneri  Lezicon  Saxico- 
Latino-Anglicum  1659.  Von  dem  was  durch  Hickes,  Th.  Benson,  Edward' 
Lye  in  England  geschehen  war,  wusste  man  in  Deutschland  wenig.  Ihre 
WerkcT  fehlten  sogar  früher  in  den  meisten  gi*ößeren  Bibliotheken  und  fehlen 
zum  Theil  heute  noch.  Ganz  unbeachtet  blieb,  daß  Nyerup  aus  den  Junius- 
schen  Sanunmlungen  in  den  Symbolis  ad  Literaturam  teut.  antiquiorem 
(Ha\Diae  1787)  col360 — ^382  einige  lat.  angelsächsische  Glossen  mittheilte. 

Erst  mit  dem  Jahr  1819  erwachte  in  Deutschland  eine  lebendigere  Theil- 
nahme  för  das  Angelsächsische ,  als  Jacob  Grimm  dasselbe  auf  eine  neue 
gebtreiche  Weise  mit  den  dbrigen  germanischen  Sprachen  in  seiner  Grammatik 
behandelte.  ^)  Seitdem  beschäftigten  sich  damit  erfolgreich  mehrere  deutsche 
Gelehrte:  Heinrich  Leo,  Ludwig  EttmüUer,  Franz  Jos.  Mone  und  K.  W. 
Booterwek. 

Auch  den  ags.  Glossen  ward  die  ihnen  gebührende  Beachtung  zu  TheiL 
So  viel  Mone  4eren  entdeckte,  machte  er  bekannt.     Es  sind  folgende: 


^)  Du  ist  anch  m  England  anerkannt.  Mit  Reeht  tagt  Kemble  ron  ihr:  'one  of  the 
iBoit  vonderüBl  speeimeni  of  indottry  and  philologieal  acomen  that  are  preiorred  in  the 
'[tooidi  of  niaD« 


222  HOFPMANN  VON  FALLERSLEBEN 

1.  Glossen  im  Brüsseler  Codex  von  Aldhelms  Schrift  de  virginltate,  ge- 
druckt  in  Mone,  Quellen  und  Forschungen  1830.  S.  329 — 442,  dann 
besser  herausgegeben  von  Bouterwek  in  Haupt's  Zeitschrift  9.  Bd. 
S.  403— 630. 

2.  Ags.  Vocabularius  ia  einer  Brüsseler  Handschrift,  bei  Mone  daselbst 

S.  314—323.     Siehe  nachher. 

3.  Ags.  Glossar  aus  Epinal,  gedruckt  in  Mone's  Anzeiger  7.  Bd.  (1838) 
Sp.  132 — 153.  Es  fehlt  darin  ein  Theil  des  Buchstaben  C  und  das 
ganze  D  und  E.  Vollständig  mit  zwei  lat.  Glossarien-  aus  einer  Hs. 
der  Amplonianischen  Bibliothek  zu  Erfurt,  9.  Jahrb.,  mitgetbeilt  von 
Dr.  Fr.  Oehler  im  Archiv  für  Philologie  und  Pädagogik  13.  Bd.  Heft  2. 
S.  267—297;  326—387. 

4.  Ags.  Glossen  zum  Prudentius  aus  Boulogne-sur-mer ,  gedruckt  in 
Mone's  Anzeiger  8.  Bd.  (1839)  Sp.  233—247. 

6.  Zerstreute  ags.  Glossen  aus  Brüsseler  Hss.,  Mope,  Quellen  und  Forsch. 
S.  442.  443. 
Ein  größerer  Glossenschatz  und  zugleich  wichtigerer  —  denn  er  erstreckt 
sich  über  das  Angelsächsiscl\e ,  Anglo-Normannische  und  älteste  Englische 
—  wird  uns  jetzt  geboten  in  einem  vor  Kurzem  erschienenen  Buche : 
A  volüme  of  Vocabularies,  illustrating  the  condition  and  manners  of  our 
forefathers,  as  well  as  the  history  of  the  forms  of  elementary  education 
and  of  the  languages*  spoken  in  this  Island ,  from  the  tenth  Century  to 
the  fifteenth.     Edited  from  Mss.  in  Public  and  Private  Collgctions,  by 
Thomas  Wright,  Esq.     Privately  pMnted.  MDCCCLYH.   4.   XXIV. 
291  SS.     (Hat  auch  den  Titel:  A  Library  of  National  Antiquities. 
Published  und'er  the  direction  and  at  the  expense  of  Joseph  Mayer, 
Esq.)  .  . 

Wir  verdanken  dieß  schön  ausgestattete  Werk  zunächst  der  aufopfern- 
den Vaterlandsliebe  des  Herrn  Joseph  Mayer.  Während  bei  uns  heutiges 
Tages  wissenschaftliche  Werke  dieser  Art  kaum  einen  Verleger  finden ,  und 
wenn  sie  ja  einen  finden,  nur  mit  Opfern  von  Seiten  der  Verfasser  und  Ver- 
leger erscheinen,  und  es  Niemandem  einfällt,  etwas  der  Art  zu  onterstutzeDi 
hat  'a  wealtfay  geldsmith  of  Liverpool^  gezeigt,  daß  sich  das  Geld  anchza 
etwas  Besserem,  Edlerem  verwenden  lässt  als  es  unsere  reichen  hohen  und 
vomebmen  Herren  zu  tbun  pflegen.  Es  ist  uns  eine  siifie  Pflicht,  Her» 
Joseph  Mayer  für  seine  erfolgreichen  Bestrebungen  vaterländische  Sprach* 
und  Altertbnmswis^nschafb  ^a  fördern,  öff«in<;lic]%  uneem  inpigen  Pank  zu 
sagen.  ,  , 

Dieser- 1.  Band  enthält  Folgendes: 
I.  p.  1^14. 

GoUoquiam  ad  pueroa  lingäae  Ldtinae  loQutiane  exerceodos  «b  A^rieo 
(t  1006)  primum  compilatum,  etdeindeab  AelfricoBata,  eins  discipulo, 


i^NGeLSlCHSISCHE  GLOSSEN.  223 

aactum»  Latine  et  Saxonice,  ausMS.Cotton.  Tiberin&A.III,  10.  Jahr- 
liQQdert,    Nach  eiatr  Oxforder  Hs.  bereits  gedruckt  in  Thorpe*8  Ana- 
lecta  Anglo-Sazonica. 
IL  p.  15— 48. 

Alfirici'Archiep.  YocabDlarius  latioo-eaxonicas,  10.  Jahrhundert,  nach 
einer  JuniuB'schen  Abschrift.zu  Oxford;  die  Originalhandschrift ,  einst 
dem  Maler  Rubens  gehörig,  ist  verloren*  gegangen.  Früher  schon  ge- 
drückt am  Ende  von  Somner^s  Dict.  anglosax»  1659. 

ia.p,  49-61. 

Supplement  zum  vorigen  Werke,  ebendaher,  aber  jünger,  11.  Jahr- 
hundert. 

IV.  p.  62^^9. 

Angelsächsischer  Yocabularius  aus  einer  Brüsseler  Hs.,  1 1.  Jahrhundert, 
nach  Mone  10.  Jahrhundert.  Thiere,  Schiff  und  was  dazu  gehOrt, 
Tbeile  des  menschlichen  Körpers,  ^aipeo  der  Fische,  Weberei, 
Pflanzen.  3ereits  gedr.  in  Mone,  Quellen  uud  Forschungen  1830. 
S.  314—323. 

V..p.  70^86.    • 

Angelsächsischer  Vocabulariusa  U»  Jahrhundert «  w^  MS.  Cotton. 
Julius  11. 

VI.  p.  87-96. 

Angels.  Yocabularius,  12.  Jahrhundert,  IQckenhafb;  die  Hs.  diente  als 
Umschlag  alter  Register  im  Archive  der  Cathedrale  zu  Worchester; 
Thomas  Phillips  hatte  schon  früher  davon  einen  Abdruck  besorgt. 

Vn.p.96— 119.  • 

Summa  Magistri  Alexandri  Nequam  (f  1217)  de  nominibus  utensilium, 
mit  anglo-normannischen  .Interlinearglossen,  aus  MS.  Cotton.  Titus 
D.  XX,  Ende  des  13.  Jahrhunderts,  verglichen  mit  zwei  Pariser  Hss.: 
MS.  Lat.  Nr.  7679  und  Nr.  217. 

VDL  p.  120— J36. 

Dicüonarius  Johannis  de  Garlandia,  ursprünglich  französisch  glossiert, 
hier  mit  einigen  englischen  Interlinearglossen.  Wrigfa^  hat  di^f  MS. 
Cotton.  D.  XX.  90  Grunde  gelegt  und  damit  das  Harlei.  1002  ver- 
glichen und  den  Abdruck,  welchen  G^rard  nach  3  Pariser  Hss.  besorgte 
m  «einem  Werke:  Paris  sous  Philippe-le-Bel,  1837. 4.  -r-  Mone  lieferte 
schon*  im  Jahr  1835  drei  Auszüge  ans  einer  Hs.  zu  Cambrai  Nr..  867  in 
seinem  Anzeiger  4.  Bd.  Sp.  495— 498:  1.  Hausrath,  2.  Festungsban 
und  3.  Hof  und  Haus  —  merkwürdig,  daß  £(ich  nichts  der  Art  bei 
Wright  findet!  Vgl.  mit  dem  Joh.  de  Garlandia  die  von  mir  heraus- 
gegebene 'Epistola  Adami  Balsamiensis  ad  Anselmum'  (Neowidae 
1863.    8.) 


224  HOFFMAKN  V.  FALLEBSLEB£N,  ANGSLSÄGHSISGHE  GLOSSEN. 

IX.  p.  139— 141. 

Pflanzennamen ,   lateinisch,    normannigch  und   englisch,  Mitte  des 
13.  Jahrhunderts,  aus  MS.  Harlei.  Nr.  978. 
X.p.l42— 174. 

Walter's  de  Bibleswortfa  Abhandlung  in  franz.  Versen,  mit  engl.  Inter- 
iinearglossen,  Ende  des  13.  Jahrhunderts.     Anfang: 
Femme,  ke  approche  sonn  tens. 
enfaunter,  moustre  sens  cet. 
Aus  MS.  Arnndel.  Nr.  220  im  Brittischen  Museum,  mit  2  anderen  yer- 
glichen. 
XL  p.nS— 182. 

Yocabularius  metricus,  14.  Jahrhundert,  mit  engl.  Interlinearglossen. 
Aus  MS.  Harlei.    1002. 
XII.  p.  183.  184. 

28  lat.  Hexameter  über  die  Theile  des  menschlichen  Körpers  mit  engl. 
Interlinearglossen,  14.  Jahrhundert,  aus  MS.  Harl.  1002. 
Xffl.  p.  185— 205. 

Lateinisch-englischer  Yocabularius,  15.  Jahrhundert,  aus  MS.  Reg.  17. 
C.  XVn.  im  Brittischen  Museum. 
XIV.  p.  206— 243. 

Lat.-englisches  Nominale,    15.  Jahrhundert,  ans  einer  Hs.  in  der 
SammluiQg  des  Herrn  Jos.  Mayer. 
XV.  p.  244— 279. 

Yocabularius  picturatus,  lateinisch-englisch,  15.  Jahrhundert,  aus  einer 
Hs.  im  Besitze  des  Lords  Londesborough.  Die  Abbildungen  sind  ge- 
wiss sehr  treu ,  aber  sehr  schlecht,  wie  sie  Eander  zu  machen  pflegeoi 
und  konnten  füglich  gespart  werden,  da  sie  zur  Aufklärung  nichts  bei- 
tragen können. 
XYLp.280— 291. 

Lateinisch-angelsächsischer  Yocabularius,  10»  oder  11.  Jahrhundert, 
aus  MS.  Cotton.  Cleopatra  A.  IE.     Ygl.  damit  Nr.  lY. 
•     WEIMAR,  18.  April  1858. 

HOFFMANN  YQN  FALLERSLEBEN. 


FRANZ  PFEIFFER»  SPRÜCHE  DEUTSCHER  MTSTIKER.  225 

SPRÜCHE  DEUTSCHER  MYSTIKER. 


Ich  löse  das  in  Haupt*s  Zeitschrift  8,  209  gegebene  Versprechen »  in- 
dem ich  den  dort  mitgetheilten  Predigten  und  Tractaten  hier  eine  Reihe  von 
Sprüchen  deutscher  Mystiker  des  14.  Jahrhunderts  folgen  lasse.  Nr.I^XXXV 
stehen  im  Cod.  germ.  Nro.  191  auf  der  k.  Bibliothek  zu  Berlin  und  verdanke 
ich  deren  Mittheilung  meinem  Freunde  Massmann.  Diese  umfangreiche  von 
mehreren  Händen  des  14.  und  15.  Jahrhunderts  auf  Pergament  und  Papier 
geschriebene  Handschrift  gehörte  früher  dem  Daniel  Sudermann,  von  dessen 
HaDd  auf  den  Rändern  allerlei  Notizen  stehen,  die  aber  in  der  Regel  höchst 
willkührliche  Vermuthnngen  über  die  Verfasser  der  einzelnen  Stücke  ent- 
halten und  darum  von  nur  geringem  Werthe  sind.  Da  die  Handschrift  nicht 
paginiert  ist,  so  kann  ich  auch  die  Blätter  nicht  angeben,  sondern  nur  bemerken, 
daO  die  Sprüche  zu  Ende  derselben  stehen. 

Die  Namen  der  meisten  Verfasser  sind  bis  jezt  völlig  unbekannt  und 
über  ihre  Persönlichkeiten  weift  ich  nichts  beizubringen.  Von  dem  Sachse 
(XXIV)  steht  auch  ein  Spruch  in  Wackemagels  altd.  Lesebuch  890  und  die 
Predigten  des  von  Stemgassen  sind  von  mir  in  der  Zeitschrift  för  deutsches 
Alterthum  8,  251  ff.  mitgetheilt  worden. 

Nr.  XXXVI  habe  ich  der  Straftbnrger  Hs.  A.  98.  Pergament  14.  Jahrh. 
4.  Bl.  186* — 186*  entnommen.  Dieser  leeemeister  von  KoUen  ist  ohne 
Zweifel  Niemand  anders  als  Nicolaus  von  Straßburg. 

Das  XXXVH.  Stück,  das  sonst  noch  öfter  in  Hss.  vorkonunt,  ^)  gebe  ich 
Wer  nach  der  Stuttgarter  Hs.  Cod.  Brev.  4.  Nr.  88.  B1.41'— 42*.  Einen 
andern  Sprach  s.  bei  Wackernagel  a.  a.  O.  Von  diesem  Heinrich  von  Löwen 
steht  eine  alte  Vita  Bei  Hyacinth  Choquet,  Sancti  Belgi  ord.  praedicat.  Duaci 
1628.  8.  p.  77—87.  Danach  hielt  sich  H.  abwechselnd  in  Köln ,  Mainz 
QBd  Bonn  auf  und  war  einige  Zeit  Lesemeister  in  Wimpfen  am  Neckar.  Es 
heiftt  dort  zu  Anfang  'Heinricua  de  Cahtris,  natus  in  civitate  Lovardenn,  de 
noMlünmo  genere  CctUtrenMum  et  ibidem  ardinem  pr(ßdicatorum  pro/eeeue, 
ww«w  egt  Parisiis  ad  Studium,  aber  nähere  Zeit-  und  Jahresangaben  werden 
keine  gemacht.     Vgl.  auch  Quitif  &  Echard  Script,  ord.  prsed.  1,  602  \ 

FRANZ  PFEIFFER. 

')  Z.  B.  auf  der  Coblenter  G7iiinai.-Bibliotliek  Nr.  48  El.  39  »  --41  \  i.  Anceiger  1887, 78» 
n  Htidetberg  Cod.  palst  Sd7.  Bl.  132^  —  184  %  i.  WUkens  Yeneiehniss  S.  505.  Wenn  aber 
hi«r  gMftgt  wird :  Predigten  des  Bniden  Heinrich  sn  Köln,  so  ist  das  unrichtig ;  es  ist  nor  diel 
•^  Stack  darin  enthalten.     Die  übrigen  sind  ohne  Bedeutung  nnd  nicht  Ton  Heinrieh. 


»smunu  tu.  *^ 


226  WANZ  PFEIFFER 

I  fröide  nimet  ende  mit  sw^rem  heTzen- 

leide. 
HER  HEINRICH  VON  OOGESTBDRG.  ^  ^  .inet  ander»  bredigen  .pmh  er 

Diz  Seite  allez  her  Heinrich  ein  priester  als6 ;  der  mensche,  der  in  einer  tdtsünden 

und  was  ein  liutpriester  zuo  Basel  bi  *)  5  stirbet  äne  riuwe  und  äne  bihte ,  der  ist 

-sancte  Pitei  und  was  bärtig  von  Ougest-  rerlorn,  alsd  diu  geschrift  wil.    Aber  da 

bürg  und  er  bredigete  also  wol,  daz  ez  aol  einez  biligen;  daz  ist  alsd:  wie  tu 

aber  die  maze  was,  und  an  einer  bredige  und  wie  yerre   sich   der   mensche  Ton 

sprach  er  also :  gotte  ziuhet,  ie  me  und  ie  me  got  wege 

1.  Wafenl  ')  waz  müezent  toede  an  10  suochet,  wie  er  den  menschen  wider  zuo 
einem  menschen  sin,  der  sich  selber  über-  ime  bringe. 

windet,  daz  er  die  sünden  lat,  die  h6ch-  5.  Er  sprach  euch,  daz  sant  Augustinus 

vart  und  die  andern  sehs  totsünden  ?  D&  schribet  alsd :  Got  hat  euch  verborgene 
von  stät  geschriben  ^propter  te  mortifica-  erbermede  in  ime  selber  behalten  durch 
mur  tota  die\  Er  seite  euch ,  ez  were  15  des  menschen  willen,  und  die  erbermede 
ein  heiliger  man.  Dd  der  weite  unsem  enlAt  er  meman  wizzen,  weder  die  engel 
herren  enpfahen ,  dd  vorhte  er  sich  alsd  noeh  sine  werde  muoter  noch  keinen 
sdre,  daz  er  dicke  wider  hinder  sich  trat  heiigen  in  dem  himelriche.  —  Er  sprach 
und  trat  dan  aber  wider,  und  dd  er  daz  euch  alsd:  mensche,  wilt  du,  daz  dir 
vil  getreip,  dd  bat  er  doch  eines  males  20  wol  geschehe  und  dir  euch  wol  gelinge, 
unsem  herren,  daz  er  ime  kunt  tele  sinen  sd  habe  siben  blicke  in  den  ougen  dins 
allerliebesten  willen  an  ime  zuo  tuonde.  herzen  und  an  dise  siben  blicke  solt  dn 
Dd  kam  ein  stimme  von  gotte  und  sprach  gedenken  dicke.  Der  Srste  blik  ist:  dn 
alsd  Mu  solt  mich  zuo  dem  ersten  male  solt  dine  sündeaneblieken,  wie  vil  der  ist, 
eUpfahen  für  alle  die ,  die  ine  mich  von  25  and  blicke  riuweclichen  dtur  in.  Der 
jdirre  weite  gesoheiden  sist«  Zuo  dem  ander  ')  blik:  blicke  in  den  gemeinen 
andern  male  sd  enpfach  mich  för  die,  die  gebresten  der  heiligen  kristenheit  mitte* 
mich  unwürdecliehe  und  in  tdtsünden  lidencliche.  —  Der  dirte  blik:  blickein 
enpfkngen  hänt.  Zuo  dem  dirten  male  dise  weit  ellendecUche ,  wie  siu  den 
enpfach  mich  für  die,  den  man  mich  niut 90  menschen  triuget.  Der  tierrde  blik: 
wi)  geben.  Zuo  dem  vierden  male  enpfach  blicke  in  die  güete  gottes  und  in  alliu 
mich  für  die ,  die  mich  wärdeclich  und  sine  minnewerk  anddhtecliefee  und  dang- 
.4ne  Sünde  enpfähent.'  berliolie.     Der  fünfte   blik :    blicke  in 

2.  Er  sprach  ouch:  melische,  du  solt  sine  strenge gerehtekeitvorhtaamedliobe. 
^ch  niergent  anderswa  nisten  denne  in 3^  Der  sehste  blik:  blicke  in  alle  geläbedc 
den  wunden  unsers  herren,  und  wä  du  begirliche.  Der  sibende  blik:  blicke  in 
anders  nistest,  sd  bist  du  unreht  an  dem  allez  din  eigen  leben  wislichen. 
wege.  Diz  nisten  ist  niut  anders  danne  6.  Er  sprach  ouch  alsd :  begerunge  des 
gedenken  dicke  an  unsers  herren  martel  herzen  und  unsprechenlichiusuezeundbe- 
und  ouch  an  sinen  tdt  und  daz  die  40  girlichiu  hitzigiu  minne  daz  sint  driu  ede- 
niemer  gerwe  üz  dime  herzen  söllent  liu  ding.  Wir  süllen  unser  herze  da  hin 
komen.                                                             stecken,    da   diu    wäre    überswenkige 

3.  Er  sprach  ouch  alsd:  aller  der  weite      minne  ist. 


*)  bl  fehlt  —  *)  woflTa.  —  •)  Den  andern  imd  90  f&rt. 


SPRÜCHE  DEUTSCHER  IfTSTTEER.  227 

II,  cl&  Tor  ans  rinden.     S6  helfen!  lin  um 

rkipo  nvrtvr^  ^^^^  erwerben,  daz  die  Sünden  TertilMt 

werdent,  die  wir  getan  haben.  S6hittent 

1.  Der  Beheim,  ein  b^rediger,  sprach  siu  für  uns,  daz  wir  gefristet  werden  in 
an  einer  bredJgen  alsd :  Wan  diu  sSle  o  den  gegenwertigen  Sünden.  86  beschirm 
konet  ftr  gottes  angesiht,  sd  wirt  sin  in  ment  siu  und  behüetent  uns  vor  den 
dem  ersten  aneblieke  alsd  wfse,  daz  sin  künftigen  sÜnden.  Sd  gesoheident  sin 
wetz  allez  daz  gotiebeschuof  oder  iemer  sich  niemer  von  uns  unz  an  unsern  tdt, 
m^  geschaffen   wil  unz   an  driu  ding.      wir  sin  in  sünden  oder  kne  sünde. 

Daz  erste  ist,  daz  siu  niut  mag  wizzen  to  5.  Der  Beheim,  ein  brediger,  sprach 
der  stunde  des  jüngesten  tages.  Daz  alsd:  der  heilige  geist  ist  unser  für» 
ander ,  daz  siu  niut  mag  wizzen  gottes  spreche,  sd  ist  er  unser  troester,  s6  ist  er 
almehtekeit  und  siner  krefte  und  sinre  unser  reiniger,  sd  ist  er  unser  ISrer.  — - 
fdsbeit  ein  ende.  Daz  dirte ;  war  umbe  An  einer  andern  bredige  sprach  er  alsd : 
gt)t  einen  mensdien  zuo  dem  himel- 19  wellen  wir,  daz  der  heilige  geist  zuo 
riebe  hat  geschaffen  unde  den  andern  uns  kome,  sd  süilen  wir  driu  ding  an  uns 
ZQO  der  hellen,  und  er  ouch  daz  rer-  h&n.  Daz^rsteist:  wir  sÜllen  daz  gottes 
»eben  hat.  wort   gerne    hoeren.     Daz   ander:    wir 

2.  Der  Beheim y  ein  bredigier,  sprach  süilen  gerne  bihten.  Daz  dirte:  wir 
also:  wir  süUen  swestem  h&n  alse  La»-  m  süilen  gerne  betten. 

zems  bette  zwd  swesiern:   Maiid  und 

Martha,  das  isA:  vnser  erkentnisse  und  UL 

unser  begening^  .Mlen  denn,  «pr^  ^^^  ^^^  FEIDEBERG. 

chea :  henre,  la  cnnen  willen  an  nir  war 

werden  und  lä  diaen  namen  J^u  niitt  an  »      Der  Ton  Frideberg,  ein  brediger,  der 

air  TerioreB  werden  und  lä  dinen  propbl-      seke  ein  wort,  daz  duhte  mich  aller  werte 

ten  mut  cuo  einem  lügener  an  mir  wer*      ein  hört,  und  sprach  alsd :  welioh  mensche 

4en,  der  spsach  also :  in  qu4»€it9nqu0  kora      nneers   herren    fronlichamen   ze  einem 

mgenmmi  ptoeaior  smtvabitmr,  daz  spri«  -   m41e  hat  enp6ingen  ane  tdtsünde  mit 

fibet  ze  diuttche  alsd:   in  welet  stun-  90  etme  Intern  reinen  herzen,  wie  doch  der 

den  der  sfinder  ersin&et,  «d  wirt  er  be«-      selbe  dA  n4ch  in  ril  sündein  vellet,  beide 

haken.  tdtsünden  nnd  ander  sünden,    und  daz 

3.  Der  Beheim  leite  aiber  und  sprach,  lange  tribet,  sd  ist  diu  kraft  unters 
daz  ein  heilige  sdti^bet  oIbA:  daz  gnote  herren  lichamen  sd  manigraltig,  den  der 
ernstliche  gebet  daz  tringet  üf  durch  diu  S5  mensche  ze  einem  male  enp£angen  hSt 
wölken  und  über  die  himele  und  er  windet  wüideclichen,  und  ist  ouch  denne  unsers 
oieiaMr,  es  enkome  dan  für  gottes  ougen;  herren  erbarmherzekeit  sd  grdz,  daz  er 
80  eakomet  ez  euch  niemer  dannan ,  ez  e  alle  sine  wisheit  wil  durchsuochen  und 
enwerde  danne  erhoeret.  dur^gründen ,  wie  er  dem  selben  men» 

4.  Der  Beheim,  ein  brediger ,  sprach  40  sehen  gehelfe,  daz  er  niemer  gesoheidea 

»Iso:  wir  «Allem  die  engel  liep  h4n  und      werde  Yon  sime  ewigen  himelriche. 

lüUen  in  betten  und  süilen  aiu  ^en,  wao  ^ 

sin  sint  unser  brüeder  und  sint  unser  „^^t  ^•r^'^T/^-r.^m  * /^tt 

A-  j ,   •         .11  ^^j,  RÜODOLF  VON  GENGENBACH. 

»enef  und  Irnngeut  alle  unser  gnottete  «.i^v/A^v*-.i. 

fo  gottes  engen  und  samenent  uns  di49       1.  Bruoder  Ruodolf,  ein  Willehelmer, 

einen  hört  von  guoton  we^en ,  den  wir      sprach  an  einer  bredie  alsd :  ez  besohehent 

15' 


228  FRANZ  PFEIFFER 

drige  fragen  eime  iecliehen  riehen  men-  VI. 

sehen  naeh  sime  tdde ,  so  ez  von  dirre  BRUODER  FRIDEBICH  VON 

weite  gescheidet.     Diu    ^rste   ist  alsd:  NIüWENBüRG. 

sag  an,  wie  hast  du  din  guot  gewunnen? 

Diu  ander  frage  ist:  sag  an,  wie  h&st  9       1.    Bruoder   Friderich,    ein  heiliger 

du  ez  bosezzen?    Diu  dirte  fr&ge:  sag      leigebruoder ,    der  seite,    daz  er  einen 

an,  wie  hast  du  ez  verzert  dine  tage?  menschen  wüste,  zuo  dem  sante  unser 

2.  Bruoder  Ruodolf  von  Gengenbach,  herre  einen  engel.  Der  sprach  zuo  dem 
ein  Wilhelmer,  seite  an  einer  bredigen  menschen  also :  wer  n&ch  gote  gedenket 
die  raere  von  zwein  gebrüedem ,  wie  to  und  trabtet,  der  ist  zuekersüeze,  s6  ist  er 
einer  dem  andern  zuo  kam  üf  eime  fiiurin  lüterer  dan  kein  spiegel,  sd  ist  er  wiser 
rosse  und  doch  t6t  was,  und  wie  ime  dan  kein  p&iTe,  der  diu  buoche  kan,  so 
giener  in  daz  himelriche  half.  ist  er  froelich  alsd  diu  lember  (wan  diu 

3.  Bruoder  Ruodolf  von  Gengenbach,  lember  sint  allewegent  froelicher  voran- 
ein Wilhelmer,  seite  an  einer  bredigen,  15  dern  ereatdren),  sd  ist  er  küener  dan  kein 
daz  sant  Augustinus  schribet  alsd ,  daz  löwe,  alliu  ding  ane  ze  grifende  in  gotes 
diu  demuot  überwindet  got  und  den  namen,  sd  ist  er  sterker  dan  kein  hel&nt, 
menschen  und  den  engel  und  den  tiufel.      wan  waz  man  ime  üf  leit  daz  treit  er 

allezsament  mit  willen;  daz  ist:  waz  in 

V.  20  arbeit  ane  gat,  die.lidet  er  gerne  durch 

^^«  -rr^^T  ^,vv  r.  r-^^T  ff^t,  sö  wil  imo  euch  got  m§  wunnen  geben 

DER  VON  NUZZEN.  j-       1,     nÄ  -^  u  ^i.*^n 

danne  her  David  wunnen  mag  betrabten, 

1 .  Ein  brediger  hiez  der  vonNüzzen,  der      der  da  ist  in  der  wunnen. 

Seite  an  einer  bredigen  und  sprach  alsd:  2.  Dar  nach  seite  er,  daÜb  oueh  unser 

der  seien  füeze  daz  ist  diu  minne ,  wan  25  herre  selber  zuo  dem  menschen  kam  und 
diu  sSle  mag  niut  geläzen,  siu  müeze  seite  ime  alsd:  wilt  du  friden  hän,  sd tno 
etewaz  minnen  für  alle  ander  ding.  Da  alsd  ich.  Waz  du  danne  hoerest^  sd  tno 
von  sol  man  got  minnen,  wan  niemen  alsd  du  ez  niut  enhdrtest,  und  waz  dn 
anders  mag  die  sSle  getroesten  wan  got.  sihest,  sd  tuo  alsd  obe  du  ez  niht  ensehest, 
Der  got  minnet,  der  hat  euch  die  fueze,  30  und  waz  -du  weist,  sd  tuo  alsd  du  ez  niht 
die  in  dd.  tragent  den  sichern  weg.  enwistest.     Wan  ich  hoere  alliu   ding 

2.  An  der  selben  bredigen  seite  er  euch,  und  tuo  alsd  ich  siu  niut  enhoere ;  sd  süie 
daz  ein  heilige  schribet  alsd:  wanne  ein  ich  alliu  ding  und  tuo  alsd  ich  siu  nint 
mensche  einer  Sünden  widerstat  mit  ensehe ;  sd  weiz  ich  alliu  ding  und  tno 
kreften,  die  der  tiufel  ime  riet,  der  getar  35  alsd  ich  siu  niut  enwizze.  Man  schiltet 
ime  die  selbe  sünde  niemer  me  geraten,  mich,  man  verswert  mich  und  alliu  din 
noch  getar  in  niemer  m§  mite  bekoren,      gelide,  diu  an  mir  sint;    man  fluochet 

3.  An  der  selben  bredien  seite  er  euch,  niir  und  riebe  mich  doch  niut  an  den 
daz  her  David  schribet ,  daz  ein  ieclich  liuten ,  diu  mirz  tuont ,  und  gibe  in  ir 
mensche  ein  lieht  in  ime  hat  und  daz  40  ndtdurft. 

lieht  schinet  von  gote  in  ez,  und  ge-  3.  D4  nach  seite  er  aber,  daz  der  selbe 

hdrte  der  mensche  niemer  keine  bredie  mensche  euch  begerte  ze  wizzende  Ton 
wan  daz  er  niuwent  dem  liebte  nach  unserme  herren,  wie  vil  er  wunden  hete 
gienge,  er  k^me  zuo  gote,  und  daz  selbe  enpfitngen,  dd  er  in  daz  grap  wartgeleit. 
ist  'niut  anders  wan  eins  iecliehen  men-  45  Dd  sante  ime  aber  unser  herre  einen 
sehen  consciensie.  engel,  der  sprach  alsd:  dd  er  in  daz  gmp 


SPRÜCHE  DEUTSCHER  MTSTIKER.  229 

warigeleit,  d6  hate  er  enp&ngen  niun  weiz  ouoh,  wes  man  mich  zihet.  D6 
täsent  wunden  und  niunhundert  wunden  sprach  unser  herre  also :  ina,  sage  an, 
und  fünfhundert  wunden.  Und  wizztst  euch  waz  zech  man  mich  4ne  alle  mine  schulde  ? 
w^lichen,  sprach  der  engel,  wer  ieclicher  Dd  erschrag  der  mensche  von  dem  ein!« 
wunden  ein  pater  noster  sprichet ,  den  5  gen  werte  also  sere  und  doch  also  süezeo- 
wU  unser  herre  gewem,  swes  er  in  hitet.      Üche ,  daz  er  wider  kerte  und  bleip  d6 

4.  Dar  nieh  seite  er  anderwerbe,  daz      stdte  an  guoteme   lebende  unz  an    sin 
onser  frouwe  selber  zuo  dem  selben  men-      ^nde. 
sehen  euch  kam  und  sprach  alsd :  wilt  du  IX. 

ToUekomen  werden,  s6  rolge  miner  l^re,  10  j^^^  FRIÜNT 

und  sprach  dd  alsd:  du  seit  dich  keins 

welkes  beheren  und  deheines  gewandes  Ein   brediger   hiez  der  Friunt.     Der 

beschämen  und  seit  eine  icliche  spise  für  sprach  alsd :  sant  Pauwels  schribet  Ton 
gaot  hin,  die  man  dir  ftirsetzet,  und  solt  deme  himelriche  also :  kein  liplich  ouge 
dich  alle  zit  fiir  den  minnesten  han,  und  15  mag  ez  gesehen ,  kein  dre  mag  ez  ge- 
U  dir  der  weite  lop  unmere  sin.  hoeron,  kein  herze  mag  ez  begrifen,  und 

Disem  selben  bruoder  Frideriche  von  dirre  brediger  sprach  her  üf  also.  Aber 
Niawenburg  geschahen  disiu  dinge  alle-  doch  merkent  ein  glichnisse.  Man  nimet 
SMDent  selber.  zwene  man ,  der  ist  einre  blint  geboren, 

20  der  ander  gesiht  wol  und  die  zwene  leit 

VU.  man  in  einen  vinstem  turn.     Sd  sprichet 

BBDODER  NICLAÜS.  der  eine,  der  d&  gesiht :  ach  w^re  ich  ib. 

sd  sehe  ich  doch  die  sunne  und  den  manen 

Bruoder Niclans,  ein  Wilhelmer»  seite  und  den  liebten  tag.  Aber  der  blinde 
m  einej  bredie  und  sprach  alsd :  wir  25  gedenket  alsd ;  wa  von  seit  dirre  oder 
Süllen  idle  tage  zwene  boten  üz  senden.  waz  ist  ez  ?  Har  umbe  en weiz  ich  niht 
Der  erste  böte  ist  vorhte ,  der  ander  und  enweiz  euch ,  waz  ez  ist.  Sehent, 
böte  ist  zuoTersiht  in  den  himel.  Tuen  noch  minre  mügen  wir  wizzen  oder  ge- 
wir  daz ,  sd  werden  wir  guot  und.keren  sagen  von  der  wunne  uud  von  der  fröide, 
QDS  Yon  den  sünden.  30  diu  in  himelriche  ist:  alsd  grdz  ist  ez  ein 

ding  über  alle  menschliche  erkantnisse. 

vm. 

DER  KÜBELER.  ^' 

-,.    ,    ,.        ^.       ,      ^„^  ,        ,  DER  LESEMEISTER  ZÜO  DEN 

Em  brediger  ^ez  der  Kubeier,  der 95  AUGUSTINERN, 

ieite  an  einer  bredige  alsd,  daz  ein  geist- 

Hclier  mensche  weite  unserme  herren  abe  1 .  Der  lesemeister  von  den  Augustinern 

^  gegangen,  wan  in  diihte,  wie  er  zuo  der  sprach  alsd  t  dd  man  unsem  herren 
^ii  lidens  hete  ane  sine  schulde.  Dd  für  gerihte  fuorte ,  in  den  ziten  dd  was 
erschein  ime  unser  herre  und  sprach  alsd  40  ein  gewonheit,  daz  man  zehen  banier  uf- 
ZQo  deme  guoten  menschen:  sage  an,  reht  huop  in  des  rihters  hof,  do  man  ei- 
^'M  wilt  du  nu  tuen,  oder  waz  bristet  nen  menschen  wolte  verderben  oder 
dir?  Dd  sprach  der  guote  mensche:  ich  zwSne  oder  me,  und  diu  selben  banier 
It&n  alsd  yU  lidens  ane  alle  mine  schulde,  hatten  des  keisers  zeichen  und  huoben 
wamie  ich  entuo  nieman  kein  leit,  und  da  45  diu  euch  zehen  edel  man,  ie  der  man  eine 
Ton  enweiz  ich,  wie  ich  tuen  sol  und  en-      mit  sinen  henden  alle  die  wile  daz  man 


230  FB^NZ  PFEIFrEB 

gerillt«  hftte.  Dd  siu  nnsera  herren  Ibor-  in  gesotten,  daz  sint  £«,  £e  d4  (»bteiit 
ten  für  dai  gerihte  üser  Pilatus  hüs  in  und  vastent  und  sich  wol  bereitent  und 
den  hof  her  abe,  dd  w&ren  diu  zehen  enpfabent  in  mit  and4ht  und  wankest 
banier  gegenwertig.  D6  tet  unser  herre  dan  dar  naeh  abe  und  st&nt  denne  aber 
an  der  stette  ein  schoene  zeichen,  daz  was  5  wider  üf  und  siedent  in  also  dicke  and 
alsd ,  daz  in  allen  diu  zehen  banier  vor  dicke.  —  Die  dirten  ezzent  in  gebr&tcn. 
den  henden  abe  brachen  und  fielen  in  Daz  sint  die,  die  in  Ton  warer  miaue 
stücken  nider  üf  die  erde,  ez  were  in  leit  enp£lhent,  und  dai  sint  die  besten  und 
oder  liep.  Und  hie  mitte  zOigete  unser  die  seligesten. 
herre ,  daz  er  was  und  ist  eweclich  ein  10 
herre  über  alle  künige  und  alle  keiser.  XIU. 

2.  Der  lesemeister  zuo  den  Augusti-  ^^^  SCHÖLZELIN. 

nein  sprach  alsd,  daz  sant  Augustinus 

scbribet  als6 :    mensche ,   kanst  du  din  Der  Schölzelin ,  ein  barfuoze ,  sprsfik 

lebengewandeln,8dkan  euch  unser  herre  15  an   einer  bredigen^alsd:  dd  die  judca 
sin  urteil  gewandeln.  unsern  herren  viengen,  dd  waren  siu  sin 

alsd  begirig,  daz  ime  sine  zarten  föeze 
XL  nie  zuo  der  erden  kämen  oder  aber  gtf 

DER  VON  DURLACH.  ^^'^«'  ''^  *'"  l"  f"°  J«"»«^«»  ™  ^«^ 

20  geyangen,  und  diz  geschach  yon  grozem 

Der  Ton  Durlach,  ein  brediger,  sprach  getrange  und  von  gestoeze ,  daz  siu  ime 

also:  wil  ein  mensche  den  heiligen  geist  ane    täten.    —    £r  sprach   ouch:   sinre 

hän,  s6  sol  er  disiu  vier  ding  hän.     Daz  groesten  pine  einiu  was  diu,  daz  ime  der 

erste :  sin  herze  sol  itel  sin,  und  daz  ge-  zendäl  was  in  die  wunden  gefirorn ,  den 

schiht  Ton  riuwen  wegen  und  von  ein-  25  ime  dd  Herodes  hiez  ane  legen ,  und  dd 

valtiger    bihte    und    von   kiuschekeite.  man  in  bi  dem  criuze  abe.  zdch,  dd  zarte 

Daz  ander:  daz  der  mensche  sinen  lip  ime  der  selbe  zendäl  die  wunden,  die  er 

kestige,  alsd  yil  er  mag,  mit  Tastende  an  der  siulen  enpfangen  bette,  daz  sin 

und  mit   andern   guoten   dingen.     Daz  ime  alle  frisch  bluotende  Wurden.  -^  £r 

dirte:  daz  der  mensche  gerne  bette.  Daz  so  sprach  ouch,  daz  sinre  groesten  martei 

vierde  ist,  daz  er  gerne  daz  gottes  wort  einiu  were,  dd  er  wart  üf  das  criuze  ge- 

hoere.  werfen.     Da  hette  daz  criuze  strumpfe, 

Xn.  ^i^  wären  wol  spannen  lang,  die  stächen 

EIN  BARFUOZE  VON  BASEL.  ^®  *°  ''?^°  zarten  rücken,  daz  er  swer- 

35  lieh  yerseret  Wart.     Diz  schribent  aUez 
Ein  barfuoze  von  Basel  bredigete  alsd:      die  heiligen,  sprach  er. 
driger   bände    liute    enpfähent   unsern 
herren.     Die  ersten  ezzent  inalse  röwe;  XIV. 

daz  sint  die,  die  sich  niut  wol  hänt  be-  ^^^^^^^  *,-r^^v,T^^ 

.    .        '  ,  ..  BRÜODER  LÜDEWIG, 

reitet  gegen  unserme  herren  mit  rast-  40 

ende  und  mit  bettende  und  mit  andern  1.  Bruoder  Ludewig  sprach  an  einer 

guoten  dingen  und  enpfähent  in  doch  und      bredigen  also :  wilt  du  rehte  bihten  und 

gänt  danne  wider  hein  und  zürnent  mit      daz  dir  din  bihter  ouch  apläz  müge  ge* 

irme  gesinde  und  leben t  rehte  alse  vor      sprechen ,  sd  sich ,  daz  du  under  disen 

mit  Worten  und  mit  werken ,  als  obe  ez  45  fünf  dingen  keinez  an  dir  wizzest.     Das 

nie  geschehen  wdre.  --  Die  andern  ezzent      erste    ist   yientschaffc   gegen    ienanno. 


SPRÜCHE  DEUTSCHER  MYSTIKEK.  *S1 

?irh^^tnd^  ^01  wider  Msf«e      widerrert  ime.  .prichet  .«it  Aug«.  ««. 
iLe     D«  Tierde:  hast  d«  willen  *•  Bruoder  Ludew.g  «e.te  an  einer  bre- 

S«ldende.  Daz fünfte:  verswlgest  5  dige  von  ^^l^f^'^^^^J^^^XZ 
d«  keine  Bünde  wi«zentUchen  oder  muot-  otden.  Den  fraget«  m  appet  wie  er 
willecKohen  ror  rorhten  oder  «banden,      bettite  »der  waz  er  beUx^.    D6  spr^h 

2.  Bruoder  Ludewig  spr«sh  an  einer  er 'herre  nnd  lieber  jatter .  'ch  dberhse 
bredieaU«:  mensche,  dich  behebet  niut  alle  tage  dn«  buoch  «nd  m.t  d«  habe 
«rfer.ind.n»ünd«da..i«wider8penigioichonchge«nog«e  tuende.  Da^  erste 
wiUe  und  ein  träger  wüle.  Er  «ite  euch  ist  .war.:  au  dem  hw  .ch  alle  mme 
dium4reToueinem.der8prachzuo.ime  «ünde.  »"  "^"f**-  '^J^l^!. 
geseUen  ab«:  'whent  ir  di.en  munf?  i«»» «»"«  he"*»  1«"*"  «°^  v  .  ^1 
lundgreifandenmunt-darin« sprach  ™d  .in  heilige«  rö.erarwez  blnot  Dm 
er'k«metni.merwiBe.m6'.  Und  in  den  15  dirf  buoch  ist  gnl&n :  «/«'» '»« jJJ 
ahte  tagen  starp  er  und  wart  behalten,  den  «wigeu  nnsegeUchen  Idn.  den  uns« 
-Dr.elbe.praeh  aber  als«:  mensche,  »>•»«  allen  den  w.1  geben,  die  «nen 
bit  got  umb  einen  rehten  .in  und  umb  ein      '*n\l»B  tuont. 

gnotende. 

3.  Bruoder   Ludewig    .praoh    al8d:30  ^^• 

tmg,  lliuch  und  ruowe.  —  An  einer  an-  BRUODER  LEMPFBIT. 

dem  hredire   sprach  er  also:  SaI«mon  ....         .« 

sprichet:  wUt  du  gotte  wol  gerallen.  sd  1-  Blöder  Lempfrit.  em  A«g«.^ner. 

erbarme  dich  über  dlne  sSle.  -  Aber  an  ««»«  ««  ««"'  Predige  und  sprach  als« : 
eberandembredigespracherals6:wilta5m«»«he.  wilt  f«  durch  da.  röte  mer 
du  gottes  minne  reht  und  ganz  hdn.  s«  kernen  in  daz  gelobete  laut  (daz  ..t  durch 
Mete  dich  vor  tdtsflnden  und  l&z  dich  dise  weit  in  daz  himeWche).  sd  solt-  dtt 
riuwen  aUe  dlne  sünde.  die  du  getÄn  di.e  «wMf  wege  gan  Der  «rste  weg 
hüst.  und  l&z  dir  siu  leit  .in  und  flebe  «*:  hap  rehten  ganzen  knstenenglouben. 
dich  an  engenden  und  hap  keine  rigent-  SO  De'  ««der  weg  ist:  hab  starke  grdze 
«haftnocrhaznochgrollengegendhne  rtÄte  .«0Ter.±t.  Der  dirte  weg  ist:  du 
ebemne«fi!kw.  Ol,  irt  diu  rehte  w&re  wit  bihten.  Der  ylerde:  du  solt  yer- 
f>umvwrimv».     VW  j...„  u,^        jreben.     Der  fünfke :  du  solt  gelten  und 

gottes  mmne.  —  An  eu»er  anderen  bre-      geoen.     irw  ".  f 

digen  sprach  et  als«:  in  himeWche  ist  widergeben.  Der  sehste  «st:  du  solt  den 
Til  froiden,  die  ich  dir  niut  aUe  kau  noch  »5  Hüten  ir  6re  wider  geben.  Der  sibende : 
enmag  gesagen .  wan  ir  sint  wol  zwOlfe  du  solt  din  sölgerete  setzen  mU  sollicher 
h  genomen.  der  selben  mag  ich  dir  bescheidenheit.  daz  du  dine  rehten  erben 
nfiwent  drtge  gesagen.  Diu  Srste:  in  niht  erzürnest  mit beroubunge  des  erbes^ 
himeMcheistge1untheit&neallezwe.Dlu  Der  ahte:  *»•»•*""?  S'^Skä^ 
«.der:  d&  ist  jugentane alter.  Diudirte:«  .ünde.  Der  munde:  du  solt  frö'««e.l>&n 
da  ist  wünwhe  gewall  und  swaz  man  be-  «uo  gotes  erbermde .  als«  daz  dm  rmwe 
gert  oder  begere»  mag.  -  Er  sprach  üit  s«  gr«z  si.  daz  du  in  keine  Terzwire- 
oach:welerbriester  eine  me.se  liset  mit  lunge  vaUest.  Der  zehende  weg  ut: 
Mdibt.  der  engestirbet  des  tages  niemer  daz  dudenne  soltbegem  des  IMnlichamen 
kuBgers.  ^  stirbet  er  ouch  niut  eines«  «»•«"  h*"«-  »««  f^'-  ^f.^''^!! 
gShen  tMes,  .«  altet  et  de.  tage.  niut.      n&ch  solt  begem  des  heiligen  olei..  Der 


232  PBANZ  PFEIFFER 

zwölfte  und  der  jüng^ste  wegitt:  das  du      dan  ein  beiien  der  ewigen  s^lekeii  Am 
•olt  d4  naoh  gote  gehorsam   sin  zuo      allen  zwiTel. 
sterbende  oder  zuo  genesende,  wellez  sin  ^^ 

aller  liebester  wille  sige. 

2.  Bruoder  Lempirit,  ein  Augustiner,  5      £in  bruoder,  ein  barfuoze,  sprach  an 
Seite  an  einer  bredigen ,  daz  ein  heilige      einer   bredige    alsd:    swenne   diu  i^Ie 
schribet  alsd:  war  umbe  hat  got  eine      ruowet  an  einer  stat,  sd  wirt  siu  wise. 
dwige  helle?   Nu  ist  doch  diu  sünde  niht 

iwig,  wan  alliu  sünde  üf  ertriche  diu  XXI. 

muoz    zerg&n.     Des    antwurtite    unser  10  BRÜODER  MATHEÜS. 

herre  und  sprichet  also:  ich  engibe  niht 

ftwige  helle  umbe  die  sünde ,  diu  doch  Bruoder  Matheus  seite  an  einer  bre- 

muoz  zerg4n :  ich  gibe  nüwent  umbe  den  dige  alsd :  mensche ,  gedenke  dicke  an 
dwigen  willen,  den  ein  mensche  hat  ze  gotes  tdt  und  dar  nach  an  dinen  tdt,  daz 
Sündende.  Wan  wenne  ein  mensche  45  e^  muoz  sin,  und  hap  gots  vorhte  in  dime 
siech  lit  und  ez  gedenket:  genesest  du,  herzen.  Disiu  driu  ding  machent  dich 
du  enmöhtest  der  sünden  niemer  me  ge-  l^zende  alle  sünde. 
lizen,  und  stirbet  ez  denne  also,  sd  füert 

ez  mit  ime  einen  Ewigen  willen.     Dar  XXII. 

umbe  wirt  ime  ouch  diu  ewige  helle.        ?o  DER  HUNT 

XVI.  Ein  brediger  hiez  der  Hunt,  der  seit« 

^^^^^^_   „ aneinerbredige,dazeinweltwi8ermeistelr 

BRUODER  ÖRTELIN  SICKE.         %  x.    ^  ^         •  j.    -  -      jj. 

»,  M.^M.*a^xL^  axxjMMuu,  sprach  also:  ez  ist  nieman  wiser  dan  der 

Ein  brediger  der  hiez  bruoder  örtelin  Q5  mensche ,  der  da  lützel   hat  und  noch 
Sicke,  der  sprach  alsd :  riuwe  ist  ein  üz-      minre  begert  zuo  habende, 
gang  üz  den  Untugenden  in  die  tugende,  ^^  »eite   ouch  die   mere    yon  künig 

und  daz  sprichet  ein  heilige ,  sprach  er.      Alexander ,  dd  er  den  menschen  an  der 

strazen  Tant  ligende. 

xvn.  ,„ 

Ein  brediger  sprach  an  einer  bredigen  XXIII. 

alsd:  der  niut  wol  reden  kan,  der  s^ge  djjr  vON  AGHENHEOI. 

und  schine  ein  wiser  man. 

Der  Ton   Achenheim ,   ein  barfboze, 
Xvixx.  35  Bpf^^  ^^  einer  bredigen  alsd:  daz  aller- 

beste ist  an  dem  menschen  guotiu  er- 
BRÜODER  THOMAN.  kantnisse,  wan  siu  wert  uns  die  sünde 

Bruoder  Thoman  der  lesemeister  zuo  ^^  ^^^^^  »n*  ^a  v^»-  ^^^^  daz  uns 
den  Augustinern  sprach  alsd:  her  Sala-  behebet  daz  istblintheit  und  niut  anders, 
mdn  sprichet:  wer  got  vOrhtet  der  sümet  40  ^^  ^^n  mag  der  mensche  got  iemer gerne 
niuschent.  loben,  der  guote  erkantnisse  hit. 

^^-  xxnr. 

DER  VON  GABELSTEIN.  BRüODER  VOLÄIAR. 

Der  Ton  Ghibelstein,  ein  brediger,  sprach  45  1 ,  Bruoder  Volmar,  ein  barfhoze,  seite 
Alsd:  rehtitt  zuorersiht  ist  niut  ander«      an  einer  bredigen  alsd,  daz  nieman  ge- 


SPRÜCHE  DEUTSCHER  MYSTIKER.  233 

loaben  sol  an  das  wort:  ^ez  ist  ime  be-      —  Er  sprach  ouch:  wir  süllen  got  bitten 
schert*  umbe  ftiden  des  herzen ,  td  mügen  wir 

2.  Bruoder  VolmÄr  der  barfüoze  der  gotte  gedienen  deste  baz,  wan  ane  friden 
Seite  an  einer  bredie  also :  wer  sich  siner  sd  ist  ez  kümberlichen  gotte  ze  dienende. 
Sünden  rüemet,  daz  ist  der  groesten  sün-  5  2.  Der  Sperwer  sprach  aber  also : 
den  einin,  die  man  mag  rinden;  und  mensche,  tuo  dich  der  weite  abe  und 
sprach  ouch,  daz  unser  herre  eime  künige  trücke  den  lip  und  widerstant  dem  tiufel 
in  einer  stunden  sluog  umbe  die  selbe  und,kSre  dine  Vernunft  üf  ze  gotte. 
Sünde  fünf  tüsent  und  ahtzig  tüsent  man  3.  Der  Sperwer  sprach  an  einer  bre- 

nnd  hundert  tusent  man.  10  dige  als6:  wilt  du  gottes  lichamen  en- 

pf&hen,  86  solt  du  daz  gottes  wort  gerne 

XXV.  beeren  und  solt  riuwe  hän  umbe  dine 

DER  VON  FRANKEN.  '""''."  ^"^  »"'**'*  «  «tetbe«    ö  du  eine 

totsunde  tetest.  —  £r  sprach  ouch:  wilt 
Der  Ton  Franken,  ein  brediger ,  seite  15  du  gnot  hüben ,  so  fliuoh  die  weit  und 
an  einer  bredigen,  daz  sant  Jaoop  schribet      twing  dinen  lip  und  wer  dich  des  tiufeU 
alsd:  wer  daz  gotes  wort  beeret  und  niut      und  kere  dine  yemunft  üf  ze  gotte. 
dar  nich  wurket,  der  tuet  alsd  der  sieh 

besihet  in  eirae  Spiegel.     Wan  wer  in  XXVIII. 

einer  Spiegel  siht ,  so  er  dann&n  komet,  «0         d^r  yoN  TENNESTETTEN. 
so  Tergizzet  er  schiere  sin  selbes  bilde. 

Also  geschiht  ouch  deme,  der  die  bredige  ^^^  ^0°  Tennestette,  ein  brediger  und 

hceret  und  niut  dar  nach  würket.  ^^   hdher  lesemeister   zuo  KOlle ,  der 

sprach  also :  ich  weiz  wol ,  daz  man  mir 

XXVI.  25  ^'^  biutet,  swa  ich  bin  künig ,  und  daz 
Tfc  "D  c      CT  ™*'*  ^^^  ^^^  biutet  an  ezzende  und  an 

trinkende,     und  so  ich  sihe  ettewenne 

£in  barfboze  hiez  der  Sahse,  der  seite      einen  menschen  in  der  stunden  s6  ich  izze 

ui  einer  bredigen  also:   mensche,  waz      oder  trinke,  der  selbe  mensche  %ze  oder 

diB  herze  und  din  sele  begert,  dar  nach  30  trönke  ouch  gerne  und  enhat  niut,  und 

ist  ouch  din  sele  geschaffen  von  gote.  daz  sihe  ich  und  er  erbarmet  mich  und 

*  gibe  ime,  daz  ich  doch  wol  selber  4ze 

2XVII.  und  daz  min  n4türe  ettelicher  mäze  di 

da  von  beweget  würt.    Aber  swenne  idi 

DER  SPERWER.  ^^  ^^  ^^^^  ^^^  swelich  mensche  diz  tuot, 

1.  Der  Sperwer  zuo  unserr  ^)  firouwen  der  tuet  m^  |dan.  got  tete,  dd  er  himel 

brnedem  sprach  als6:  ich  ensorge  niut  und  erde  beschuof.     War  umbe?     Dar 

wan  ich  sterbe,  ehte  ich  nüwent  bereit  umbe:  dd  got  himel  und  erde  beschuof, 

bin  ze  sterbende.  —  Er  sprach  ouch  als6 :  d6  wart  ime  sin  natüre  nie  beweget  noch 
mensche,  du  solt  din  herze  gotte  geben  40  berüeret  und  enhatte  kein  leit  dar  umbe. 

ond  tuo  dich  der  creaturen  abe  und  yer-  Aber  swenne  ich  diz  tuo,  so  habe  ich  ein 

einige  dich  mit  gotte.     Und  diz  ist  der  wenig  leides  von  naturen,  oder  ein  ander 

gnint  und  daz  herze  und  diu  wurzel  aller  mensche,  der  ez  tuot. 
siner  bredige ,  die  ich  ie  von  ime  hörte. 


234  FRAKZ  PFEIFFER 

XXIX.  MH  disen  drin  kreften  mag  ein  mensche 

BRÜODER  ARISTOTILES.  ^**^   ^'^^   mensche   werden  nach  gottes 

willen. 

1.  Bruoder  Aristotiles  sprach  an  einre  2.BruoderSteinmareinbredigerspracfa 

bredie  aisd:  dasirdemminnesiben  betteler  5  als6:  der  den  andern  minnet  daz  ist  nint 

tuont ,  daz  tuont  ir  mir ,  sprichet  unser  anders  dan  der  eime  guotes  gan. 
herre  J^sus  Kristus,  und  da  ven,  mensche, 

sd  iein  anner  mensche  komet  an  din  hüs,  XXXI. 

b6  mäht  du  wol  sprechen:  wer  ist  da? —      ^^„  «,^,^^    „^^  -r^^^r  ^^^•.^^^t.t.xt 
r,.    .  ^  ,       ,.     *^         ^         .,  .         DER  PRIOL  ZÜO  DEN  BREDIGERN. 

Das  ist  her  Jesus.  —  Waz  wil  er  oder  10 


t  heischet  er?  —  Daz  sine.  —  Waz  Der  priol  zuo  den  bredigern  sprach 

wil  er  mir  gen  ?  —  Quoten  wuocher,  daz  an  dem  karMtage ;  herre,  ich  mane  dich, 
ist:  ewig  leben.  —  Waz  han  ich  von  daz  du  mensche  bist  worden.  $6  mane 
ime  enpfangen  ?  —  Allez  daz  ich  ge-  ich  dich ,  daz  ich  d jch  in  minen  henden 
leisten  mag,  daz  ist:  sele  und  lip  und  15  hin.  86  mane  ich  dich  an  din  heilig« 
*re  und  guot.  —  Waz  wil  er  dar  nach  bluot  und  an  dinen  heiligen  t6t  Hie 
tuen?  —  Er  wil  bi  dime  ende  sin  und  mitte  erlöste  ein  priester  eins  ritten 
wil  dich  geleiten  in  daz  ewige  riebe.  s^ie. 

3.  Er  Seite    ouah  die  mere  von  dem  yyXTT 

philosophdi  der  d6  an  des  küniges  porte  20 

kam  nackent  unde  bl6z  also  ein  buobe  ^^^  ?:üSE. 

und  in  der  torwerter  niut  weite  in  läzen,  Der  Küse  der  brediger  sprach  euch: 

wan  er  ungekleidet  was.     Und  d4  nach      üden  were  daz  aller  edelste,  wan  sin  nie 
gieng  er  enweg  und  l^hente  vehiu  oleider      nieman  würdig  wart  wan  got  alleine, 
an  und  dar  nach  wart  er  in  geläzen.         25 

2.  Aristotiles,  ein  brediger,  sprach  an  yxynr 

einer  bredige  also :    unser  herre  JSsus 

Bäristus  der  tet  allewegent  ein  zeichen  ^^^  ^^^  HAUJ;, 

der  gotheit  bi  eime  zeichen  der  mensch-  ,  1.  Der  Ton  Halle,  ein  barfuoze,  sprach 
eit  und  dÄ  mitte  zeigete  er  ouoh ,  daz  er  30  alsd:  cHverte  a  mcUo  et  fac  bormm.  Da« 
was  warer  got  und  warer  mensche,  alsd  stÄt  in  dem  salter  und  sprichet  ze  tiutsche 
dd  in  die  Juden  wolten  vahen,  dd  sprach  alsd:  ker  dich  von  dem  boesen  —  und 
er:  'ieh  binzf  nuwent  daz  eine  wort.  Dd  daz  ist  diu  sünde  —  und  tue  daz  guote. 
vielen  sin  alle  hinder  sich  rückelingen  —  Er  sprach  owh:  hüetest  du  dich  vor 
dar  nider,  und  was  daz  ein  zeichen  siner  35  den  sünden  und  verdienest  du  euch  niut 
gotheit.  und  anderwerbe  sprach  er  'ich  Idnes  von  guoten  werken,  sd  mäht  du  das 
bmz!'  und  lie  sich  dd  ane  grffen  und  dwige  leben  niut  wol  gewinnen.  Bist  du 
vahen,  und  daz  was  ein  zeichen  siner  aber  trege  und  laz  und  Idwe'zuo  gottes 
men«cheit.  dienste  und  vihtet  dich  der  Ifp  an  oder 

XXX.  40  diu  weit  oder  der  tiufel,  und  wilt  du  danoe 

BRÜODER  STEINMAR,  ^^^^  werden  und  gewillig  und  unver- 

drozzen,  sd  gedenke  an  vier  ding.    Daz 

1.  Bruoder  Steinmarlin  ein  brediger  drste  ist:  gedenke,  disiu  zit  ist  kun. 
der  Seite  alsd:  bescheidenheit  und  ver-  Daz  ander  ist:  gedenke  an  den  Idn,  daz 
nunft-und  wille  daz  sint  drige  krefte  der  45  ist:  diuunmezigeunzellicheungeseheHche 
seien,  die  got  dem  menschen  hat  gegeben.       fröide,  diu  dir  dar  umbe  wirt.  Daz  dirtc: 


SPEÜCHE  DEUTSCHER  MTSTIKER.  235 

g«deBke  aa  die  helle  imd  an  die  ^wige  weite  und  sluog  die  bühse  dem  prieater 
uflJideliche  pine.  Daz  Werde  Ut:  ge-  dz  der  hant.  —  An  der  selben  bredigen 
denk»  an  unser«  herren  liden  und  an  sine  seite  er  euch  die  mere  von  eime,  der  ror 
marte]  und  an  sinen  heiligen  tdt.  dem  walde  lag  und  sinen  gesellen  n4eh 

2.  Der  Yon  Halle,  ein  barfboze,  seite  s  eime   pfkffen   hiez    lonfen  mit  unserme 
aa  einer  bredien,  daz  zwei  sint,  die  ma-      herren  und  weiten  ime  sin  pfert  mit  der 
chent  uns  lebendig  an  der  s^len.     Daz      schalobeit  hin  genomen. 
erste  ist  bredie  oder  daz  gottes  wort. 

Daz  ander  ist  der  heilige  geist.    Wellen  XXXIV. 

w  au  kb«di,  weHen  «der  .«en.  so  ,o  ^^^  ^^^  STERNEGAZZe'. 

suUen  wir  daz  gottes  wort  gerne  und 

dicke  hoeren,   und  sfillen   zem  andern  l.DeryonStemegazze,  einlesemeister 

male  unsem  herren  bitten ,  daz  er  uns  zuo  den  bredigem ,  sprach  also  an  einer 
sende  sinen  heiligen  geist,  also  daz  uns  bredige  üf  den  Sünder:  wer  niut  riuweu 
die  Tier  wind«  dicke  ane  w%ent,  die  uns  15  mag  h&n ,  der  sol  sich  daz  riuwen  Iftn, 
da  machent  wol  tuende  und  uns  euch  daz  er  riuwe  niut  mag  h&n ;  wan  swer 
naebent  tU  gerne  reht  tuende.  —  Der  riuwe  gert,  der  wirt  doch  ze  jungest  ge- 
•rste  wint  das  ist,  daz  wir  süllen  dicke  wert  und  verUt  in  got  niemer.  —  Über 
gedenken  über  uns  an  die  himelsche  die  selbe  bredige  seite  er  die  m^re  ron 
&öide,  wie  wunneclich  und  wie  grdz  diu  20  dem  ritter,  der  dd  zuo  hüse  siech  lag 
ist.  Der  ander  wint  daz  ist,  daz  wir  und  ime  der  pfaffe  niut  unsem  herren 
dicke  Süllen  gedenken  under  uns  an  die  weite  gen  von  siner  grdzen  Sünden  wegen 
hellesche  pine ,  wie  unlidelich  diu  ist.  und  wolte  unscrn  hen*en  wider  hein  h&n 
Der  dirte  wint  daz  ist,  daz  wir  dicke  getragen.  Dd  bekam  dem  selben  pfaffen 
snllen  gedenken  hinder  uns  an  unser  25  'sant  Bemhart  under  wegen  und  hiez  in 
^orraren,  an  hern  Adam  und  an  alle  unsem  herren  wider  tragen. 
VBscr  altvetter  und  an  alle  die ,  ron  den  2.  An  der  selben  bredige  seite  er  euch 

wir  kernen  sin,  wie  ril  6ren  und  guotes.     die  m^re  von  dem  menschen,  daz  d4  zuo 
sin  hetten  oder  wie  sohoene  siu  wären      bihten  gieng  und  ez   der  priester  daa 
oder  wie  gewaltig  siu  wAren ,  daz  siu  30  gebet  l^rte   alle  fritage   ein   ganz  j&r 
doek  alle  tdt  sint  and  muosten  sterben,      alumbe  alsd: 
Cod  alsd  tflUen  wir  onch  gedenken,  daz  Schöpfer  aller  crdatüre, 

wir  den  selben  tdt  noch  müezen  liden,  wan  du  barmherzig  bist  Ton  nÄtüre, 

wir  enwizzen  aber  wenne  oder  wie  oder  s6  Ik  dich  twingen  diu  miltekeit 

wa.    Der  rierde  wint  ist,  daz  wir  dieke  85      und  sich  an  mine  swacheit, 
svllen  gedenken,  für  uns  an  daz  jüngeste  herre,  durch  dinen  bittem  tot, 

gerikte,  wie   wir  d&  müezen  rede  und  herre,  durch  diu  heiligez  bldt  [=  bluot] 

ftatwürte  geben  umb  allez  unser  leben,  hilf  mir  abe  mfner  not. 

Qod  waz  laaiers  und  waz  schänden  und  Und  der  mensche  kam  wider  zuo  dem 
jioiers  man  da  würt  sehende  an  den  40  priester,  dd  daz  j4r  umbe  kam  und  bih* 
Sündern,  und  waz  fröiden  und  wunnen  tite  anderwerbe.  Und  dd  er  geHhttte 
^d  lobes  man  da  würt  sehende  an  den  dd  starp  er  vor  des  priesters  engen  Ton 
gnoton.  dem  grdzen  riuwen ,  den  er  hatte ,  und 

3.  Der  Ton  Halle,  ein  barfuoze,  seite      fuor  ze  gotte.    Dar  helfe  uns  euch  unser 
gv  ein  sehoene  mere  ron  eime  riehen  45  herre.     Amen, 
ntaa ,  der  dd   nikt  bihten  noch  riuwen  3.  £r  seite  euch  an  der  selben  bredigen 


236  FRANZ  PFEIFFER 

TOD  eime  ritier ,  den  rerbranie  das  die  meister»  sprach  er,  daz  der  heideniche 
hellesclie  fiur,  wan  er  oiut  wolte  glouben  meister  baz  rette  dan  sant  Augustinus, 
an  daz  ^wangelium,  daz  da  sprichet:  der  d4  sprach:  man  sol  got  minnen  also 
wer  sich  nidert  der  wirt  erhoehet,  aber  daz  kein  wanimbe  noch  kein  danimbe 
wer  sich  hoehet  der  wirt  genidert.  5  d4  si.     Wan  man  sol  daz  beste  minnen 

4.  Er  Seite  euch  dar  nach  an  einer  durch  daz  beste;  wan  got  daz  aller  edelste 
bredigen ,  daz  sant  Bernhart  sprichet  ist,  so  minne  in  durch  sine  edeJkeit. 
als6:  siben  ding  kerent  mich  ze  gotte  6.  Au  einer  andern  bredien  seite  er 
und  ziehent  mich  ron  den  Sünden.  Daz  die  mere  von  eins  herren  sun  zuo  Paiis, 
^rste  i^t  schäme  der  sünden.  Daz  ander  10  der  was  nüwent  zwelQerig  und  wart  ein 
ist  Torhte  der  hellen.  Daz  dirte  ist  brediger  und  sprach  zuo  sinem  yatter: 
vorhte  mines  tddes.  Daz  vierde  ist  rorhte  mich  haut  driu  ding  har  in  dize  clöster 
der  stunden.  Daz  fünfte  ist  yorhte  der  braht.  Daz  erste  ist  schäme  der  sünden. 
wise  des  tddes.  Daz  sehste  ist  zuover-  Daz  ander  ist  vorhte  der  hellen.  Du 
siht  der  ewigen  fröiden.  Daz  sibende  ist  15  dirte  ist  diu  fröide  des  himelriches. 

diu  miltekeit,  diu  an  gottes  erbermede  7.  Er  seite   euch   die  mere  von  der 

ist.  Und  Seite  euch  die  mere ,  wie  daz  tohter,  diu  iren  yatter  und  ir  muoter  zao 
unser  frouwe  küsterin  wart  in  eime  clöster,  t6de  stach  und  dl^  n4ch  wart  ein  oiSenin 
und  Seite  euch  daron  sant  Nycasien,  wie  Sünderin.  —  Er  sprach  euch  den  sprach: 
er  und  sin  meister  einen  altar  mähten  in  20  wer  in  einer  t6tsünden  ist,  der  mag 
Kriechenlant  unserme  herren  ze  lobe  und  siebtes  keinen  riuwen  haben  wan  alleine 
ze  eren,  e  daz  siu  in  ie  gesehen.  Ton  gottes  gnaden.     Da  yon  süllenwir 

5.  Er  Seite  ouch  aber  an  einer  andern  got  flizeclichen  ane  ruofen. 
bredigen  (von)  sancte  Nyclawese  zuo  den  8.  Der  von  Sternegazze  ein  lesemeisier 
hunden  und  sprach  alsd :  swenne  du  dine  25  zuo  den  brediem  seite  an  einer  bredigen, 
andaht  kerest  an  toetlichiu  ding,  sd  sint  daz  got  niemer  keinen  menschen  lat  in 
dir  wilde  alliu  himelschiu  ding  und  sint  tötsünden  verderben  noch  sterben,  wan 
hinder  dir.  —  Er  sprach  ouch :  wer  ein  durch  einer  sache  willen :  daz  ist  fireven- 
guot  mensche  ist  oder  wil  sin  oder  wil  liehen  sünden,  und  sprach  dd:  werfireven- 
ane  vahen  ze  sinde  ein  guot  mensche,  30  liehe  sündet,  der  hat  driu  stücke  an  ime. 
der  muoz  dirre  driger  dinge  einz  hau  Daz  erste  ist:  sünden  mit  willen.  Daz 
oder  zwei  oder  alliu  driu.  Er  muoz  zem  ander  ist:  mit  willen  in  den  sünden bliben. 
ersten  sehen  an  diu  göttelichen  werg  Daz  dirte  ist:  mit  willen  in  den  sünden 
oder  er  muoz  minnen  die  ewekeit  oder  er      sterben. 

muoz  tugentliche  würken ,  und  diz  ist  39  9.  Er  seite  ouch  an  der  selben  bredige 
notdürftig  eime  ieclichen  guoten  men-  als6:  ist  ein  mensche  in  tdtsünden  und 
sehen.  —  Er  sprach  ouch :  ein  ieclich  schönet  sin  got  in  den  sünden  und  bezzert 
geist  ist  gestellet  in  drige  wege  also,  er  sich  danne,  daz  ist  ein  zeichen,  daz  er 
zem  ersten  male:  kein  stat  mag  in  der  behaltenen  einer  werden  sol.  Ist 
besliezen.  Zem  andern  m41e :  kein  zit  40  aber  daz  er  sich  niht  bezzert  und  sich 
ina^  in  gemezzen.  Zem  dirten  male:  allewegent  boesert,  daz  ist  ein  zeichen, 
kein  creatüre  mag  in  betwingen.  daz  er  verlorn  sol  werden. 
' —  Er   sprach   ouch:    sant  Augustinus  10.  Er  sprach  ouch  alsd:  ist  daz  er 

schribet  als6 :  Wer  got  minnet  dar  umbe,  sich  boesert  allewegent  und  doch  mit  dem 
daz  er  ein  guot  löner  ist,  deristniut45  boesemde  allewegent  ie  m^  und  ie  me 
Tollekomen  an  der  minne.  Da  von  wellent      riuwen  hat,  daz  ist  ouch  ein  zeichen,  daz 


SPROGHE  deutscher  MYSTIKER.  237 

ime  got  doch  Tor  sime  tdde  die  hant  wil  14.  An  einer  andern  bredigen  Seite  er 

reichen  und  sich  Aber  in  erbarmen  wil  und  sprach  alsd:  bist  du  in  tdtsünden  und 
alsd  daz  er  rehten  rinwen  gewinnet  umb  mäht  niut  riuwen  hän ,  sd  tuo  disiu  driu 
alle  sine  sünde.  ding.     Daz  ^rste  ist:  du  solt  ddmüetig 

f  11.  Dd  Seite  er  an  der  selben  bredige  5  in  den  Sünden  sin.  Daz  ander  ist:  du 
ein  mhe  ron  eime  Juden,  wä  der  unsers  solt  dine  Sünden  ror  ougen  hän  und  solt 
herren  martel  saeh  gem41et  stAn ,  dÄ  siu  dicke  gote  clagen  mit  eime  weinen- 
sprach er  alsd  disiu  wort:  Schöpfer  und  den  herzen.  Daz  dirte:  du  solt  in  dicke 
loeser,  rihter  und  behalter,  bist  du  got  siner  wunden  manen ,  daz  er  dir  dine 
und  mensche,  sd  erbarme  dich  über  mich  lo  Sünden  rergeben  welle  durch  siner  grözen 
umen  sündigen  menschen.  Und  eines  minne  willen,  die  er  zuo  dir  hÄt  gehebet 
mäles  sach  er  unsem  herren  tragen  einen  und  zuo  allem  menschlichem  künne. 
priester  an  dem  wege  und  er  kniuwete  15.  Der  von  Stemegazze  seite  aber 

Bider  mit  den  cristenen  liuten  und  sprach  an  einer  andern  bredien,  daz  zwölf  ding 
aber  diu  wort  und  wandelte  aber  daz  I5  sint  und  hat  diu  ein  mensche  an  ime,  der 
wort  alleine,  daz  dik  sprichet:  bist  du,  in  tdtsünden  ist,  got  der engelät  in  niemer 
nnd  sprach  alsd:  schepfer  und  erloeser,  rerzwiyeln,  er  l&t  in  ouch  niut  Ane  riuwen 
rihter  und  behalter,  wan  du  bist  got  und  sterben,  er  lät  in  ouch  niut  in  sinen  sün- 
mensche ,  s6  erbarme  dich  über  mich  den  rerderben.  HSt  der  mensche  disiu 
armen  sündigen  menschea  Und  ein  20  ding  niut  alle  zwölf  u,  sd  habe  er  ir  aber 
kristen  warf  in  mit  eime  steine  an  den  sehsiu.Hdt  er  sehsiu  niut,  sd  habe  er  ir  driu. 
köpf,  daz  er  zehant  tdt  lag,  wan  er  winde,  HSt  er  diu  driu  niut,  sd  habe  er  ir  zwei, 
daz  er  der  cristenen  spottite.  Und  der  Hdt  er  diu  niut ,  sd  habe  er  einez.  H^t 
priester,  der  unsem  herren  truog,  der  er  des  niut,  sd  habe  er  joch  einen  friunt, 
sach  die  heiligen  engel  die  s61e  enpf&hen  25  der  ir  einez  habe ,  in  des  gebet  er  sich 
and  fuorten  siu  in  daz  ^wige  riebe.  Dar  berelhe.  Daz  Srste  ist  also:  mane  got 
helfe  uns  got  allen.     Amen.  siner  wunden.     Daz  ander:   clage  ime 

12.  An  einer  andern  bredigen  seite  dine  sünde.  Daz  dirte:  bit  in,  daz  er 
er,  daz  drin  ding  sint,  diu  irrent  den  sich  über  dich  erbarme.  Daz  yierde: 
n'owen  an  eime  ieglichen  menschen.  Daz  SO  niofe  die  heiligen  an.  Daz  fünfte:  be- 
erst« ist;  freyenliche  in  den  Sünden  sin.  yilch dich  in  guoterliute  gebet,  aber  aller- 
Daz  ander:  Terzwiyeln  an  gotes  gnaden.  meist  in  die  messe  der  priester.  Daz 
Daz  dirte  ist:  hdchyertig  sin  in  den  ge-  sehste:  erbarme  dich  Über  arme  liute. 
bresten  der  sönden.  Daz  sibende:  wis  gedultig.     Daz  ahte: 

13.  An  der  selben  bredien  seite  er  95  hap  ein  demüetig  herze.  Daz  niunde: 
<mch  die  m^e  yon  dem  ritter,  der  abe  erkenne  daz  du  ein  sÜnder  bist.  Daz 
Verbürge  reit  und  ime  ein  priester  be-  zehende:  üebe  dich  an  guoten  werken, 
kam  und  Idrte  in  der  diu  wort  alsd  Daz  eilfte:  hap  einen  guoten  willen  dich 

barmherziger  schepfer  aller  crlatüre,  zuo  bezzemde.  Daz  zwölfte :  bist  du 
wan  du  barmherzig  bist  yon  n&türe  40  des  willen  niht,  sd  beger  aber  eines  guo- 
barmherziger  got,  erbarme  dich  über  mine  ten  willen.  Hast  du  des  niht,  sd  hap 
Sünden.  Und  der  selbe  ritter  wart  kürz-  doch  einen  friunt ,  der  dirre  zwölf  dinge 
lieh  dar  nach  in  einen  kalkoyen  ge-  einez  habe.  Du  solt  ouch  wizzen ,  daz 
worfen  und  yerbrante  dar  inne  ze  tdde,  siu  dir  niut  daz  himelriche  mügen  er- 
nnd  kam  dd  har  wider  zuo  dem  selben  45  werben:  siu  bewegent  aber  gotes  er- 
priester.  beimde,  daz  er  dich  bekdrt  yoa  dinen 


238  FEANZ  PFEIFFEB 

Sünden,  und  daz  du  denne  das  himeMche  an  einer  bredig^i  ab^:  mensdie,  duioU 

erwirbest  mit  der  riuwe.  got  biten  umbe  din  bestes,  van  erta«t 

16.  Der  von  Stemegazze,  ein  lese-  nüwent  din  bestez  und  niht  din  liebestei. 
neister  zuo  den  bredigern ,  der  seite  aa  Da  von  bit  in  alsd. 

dem  grüenen  dunderstage  aisd :  weralliu  5  21.  Der  von  Stornegazze  seite  an 
zerganglichiu  ding  begit  durch  got,  den  einer  bredigen  und  sprach  alsd :  wellichez 
menschen  mag  niemangetroestenwan  got  mensche  minne  hat  zuo  gotes  windei, 
mit  ime  selber.  Er  sprach  ouch:  man  dem  werdent  zwOlf  gäben  dar  umbe.  Der 
sol  got  dar  umbe  enpfaheo,  daz  er  rer*  habe  ich  drige  hie  gesehriben,  die  ge- 
einet werde  mit  dem  menschen  als6  ein  10  tielen  mir  ouch  aller  beste.  Dia  erste 
gelide,  also  daz  er  sin  niut  yergezze.  gäbe  ist  diu:  daz  gfot  den  menschen  in 

17.  Dar  nach  an  dem  östertage  seit«  der  gnade  behebet.  Diu  ander:  daz  in 
er  aber  an  einer  bredige  gar  eine  schoene  got  niemer  lät  ersterben  äne  rehtes 
m^re  Ton  eime  einsidel.  Der  wart  zwi-  riuwen.  Daz  dirte:  daz  in  diu  selbe  minoe 
yelnde  und  unglöubig  an  fünf  dingen.  15  bringet  äne  vegefiur  in  daz  himeliiehe. 
Zno  dem  ersten  male  z^velteer,  wie  22.  l^r  sprach  ouch,  obe  ein  mensche 
ein  juncfrouwe  möhte  sin  eine  muoter  spreche :  herre,  ich  enhän  der  min&e  nihi, 
und  eine  maget.  Zuo  dem  andern  male,  s6  sol  er  ir  aber  yon  herzen  begern,  3^ 
wie  got  und  mensche  miteinander  möhte  wirt  er  dirre  Tor  genanten  gäben  teil* 
gesin.     Zuo  dem  dirten  male,  wie  got  20  haftig. 

möhte  ersterben.  Zuo  dem  yierdenmäle,  23.  Er  sprach  ouch,  daz  Isidorus  ein 

wie  er  wider  möhte  erstän  yon  dem  t^de.  heilige  schribet  also:  sünde  mag  niatce 
Zuo  dem  fünften  male,  wie  sich  get  eine  gr4z  gesin ,  ir  enmag  ouch  niht  ze  tU 
möhte  gegeben  under  der  forme  des  gesin,.  diu  zit  mag  ouch  niht  ze  iMHf 
brdtes.  Des  wart  er  alles  bewiset  von  96  gesin ,  die  der  mens«be  mit  Sünden  rer* 
eime  engel.  triben  bat,  wan  got  minoet  niht  der  lit 

18.  Der  yon  Sternegazze  d^  lese-  wan  nach  der  groeze  der  Sünden,  nach  der 
meister  bredigete  an  unser  frouwen  tage  manigvaltekeit  der  sünden.  Er  minnet 
in  der  yasten  gar  wel  und  spradi  alsd:  nüwent  des  menschen  herze;  wan  10 
ein  demüetig  herze  ist  niut  anders  dan  30  nuwent  der  mensche  ersiufzet  umbe  sine 
daz :  -erkenne  dinen  gcbresten  und  bit  got,  sünde,  s6  begnadet  in  got  und  yergit  im« 
daz  er  sich  über  dich  erbarme,  und  sprich      sine  Künde« 

alsd :  herre,  ich  erkenne  minen  gebr«steB,  24  An  dßx  «elfaen  bredige  seite  er 

erbarme  dich  über  mich ;  und  wer  diz  ao  ouch  die  mere  yon  dem  ritter,  der  d6  foot 
ime  hat,  den  mag  got  niemer  yerlän.  Er  S5  zuo  dem  heiligen  grabe.  Und  dd  er  ksm 
bewerte  ez  ouch  mit  Däyide  i^  dem  salter,  an  die  «tat,  da  ujaser  herre  ze  himel  fiior, 
der  sprichet  alsd:  jt^ta  eat  deu$  üitist  dd  sprach  er  alsd:  herre,  nu  mag  ich  niht 
qui  tribulato  &un^  carde  tt  soLvdUt  to$  näher  zuo  dir  koDien*  Da  yon  sd  kom 
(Ps.  33,  19.).  Er  sprach  ouch:  mensche,  du  aio  mir.  Bin  ich  des  niut  würdig,  s6 
gßhap  dich  wol,  got  nimet  dich  ntt?eat40  nim  du  juich  zuo  dir.  Mag  aber,  herre, 
an  dem  besten  yon  hinnän.  des  niut  sin,  sd  gip  mir  die  minne  diotf 

.  19.  Er  sprach  ouch,  daz  sant  Au-  wunden.  Und  üf  der  stat  dd  seig  tf 
gustinus  schribet,  daz  er  nie  gel^se  noch  nider  und  was  tdt  von  der  miane,  die  tf 
nie  gesehriben  fünde,  daz  ie  kein  demüe-  dd  gewan  zuo  gutes  wunden ,  und  bt^ 
tag  herze  ie  yerlorn  würde.  46  in  daz  himelriohe  zuo  gote.     Dar  helft 

2.0.  D«r  "yon  Sternegazze  def  spcaeh      uns  ouch  got  allen.     Amen. 


SPROCHE  deutscher  MYSTIKER.  2^9 

XXXV.  ^^  gedenkest:  «eh,  di  eder  dk  Wfti  mir 

BHÜODER  TÜRING.  •  "^^k' n^      .        a^         •  -.       u 

5.  Do  Seite  er  da  an  einer  andern  bre- 

1.  Diz  Seite  allez  bruoder  Tflring,  ein  digdn  und  sprach :  ez  sint  filnf  ding,  diu 
brediger,  an  einer  ixredigen.  £r  sprach  •'  5  irrent  daz  reht  und  machent  unreht  siiQ 
wilt  du  dins  herzen  wol  hüeten ,  sd  h9ig  rehte  und  machent  reht  zuo  unrehte. 
fünf  ding  in  dlme  herzen.  Daz  erste  ist  Daz  eine  ist  Jiebe.  Daz  ander  ist  rorht« 
daz:  hap  alle  stunt ieit  umbe  dine  sünde.  oder  gewalt.  Daz  dirte  ist  miete.  Daz 
Daz  ander:  gedenke  an  dinen  tdt.  Daz  vierde  ist  yientschafb  Daz  fünfte  ist 
dirte:  gedenke  an  daz  jttngeste  gerihte.  lo  unwisheit.  Hie  mite  huop  er  die  bredige 
Daz  Tierde :  behap  daz  gotes  wort  und  an  und  spracfar:  ez  sint  ouch  fünf  ding, 
gnoter  liute  lere.  Daz  fünfte :  hap  gotes  diu  irrent  der  sSlen  heil  und  alle  guottStf. 
minae  in  dime  herzen  und  gedenke ,  wie  Daz  ein  ist  unmuoze  umbe  lipliche  ndi« 
er  dich  geminnet  hat.  dürft.   Daz  ander  ist  Tigentschaft  in  dem 

2.  £r  sprach  euch :  sant  Augustinus  19  herzen.  Daz  dirte  ist  schäme.  Daz 
schribet  alsd  und  sprichet:  ez  sint  sehs  vierde  ist  glttcke.  Daz  fünfte  ist  un- 
ding»  der  begert  alJiu  diu  weit  jung  und  glücke. 

alt.     Daz    erste   ist  gesuntheit.      Daz  6.  Dd  sprach  er  da:  wilt  du  ein  rehte 

ander  ist  schoene.  Daz  dirte  ist  libes  fridesamez  herze  hän  allewegent,  sd  hap 
gelust.  Daz  vierde  ist  Sterke.  Daz  fünfte  20  süben  ding  bi  dir»  schribet  ein  heilig»» 
ist  vil  guotes.  Daz  sehste  ist  gemach.  diu  wil  ich  dich  ISren.  Daz  ein  ist : 
Dar  üf  schribet  sant  AugustinuSy  sprach  hüete  dich  Vor  sünden.  Daz  ander  ist: 
er,  und  sprichet  als6 :  ez  ist  allez  niuts-  besorge  kein  ding,  daz  dich  niut  ane  g4t. 
niht»  man  sol  des  herzen  begerunge  ze  Daz  dirte  ist:  nim  dich  niut  m4  ane  danne 
gote  keren,  wan  da  vindet  man  alle  !tf  dir  berolhen  ist.  Daz  vierde:  Üz keine 
frdide ,  also  ouch  sant  Paulus  schribet»  vjgentschaft  in  dinem  herzen  hüben.  Dajs 
man  sol  daz  herze  in  got  stecken,  wan  fünfte:  hap  gedultekeit  Daz  sehste: 
daz  ist  daz  aller  beste,  daz  der  mensche  du  aolt  gerne  betten.  Daz  sühende:  slach 
getuon  mag  üf  disem  ertliche.  diniu  ougen  nider  und  besliuz  diaiu  ^r#9 

3.  Er  Seite  ouch,  daz  sant  Augustinus  30  vor  üppekeit,  diu  schade  sie. 

schribet  also:  wenne  ein  mensche  bihtet  7.  D6  s^ite  er  aber  an  einer  bredie 

mit  flize,  vergizzet  er  eteliche  sünde,  got  und  sprach :  sant  Bemhart  schribet  »ls6 : 
tttot  ime  underzweineinez:  antweder  er  herre,  swenne  du  zümeei^  sd  zürnest  du 
Ter^t  ime  die  sünde  oder  offent  ime  die  niut;  swenne  du  niut  zürnest,  s^  zürnest 
Sünde.  85  du.    Daz  meinde  er  alsd.    Swanne  unser 

4.  Er  Seite  ouch,  daz  sant  Augustinus  herre  der  liute  firiunt  wil  sin ,  sd  sendet 
schribet  alsd:  mensche,  wilt  du  wizzen,  er  sine  schüzzele  in  diso  weit  mit  siech- 
wenne  du  lüterlich  hast  gebihtet,  daz  tagen  oder  mit  eteilcher  bände  unglüdiE% 
ioerke  an  vier  dingen.  Daz  erste  ist:  s6  zürnet  er  üf  ein  bezzerz.  Sd  er  aber 
daz  dir  gotes  dienst  ein  süezekeit  in40  der  liute  vient  ist,  sd  14t  er  ez  in  gar 
dioem  herzen  ist.  Daz  ander  ist:  du  wol  gan  in  dirre  weite  und  enzürnet  niwk^ 
dienest    gote    unverdrozzenliche.     Daz      alsd  ich  di  vor  sprach. 

drite:    gazt   du  ungeme    an  die   stat,  8.  Er  seite  ouch  an  der  selben  Erediea 

dann4n  du  niht  mäht  komen  äne  schaden,  die  mSre  von  sante  Justinen ,  wie  ir  det 
Daz  vierde:  hÄst  du  keinen  woUuat  ml  tf  jüngeJing  seite  von  dem  liwangelid  und 
mit  den  sünden  in  dime  herzen,  alsd  das      wie  er  m  bek&rte.    JPd  mJ^  er  oudi 


240  FRANZ  PFEIFFER 

die  mute  Ton  der  juncfirouwen,  diu  dk  dan  mit  gote.  Daz  ist  diu  erste  sache. 
enthdbetet  wart  und  ir  sele  die  rdsen  har  Diu  ander  sache :  ez  ist  euch  dicke  gotes 
wider  brihte  in  eime  körbelin.  schult»  wan  er  wil  uns  mite  yersnochen, 

9.  Dd  Seite  er  aber  d&  an  einer  bredien,  obe  wii"  von  uns  selber  iht  mügen  getuon. 
das  sant  Gregorius  schribet  eine  schoene  5  D&  von  ziuhet  er  die  gnade  ron  vaa. 
rede  und  sprichet  alsd:  man  martelt  nu  Zuo  dem  dirten  male  sd  ist  ez  etewenne 
iiieman  m^  alsd  hie  vor,  weder  mit  swer-  öuch  des  tiufels  schult;  wan  wenne  er 
ten  noch  mit  fiure  noch  mit  keiner  slahte  siht«  daz  ein  mensche  einen  boesen  willen 
wäfen.  Aber  doch  sd  machent  yier  ding  hat  in  sinem  herzen,  so  r^tet  er  dar  zuo 
«inen  ieclichen  cristenen  menschen  der  10  waz.  er  boesez  mag ,  daz  ein  mensche 
martellre  gendz,  der  siu  an  ime  hat.  Daz  yarn  lat  alle  guottete  und  ie  me  rer- 
inte  ist  gebreste  in  genuhtsame ,  also  yellet.  Wilt  du  dis  alles  abe  sin,  sprach 
daz  ein  mensche  wol  genuog  hete  und  der  altvater,  so  tuo  driu  ding.  Daz  erste 
ime  selber  abe  brichet  durch  got  an^dem  ist:  wan  ez  din  schult  ist,  sd  mache  dich 
ezzende  oder  an  der  spise  und  an  den  15  unmüezig  eteswä  mite,  daz  doch  guot  si. 
kleidern  und  an  dem  släfe.  Daz  ander  Daz  ander :  sd  ez  gotes  schult  ist,  s6  ver- 
ist  kiuschekeit  in  der  jugent ,  also  daz  zwiyele  nint  und  bete  vaste.  Daz  dirte: 
ein  mensche  den  lip  überwindet  und  den  s6  ez  des  tiufels  schult  ist,  so  mache  ein 
sfinden  widerstät  in  der  jugent.  Daz  dirte      kriuze  für  dich. 

ist  gedultekeit  in  ungelücke.  Daz  yierde  20  12.  Er  seite  euch  an  der  selben  bre- 
ist:  wer  sime  yigende  yer^t  und  über  dien  ein  gar  guote  lere.  Die  schribet 
siu  bitet.  sant  Bernhart  also:   wan  ein  mensche 

10.  Dar  nach  seite  er  an  einer  bredi-  siner  sünden  ist  lidig  worden,  beide  ron 
gen  und  sprach:  sant  Gregorius  schribet  riuwe  und  yon  bihte  und  yon  buoze  we- 
alsd:  mensche  wilt  du  wizzen,  wenne  du  25  gen,  wil  er  denne  wol  behüetet  sin,  das 
&ne  alle  tdtsünde  bist,  sich,  hast  du  denne  er  dar  nach  niut  me  in  sünde  yalle,  sd  sei 
nüwent  gebihtet  liuterlich  oder  sd  du  er  driu  ding  in  sime  herzen  han  alle- 
liuterlicheste  mäht ,  sd  merke  yier  ding,  wegent.  Daz  erste  daz  ist :  minne,  wie 
Daz  ein :  riuwent  dich  dine  sünde,  die  da  in  got  geminnet  hat,  alsd  daz  er  gedenke: 
hin  sint.  Daz  ander:  hast  du  guoten  30  in4,  14  yarn !  got  leit  den  tdt  durch dinen 
willen,  dich  ze  hüetende  yor  den  Sünden,  willen.  Daz  ander  ist:  schäme  der  sün- 
die  dk  künftig  sint.  Daz  dirte:  ist  dir  den,  alsd  daz  er  sich  schäme  der  bdsheite 
gottes  dienst  und  sin  wille  lihte  ze  tuende  ze  tuende ,  wan  ez  got  niut  ungerochen 
in  d!me  herzen.  Daz  yierde  ist  dir  swere  lat.  Daz  dirte  ist  yorhte  der  hellen  und 
wider  ze  yallende  in  die  sünde  oder  wider  35  des  jüngesten  gerihtes,  und  d&  wirtalliu 
ze  g&nde  an  die  süntlichen  stete.    Hästu      bdsheit  geo£fent. 

disiu  yier  ding  an  dir,  sd  wizzest,  daz  du  13.  An  einer  andern  bredige  seite  er 

bist  &ne  alle  tdtsünde.  ouch :  sd  ein  mensche  zwiyelt  an  eteli* 

11.  Bruoder  Türing  seite  an  einer  chen  sünden,  obe  er  siu  habe  get4n  oder 
bredie,  daz  ein  altyater  was,  denyrägete40  niut,  sd  sol  er  siu  doch  bihtenundsol 
•in  junger,  war  umbe  er  etewenne  me  alsd  sprechen:  herre,  habe  ich  die  sfind« 
gn4den  ze  gote  hete  und  gerner  betite  getan,  sd  gibe  ich  mich  ir  schuldig.  Habe 
dan  zuo  einer  andern  zit.  Dd  sprach  der  ich  siu  aber  niut  getan,  sS  gibe  ich  mieb 
altyater:  daz  kumet  yon   driger  hande  ir  niut  schuldig. 

sache.  Von  dins  selbes  wegen ;  wan  du  45  14.  £r  seite  ouch  yon  den,  die  di 
din  hene  bekumberst  mit  andern  dingen      indewendig  guot  sint  an  dem  herzen  usd 


SPBÜGHE  DKÜT8CHER  MTSTIKEIt.  241 

JiMwendig  niat gaot  sint»  wiedaz  sohade  s%  inne  geswigent,  d4  rriget  der  geschaffene 

was  sin  geDt  den  Uuten  boesiu  bSzeiohen.  geist  den  ongeschairenen  got  nÄeh  der 

15.  Brnoder  Türing  seite  an  einer  gotheii,  wie  er  sich  nü  halten  sttle,  wan 
bredige,  daz  sant  Paulus  schribet  alsd:  er  enmag  niht  ruowe  haben  an  deheime 
wellen  wir  mit  gote  erstan,  sd  müezen  5  geschaffenen  dinge,  dft  Yen  ad  muoz  er 
wir  onch  mit  gote  ersterben,  wan  unser  sich  neigen  in  die  irre  kraft  des  yater. 
herre  hete  fiunf  ding  an  ime  Tor  sime  da  wirket  er  alleine  in  der  stillen  einikeit 
tode.  Daz  erste  was,  daz  er  gap.  Daz  diu  werk,  diu  ime  gelfch  sint.  Diu  werk 
ander  was,  daz  er  Tergap.  Daz  drite  diu  weiz  diu  sele  niht:  sie  sint  über  ir 
was,  daz  er  betite.  Daz  yierde :  er  was  10  Terstantnisse.  mit  sinnen  mag  si  in  niht 
gedoltig.  Dazf&nfte:  er  starp  &ne  sände.  begrifen,  sie  werden  ir  dan  geoffenbÄret. 
Diu  fünf  ding  muoz  ouch  ein  ieclich  yon  der  kraft  des  vater.  Da  berihtet  sich 
meosche  an  ime  hin ,  der  dk  mit  gote  diu  stille  vrage.  Alse  ir  diu  gütlich  werk 
wil  ersten  an  dem  jQngesten  tage.  geoffenbiret  werden ,    der   si   vor  niht 

16.  An  einer  andern  bredigen  dar  15  wiste;  da  enpflhet  si  underscheit  got- 
näch  Seite  er ,  daz  ein  heilige  schribet      Ucher  werc  unde  crdatüre  werc. 

alsd:  mensche ,  wilt  du  st^te  bliben  an  Diu  fridesame  ruowe  ist  daz  man  ruowe 

tugentlichen  guoten  werken,  daz  du  niht  habe  yon  allen  geschaffen  dingen  unde 
wider  in  die  sunde  yallest,  sd  hap  süben  geeineget  si  in  daz  einige  ein. 
ding  in  dime  herzen.  Daz  6rste  ist:  du  20  Diu  sl4fende  wakerheit  ist  daz  man 
solt  gerne  beten.  Daz  ander  ist:  du  slafe  aller  der  dinge ,  dÄ  yon  man  trdst 
Mit  kinsche  sin  an  allen  yerlazenen  enpfilhen  mag,  unde  waker  si  an  allen 
dingen  und  an  ezzenne  und  an  trinkence.  den  Sachen,  die  uns  in  got  gfeeinigen  mügen . 
Daz  dirte:   da  solt  dicke  bihten.     Daz  Diu  nüehterlinge  trunkenheit  ist  daz 

Tierde:  du  solt  dich  hfieten  yor  boeserjs  wir  nüehterlingen  sin  aller  inyelle,  ez 
geselleschaft  Daz  fünfte:  du  solt  dich  sin  gedanke,  üppeklich  zit  yliesen  alder 
bevelhen  in  guoter  liute  gebet  und  solt  in  f^ide,  diu  gotes  niht  ist,  der  suln  wir 
din  almuosen  geben.  Daz  sehste:  du  solt  also  nüehterlingen  sin  alse  Adam  was  6 
gotes  wort  gerne  hoeren.  Daz  sibende:  er  yiel.  Daz  mag  aber  küme  sin,  mdre 
da  solt  diner  fünf  sinne  wol  hüeten,  daz  30  wir  suln  uns  mit  allem  flize  behüeten, 
du  iht  üppiges  dar  in  läzest  komen.  daz  dehein  ding  in  uns  yalle ,  dem  wir 

XXXVI  '^*  ®^®'  ****  geben  müezen ,  daz  dehein 

«^,»«^T       ungelicheit  oder  yerri  müge  gemachen 
DER  LESEMEISTEB  VON  KOLLEN.      ^^^^^  ^,„  ,gl^  „Je  gote.    Diu 

Der  lesemeister  yon  Kollen  sprach,  35  geneigunge  bleib  inne ,  die  suln  wir  yon 
ein  yollekomen  mensche  Seite  haben  disiu  minnen  yerliesen  in  Ejrist6.  Diu  minne 
sehs  dinc  an  ime.  Daz  drste  ein  stilliu  erhebet  uns  innen  über  schal ,  da  wir 
^äge ,  daz  ander  ein  fridesamiu  ruowe,  trunken  werden  und  alsd  geilchet  wer^ 
daz  dritte  ein  slafendiu  wakerheit,  daz  den,  daz  wir  yergezzen  aller  der  güen- 
Tierde  ein   nüechterlingiu    trunkenheit,  40  lichi  dirre  weit. 

dazfumfte  ein  armer  geist,  daz  sehste  Ein  armer  geist  sol  sich  neigen  in  alliu 

frOfflede  der  laut.  yersmÄhtiu  werc,  diu  man  in  gotes  minne 

Dia  stille  Trage  ist ,  daz  diu  s^le  alle  tuen  mag,  und  einen  ieglichen  menschen 
ir  kiefte  gesamenet  habe  in  die  obres te,  erhebet  unde  sich  selben  drücke.  £in 
da«  ist  der  wille,  unt  der  wille  in  got.  45  armer  geist  ist,  der  niht  enhät  unde  niht 
Daz  geschiht  in  einer  stille:  d4  alle  sache      enwil  unde  niht  engert  unde  niht  bedarf 

OZBMAHXA  ni.  ^^ 


342  FRANZ  PFEIFFER,  SPRÜCHE  DBCTSCHKB  HTSTIKER. 

wm  gotes ,  Hilde  diii  selbes  üz  gat  und  der  na^  hän  idi  siu  erwelet.  kk  nnde 
%Uer  dinge  und  alliu  dinc  gote  lat.  siu  wir  2wei  sin  eine.   Daz  ist  toq  ^a- 

•  Vrömede der  lant  ist,  daz  uns  der muot  den;  von  gnaden  h^n  ich  siu  erweit, 
gefrOmedet  si  unde  gezogen  von  aller  siu  bekennet  ez  niut,  die  *)  tdie  siu  ist  ta 
woUust  dürre  weit  unde  geeiniget  si  in  5  diseme  lebene.  Gebe  ieh  ir  daz  ich  bin 
daz  abgründe  dergotheit.  Contempiatio  in  disem  libe,  siu  Temi6htez  niut.  Ieh 
ist  ein  yrigiu  durliuhtekeit  des  gemüetes,  s^^ne  ir,  die  wile  siu  ist  in  disem  Übe, 
in  dem  spiegele  der  wisheit  üf  gehenket  ioh  schöne  dem  minen ,  wan  sin  hi  min 
mit  eime  wundere,  unde  da  Ton  sprichet  und  ich  Ihu  ir.  Har  nach  wil  ich  komeo 
diu  s^le :  ioh  han  mir  erweit  eine  lo  unde  wil  mtner  lieben  danken  mit  Toller 
hankunge.  Speculatio  daz  ist  meiniger  firöden.  Ich  sol  ir  dano  sin ,  iehjol  ir 
hande  spiegele  ansehunge  und  dar  nach  16n  sin.  Her  nach  sol  siu  kernen  in  Toile 
sich  ze  rihtende.  Jubilatio  ist  einer  bekentnisse  götlicher  minnen.  Ich  unde 
hande  fröide  des  herzen,  die  daz  herze  siu süUentrereinet werden:  alsd t^reinet, 
niht  yerbergen  mag  noch  endelich  kan  15  als  ich  dwig  bin ,  also  sol  ouch  siu  ^wig 
dervon  sagen.  sin  in  rollen  eren.  —  Wol  allen  den,  die 

XXXVH.  d&  *)  reines  herzen  sint,  wan  siu  sullent 

BBUOPEB  HEINRICH  VON  LEVEN.      üiin  gebruehen  n4oh  allem  irem  willen. 

Disiu  wort  prediete  unser  yrowe  von      Wd  allen  den,  die  d4siirt  unreines  hereen, 
himelricfae  in  dergllchnisse  bruoderHoin-  20  siu  sint  gescheiten  yta  der  heiligen  dri^ 
i^ches  persöne  von  Leven  uf  der  bredier      raltikeite. 
höre  zuo  Köllen  unde  sprach  also.  Hey  armer  tnensche,  erbarme  dich  über 

Der  der  aller  \dseste  ist ,  daz  ist  der,  dich  selber ,  die  wile  d&  bist  in  diseme 
der  aller  dSmiietigest  ist^  der  ist  unserme  Mbe^  Die  zit,  die  du  Terfaribest  tiit  ^r- 
herren  aller  lobelichest  und  aller  werdest.  25  heite,  die  sol  un9«r  herre  von  dir  heisehen 
Der  aller  die^üetigest  ist,  der  ist  uasenne  unde  rordern.  Dar  umbe  r&t  ich  dir, 
herren  aller  heimlichest  In  der  heime-  daz  dd  dich  kerest  zuO  wisheite.  K^re 
licheit  zeiget  ^)  unser  herre  dem  diconüe-  dich  umbe  durch  d«n  erbarmh^fitigen  90^ 
tigen  menschea  den  schätz  siner  heime«^  und  erbarme  dich  über  dich  selben,  tran 
liehen  wisheite.  Wol  den  die  da  ')  sint  ao  unser  herre  ist  orbarmhernig ,  et  begert 
reines  herzen :  siu  aüUent  misern  herr^  diner  sdlikeit ,  daz  du  sist  dtoüetigefl 
sehen,  siu  ensüllent  in  niut  einvaltie  herzen:  so  ledest  du  unsern  herren  in 
sehen ,  mer  siu  süllent  sin  ^Wecliche  dine  sele.  Du  bist  alzeblint,  daz  ist  dir 
gebruehen  in  voller  eren.  Er  bot  eine  gar  schedelich.  Sist  des  sicher ,  daz  du 
wonunge  gemäht  in  iren  seien,  siu  süllent  3S  dine  sele  gote  niut  engist,  du  soft  be- 
sin  ewediche  gebruehen.  Unser  herre  trogen  werden,  e  du  selber  w^nest  Dö 
sprichet:  waz  diu  sele  wil  daz  wil  ouch  armer  mensche,  war  umbe  bekennest  du 
ich,  unt  der  umbe  enwil  ich  niut  äne  siu,  mM>,  d*tZ  du  bist  «n  stuppe  in  disem  libe? 
wan  siu  euch  niut  enwil  ane  mich.  Siu  erbarme  dich  über  dich  selber, 
ensol  niut  sprechen  ane  mich ,  siu  ensol  4A  Nu  sprichet  unser  herre :  ich  bin 
niut  beeren  ane  mich ,  wände  wn*  sin  *)  bereit  dich  ze  enpfl^hende.  Hej  lieher 
einz.  Siu  ist  mir  ein  alzeverwenete  mensche,  ich  sol  dine  minne  sin  «nd  ich 
^nne ,  siu  enminnet  niut  dennc  durch  sol  aller  din  trdst  sin.  Hey  mensche, 
mich:  der  umbe  ist  siu  mir  verwenet,      U  dich  erbarmen,  daz  diu  gotheit  nach 

*)  zreget  —  *>  du  de.  —  *)  «int.  —  *)  d4  —  *)  dii  do. 


dir  hehßget  und«  di6  flieilBeheit  Ii6t  an  köm  tat  mit.    ]>az  wir  nft  ahtf  gp6leben, 

d«ti  tM  durch  dich  gegehen.    Ich  biie  da2  wir  g^ote  die  s^le  geben,  da;&  uns 

Utk  dnreh  die  mtnne ,  die  ich  habe  £uo  werde  te  Idne  diu  gotheit,  des  helfe  un^ 

Ar,  irtiariiii  dich  über  dich  selben  nnde  ditt  df!Taltik«it. 


LinEßATUE. 


Ferdinand  Wolf,  über  die  beiden  wiederanfgefundenen  mederilodiseben  Volkibücher 
▼OD  der  KOnifio  Sibille  und  von  Hnon  von  Boideaos«  Wien,  1857.  4.^106  Seiten. 
(Aoi  dem  YUI.  Bande  der  Denkschriften  der  philogophisch-bistorischen  Classe  der 
kaiserlichen  Akademie  der  Wissenschaften  beionden  abgedruckt.) 

Die  Torliegende  Sdirift  des  gefeierten  Meisters  der  romaniseben  Philologie 
nimmt  nicht  hlol^  das  lebhafteste  Luteresse  des  engeren  Kreises  der  Faehgenossea 
in  Anspruch ,  sondern  muß  auch  im  höchsten  Grade  allen  denen  willkommen  sein« 
welche  es  lieben ,  die  Eraeugnisse  der  neueren  vaterländischen  Litteratur  zu  einem 
Gegenstande  eingehenderer  Betrachtung  zu  machen. 

Die  beiden  bibliographischen  Seltenheiten,  um  Welche  es  sich  hier  handelt, 
finden  sidi,  in  einem  Quartbande  vereinigt ,  auf  der  k.  k.  Höf  bibliothek  zu  Wien. 
Was  zunächst  das  Volksbuch  von  der  Königin  Sibille  betriffb ,  wovon  wir  hier  ein 
Capitelverzeicfaniss  lesen,  so  enthält  dasselbe  eine  Sage,  welche  seit  der  von 
Wolf  selbst  herrührenden  Bekanntmachung  der  spanischen  Bearbeitung»  im  Zusam« 
menhaage  mit  den  vielen«  über  ganz  £uropa  verbreitete»,  ihr  mehr  oder  aünder 
verwandten  Traditionen  und  Versionen  wiederholt  —  von  F.  H.  v.  d.  Hagen, 
liaiwnann ,  Svend  Grundtvig  "—  in  gelehrten  Cntersuehnasgen  erörtert  worden 
ist.  £s  int,  um  mit  den  Worten  Gnindtvigs  zu* reden,  die  Sage  von  der 
keuschen  Kteigin«  die  von  ihres  Eheherm  Bruder  oder  Vertrautem«  der  ia  dessen 
Abwesenheit  sie  vergeblieh  zu  verllihren  geiUeht  hatte,  der  Datreue  angeklagt, 
dareb  nuisliandelt  und  zum  Tode  verurtheilt  wird,  dann  aber»  nachdem  ihre  Ua- 
schnld  durah  ein  Gottesurtheil  oder  auf  eine  andere  Weise  durch  Gottes  sichtbaren 
Beistand  an  den  Tag  gekommen  ist ,  Leben  und  Ehre  wieder  erhält.  Als  ein  wich?, 
tiges  Ergebniss  von  Wolft  Untersuchungen  hebe  ich  hervor,  dai^  das  vorliegende 
aiederlftndisohe  Volksbuch  von  der  Königin  Sibille  sich  im  Ganz^  so  enge  an  das 
fpanische  amchlieit,  dsJ  beide  unbezweifblt  nach  demselben  französischeii  Vor- 
bilde,.  wahrscheinlich  ebenfalls  einem  Volksbuche  oder  Prosaromanä,  bearbeitet 
word^  ziad.  Nicki  minder  belangreich  ist»  auikrr  den  über  die  Efaibürgerung  der 
Sage  in  Sfpanien  mitgetheiiten  Forschungen,  der  von  Wolf  beigebrachte  Nachweis» 
^  die  fira^cheSage,  in  ihrer  Anknüpfung  an  den  karoHn gesehen  Kreis,  an 
den  halb  historischen,  halb  poetischen  Kaiser  Karl  Magnus  und  dessen  Gemahlin 
SÜHlle»  schon  ia  der  ersten  Hälfte  des  13.  Jahrhunderts  in  größeren  volksmäftigea 
£pen  (Chansons  de  g^ste)  in  Frankreich  sich  ausgebildet  und  VwbreHung  gefkndea 
bat.  Eine  hödist  bedeutende  Vervollständigung  des  auf  die  Sibillensage  bezüg- 
liehen  Hateriales  wird ,  um  dies  gelegentlich  zu  bemerken ,  die  von  A.  v.  Keller 
in  Angriff  genommene  und  bereite  im  Drucke  befindliehe  Ausgabe  des  niederrheini« 
sdien»  unter  dem  Namen  Karlmeiaet  bisher  nur  InruchstückweiBe  b^aanten  G^ 

dichtes  bringen. 

^  16*  . 


£44  LITTBRA^Ü». 

-  In  dem  zweiten  Theile  seiner  Schrift  beschäftigt  sich  Wolf  mit  den  mittel- 
.'alterlichen  Bearbeitungen  der  Sage  von  Huon  Ton  Bordeaux,  eben  derselben,  welche 
der  Dichtung  zum  Grunde  liegt,  über  die  Göthe  an  Larater  geschrieben :  „So  lange 
Poesie  Poesie,  Gold  Gold  und  Krystall  Krjstall  bleiben  wird,  wird  Oberon  als  ein 
Meisterstück  poetischer  Kunst  geliebt  und  bewundert  werden.**  Es  ist  aber  auch 
noch  eine  andere  Seite ,  nach  welcher  die  Sage  von  Huon  von  Bordeaux  uns  sehr 
nahe  angeht  »Dafi  diese  Sage**,  bemerkt  unser  Verfasser,  „vielleicht  aus  einem 
germanischen  Mythus,  aus  einer  Elbenmythe'^  hervorgegangen  sei,  könnte  ihre 
Berührung  in  einigen  Grundzügen  mit  der  deutschen  Heldensage  von  Ortnitund 
>Elberich  (Auberon)  vermuthen  lassen.**  Außerordentlich  anziehend  sind  Wolfs 
Untersuchungen  über  die  französischen  Darstellungen  des  Stoffes.  Denn  „daß  auch 
fliese  Sage  schon  frühzeitig  (wenigstens  seit  dem  12.  Jahrhundert)  in  Frankreich 
verbreitet,  mit  dem  karolingischen  Kreise  verbunden  und  in  selbständiger, 
halb  Volks-,  halb  kunstmäfiiger  Dichtungsform,  in  Chansons  de  geste,  ausgebildet 
gewesen  sei,  dafür  haben  wir  Zeugnisse  und  Denkmäler.**  Das  wichtigste  der 
•letzteren  bildet  wohl  das  in  einer  Handschrift  der  Communalbibliothek  zu  Tours 
befindliche  Gedicht,  aus  welchem  wir  die  dankenswerthesten  Auszüge  erhalten. 
Von  dem  niederländischen  Volksbuche,  das  wir  durch  eine  sehr  ins  Eiozebe 
gehende  Analyse ,  bei  welcher  zugleich  der  französische  Prosaroman  fortwährende 
Berücksichtigung  erfahrt,  aufs  Genaueste  kennen  lernen,  sagt  Wolf,  daß  es  keines- 
wegs nach  jenem ,  in  Bruchstücken  auf  uns  gekommenen ,  mittelniederländi^chen 
Gedichte  bearbeitet,  daß  es  im  Ganzen  vielmehr  wohl  nur  als  ein  ziemlich 
dürftiger  und  oft  ungelenker  Auszug  aus  der  Chanson  de  geste  in  der  Redaction 
der  Handschrift  von  Tours ,  wohl  schon  durch  einen  ähnlichen  französischen ,  aber 
verloren  gegangenen,  vermittelt,  in  einer  derben,  rohen  und  skizzenhaften,  aber 
naiv  einfachen  Darstellung  zu  betrachten  sei.  —  In  Anhängen  der  gegenwärtigen 
Schrift  verbreitet  sich  Wolf  *noch  über  die  Olivasage,  von  der  er  schon  früher  in 
seinem  Buche  über  die  neuesten  Leistungen  der  Franzosen  für  die  Herausgabe  ihrer 
Nationalheldengedichte  gesprochen  hatte ,  und  bringt  ferner  einen  die  Karlmeinet- 
und  Sibillensage  betreffenden  Auszug  aus  der  seltenen  „Gran  conquista  de  Ultramar**. 
TÜBINGEN,  7.  Jan.  1868.  W.  L.  HOLtAND. 


Lohengprin.  Zum  erstenmale  kritisch  herausgegeben  und  mit  Anmerkungen  versehen  von 
Dr.  Heinr.  Bückert,  Prof.  extraord.  zu  Breslau.  Quedlinburg  und  Leipzig,  6.  Bane. 
1858.  VI  u.  292  Seiten  8^   (IV,  TUr.) 

Das  Bedürfniss  einer  neuen  Ausgabe  des  Lohengrin,  wenn  man  den  Gdrres'schen 
Druck  überhaupt  mit  dem  Namen  einer  Ausgabe  beehren  will,  ist  von  alJen  Freun- 
den unserer  älteren  Litteratur  längst  empfrinden  worden.  Indem  Rückert  es  unter- 
nommen hat  uns  das  Gedicht  in  gereinigter  Gestalt  darzustellen,  darf  nicht  verkannt 
werden ,  daß  gegenüber  den  raanigfachen  Schwierigkeiten  der  Sprache  und  Metrik 
die  kritischen  Hilfsmittel  äußerst  gering  und  schwach  sind:  denn  der  ganze  kriti- 
sche Apparat  besteht  in  einem  Bruchstücke  einer  älteren  und  zwei  ziemlich  jungen 
und  schlechten  Handschriften.  Daß  eine  neue  Handschrift  durch  Feifalik  aufgefun- 
den worden ,  scheint  dem  Herausgeber  unbekannt  geblieben  zu  sein  (vgl.  GUdekes 
€frundriß  S.  60):  der  Werth  derselben  ist  freilich  noch  unbestimmt,  indess  wäre  die 


UtTERATÜR.  24^ 

Benutzung  zu  der  Torliegenden  Ausgabe  wünscbenswerth  gewesen.  *)  Die  kritischen 
Schwierigkeiten  seines  Unternehmens  hat  der  Herausgeber  selbst  eingesehen  und 
aeaf  ^einen  gleichförmig  restituirten  Text'  ron  vorn  herein  verzichtet.  Aber  von  einer 
'kritischen'  Ausgrabe,  wie  sich  die  vorliegende  auf  dem  Titel  nennt,  verlangt  man 
doch  auch  kritische  Grundsätze:  solche  hat  der  Herausgeber  allerdings  aufgestellt; 
Wir  wollen  sie  und  ihre  Anwendung  näher  beleuchten.  Nach  Rückert  weisen  die 
beiden  Heidelberger  Hss.  auf  eine  gemeinsame  in  Baiem  geschriebene  Quelle  (S.  205). 
Rfickert  vermuthet,  dafi  der  Verfasser  des  Lohengrin  ein  Baier  war:  wiewohl  nun 
mit  dieser  seiner  Heimath  die  Lautbezeichnung  der  Hss.  AB  stimmen  würde,  ^so  ist 
doch  nicht  anzunehmen ,  daß  sein  Verfasser ,  der  ganz  bestimmte  Muster  der  altern 
Poesie  bis  in  die  unbedeutendsten  Äußerlichkeiten  nachahmte,  der  Lautbezeichnung 
des  Tulgären  Dialectes  seiner  Umgebung  bei  der  Niederschrift  seines  Gedichtes  Raum 
gegeben  hätte'  (S.  206).  -  Schon  gegen  diesen  Grundsatz  lässt  sich  mancherlei  ein- 
wenden. War  der  Verfasser  des  Lohengrin  wirklich  ein  Bai  er,  wie  auch  mir  wahr- 
scheinlich dünkt,  so  muß  sein  Gedicht  auch  die  bairische  Dialectfärbung  tragen ;  und 
wenn  gegen  Ende  des  13  Jahrb.  bereits  in  Baiern  die  jungem  Laute  ei  für  mhd.  f, 
au  f&r  mhd.  ü,  ad  für  mhd.  ei  durchgedrungen  waren,  so  werden  sie  auch  auf  den 
Lohengrin  anwendbar  sein.  Daß  aber  der  Dichter  desselben  wirklich  ei  für  f  kannte; 
beweisen  die  vom  Herausgeber  S.  272  angeführten  Reime.  Einen  andern  Punkt  der 
Lautlehre,  der  sich  aus  den  Reimen  ergibt,  hat  der  Herausgeber  ganz  übersehen. 
Es  ist  dieß  das  hervorbrechende  au  (oder  eigentlich  au)  für  ü,  in  folgenden  Reimen : 
ffetra%ituen :  vrouwen  1 143.  :  scliaStwen  1 580.  erbouwen :  vrouwen  1 666.  ouwe :  bouwe  ' 
1736.  getrauwet :  bauw0t  3283.  aueh  :  atrouch  3474.  bouwent  :  getrouwent  3547.  ge^' 
trouwen  :  verbauwen  3697.  koume  :  zäume  4736.  gesoumet :  getroumet  5053  soumen  : 
bäumen  5170.  gebouwtn  :  verkouwen  5636.  säumet :  übergoumet  5706.  erbouwen  :  ge- 
hauwen  7147  getrauwe  :  »chouwe  7193.  Diese  Eigenthümlichkeit  zeigt  sich  am 
frühesten  bei  bairischen  und  österreichischen  Dichtern.  Auch  die  sonstigen  Reim« 
freibeiten  lassen  sich  recht  gut  mit  diesem  ei  för  f,  au  für  ü  in  Verbindung  bringen. 
Daß  der  Dichter  uoiuim  Reime  bindet,  ist  zunächst  fi>eilich  mitteldeutsch  (S.  272), 
aber  es  zeig^  entsprechend  jenen  Lautveränderungen  den  Übergang  von  uo  in  tf  und  ^ 
dem  entsprechend  von  üemü\  ebenso  zeigt  die  Verbindung  4  :  ae  die  Vermischung 
beider  Laute,  die  im  14.  Jahrb.  schon  ganz  allgemein  ist.  Das  häufige  ^  :  t^  im 
Reime  (S.272)  stimmt  ebenfalls  trelTlich  zuäi  bairischen  Dialecte.  Somit  kann  gegen 
die  bairische  Heimath  des  Dichters  nichts  eingewendet  werden.  Jene  im  13.  Jahrb. 
dem  mitteldeutschen  Dialecte  eigenthümlichen  Vocale  sind  im  14.  Jahrb.  auch  bai- 
rMch,  aber  nimmer  hätte  ein  mitteldeutscher  Dichter  des  13.  Jahrb.  «/:^  gereimt. 
Nach  Bnckerts  Ansicht  sind  freilich  solche  Reimfreiheiten  nur  ein  Nothbehelf,  aus 
Ungeschicklichkeit  des  Dichters  hervorgegangen,  und  er  gestattet  nicht  aus  ihnen 
Folgerungen  zu  ziehen.  So  viel  im  Allgemeinen  über  die  lautliche  Darstellung  des 
Textes,  die  uns  daher  nicht  gelungen  scheint. 

Was  nun  die  Beschaffenheit  des  überlieferten  Textes  betrifft,  so  erklärt  sie 
Rückert  mit  Recht  für  schlecht,  sagt  aber  (S.  VI),  er  habe  ein  mit  äußerster  Vorsicht 
angewendetes  kritisches  Verfahren  walten  lassen.   Darnach  sollte  man  eine  mög- 


*)  Über  diese  in  der  Piaristen-Bibliothek  zu  Wien  befindliche  Hs.  werde  ich  in  einem  der 
nicfasten  Hefte  ausf&hrliche  Nachricht  geben.  -  Der  Herauggeber. 


jj46  UTTERATfJB. 

licliste  Schonung  des  Überliefertes  erwarten ,  und  AnderungMi  um  im  Fall«  d^ 
^ul^rsten  Notbwencligkeit,  wenn  z.  B.  die  Überlieferung  keinen  Sinn  gab.  Bte?  m- 
erst  eine  Beibe  von  Stellen ,  wo  die  Überlieferung  angetastet  worden  ist  und  zvar 
ohne  Noth ,  einigemal  sogar  in  pejus.   935  ist  mir  unnütze  Ergänzung,  ^1349  hi  m 
gdem  för  bf  itM  Urn  (Hss.  im,)    1353  weiden»  iu  für  weiden  iu8,  (Hss.  uehm)  1377 
n4n  vor  mdge  ohne  Noth  gestrichen.    1390  dea  für  deat  (Hs9.  deate),  ebenso  1413, 
1460.  —   1391  heizen  fQr  heizt,    1412  unnöthig  umgestellt,  für  mit  tM  ji«  Aov«.  1417 
<m«A  unnOthig  eingeschoben.    1449  ist  iph  wtig  wol  da$  er  sieh  atlht  nikt  kan  spcm 
nicht  anzutasten,    14^5  ebensp  der  bisohof  die  rede  im  schöne  tet  bekantt  weü<)ie 
Betonung  bisehdf  unbedenklich  ist.    150^  ist  ßl  nicht  zu  streichen,  sondern  kmuM 
zu  schreiben  (ygl,  6173,  6606).    1937  ist  ewar  er  q^m  harte  weidenlieh  det  Eas. 
richtig  und  besser.    2135  ist  die  ümft^llung  nicht  nothwendig.    4585'  ist  das  band- 
pchriftl.  aU  ganz  gut  und  alue  unnöthig.    4873  lesen  die  Hss.  da»  ez,  Bückert  daz: 
Wf^rum  nicht  treuer  däzf    4942  ist  WiAfvnde  ()er  Cobl.  Fr.  besser  als  Falfufii,   Be- 
sonders edatante  Beispiele  sind  aber:  2697  ist  daz  rtione  morgen  vindet  (vatnantie 
der  Hss.,  was  einzig  dem  Metrum  gentlgt.    2723  wird  eS  ergänzt  und  der  Yen  da- 
durch um  eine  Hebung  länger  als  sich  gebührt.  Man  schreibe  eun  einer  eü  doch  WKf 
dm  eie  gerettet.   Am  auffallendsten  2555.  56,  zu  welcher  Stelle  der  Herausgeber 
eine  lange  Anmerkung  macht,  während  die  Hss.  das  richtige  bieten.   Man  lese 

dar  »tio  nva>e  ir  mäht  s6  kreflicj  daz  sie  eich 

{if  mieh  in  SoÄeen  legten  mit  gewdUe, 
Wenn  so  einerseits  der  Herausgeber  die  Überlieferung  nicht  genügend  gesohoiit 
h<^t,  indem  er  richtig  überliefertes  zerstört,  so  hat  er  andrerseits  in  metrisi^et  ^* 
ziehnng  eine  zu  grofie  Scheu  Tor  der  Überlieferung  bewiesen.  £r  schreibt  zwar  <lie 
Entstellung  der  Strpphenform ,  die  sich  sehr  häuflg  findet,  dem  Dichter  selbst  su 
(S.  363)  und  damit  trotz  der  Anerkennung  seiner  Gelehrsamkeit  (S.  206)  einen  sebr 
geringen  Grad  Ton  I^imstbildung ,  da  noch  im  14.  Jahrb.  mehrere  Dichter  dieselbe 
Strophenform  richtig  und  gewandt  handhaben:  allein  in  den  meisten  Fällen  fidle» 
diese  Fehler  den  Abschreibern  zur  dast,  wie  wir  an  den  einzelnen  Stellen  sehei 
werden.  Aber  nicht  nur  den  Abschreibern,  sondern  in  ▼iel  höherem  Grade  noch  -^ 
dem  kritischen  Herausgeber.  Wir  können  mit  seinen  eignen  über  Massmann  ausge- 
sprochenen Worten  (S.  263)  den  Herausgeber  schlagen;  iEr  ^bleibt  nicht  blo§  legsl* 
mäi^ig  da,  wo  die  Hss.  fünf  Hebungen  statt  der  nöthigen  sechs  geben,  bfi  d^i  Fehlet 
der  Überlieferung,  sondern  er  yerwandelt  an  picht  wenigen  Stellen»  wo  die  Überlie^ 
ferung  die  ursprüngliche  Kunstfonn  nicht  anzutasten  wagte  oder  zufällig  nicht  an* 
getastet  hat,  sechsfach  gehobene  Verse  in  fünffach  gehobene.'  Aber  nidili  bloi  in 
den  sechsfach  gehobenen,  sondern  ebenso  in  den  vierf^h  (1.  4*  8)  und  £«nfiElMh  gs- 
hobenen  (3.  6.  10)  mit  weiblichem  Ausreim  begegnen  wir  diesem  Verletzen  der 
Überlieferung.  Ich  will  alle  derartige  Beispiele  aufBUhren ,  weil  hierin  «in  Haupt- 
mangel der  kritischen  Behandlung  liegt. 

1)  Die  Verse  haben  eine  Hebung  9U  wenig,  theils  wo  die  Hss,  dfis  ri^^tige 
bieten,  theils  wo  es  ohne  Antastung  des  Überlieferten  h^zust^Uen  wn^.  lies  373 
4nA9.  582  mde\  ebenso  722. 997, 1239. 3535. 3865.  2886. 2947. 3956.  4005,  403«. 
4899.  5445.  5529.  5942.  6005.  6067.  6369.  6437.  6787.  7015.  7065.  7189,  7289. 
7549.  —  885  mamc.  905  dekeiner,  929  taete  gerne.  945  detM^  989  <«me.  10^9  ha- 
bent,    11S5  eprefihet,  und  vüre,    1236  dar  ane  weiter  ires  wiUen  vdrm»    1285 


UTTERATUR,  24T 

«TDCitM.  1435  wixM€t,  1600  entweder  vUinbaz  od»  tmde.  1672  mcinreaehcdke  oder 
marwckale  «J  viU.  1715  «<;A  €^.  1729  alse,  1779  ntuome.  1895  tc-A«^:;  ebenso  1902. 
—  2042  t4;»z;9e«.  2299  Wolveram,  ebenso  227,  vgl.  91.  101.  —  3039  vot^.  3362 
m%M.  3405  von  Aotk^«  tMMle.  3542  zwäre.  3545  e/on«.  3667  dehein,  2367  sr». 
2446  oilffe  oder  ime.  2465  •>««.  2612  t^e.  2795  von«.  2937  da^  sie  wolte  irea  maniMs 
kikrfte  mmfMT  warten  oder  mit  Umstellung,  wodurch  die  richtige  Cäsur  hergestellt 
wird,  dag  sie  ires  manms  huif^  enwolU  nimmer  warten.  4182  varen.  4285  wizzet. 
4325  sammeU.  4549  grözliche.  4617  sigeUe.  4729  tVA  »e.  4789  twerhes. 
4799  oreiwMte.  4995  jpuo  ir  oder  juo  j»r.  5365  gäbe  woUe.  5499  tMMfa  oder  alse, 
5532  teA  ea;.  5676  erote.  5729  tm«  und  j^d^fwi.  5869  menlMe,  5892  stimdiehe.  5947 
(iM  ezr.  6027  A^rr«.  6339  kamgime  (ygl.  Anmerk.  zu  238).  6496  im  ez.  6519  «te* 
licktr,  6712  heiserinne,  6772  »rem.  6779  »cA  ti/om«  da;»  deheiniu.  6882  vom«  oder 
vomne.  6959  vrdge  und  »m«.  7063  d<iA«0  sie.  7249  mtco^  tenoKe.  7422  Jd^ne,  7499 
m26  ta«te  <itl  ez.  7627  Yfm«.  Diese  Änderungen,  die  einer  ganz  guten  Handschrift 
gegenüber  aus  metrischen  Rücksichten  erlaubt,  ja  geboten  wären,  haben  zwei  6o 
jungen  Hss.  gegenüber  eine  um  so  gröi^re  Berechtigung.  Aus  den  Lesarten  ist 
nicht  immer  ersichtlich,  ob  der  Herausgeber  aus  Unachtsamkeit  das  Metrum  verletzt 
oder  ob  die  Hss.  den  Fehler  schon  bieten.  Aber  wer  wollte  sich  einem  vfi  oder 
Tnd  gegenüber  scheuen,  unde  zu  schreiben? 

2)  Die  Verse  haben  eine  Hebung  zu  yiel;  theils  in  den  Hss.,  theils  bloß  in  der 
Ausgabe,  lies  160  zeim  für  ze  einem,  420  tilge  dö  mit  den  Hss.  474  lies  die  vrowen 
hört  man  diu  maere  sagen.  475  deiz  dem  hünc  und  der  massetite  muost  behagen,  594 
tilge  ddp  das  gegen  die  Hss.  eingeschoben  ist.  683  lies  erpermde  geopfert,  820  ein 
kempf  vor  gerihie.  1 143  wirr  fiir  wir  ir,  1 183  gevdt  er  uns  niht  ob  mrz.  1 200  vrowen 
ms,  1210  gveU  iu  für  gevellet,  1264  und,  1266  schimpf  dick  üppedich,  1303  ze  s^mt 
Wirt  urümp  sie  ndmn  zer  megde,  1306  die  wü  Waht  iederman,  1376  FrideHeh,  1384 
mit  tu  streiche:  es  ist  aus  1412  heraufkommen.  1394  tilge  oucA  mit  den  Hss. 
1469  lies  und  wirbt.  1470  blib  in,  1478  darumb  hat  iuch  iur  herre  b^esant  oder 
dnmb  und  iuufer.  1484  endlichen.  1632  ^ptaem  mane.  1650  triwelieh  mit  den  Hss. 
1714  Xjuiring  und  Metz,  1735  e»  waer  uns  oder  veU,  1889  er  het  wol  gleistet,  2110 
diu  ors  nidr  tl^,  wenn  man  nicht  lieber  nider  streichen  will.  2566  die  wü  hob  wir 
odfr  kdn  wir.  2593  in  und  dem  rieh.  2634  wardiut  sant  man  bald  über  sie.  3033 
diim.  3082  mit  gdt  manc.  3093  golt  rieh.  3289  bürge  und  oder  bürg  unde.  3376 
wizst  das  der  küne.  3436  ufiiz  dann.  3470  kurzwü,  3509  houbt  waer  aller.  3616 
umbrizzen.  3S7Seins.  3^3%  endlich.  396^  getriwelieh  er  wolt  sin.  4233  ^icht.  4530  A«W 
dergwinnei.  47 02  unde  iur  wurde.  4154  und  der  rieh  küno.  4167  der  rieh  künc.  4818 
und  den  kOne.  4863  daz  von  dem  hurt  möht  perc  und  tal  erkrachen.  4883  loblieh. 
4936  ttir«.  4951  Jkftn«.  bl03  wirt  sinn  odLer  sin.  5323  clrum^».  5434  nl*^.  5476  man« 
jement  truoe  pfell  ez  möht  einer  briute.  5490  valt.  5611  künc.  5695  kosüichest.  5783 
Uhr  in.  5920  lacht  dirr  sanc.  5961  k&nc.  6006  dazs  in.  6089  muot.  6130  vrou  ir 
nmgtiueh.  62^5  man  sagt  daz  von  im  gwUnne.  6263  tur.  6293  ^an«  (vgl.  6071).  6311 
kikne.  6343  vrd^  wie  sie  waem,  6460  menge  oder  meng.  6554  <i«r  pdbst  rüct  ims. 
6626  Atm  gote.  6736  dos.  6900  in  die  herberge,  als  sie,  denn  abe  ist  aus  6898  einge- 
drungen. 6944  unt  gie  von  dann  dazs  niht.  7084  odr  oder  waer  oder.  7212  triwelieh  in 
iur  harnt.  7392  datz  Megdebure,  vgl.  7394.  --  7480  rr«A  blib.  7557  scheint  wize 
mr  Glosse  won  fireiee  und  heUef reise  ist  zu  lesen.  7562  sin.  7580  manc,   7604  riche,. 


248  LITTERATUR. 

7660  throen.  Diese  Kürzungen  würden  zum  Theil  bei  altern  Dichtem  onerbOrt  sem, 
aber  bei  dem  Dichter  des  Lohengprin ,  der  sich  nicht  minder  starke  sogar  im  Beim 
erlaubt,  sind  sie  ohne  Bedenken.  Sonderbarer  Weise  betrachtet  Rückert  die  Sache 
umgekehrt  (S.  266):  was  im  Reim  erlaubt  ist,  soll  innerhalb  des  Verses  unerlftubt 
sein.  Als  ob  nicht  gerade  der  Versschlufi  von  je  eine  sorgfaltigere  Behandlung  er- 
fohren  hätte  als  die  Mitte  des  Verses ! 

Aus  dieser  Betrachtungsweise  geht  ein  noch  stärkerer  Fehler  gegen  die  Metrik 
hervor:  nämlich  die  unerlaubte  Zulassung  zweisilbiger  Senkungen.  Der  Dichter  des 
Lohengrin  set*zt  ohne  Bedenken  zweisilbige  vocalisch  schließende  Worte  mit  betootei 
erster  Silbe  in  die  Senkung,  wenn  das  folgende  Wort  yocalisch  anfangt.    In  diesem 
Punkte  zeigt  sich  die  große  Verschiedenheit  der  Dichter.    Aber  darin  kommen  doch 
alle  Herausgeber  seit  Lachmann  überein,  daß  man  in  diesem  Falle  die  Elision  toU- 
zieht.    Dagegen  hat  Rückert  oft  gefehlt.    Er  schreibt  vUrste  an  334     vciste  <i^671. 
kiusehe  ist  1160.     wfaU  an  1344.    vüere  ich  1722.    muoste  in  1990.    künde  in  3390, 
wo  überall  das  e  zu  tilgen  ist.    Ebenso  lies  quaem  3446.    brdht  4302.    und  4975. 
vaat  5745.  Aber  auch  bei  consonantischem  Anlaut  des  folgenden  Wortes  finden  sich 
in  der  Ausgabe  des  Lohengrin  zweisilbige  Wörter  in  der  Senkung.  677  vrowe.  1198 
habe.    2027  re^.    2051  selbe.    2721  dick^.    2S7 6  manec.    3404  <isV;A«  u.  s.  w.  wo 
überall  Einsilbigkeit  erfordert  wird.    Auch  sonst  ist  die  Regel,  daß  wenn  ein  sdiwe- 
res  Wort  in  der  Senkung  steht  das  Schluß-«  des  Torhergehenden  Wortes  abgeworfen 
wird,  nicht  immer  befolgt:  eine  Regel  der  bei  der  Neigung  des  Dichters  zum  Ver- 
kürzen um  so  leichter  zu  folgen  war.    messe  wolt  1267.   rätes  sint  zivSn  1461,  sogar 
in  der  letzten  Senkung,  juncvrauwe  mac  2268,  lies  juncvrowe,  5850  ringe  v<de.  6564 
eriuzewis.    Besonders  tritt  dieser  Fall  ein ,  wenn  die  zwei)be  Silbe  der  Senkung  die 
Vorsilbe  ge  ist.  Bekanntlich  kürzt  der  bairische  Dialect  dieses  ge  noch  durchgängig» 
indem  er  das  e  auswirft.    Rückert  spricht  ron  diesem  ge  S.  266:  er  hält  aber  dafür, 
daß  man  das  e  dennoch  schreiben  müße.  Aber  eine  Senkung  wie  quam  van  geseUhtm^ 
was  daz  gesunde  widerstrebt  doch  dem  Begriflfe  von  Senkungen ,  den  wir  bei  mhd. 
Dichtem  haben.    Es  wäre  daher  besser  gewesen,  in  allen  diesen  Fällen  «  zu  tilgen, 
wie  man  es  in  der  heutigen  Bezeichnung  des  bairischen  Dialectes  eben&lls  thut. 

Eine  andre  Verletzung  des  Metrums  findet  sich  in  der  Cäsur  der  siebenten  Stro- 
phenzeile. Von  dieser  Verletzung,  die  zum  Theil  in  den  Handschriften  begründet 
ist,  spricht  Rückert  S.  264.  Sie  muß  in  einigen  Fällen  zugegeben  werden:  aber 
Rückert  hätte  diese  Fälle  zusammenstellen  müßen,  weil  das  Wieviel  hier  maßgebend 
ist,  allgemeine  Besprechung  aber  zu  nichts  ftihrt.  Es  sind  folgende  Stellen :  327. 
377»  427.  487.  587.  947.  1007.  1607.  1897.  3187.4467.  Dagegen  sind  duitsh  Um- 
stellung der  Worte,  ein  Mittel,  das  Rückert  in  vielen  Fällen  selbst  anwendet,  zu 
bessern  1527  sie  luirt  underwüen  doch  etsUchen  ga/r  ze  süre.  3907  dar  zuo  ad  unzsei 
swaz  ich  iu  möht  Sren  wol  erbieten,  4507  und  swaz  der  baroch  hünege  vor  het  in  sin 
schar  geschicket.  Aber  vom  Herausgeber  ist  die  Cäsur  verletzt  in  folgenden  SteUen: 
lies  1257  mess.  (vgl.  1118).  1517  muost.  2097  umb  2767  hdL  3027  stalt.  3047 
hitz.  3157  lands,  oder  wenn  diese  Kürzung  zu  hart  erscheint,  mit  Umstellung  daz 
er  vater  des  landes  Mez.  31 61  schimpf,  3257  all.  3357  tvird.  3377  Lwtring.  3447 
wird.  3587  mS,  wo  die  Schreibung  des  Herausgebers  gegen  die  Hss.  eine  Hebung 
zu  viel  bewirkt.  3957  wm?.  4137  muost  und  deme.  4S67  wird.  4S7 7  gebraech.  5397 
mäz.  5567  bork.  5777  gern.  6207  mwen.  6577  herr.  6857  waer,  indem  doch  in  die 


LITTERATÜR.  24Ö 

C&surfÄllt.  Iie*:  ufürd,  7217  gr dl,  74ST  gewaltedfch  was^6gen,7521  Ott.  Die 
Cäsnr  miif  bekanntlich  immer  mänalich  sein:  daher  sind  diese  Kürzungen,  die  in  den 
Reimen  ihre  Analogie  finden,  wohl  erlaubt.  Auch  über  die  Cäsnr  hinüber  zu  elidieren 
ist  nicht  gestattet. 

Dem  Gesetze  der  lyrischen  Strophe  gemäß  dürfen  die  Senkungen  nicht  fehlen. 
Wo  sie  etwa  fehlen,  da  ist  gewiss  ein  Fehler  der  Hss.  anzunehmen,  auch  wenn  wir 
ihn  nicht  überall  berichtigen  können.  Aber  in  yielen  Fällen  ist  die  Besserung  leicht. 
Der  Dichter  gebraucht ,  wie  Rückert  (S.  264)  bemerkt ,  die  Worte  here  mere  swans 
vüre  u.  8.  w.  nach  Bedürfhiss  zweisilbig:  aber  der  Herausgeber  hätte  bemerken  sollen, 
daß  dieser  Gebrauch  in  der  Lyrik  viel  älter  ist  und  bei  den  besten  Dichtern  ror- 
kommt.  Nach  diesem  Grundsatze  sind  einige  in  der  Ausgabe  fehlende  Senkungen  zu 
behandeln:  lies  644  wole,  2522  sc/iame,  4697  dare,  6978  undervaren.  Andere 
leichte  Änderungen  sind:  2655  lies  m£ne,  3639.  4149  Arie,  4279  sine,  4477  nemet. 
4815  Africdne,  6317  drabeten.  In  andern  Stellen  hilft  Umstellung,  2605  lies  ma- 
neger sin  widerkumen  dem  heiser  swuor.  So  bleiben  nur  wenige  Stellen  übrig ,  die 
aber  der  Herausgeber  hätte  zusammenstellen  und  möglichst  berichtigen  sollen. 
1982.  2889.  4385.  7127.  7449:  gewöhnlich  hilft  die  Einschiebung  eines  kleinen 
WOrtchens,  die  Rückert  in  andern  Fällen  häufig  genug  zur  Aushilfe  gebraucht  hat. 

Dieft  Mittel  der  Ergänzung  lässt  sich  mit  Leichtigkeit  in  folgenden  Stellen  an- 
wenden. 1325  lies  getriben  da  das,  wo  der  gleiche  Anlaut  den  Ausfall  leicht  erklärt. 
1679  €Ur  wurden  sie  dö,  1802  der  junge  man,  2079  heim  unde  schilt  was  lütet,  2217 
der  sprach  aeh  eUewtrtche  durch  gleichen  Auslaut  zu  erklären  (sprach  ach),  3012 
dd  i€  lande.  3787  nu  läze  wir  ot  hinder  im,  4102  iedoch,  4377  der  ander  was,  4817 
vmd  den  küne,  4837  swer  aber  da.  5072  der  hat  umh,  5402  swaz  «r  der  bristen, 
6079  dd  van  man  in  noch,  6367  wnd  den  von  Arie,  7302  der  heiser  dö.  Es  scheint, 
daß  der  fferausgeber  in  diesen  Stellen  den  metrischen  Fehler  nicht  bemerkt  hat: 
sonst  würd«  er  seine  sonst  häufigen  dö  nü  auch  hier  gesetzt  haben. 

Ein  anderes  Mittel,  den  Text  zu  bessern,  das  auch  der  Herausgeber  oft  genug 
angewendet  hat,  ist  die  Umstellung  der  Worte.  59  wirt  er  niht  der  heider  gwert. 
523  sufor  ich  quam  ze  stürmen  ^  während  bei  Rückert  eine  Senkung  fehlt.  Statt  in 
striten  wohl  ze  striten»  1372  ir  tote  sprach  von  Leiiech  und  sprach  in  der  folgenden 
2eite  zu  streichen.  1675  als  erz  moht  an  der  mehte  hdn,  1761.  62  muome  tuo  he- 
k(ua'\  uns  dm  rittet,  1837  zuo  dem  hampfe  weiden,  der  Cäsur  wegen.  2642  homen 
garzesamene.  3415  der  valh  sich  wider,  3532  varen  des,  3672  dö  sante  man  mit 
heu  in.  3799  dem  rieh  hat,  3822  dem  bevalh  er  Hute,  4072  dö  von  Affriodne  die, 
4073  heten  daz,  4085  sich  vergdhet  alse,  4840  u*ir  möhten  dne  «wert  sie  wde  tw, 
4879  dUrwurben  Swege  vreud:  daz  wart  den  heidn  verzogt,  5369  swaz  der  bdroch 
ffuoter  geheize,  5557  einander  wider.  6032.  33  daz  dem  pdbste  solhiu  Sicherheit  ge- 
tan I  werde.  6096  und  dazn  got  gröz  gegeben  het,  6251.  52  Dd  von  in  diu  herze 
«ehen  \  wolden.  6782  lUede  i>/e  sich.  6916  wan  im  was  sin  zeswer  arm. 

Die  zweisilbigen  Auftakte  waren  nach  dem  Gesetze  der  Lyrik,  nach  welchem 
die  Lohengrinstrophe  zu  betrachten  ist,  möglichst  zu  entfernen.  Daher  ist  zu  lesen 
Ulumb.  142  ichn  ruöcht.  493  des  gwan.  1172  ^«w.  122S  er  gwerte.  1333  orf.  1947 
iibrwindent  (nach  der  Cäsur).  2431  iedicher.  2443  manc;  ebenso  2466.  —  2514 
mem  glücke.  2861  Manc.  2931  EtsHcher.  3119  manc.  3590  iur;  ebenso  3678.  — 
3814  ndekm, ,  oder  den^  zu  streichen.    4140  der  gwalt.    4181  Manc.    5017  und  die 


250  .  UTTERATUB. 

kfkne.  ^OdOertdieae.  5126  fnane.  5213  «m^.  5214  vaat  5454  durch,  5623  ^i 
wi«  der  Herausgeber  innerhalb  des  Verses  oft  ^schreibt.  5673  wwrt.  6014  mK 
6189  vürz,  6516  manc.  6637  von  der  keiserinne  sehiet  sieh  doch  diu  kUnegin  Mm, 
6836  obs.  So  bleiben  nur  2021  6423.  7306.  Diese  Auftakte  machen  an  sich  keine 
Schwierigkeit;  aber  zweisilbig  geschrieben  verfuhren  sie  zu  falscher  Lesung.  Wir 
wollen  es  dahin  gestellt  sein  lassen ,  ob  der  Herausgeber  nicht  an  mancher  dieser 
Stellen  sich  in  der  Zahl  der  Hebungen  geirrt  hat. 

Ich  fuge  hier  noch  eine  Reihe  yon  meist  unschweren  Verbesserungen  des  Textes 
bei,  684  lies  tuo  mir  def  dingenäde  achin.  2046  streiche  harre,  2226  tilge  er  spracK 
das  die  Hss.  häufig  der  Deutlichkeit  wegen  einschieben.     2680  tilge  mit  gMä. 
1341  schiebt  der  Herausgeber  hA  ein,  übersieht  aber,  dait  weder  in  den  Hss.  noch  in 
seinem  Texte  der  Vers  ,  einen  Reim  hat.    Lies  daz  ezzen  hete  ein  ende  hie  (:erpt«.) 
1533  lies  diu  kunft  des  gaates  unde  ein  dem  andern.    2350  vrou  Er  da  etäetet.  2931 
yielleicht  beie  (ireit),  weil  sich  kein  analoger  Reim  findet.  3013.  16  besser  begegendi 
:  legende.     3018.  19  besser  Elysiobttihit  (vgl.  Anm.  zu  303).     3567  ist  medi^  vk 
tilgen,  das  aus  3566  eingeschlichen  ist.    3677  hilft  ein  en  dem  Verse  9xdsieefra^ 
^zewäre  ich  enmd'ht;  ebenso  4627  enkan.    4859  mä  eperen  niht  enspam.    5487  sum 
des  gdouben  niht  enwelL  4787  da  von  sich  die  niunden  schar  nü  niht  ensümen  kmgfr- 
1959  daa  sich  dekäner  sin  enschamt.  6724  enschäde.  Besser  liest  man  auch  7179  «i 
für  dawne:  komen  ez  enmüeze  u.  s.  w.  —  4236  ist  der  in  die  folgende  Zeile  nach 
Jupikr  2U  setzen.  5083  daz  zu  streichen.  5114  wert  zu  streichen.  5195  infMmigif 
wU,  5530  iemer.  5660  brdhtm.  5674.  75  sind  umzustellen.   5676  erste.  5878  uftM- 
der.  6009  schoA-n.  6254  hoermt,  ebenso  6553.  —  6318  wirU  wie  1536  im  Reim.  - 
6449«z/jem.    6698  hat  der  Herausgeber  übersehen,  daß  der  Reim  fehlt.   Man  lese 
daz  für  zuo.  6859.  60  wozu  die  Anm.  des  Herausgebers  zu  vergleichen  ist,  dat  dm 
hristenlichen  glauben  gU  ursprinc.   dd  von  er  sanc  niht  vrastgmunb  nach  der  nrnge^dfi. 
6898  den  hdm  zu  streichen,  es  ist  offenbar  hineingekonmaene  Glosse.    6943  ddk 
7056  die  zu  strichen.  7263  lies  kint  erziehen.  7275.  76  ist  dormo  zur  vorigen  Zeile 
zu  ziehen,  der  Reim  zuo :  tuon  hindert  nicht.    7520  ein  gewaltee  man.    82  lies  vindt 
oder  vint.   932  seiest.   996  zir.  1048  zem.  1840  sin.   2137  se.  1883  Lutringe.  2816 
maiu.  3125  lieht  gevar.  5035  vorrttaere.  5133   36  umbehabet.gedrabu. 

Einigemal  sind,  man  sieht  nicht  warum,  weibliche  Reime  an  Stellen  derStrtphe 
gesetzt,  wohin  männliche  gehören.  Vgl.  3381.  3404. 4201.  4251.  4614.  6608.  w^ 
7321.  22  wird  klös6r:Ust  zu  schreiben  sein. 

Eine  metrische  Eigenthümlichkeit  will  ich  noch  bemerken,  die  der  Herausgeber 
nicht  beachtet  hat.  Der  Dichter  lässt  nämlich  eine  Silbe  aus,  wenn  er  nach  spreekei^ 
oder  jehen  die  Worte  direkt  anfuhrt.  Hier  bildet  die  dazwischen  gemachte  Pause  die 
fehlende  Silbe.  So  1937  sie  sprächen  ■*  swaz  <r  gebiet  2065  der  käser  sprach  - 
'hcUfet  ez  üf  die  Sre  min;  und  ebenso  noch  2382.  4207.  6097  und  bei  jehen.  2532  »e 
jähen -J^  wir  sülen  lieber  ungemaoh  und  2652.  4718.  6017.  6325.  6387.  auch  2537 
ist  zu  Iwen.der  von  Fräbant  sprach  —  ÄÄr,  wenn  hdnts  iuch  naehst  geruochet. 

Die  Interpunktion  des  Herausgebers  i^t  nicht  überall  zu  billigen.  Das  (:)  nacb 
^pehen  51  ist  zu  tilgen.  75  der  (.)  nach  tragen  zu  tilgen  und  nach  entwiche  zu  setsen. 
379  (.)  nach  lebm.  1242  (,)  nach  l^t.  1354  (,)  nach  liep.  2708  (.)  naoh  sU  n 
tilgen.  2941  (,)  nach  gerant  zu  tilgen;  ebenso  5471  nach  panier. 

Auch  an  Druckfehlern  mangelt  es  nicht  1^4  lies  war  für  waz,  216  öfe^ädm* 


UTTEBATUB.  261 

293^.  1027  ufdm.  1070  SadcU.  1095  «mV.  2293  >n«.  ZUi  dien.  4768«!^. 
5067  Ute.  5256  trdtm.  5340  A»«n«^.  5830  volge  der.  6313  ^^r^SA^?  6421  künec, 
imjem.  7e22  getnachet. 

Ab  maacheo  Stellen  finden  sich  auch  Yers^ASe  gegen  die  Grammatik.  Lies  835 
in.  1290  irs.  334:B  keine  drö,  3360  «9.  5149  citti.  und  falsche  Wortformen.  1693  lies 
wet.  1166pdwelün.  ISOS  Spangol,  2905  2\«on<m.  3850.  3872  ^radfe^«.  Als  Prä- 
position steht  einigemal  mite,  wie  ich  glaube  mit  Unrecht.  1862  lies  nut  brCde  und 
mit  win.    1999  mit  eehilt  unt  nUt.eper;  Tgl.  auch  2749  wo  man  lieber  umstellt. 

Bas  Yerhältniss  des  Dichters  zu  Wolfram  ist  nicht  genügend  erörtert.  Der  Her«* 
usgeber  nennt  zwar  (S.  228)  den  Lohengrin  'eine  Mosaik  aus  Wolfram' :  aber  wenn 
wir  dieB  auch  glauben  wollen,  so  hätte  es  doch  reicher  belegt  werden  mülten,  als 
durch  einige  wenige  Citate  in  den  Anmerkungen.  Was  die  letzteren  betrifft,  so  er« 
Ortern  sie  nur  wenige  Punkte,  aber  auch  hier  gibt  es  manches  zu  berichtigen,  Zvl 
73  wird  die  Form  Dümgen  gegen  die  durch  den  Reim  gesicherte  (2617.  5113) 
DOrgm  rertheidigt.  Zu  305  wird  der  Grundsatz  aufgestellt,  dai)  ir  nur  flectiert  ge- 
Ibraocht  wird,  wenn  es  das  Metrum  erfordert:  aber  dieser  Grundsatz  ist  im  Text 
nicht  durchgeführt ,  wie  mehrere  der  Ton  mir  angeführten  Stellen  beweisen.  Die 
Schreibung  gebliubt :  durchgraebt  (zu  5321)  i^t  nicht  zu  billigen.  Auch  im  litterari* 
«eben  Xheile  der  Aumerkungen,  der  mit  allzu  groDer  Breite  ausgeführt  ist  und  sich 
auf  die  Hälfte  des  Raumes  hätte  reducieren  lassen,  finden  sich  falsche  Bemerkungen. 
So  wird  S.  272  ron  Kürzungen  des  Strickers  im  Reime  gesprochen,  die  denen  im 
Lohengrin  gleichkommen  sollen 

Eine  Vergleichung  der  Namen  im  Lohengrin  mit  seinen  Vorbildern  wäre  auch 
wünschenswerth  gewesen:  ein  Namenregister  am  Schluß  mit  übersichtlicher  Gegen« 
überstellung  der  Wolfiram*schen  Eigennamen  hätte  für  diesen  Zweck  ausgereicht 
nnd  würde  manigiach  belehre^. 

In  derBcurtheilung  der  Ausgabe  mußte  ich  ausfährüeher  sein,  weil  ohne  die 
Belege  mancher  Tadel  uugegründet  erschienen  wäre.  Daß  der  Herausgeber  bessere 
Texte  zu  He£sm  versteht,  hat  er  bereits  früher  gezeigt:  um  so  mehr  war  man  be- 
rechtigt b^i  dem  Lohengrin  ein  gleiches  zu  yerlangen.  Eine  in  jeder  Beziehung 
kritisch  genügende  Ausgabe  brauchte  er  noch  nicht  zu  geben  und  dazu  werden  auch 
meine  Bemerkungen  sie  nicht  machen,  die  nur  andeuten  sollen:  aber  die  einfachsten 
Anfoiderwugan,  die  man  an  einen  Herausgeber  stellen  kann«  werden  durch  diese 
Aosgabe  des  Lohengrin  nicht  befriedigt  werden.  Mit  solchen  Ausgaben  ist  der 
WissQoacbiilfc  nicht  gedient,  sie  schaden  mehr  als  sie  nützen«  um  so  mehr  w^m  sie 
▼00  einem  Manne  herrühren,  dessen  Ausgaben  eine  Anerkennung  in  der  gelehrten 
Welt  sich  errungen  haben.  KARL  BARTSCH. 


Jägartir#Vi0r.     JagOalterthüiMr:  Waidsprache  «ud  Jägenehrei«,  Jagdealeoder,  Jäger-. 

küoste  und  JAgeraberglauben,  Jägersagen.    Dresden,   6.  Scbönfelds  Rachhandlnng 

(C.  A.-  Werner).  1867.  8.  IV.  a   180  S.     (IV,  Thlr.) 

Das  Torstehende  wohlausgestattete  Buch  soll  laut  Vorrede  (S.  I)  nicht  bloß 

U^erhattMOf{^  gewähren,  sondejrn  zugleich  Vinige  nicht  unwichtige  Beiträge  zur 

^tschen  Sittengeschichte  und  vergleichenden  Sagenkunde  liefern*,  und  hiernach 

vird  Qii^  kmze  Anzöge  desselben  in  der  Germania  am  Platze  sein. 


252  UTTERATÜR. 

Zunächst  gibt  der  ungenannte  Verfasser  eine  Sammlung  von  Weidsprüchen  und 
Jägerschreien,  d.  h.  die,  welche  Jacob  Grimm  in  den  altdeutschen  Wäldern  aus  einer 
Handschrift  und  yerschiedenen  Büchern  herausgegeben  hat,  und  die,  welche  ich  aus 
einer  früher  mir  gehörenden,  jetzt  im  Besitze  der  Großherzogl.  Bibliothek  zu  Weimar 
befindlichen  Handschrift  im  Weimarischen  Jahrbuche  (III,  329  ff.)  bekannt  gemacht 
habe  Au  der  Schreibung  der  Sprüche  nicht  nur,  sondern  hie  und  da  auch  an 
grammatischen  Formen  ist  vom  Verfasser  geändert.  £inzelne  Druckfehler  sind 
sind  nicht  berichtigt ,  einige  neue  hinzugekommen.  Die  spärlichen  Anmerkungen 
enthalten  nichts  eignes,  neues ;  alles  was  sie  bieten  ist  aus  Grimms  und  meinen  Be- 
merkungen ausgeschrieben.  Was  wir  gelegentlich  nur  yermuthet  hatten,  ist  ohne 
Weiteres  als  sicher  angenommen  worden,  und  die  Erklärung  dunkler  Stellen,  anf 
deren  Schwierigkeit  wir  hingewiesen,  die  aber  hier  ohne  alle  Deutung  stehen,  als 
wären  sie  leicht  und  selbstverständlich ,  ist  durchaus  nicht  gefbrdert.  Man  sieht 
überall,  daß  dem  Verfasset  eigentliche  Sprachken ntniss  abgeht. 

Während  nun  sämmtliche  337  Weidsprüche  des  Jägerbreyiers,  mit  Ausnahme 
des  einzigen  Nro.  201,  sich  in  den  altdeutschen  Wäldern  und  im' weimarischen  Jahr- 
buche finden,  hebt  der  Verfasser  in  der  Vorrede  herror,  daß  weder  Grimm  noch  ich 
anf  die  Weidsprüche  und  Schreie  in  Schnurr  yon  Lensidels  Hausbuche  und  in  Feyer- 
abends  Jagdbuche  Rücksicht  genommen  hätten,  und  theilt  dann  diese  Sprüche  unter 
Nr.  121 — 200  mit,  indem  er  bemerkt,  daß  sie  auch  in  Bechers  Jägercabinet  und  in 
Erlachs  Volksliedern  ständen;  die  Nummern  der  letztem  Sammlung  sind  beigefügt 
Es  ist  unbegreiflich,  wie  der  Verfasser  yergessen  konnte ,  ob  wohl  er  doch  die  alt- 
deutschen Wälder  vor  sich  hatte,  daß  die  sämmtlichen  Sprüche  von  Nro.  121—200 
bereits  von  Grimm  auä  Bechers  Jägercabinet  mitgetheilt  sind  und  daß  Erlach  sie  erst 
aus  den  altdeutschen  Wäldern  entlehnt  hat;  die  Zahlen  der  Erlach'schen  Sammlung 
sind  eben  die  der  Grimmischen.  Im  weimarischen  Jahrbuche  a.  a.  S.  332  hatte 
übrigens  auch  ich  bemerkt ,  daß  die  von  Grimm  aus  Becher  mitgetheilten  Sprüche 
sich  schon  im  16.  Jahrhundert  gedruckt  vorfinden. 

Den  Weidsprüchen  folgen  im  Jägerbrevier  'Xhierverslein  ,  d.  h.  Reime  auf 
verschiedne  Thiere,  aus  Feyerabends  Jagdbuch.  Ich  kann  im  Augenblicke  das  Jagd- 
buch nicht  vergleichen  und  weiß  daher  nicht,  ob  sie  gienau  abgedruckt  sind;  das 
aber  weiß  ich,  daß  sie,  wie  sie  im  Jägerbrevier  stehen,  allerhand  falsche  und  unver- 
ständliche Stellen  enthalten,  die  durch  leichte  Änderungen  berichtigt  werden  konn- 
ten. Die  folgende  zwei  und  eine  halbe  Seite  füllende  Sammlung  von  Jagd- 
Spruch  Wörtern'  hätte  bedeutend  vermehrt  werden  können.  Der  *Jägercalender' 
ist  aus  verschiedenen  alten  Jagdbüchern'  zusammengestellt  und  enthält  meist  ge- 
reimte Wetter-  und  Gesundheitsregeln  für  die  einzelnen  Monate  Hieran  schliefien 
sich  unter  der  Aufschrift 'Jägerkünste'  und  Jägeraberglaube'  80  meist  abergläubische 
Rec^pte  und  Mittel,  die  zum  Theil  recht  interessant  sind.  Auch  eine  oben  erwähnte 
Handschrift  enthält  ein  paar  derartige  Recepte,  darunter  jedoch  nur  eins  mir  interessant 
scheint  und  welches  ich  desshalb  hier  mittheile. 

VÖGEL  AUF  DEM  TENNEN  Zu  FANGEN. 
Mache  dir  einen  Tennen,  darauf  du  liegen  willst,   heb  an  an  S.  Jilgentag,  und 
die  Vögel ,  so  du  zuerst  fahest ,  soll  du  rupfen  lassen  und  brat«n ,  und  gib*s  armen 
Leutnn,  behalt  keinen  darvon.    Darnach  nimb  die  Federn  und  theil  sie  ungeferlich  in 


UTTERATUB.  253 

fünf  Theil  und  thue  einen  Theil  unter  die  HQtten  unter  den  Sitz  und  auf  jede$  Eck 
des  Tenns,  auch  ein  Theü  eingraben:  darnach  föhestu  Vögel  das  ganze  Jahr. 

Den  Schluß  des  Jägerhreviers  (S.  120—174)  bilden 'Jäger  sagen,  ron  Schützen 
die  immer  treffen,  und  solchen,  die  keine  Kugel  trifit.*  Der  Verfasser  hat  mit  Fleiß 
die  neuem  Sammlungen  deutscher  Sagen  durchgemustert  und  die  betreffenden  Sagen 
zusammengestellt,  eine  Zusammenstellung,  für  die  man  ihm,  auch  wenn  sie  nicht 
ToUständig  sein  sollte,  dankbar  sein  muß.  Auf  nicht  germanische  Sagen  und  Aber* 
glauben  ist  keine  Rücksicht  genommen,  obwohl  dieß  zu  interessanten  Vergleiohungen 
geführt  hätte.  Bezüglich  der  Passauer  Kunst  bemerke  ich ,  da!ß  unter  andern  auch 
ein  Caspar  Neuthardt  aus  Hersbruck  als  ihr  Erfinder  galt  (vgl.  Waldau  vermischte 
Beiträge  zur  Geschichte  der  Stadt  Nürnberg  HI,  S  200).  0 

Ich  benütze  diese  Gelegenheit  noch  zu  zwei  Bemerkungen.  Im  weimarischen 
Jahrboche  a.  a.  O.  S.  332  habe  ich  gesagt ,  daß  Jacob  Grimm  es  gewesen  sei,  der 
zuerst  in  neuerer  Zeit  wieder  auf  die  vergessenen  und  verachteten  Waidsprüche  auf- 
merksam gemacht  habe.  Ich  hätte  aber  nicht  übersehen  sollen ,  daß  schon  Gräter 
(1794)  in  seiner  für  jene  Zeit  vortrefflichen  und  noch  heute  beachtenswerthen  Ab- 
handlung'über  die  deutschen  Volkslieder  und  ihre  Musik'  (Bragur  III,  S.  273)  auf 
die  Weidmannssprüche  als  ein  Stück  Volkspoesie  hingewiesen  hat,  wenn  auch  nur 
im  Vorübergehen  und  nicht  günstig  genug  (vgl.  auch  Wackernagel  Geschichte  der 
deutschen  Litteratur  §.  96,  3).  Femer  habe  ich  a.  a.  0.  S.  477  ein  Gedicht  Lorbers 
'die  edle  JA^rei*  vom  Jahr  1670  besprochen,  in  welches  verschiedene  Weidsprüche 
und  Jägersehreie  verwebt  sind.  Seitdem  ist  mir  noch  ein  anderes ,  wenige  Jahre 
älteres  Gedicht  bekannt  geworden,  welches  hat  ganz  aus  Weidsprüchen  und  Jäger- 
sdireien  zusammengesetzt  ist.^  Es  ist  dieß  Sjlvanders  Lobspnich  von  der  edlen 
Jägerei,  der  sich  findet  in  dem  Ballet  'Der  sieghafte  Hymen  ....  Durch  einen  der 
edlen  Poesie  Liebhabern  Fido  [nach  der  Unterschrift  der  Dedication  Adam  Ulrich 
Schmidlin],  Stuttgart,  1662.  4®.   S.  89—  101. 

WEIMAR.  BEINHOLD  KÖHLER. 


1.  itchweiieriagen  ans  dem  Aargan.  Gesammelt  und  erläutert  von  RochhoU. 
Zweiter  Band.    Aarao  Ui  Saaeriänder,  1857.  LVI  und  408  Seiten  8.   (2  Thlr.  24  Sgr. 

oder  4  fl.  12  kr.) 

2.  Die  Sagen  Yorarlbergt.  Nach  schriftlichen  nnd  mündlichen  Oberliefeningen  ge- 
sammelt  nnd  erlftntert  von  Dr.  Vonbnn.  Innsbrack,  Wagner*sche  Baehhandlung  1858. 

8.  Alpensagen.  Volksfiberlieferangen  ans  der  Schweiz,  aus  Yorarlberg,  KAmten,  Steter- 
mark.  Salzbarg,  Ober-  und  Niederösterreicb.  Von  Theodor  Vernaleken.  Wien, 
Seidel  1858.   XX  und  436  Seiten  8.   (1  Thlr.  15  Sgr.  oder  2  &.  88  kr.) 

4.  Mythen  nnd  Sagen  Tirolt.  Gesammelt  und  heransgegeben  von  Johann  Nepomnk 
Ritter  ron  Alpenbnrg.  Mit  einem  einleitenden  Vorwort  von  Lodwig  Bech stein. 
Zürich,  Mejer  A  Zeller  1857.    XH  nnd  432  Seiten  8.    (2*U  Thlr.  oder  4fl.  36  kr.) 

1.  Der  zweite  Band  der  Aargauer  Sagen  schliel^t  sich  dem  früher  angezeigten 
ersten  würdig  an.   Derselbe  Reiohthom  nnd  dieselbe  Sichtung  und  Beherrschung  des 

*)  Ehiige  Naehtrige  zu  dem  Jägerbrerier  aas  skandinaTiseher  Sage  und  Abefglanben  hat 
AibjOmsen  in  KObne's  Emropa  1857,  Nr.  52  geliefert. 


264  LTTTKRATÜR.    . 

seit  Tielen  Jftbren  angesammelten  Stoffes  zeigt  sie)i  auch  hier.   Die  KetiiitnisB  mA 
Berficksitihtignng  der  gesammten  Sagen litteratur ,    die  wir  bei  Bdsprecbtmg  des 
frühem  Bandes  rühipend  hervorgehoben,  gibt  auch  diesem  einen  so  hohen  Werth,  daS 
wir  Roehholz  den  Preis   unter  den  Sagenherausgebern  zugestehen  müßen.    Der 
Torliegende  Band,  der  294  Nummern  enthfilt,  beginnt  mit  einer  Abhandlung  ober 
den  schweizerischen  Sagenkreis  yom  Bannräuber  Stiefeli,  der  ein  landwirthsehaft- 
lieh  bethätigier  Zwerg  ist ,  welcher  unter  der  firühesten  SennenberGlkerang  jener 
Landstriche  als  ein^  freundliche  Gottheit  der  Feld-  und  Hausgrenze  gegolten  hat. 
Als  die  Volkssage  mehr  und  mehr  verwilderte,  ward  der  Sennenzwerg  in  einen 
teehtsver  dreh  enden  Vogt  und  endlich  in  den  übergewaltigen  wilden  Jäger  verwan- 
delt.  Schließlich  weist  Rochholz  in  dem  sehr  fleißig  and  fein  gearbeiteten  An&atze 
auf  die  Ähnlichkeit  dieses  Sagenkreises  mit.  dem  Mythencjklus  des  Hermes  hin. 
Mttditen  einzelne  Sagenkreise  recht  ofb  in  gleicher  Weise  behandelt  werden.  Die 
Forschung  würde  aus  derartigen  engbegrenzten  Abhandinngen  mehr  gewinnen,  &ls 
aus  manchen  vagen  Mythologien.  —  Der  erste  Abschnitt  des  zweiten  Bandes  ent- 
hält die  auf  Zauberthiere  bezüglichen  Sagen.  Drache  und  Schlange,  Stier,  Boss  und 
Hund,  Vögel,  Kröten,  Hirsche,  Katzen,  Böcke  sind  bedeutungsvoll  vertreten,  h 
md  dieß  gröfitentheils  heilige  oder  elbische  Thiere.   Theils  waren  sie  Göttern  ge- 
weiht, theils  erschienen  wohl  Götter  selbst  in  solcher  Gestalt.   Neben  wenigstem 
in  Oberdeutschland  bekannten  Sagen  finden  sich  hier  viele  neue  Zttge.   Der  zweite 
Abschnitt  enthält  die  brennenden  Männer,  die  gröStentheils  als  Marktfrevler  um- 
gehen mfißen.     Ihnen  folgen  die  zahlreidhen  Rechtssagen ,  ein  goldenies  Vermftcbt- 
niss  alter  Volksmoral  in  Bild  und  Beispiel.     Der  neunte  Abschnitt  bietet  reiche 
Traditionen  über  Zauberer,  Hexen,  Unholden  und  Teufbl  und  zeigft  neuerdings,  ^ 
noch  Mythenreste  in  Teufel-  und  Hexensagen  fortleben.     Hulda,  Wuotan  und  Do- 
nar finden  sich  in  diesem  Theile  vertreten.     Das  folgende  Kapitel,  welches  Heiden- 
und  Römerbauten  überschrieben  ist , '  enthält  nebst  darauf  Bezüglichem  aueh  tfit- 
theiluogen  über  Fhir-  und  Ortsnamen.     Begegnet  uns  in  de?  ersten  Hälfie  dieses 
Abschnittes  die  bekannte  Volkssitte,  sehr  alte  und  außergewöhnliche  Bauten  dem 
Teufel,  den  Heiden  oder  Römern  zuzuschreiben,  so  enthält  die  zweite  Scigen  über  Orts- 
namen und  Anekdoten ,  die  an  die  Lalenburgerstreiche  erinnern  und  über  gans 
Deutschland  mehr  oder  weniger  verbreitet,  vom  Witze  unserer  Altvordertl  Zeugnis« 
geben.     Den  Schluß  dieser  Sammlung  bilden  Legenden  und  geschichtliche  Sagen. 
Bei  den  init  größer  Belesenheit  geschriebenen,  treulichen  Anmerkungen  vemrisst  man 
S.  16  das  Verweisen  auf  die  Legende  von  der  h.  Juliäna,  die  das  Einhorn  ali  Attribut 
hat.     Der  Glaube  an  die  Bezähmung  des  Einhornes  durch  Jungfhtuen  rtfkhte  bis 
ins  11,  Jahrhundert  herab.     Zu  S.  215  sei  bemerkt,  daß  in  Samthai  (in  Tirol)  jene 
Häuser  Heidenhäiiser  genannt  werden,  die  gemauert  sind  und  einen  geraden  Haus- 
giang  mit  zwei  Thoren  haben.   Durch  die  Fhir  solcher  Häuser  soll  ret  Alt^st/mnehr 
mal  die  wilde  Fahrt  gezogen  sein.     Bei  den  Anmeldungen  hätte  das  alte  Legenden- 
buch „Leben  der  Heiligen**  öftere  Berücksichtigung  verdient.  —  Roöhhöltz's  ge- 
diegene» Werk  isi  fui  jeden  Sagenfi(^scher  unumgäBglidi  nothwendig  und  wird  die 
verdiente  Aneri^enaung  mehr  und  laehr  finden, 

2.  An  das  genannte  Buch  schließt  sich  Vonbuns  Sammlung  an,  die  größtentheüs 
Oariginiitagen  enthält*  Um  ein  vollständiges  Bild  der  Sagentradition  Vorarlbergs 
XU  geben,  nahm  der  umsichtige  Sammler  auch  bereits  in  andern-  Werken  Verölfeot^ 


UTTERATüB.  ~    265 

lichtes  auf.  Die  Samnitun^  zerAllt  in  M&rchen  und  Sagen  nebst  Legenden.  Hit 
Märehea  will  er  die  mythisch«  Sage,  mit  Sage  die  historische  bezeichnet  wissen. 
Unsers  £raoht«ns  ist  dieß  Abweichen  Ton  der  einmal  üblichen  und  bestimmten  Aus- 
Arocksweise  nidit  cq  loben.  Unter  den  schönen  Mittheilungen  bis  Nr.  74  sind  etwa 
fünf  Märchen  im  gewöhnlichen  Sinne  zu  finden ,  alle  übrigen  sind  trefilieh  erzählte 
tianige  Sagen.  Fanggen  und  wilde  Leute,  Bergmännlein  und  Venediger,  Bütze  und 
Teufel,  da«  Nacfatrolk  nnd  Geister,  weilte  IVaoen,  Schätze  und  Schlangen  werden  un» 
Torgefiihrt.  Die  Sagen  sind  mit  Umsicht  zu  Gruppen  geordnet  und  mit  kurzen  und 
tr^nden  Bemerkungen  rersehen.  Grimm's  Mythologie  dient  als  Schlüssel.  Wir 
wünschten  niur  eine  allseitigere  Benützung  der  Sagenliteratur  in  den  Anmericungen. 
Siöbeif  Sagen  des  Elsaftes  sind  am  fieiftgsten  benüzt,  die  übrigen  Werke  dieser  Art 
selten  oder  gar  nieht  berührt  worden.  Theilweise  mag  diese  Lücke  durch  den  ah" 
geschiedenen  Landaufenthalt  des  Verfassers  entschuldigt  werden.  So  wäre  schon 
bei  Nro.  6,  wo  die  Tielrerbreitete  Sage  ron  der  dickbäuchigen  Kröte  und  der  Dirne, 
fbe  später  geholt  wird  um  der  in  Wochen  liegenden  Fangge  zu  warten,  yiel  £in-> 
^^^giges  zu  rerzeichnen.  Dasselbe  gilt  ron  sehr  vielen  Sagen.  2um  Melken 
sns  Holzzapfen  Nr.  10  könnte  auch  viel  Bezügliches  angeführt  werden.  BerÜhirte 
diesen  Aberglauben  ja  schon  Geiler  in  seiner  £meis  (Stöber ,  zur  Geschichte  de» 
VcUisabergl^afaens  S.  62.)  Aus  Vonbuns  Sagen  ergibt  sich,  da0  die  Fanggen  di# 
Zwerge  Tertreten.  Beinahe  all*  die  Sagen,  die  anderswo  Ton  Zwergen,  Nörglein, 
Wiehteln,  Unterirdischen  im  Schwange  gehen,  werden  in  Voraribeig  ron  den  Fftagge« 
enihlt.  Wichtig  sind  die  Sa^en  rem  Naditrolk,  die  entschiedene  Beziehung  auf 
Wuotto,  Donar,  Holda  und  die  wilde  Jagd  haben.  Daft  mit  de»  Nachtvolk»  auch 
hva  Sälda  einst  zog,  habo  ich  schon  firflher  mitgetheilt.  Es  würde  uns  ein  näheres 
Eingehen  auf  einzelne  Sagen  zu  weit  fßfaren  Vonbun  erzählt  Vieles  sehr  treiftich 
BD  Dialekte  setneor  Heimath,  wodurch  das  Buch  neuen  Reiz  und  einen  doppelten 
Werth  erhält.  Wir  wünsehen,  dai  er  seine  Sammlungen  fleil^ig  fortsetze  und  auch 
eine  Lese  dortiger  Kinderreime  und  Volkelieder  bald  veranstalte. 

3.  Ein  weiteres  Gebiet,  als  die  Vorgenannten  behandeln,  hat  Hr.  Vernaleken 
anschrieben.  Unter  dem  Titel  Alpensagen  gibt  er  Volksüberliefbrungen  ans  de# 
Schweiz,  aus  Vorarlberg,  Kärnten,  Steiermark,  Saliburg,  Ober-  und  Niederötterreicii. 
£r  gruppiert  die  Sagen,  die  grofientbeils  mündlicher  Überlieferung  entnommen  sind, 
in  die  Abschnitte:  L  Vergietsehemng,  Untergang.  IL  BergentrUekte  Helden,  Wuo- 
t«o  und  wilde  Jagd,  Teufel  und  Riesen.  HL  Weibliche  Wesen,  Zauber,  Schätze, 
^n.  IV.  Mittelif^sen.  V.  Mythische  Thiere.  VI.  Ortssagen  und  Legenden. 
Vn.  Zeiten  nnd  Fetten  Sitten  und  Gebräuche.  Schlichte,  gefitllige  Darstellung 
empfiehlt  dieses  sorgsam  gearbeitete  Buch ,  das  mit  groiem  Verständniss  der  deut- 
sehen  Mythologie  geschrieben  ist.  Die  knappen  Noten  geben  treffliche  Winke  und 
berühren  in  bündiger  Kürze  anderwärts  vorkommende,  ähnliche  Sagen.  Neben  Be- 
kanntem kommt  viel  Neues  vor.  Ich  verweise  beispielshalber  nur  auf  „die  Wal- 
purgisnächte'' S.  109,  die  deutlich  hinweisen,  dai»  Walpurgis  mit  Holda  in  Beziehung 
stehe.  Die  Berhta  oder  Stampa  erscheint  in  manchen  Gegenden  der  Schweic 
onter  dem  Namen  Strägele  (S.  116  u.  s.  f.)  Überhaupt  ist  Berhta  in  diesem  Buche 
reich  vertreten  und  die  hieher  bezüglichen  Sagen  und  Gebräuche  geben  den  Beleg, 
▼ie  zfth  sich  diese  Göttin  im  Volksmunde  erhalten  hat.  Nebst  solchen  alten  Sagen 
findet  man  in  der  Schweiz  viele  alten  Sitten^  Bräuehe  und  Aberglauben,  die  für  den 


266  LITTERATÜR. 

Mythologen  tob  Belang  sind.  Schließlich  müßen  wir  bemerken ,  daß  einigemal  die 
Darstellung  zu  sentimental  ist.  Die  Schreibweise  Hechse,  Nichs  ist  für  den  gr5&ien 
Theil  des  Publikums  störend. 

4.  Alpenburgs  Mythen  und  Sagen  müßen  mit  Freude  begrüßt  werden.    Der 
Herausgeber  hat  mit  Liebe  und  Lust  reichen  Sagenstoff  angesammelt  und  versteht 
recht  treuherzig  und  frisch  zu  erzählen.     Die  eingeflochtenen  Daten  über  Land  und 
Leute  geben  dem  Buche  überdieß  neuen  Reiz  und  Werth.     In  den  nach  mündlicher 
Tradition  getreu  wiedergege^enen  Sagen,  und  dazu  gehören  die  meisten,  liegt  das 
fiauptverdienst  des  wackem  Herrn  Ritters ,  der  noch  viele  Schätze  zu  entdecken 
Terspricht.     Sehr  werthrolle  und  jedem  Forscher  willkommene  Beiträge  enthalten 
die  Abschnitte :  Hulda  und  die  seligen  Fräulein,  die  Riesen,  die  Holden  mid  Un- 
holden, die  Schatzhüter  und  die  Sammlung  yon  Aberglauben,  welche  denSchlul 
bildet.     Das  Buch  gibt  ein  glänzendes  Zeugniss  Yom  zähen  Festhalten  des  Tiroler 
Volkes  an  alter  Sitte  und  Sage.     Noch  leben  im  Munde  der  Tiroler  Hulda  und 
Berhta  fort ,  noch  klingt  die  früher  im  Lied  gefeierte  Riesen-  und  Zwergensage  in 
zahllosen  Überlieferungen  nach  und  zeigt ,  daß  ihre  engere  Heimath  Tirol  ist  (vgl 
Wackernagel  Litt.-Gesch.  S.  209.)     Weniger  Werth  haben,  die   andern  Werken 
nacherzählten,  Sagen,  welche  auch  in  ihrer  Darstellung  yon  den  Originalsagen  manch- 
mal unTortheilhaft  abstechen.     Beda  Webers  Fasseier ,  dessen  Meran  und  Tjrol» 
Stafflers  Tirol  und  Vorarlberg,   Emmerts  Almanach  sind  mehrere  Sagen  entDom- 
men,  deren  gedruckte  Quellen  nicht  angegeben  sind.     Der  Rosengarten  des  Königs 
Laurin  S.  127  u.  28  ist  einem  Märchen,  das  ich  ersonnen  und  der  Widmung  des  Büch- 
leins König  Laurin  eingerückt  habe ,  entnommen.     Das  Volk  bei  Meran  weü  nur 
Ton  einem  Zwergenkönige  Laurin,  der  in  der  Nähe  des  Schlosses  Tirol  im  Berge  ge- 
wohnt und  einen  schönen  Garten  gehabt  haben  soll.   Auch  diese  Tradition  ist  wenig 
mehr  yerbreitet.  —  Danach  müßen  Bechsteins  Worte  in   der  Vorrede:   „Alles  ist 
treu,  ist  unmittelbarer  Anschau  und  achtem  Hörensagen  aus  dem  Munde  der  Alpler  und 
Thalbewohner  entnonmien**  (S.  IX)  berichtigt  werden.  —  Ritter  yon  Alpenburg  giht 
aber  nicht  bloß  die  Sag^n,  sondern  yersncht  aus  den,  ein  mythisches  Wesen  betrefienden 
Erzählungen,  ein  möglichst  yoUständiges  Bild  derselben  zu  geben.   Diese  Gemälde 
bilden  die  Einleitung  zu  den  einzelnen  Sagengruppen.     Wir  wünschten,  daß  diese 
Gemälde  einfacher  und  bestimmter  gehalten  und  mit  mehr  Berücksichtigung  der  ein- 
schlägigen Litteratur  yerfasst  sein  möchten.     Je  mehr  Sagen  man  yergleicht,  desto 
schärfer  wird  der  Blick ,  desto  reicher  das  einschlägige  Material.     R.  y.  Alpenburg 
benützte  neben  Grimms  Mythologie  häufig  nur  Bechsteins  deutsches  Sagenbuch,  das 
sich  bei  Fachmännern  nicht  des  besten  Rufes  erfreut.  Wir  wünschen,  daß  der  eifrige 
Sammler  recht  bald  den  zweiten  Band  der  Sagen  oder  den  Bauemkalender  folgen 
lasse« 

I.  V.  ZINGEBLE. 


o  J^p'jifiStHtifM'*  T'*'' 


Ureck  der  J.  B.  MetEler'icheii  BucltdrucMrel  ia  StatifUft. 


KOMAD  VON  WÜRZBURG  AUS  WÜRZBURG 
ODER  AUS  BASEL? 

WILHELM  WACKERNAGEL. 


'  nSp»t  kommst  da:  doch  da  kommst.** 

Eonrad  von  Würzbnrg  ist  in  Vergleich  mit  andern,  namentlich  den  ihm 
gleichzeitigen  Dichtem  und  bei  der  Menge  nnd  theilweis  anch  dem  großen 
Umfang  seiner  eigenen  Werke  verhältnissmäftig  arm  an  Beziehungen  auf  die 
Geschichte  seiner  Zeit  und  an  Namen  aus  derselben.  Letzterer  kommen  nur 
etwa  sieben  bei  ihm  vor,  und  jedesmal  nur  da,  wo  er  Gönner  seiner  Kunst  zu 
errshnen  und  ihnen  für  die  Unterstützung  zu  bestimmten  einzelnen  Gedichten 
za  danken  hat.  Zwei  davon  gehoeren  nach  Straßburg,  ein  LieJUenberger, 
den  er  in  einem  Spruche  (bei  v.  d.  Hagen,  Mnnes.  2,  334)  wohl  eben  als 
Gönner  preist,  und  ein  Domprobst  von  Thiersberg,  auf  dessen  Bitte  er  den 
Otto  mit  dem  Bart  gedichtet  (Hahns  Ausg.  Z.  750  fgg.).  Die  übrigen  ins- 
gesammt  nach  Basel ,  Johannes  von  Bermeswil  und  Heinrich  Isenlin  im  heil. 
Alexins  (die  Altd.  Handschriften  d.  Basler  Univ.-Bibliothek  S.  4),  Johannes 
von  Argael  im  heil.  Pantaleon  (Haupts  Zeitschr.  6,  193  fg.),  der  Domherr 
Leatold  von  Bcetelen  im  heil.  Silvester  (die  Altd.  Handschr.  S.  4  fg.)  und  ein 
zweiter  Domherr,  Dietrich  an  dem  Orte,  in  dem  Buch  von  Troja  (Altd. 
Handschr.  S.  5). 

Wenn  bereits  hiemit  das  Gebiet  von  Eonrads  Leben  und  Wirken  auf 
Basel  und  das  benachbarte  und  befreundete  Strasburg  eingeschränkt  erscheint« 
so  erfahren  wir  aus  weiteren  Belegen,  daß  er  jenen  Ort  nicht  vielleicht  nur 
als  Fahrender  ab  und  zu  und  vorübergehend  berührt  hat,  sondern  daselbst 
haushaeblich  gewesen  ist,  mit  Weib  und  Kind  angesessen  und  mit  Weib  und 
Kind  gestorben  und  begraben.  Ein  Haus  in  der  jetzigen  Augustinergasse, 
der  damaligen  Spiegelgazze^  wird  urkundlich  im  J.  1290  als  do-mAsqwmdam 
Maffistri  Ourwadi  de  Wvrzeburg  bezeichnet  (Basel  im  vierzehnten  Jahrh, 
S.  23),  nnd  das  Jahrzeitenbuch  des  Basler  Münsters  vermerkt  unter  dem 
IT  KJal.  Sept.  (das  Münster  zu  Basel  von  Fechter  S.  47)  Omiiradua  de 

emLuriA  in,  17 


258  WILHELM  WACKERNAGEL 

WiTtzhurg,  Berchta  uxor  eius,  Gerina  et  Agnesd,  filicB  corum,  ohiermd,  gui 
sepuüi  eunt  in  latere  b.  M.  MagdalenoB,  *)  Vater,  Mutter  und  beide  Töchter 
an  einem  und  demselben  Tage:  es  muß  sie  eine  ansteckende  Krankheit  ge- 
nommen haben.  Der  Todestag  ist  also  der  31.  August:  das  Todesjahr  wird 
nach  dem  Gebrauche  der  Necrologien  nicht  mit  vermerkt;  die  Annalen  von 
Golmar,  die  man  ebenso  gut  Annalen  von  Basel  nennen  dürfte,  bringen  die 
Nachricht  von  dem  Tode  des  Dichters  unter  das  J.  1287:  Ohiit  Cuowadnfi 
de  Wircihwrch,  in  theutonico  mvitorum  bonorum  dictaminum  compüaior 
(Colmarer  Ausg.  v.  1854,  S.  130). 

Andre  räumliche  Anknüpfungen  als  diese  an  fünf  Baslerische  und  einen 
oder  zwei  Straßburger  Gönner,  an  das  Haus  und  die  Familie  und  das  Grab 
zu  Basel  lassen  sich  für  Konrads  Leben  nirgend  weder  bei  ihm  selbst  noch 
bei  anderen  zuverlaßßigen  Zeugen  finden;  wohl  aber  gewaehrt  er  selbst  noch 
ein  Zeugniss ,  das  wiederum  mit  Nachdruck  auf  Basel  deutet,  seine  Sprache. 
Wie  alamannisch  diese  sei,  hat  bereits  der  verstorbene  Hahn,  wohl  deren  ge- 
nauester Kenner,  nachgewiesen  (Otte  mit  dem  Barte  S.  9). 

Fränkisch ,  wie  wir  diese  Mundart  für  die  frühere  Zeit  namentlich  aos 
dem  Wigalois  und  gleichzeitig  aus  Hugo  von  Trimberg  kennen,  zeigt  sich 
Konrads  Sprache  in  keinem  seiner  vielen  Gedichte ,  durch  keinen  der  viel- 
und  mannigfachen  und  staets  mit  Sorgfalt ,  überall  mit  Gleichmäßigkeit  be- 
handelten Reime.  Auch  anderweitig  zwischen  ihm  und  Franken  keinBezng, 
kein  Zusammenhang:  wie  hätte  ihm  sonst  aus  einer  Reihe  dichterischer 
Wendungen  Walthers  von  der  Vogelweide  irrthümlich  oder  willkürlich  eine 
Legende  werden  können ,  deren  Held  nun  ein  anderer  Franke ,  der  Dichter 
jenes  Wigalois,  Wimt  von  Gravenberg  ist  (Haupts  Zeitschr.  6,  154)?  wie 
konnte  sonst  auch  Hugo  von  Trimberg  im  J.  1300  so  von  Konrad  sprechen, 
als  ob  derselbe  noch  am  Leben  waere  (Renner  S.  21*)? 

Und  gleichwohl  nennt  sich  Konrad  wiederholendlich  selbst  von  Würzburg 
und  wird  auch  von  Andern,  wird  auch  in  jenen  Urkunden-  und  Chroniken- 
stellen so  genannt,  wird  also,  wie  es  scheint,  einem  Lande  als  seiner  Heimath 
zugewiesen,   in  welchem   er  doch  mit   keinem  uns  bekannten  Verhältniss 


♦)  Mone ,  der  diese  Nachricht  znerst  aus  der  in  Karlsrahe  liegenden  Urschrift  des^Jahr- 
zeitenhnches  mitgetheilt  hat  (Hahns  Otte  S.  10),  denkt  bei  dem  latus  b.  M.  Maffd4deMB  an 
eine  M&gdalenenkirche,  nnd  eine  solche,  nämlich  ein  der  Maria  Magdalena  geweihtes  Kloster, 
hat  es  in  Basel  wirklich  auch  gegeben.  Da  jedoch  ein  Jahrzeitenbuch  des  Münsters  sich  wohl 
zunaechst  auf  dieses  selbst  und  dessen  Räumlichkeiten  bezieht,  wird  eher  die  alte  an  den 
Münsterchor  angebaute  Marien-Magdalenen-Capelle  gemeint  sein:  s.  Haupts  Zeitschr.  6, 141 ; 
das  Münster  ▼.  Fechter  S.  38.  Die  Angabe  des  verstorbenen  Archivars  Schneegans  zn  Straf- 
barg,  daß  ein  Stra(burger  Jahrzeitenbach  als  den  Todestag  Konrads  den  1.  Juni  bezeichne, 
mag  ebenso  wohl  auf  einem  Lesefehler  beruhen  als  die  damit  verbundenen,  dai  nach  den 
Annalen  von  Colmar  das  Jahr  1282  sein  Todesjahr  gewesen  und  daß  der  Todestag  auch  in  die 
Sterbebücher  der  Dominicaner  zu  Freiburg  im  Breisgau  eingetragen  sei  (Anzeiger  d.  Gennan. 
Museums  1856,  Sp.  84);  irrig  ist  das  Datum  jedesfalls. 


KONRAD  VON  WÜRZBURG  AUS  WÜRZBURQ  ODER  AUS  BASEL  ?    259 

seines  Lebens,  mit  keiner  haftenden  Erinnerung  auch  nur  der  Sprechart 
beiniisch  ist. 

Die  Unvereinbarkeit,  welche  hierin  liegt,  erledigt  sich  auf  eine  durch 
ilire  Ungezwntigenheit  überraschende  Weise,  sobald  man  einen  Gebrauch  zu 
Hilfe  zieht,  der  hie  und  da  in  den  Städten  des  Mittelalters  und  eben  zumal 
ia  Basel  geherrscht  hat,  den  Gebrauch  nsemlich  Häuser,  gleichviel  aus  welchem 
Anlaß,  nach  irgend  einem  Orte,  wie  wir  z.  B.  noch  jetzt  ein  Solothnrn  und 
ein  Venedig  haben ,  und  nach  den  Häusern  wiederum  deren  Bewohner  zu 
nennen.  So  wohnte  (um  nur  einige  von  den  zahlreichen  Beispielen  aus  Basel 
hervorzuheben,  deren  urkundliche  Mittheilung  ich  dem  erfahrensten  Forscher 
unserer  alten  Ortskunde,  Hm.  Dr.  Fechter,  verdanke)  1270  in  der  domus 
Siäten  ein  Johannes  de  Steüen,  1280  in  der  domus  de  Turego  (Zürich)  ein 
Ubrieus  de  Twrego,  1292  in  dem  hus  Richensheim  (Rixheim)  ein  Joharmes 
de  BiehensJieim ,  1306  in  äem  "Eaxis  Mülnkusen  ein  Wemher  Mülnkusen; 
es  gab  Beginenhäuser  der  Namen  Eienberg,  Heitwiler,  Geisingen,  Bügheim 
(Benggen),  Bechtenberg,  Altkilch,  Laufenbnrg,  Michelnbach  und  wiederum 
Hnlhuseu,  und  ebenso  nannten  sich  jeweilen  auch  einzelne  Schwestern  der- 
selben: das  zum  Eienberg  z.B.  erscheint  bereits  im  J.  1276,  und  1308 wohnt 
darin  eine  Adelheidis  de  KxevJbetg;  einer  Bewohnerinn  des  Hauses  Laufenburg 
geschieht  um  1290  unter  dem  Namen  Mechtildis  Beguina  dicta  Steinhowerin 
de  Lovenburg  Erwähnung  (Basel  im  14.  Jahrb.  S.62— 64).  Der  bekannte  • 
Chronist  Albertus  Argentinensis^  auch  ein  Zeitgenosse  Eonrads,  war  von  dem 
Basler  Geschlecht  de  Argentina,  von  Strdufburc;  Straßburg  hieß  deren 
Wohnhaus  noch  im  J.  1400:  so  wenig  hatten  diese  Häusernamen  vorüber- 
gehenden Bezug  auf  nur  eine  Person.  Dieses  Straßburg  und  neben  ihm  ein 
Hans  Mailand  lagen  an  der  alten  Spiegelgasse ,  derselben ,  wo  auch  unsres 
Konrad  Hans  gele|[en  war;  an  eben  derselben  wird  im  J.  1398  eine  domus 
Wirtzhurg  genannt  (Basel  im  14.  Jahrh.  S.  24),  schwerlich  ein  anderes  als 
jenes,  in  welchem  hundert  Jahre  vorher  unser  Eonrad  gesessen.  Nun  aber 
meine  ich,  von  diesem  Hause  Würzburg  habe  der  Dichter  in  gleicher  Weise 
seinen  Namen  Konrad  von  Würzburg  empfangen  wie  von  dem  Hause  Straße 
borg  der  Chronist  Albrecht  von  Straßburg  und  von  den  Häusern  Eienberg 
und  Laufenburg  die  Beginen  Adelheid  von  Eienberg  und  Mechthild  Stein-* 
hauerinn  von  Laufenburg.  Er  heißt  Eonrad  von  Würzburg,  nicht  weil  er  in 
dem  fränkischen  Würzburg  geboren  und  von  da  aus  hieher  gekommen ,  son- 
dern lediglich  weil  er  Bewohner  des  Hauses  Würzburg  in  Basel  gewesen  ist. 

Dieß  sind  die  Grande,  aus  denen  ich  kurz  und  bloß  andeutend,  da  zu 
ansgeftthrterer  Entwickelung  der  Ort  nicht  geeignet  war,  schon  in  meiner 
Litteratnrgesehiehte  S.  1 10  und  in  Haupts  Zeitschrift  8, 348  das  alamannische 
Basel  anstatt  des  fränkischen  Würzburg  als  die  Heünath  Eonrads  von 
Würzburg  bezeichnet  habe. 

Ich  durfte,  nachdem  bis  dahin  Eonrads  Heimatb  in  Franken  allgemein 

17» 


i 


260  WILHELM  WACEEBNAGEL 

als  selbstverständlich  gegolten,  auf  Widersprach  gefasst  sein;  er  ward  aacb 
endlich  laut,  aber  nicht  zuerst  durch  einen  Mann  vom  Fach:  die  vom  Fach 
schwiegen  still,  entweder  weil  sie  aus  Überzeugung ,  vielleicht  auch  nnr  aus 
Zutrauen  mir  beipflichteten,  oder  weil  die  Sache,  wie  auch  billig,  nicht  erheb- 
lich genug  für  besonderen  Widersprach  erschien ;  er  ward  zuerst  laut  durch 
Hra.  Ignaz  Denzinger,  Professor  zu  Würzburg;  s.  dessen  Aufsatz  „Über  den 
Geburtsort  des  Minnesängers  Conrad  von  Würzburg "  in  dem  Archiv  des 
historischen  Vereines  von  Unterfranken  und  Aschaffenburg  12,  1  (1852), 
S.  61 — 81.  Aber  der  ganze  Ton  dieser  vermeintlichen  Widerlegung  war  so 
in  jedem  Betracht  unpasslich,  unpasslich  bei  der  Schülerhaftigkeit  des  Ver- 
fassers in  dergleichen  Dingen,  unpasslich ,  nachdem  ich  einem  Begehren  um 
Mittheilungen  in  Betreff  der  Frage  rückhaltslos  entgegengekommen  (S.  66  fg.), 
so  ungeziemend  auch  die  Beflissenheit  den  Angriff  bis  in  politische  Tages- 
blätter zu  treiben,  wohin  ich,  wie  vorauszusehen,  nicht  folgen  mochte,  und 
der  Angriff  auch  sonst  (ich  kann  das  starke  Wort  nicht  umgehn)  von  Unred- 
lichkeiten so  wenig  frei,  daß  ich  es  damals  des  guten  Anstandes  halber  vor- 
zog auf  jede  Rückäußerung  Verzicht  zu  leisten.  Wenn  ich  die  Frage  jetzt 
wieder  aufnehme,  so  geschieht  das  nur,  weil  mich  ein  andrer,  aiigenehmerer 
Anlaß,  die  Abfassung  des  letzten  Neujahrsblattes  für  Basels  Jugend  (Ritter- 
und Dichterleben  Basels  im  Mittelalter),  auf  deren  nochmalige  Prüfung  ge- 
fuhrt und  weil  auf  einen  Mann,  an  dessen  Urtheil  mir  gelegen  ist,  auf  den 
Herausgeber  dieser  Blätter,  der  Widersprach  des  Hrn.  Denzinger  den  Eindruck 
einer  Widerlegung  gemacht  hat:  s.  Pfeiffer  zur  Deutschen  Litt.  Gesch.  (1865) 
S.  68.  Ich  kann  darin  nach  wie  vor  nur  Widerspruch  und  nur  unbegründeten 
Widerspruch  erkennen. 

Lassen  wir  Hrn.  Detizingers  Einwendungen  der  Reihe  nach  an  uns  vor- 
übergehen! 

Daß  V.  d.  Hagen,  daß  Oberlin,  daß  sogar  Oberthür  Konrads  Zunamen 
von  Würzburg  auf  Würzburgische  Geburt  und  Heimath  deuten  (S.  66), 
darauf  wird  Hr.  D.  selbst  kein  sonderliches  Gewicht  legen  wollen,  und  ebenso 
wenig  darauf,  daß  Konrad  überall ,  in  eignen  Gedichten  wie  in  den  Erwaeh- 
nungen  Anderer,  von  Würzburg  heiße  (S.69):  ich  glaube  nicht  den  Zunamen 
bestritten,  sondern  nur  eine  andere  Auslegung  desselben  als  Oberlin  nnd 
Oberthür  versucht  zu  haben.  Nur  das  Eine  muß  ich  doch  bemerken,  daß  der 
Dichtername  Gottfried  von  Straßburg  (S.  71)  kein  so  schlagender  Einwand 
ist:  urkundliche  Zeugnisse,  nach  denen  Gottfried  ein  Straßburger  gewesen, 
haben  wir  nirgend:  wir  schließen  das  erst  aus  seinem  Zunamen,  nnd  hier 
steht  solch  einem  Schluß  die  Sprache  des  Dichters  nicht  entgegen.  W»re 
die  Sprache  nicht,  wseren  Gottfrieds  Worte  und  Reime  nur  um  etwas  ent- 
schiedner  alamannisch,  so  entschieden  wie  bei  Konrad,  es  besseße  Jedermann 
die  vollste  Befugniss  auch  in  Gottfried  von  Straßburg  einen  Basler,  einen 
Vorfahren  jenes  Chronisten  Albrecht  zu  erkennen. 


KONBAB  VON  WÜRZBURG  AUS  WÜRZBURG  ODER  AUS  BASEL?    261 

Aber  es  kommt  ja  nicht  bloß  vor,  daß  Eonrad  so  kurzweg  von  Würz- 
borg,  es  geschieht  auch,  daß  eigens  and  ausdrücklich  Würzbarg  als  sein 
Heimathsort  genannt  wird.  Hr.  Denzinger  S.  69:  ^In  einem  alten,  hier  sehr 
merkwürdigen  Liede  werden  die  zwölf  Hauptmeistersänger  namhaft  gemacht; 
einer  ist  ein  Boehme,  der  andere  von  derRhoßn,  einer  sitzt  in  Steiermark, 
der  andere  zu  Mainz,  und  wieder  einer  zu  Zwickau,  zuletzt  heißt  es  nun: 

der  zehnte  auch  von  WWrzhurg  war, 

hiesse  Conrad,  geiger  holdselig, 

diese  Kunst  lag  ihn  angefällig, 
wie  man  in  Johann  Christoph  Wagenseils  Buch  von  der  Meistersänger  hold- 
seliger Kunst  S.  504  [506]  lesen  kann^  jedoch  nicht  ganz  so  lesen  kann, 
da  Hr.  D.  stillschweigends  ändert :  Wagenseil  hat  Conrad  Geiger  als  Vor- 
nnd  Zunamen,  übereinstimmend  mit  Nr.  10  des  Verzeichnisses  auf  S.  503: 
„Conrad  Geiger,  den  andre  JsDger  nennen,  von  Würzbnrg,  ein  Musicant.^ 
Allerdings  ein  schoenes  Zeugniss  das  und  von  großer  Beweiskraft  für  den, 
dem  alles  Alte  eine  große  unterschiedlose  Masse  und  dem,  wie  meinem  ge-* 
lehrten  Gegner,  vielleicht  nur  um  geschmackvollerer  Mannigfaltigkeit  des 
Stiles  willen  auch  unser  Eonrad  und  überhaupt  jeder  deutsche  Dichter  des 
Mittelalters  bald  ein  Meistersänger,  bald  ein  Minnesänger  ist.  Ich  weiß  nicht, 
ob  Hr.  D.  sich  gefragt  hat,  wie  alt  wohl  und  damit  wie  gültig  hier  das  sehr 
merkwürdige  Lied  sei;  ich  dagegen  möchte  ihn  fragen,  ob  er  denn  nach 
Anleit  desselben  den  Conrad  Geiger  holdselig  nun  ebenfalls  in  die  Zeit 
Kaiser  Ottos  I.  setze,  und  warum  er  nicht  großßerer  Vollständigkeit  wegen 
auch  den  Meister  namhaft  mache,  den  das  Lied  als  einen  Boßhmen  bezeichnet. 
Aus  zarter  Schonung  für  seine  Zuhcerer  und  Leser  in  Würzburg?  Denn  diese 
haben  ja  erst  vor  Kurzem  weder  Unkosten  noch  Geschmack  gescheut  um  das 
Grabmal  ihres  Walther  von  der  Vogelweide  neu  herzustellen. 

Nicht  besser  als  diese  Bescheinigung  der  Heimath  ^in  der  geschinden 
Pflügweiße  Paulus  Fischers,  eines  Bärschners  in  Straßburg",  wird  ein  anderes 
Zeugniss  gleichfalls  durch  sich  selbst  zunichte,  obschon  es  Hr.  Denzinger 
nnter  die  ausgesucht  vollgültigen  stellt  und  ihm  allerdings  sein  hoeheres  Älter 
auch  Anspruch  giebt  auf  eine  hcehere  Würdigung.  Es  sind  das  die  Schluß- 
worte, die  in  der  bekannten  um  1350  gefertigten  Würzburger  Handschrift  zu 
München  der  Goldenen  Schmiede  (Hr.  D.  sagt  S.  63  der  goldene  Spiegel: 
der  goldene  Spiegel  aber  ist  von  Wieland)  unsers  Konrad  beigegeben  sind. 
Sie  lauten,  genauer  wiederholt,  als  sie  Hr.  Denzinger  S.  76  anfuhrt,  B1.58c.: 
ffiV  get  vz  die  gueldin  smitte.  die  meister  Cuonrad  gebom  von  wirzehurg 
flechte,  vnd  ist  zvo  frihvrg  in  prisgeve  begraben.  Ich  kenne  diese  Schreiber- 
anmerkung nunmehr  seit  32  Jahren:  gleichwohl  habe  ich  schon,  seitdem  ich 
anch  die  Annalen  von  Colmar  kenne ,  ihr  nie  den  Werth  beimessen  moegen, 
^e  jetzt  wieder  unser  jüngster  Kritiker  von  Konrads  Lebensgeschichte.  Es 
ist  wahr,   die  Worte  sind  nur  60  bis  70  Jahre  nach  des  Dichters  Tode 


262  WILHELM  WACKEBNAGEL 

geschrieben:  wer  aber  schon  nach  zwei  Menschenaltem  die  ganz  irrige  Nach- 
richt von  einem  Begräebnisse  zu  Freibarg  verzeichnen  konnte,  soll  der  glaub- 
würdiger sein,  wo  es  die  Geburt,  also  ein  Ereigniss  um  noch  manches  Jak- 
zehend  weiter  zurück  betrifft?   Ist  es  erlaubt,  von  einer  Angabe ,  deren  eine 
Hälfte  erwiesen  falsch  ist,  die  andre  als  richtig  hinzunehmen,  obschonihre 
Richtigkeit  weiter  nirgend  bestaetigt  wird?     Dieß  gehom,  diese  Ausdeutung 
des  Zunamens  von  Wir^ehurg  durch  einen  Würzburger  Schreiber  von  1360, 
weit  entfernt  das  Gewicht  eines  historischen  Zeugnisses  so  gut  als  ein  Tauf- 
schein zu  haben  (Hr.  Denzinger  S.  76),  hat  vor  der  Kritik  gewiss  nicht  mehr 
Gewicht  als  die  gleiche  Ausdeutung  durch  Paulus  Fischer,  den  Kürschner  in 
Straßburg,  durch  Oberlin  und  Oberthür  j  durch  v.  d.  Hagen  und  Hrn.  Prof. 
Denzinger.   Und  wir  wissen  ja,  wie  kenntniss«  und  urtheilslos  auch  sonst  bei 
der  Sammlung  der  Würzburger  Handschrift  gerade  mit  den  deutschen  und 
«elbst  den  Würzburgischen  Dichtern  und  mit  Konrad  selber  ist  verfahren 
worden.     Alsbald  auf  jene  Nachricht  folgt  mit  Bl.  59'  das  Turnier  von  Nan- 
tes, auch  eine  Dichtung  Konrads :  aber  hier  will  dem  Schreiber  nicht  einmal 
der  Name  in  die  Feder  kommen;  desto  häufiger  setzt  er  weiterhin  über  eine 
Reihe  von  Minneliedern  den  Namen  Walthers  von  der  Vogelweide,  und  doch 
sind  diese  keinesweges  so  insgesammt  von  Walther.     Freilich  H.  D.  wird 
wiederum  meinen,  das  müsse  der  Schreiber,  der  ja  ein  Würzburger  war  wie 
der  von  der  Vogelweide,  besser  verstanden  haben  als  wir,  die  wir  blofi 
Grammatiker  und  Litterarhistoriker  des  neunzehnten  Jahrhunderts  und  außer- 
halb der  Stadt  Würzburg  sind.   ,  Dennoch  fahre  ich  fort  und  behaupte  noch 
wie  schon  in  meiner  Litt.-Gesch.  S.  114,  daß  auch  über  dem  geticUe  von 
vnmiltickeit  gein  kuenstrichen  leuten  (Bl.  263* — 255)    der  Name  meister 
Conrades  von  Wirtzhurg  ein  grober  Irrthum  des  Würzburger  Schreibers  ist 
und  ein  noch  grceberer  Irrthum  v.  d.  Hagens  in  seinen  Minnes.  3,  334  fgg. 
diese  Überschrift  zu  wiederholen. 

Hr.  Denzinger  giebt  mir,  ihm  selber  nicht  zum  Besten,  Anlaß  noch  um 
einen  Augenblick  länger  bei  der  Würzburger  Handschrift,  bei  deren  Sammler 
wenigstens,  mich  aufzuhalten.  Er  sagt  S.  74  fg.:  „Daß  Wohnhäusernach 
den  Namen  der  Besitzer  genannt  werden,  kömmt  sehr  häufig  vor.  So  haben 
wir  hier  in  Würzburg  einen  Dalbergischen ,  Fuchsischen,  Ebracher,  Brom- 
bacher Hof";  S.  80  hat  er  in  solchem  Sinne  den  treffenden  Einfall  die  zwei 
Häuser  zum  langen  Konrad  und  zum  guten  Konrad  in  Verbindung  mit  dem 
Dichter  zu  bringen:  Schade  nur  (wir  werden  ihm  das  gleich  bedauern  helfen), 
daß  es  nicht  gar  eines  zum  armen  Konrad  giebt!  Und  weiter  S.  75:  „Daß  die 
Besitzer  nach  den  Häusern  benannt  werden,  möchte  wohl  sehr  selten  vor- 
kommen." Wie  nun  aber,  wenn  das  nicht  bloß  in  Basel,  sondern  sogar  in 
Würzburg  selber  vorgekommen  und  aus  dem  gleichen  Archiv  des  historischen 
Vereines  von  Unterfranken  und  Aschaffenburg  mit  einem  recht  erlesenen 
Beispiel  zu  belegen  waere?     Ich  finde  da  in  dem  zweiten  Heft  des  11.  Bande« 


KONRAD  VON  WÜRZBURG  AUS  WÜRZfiüRG  ODER  AUS  BASEL?         263 

(1860)  S.  45  fg.,  in  einem  Aufsatze,  den  bei  andrer  Gelegenheit  Hr.  D.  selbst 
S.  75  anfuhrt»  die  weitlänftige  Erzaehlung,  wie  Michael  Jud  von  Mainz,  seit- 
dem er  in  Würzbarg  den  Hof  zum  Lob  wen  an  sich  gebracht,  Michael  vom 
Lcßwen,  Michael  de  Leone  geheißen,  und  wie  auch  dessen  Brudersohn  Jacob 
Jadi  als  der  Hof  durch  Erbschaft  an  ihn  gekommen,  sich  fernerhin  nicht  mehr 
Jacob  Jud,  sondern  gleichermaßen  Jacob  vom  LoBwen  genannt  habe.  Jener 
wirklich  also  nach  seinem  Haus  benannte  Michael  ist  der  Protonotar  Michael 
de  Leone  >  auf  dessen  Veranstaltung  die  Würzburger  Handschrift  ist  zu- 
sammengeschrieben worden. 

Noch  weiter  zurück  in  der  Zeit!  Hr.  Prof.  D.  giebt  zu,  Konrad  mcege 
allerdings  nach  Basel  hingekommen  und  da  wohnhaft  geworden  und  gestorben 
sein;  dem  aber  sei  die  Geburt  in  Würzburg  und  früheres  Leben  daselbst  und 
[trotz  den  Häusern  zum  langen  und  zum  guten  Eonrad]  eine  unstaet  schwei- 
fende längere  Wanderschaft  in  Noth  und  Armuth  vorangegangen:  denn 
(S.  72  fg.)  das  Jahrbuch  von  Colmar  nenne  ihn  einen  vagua  und  Konrad  sich 
selbst  ich  armerjDaowrat  van  Wirzehurg.  Die  erstere  Stelle  lautet  (S.  220 
der  neuen  Ausg.)  Cowradus  de  Wirciburc  vagus  fecit  rithmoa  theutonicoa 
de  ieata  Virgine  preciosos.  Wir  haben  vorher  gesehen,  wie  dasselbe  Jahr- 
buch Konrads  Tod  verzeichnet ,  kurz ,  ohne  Ortsangabe,  nach  der  überall  da 
gewohnten  Art,  wo  es  Begebenheiten  aus  Basel  selber  gilt;  es  verzeichnet 
den  Tod,  weil  diese  Person  nach  Basel  gebeerte  und  da  wohlbekannt  war, 
und  Konrad  gebohrte  dahin  und  war  zumal  desshalb  wohlbekannt,  weil  er  zu 
Basel  fest  an  eigenem  Herde  wohnte,  nicht  aber  heimathlos  durch  die  Lande 
fuhr:  gelegentliche  Reisen  nach  Straßburg  hinab  machten  ihn  noch  nicht  zum 
Fahrenden.  Wenn  er,  der  in  Basel  haushaebliche ,  nun  in  dieser  anderen 
Stelle  der  Colmar-Baslerischen  Annalen  dennoch  vagus  heißt,  so  lernen  wir 
damit  nur  eine  sehr  nahe  liegende  zweite  Bedeutung  des  Wortes  kennen:  es 
soll  nicht  den  Sinn  von  vamde,  es  soll  den  des  halb  synonymen  gemde  aus- 
drücken. Und  ein  gemder  man  war  Konrad  ganz  unzweifelhaft,  auch  nach 
dem  Wissen  der  Basler.  Überhaupt  aber,  falls  Hr.  D.  die  Gedichte  Konrads 
selber  und  nicht  nur  aus  vereinzelten  Anführungen  Anderer  und  etwa  einigen 
Stücken  in  Lesebüchern  kennt,  wie  denkt  er  sich  denn  den  weit  überwiegend 
grcßßeren  und  hauptsächlichen  Theil  derselben,  die  bloß  gesagten,  nicht  ge- 
sangenen,  von  einem  Fahrenden  abgefasst?  Diese  sind  durchweg  Von  der 
Art,  daß  sie  die  ruhigste  Sorgfalt  des  Studierens  und  Schreibens  und  Schrei- 
benlassens,  so  wie  auch  die  Pariser  Handschrift  unsern^Konrad  abbildet,  daß 
sie  ein  anderes  Leben  voraussetzen,  als  den  Fahrenden  beschieden  war,  ein 
sitzendes  Leben,  bei  dem  man  aber  ein  gemder  gar  wohl  bleiben  konnte. 
Und  noch  einmal,  ein  gemder  war  Konrad  ganz  unzweifelhaft.  Eben  darauf 
und  nur  darauf  müßte  auch  das  Wort  ich  armer  Kuonrät  von  Wirzeburc  am 
Schluß  des  heil.  Alexius  bezogen  werden ,  wenn  nicht  sein  Bezug  ganz  wo 
anders  bin  gienge.     Konrad  spricht  da  zuerst  von  zwei  Bürgern  Basels ,  die 


264  WILHELM  WACKEBNAOEL 

ibm  eS  rehte  Uele  getan,  dafi  er  dwrch  st  diz  moere  vcn  laUne  in  tiuseh  ge- 
rihtet  habe;  dann  ein  kurzes  Gebet  für  sie  und  zalezt  noch  eines  für  ihn 
selbst:  hier  denn  nennt  er  sich  armer  KuonrdU  In  solchem  Zasanunenhange 
aber  zielt  das  Wort  arm  auf  das  Sündenelend  des  Menschen  Gott  gegenüber, 
es  meint  nicht  die  irdische  Armuth  gegenüber  dem  Reichthum  milder  Gönner 
noch  die  Noth  des  Fahrenden  gegenüber  dem  Wohllehen  eines  Hausbesitzerg. 
Es  ist  nur  ebenso  gesprochen,  wie  wenn  es  öfters  der  arme  Judas  heißt  oder 
Hartmann  am  Schluß  seiner  Rede  von  dem  heiligen  Glauben  sagt:  Daz  mr 
sS  wol  gelinge^  des  wesen  in  minen  gedinge  aUe  mit  ire  gehete  z6  dem 
himeliechen  gote,  di  äd  hSrent  sprechen,  dise  rede  rechen,  di  ih  arme  Hart- 
man van  deme  heiligen  gelouben  hdn  getan  (Z.  3737)  und  Rudolf  von  Ems 
im  Eingange  seines  Barlaam  (5,  21) 

ze  tröste  uns  sündceren 

wü  ich  diz  masre  tihten, 

durch  got  in  Husch  herihten, 

und  bite,  swer  diz  mjasre  lese,        ^ 

daz  er  sich  hezzemde  wese 

mit  sUBte  an  dem  gelouben  ^n  • 

und  durch  got  gedenke  min 

vil  armen  sündeeres. 
Was  aber  macht  Hr.  D.  aus  und  mit  der  Stelle  Konrads?  Er  verdreht 
ihren  Sinn,  er  verfälscht  sogar  ihre  Worte,  ob  er  vielleicht  einige  unkundige 
Leser  in  Würzburg,  einige  unachtsame  außerhalb  berücken  könne.  S.  73: 
„Conrad  mußte,  wenn  die  Klagen,  die  er  in  verschiedenen  Gedichten  erhob, 
wahr  waren,  in  der  ersten  Periode  seines  Lebens  arm,  fahrend  gewesen  sein. 
In  bessere  Umstände  kam  er  erst  in  Basel  durch  die  Unterstützung  zveier 
edler  Männer,  des  Johann  Bemerswill  [so  Hr.  Denzinger:  ich  halte  mich 
nicht  befugt,  hier  und  anderswo  seine  Sprach-  und  Schreibfehler  nachzubessem] 
und  des  Heinrich  Tsenlin,  denen  er  es  verdankt,  daß  er  sich  eines  bessern  Schick- 
sals erfreut  Er  sagt  [aber  gleich  die  ersten  Worte  sagt  nicht  Konrad,  sondern 
es  schmuggelt  sie  erst  mit  plumper  Satzverderbniss  mein  Herr  Gegner  ein]: 

Ich  danke  ihnen 

Daas  ich  armer  Ouonrai 

Von  Wirzebwrg  gelebe  also. 

Das  mir  die  sele  werde  vro, 
,     Das  helfe  mir  der  svezejsriei 

Der  got  bi  sime  vatter  ist 

Bi  sime  zexwen  säen 

Jne  ende  zvo  allen  titen^" 
Was  bei  Hm.  D»  dem  loniechst  vorangeht»  ist  vielleicht  milder  nur  ge- 
dankenlos tu  nennen:  es  ist  aber  etwas  arg  gedankenlos.     S.  72:  ^  Auf  eine 
»hnliohe,  nicht  leicht  in  beseitigende  Schwierigkeit  stoßen  wir,  wem  wir 


KONRAD  VON  WÜBZBüBG  AUS  WÜRZBUBG  ODER  AUS  BASEL?        265 

bedenketf,  daß  Conrad  von  Würzbarg  sich  sdbst  den  armen  Conrad  von 
Würzbnrg  nennt,  daß  er  sagt,  er  habe  von  seinem  Sprechen  nur  wenig  Lohn, 
weil  man  jetzt  nach  keinem  Dichter  frage;  daß  er  aber  trotz  dem  von  seiner 
Kunst  nicht  ablasse  und  singen  wolle ,  so  lange  er  lebe,  sollte  ihn  auch  Kie- 
mand  hoeren.  Also  konnte  wohl  ein  fahrender  Dichter  reden,  der  seine 
Vaterstadt  Würzburg  auf  gut  Glück  verlässt,  weil  er  da  seine  Rechnung  nicht 
findet;  nicht  aber:  der  Dicjiter,  der  in  Basel  ein  Haus  hatte,  nach  dem  man 
ihn  benennen  konnte ,  der  darin  mit  Frau  and  Rindern  lebte ,  mit  denen  er 
in  einer  Nebenkapelle  des  Domes  begraben  wurde."  Verstehe  ich  meinen 
Gegner  recht,  so  meint  er,  oder  wenigstens  seine  Leser  sollen  meinen,  Kon- 
rad habe  sich  anf  jene  Art  geäußert,  da  er  noch  ein  Fahrender  war,  da  er 
vielleicht  erst  im  Begriff  war  Würzburg  zu  verlassen.  In  Wahrheit  jedoch 
enthält  jene  Äußerungen  ein  Gedicht,  welches  erst  nach  dem  J.  1281  (die 
Altd.  Handschr.  d.  Basler  Univ.-Bibl.  S.  5)  verfasst  ist ,  nachdem  Konrad 
schon  manches  Jahr  ruhig  in  Basel  gewohnt,  sein  riesenhaft  groestes  und  sein 
letztes,  das,  über  welchem  ihn  der  Tod  gefanden  und  von  dem  weg  man  ihn 
mit  Frau  und  Kindern  zu  Grabe  getragen  hat,  der  Trojanerkrieg.  Wenn 
aber  Er.  D.  auch  sonst  vom  Trojanerkrieg«  gar  nichts  weiß,  wenn  er  auch  nur 
die  betreffende  Stelle  aus  meinem  Altd.  Lesebuch  Sp.  708  fg.  kannte ,  wie 
vom  heil.  Alexias  sichtlich  nur  die  letzten  25  Verse  aus  Oberlins  Diatrihe 
de  Gonrado  JSerhipolita  S.  1 1,  so  mußte  er  doch  gleich  auf  der  näBchsten 
Sp.  710  den  I>^amen  Basel  bemerken  und  den  Namen  eines  Basler  Gönners, 
dessen  Mildigkeit  der  Dichter  schon  oft  genossen  habe.  Und  dennoch 
Würzburg? 

Meine  Leser  werden  es  begreifen,  wenn  mich  bei  dem  erneuten  Anblick 
solch  eines  Gegners  wiederum  eine  Empfindung  überkommt  vrie  vor  sechs 
Jahren,  und  werden  gern  mit  mir  zum  Schlüsse  eilen.  Es  sind  nur  noch  die 
zwei  letzten  der  „vollgültigen  Zeugnisse"  des  Hr.  D.  übrig,  die  letzten  und 
desshalb  nach  seiner  Ansicht  wohl  die  stärksten. 

Einmal  (S.79)  v.  d.Hagens  ürtheil  über  die  Sprache  Konrads,  es  habe  die- 
selbe „manches  Eigenthümliche,  etwa  auch  heimisch  Ostfränkische"  (Minnes. 
4,  729).  Zu  erörtern,  ob  der  verstorbene  v.  d.  Hagen  in  dergleichen  Dingen 
wirklich  so  zu  einem  Endurtheil  berufen  gewesen,  ist  hier  nicht  der  Platz: 
einen  festen  Ausspruch,  auf  den  die  Würzburger  zuversichtlich  fußen  könn- 
ten, gewsßhren  jene  schielenden  Worte  gewiss  nicht.  Hr.  D. ,  der  mit  be- 
scheidener Maeßignng  oder  auch  mit  gemasßigter  Bescheidenheit  selber  sagt : 
„eine  Untersuchung  dieser  Art  setzt  sprachliche  Kenntnisse  voraus,  in  deren 
Besitz  nicht  jeder  ist,  und  würde  zugleich  weiterführen,  als  der  Raum  gegen- 
wärtiger Abhandlung  gestattet",  Hr.  D.  wird  wohl  daran  thun,  die  Gewaehr- 
schaft,  die  ihm  Raum  und  Kenntnisse  sparen  hilft,  anderswo  zu  suchen.  In 
dem  Vertrauen  auf  v.  d.  Hagens  Aussprüche  sollte  ihn  billiger  Weise  schon 
die  Beharrlichkeit  irre  machen,  womit  derselbe  von  Buch  zu  Buch  versichert. 


266  WILHELM  WAGKERNAGEL,  KONRAD  TON  WÜBZBUEG. 

Eonrads  Tod  zu  Freibutg  im  .Breisgan  werde  durch  die  Colmarer  Annalen 
bezeugt,  und  der  Leichtsinn ,  womit  er  dem  zuletzt  (Gesammtabentener  1, 
XGI)  noch  die  Andeutung  beifügt,  dafi  Eonrad  dort  als  Dominicanermönch 
gestorben  sei. 

Dann  (S.  78)  beweise  noch  „die  Schnurre"  des  alten  Weibes  List  in 
V.  d.  Hagens  Gesammtabentener  I,  193  fgg.  „klar  und  deutlich  Conrads 
Würzburgische  Abstammung",  weil  deren  Dichte^  auch,  wie  dort  imAlexius, 
der  arme  Eonrad  heiße  und  die  genaueste  Bekanntschaft  mit  derWni2barger 
Örtlichkeit,  ^ine  Bekanntschaft,  wie  sie  nur  dem  Einwohner  und  Eingebornen 
miBglich  ^ar,  verrathe.  Mit  einiger  Sprachkenntniss  aber,  in  deren  Besitze 
zwar  nicht  jeder  ist,  mit  nur  einiger  Eenntniss  der  andren  Gedichte  Konrads, 
selbst  nur  mit  einigem^  ganz  allgemeinem,  nicht  gelehrtem,  nur  gebildetem 
Sinn  und  Tact  wird  Jedermann  gleich  merken,  daß  diese  „Schnurre^  nicht 
von  unserem  Eonrad,  daß  sie  das  Machwerk  eines  Reimers  aus  viel  spaeterer 
Zeit  ist.  Es  brauchte  um  das  zu  spüren  keines  Lachmann  (zur  ElageS.  308), 
aber  v.  d.  Hagens  (a.  a.  0.  1,  CXVl)  um  es  zu  verkennen.  Wahrlich,  weno 
Hr.  D.  im  Ernste  dieß  Gedicht  für  eine  Arbeit  Meister  Eonrads  von  Würz- 
burg hält,  er  sollte  gerade  aus  Patriotismus  lieber  froh  sein  und  dafür  danken, 
daß  Jemand  die  Würzburger  von  einem  solchen  Landsmann  entledigen  will. 
Er  aber  untersiegelt  diesen  glänzendsten  der  vollgültigen  Beweise  mit  dem 
Jubelruf:  „Und  so  bleiben  wir  denn  bei  der,  seit  uralter  Zeit  von  aller  Welt 
angenommenen  Wahrheit,  daß  Conrad  ein  Herbipolita  sei." 

Als  Schlußergebniss  all  der  Gegenreden  träßgt  mir  Hr.  Prof.  Denzinger 
wiederholt  einen  Vergleich  auf  Abschlagszahlung  an:  das  streitige  Eind  solle 
getheilt  werden  und  Würzburg  die  erste,  Basel  die  zweite  Hälfte  von  dessen 
Leben  nehmen.  Basel  sei  dabei  immer  noch  im  Vortheil:  „denn  es  hat  j» 
das  Verdienst,  den  armen  fahrenden  Sänger,  nachdem  er  vielleicht  in  mancher 
Noth  umhergeirrt,  sein  Talent  würdigend,  aufgenommen  und  in  eine  ange- 
nehme Lage  versetzt  zu  haben,  unterstützt  von  theilnehmenden  Männern 
konnte  er  seine  Eunst  üben,  sich  ein  Haus  erwerben,  mit  einer  vortrefflichen 
Frau  verbinden,  wackere  Töchter  zeugen,  und  endlich  in  der  Domkirche  eine 
Grabstätte  nach  seinem  Tode  finden"  (S.  80  fg.).  Nach  allem,  was  vor- 
hergegangen, nach  dem  Wahne  oder  dem  Vorgeben,  daß  selbst  der  Trojaner- 
krieg noch  nicht  in  Basel  sei  gedichtet  worden ,  gewiss  ein  überraschendes 
und  hoBchst  großmüthiges  Anerbieten :  und  doch  bin  ich  nicht  im  Fall  es  an- 
zunehmen, wiederum  nach  all  dem,  was  vorhergegangen.  Ich  sehe  trotz 
den  Bemühungen,  in  denen  mein  Widerpart  sich  erschöpft  hat,  für  die  Würz- 
burgische Heimath  Eonrads  noch  immer  keinen  anderen  Beweis  als  den  Zu- 
namen von  Würzburg,  auf  Seiten  Basels  aber  nicht  bloß  die  unverkürzte 
MoDglichkeit,  sondern  in  Betracht  all  der  übrigen  umstände  sogar  die  Nffithigung 
auch  diesen  Zunamen  für  Basel  in  Anspruch  zu  nehmen  und  ihn  von  Eonrads 
Wohnhaus  herzuleiten. 


EABL  BARTSCH,  ÜBER  EIN  GEISTLICHES  SCHAUSPIEL  DES  15..j1hRH. 

ÜBER  EIN  GEISTLICHES  SCHAUSPIEL  DES 
XV.  JAHRHUNDERTS. 

VON 

KARL  BARTSCH. 


Eine  Papierhandschrift  des  16.  Jahrhunderts  enthält  ein  geistliches 
Schauspiel,  das  meines  Wissens  noch  nicht  bekannt  ist.  Sie  ist  in  ge- 
brochnem  Folio ,  wie  sehr  viele  der  Schauspiele  enthaltenden  Handschriften, 
aod  zählt  140  Blätter.  Das  Stück  ist  von  geringem  Werthe  and  wird  eine 
vollständige  Mittheilnng  nicht  lohnen,  zumal  da  seine  Abfassung  in  eine  Zeit 
fällt,  wo  deutsche  geistliche  Spiele  nicht  mehr  zu  den  Seltenheiten  gehören. 
Merkwürdig  ist  es  nur  wegen  seines  Umfanges ,  des  Innern  wie  des  äußern. 
Es  mnfasst  nämlich,  auf  drei  Tage  vertheilt,  die  ganze  biblische  Geschichte 
des  alten  und  neuen  Testamentes  von  der  Schöpfung  an  bis  zur  Auferstehung 
Christi  und  dürfte  nach  ungefährer  Schätzung  7000—8000  Verse  zählen — 
ein  Umfang,  der  von  keinem  der  bis  jetzt  bekannten  Schauspiele  erreicht 
wird.  In  wie  weit  der  Dichter  —  wenn  man  den  Zusammenreimet  so  nennen 
darf  —  in  der  Behandlungdes  alten  Testamentes  selbständig  ist,  bleibe  da- 
hin gestellt :  in  der  Behandlung  der  Leidensgeschichte  und  des  Lebens  Jesu 
überhaupt  lägst  es  sich  nachweisen,  daß  verschiedene  ältere,  wohl  auch  ziem- 
lich gleichzeitige  Stücke  benutzt  sind.  Wir  werden  an  den  betreffenden 
Stellen  auf  den  Zusammenhang  mit  andern  Schauspielen  aufmerksam 
machen.  Zunächst  wollen  wir  den  Inhalt  im  Einzelnen  betrachten  und  ge- 
legentlich einige  Auszüge  mittheilen.  Von  dem  Ordo  behalte  ich  die  latei- 
nischen Worte  bei,  wo  sie  zur  Veranschaulichung  der  scenischen  Einrichtung 
dienen  können. 

Die  Überschrift  lautet :  'Incipit  ludus  de  creacione  mundf ,  was  aber 
nicht  als  Titel  des  ganzen  Schauspiels  zu  fassen  ist. 

Precursor  dicit : 
Nun  hört  ir  herren  allgemein,  auch  wie  er  Luciper  hat  ab  gestossen 

bayde  groß  vnd  auch  dein,  mit  allen  seinen  mitgenossen 

wir  wellen  hje  ain  gedechtnuß  machen,      vmb  seinen  grossen  ybermuet, 
die  get  zw  von  götlichen  Sachen,  der  istetz  was  bös  vnd  nymer  guet : 

wie  got  der  himelsch  schepfer  werdt  auch  wie  er  macht  das  paradeis 

erschaffen  hat  himel  vnd  erdt  mit  laub  gras  ynn  manicher  lay  weyß 

▼nd  auch  all  engel  im  himelschen  thron,      vnd  macht  Adam  aus  aim  erden  klos, 
dar  zw  all  stem  sun  vnd  mon,  aus  der  seyten £uam sein  petgenos  u.  s.w. 

noch  zwölf  Reimzeilen,  die  den  Inhalt  des  ersten  Tages  angeben.     Es  tritt 
der  Salvator  auf. 


268 


KARL  BARTSCH 


Ego  sum  alpha  et  o,  das  ich  zw  latein  gesprochen  han, 

principium  finis  et  origo.  das  solt  ir  zw  teutsch  also  Terstan  u.  s.  v. 

und  erklärt  seinen  Entschluß  die  Welt  zu  erschaffen.  Die  Chöre  der  Engel 
singen 'Te  deum  laudamus*,  einzeln  treten  Lucifer,  Cherubin  und  Raphael 
auf.  Dann'Salvator,  eziit  de  throno  ad  faciendum  paradisum',  am  Rande  roth 
beigeschrieben  (S.  3).  *)  Inzwischen  bewegt  Lucifer  die  Engel  zum  Abfall 
Während  er  *ponit  sedem  suum  ad  sedem  salvatoris*,  kehrt  dieser  aus  dem 
Paradiese  zurück  und  straft  den  Abfall.  Lucifer  bittet  um  Gnade,  aber  er 
wird  auf  Gottes  Geheiß  mit  dem  Schwerte  des  Seraphin  vom  Throne  gestürzt. 
Er  erhebt  seine  Klage,  die  ich  als  eine  der  bessern  Stellen  des  ersten  Theiles 
folgen  lasse  (S.  5—7). 


0  we  o  we  ach  ynd  owe, 
ach  wee  mir  heut  ynd  ymer  mee ! 
o  we,  ich  pin  gefallen  ah, 
seind  ich  mich  übergrififen  hab 
5.  wol  an  des  högsten  gottes  pot: 
das  (lies :  des)  mus  ich  ewig  leiden  not. 
o  we  meiner  schönen  klarhait 
ynd  die  mein  Schöpfer  an  mich  laydt! 
o  we  meiner  grossen  gewalt, 
^10.  die  ich  het  gancz  manigfalt! 
o  we  meiner  weyssen  dancken, 
wie  last  ir  mich  so  gar  yerkrancken, 
das  ich  in  aller  meiner  weyshait^ 
die  der  almechtig  an  mich  lait,  — 

15.  das  sol  nun  als  yerlom  sein! 

mir  wirt  auch  nymer  hilfie  schein, 
das  sey  dem  högsten  got  geklagt, 
.  der  mich  so  schwärlich  hat  geplagt, 
auch  klag  ich  das  gancz  ynuerporgen 

20.  der  hellen    sunnen   ynd   auch   dem 
morgen» 
do  mein  wunne  gar  yil  an  lag. 
ich  klag  dirs,  dw  lichter  tag ! 
es  sol  yon  mir  geklagt  sein 
dem  lustigen  hellen  monneschein. 

25.  dem  firmament  ich  auch  klagen  sol : 
wan  ich  das  sach^  so  was  mir  wol. 
auch  wil  ichs  klagen  ofienwar 
den  lichten  hellen  Sternen  klar, 
auch  klag  ichs  des  himels  anefang, 

30.  dar  zw  den  wobken  groß  ynd  lang. 


ich  klag  dirs,  payde  windt  vnd  lulR, 
ich  klag  dirs,  regen  taw  vnd  tufEt, 
iclr  klag  dirs  hicz  kelt  vnd  auch  sehne, 
ich  klags  den  plumen  vnd  grünen  klee, 

35.  ich  klag  dirs,  aller  hande  kraut, 
das  ich  muß  haben  ain  tewflesche  hawtl 
ich  klags  auch  aller  wurczlein  krafil! 
das  ich  bin  worden  schadenhafft. 
ich  klag  dirs  laub,  gras  vnd  auch  holcz, 

40.  verdorben  ist  maniger  engel  stolcz. 
ich  klag  dirs  sueß  yogel  geschall, 
ich  klag  dirs  perg  vnd  tieffe  tall, 
ich  klag  dirs  felis  vnd  allen  stain, 
ich  klags  auch  aller  weit  gemain: 

45   das  got  ye  von  seynen  gnaden  schueft 
zw  den  thw  ich  hewt  meinen  ruet 
das  sy  für  mich  mit  gfuttem  sytten 
den  allmechtigen  noch  weiten  pytten, 
das  er  sich  hewt  wolt  erbarmen 

50  veber  mich  geist  vil  armen, 
zu  dem  solt  ich  gern  die  klag 
von  hewt  pis  an  den  jüngsten  tag: 
so  sich  ich  das  es  ist  verlorn, 
ich  byn  gefallen  in  gottes  zom 

55  vmb  meinen  großen  vbermut, 
der  stäcz  was  böß  vnd  nymer  gut. 
ich   wolt    mir    noch    gern  ain  huÄ 

machen 
von  solchen  wunderlichen  Sachen: 
ein  seul  solt  gen  von  himel  nyder, 

60.  dar  an  ich  auff  mocht  steigen  wider, 


^)  Ich  eitlere  nach  Seiten»  veil  die  Hs.  einmal  so  bezeichnet  Ist»  —  43.  klag& 


ÜBER  EIN  GEISTLICHES  SCHAUSPIEL  DES  16.  JAHRHUNDERTS.         269 

die  all  mit  schennessern  war  durch-  das  mir  den  got  sein  gnad  zw  schreib, 

schlag:  so    tunckt   mich    das    es    nit   mag 

dar  auff  wolt  ich  mein  pus  tragn  gesein : 

albeg  pajde  tag  vnd  nacht:  so  leb  ich  nach  dem  willen  mein, 

also  solt  sein  mein  bus  betracht.  ir  tewfel,  sagt  mir  ewm  mut, 

65.  bis  an  den  jüngsten  tag  ichs  trib,  70.  er  sey  gleich  recht  bös  oder  gut. 

Diese  Klage  könnte  aus  einem  altem  Stücke  entnommen  sein ,  wenn 
auch  in  keinem  der  erhaltenen  eine  ähnliche  vorkommmt.  Wem  fallt  nicht 
bei  31  ff.  das  schöne  Lied  des  Herzogs  Heinrich  von  Breslau  ein?  Die  Reime 
lassen  bis  auf  wenige  eine  ältere  Form  dieser  Klage  recht  wohl  zu.  —  Satha- 
Das  nnd  Belial ,  die  Mitverstossenen ,  suchen  ihn  zu  trösten.  Aber  Lucifer 
erwidert,  der  verlornen  Seligkeit  gedenk, 

wären  alle  perg  sylber  ynd  golt  das  ich  dort  ain  stundt  solt  sein, 

vnd  selten  alle  wesen  mein,  der  wolt  ich  alle  yerzeichen  mich. 

Endlich  tröstet  er  sich,  'et  sie  omnes  demones  currunt  cum  clamore  ad  infer- 
nnirf.  Der  Herr  ennahnt  warnend  die  Engel  zum  Gehorsam:  er  beschließt 
an  Lucifers  Statt  den  Menschen  nach  seinem  Bilde  zu  machen.  Unter  latei- 
nischem Gesänge  der  Engel  begibt  sich  der  Herr  ins  Paradies  und  erschafft 
Adam.  Hierauf  singt  er  —  die  Gesänge  sind  durchgängig  von  Musiknoten 
begleitet  —  *Non  est  bonum  esse  hominem  solum*.  Aus  des  Schlafenden 
Hippe  schalst  er  Eva  und  verwarnt  beide,  indem  er  ihnen  den  Baum  der  Er- 
ienntniß  verbietet.  Inzwischen  beruft  Lucifer,  'exiens  de  inferno',  seine  Ge- 
nossen: Sathanas  verspricht  ihm  die  Menschen  zu  Falle  zu  bringen.  Die 
übrigen  'intrant  ad  inferncA',  Sathanas  als  Schlange  tritt  ins  Paradies.  Den 
dargereichten  Apfel  nimmt  Eva,  bricht  noch  einen  zweiten  und  reicht  ihn 
Adam«  'Adam  accedit  ad  Euam  horribiliter  eam  inspiciens  sumens  pomum*. 
Nachdem  die  That  geschehen,  erheben  beide  Klage  und  verstecken  sich:'sub 
illo  Saluator  transit  versus  parädisum',  während  der  Chor  der  Engel  singt 
'Cum  deambularet  dominus'  u.  s.  w.  Der  Herr  ruft  Adam,  dieser  erwidert 
'aüdiui  domine'  u.  s.  w.  Saluator  *intrans  parädisum'  straft  den  Ungehorsam 
der  Beiden,  verflucht  die  Schlange  und  kündigt  Adam  und  Eva  ihr  Schicksal 
äo.  Zu  Adam  spricht  er  'habens  vestimenta  in  manu',  gibt  ihnen  diese  und 
heißt  den  Cherubim  sie  aus  dem  Paradiese  treiben  (16).  Nach  einer  Klage- 
rede fordert  Adam  Eva  auf  ein  Hüttlein  zu  bauen,  *et  sie  Adam  et  Eva  ve- 
niunt  ad  locum,  habitacionem  *)  faciunt  domunculam,  deinde  Adam  transiens 
ad  campnm  fodendo  terram'.  Pierauf  gehen  beide  in  die  Hütte  und  treten 
gleich  darauf  mit  zwei  Knaben  heraus,  diß  Adam  zur  Gottesfurcht  ermahnt 
(IT).  Caim  und  Abel  opfern,  der  Salvator  schaut  Abels  Opfer  an.  Caim 
erschlägt  den  Bruder,  den  die  Engel  emportragen.  Der  Herr  verflucht  Caim 
und  verurtheilt  ihn  zum  Kriechen:  'deinde  serpit  Caym  ad  locum  inter  arbusta' 

65.  Ton  anderer  Hand  zwischen  geschrieben.  —  66.  lies:  schrib. 
^)  Hft.  'habitadoe  ;  besser  wohl:  'ad  locnm  habitacionis'. 


270  XARL  BAETSCH 

(20). .  Lamech  tritt  mit  seinem  Sohne  auf,  erzählt  er  stamme-  von  Adam: 
nun  sei  er  alt  geworden.     Ihn  gelüstet  nach  eine;il  Wildpret,'  sie  geben  ao 
das  Gebüsch  heran.     Der  Sohn  hält  Caim  für  ein  wildes  Thiet  und  Lamecli 
erschießt  ihn.     Aber  indem  er  seine  That  erkennt,  tödtet  er  den  eignen  Sobo 
nnd  fliehet  in  die  Wüste.     *Angelus  Seraphym  transit  ad  Noe  et  facit  feum 
facere  archam'  (21).    Noah  ermahnt  seine  Kinder  von  allen  Thieren  ein  paar 
mitzunehmen :  ^et  intrant  archam,  manens  cntn  filiis  ad  parnam  tempus'  (wäh- 
rend dessen  also  die  Bühne  leer  war).     Er  schickt  den  Raben,  dann  die  Taabe 
ans,  verlässt  die.  Arche,  und  bittet  während  des  Opfers  Gott  um  ein  Gewähr- 
zeichen.   *Saluator  sedens  in  arcu'  verheißt  es  ihm  (23).     'Noa  cum  filiis 
transit  de  throno  ad  desertum  locum,  deinde  Saluator  conuocat  Abraham' 
nnd  gebietet  ihm  seinen  Sohn  zu  opfern.     Abraham  und  Isaac  'pergunt  ad 
paruum  spacium',  der  Engel  folgt  ihnen  *usque  ad  locum  ymolacionis'  (24). 
Den  Opferwilligen  hindert  der  hervortretende  Engel.  *Deinde  Saluator  conuo- 
cat Moysen'  (25)  und  fordert  ihn  zur  Befreiung  seines  Volkes  auf.    'Moyses 
transit  de  throno  ad  medium  circuli  et  anunciat  populo  natiuitatem  suam, 
deinde  transit  ad  filios  Israhel'.     Nachdem  er  seine  Geburt  und  Findung  er- 
zählt (26),  erinnert  er  das  Volk  an  die  Wohlthaten,  die  ihnen  Gott  erwiesen 
(27):  dann  'transit  ad  thronum  et  Saluator  loquitur  Moysi  et  sub  illo  populos 
transgreditur  mandatum  ipsius  Moysi,  versande  et  adorando  vitulum'.   Ein 
hier  eingehefteter  Zettel  enthält  auf  zwölf  Zeilen  die  Anbetung  des  Kalbes. 
Gegen  Gottes  Zorn  vertheidigt  Moses  das  Volk,  empfilngt  von  Gott  die  Ge- 
setztafeln, und  'transit  de  throno  per  aliquot  spa^m'.   Als  er  von  Josuaden 
Abfall  vernimmt,  wirft  er  zürnend  die  Tafeln  zur  Erde.     Über  die  Schuldigen 
ergeht  Gottes  Gericht.   Nachdem  die  zehn  Gebote  gegeben  sind,  schickt  den 
wiederum  Abtrünnigen  Gott  zur  Strafe  Goliath.     Dem  prahlenden  Biesen 
tritt  David  entgegen  und  sagt,  er  wolle  ihm  drei  Steine  an  den  Kopf  werfen. 
Dazwischen  scheint  etwas  zu  fehlen :  gleich  folgt  Salomons  Gebet  um  Weis- 
heit (31.  32).     'Salonäon  surgit  de  sede  sua  et  transit  cum  angelo  (dem  zu 
ihm  gesendeten  Raphael)  ad  thronum  et  faciens  reuerenciam  ante  thronum ; 
nach  dem  Gebete  'transit  ad  habitacionem'.     Vor  ihm  erscheinen  die  beiden 
um  das  Kind  streitenden  Mütter  (32.  33).     Hieran  schließen  sich  gleich  die 
messianischen  Weissagungen  der  Propheten:   Jesaias,  Jeremias,  Habakak 
und  Ezechiel  treten  nach  einander  auf  (34.  35).  *)     Joachim  cum  Anna 
exeunt  de  habitacione:  Joachim  dicit  ad  populum  (d.  h.  das  Publicum)  et 
Annam',   wer  er  sei,  er  wolle  nach  Jerusalem  opfern  gehen,    'transit  ad 
templum' :  Abiachar  weist  ihn  als  unfruchtbar  zurück.     Er  kehrt  zu  Anna 
zurück ,  trennt  sich  von  ihr  und  'pergit  ad  desertum  locum  et  custodit  ibi 
oves'.     Michael  heißt  ihn  zur  goldenen  Pforte  gehen  und  verkündet  Marias 
Geburt.     Bückkehr:  'fit  amplexus  ab  ambobus,  deinde  transeunt  ad  Mazaret 


*)  Vgl.  Mone  1,  143  flf. 


ÜBER  EIN  GEISTUGHES  SCSOAÜSPIEL  DES  15.  JAHRHUNDERTS.  271 

et  intrant  domam  et  manent  ad  parunm  tempns,  deinde  exeant  eum  filia' 
(35—37).  Beide  opfern  eine  Turteltaube:  'Anna  somit  pnerum  (d.  h.  das 
Kisd)  et  Joachim  precedit,  Anna  seqnitur  et  transeunt  ad  templam  offerendo'. 
Dann  kehren  sie  nachNazaret  zurück:  'puer  Maria  dicit  ad  parentes  et  petit 
licenciam  ad  populum' :  sie  bittet  um  Erlaubniss  in  dem  Tempel  opfern  zu 
därfen.  Isachar  fordert  sie  auf  bei  den  elf  Jungfrauen  zu  bleiben  und  ver- 
spricht ihr  einen  Mann:  sie  verweigert  es.  Nun  folgt  die  Entscheidung  mit 
der  grünenden  Ruthe :  Hranseunt  omnes  ad  templum  com  vergis'.  Abiachar 
betet  und  'sumit  .virgas  legendo  cedolas  pendentes  in  virgis'.  Joseph,  dessen 
Rathe  grünt,  und  dem  Maria  zugesprochen  wird,  beschließt  mit  ihr  keusch  zu 
leben.  'Maria  et  Joseph  exeunt  de  templo  et  pergunt  simol  ad  Nazareth : 
Maria  intrat  domom,  Joseph  incipit  laborare  et  Maria  intrat  oracolom  soum 
oTando  et  legendo'  (38—41).  Gabriel  kommt  'et  colomba  de  throno  ad 
habitacionem  Marie',  singt  den  englischen  Graft  lateinisch  ond  spricht  ihn 
dann  in  deotschen  Versen,  Der  an  der  Verkündigung  Zweifelnden  verkündet 
der  Engel,  auchElisabet  sei  schwanger.  Maria  besucht  Elisabet:  nach  gegen- 
seitiger Begrüfiong  'Maria  intrat  cum  Elizabeth  ad  habitacionem ,  manens 
cum  ea  ad  paruum  tempns:  deinde  exiens  et  valedicit  eam',  indem  sie  erzählt, 
sie  habe  sie  drei  Monate  im  Kindbette  gepflegt.  'Elizabeth  exiet  cum  Joanne 
faciens  reverenciam'  und  bedankt  sich  bei  Maria.  Diese  kehrt  heim :  'Joseph 
Videos  eam  inpregnatam  transiens  a  Maria  cum  tristicia,  Maria  intrat  habita- 
cionem'. Den  zurückbleibenden  Joseph  beruhigt  der  Engel:  Joseph  bittet 
Maria  om  Verzeihung  (42 — 45).  Der  'Nunctius  transiens  ad  medium  cir- 
calf  verkündet  des  Kaisers  Gebot:  'omnes  populi  transeunt  de  deserto  ad 
Bethleem'.  Auch  Joseph  mit  Maria  zieht  dahin.  Bei  vier  Wirthen  werden 
sie  abgewiesen,  der  erste  schützt  tJberfallung  des  Hauses  vor,  der  zweite  will 
die  schwangere  'Jungfrau  nicht  aufnehmen,  der  dritte,  von  dem  er  nur  einen 
Platz  im  Stalle  begehrt,  weist  ihn  ab,  weil  er  nicht  zahlen  kann.  Endlich 
entschließen  sie  sich  in  dem  zerbrochenen  Haus  zu  übernachten  (46 — 49). 
Während  der  Geburt  singen  die  Engel  das  Gloria.  Ein  Hirt  weckt  die  an- 
dern: sie  erzählen  sich  gegenseitig  ihren  Traum,  in  dem  ihnen  ein  Engel  er- 
schienen. Sie  schlafen  wieder  ein,  der  Engel  erscheint  zum  zweiten  mal:  sie 
erwachen  wieder  und  singen 

Nunc  angelorum  gloria 

hominibus  resplenduit, 

in  mundo  noyi  partus  gaudium 

yirgo  mat«r  produxit, 

et  sei  rerus  in  tenebris  illaxii.  ^ 
Sie  kommen  nach  Bethlehem  und  beten  das  Kind  an,  dann  'transeunt  de  puero 
cantaodo 


*)  Die  Yerae  nnabgeteiz^  wie  alle  Geslngö  det  Schaiupi«!». 


272  KABL  BARTSCH 

£in  kindelin  86  lobelich 

ist  uns  geporen  hiute.  ^) 
(Hs.  'lobigklich'.)   (49 — 52.)  'Reges  andinnt  cantnni  et  veniunt  ad  Iherasa- 
lem\     Zuerst  erzählt  Melchior,  ans  Arabien,  ihm  habe  sein  Weib  ein  Kind 
geschenkt,  das  weissagte  heute  sei  ein  Kind  geboren,  das  33  Jahr  alt  werde: 
er  solle  auf  einen  Berg  steigen,  da  werde  er  einen  Stern  sehen,  dem  er  nach- 
folgen solle.    Balthasar  hatte  in  seinem  Hofe  einen  Baumgarten,  drinn  einen 
hohen  Zedernbaum,  der  in  der  selben  Nacht  geblüht,  in  der  Christus  geboren 
worden.     Die  Blüte  brachte  ein  Vögelein,  gestalt  wie  eii}  Rubin,  das  er- 
leuchtete den  Garten  und  sang  wunderbare  Weise  mit  menschlicher  Stimme: 
der  König  stieg  auf  einen  Berg  und  sah  den  Stern ,  dem  er  folgen  sollte. 
Caspar  berichtet,  er  habe  auf  seinem  Hofe  einen  Strauß ,  der  zwei  Eier  aus- 
gebrütet :  aus  dem  einen  sprang  ein  Löwe,  aus  dem  andern  ein  Lamm.    Auf 
göttliches  Geheiß  bestieg  er  den  Berg  und  sah  den  Stern,   darinnen  die 
Jungfrau  mit  dem  Kinde ,  das  das  Kreuz  auf  dem  Haupte  trug.    Naclidein 
sich  alle  drei  erklärt  (52—56)  wird  Caspars  Marschalk  zu  den  Doctorenin 
die  Synagoge  geschickt,  nach  dem  Kinde  zu  fragen.     Diese  berichten  es  an 
den  Marschalk  des  Herodes  und  so  gelangt  die  Kunde  zu  Herodes.   Er 
wünscht  die  Könige  zu  sehen,  diese  'transeunt  ad  locum  Herodis  ipsnm  sala- 
tando'.    'Herodes  suscipit  reges  cum  reue(re)ncia'.     Nachdem  er  den  Zweck 
ihrer  Ankunft  erfahren ,  schickt  er  seinen  Marschalk  in  die  Synagoge.    Die 
herbeikommenden  Doctoren  berufen  sich  auf  die  Schrift  und  deren  Weis- 
sagungen.    Herodes  bittet  die  Könige  zu  ihm  zurückzukehren ,  sie  nehmen 
Abschied:  'Herodes  dat  eis  licenciam  (d.  i.  urloup)  et  faciens  reuerenciam 
ipsis  regibus'.     Wieder  erscheint  der  Stern:  'equitant  ad  locum  diuersorif, 
wo  der  Stern  stehen  bleibt.     Nachdem  die  Diener  die  Gaben  ausgepackt, 
tritt  Melchior  zuerst  heran  und  grüßt  Maria,  dann  Balthasar,  zuletzt  Caspar. 
Maria  dankt  ihnen.     Sie  opfern  in  derselben  Ordnung;  Melchior  Gold,  Bal- 
thasar Weihrauch,  Caspar  Mirrhen.     Zum  Schluß  dankt  ihnen  Maria  noch- 
mals,    üriel  erscheint  und  zeigt  ihnen  einen  andern  Weg:   'recedunt  per 
aliam  viam'  (55 — 66).     Maria  und  Joseph  'transeunt  ad  templum'.    Maria, 
eine  Kerze  in  der  Hand,  fordert  Joseph  auf  für  das  Kind  zu  opfern.    'Joseph 
ante  templum  emit  columbas'  und  tritt  mit  Maria  in  den  Tempel.    Symeons 
Weissagung.     Sie  kehren  in  das  diversorium  zurück,  von  dort  nach  Nazaret, 
'sub  illo  venit  nunctius  Herodis'  und  berichtet  von  den  drei  Königen.  Herodes 
klagt  über  sie  (in  34  vielleicht  älteren  Zeilen),  und  beschließt  alle  Kinder 
unter  zwei  Jahren  zu  tödten.    'Gabriell   veniens   de   throne  ad  Nazareth 
auisans  Joseph',  scheint  auch  alt.     Joseph  weckt  Maria,  sie  fliehen:  'deinde 
Herodes  vocat  milites'.   Jeder  der  Soldaten  bittet  ihn  den  Auftrag  vollziehen 
zu  lassen.     Der  vierte  sagt 


*)  Ich  gebe  die  Qesttnge,  die  ich  für  alter  halte,  in  gereinigter  mhd.  Schreibung. 


ÜBER  EIN  GEISTIJCHES  SCHAUSPIEL  DES  16.  JAHEHÜNDERTS.         273 

Ich  wil  mit  in  lust  spil  haben,  . 

als  dann  ibun  die  laurles  knaben. 

(66 — 71).    Nun  folgt  der  Kmdermord,  von  dem  ich  einiges  hier  mit- 
tlieilen  will. 

(72)  Primas  miles  Hiczenplicz  dicit 
Weib,  dein  kind  nym  ich  dir  mit  gewalt,      das  ich  dirs  Tor  den  äugen  erstechen  sol, 
wan  Herodes  hats  also  bestalt,  es  gefall  dir  recht  fbel  oder  wol. 

Et  sie  summit  puerum  de  brachijs  interficiendo  eum.  Deinde  prima 
mulier  dicit 

0  Herodes,  du  schnOder  man,  das  ich  also  durchstochen  findt! 

wie  magstws  an  deim  herczen  han,  o  zetter  yber  deinen  kragen, 

das  dw  also  betrübst  meinen  leib  ?  das  dich  der  plix  nit  hat  erschlagen ! 

bistw  doch  auch  kummen  yon  eim  weib!  yerflucht  sey  hewt  die  muetter  dein, 

ich  schrey  hewt  waffen  yber  dich,  die  dir  die  prüst  hat  gehangen  ein, 

das  ich  sol  sehen  so  erbannmigklich  das  dw  erlebt  hast  disen  tag: 

mein  aUer  liepstes  herczes  kindt,  das  sey  zw  got  mein  gröste  klag. 

Schlachinhaufifen  secundus  miles  dicit  et  summit  (73)  puerum  de  biga  et 
interficit  eum. 

Weib,  dw  hast  ein  kneblein  sehen,  dw  hast  der  mye  mit  ym  so  yil, 

das  wil  ich  dir  recht  lernen  gen:  der  ich  dich  ein  teyl  yberheben  wil. 

Et  sie  secunda  mulier  lamentabilitter  clamat  erga  Herodem. 

0  we  mir  annen  betrübten  frawen ,  hewt  mir  ein  schwort  mein  hercz  durch- 
das  ich  den  jamer  an  sol  schawen  drang, 

aa  meim  liepsten  trawtten  sttn  (gebess.  hewt  ist  wein  ynd  hewln  mein  pester 

san),  gesang. 

den  ich  hye  an  meinem  arme  han.  hewt  rufT  ich  zw  dem  ewigen  gett, 

hewt  ist  der  tag  des  jamers  pein,  das  er  mir  wendt  mein  grosse  not 

hewt  sol  mit  mir  betrübt  sein,  ynd  rech  mich  hewt  an  disem  mann, 

hewt  ist  nit  mer  wen  we  ynd  ach,  der  mir  das  ybel  hat  gethan. 

hewt  alles  müetterlich  herez  erkrach.  o  herr,  rieh  das  ynschuldig  plüt, 

das  zw  dir  jemerlich  schreien  thüt. 

Tercius  miles  Windeck. 

Weib,  dein  kindt  ich  dir  huczen  trag,  ich  wil  dirs  stillen  ynd  paldt  gesobweigeh 

das  dw  schreist  zetter  der  grossen  klag,  das  dw  es  fürpas  nit  darfb  seygen. 

Der  vierte  Soldat  Unverdorben  sagt,  die  Mutter  brauche  dem  Kinde  nun 
nicht  mehr  zu  kochen,  und  nicht  Milch  und  Mehl  zu  kaufen;  derf&nfte,  Filiaz, 
sie  brauche  es  nun  nicht  mehr  zu  baden,  er  werde  es  im  Blute  auswaschen. 
Herodes  heißt  die  Soldaten  die  Vaschen  all  von  dannen  treiben  (72 — 75). 
'Gabriel  transit  de  throno  ad  Egiptum'  und  verkündet  Joseph  Herodes'  Tod. 
Sie  kehren  nach  Nazareth  zurück:  nach  einander  begrüßen  sie  Anna,  Eliza- 
beth, Maria  Cleophe,  Maria  Salome:  allen  dankt  Maria  (75—77).  Joseph 
fordert  Maria  auf  zu  dem  Feste  in  Jerusalem  mitzugehen :  'transeunt  ad 

«uiLunA.  m.  18 


274  KARL  BARTSCH 

JheruKalem,  Joseph  cum  viris  antecedit  et  Maria  cum  Anna  et  ceteris  sorori- 
bas  sequitur  a  longe'.  Im  Tempel  beten  nach  einander  Gleophas ,  Joseph, 
Zabedeus,  Anna  und  Maria:  letzteres  Gebet  vielleicht  älter.  'Et  faciens 
reaerentiam  puer  transit  ad  synagogam:  Maria  ad  Nazareth.  primas  Rabbi 
facit  questionem',  ob  der  Messias  schon  erschienen  sei.  Den  hierüber  nn- 
.  einigen  legt  Jesus  drei  Fragen  vor  und  erklärt,  er  glaube  der  Messias  sei 
gekommen.  Inzwischen  fragt  Maria  Joseph  nach  dem  Kinde:  weder  er  noch 
die  andern  wissen  von  ihm.  Sie  finden  ihn  im  Tempel :  der  Rabbi  sagt  zu 
Maria,  sie  solle  den  Knaben  nicht  das  Handwerk  lernen  lassen,  er  werde  ein 
großer  Rabbi  werden.    Der  'conclusor*  concludit  primam  diem'  (78 — 83). 

Precursor  secundo  die  dicit 

Hört  ihr  hem  all  gemein,  vnd  solt  alle  schweigen  md  still  stan 

bayde  groß  ynd  auch  klein,  an  der  stat  da  ein  ytlichs  ist ... . 

wir  wellen  hie  ein  gedechtnuß  machen . . .  das  spil  wird  nicht  roUendt  in  eim  tag, 

das  wirt  das  ynnig  spil  bedewtten,  aber  das  hewt  den  tag  sol  geschehen, 

wie  er  gemartert  wardt  von  den  judischen  das  solt  ir  zw  gutter  maß  wol  sehen. 

lewtten :  das  gröst  ist  wie  er  wirt  reracht 

das  solt  ir  betrachten  frawe  md  man,  vnd  wie  er  für  gericht  wirt  gebracht 

Der  Salvator  und  die  Jünger :  er  fordert  sie  auf  mit  ihm  nach  Beiha- 
nia  zu  gehen.  Martha  nimmt  sie  auf  und  heißt  sie  willkommen.  Auf  Martha  8 
Aufforderung  erwidert  Magdalena  *) 

Martha,  liebe  Schwester  mein,  frisch  vnd  frey  des  gemütes  mein, 

ich  wil  alzeit  frölich  sein,  ich  such  mir  ein  stolczen  jnngeling, 

ynd  wil  gen  in  die  anen,  10.  der  mir  mein  mut  kan  machen  ring: 

die  schönen  knehlein  wil  ich  schauen  darumb  sAg  ich  dir  an  allen  has, 

5.  nvd  wil  tragen  ein  frewen  mut.  las  nui'  dein  kiflenn  furpas, 

ich  wil  mir  machen  ein  krenczlein  wan  ich  wil  niein  leben  also  Ter- 

gut:  —  pringen 

dar  yntter  wil  ich  fi'ölioh  sein,  ynd  stetigklich  nach  freiden  ringen. 

Belial  tritt  zu  ihr  und  verspricht  ihr  einen  feinen  Knaben  zu  scbickeD. 
Martha  geht  mit  ihm  in  die  Aue  und  windet  einen  Kranz:  *Deinde  penitencia 
ducta  recedit  a  Beliall  per  aliquot  spacium'.  Der  Bereuenden  vergibt  Christas 
and  geht  zum  Tempel,  aus  dem  er  die  Händler  vertreibt.  Diese  gehen  kla- 
gend zum  Rathe.  SymoD  leprosus  lädt  Jesus  und  die  Jünger  zu  Tische. ') 
Nachdem  er  durch  seinen  Diener  Alles  anordnen  lassen ,  empfangt  er  die 
Gäste.  Inzwischen  kommt  Maria  Magdalena  ^stans  retro  secus  pedes  domini 
et  canif : 

Jesu  Criste,  auctor  rite,  *  Marie  tribue 

qui  in  tuo  sanguine  5.  Magdalene  salutarem 

peccatum  lavisti  Ade  fructum  penitencie. 


0  Vgl.  mit  der  Scene  Mone  1,  79  ff. 
*)  Vgl.  Mona  1.  83. 


OBEB  ein  geistliches  SGHÜITTSFIEL  BES  15.  JAHBHUNDEBTS.         275 

4. 6/marie  magdalene  tribne';  vielleicht  'o  Marie'.  —  Sie  küsst  und  wäscht, 
salbt  und  trocknet  seine  Füße  und  singt  zu  jeder  dieser  Handlangen  lateinisch» 
Sathabas  klagt  in  vielleicht  älteren  Versen ,  daß  ihrii  diese  Seele  entrissen 
sei:  Belial  tröstet  ihn  mit  Judas,  den  sie  bekommen  würden.  Petrus  murrt 
über  die  Sünderin,  Christus  singt  'Hec  est  illa  Maria.  Chorus  respondet: 
'Qae  resurgentem  a  mortuis'  u.  s.  w.,  und  vergibt  Magdalenen.  'Magdalena 
fnndit  alabastrum  super  caput  Saluatoris'.  Judas  schilt  sie  (83---93).  Mag- 
dalena kehrt  nach  Bethanien  zurück.  Lazarus  klagt  Martha  er  sei  krank,  ^) 
sie  schickt  einen  Freund  in  Symons  Haus :  als  dieser  zurückkehrt  ist  Lazarus 
todt.  Er  wird  begraben:  'sub  illo  Symon  leprosus  inclinat  se  ad  pedes 
Salnatoris'  nnd  bittet  um  Vergebung  der  Sünden.  Jesus  kommmt  zum  Grabe, 
die  dreiTodtengräber  (tumulans)  sagen  sie  wollen  das  Wunder  mit  ansehen. ') 
Lazarus  wird  erweckt.  Einige  von  den  Leuten  laufen  in  die  Synagoge.  Der 
precnrsor  Judeorum  ruft  die  Juden  zusammen;  ich  lasse  die  Stelle  wegen  der 
Namen  folgen. 

Wol  her  zw  diser  synagog,  Staudenfues,  He^sohrot  md  ir  testes, 

hör  Cayphas,  Annas  ynd  Magog,  Israhel,  Pessack  ')  rnd  Johel, 

HeUDein,  Schiern  ynd  Abraham,    .        Warrabas,  WülffiriAg  vnd  her  Feygel, 
Sadoch,  Mosch  ynd  her  Natapn»  Noe,  Stalam,  Malchus  ynd  her  Longein, 

Moab,  Achas  ynd  her  Scheiblein,  Ynd  ir  Juden  alle  groß  ynd  klein, 

Secklein^Turtümür  ynd  her  Leiblein,      kumpt  alle  zu  der  synagog  her 
Mardoch,  Cesar  ynd  Moyses,  ynd  yernemet  alle  newe  mer. 

Es  sprechen  nach  einander  Gewal,  Holfflein,  Johel,  Cayphas,  Schlemn^ 
uDd  ratfaftchlagen  wider  Jesum  (94—100).  Jesus  schickt  Petrus  nnd  Jo- 
hannes nach  dem  Esel  ans.  Sie  gehen  ins  Castell  und  erlangen  von  dem 
vilanns  die  Erlanbniss  den  Esel  mitzunehmen.  Einzug  in  Jerusalem ,  unter 
Gesang  'Ingrediente  domino'.  Es  singen  abwechselnd  der  Chorus  filiorum 
und  drei  andere  Chöre,  nach  jedem  Chore  immer  ein  einzelner.  Jesus  reitet 
ein  zur  Synagoge:  Annas  macht  ihm  wegen  des  Auflaufes  Vorwürfe.  Jesus 
kehrt  nach  Nazareth  zurück,  die  Juden  rathschlagen:  Cayphas  redet  mit  seinen 
drei  Knechten  und  geht  mit  ihnen  zu  Annas.  Sie  beschließen  den  Judas  zu 
bestechen.  'Judas  transit  in  circulo  et  obniabit  ei  dyabolus',  der  ihn  verfährt: 
'transit  cum  diabulo  ad  synagogam'.  Dort  erbietet  er  sich  ^um  Verrath  und 
handelt  mit  ihnen  um  den  Preis.  *)  Nachdem  sie  einig  geworden,  Transit 
vagatum  hinc  inde  vsque  finitur  valedictio  Marie  virginis  i  et  sub  illo  pre- 
cnrsor ludeorum  concludit  consilium' (101— 114):  Jesus  verkündet,  aus  der 


')  Tgl.  Hone  1,  91. 

*)  Ein  yierter  (98)  ist  in  teroins  gebeuert,  also  wohl,  weil  bei  der  betreffenden  Anfführung 
^e  Personen  nicht  reichten. 

*)  Wohl  derselbe  Name  wie  Possensack  bei  Pichler  S.  26.    Fessag  auch  Fnndgraben 

2,  811. 

*)  Vg^  Pidder  S.  26— dO.    Hone  2,  251—262. 

18* 


276  ^^R^  BARTSCH 

Synagoge  zai  ückkehrend,  den  Jüngern  die  Passion.  Maria  klagt  and  Hransit 
ad  parunm  spacinm  ad  angelum  Gabrielem',  der  sie  tröstet.  Magdalena  warnt 
Jesom  vor  der  bevorstehenden  Gefahr.  Er  lässt  seine  Mutter  rufen  und  ver- 
kündet ihr  sein  Leiden:  sie  bittet  ihn  dreimal  ihr  den  Schmerz  zu  ersparen 
und  er  versagt  es  dreimal.  Nachdem  sie  sich  getrennt  vepit  Judas:  'Maria 
occurrit  Jude'  und  fragt  was  an  dem  Gerüchte  sei  und  empfiehlt  Jesum  seiner 
Hut.  'Jesus  faciens  reuerenciam  Marie  et  aliis  mulieribus',  erklärt  seinen 
jQngern  er  wolle  mit  ihnen  speisen.  Petrus  und  Johannes  werden  ausge- 
schickt und  treffen,  wie  vorausgesagt,  einen  Famulus  mit  einem  Kruge.  Als 
sie  die  Herberge  bereitet,  kehren  sie  zurück:  Jesus  nimmt  von  der  klagenden 
Maria  Abschied.  Der  Chor  der  Jünger  singt.  Das  Abendmahl.  'Salvator 
canit:  Mandatum  novum'  etc.  mit  deutscher  Erklärung  in  Versen,  wie  ge- 
wöhnlich. Die  Fußwaschung:  die  Jünger  sprechen  einzeln  nach  einander. 
Zuletzt  wäscht  er  Judas.  Einsetzung  des  Abendmahls.  Jesus  bezeichnet 
Judas  als  den  Verräther.  *)  "^ Judas  transit  hinc  inde,  usque  finitur  conclusio 
salvatoris'.  Petri  Verläugnung  wird  verkündet.  Sie  brechen  auf:  der  Chor 
singt  'in  monte  Olineti  orauf .  Jesus  geht  mit  drei  Jüngern  'ad  locum  ora- 
tionis'  und  betet.  ')  Zurückkehrend  findet  er  sie  schlafend ,  ebenso  beim 
zweiten  und  dritten  mal.  Der  Engel  kommt  'habens  calicem  in  manu'.  Jesus 
betet  in  wahrscheinlich  älteren  Versen  (115 — 136).  'Sub  illo  Judas  pulsat 
ad  palacia  principum'  und  sagt  jetzt  sei  die  rechte  Zeit  Annas  beruft  seine 
Ritter,  Judas  klopft  ebenso  bei  Cayphas  an :  dieser  warnt  sie  nicht  Jacobus 
zu  ergreifen,  der  Jesu  ähnlich  sei.  Hierauf  Hranseunt  ad  medium  circali  et 
omnes  conveniunt  pretter  pontiffices  qui  manent  in  locis  suis'  (136 — 138). 
Der  Judaskuß  und  die  Gefangennehmung.  Malchus  abgehauenes  Ohr  wird 
geheilt.  Natan,  Asor,  Annoj  Abraham  verspotten  und  binden  ihn.  Jacobns 
maior  ermahnt  sie:  sie  wollen  ihn  gleichfalls  gefangen  nehmen,  doch  er  ent- 
rinnt (138 — 143).  Jesus  wird  zu  Annas  gebracht  und  von  diesem  befragt. 
Annas  übergibt  ihn  den  Juden  zum  Spielen. 

Natan  dicit« 

Trewen,  das  sol  geschehen, 
man  sol  guette  kurczweil  sehen, 
nun  ratet  alle  zw  mit  synnen, 
was  spils  wel  wir  mit  ym  beginnen. 


Abraham  dicit 


Ir  herm,  wir  uns  zw  sammen  thiem  _ 
vnd  spiln  mit  im  der  pucz  pirn, 
wan  das  spil  ist  gemeine 
den  kinden  grosz  ynd  kleine, 
nun  rattet,  lieben  geselln  mein, 
wer  sol  nun  der  pirpaum  sein  ? 


*)  Vgl.  Mone  1,  98.  2,  266. 
*)  Mone  1, 101. 


ÜBER  EIN  GEISTLICHES  SCHAUSPIEL  DES  16.  JAHRHUNDERTS.  277 

Gewal  dicit. 

Ir  gsellen,  das  wil  ich  euch  hye  sagen , 

Jhesus  mag  die  piern  wol  tragen, 

wan  er  ist  gar  ein  frölich  man, 

darumb  sol  man  in  mitten  ein  siezen  lan: 

so  wil  ich  selber  buetten  sein 

ynd  im  helffen  mern  die  pein. 

seczt  in  nyder  hartte, 

wir  welln  zum  piern  wartten. 

Et  taue  locant  eum  ad  medium  et  Indunt  cum  eo.     Laibel  dicit 
Trawen,  die  piern  sindt  suesse. 

Tsaac  dicit. 

Ja  da  nyden  bey  den  fuesse. 

Annos  dicit. 

Die  piern  thunt  yns  wol  laben. 

Moyses  dicit. 

Gesel,  ich  muß  ir  auch  einne  haben. 

Moab  dicit. 

Nun  rucket  die  piern  oben  mit  schalle, 
si  seindt  teig,  si  werendt  ab  yalle. 

Pharon  dicit. 

Lieber  gesell,  das  sol  sein, 

nun  greifiet  zw  all  in  der  gemein. 

'Et  sie  omnes  concnrmnt  et  ynanimiter  trudunt  eum  et  crinisantf  (143 
bis  145).  Petri  Yerläugnung  gegen  die  erste  und  zweite  Magd  und  den 
Juden  Nason.  Der  Hahn  kräht,  Petrus  klagt  (145 — 147).  Auf  Annas 
Vorschlag  wird  Jesus  zu  Cayphas  gebracht.  Die  falschen  Zeugen ,  Salo- 
mon  und  Amalech.  Cayphas  zerreißt  seine  Kleider,  alle  erklären  Jesum 
schuldig :  er  wird  den  Juden  zum  Spiel  gegeben  wie  oben. 

Schiern  dicit. 

Ich  weis  kein  pesser  kurzweil  nicht, 
wir  spilen  mit  ym  kopauff  yns  licht. 

Sadoch  dicit. 

Do  wil  ich  gar  pald  ein  tuch  zu  fynden, 

do  mit  ich  ym  wil  yerpinden 

seyne  äugen  klar  ynd  zarte : 

nun  raufft  in  wol  bei  seinem  bartte. 

'Et  sie  accedit  et  velat  sibi  oculos.  Nason  cantat:  Prophetisa  nobis, 
Christe,  quis  est  qui  te  percussit'.  So  schlagen  und  fragen  ihn  alle  andern. 
Nach  dem  Spiel  eine  Zwischenrede  des  Engels  an  das  Publicum,  „ein  Pater- 
noster zu  beten"  (147 — 152).    Jesus  wird  zu  Pilatus  gefuhrt  und  verklagt 


278  KARL  BARTSCH 

Pilatus  schickt  ihn  als  Galiläer  zu  Herodes.  Dies^  bittet  ihn  ein  Zeichen  zu 
thon.  Die  Juden  verklagen  ihn  einzeln.  Er  wird  in  weißem  Kleide  zn  Pi- 
latus zurückgeschickt.  Die  Soldaten  verspotten  ihn:  er  sinkt  zur  Erde 
(162 — 168)  'sub  illo  venit  Judas  videns  hoc'  und  klagt  *) 

Ir  Juden,  ich  wil  euch  wissen  lan, 

das  ich  mich  selber  vergessen  han 

an  Ihesum  den  vil  trewen  : 

das  mü£  mich  jmmer  rewen, 
5.    das  ich  in  hab  verrathen 

des  ahenc2  also  spatte: 

das  ist  mir  leit  vnd  rewt  mich, 

das  ich  hab  than  so  scicklich  (d.  i.  scelklich). 

des  mag  ich  njmer  werden  firo : 
10.    darumb  nempt  ewr  pfenning  wider  do, 

ynd  solt  alle  mercken  da  bey, 

das  ich  nymer  schuldig  sey. 

ich  hab  groß  sündt  begangen, 

das  er  ist  worden  gefangen: 
15.    darumb  wirt  mein  nymer  rat 

vmb  mein  grosse  missetat,     , 

wan  mein  bosheit  vil  grosser  ist 

wan  mein  gnadt  zw  diser  Mst. 

dar  imib  wil  ich  ym  nit  mer  genahen : 
20.    ich  wil  gen  mich  selber  haben. 

Auch  in  dieser  Klage  sind  ältere  Verse  benüzt:  sie  wäre  ohne  Hübe 
herzustellen.  'Judas  transit  ad  locum  suspensionis'  und  erhängt  sich:  die 
Teufel  nehmen  ihn  ab  und  führen  ihn  in  die  Hölle,  wo  sie  JLucifer  willkommeo 
heißt  und  den  Judas  verhöhnt  (168 — 161).  Die  Zwischenrede  des  Engels, 
die  älter  ist,  will  ich  in  älterer  Schreibung  folgen  lassen. 

£i  du  saelege  cristenheit, 

ze  sprechen  soltu  sin  bereit 

ein  patemoster  üf  der  fart, 

do  er  zuo  Filäte  gefüeret  wart. 
5.    seht  an  die  grozen  smacheit, 

die  im  nü  ist  an  geleit, 

mit  spotten  und  mit  spien, 

mit  slahen  stozen  schrien. 

daz  ir  iezuo  habt  gesehen, 
10.    daz  ist  ze  prime  zit.  geschehen. 

helfet  hiut  beweinen 

den  unschuldigen  reinen, 

der  ad  vil  marter  geliten  hat 

durch  aller  menschen  missetat. 

0  Vgl.  damit  Mona  2,  283—284. 


..^ 


ÜBER  EIN  GEISTLICHES  SCHAUSPIEL  DES  16.  JAHRHUNDERTS.  279 

15.    dar  umb  lat  iuch  erbarmen 
Ibesum  den  ril  armen. 
Hs.  3.  diser.    4.  dem  leiden  jha  als  er.     5.  vnd  secht.     8.  stossen  vnd. 
9.  vnd  das  ir  ycz  nnn.     10.  zw  der  prim.     12.  Ihm  den.    vnd  r.     15.  last. 
16.  vber  ihm. 

Jesus  wird  zu  Pilatus  geführt,  dem  Herodes'  Soldaten  des  Königs  Gruft 
auslichten.  Die  Juden  klagen  wieder:  'Pilatus  descendit  de  palacio  suo 
transiens  ad  pretorium.  Chorus  cantat  'Ingressus  Pilatus'.  Jesus  wird  ver- 
hört und  von  Pilatus  unschuldig  erklärt:  Schiern  erwidert  'er  muß  doch  ster- 
ben'. Abermaliges  Verhör.  Auslieferung  des  Barrabas.  Der  zweite  miles, 
Dietrich,  holt  ihn.  Jesus  soll  gezüchtigt  und  entlassen  werden.  Er  wird 
gegeiselt:  die  Soldaten  Helmschrot  und  Dietrich  erklären  sich  willig  dazu. 
Diese  und  die  Soldaten  Laurein  und  Hilebrant  machen  Geiseln  und  schlagen 
ihn.  £r  wird  mit  Domen  gekrönt  und  von  den  Juden  verspottet.  Zwischen- 
rede des  Engels,  der  ermahnt  an  Jesu  Marter  zu  denken.  Jesus  wird  aber- 
mals von  Pilatus  verhört  (161—175).  'Sub  illo  venit  Beliall,  transit  ad 
Pilatissam^  und  sagt  sie  solle  Jesum  nicht  verurtheilen  lassen.  Das  folgende 
scheint  wieder  älter.  ^) 

Pilatissa  ad  famulam  scilicet  Floream  dicit 
Floria,  liebe  dienerin  mein, 
nun  ge  hyn  zw  pilato  dem  herren  dein 
und  bit  jn  ymb  ihA  den  man, 
den  die  jaden  vor  seim  gericht  han. 

Florea  dicit 

5.    Gern,  liebe  fraw,  lat  michs  verstan, 
wie  ich  doch  bitten  sol  fiir  den  man. 

Pilatissa  respondit 

Sprich  'mein  firaw  hat  mich  zw  euch  gesandt 
vnd  thut  ewch  in  grosser  heimliehkeit  bekandt, 
Mj  bit  each  also  sere 
10;    durch  aller  frawen  ere, 
das  ir  ihft  genedig  seit 
Tsd  in  vor  den  Juden  des  lebens  freit, 
wan  Bj  heint  in  diser  nacht 
durch  in  vil  anfechtung  hat  betracht'. 

Florea  respondet 

15.    £s  ist  nit  gut  das  ich  allein  ge: 

mein  fraw,  merckt  ob  es  zuchtig  ste, 
das  ein  jonckfraw  (vor)  gerichtes  gewalt 
seit  allein  gen:  das  wer  rngestalt. 


*)  Vgl.  Hone  1,-H4  ff. 


280  KARL  BABTSGH 

Secunda  ancilla  dicit. 

Fraw,  ich  s&ch  auch  gern  den  man, 
20.    der  so  yil  wnnder  hat  gethan  : 

liebe  fraw,  last  mich  mit  Florea  gan, 
wir  wellen  zuchtig  for  ym  stan. 

Pilatissa  dicit  ad  ambas. 

Nun  get  paidt  mit  ein  ander  hyn  ein 
ynd  sagt  meinem  herrn  die  pette  mein. 

Et  sie  traDseunt  ad  pretorium  anciile  et  sub  iilo  angeli  canunt  'silete'. 
Florea  dicit  ad  Pilatum. 

Er  verspricht  ihre  Bitte  zu  erfüllen :  den  rückkehrenden  Mägden  dankt 
die  Pilatissa.  Die  Zeugen  treten  nochmals  auf.  Pilatus  überliefert  Jesnm 
und  fordert  Wasser  von  Laurein.  Er  wäscht  sich;  'Dietrich  deffert  mappam 
ad  tergendum  manus*.  Primus  Schwiczbub  sagt,  er  wolle  ihnen  Hammer  und 
Nägel  nachtragen ,  secundus  Schwiczbub ,  er  wolle  die  Leiter  holen.  Der 
Schluß  des  zweiten  Tages  ist  einem  älteren  Schauspiel  entlehnt. 
Conclusor  concludit  secundam  diera  dicens 
Ir  saelegen  cristen  Ifute,  daz  si  rouben  unde  stein 

nemt  ze  herzen  hiute:  20.  und  wentz  mit  ir  gesetze  heln. 

'       der  muoz  sin  gar  yersteinet^  darumb  ist  daz  ein  guoter  site, 

der  hiut  den  tac  niht  weinet^  ^)  daz  man  hiut  über  die  Juden  pite. 

5.  Ihesum  Cristum  unsem  trost,  wafen  und  zeter  solt  man  melden 

der  die  weit  yon  Sünden  hat  erlöst.  und  si  immer  und  ewic  scheiden, 

schrit  über  die  Juden  alle,  25.  seht  wie  Ihesus  ist  durchslagen 

die  mit  grdzem  schalle  und  muoz  jaem^rliche  tragen 

unsern  herren  haut  gefangen  leider  daz  bitter  kriuze  sin 

10.  mit  knüteln  s werten  unde  Stangen.  zer  grözen  marter  unde  pin. 

we  iuch  ir  fürsten  und  edel  man,  s6  schrient  alle  in  boesen  wan 

wie  wenc  gedenket  ir  dar  an,  30.  'kriuzegen  den  yalschen  manf 

wan  ir^den  jüden  güetlich  tuoi:  daz  ist  ze  terzen  zit  geschehen, 

daz  tuet  ir  umb  daz  zitlich  guot,  als  ir  gehört  habt  und  gesehen. 

15.  si  hänt  die  cristenheit  niht  liep,  dem  selben  liden  sit  bereit 

si  sint  erger  dan  die  diep,  ze  sprechen  ein  patemoster  mit  inne- 

man  sehe  irn  grözen  wuocher  an,  keit. 

so  yindet  man  an  abelan 

und  noch  sechs  jüngere  Verse.  Die  Hs.  4.  beweint.  7.  Nun  schreit.  8.  Die 
so  gar*  mit.  9.  haben.  15.  haben.  18.  stetz  an.  20.  wellens.  verhellen. 
21.  das  gar  ein.  26.  muß  dar  zw  jemerlich.  30.  crewczigen  zweimal  31  zw 
der  tercz.     32.  habt  gehört.     33  selbigen.     (175—182.) 


0  Vers  3.  4,  ygl.  Ficbler  S.  120  *So  war  mein  herz  versteint,  dalf  ich  nmb  solch  nit 
wein£.  '  -     ' 


ÜBER  EIN  GEISTLICHES  SCHAUSPIEL  DES  15.  JAHRHUNDEBTS.         281 


Precursor  tercia  die  dicit 

Nun  schweigt  ir  herren  vnd  seyt  ynuerdrossen, 

zwen  tag  figürlich  seindt  beschlossen : 

mit  gocz  hilif  yerbiing  wir  den  dirten  tag  u.  s.  w. 

Maria  sagt  zu  ihrem  'ehain   Johannes,  sie  wolle  die  Marter  ansehen 
gehen :  Johannes  willigt  ein.     Die  Juglen  schicken  sich  zur  Kreuzigung. 

Sextus  miles  Pilati  dicit  ad  saluatorem  Tondulus 
Wol  auff,  Ihfl,  zw  todes  pein !  ir  Juden,  habt  ir  aber  bedacht, 

ToUbracht  werdt  der  wil  des  herren      wo  yan  das  creücz  wirt  gemacht. 


mein. 
Annas  dicit 
Ritter,  hye  leit  ein  grosser  palck, 
der  wirt  eben  dem  bosheiltigen  schalck, 
den  sei  man  legen  aüff  in, 
das  ist  warlich  der  peste  syn, 
wan  er  ist  langk  md  gro0. 


das  mul^  wir  haben  zw  der  zeit. 

holt  auch  die  zwen  schecher  sein  genoi^, 
die  in  dem  stock  siezen  gefangen, 
das  sy  auch  pey  im  hangen 
wan  es  ist  müglich  ynd  zimpt  sich  wol, 
das  gleich  bei  gleich  hangen  sol. 

Der  Soldat  Helmschrot  geht  zu  den  Schachern  Jesmas  und  Dismas, 
und  bindet  sie.  Sie  beschließen  Jesu  das  Kreuz  aufzulegen.  Inzwischen 
klagen  Maria  Cleophe,  Maria  Salome  und  Maria  Jacobi.  Jesus  tröstet  sie. 
Veronika  kommt  und  reicht  ihm  das  Tuch.  Johannes  der  von  ferne  gefolgt 
geht  nach  Bethanien  und  benachrichtigt  Maria.  'Maria  valedicit  populum 
und  geht  mit  Johannes  ad  locum  stacionis'  und  singt  (mit  Musikzeichen) : 
Owe  des  ganges  den  ich  gen  ^)  ichn  mac  gesitzen  noch  gesten, 

mit  jamer  und  mit  riuwen.  min  leit  wil  sich  yemiuwen.  ^) 

3.  Ich.  —  Auch  Johannes  klagt.     Maria  singt  wieder 

5.  owe,  mir  yolgt  ein  scharpfez  wort; 


owe  owe 
owe  jamerllche  klag, 
owe,  mir  yolgt  ein  dunreslag, 

Joannes  canit. 
owe  owe 
owe,  dö  wart  ich  des  gewar, 
daz  in  die  jüden  an  ir  schar 

Finito  Maria  dicit. 
owe,  owe  jamer  unde  onch  n6t, 
owe,  waere  er  noch  niht  tdt 

Joannes  respondet. 
15.  owe  der  jaemerlichen  pin, 
owe  der  grdzen  marter  sin, 


Johannes,  ich  hab  in  gebort.  ') 


alda  hin  fuorten  jämers  yol, 
10.  da  er  die  marter  liden  sol. 


yon  manegem  bitterem  slage: 
son  wolte  ich  nimmer  leides  klage. 

owe,  als  ich  yemnmen  han, 

si  weiten  in  an  ein  kriuze  han.  *) 


*)  Der  erste  Vers  stimmt  zn  der  Marienklage  in  den  Fandgrab.  2,  261,  20. 

0  Biese  Tier  Verse  bei  Pichler  S.  20,  und  32,  139.    Fundgraben  2,  281,  16—18. 

4  Yen  4.  5;  Tgl.  Fuidgraben  2,  262,  1.  2. 

*)  Dem  Überarbeiter  war  der  rührende  Beim  anstOf  lg. 


282  KARL  BARTSCH 

Die  Hs.  2.  klage.     3.  dunderschlag.     13.  manichem  bitterm.    14.  so. 
klagen.     18.  than.  —  Jesus  tröstet  sie :  Magock  treibt  Maria  nnd  Joseph 
weg.     Jesus  fallt:  sie  holen  einen  Bauern  vom  Walde,  ihm  aufzuhelfen. 
Dieser,  Symon,  klagt:  auch  seine  Verse  sind  wahrscheinUch  älter: 
Ach  meins  großen  herozen  leit!  wider  deines  herczen  lust 

kom  ich  erst  her  Yon  der  arbeit,  yicht  dich  ynsält  an. 

ich  bin  müd  ynd  kan  kaum  gestan  ich  pit  dich,  ihfl  lieber  man^ 

vnd  sol  mit  Ihn  zu  der  martter  gan.      gancz  vnd  gar  getrewlich 
owe  den  armen  paurn,  ynd  das  dw  nit  yerdenckest  mich, 

es  sey  regen  oder  schäum,  ich  müs  nun  yon  grossem  gewalt 

hitz  kelt  oder  frost,  helifen  dir  das  crewcz  tragen  paldt. 

Wiederum  spricht  Mari^  zu  Johannes  (mit  Musiknoten) : 
Johannes,  lieber  eham  min,  und  hilf  mir  klagen  sine  not : 

nu  ge  wir  zuo  der  marter  sin  owe  und  waere  er  noch  niht  tot.  *) 

Finito  Joannes  dicit. 
5.  Maria  muoter  und  frowe  min,  ja  fürhte  daz  du  groze  n6t 

ich  erfülle  daz  bot  din :  entpfaehest  yon  sim  pittern  t6t. 

Maria  respondet. 

Johannes,  daz  weiz  ich  wol,  owe  der  swaeren  yerte, 

10.  min  herze  daz  wirt  leides  yol,  die  ich  trage  yil  armez  wip ! 

swenn  ich  an  sihe  so  herte :  ach  herre,  wie  nimstu  mir  min  lip ! 

Natan  dicit  et  deponunt  sibi  nrucem. 
15.  ir  herren,  hie  wel  wir  raste:  daz  wir  in  fürbaz 

nu  sehe  wir  zuo  dem  gaste,  mit  dem  kriuze  entpf^hen 

wir  wellen  im  abe  nemen  den  last,  20.  und  in  dar  an  haben. 

Hs.  6  ich  erful  gern  das  gebot.  10.  das  mein  hercz  wirt.  11.  so  rechte. 
12.  diser.  15  rasten.  17.  laß.  —  Sigenot,  der  sechste  Soldat,  zieht  ihm 
die  Tunica  ab.  'Salvator  sedens  super  crucem  cantans:  *Popule  mens'  ü.s.w., 
und  hierauf  deutseh  (183 — 195).  Die  Juden  Cayphas,  Malchus,  Johelund 
Joram  erklären  sich  bereit  ihn  zu  martern.  Die  Soldaten  Hilebrant,  Dietrich, 
Sigenot,  Laurein  nageln  ihn  an,  jeder  mit  Schmähworten.  Maria  klagt 
wieder  und  geht  mit  Johannes  'ad  paruum  spacium  et  manent  stare*.  Pilatus 
lässt  durch  den  miles  Tritinklee  die  Aufschrift  über  das  Kreuz  lateinisch, 
hebräisch,  griechisch  und  deutsch  anheften.  Die  Juden  protestieren,  aber 
Pilatus  erwidert  'Quod  scripsi  scripsf .  Während  das  Kreuz  mit  Jesus  auf- 
gerichtet wird,  singt  der  Chor  'Ecce  lignum  crucis'  u.  s.w.  (195—199).  Maria 
tritt  mit  Johannes  heran  und  gibt  dem  Soldaten  Tritinklee  ihren  Schleier  am 
Jesu  Schoß  damit  zu  decken.  Auf  Helmschrots  Erinnerung  werden  auch  die 
Schacher  aufgehangen. 


^)  Dieselben  Verse  (1 — 4)  in  einem  Innsbrncker  Spiel;  Plchler,  über  du  Drana  des 
Mittelalters  in  Tyrol  (1850)  S.  19  und  32.  Auch  in  den  Fun^mben  2,  262  stnunen  die 
beiden  ersten  Verse,  Z.  19.  20.,  ebenso  Fundgr.  2,  282,  13.  14. 


\ 


\ 


ÜBEB  km  GEISTLICHES  SCHAUSPIEL  DES  15.  JAHRHUNDERTS.     ^ 


Finito  Maria  accedit  ad  crucem  dicens 
Getriwe  man  wip  unde  kint,  5.  und  helft  mir  klagen  min  grdze  n6t: 

al  die  hie  gesamnet  sint,  ich  pin  mit  lebendem  libe  tot, 

nu  lat  mich  ril  armen  ichn  weiz  selbe  wer  ich  pin  : 

inch  ime  herzen  erbarmen  sterben  waer  min  beste  sin. 

Et  iöcipit  plangere  ad  crucem  dicens  (mit  Noten) 


10.  owe  herzenlieheT  klage, 
die  ich  arme  muoter  trage 
Ton  des  tddes  pandenl  ^) 
weinen  was  mir  unbekant» 
dd  ich  muoter  wart  genant 
Finito  Cayphas  dicit 

20.  Zeter  über  dich  snoedez  wip, 
wiltu  behalten  dinen  Hp, 
sd  ge  schiere  Ton  mir, 
daz  wil  ich  waerlich  r4ten  dir. 
sin  leben  muoz  er  üf  geben, 
Maria  dicit 

30.  owS  du  snoede  jüdischeit» 
wie  grdz  jamer  unde  euch  leit 
hast  an  geleit  dem  kinde  ndn ! 


15.  und  doch  mannes  4ne.  ') 

nu  ist  ze  weinen  mir  geschehen, 
sint  ich  sinen  tdt  muoz  sehen,  ') 
den  ich  äne  swaere  gar 
muoter  unde  euch  meit  gepar.  *) 


25.  wirn  lazen  in  niht  lenger  leben, 
drumb  wiltu  mit  gemache  sin, 
so  merke  eben  die  rede  min. 
hebe  dich  schiere  hin  dan: 
mir  wellen  unsern  muot  [mit  im]  hin. 

owS  der  jaemerlichen  pin, 
die  ich  muoter  reine 
35.  von  herzen  fast  beweine. 
Die  Hs.  6.  lebentigem.   7.  ich  wei0  selbert  nit.    16.  anne.    17.  sein  tot. 
20.  dich  dw.   22.  schnei.   25.  wir.   28.  schnei.    32.  hastw.  gelegt.  34.  Das 
ich.  —  Amalech  verspottet  Jesom,  der  Engel  singt  'o  vos  omnes  qui  transi- 
tis*  etc.     Die  Soldaten  Helmschrot,  Dietrich,  Hillebrant,  Laurein  und  Sigenot 
würfeln  um  Jesu  Kleider.     Maria  klagt 


Grdze  klage  ist  mir  n6t, 
ow^  und  laege  ich  für  in  tdt! 
sun  yater  schepfer  pistu  min 
unde  ich  arme  muoter  din.  ^ 
5.  herzen  kint, 
din  wengel  sint 
dir  sd  gar  entplichen ! 


al  din  kraft 
und  din  mäht 
10.  ist  dir  sd  gar  entwichen!  ^) 
dine  wunden  tuont  mir  we, 
miner  klage  ist  dennoch  md,  ^) 
daz  du  herzen  liebez  trüt 
wider  mich  niht  wirdest  lüt.  ^) 


'}  Lies'w&ne'. 

')  YerslO— 14inTerrtQ]iime]terFoTmbeiPichlerS.20«  Yen  13— 15  Fundgraben  2,  283. 

*)  Yen  10—17  stnumt  mit  der  MarienkUge  des  13.  Jabrh.  bei  Hone  1,  31. 

*)  Yen  16—19  an  andrer  Stelle  bei  PicUer  S.  21 ;  Yers  18.  19  in  anderer  Yerbindnng 
in  der  Ütem  Marienklage,  Hone  1,  32.  —  Die  ganze  Strophe  (10—19)  stimmt  yoUstAndig 
mit  der  Harienklage  in  den  Fnndgmben  2,  263. 

*)  Diese  Tier  Yerse  aoeh  bei  Pichler  S.  130;  die  beiden  ersten  Yerse  bei  Kone  1,  33 
(Yen  73.  74).    Der  zweite  Yers  anch  in  den  Fnndgmben  2,  262,  8.  282,  6. 

•)  Yers  5—10  bei  Pichler  S.  34,  aber  in  anderer  Yerbindong;  bei  Mone  1,  32.  199. 

^  Dieselben  Yerse  (11. 12)  bei  Mone  1,  34  (Yen  79.  80),  di;  beiden  folgenden  ebenda 
(VeiB  82.  83). 

0  Die  ganze  Strophe,  aber  in  anderer  Folge  der  Yerse  (1^14)  in  den  Fundgrabefi  Z,  2i>3. 


284 


KABL  BARTSCH 


5.  herczes.  6.  weglein.  11.  deynen.  12.  mer.  14.  werdest.  —  Johannes 
tröstet  die  immer  wieder  klagende.  Jesus  singt  'domine  ignosce'.  Die  Juden 
spotten.  Zwischenrede  des  Engels,  die  wie  die  obige  (S.278)  auch  älter  ist. 
Gayphas  und  Annas  verhöhnen  Jesum;  ebenso  Abraham.  Jesus  empfiehlt 
dem  Johannes  Maria  und  dieser  den  Johannes.  ^)     Maria  canit 

Ein  swert  daz  mir  geheizen  was         Jhesu  Crist,  do  ich  diu  genas, 
von  Synieönis  munde,  daz  snidet  mich  zestundea.  ^) 

Hs.  1.  wardt  ( :  genas).  —  Martha  fordert  sie  auf  fort  zu  gehen,  et  sie 
ducunt  Mariam  ad  partem.  Die  Schacher  Dismas  und  Jesmas  sprechen  za 
Jesus.     Die  Worte  am  Kreuz  bis  'es  ist  vollbracht'.  ')     Johannes  singt 


5.  er  wart  gestdzen  hin  und  her 
Yon  den  boesen  jüden  mer  und  mer 
unde  üf  sinen  hals  geslagen: 
daz  leit  solt  ir  mit  mir  tragen. 

6  min  got,  daz  ich  solt  sterben 
unde  an  min  geliden  yerderben 
15.  fiir  dich,  unschuldic  menscheifc: 
daz  waer  mir  ein  [gröz]  süezikeit. 

weit  ir  in  niht  leben  lan? 

und  hat  genumen  mir  min  lip  *) 


0  we  mir  und  inuner  we, 
wer  sol  uns  furpaz  troesten  me  ? 
unser  trost  der  ist  di  hin  : 
ich  weiz  niht  wa  ich  nu  pin. 

Finito  dicit. 
0  lieber  herre,  lebestu  noch? 
10.  ker  din  ougen  zuo  mir  doch, 
troest  mich  und  die  muoter  din ! 
6  herre,  wie  pitter  ist  din  pin ! 

Deinde  plangit  Maria  cantando. 
Ir  frowen,  ir  klagt  den  jämer  min: 
wie  ist  erzogen  min  kindelin 
mit  besemen  und  mit  wunden  ser, 
20.  swa  ich  mich  ze  ime  ker. 
ouwe  waz  hat  er  iu  getan? 

Finito  dicit. 

Durch  got,  ir  frowen  algemein,  30.  we  den  han  ich  nü  verlorn 
beidiu  groz  unde  euch  klein,  und  henget  hie  s6  jaemerlich. 

zeinr  muoter  het  er  mich  erkomr  troest  mich  herre  yon  himeliich! 

Hs.  2.  mer.  7.  seira.  8  klagen?  10.  dein  göttlich  äugen.  11.  (Üe 
arme  m.  12.  o  lieber  h.  15.  vnschuldige.  ,  19.  besen.  24 — 26.  ich  habe 
des  Reimes  wegen  eine  Lücke  angenommen.  24.  hiess  etwa  owe  ich  vreuden 
armez  wip !  und  26,  minen  jämer  swinden.  29.  zw  einer,  auserkom.  — 
Magdalena  und  Maria  Salome  trösten  sie :  ebenso  Maria  Cleophe  und  Maria 
jacobi.  Abraham  jagt  Maria  vom  Kreuze.  Der  Erlöser  stirbt.  ^)  (200 — 216). 
■ünus  parvus  demon  mittens  volare  albam  columbam'  klagt  daß  die  Menschen 


25. 


wie  sol  ich  überwinden 
min  herzeleit     .     .     . 


*)  Vgl.  Pichler  S.  20—21  und  33.  136. 

*)  Dieselben  Verse  bei  Pichler  S.  33—34;  bei  Mone  1,  34  (Vers  85—87),  wo  aber  die 
zweite  Zeile  fehlt;  Tierzeilig  wie  hier  Mone  1,  199.    Vgl.  auch  Fundgruben  2,  264,  11— H- 

»)  PichlerS.  21— 23. 

*)  Vers  21—24  fast  wörtlich  bei  Mone  1,  199,  wo  24  lautet  Vaz  sol  ich  nft  tU  annei 
wip  ?'     Ebenso  Fundgr.  2,  263  wo  24  lautet  'ow6  waz  sol  ich  armez  wip ! 

^)  Vgl.  Pichler  S.  23. 


ÜBER  EIN  GEISTLICHES  SCHAÜSFIEL  DES  15.  JAHRHUNDEBTS. 


285 


nun  erlöst  seien.  Die  Todten  stehen  auf.  Der  zweite  und  dritte  Teafel, 
Namens  Klet,  klagen.  "Et  sie  vllniando  cnrrant  ad  infemam'.  Die  folgende 
Scene  ist  wieder  einem  altern  Stücke  entnommen ,  wenigstens  die  Rede  des 
Centurio.  'Deinde  centario  venit  ad  crucem  cum  sernis  suis  monstrando  cum 
digito  et  canit:  ^Yere  vere,  filius  dei  erat  iste."^     Finito  dicit: 


Waerlich,  der  ist  gotes  sun,  ^) 
der  alliu  zeichen  wol  mac  tuon, 
ich  mein  Jhesum  Ton  Nazaret, 
der  da  an  dem  kriuze  het; 
5.  wan  er  ist  ein  heilig  man 
und  hat  uns  guotes  yil  getan, 
wir  haben  einen  boesen  muot 
und  gäben  in  umbe  ein  kleines  guot: 
sinen  lip  hän  wir  durchslagen, 
10.  daz  sul  wir  hiute  und  immer  klagen, 
ir  firowen  unde  euch  ir  man. 


seht  hiute  sinen  jamer  an 
und  sinen  gr6zcn  smerzen, 
den  er  treit  an  sim  herzen, 

15.  sine  gröze  bitterkeit 

die  lät  iu  allen  wesen  leit, 
die  er  leit  an  alle  schult 
mit  s6  grözer  gedult. 
ich  pit  dich,  herre  Jh^su  Crist, 

20.  wan  du  alwec  gnaedig  bist, 
du  wellest  erbarmen  dich, 
wan  alle  sünde  riwent  mich. 


Servus  centurionis  dicit 

Ja  herre,  du  hast  reht  dar  an,  30.  des  muoz  ich  im  der  warheit  jehen, 
er  ist  gewesen  ein  heilig  man,  er  hat  uns  guotes  ril  get&n, 

25.  er  hat  uns  bräht  zem  lebene,  als  ich  wol  yemumen  hän. 

daz  danke  wir  im  yil  ebene.  darumb  bit  ich  dich,  herre  min, 

er  hat  unser  not  bedäht  du  wellest  mir  euch  gnaedig  sin, 

und  hat  die  siechen  gesunt  gemacht,       35.  und  ieclich  üf  disem  plan 
er  macht  die  plinden  gesehen:  sol  gelouben  an  disen  man. 

4.  hecht.  5.  heiiger.  6.  vil  gucz,  vgl.  31.  7.  ein.  8.  im.  9.  sein.  hab. 
12.  sein.  14.  tregt.  seine.  15.  sein.  18.  so  mit.  20.  albeg.  21.  Das 
dw.  22.  sündt  die  rewen.  24.  ist  holt  g.  25.  br.  von  dö  tot  zu.  26.  gar 
eben.  27.  albeg  b.  29.  auch  die.  30.  Das.  in.  33.  lieber  h.  35.  vfi  eim 
yczlicben. 

Et  sie  centurio  transit  cum  sernis  suis  ad  palacium  Pilaty,  deinde  Maria 
canit 


Diu  sunne  yerpirget  Iren  schin 
aller  weit  gemeine, 
diu  erde  erbidemet  swie  si  lit, 
üf  kliebent  sich  die  steine.  ') 
5.  owe  ist  er  mir  nu  idt, 
des  yeruiwet  sich  min  n6t 

Finito  dicit 
Ouwe  herzen  liebez  kint, 
wie  gar  yerplichen  sint 


und  n^n  jaemerliche  klage, 
die  ich  klegelichen  trage, 
owe  waz  hat  er  iu  getan, 
10.  daz  ir  in  niht  weit  leben  lau 
unde  nemet  mir  sinen  lip  ? 
wä  sol  ich  hin  yU  armez  wip  ?  ') 

15.  din  innecliche  wangen! 
wie  hat  dich  übergangen 


^)  Der  Anfang  stimmt  mit  Pichler  S.  24.     Vgl.  auch  carm.  burana  S.  107. 
*)  Pichler  S.  32  anf  klenbt  sich  erd  und  auch  die  stein.    Die  yier  Verse  stehen  dort  in 
anderm  Zusammenhange  S.  34  falsch  eingeschoben. 
^  Vers  9—12  fast  wOrtUch  schon  oben  S.  284. 


286  KARL  BARTSCH 

der  flnz  dins  bluotes  offenbar  ril  pezzer  waere  nur  d«r  Mt 

Ton  dinen  brehenden  ougen  klar.  dann  ich  Ute  ^6  gtdze  ndt 

dem  t6de  luUtn  dich  ergeben  vod  sd  bitterliche  pin, 

20.  nnd  hat  ein  ende  min  leben.  diech  sihe  an  dem  kinde  min. 

3.  die  erdt  die  pident  wy  sy  leydt  ist  verdorben.      10.  wolt.     11.  sein. 

13*  herczes.     16.  wie  gar.     18.  brindfldfl.     19.  vnd  dem  tot.     20.  nn  din? 

22.  wann  ich  leit.  —  Der  blinde  Longinns  tritt  auf  und  verlangt  von  seinem 

Knechte  Minus  den  Speer  um  Jesu  Noth  zu  enden.    Er  lässt  sich  an  das 

Kreuz  fuhren  und  singt 

Zabulon,  herre  von  Jerich6,  Zabulon,  herre  von  Jerich6, 

mach  mich  armen  plinden  fr6 !  mach  mich  armen  plinden  frö ! 

Durch  das  verspritzte  Blut  wird  er  sehend  und  bereut  seine  Sünden.    Maria 

singt 

Ouwe  wer  daz  er  mich 

hat  sin  sper  5.  unde  euch  dich 

her  ze  dir  geneiget?  86  jaemerlichen  scheidet.  ^) 

•  Johannes  tröstet :  Maria  klagt  wieder 

Herze,  prich,  ouwe  tot, 

t6t,  nu  rieh  dise  n6t 

nnd  lä  mich  dir  nu  volgen!  15.  mahtu  wol  volenden: 

10.  der  Juden  kint  wan  wilt  von  dir 

mir  nu  sint  her  ze  mir 

worden  gar  erbolgen.  ^)  dinen  poten  senden?  ') 

Finito  Maria  dicit. 

0  vater  herre  Jhesu  Crist,  dich  in  dim  herzen  erbarmen 

20.  mines  herzen  trdst  du  pist,  und  henke  mich  an  des  criuzes  ast, 

gar  süezer  unde  guoter!  der  ist  so  starc  und  s6  vast 

sich  an  din  arme  muoter,  daz  er  mich  wo!  tragen  sol. 
waz  min  sendez  herze  trib.                      30.  ich  armez  wip  pin  leides  yDI  : 

sieh  an  mich  vil  armez  wib  ach  herzen  kint,  erkenne  mich, 

25.  und  la  mich  vil  armen  ich  pin  din  muoter  sicherlich. 

Joannes  dicit 

ei  liebe  juncfrou  reine, 
ich  pit  dich,  la  daz  weinen. 

7.  Hercz  nun  sprich.  12.  verporgen.  16.  Wen  wildu.  23.  sennigs. 
25.  las.  26.  deinö.  27—28.  est: fest.  31.  herczes.  33.  Ey  dw.  34.  las 
das  weynnen  dein  ( :  rein).  —  Cayphas  droht  Johannes  zu  schlagen.  Sie 
entfernen  sich  vom  Kreuze.  Die  Juden  bitten  um  Erlaubniss  den  Schachern 
die  Beine  zu  zerschlagen.  Sigenot  und  Helmschrot  thun  es.  Joseph  und 
l^icodemus  kommen  und  klagen :  sie  gehn  zu  Pilatus  den  Leichnam  zu  er- 


^)  Bei  PicUer  S.  34;  bei  Mone  1,  33,  Yen  49—- 54.     altd.  Blätter  2,  374. 

*)'Vers  7—12,  der  Anfang  Ähnlich  wie  Fandgnib.  2,  27l,  16.    Haupts  Zeitschr.  7,  540. 

3)  Vers  13—18  bei  Picbler  S.  35;  bei  Mone  1,  31.  32.     Fandgraben  2,  263. 


ÜBER  EIN  GEISTLICHES  SCHAUSPIEL  DES  15.  JAHRHUNDERTS.  28T 


bitten  (217 — 227).  Pilatus  schickt  den  Centurio  nm  sich  zu  überzeugen  und 
gestattet  auf  dessen  Bericht  das  Begräbniss.  Die  beiden  verkünden  es  Maria, 
die  vor  Schmerz  verstummt:  für  sie  antwortet  Johannes.  *)  Der  Engel  führt 
Jesmas  Seele  ins  Paradies ,  die  Teufel  tragen  Dismas  unter  'hohaho'  in  die 
Hölle.  Die  Kreuzabnahme.  Johannes  fordert  Maria  auf  zum  iCreuze  zu 
gehen:  Pilatus  mit  Soldaten,  Annas  Cayphas  und  andre  Juden  kommen. 
Maria  verlangt  den  Leichnam  zu  sehen :  'tnnc  inponunt  corpus  ad  manus  suas 
ad  paruum  tempus'.     Maria  dicit 


Bis  mir  wükumen  lichnam  zart,  ') 
gebom  von  juncfrOuIicher  art, 
nu  ist  min  sorge  ein  teil  gewant, 
Sit  ich  dich  rüer  mit  miner  hant, 
5.  und  mac  begrifen  min  kint 
eysL  wie  tief  din  wunden  sint ! 
ouwe  der-jaemerlichen  gäbe ! 
die  ich  nü  entpfangen  habe, 
nu  denket  alle  die  muoter  sint 
10.  daz  die  heten  ein  liebez  kint 
daz  SU8  ermordert  waere, 
wie  gröz  würde  ir  swaere. 

Nicodemus  dicit 
25.  La  din  jaemerliche  n6t, 

du  weist  wol  daz  dins  kindes  t^t  *) 
bringet  den  menschen  daz  leben, 
ouch  hat  dich  im  got  gegeben, 

Maria  canit 
durch  got«  ir  frowen  al  gemeine, 
peidiu  kiusche  unde  ouch  reine, 
35.  ir  helfet  klagen  mir  min  kint, 
ja  wizzet  ir  wol  wie  liep  si  sint. 
ez  was  nuns  herzen  wünne, 
daz  friuntliche  künne. 
ze  einer  muoter  hat  ez  mich 


owe  herzlicher  leide, 
daz  ich  mich  arme  scheide 

15.  Ton  minem  lieben  kinde, 
den  ich  mit  weinen  vinde. 
weinet  unde  habet  leit 
mit  mir  in  gr6zer  jämerkeit. 
ich  gelobe  iu  müeterliche  triwe, 

20.  ame  lösten  ende  ein  wäre  riwe, 
da  mit  ir  ^wicliche 
.    erwerbet  daz  himelriche. 
ei  armez  herze,  nü  brich 
durch  min  klage  bitterlich. 

dem  soltu  frowe  ze  Mste  sin, 
30.  wan  der  sünder  gert  din: 
wan  allez  des  din  herze  gert, 
des  pistu,  reine  meit,  gewert.  *) 

mich  nu  hin  keren? 
min  Ungemach  wil  sich  meren. 
ich  han  min  liebez  kint  verlorn: 
kein  lieberz  kint  wart  nie  gepom. 
45.  wä  sol  ich  tröst  nu  vinden? 
min  hende  muoz  ich  winden! 

ouwd  min  herzen  liebez  kint!  ^) 


40.  erkorn :  ouwe  wa  sol  ich 

1.  willigkam.  4.  so  ich  dich  an  rur.  5.  mein  liebes  k.  11.  also  ermort. 
12.  wirt.  13.  herczenliches.  14.  sol  scheide.  18.  jamirigkeit.  23.  eya. 
25.  Maria  las.     30.  begert.  Sl.wen.  das.  begert.   35.  helfft  zw.   38.  kinde. 


^)  Ebenso  bei  PIchler  S.  36. 

^  Der  Anfang  dieser  Klage  stimmt  mit  Mono  2,  139. 

>}  Vgl.  Mone  2,  140  (Ten  239). 

*)  Yers  31—32  fast  wörtlich  in  einem  Spiel  ron  der  Auferstehung,  bei  Pichler  S.  57. 

')  Diese  Klage  stimmt  zum  Theil  mit  Piebler  S.  34.     Y.  38  ist  aach  dort  entstellt,  weil 

'küDoe*  nicht  mehr  deutlich  war    Die  andern  an  dieser  Stelle  fehlenden  Verse  stehen  getrennt 

S.  36.  Vgl.  140. 


288  KABL  BARTSCH 

41.  mich  fehlt  43.  hab.  46  hendt  die.  —  Joseph  will  den  Leichnam  fort- 
schaffen :  Maria  bittet  denselben  ihr  noch  za  lassen.  Nicodemus  und  Joseph 
ermahnen  das  Publicum.  Jesus  wird  begraben ,  Johannes  fordert  Maria  auf 
mit  ihm  fortzugehen  (228 — 238).  Die>Juden  beschließen  das  Insiegel  am 
Grabe  festzumachen  und  es  zu  bewachen.  Sie  bitten  Pilatus  um  eine  Wache 
und  versprechen  den  Soldaten,  die  er  schickt,  Gold,  wenn  sie  ihre  Pflicht 
thun.  *)  Die  Soldaten  vertheilen  sich  und  schlafen  ein.  Gabriel  mit  einem 
feurigen  Schwerte  singt 'Terra  tremuit  et  quißuit*  etc.  Lucifer  wehklagt  über 
die  Erlösung.  'Et  sie  clamant  ho  ho,  deinde  angelus  percuciens  ad  sepnlch- 
rum  cantans  Gabriell:  Exurge!  quare  obdormis,  domine?  exurge  et ne reppellas 
•in  finem'. 

Ste  üf  almehtiger  got, 

ervülle  dines  yatet  pot, 

wie  slafestu  s6  lange? 

daz  tuot  den  seien  ange, 
5.    die  sint  gewesen  in  der  pin. 

herre,  tuo  din  hilfe  schin 

und  erloese  ßi  mit  diner  hant 

Ton  des  grimmen  tiufels  bant, 

Saluator  canit  et  surgit 

Ego  dormiui  et  sompnum  cepi  et  exsurexi 
quam  dominus  suscepit  me:  alleluia  alleluia. 

Saluator  dicit 

Ich  hän  geslafen  sere 
10.     und  sten  üf  nach  miner  lere, 
wan  got  vater  in  ewicheit 
hat  mici  enpfan  mit  froelioheit. 

Deinde  vlterius  canit  et  surgit  totalitter 

Resurexi  et  adhuc  tecum  sum:  alleluia. 

Finito  dicit 

Hie  pin  ich  erstanden 
Yon  des  t6des  panden. 
15.    ich  wil  gen  yil  palde 
'  mit  froelichem  schalle 

*  für  der  helle  tür 
und  rüefen  den  min  her  fär: 
ich  wils  erloesen  von  der  pin, 
20.    die  al  zit  sint  gewesen  min, 
die  lange  mir  geruofet  haben 
mit  siufisen  weinen  unde  klagen : 
die  wil  ich  frien  alle 
•     ■    mit  froelichem  schalle. 

^)  Pichler  S.  44  ff.,  aach  dort  heilet  der  eine  Soldat  Helmschratt. 


ÜBER  £IN  GEISTLICHES  SCHAUSPIEL  DES  15.  JAHBHUNDERTS.         289 

2.  vnd  erfül.  2.  herr  wir.  4.  den  armen  hellen  zwang.  5.  die  so  lang 
seindt  g.  in  der  vinstern  p.  6.  thn  yn  deiner.  9.  vnd  geruet  ser.  10.  sie. 
11.  in  der.  12.  entpfangen.  14.  des  grimmigen  t.  15.  gar  p.  16.  gancz 
mit.  18.  vnd  wil  r.  19.  der  helle  p.  21.  lange  zeit.  22.  wein  vfl  auch. 
23.  erfreien.  24.  hy  mit.  —  Sie  gehen  znr  Hölle ,  während  der  Chor  singt 
'Tollite  portas.*  Die  Tenfel  fragen  wer  da  sei.  Endlich  flüchten  die  Teufel, 
der  Erlöser  erbricht  die  Pforte,  Lncifer  wird  gebnnden.  Adam  und  Eva 
beißen  ihn  willkommen.  Zwei  gerettete  Seelen ,  worunter  die  eines  armen 
Schülers,  lobsingen.  Adam  ermahnt  das  Publicum ,  nicht  an  Gottes  Gnade 
zu  verzagen :  die  Erlösten  fahren  ins  Paradies.  Die  Verdammten  klagen, 
die  Teufel  Waldach  und  Schonspigel  heißen  sie  schweigen.  Die  dritte  Seele 
klagt  und  ermahnt  die  Zuhörer.  Den  klagenden  Lucifer  tröstet  Sathanas 
damit,  daß  ihm  noch  genug  auf  Erden  blieben  (239 — 252).  Gayphas  schickt 
Abraham,  nach  dem  Grabe  zu  sehen.  Dieser  berichtet  es  sei  geöfihet.  Die 
Soldaten  erwachen  und  schreien  Zeter:  *)  Sigenot,  Hillebrant,  Tritinklee, 
Helmschrot.  Sie  wollen  zu  Pilatus  und  gehen  ad  medium  circuly,  dort  be- 
gegnet ihnen  Cayphas  und  macht  ihnen  Vorwürfe.  Auf  ihre  Antwort,  Christus 
sei  erstanden,  bietet  er  ihnen  Gold,  damit  sie  schweigen.  Pilatus  räth,  den 
Jüngern  die  Schuld  zuzuschieben.  Der  vierte  Soldat  Tondulus  billigt  das. 
Die  Soldaten  gehen  ad  palacium,  die  Juden  in  die  Synagoge.  'Saluator  pre- 
parat  se  cum  suis  omatibus  vt  ortulanus.  Post  hoc  venit  prima  Maria  Salome 

cantans 

'Onmipotens  paten  altissime', 
aDgelorum  rector  mitissime, 
quid  faciemus  nos  miserrime ! 

hew  quantus  est  noster  dolor !  ^ 


Finito  dicit 


0  yater  almehtiger  got, 
der  engel  hoehstcr  Sabaot, 
meister  aller  wlsheit, 
du  aller  mildest  gotheit, 
wie  gr6z  ist  unser  smerze, 

10.    den  wir  tragen  am  herzen,  ') 
wir  armen  frowen  alle  dri! 
ach  pitter  t6t  nu  won  uns  pi 
und  wende  alle  unser  klage ! 
dar  ane  ich  niht  verzage; 

15.    wan  wir  enwizzen  wie  wir  nü 
leben  sulen  oder  tu, 
sint  wir  verlorn  han  unsem  trdst, 
der  uns  von  sorgen  hat  erlöst. 


^)  Der  Anfang  stinmit  mit  Pichler  S.  147.    Fm^dgr.  2,  803,  11.  12. 
')  Vers  1—4  bei  Pichler  S.  38. 
.  ')  Yen  9.  10  timlich  bei  Pichler  S.  149. 

eaBMAHlAIU.  19 


1 


KARL  BABTSCH 

Secunda  Maria  Jacobi  canit 

Amissimus  enim  solacium , 
20.    Jesum  Cristum,  Marie  filiom: 
ipse  erat  nostra  redempcio .— ^ 

hew  quantas  est  noster  dolor !  ^) 
Finito  dicit 

Owe  jämer  unde  ouch  leit, 
daz  du  manegem  pist  bereit ,     ' 
25.    daz  mac  man  wol  schouwen 
an  uns  drin  armen  frouwen:  ^) 
wem  welle  wir  daz  kunt  tun, 
daz  wir  yerlom  han  Marje  sun? 
Tercia  Maria  Magdalena  cantans 

Sed  eamus  yngentum  emere, 
30.    cum  quo  bene  possumus  yngere 
corpus  domini  sacratum.  ') 
Finito  dicit 

Ouwe  uns  yil  armen  wiben, 
wa  sul  wir  Tor  j&mer  bliben? 
wir  haben  verlorn  unsern  tröst, 
35.    der  uns  yon  sünden  hat  erlöst. 
Prima  Maria  canit  Salome 

Hew  nobis  intemas  mentes 
quanti  pulsant  gemitus , 
pro  nostro  consolatore, 
quo  priuamur  hodie, 
40.    quem  crudelis  Judeorum 
morti  dedit  populus.  *) 
Finito  dicit 

Owe!  ge  wir  unbehuot  gar 
in  Israhel  der  yalschen  schar, 
die  pi  Jesu  sint  gewesen 
45.    und  in  niht  weiten  lan  genesen, 
owe  uns  frowen  armen, 
wer  sol  sich  über  uns  erbarmen, 
sint  wir  den  haben  verlorn, 
der  uns  ze  tröste  wart  gepom. 
50    er  liez  uns  in  keiner  not: 
uns  ist  leit  sin  pitter  t6t. 
wir  wellen  nimmer  froelich  sin , 
em  tue  uns  sine  hilfe  schin. 

.*)  Vers  19—22  bei  Pichler  S.  38. 

*)  Vers  26,  26;  vgl.  Fundgruben  2,  322,  7.  8.  14.  15. 

')  Yers  29—31  bei  Picbler  S.  38 :  darnach  sind  die  beiden  ersten  Zeilen  zu  lesen 

'Sed  eamus  nunc  Jesum  quaerere, 

Festinemns  ungnentom  emere'. 
*)  Vers  36—40  bei  Mone  1,  16.  24.  36.    Auch  Fundgr.  2,  272. 


ÜBEB  EIN  GEISTLICHES  SCHAUSPIEL  DES  15.  JAHRHUNDERTS.         291 

Seconda  Maria  Jacobj  cantat 

Jam  percusso  cew  pastore 
55.  oues  errant  myseri: 

sie  magistro  decedente 
turbantur  discipulL 
sie  nobis  absente  eo 
.  dolor  crescit  maximus.  ^) 
Finito  dicit 

60.    OwS  wie  jaemerllcb  daz  stat, 
swk  daz  rihe  kn  hirten  gkt,  ') 
daz  mac  man  wol  schouwen 
an  uns  drin  armen  frouwen :  ') 
den  wir  ze  trdste  beten  gekorn, 
65.    den  babe  wir  jaemerlicb  yerlorn. 

Tercia  Maria  Magdalena  cantat 

Sed  eamns  et  ad  eins 

properemus  tumulum. 
si  dileximns  yiuentem, 
diligamus  mortuum, 
70.    et  yngamus  corpus  eins 
oleo  sanctissimo.  *) 


Finito  dicit 


Ir  swester,  gS  wir  alle 
und  koufen  tiure  salben  *) 
und  salben  unsem  beilant, 

75.    Ton  dem  uns  fröude  was  bekant. 
ob  er  nocb  lidet  smerzen, 
daz  betrüebet  unser  berzen. 
des  wel  wir  nibt  betragen 
und  näcb  der  salben  fragen. 

80.    künde  uns^man  wisen  dar, 
daz  wir  der  würden  gewar, 
dem  wolt  wir  geben  silbr  unt  golt, 
nnde  im  immer  wesen  bolt, 
daz  wir  salben  sin  wunden, 

85.    die  noch  sint  unrerpunden. 

wan,  ich  bUn  ein  altsprocben  wort 
Ten  minen  eitern  dicke  gehdrt, 
daz  si  diu  triuwe  meiste, 
die  man  nach  t6de  leiste. 


')  Yers  54^59  bei  Mona  1,  15.  24. 

^  YwB  60,  61  auch  Fandgraben  2.  322,  26.  27: 

')  Vers  60—63,  ebenso  Fnndgraben  2,  273.  23—26. 

*)  Vers  66—71,  bei  Hone  1,  16.  37. 

*)  Ym  72.  73 ;  TgL  Fundgruben  2,  273,  29. 30. 

19  ^ 


292  KARL  BARTSCH 

90.    was  uns  liep'der  lip  sin, 

sd  tao  wirz  nach  sim  töde  schin.  *} 

wir  wellen  gen  ror  dem  tage 

hine  zuo  sinem  grabe  ^) 

und  heilen  im  die  wunden  sin, 
95.  obe  er  dar  an  lidet  pin. 
Et  sie  accedunt  versus  sepulchrum.  Maria  Magdalena  canit  Tel 
Chorus  'Maria  Magdalena  et  alia  Maria'  etc.  —  3.  facimus.  6.  högster. 
9.  schmerczen.  10.  an  vnserm  h.  15.  nit  wissen,  nun  :  thun.  17.  haben. 
25.  an  schauwen.  28.  haben.  37.  pulsat.  40.  quam.  45.  lassen.  51.  gancz 
leidt.  52.  wir  wein.  53.  Den  er  thw  vns  seiner.  61,  an  einen  h.  63.  drey. 
69.  diligimus.  72.  Liebe  s.  allenthalben.  73,  zw  k.  edle  vnd  trewre.  74.  da 
mit  wir  s.  75.  all  frewt.  76.  leidet  an  sein  wunden  s.  77.  das  sol  vns 
betrüben.  78.  darumb  wel  wir  nit  lenger  betagen.  79.  vnd  wellen  nach  der 
edlen  s.  80.  geweysen.  81.  der  zw  käuffen  w.  83,  alczeit.  84.  möchtin 
salben.  86.  altt  gesprochen.  87.  oft.  88.  das  das  sey  die  trew  aller  meist 
89.  nach  dem.  90.  ist  vns  lieb  gewesen.  91.  wirs  auch  nach  seins  todes. 
Die  nun  folgende  Scene  zwischen  dem  Medicus ,  seinem  Diener  Babeio 
und  den  Frauen  hat  einen  ernsteren  Charakter  als  gewöhnlich  in  den  Oster- 
.spielen.  Es  fehlen  die  derben  Witze  und  unflätigen  Scherze  die  in  dieser 
Scene  beliebt  sind.  Überhaupt  zeigt  der  Verfasser  des  Schauspiels  wenig 
Talent  zum  Witz.  Die  kölnischen  Scenen  sind  bei  ihm  selten  und  die  Witze 
mager  (253 — 261).  Die  Frauen  kommen  zum  Grabe:  die  Engel  fragen  wen 
sie  suchen  und  tragen  ihnen  auf  den  Jüngern  die  Auferstehung  zu  verkündea ') 
Magdalena  bleibt:  die  andern  gehen  singend  'Jesu  nostra  redempcio'.  *)  Mag- 
dalena singt 

Cum  venissem  yngere  mortuum, 

monumentum  inveni  yacuum, 

hew  nescio  recte  discemere 

Tbl  possum  magistrum  q^rere.  ^ 
5.    Ich  kam  ze  salben 

Jesum  den  tdten  man:  ^) 

däz  grap  daz  was  laere. 

ein  engel  seit  mir  maere: 

'du  solt  Wesen  frd, 
10.    sag  sinen  jungern  und  Petr6 , 

daz  er  si  erstanden 
von  des  tddes  panden .  '') 

0  Vers  86— 91  in  den  Fundgruben  2. 273,  31—27(4,  3.  —  ebenso  Fundgr,2,828,3— 9. 

*)  Vers  92,  93  auch  in  den  Fundgruben  2,  273,  27.  28. 

*)  Viel  wörtliche  Übereinstimmung  mit  Fundgruben  2,  274. 

«)  Vgl.  Mono  2,  349. 

•)  Mone  1,  16.  25. 

•)  Vgl  Fundgruben  2,  326,  1—6. 

*)  Vgl.  Pichler  S.  151.   Fundgruben  2,  275.  324. 


ÜBER  EIN  GEISTLICHES  SCHAUSPIEL  DES  15.  JAHRHUNDERTS.  293 

£n  lapis  yere  est  depositus, 
qui  fiierat  in  Signum  positns  : 
15.    munierat  locnm  militibus, 
locus  racat  eis  absentibus.  ^) 
5.  der  Reim  fehlt,  vielleicht  'dö  ich  ze  salbenne  quam'.     7.  grab  was. 
8.  sagt.     15.  mnnerat  —  Christas,  als  Gärtner,  sagt  zo  Magdalena,  es 
schicke  sich  nicht  fiir  Fraaen  so  früh  herumzulaufen ,  sie  zertrete  ihm  das 
Gras,  er  werde  sie  schlagen.  ^) 
Maria  singt 

Dolor  crescit,  tremunt  preoordia 
de  magistri  (cari)  absenoia, 
qui  saluauit  me  plenam  yicijs, 
pulsis  a  me  septem  demongs.  *) 
Endlich  erkennt  sie  ihn.     Saluator  singt 
Prima  qnidem  suffiragia 
sola  tulit  oamalia, 
exhibendo  conriTia 
super  naturam  duuiam.  ^ 


und 


dann 


Heo  priori  dissimilis 
iam  est  incorruptibilis , 
que  tunc  fuit  passibilis, 
jam  non  erit  solubilis.  ^ 


Ergo  noli  me  tangere, 

nee  yltra  Teils  plangere, 

quem  mox  in  puro  sidere 

cemes  (Es.  cemens)  ad  patrem  scandere.  ^) 
Christas  trägt  ihr  auf  es  den  Jüngern  mitzotheilen,  'et  sie  Saluator 
recedit  a  Maria  Magdalena  in  locum  suum ,  donec  Maria  canit  obuiantibus 
duobns  apostolis  scilicet  Petro  et  Joanne'.     Sie  singt  den  ersten  Vers  des 
'Victime  paschalis'  ^),  dann  'Agnus  redemit  oves',  zu  deutsch 

*)  Honel,  16.26. 

*)  Einzelne  Yene  stimmen  wörtlich  mit  Pichler  S.  152 ,  namentlich  mit  Fundgruben  2, 
276, 6—8,  iro  in  unserer  Hs.  steht 

es  ist  nit  frummer  franen  recht 
das  sy  laoffen  als  die  kneeht 
als  frw  in  disem  g;arten 
recht  ob  sy  des  krawcz  wolten  warten. 
Ebenso  Fundgruben  2,  326. 
*)  Bei  Mone  1,  16.  25. 

*)  Diese  Tier  Verse  bei  Pichler  S.  39,  im  vierten  Verse  'super  natura  nimiii? ;  bei  Hone 
M7  y.  3  communia»    4  super  natnr»  omnia. 
*)  Bei  Pichler  S.  40.    Mone  1,  18. 
*)  Bei  Pichler  S.  40.    Mone  1,  18. 
')  Vgl.  Pichler  S.40. 


294  '    KARL  BABTSCH 

Christas  daz  dsterlembelin 
hat  uns  erlöst  von  aller  pin 
und  h^t  versuont  den  alten  zorn, 
dar  umb  wir  alle  waern  verlorn. 
5.    nu  fröut  iuch  alle  mit  mir 
in  rehter  götHcher  gir. 
1.  osterleblein.   6.  lieb  vn  begir.  —  Petrus  und  Johannes  laufen  um  die 
Wette  nach  dem  Grabe  um  ein  Paar  neue  Schuhe  und  ein  Schwert.    Petrus 
fallt  und  beklagt  sich:  um  sich  zu  entschädigen  trinkt  er  Johanties  den  Wein 
aus  (261 -—273).  *)     Auf  den  Rath  des  Engels  gehen  sie  nach  Galilea,  wo 
Christus  bei  gescblossnen'Tiiüren  erscheint.     Thomas,  der  nicht  zugegen 
gewesen  9  erfährt  von  Magdalena  was  geschehen  und  ist  ungläubig.    Den 
Ungläubigen  überzeugt  Jesus  und  sclilicrßt  mit  /Selig  sind  die  glauben  uüd 
nicht  sehen'.  *         ♦  .      •  ;  .  *  •      .. 

Conclusor  concludit  totalitter. 

Nun  hört  ir  herrn  all  geleich, 
beyde  junck  alt  arm  ynd"  reich, 
all  die  in  andacht  sindt  kummen  her, 
die  loben  got  mit  ganczer  beger, 
ynd  danckt  im  des  bittem  leiden  sein , 
auch  der  grossen  marter  vnd  pein, 
die  er  für  tus  gelitten  hat 
*  ymb  aller  menschen  missetat. 
wo  sindt  nun  die  Juden  mit  irer  list, 
da  von  das  grab  versygelt-ist? 
wo  sindt  nun  irre  gewappnet  man, 
die  des  grabs  gehüetet  han? 
die  sindt  all  überwunden  gewaltigkliohen 
Tnd  mit  schantten  Yon  de  grab  gewichen 
wir  sollen  vns  nun  firawen  alle 
so  gar  mit  fVeiden  reichem  schalle, . 
das  Jhesus  ist  erstanden 
.  von  des  pittem  todes  panden. 
nun  mag  wol  f¥awen  ynd  auch  man 
firölich  Yon  dem  marck  heim  gan 
vnd  mügen  essen  mosanczen  vnd  fladen 
ynd  sich  erhellen  ires  schaden, 
ich  yerman  euch  das  ir  euch  solt  erbarmen 
vber  die  schuler  yil  armen, 
teylt  in  ewr  fladen  auch  mit 
vnd  gebt  in  yon  den  mosanczen*  grosse  schnitt» 
wan  sj  weiten  auch  gern  fladen  packen , 
, '  so  hat  in  der  hundt  gefressen  den  quarg  mit  dem  sacke. 

*)  Vgl.  die  ganz  ähnliche  Scene  bei  Pichler  S.  165  ff.   Fundgruben  2,  334.    Hier  wetten 
sie  um  ein  Pferd. 


CBEB  ein  geistliches  SCHAUSPIEL  DES  15.  JAHRHUNDERTS.         295 

gebt  in  auch  tod  den  sohultern  pein 
grosse  stuck  vnd  nicht  zw  klein, 
so  wellend  sy  frolich  syngen  durch  alle  lande 
'Crist  ist  derstanden.  *) 
Et  sie  (fit?)  tota  processio  tocius  ladi.     (274—280). 

Ich  habe  hauptsächlich  diejenigen  Stellen  mitgetheilt,  in  detien  der  Be- 
arbeiter dieses  Schauspiels  ältere  Stücke  und  Lieder  benutzt  hat.  Am  we- 
nigsten lässt  sich  eine  solche  Entlehnung  bei  dem  ersten  Theile,  dem  ersten 
Tage,  zeigen:  hier  scheint  der  Bearbeiter  am  selbständigsten  verfahren 
zu  sein.  Am  stärksten  stelltp  sich  Benutzung  und  Reminiscenz  im  dritten 
Tlieile  dar.  X)ie  beim  Texte  gegebenen  Verweisungen  zeigen  dieft. 
Aber  nicht  immer  lässt  sich  was  älter  scheint  durch  vorhandene  Zeugnisse 
belegen:  unschwer  jedoch  sind  solche  Abschnitte  von  der  übrigen  Sprache 
nod  vom  Reimgebrauche  des  Stückes  zu  unterscheiden.  Einige  treu  beibe- 
haltene Abschnitte ,  namentlich  aus  dem  ersten  Theile,  werden  die  Sprache 
and  Reimweise  des  Bearbeiters  genügend  zeigen :  es  ist  die  rohe  verwilderte 
Art  des  fünfzehnten  Jahrhunderts ,  gegen  welche  die  dazwischen  gestreuten 
älteren  Stellen  merkwürdig  abstechen.  Eine  vollständige  Darstellung  des 
Sprachlichen  zu  geben  würde  hier  zu  weit  führen.  Der  Fundort  der  Hand- 
schrift ist  Eger:  häufige  Spuren  in  der  Sprache  weisen  auch  auf  diese  Gegend 
oder  das  benachbarte  Thüringen  als  die  Heimath  des  Bearbeiters  hin.  Seine 
Zeit  dürfen  wir  nicht  früher  als  das  Alter  der -Handschrift  setzen,  die  dem 
Ende  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  angehört  Die  älteren  Bestandtheäe  des 
Schauspieles  stammen  ans  verschiedenen  Zeiten.  Am  ältesten  ist  die  Ma- 
rienklage, die  in  den  dritten  Theil  aufgenommen  ist.  Die  Klage  Lucifers 
'owe  owe  ach  nnd  owe'  (S.  268)  stammt  aus  dem  vierzehnten  Jahrhundert 
und  ist  in  Oberdeutschland  verfasst.  Von  dem  Liede  der  anbetenden  Hirten 
'ein  kindelin  sölobelich'  (S.272)  ist  nur  der  Anfang  erhalten:  es  gehört  aber 
wohl  wie  die  meisten  deutschen  Gesänge  dieses  Schauspiels  noch  ins  13.  Jahr- 
hundert. In  der  Scene  mit  Msu*ia  Magdalena  (S.  274)  ist  das  alte  Lied, 
welches  Magdalena  singt  und  das  dem  13.  Jahrhundert  angehört  (Fund- 
gruben 2,  247)  nicht  aufgenommen,  so  wie  auch  die  Scene  mit  dem  mercator 
fehlt.  Lezteres  wäre  aus  der  Abneigung  des  Bearbeiters  gegen  komische 
Folksthümliche  Scenen  zu  erklären,  aus  derselben  Abneigung,  die  ihn  die  sonst 
breit  ausgeführte  Krämerscene  (S.  292)  verkürzen  liefi.  In  der  von  mir  mit- 
getheilten  Fassung  rührt  die  Scene  vom  Bearbeiter  her,  der  vielleicht  die 
ältere  Fassung  gar  nicht  kannte,  wenn  nicht  absichtlich  unterdrückte.  Die 
Klage  des  Judas  (S.  278)  1 — 20  gehört  dem  vierzehnten  Jahrhundert  an: 
ebenso  die  Zwischenrede  des  Engels  (S.  278)  1 — 16,  die  Scene  zwischen  der 
Pilatissa  und  ihrer  Dienerin   (S.  279)    1—24   und   die  Schlußrede   des 


*)  Siehe  Fimdgioben  2,  < 


296     KABL  BARTSCH,  OBEB  EIN  GEISTLICHES  SCHAUSPIEL  DES  15.  JAHBH. 

zweiten  Tages  (S.  280)  1 — ^34:  alle  diese  Abschnitte  stammen  ans  einer 
in  Oberdeutschland  verfassten  Quelle.  Im  dritten  Theile  gehört  der  größere 
Theil  der  älteren  Abschnitte  zu  der  vielfach  zerrissenen  und  mit  jungem  Be- 
standtheilen  durchwobenen  Marienklage  des  dreizehnten  Jahrhunderts.  Zu 
dieser  gehört  (S.281)  'owe  des  ganges  den  ich  ge'  vier  Zeilen;  der  verkürzte 
Infinitiv  'geste  ( :  ich  ge)'  weist  nicht  auf  Thüringen,  sondern  der  Reim  ist  zu 
bessern  in  *ich  gen :  gesterf,  wie  Fundgruben  2,  281  steht.  Die  folgenden 
Verse  der  Marienklage  (S.  281)  1 — 18  sind  ebenfalls  noch  aus  dem  dreizehn- 
ten Jahrhundert,  aber  sie  gehören  nicht  zu  den  vier  eben  besprochenen,  son- 
dern weisen  auf  ein  thüringisches  Schauspiel.  *  Vers  2.  3  ist  zu  bessern  in 
'jämerlicher  tac ;  dunreslac*.  Die  Reime  'wort :  gehört'  4.  5,  'slage :  klage' 
(Infin.)  13.  14,  'hän :  hän'  (=  haben)  17.  18  weisen  auf  Mitteldeutschland. 
Auch  Symons  Klage  (S.  282)  'ach  meins  grossen  herzen  leidt'  gehört  zu  die- 
sem thüringischen  Schauspiel:  der  Reim  'frost  :  lost  (=  lust)'  ist  mittel- 
deutsch. Zu  der  oberdeutschen  Marienklage  zu  der  die  vier  Verse  auf 
^S.  281  zu  zählen  sind,  gehören  auch  die  Verse  1 — 14  (S.  282),  die  sich 
daran  schließenden  15—20  scheinen  nicht  älter  als  das  vierzehnte  Jahr- 
hundert. Die  Verse  1 — 19  (S.  283)  'getriwe  man'  bis  'meit  gepar*  ge- 
hören wiederum  zur  altern  Marienklage:  die  dann  folgenden  20 — 29  (S.283) 
*zeter  über  dich'  bis  'muot  hän'  gehören  zu  jenen  auf  S.  282  (15—20):  doch 
hat  sie  der  Bearbeiter  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  vielleicht  schon  in  seiner 
Vorlage  vereinigt  gefunden.  Zur  oberdeutschen  Marienklage  gehört  wieder 
(S.283)  Vers30— 35  und  Vers  1—14  'groze  klage'  bis  Virdest  lut'  (S.283) 
so  wie  die  vier  Zeilen  (S.  283)  'Ein  swert  daz  mir  geheizen  was';  femer 
(S.  284)  Vers  1—32  We  mir^  bis  'himelrich'.  Die  Reime 'kraft :  mäht' 
(S.  284)  sprechen  nicht  gegen  die  oberdeutsche  Fassung  und  Heimath.  Die 
Rede  desCenturio  ist,  wie  weniger  der  Reim 'sun  :  tuon'  1.  2  als*Nazaret:het 
(==  habet,  haehet)'  3.  4.  zeigt,  in  Mitteldeutschland  geschrieben;  aber  noch 
im  dreizehnten  Jahrhundert.  Wahrscheinlich  gehörte  sie  zu  demselben  thü- 
ringischen Schauspiel,  aus  dem  oben  schon  ein  Stück  benutzt  ward.  Dazn 
würde  auch  der  Reim  'gemäht :  bedäht'  stimmen  27.  28,  aber  ich  zweifle,  ob 
die  Rede  des  Servus  ursprünglich  dazu  gehörte.  Die  Verse  1 — 24  (S.286) 
gehören  wieder  zur  oberdeutschen  Marienklage;  aber  der  Bearbeiter  hatte 
zwei  Schauspiele  vor  sich,  die  beide  die  Marienklage  enthielten,  daher  die 
Wiederholung  von  Vers  9—12.  Die  Scene  mit  Longinus  ist  ungefähr  gleich- 
altrig mit  Lucifers  Klage  im  ersten  Theile,  aber  das  eingestreute  Lieder- 
fragment (S.  286)  'Zabulon'  gewiss  älter.  Es  ist  ebenso  alt  wie  die  Marien- 
klage, zu  der  wieder  Vers  1—34  (S.  286)  gehören.  Dagegen  scheint 
die  Marienklage  (S.  287)  Vers  1 — 24  nicht  ein  Theil  dieser  altern  zu  sein, 
sondern  eine  im  vierzehnten  Jahrhundert  gemachte  Überarbeitung,  wie  auch 
die  Scene  mit  Longinus ,  aus  der  nur  das  Liederbruchstück  alt  ist  Vers 
25 — 47  gehören  wieder  zu  der  oberdeutschen  Marienklage  des  dreizehnten 


J 


FRANZ  STARK,  OBER  GEBMANISCHE  PERSONENNAMEN.      297 

Jahrhunderts.  Aach  die  Aaferstehnngscene  ist  vielleicht  noch  ans  dieser 
Zeit,  spätestens  ans  dem  vierzehnten  Jahrhundert.  Ganz  gewiss  alt  ist  die 
Scene  am  Grabe  und  im  Garten  (S.  289 — 292)  Vers  1—95,  und  zwar  weisen 
die  Reime  'nnrttf  (infin.)  15,  16,  Hnnrsun'  27—28,  Vort:  gehört'  86.  87 
auf  Mitteldeutschland  und  speciell  auf  Thüringen.  Dieser  Abschnitt  stammt 
also  wahrscheinlich  ans  derselben  Quelle,  ans  der  ein  Theil  der  Marienklage 
(S.  281.  182)  und  die  Scene  des  Centurio  genommen  ist.  Auch  S.  292, 
Vers  1 — 16  gehört  zu  dieser  Scene. 
ROSTOCK. 


ÜBEK  GERMANISCHE  PERSONENNAMEN. 


6. 

In  der  Yöluspä  13  findet  sich  unter  den  vielen  Zwergennamen  auch 
Frmgr^  und  es  unterliegt  keinem  Bedenken  ihn  durch  altn.  frcegr  clams, 
celeber,  nomine  notus,  das  ^xAfrega  fragen  zurückzuführen  ist ,  zu  erklären. 
Die  gleiche  Bedeutung  (clarus,  notus)  bietet  ags.  gefrcege,  frdgerdic,  alts. 
gifrägi. 

Hieher,  und  nicht  mit  Förstemann  S.  410  zu  altn. /rafcfcz  Held  und  yrccfew 
muthig,  tapfer,  stelle  ich  auch  die  ahd.  Personennamen 

Fragibert  Goldast,  rer.  Alem.  scr.  IL  114,  a. 

Fragenger  a.  840  Gudenus.  *) 

Dragantis,  zu  schließen  aus  Fragani  villa  a.  1080  Oart.  mon.  S.  Petri 
Camot.  I,  S.  196  c.  69. 

Zwar  begegnet  ahd.  fräga^  fräha  nur  in  der  Bedeutung  quaestio,  inqui- 
sitio,  doch  lässt  sich  füglich  annehmen,  daß  es,  wie  altn.  fregn  f.,  auch  rumor, 
fama  bedeutete  nnd  in  diesem  Sinne  in  Namen  verwendet  wnrde. 

Auch  Fraigherua  a.  791  Cod.  Lauresh.  (Ed.  Teg.)  U,  432  mag  hier 
genannt  werden,  und  fraig-^  wie  Aa/r-  statt  hari-  im  Polypt  Irm., 
gleich /ra^-  aufzufassen  sein  (Grimm,  Gesch.  der  d.  Spr.  639).  Die  Fort- 
dauer des  goth.  ai  von  fraihrum  anzunehmen  scheint  mir  uqgerechtfertigt. 
An  wenigsten  lässt  sich  an  einen  Stamm  fraig^  wie  F.  will,  denken,  und  wird 
das  S.  41 1  dahin  gestellte  Freigin  sec.  9  Vrbrdrgsb.  v.  St.  Peter  36,  4  auf 
die  Stämme  frei  (Jri)  und  gin  zurückzuführen  sein.  Den  letzten  Stamm 
zeigen  im  Auslaute  auch  Bxldeginas  und  Waltgina  Polypt.  Irm.  75, 40. 85, 31; 
anlautend  erscheint  er  in  Namen  öfter. 


0  Idi  konnte  den  Namen  im  cod.  diplom.  nicht  finden  und  eitlere  nach  Förstemann. 


298  FRANZ  STAEK 

Ferner  schließen  sich  hier  an 

Frahamot  (maneip.)  a.  792  Schann.  Cod.  tr.  Fuld.  nr.  100.    JVo- 
hamuot  819  Schann.  nr.  313  (Dronke  nr.  388  Frahcmof) 
Firahmu  f.  a.  842  Dronke  nr.  547  (Cod.  tr.  Fald), 
und,  wenn  richtig  gelesen, 

Frahpaid  a.  786  Dronke  nr.  86,  denn  Schannat  nr.  78  liest  iVrofe- 
bald. 
Zwar  fasst  J.  Grimm  (Zeitschr.  f.  vergl.  Sprachf.  1, 431)  JVaAnm  gleich 
Ferahniu  auf,  und  stellt  Förstemann  S.  404  hierauf  gestützt  die  genannten 
Namen  zu  dem  Stamme  ferah;  allein  die  zu  Grunde  liegende  Annahme  daS 
das  unorganisch  eingeschobene  a  auf  Kosten  des  organischen  Stammvokals 
^bei  einer  Verkürzung  des  Wortes  f^ah  sich  erhalten  sollte,  scheint  mir  be- 
denklich, besonders  für  eine  Zeit,  in  der  dieses  Wort  sein  volles  Verständ- 
niss  noch  bewahrt  hatte,  für  das  achte  und  neunte  Jahrhundert,  wohin  jene 
Namen  gehören.  Diese  erklären  sich  viel  ungezwungener  durch  ahd.  fräha, 
fraga  Graff  3,  815)  in  der  oben  angenommenen  Bedeutung. 

Der  Name  des  Sarmatischen  ünterkönigs  Fragiledua  a.  358  Amm. 
Marc.ell.  1.  17  c.  12,  11  mag  Erwähnung  finden,  weil  zufolge  der  germa- 
nischen Namen  Ansleth  a.  855  Lacombl.  nr.  65,  Berthlede  (abl.)  f.  sec.  9. 
Wgd.  tr.  Corb.  S.  24,  93,  Hildilet  sec.  9  Falke  S.  38,  18  u.  a.,  auch  ein 
germanischer  Name  Fragilet  möglich  ist. 


Für  einen  Stamm /ra<i  in  Personennamen,  obwohl  bisher  nirgends  nach- 
gewiesen, sprechen  unzweifelhaft 

Argefrado  (judex)  a.  873.  Mab.  de  re  dipl.  S.  396,  3. 

FradoMs  f.  Polypt.  Irm.  266,  152. 
Ob  der  Beiname  Fradello  iAudvlfo  quem  F.  vocitaiur)  a.  796  Lupi  cod. 
dipl.  Berg.  I,  606  und  Fratellus  (ep.  Camerin.)  a.  844  Bouquet  VII,  324.  d 
hier  geltend  gemacht  werden  können,  ist  zweifelhaft,  doch  dürfte  Fradinus, 
auch  Fratirms,  der  Name  eines  gelehrten  Dominikaners  aus  Florenz  im  sech- 
zehnten Jahrhundert  (Echard  bibl.  Dominic.  I,  2,  203)  kaum  zurückzu- 
weisen sein. 

Zur  Erklärung  der  gegebenen  Namen  kann  ahd.  vradi  efficatio,  strenai- 
tas,  ahd.  vrader,  mhd.  vrat  strenuus,  efficax  (Gramm  2  nr.  85  u.  Anm.  — 
Grafif  3,  819  fg.  —  Diefb.  1,  394)  herbeigezogen  werden.  Minder  geeignet 
erscheint  mir  ahd.  /rat,  mhd.  vrat  saucius. 

Auch  in  Fradmarr  —  Sohn  des  Königs  Dagr  und  der  Heldenmutter 
P&ra  (Hyndluljod  18),  wird  der  Anlaut  kaum  anders  gedeutet  werden  können 
als  in  Fradohis,  doch  kann  ich  altn. /radr  nicht  nachweisen. 

Frado  a.  744  Dronke  cod.  dipl.  Fuld.  nr.  46  ist  nicht  zu  berücksichtigen, 
da  dieser  Name  sicher  verschrieben  ist  furiZarfo  (=  Radolf).  Vgl.  Dronkenr.  51. 


Ober  gebmakische  pebsonennahen.        299 

'     8. 
Die  germanischen  Pei'sonennamen 

Frigohert  a.  670  Pardessus  nr.  361. 

Frigeder  a.  853  Honth.  bist.  Trevir.  nr.  87. 

Frigeridua  (Rom.  Feldherr  g.  die  Gothen)  sec.  4.    Amm.  Marceil. 

31,  7,  3. 
Frigueho  *)  a.  866  Dronke  Cod.  tr.  Fuld.  589  (Schann.  499  Frigeho) 
werden  bei  Förstemann  S.  420  einem  Stamme /n^  zugewiesen,  zugleich  aber 
Namen  beigesellt,  die  mit  abd./rcrÄ  avarus,  avidüs;  abrogans,  mhd.vreÄaud- 
ax  komponiert  sind.  Da  dieses  Adjectiv  bekanntlich  auf  goth.  ffiks  (faihu^ 
friha  nXeovBxnjg  geldgierig)  zurückweist,  so  ist  die  Annahme  eines  Stammes 
fing  für  Namen  wie  Frifhholf  a.  817  Kausler  nr.  79  u.  a.  eben  so  unstatthaft 
wie  die  Vermengung  der  mit  freh  und  frig  gebildeten  Namen.  Die  Ver- 
wandtschaft dieser  Stämme  rechtfertigt  keineswegs  ein  Verfahren , '  das  die 
Lautgesetze  völlig  unbeachtet  lässt,  die  mit /W^  gebildeten  Namen  sind  viel- 
mehr zu  sondern  und  dem  Etymon  ahd./r?,  goth,  freie  (Jrija,  frijata)  frei, 
frijei  Freiheit  .zuzuweisen.  Das  in  obigen  Namen  hervortretende  g  des  ersten 
Stammes  treffen  wir  nicht  nur  in  ag.  frig  (Jrio,  freo,  freah,  freoh),  auch  im 
Althochdeutschen  wird  es  nachgewiesen  von  Graff  3,  787:  frige  hirut  ir 
T.  93,  friger  n.  s.  ro.  K.  2  und  frige  T.  131.  H.  10.,  und  neben  Fritac  wird 
(Myth.  278  fg.)  auch  Frigetac  verzeichnet. 

Zur  Erweiterung  obiger  Namenreihe  füge  ich  noch  bei 

Friga  (Ahnherr  der  Franken)  Greg.  Tur.  Hist.  Fr.  epit.  per  Frede- 
gar, (edit  Ruinars)  pg.  548,  c. 
Frigue  (idem)  Monum.  Germ.  X,  326,  26  (Hist.  Fr.  epit.  c.  2). 
Frigeus  (beneßcium  Frigei)  Polypt.  Irm.  84,  48.  93, 121.  94, 130. 
FVigidvs ')  {Bauduinua  Frigidus)  a.  1141  Miraeus,  Opera  dipl.  et 

hist.  I.  pg.  691,  a.  c.  82. 
Frigbod,  zu  schließen  aus  Frigbodesdorph  a.  774  Cod.  Lauresh. 

pg.  26,  11. 
Frigigat  *)  sec.  11.   Falke  Cod.  trad.  Corb.  Sarachonis  registr.  etc. 
S.  16,  134. 


0  Ob  Bartvehus  Polypt.  Rem.  75,  57,  Bartveus  das.  36,  34.  44,  13  und  viele  andere 
Namen  mit  gleichem  Aaslaate  hier  wohl  yerglichen  werden  dürfen? 

^  Vgl.  ffarid  Wgd.  tr.  Corb.  pg.  100,  455,  Ha/rdidus  Polypt.  Rem.  56,  121,  ffeppid 
Wgd.  tr.  C.  pg.  41,  211,  Hond  das.  pg.  82,  373,  Kippid  das.  pg.  38,  195,  Tadid  da», 
pg.  106»  481,  Warid  das.  pg.  46,  229.  86,  386,  auch  den  Franennamen  £müa  Pol.  Rem.  50, 
68  Q.  y.  a.  —  Borid  aber  kann  auch  gleich  ffohrid  das.  106,  480  anfgefasst  werden ,  ebenso 
World  gleich  Wohrid  pg.  83.  374,  und  es  ist  nicht  unwahrscheinlich,  da0  hier  nur  eine  yer- 
schiedene  Schreibart  des  Namens  einer  und  derselben  Person  Torliegt. 

»)  Vgl.  Badagad  Wgd.  tr.  Corb.  pg.  29,  125,  Egilgat  sec.  11  Falke  pg.  10. 148,  Piligat 
f.  sec.  9  Verbrüdrgsb.  ▼.  St.  Peter  40, 25,  wenn  nicht  Terschrieben  statt  Piligiwt  56, 22.  97, 16. 
HrotgfuU  Wgd.  tr.  C.  pg.  53,  254,  Wandalgat  a.  977  Marini,  i  papiri  dipl.  nr.  104.  n.  a. 


300  '       FRANZ  STARK 

Frigeridua  (Ggthischer  Geschichtschreiber  des  5.  od.  6.  Jahrh.) 

Greg.  Tur.  2,  8  und 
Berfrigua  (presb.)  a.  954  Perard  pg.  166. 

9. 

Förstemann  hat  S.  1064  die  Namen  Sahho  (manc.)  sec.  10.  MeicMb. 
nr.  1036,  Sahmarsk.  809  Ried  nr.  14  u.  a.,  in  deren  Anlaut  ahd. /acAa,  causa, 
negotium,  res ,  pugna,  certamen  zu  erkennen  ist,  zusammengestellt  mit 

Sagildia  Polypt.  Rem.  61,  17. 

Saginbuddua  a.  874  Lupi  cod.  dipl.  I,  862. 

Sagintruda  a.  902  Muratori,  nov.  thes.  vet.  inscr.  IV.  1885,  6. 

Saghinaamnua  a.  768  Schöpf lin,  Alsat/dipl.  nr.  36.  *) 

Sagcmhartsk.  773  Schann.  Cod.  tr.  Fuld.  nr.  40  (Dronke  nr.  43  liest 
GagarJiarf). 
und  sie  alle  dem  gemeinsamen  Stamme  aac  untergeordnet. 

Da0  diese  beiden  Namengruppen  aus  einander  zu  halten  seien,  springt 
in  die  Augen,  und  es  wird  bei  der  letzteren  ein  Stamm  /ag  nicht  zurückza- 
weisen  sein.  Nicht  ungeeignet  dürfte  es  scheinen  hierbei  an  ahd. /a^a  sermo, 
ratio,  doctrina  (Graff6, 105  fg.)  zu  denken,  oder  a.n8aga,  Wuotans  Tochter. 
Gleich  der  Muse,  Zeus  Tochter,  unterrichtet  sie  die  Menschen  in  jener  gött- 
lichen Kunst,  die  Wuotan  selbst  erfunden  hatte,  und  dieser  kommt  täglich  za 
ihr  nach  Sökquabeckr,  wo  kalte  Wogen  rauschen,  mit  ihr  froh  zu  trinken  der 
Unsterblichkeit,  zugleich  der  Dichtkunst  Trank  aus  goldenen  Schalen  (Myth. 
287,  863).  Das  Anlehnen  der  alten  Eigennamen  an  religiöse  Vorstellungen, 
ja  die  Entwicklung  und  Bildung  vieler  aus  diesen  kann  nicht  befremden  bei 
einem  Volke,  dessen  religiöse  Begriffe  und  Anschauungen  eng  verknüpft  und 
gesättigt  sind  mit  dem  Leben  und  Wirken  göttlicher  Wesen ,  in  denen  die 
ewigen  Mächte  der  Natur,  aber  auch  des  menschlichen  Geistes  lebendig  ver- 
körpert sind.  Nichts  desto  weniger  will  ich  von  dem  mythischen  Zusammen- 
hange hier  absehen  und  verweise  ich  lieber  auf  ahd.  /aga,  ags.  sage,  altn. 
eög,  serra,  Säge,  gewiss,  wie  ags.  sägen,  einst  auch  in  der  Bedeutung  gladios 
üblich. 

Obigen  Namen  gesellen  sich  noch  bei 
Sagevardua  Polypt  Irm.  177,  94. 
Sagato  (et  Eagrarmus  ßii  Lauvim  dicti  PilatU)  a.  1275  Miraeus 

m,  c.  156  pg.  129,  a. 
Sagcdo    (Signum    Sagdlonis  Huguedin)    a.    1181    Miraeus  IV, 
pg.  213,  b. 


^)   Dieser  Name   kann   ans    Soffhinrcmnus   verderbt,    aber    auch   in  obiger  Foim 
richtig  sein. 


Ober  gebmanische  pebsoneknamen.  301 

10. 

Der  Name  Beptila  —  so  hieß  ein  Enkel  des  Gepidenkönigs  Cfhunimwid 
(sea  6.  [J.  Biclar.]  Espan.  sagr.  VI,  385)  —  ist  bis  jetzt  nirgends  erklärt 
worden,  ich  will  daher  den  Versuch  wagen  ihn  unserem  Verständniss  näher 
zn  bringen. 

Bekanntlich  begann  der  Umlaut  sich  zu  entwickeln  bereits  im  sechsten 
Jahrhundert.  Dieser  Zeit  gehört  der  Name  Beptila  ^  und  sein  e  wird  kaum 
anders  denn  als  Umlaut  eines  a  zu  fassen  sein.  Ob  eine  gothische  Form  , 
Raftila  vermuthet  werden  darf,  mag  dahin  gestellt  bleiben,  als  Etymon  aber 
darf  dann  vielleicht  altn.  raftr  sudes,  tignum,  ags.  rüfter,  tignnm,  anses  an- 
genommen werden.  Ahd.  rap  fustis ,  dem  das  ableitende  t  der  nordischen 
Worte  fehlt,  wird  wohl  hieher  gehören.  In  Namen  verwendet  mnft  dieses 
Etymon  eine  Waffe  bezeichnet  haben. 

Obiger  Name  war  bisher  aber  nicht  nur  unerklärt,  er  stand  auch  ganz 
vereinzelt,  denn  kein  anderer  Name,  aus  gleichem  Stamme  gebildet,  ist  be- 
kannt geworden.  Darf  als  solcher  vielleicht  Raptardus  a.  832  Marca  Hisp. 
Dr.  5  angesehen  werden?  Zwar  könnte,  unter  Einweisung  auf  nicht  wenige 
Beispiele,  t  als  unorganisch  eingefugt  betrachtet  werden,  aliein  in  den  Namen 
der  Marca  Hisp.  begegnet  man  diesem  unorganischen  Linguallaut  äußerst 
selten ,  und  es  ist  kein  weiterer  Grund  vorhanden  in  Raptardus  den  Stamm 
rapt  abzulehnen. 

11. 

Ohne  Erklärung  sind  bisher  geblieben  auch  die  Namen 

Nerbo  a.  812  Schann.  Cod.  tr.  Fuld.  nr,  237  u.  Tr.  Wizeb.  nr.  182, 

a.  857  Schann.  nr.  482  (Dronke  nr.  567), 
Neribo  a.  886  Schann.    Cod-   prob.  bist.   Fuld.   (Necrol.  Fuld.) 

pg.470. 
NerUng  a.  812  Trad.  Wizeb.  nr.  182.  —  842  Schann.  nr.464.  — 
853  das.  nr.  475. 
Förstemann  trägt  sogar  Bedenken  an  ihrer  Deutschheit.     Ich  zögere 
nicht  sie  als  Landeskinder  anzuerkennen  und  glaube  in  altn.  Na^rfi  —  so  heißt 
Loki's  Sohn,  den  die  Äsen  in  einen  Wolf,  altn.  narvi^  verwandelt  haben 
(Oegisdrekka  65)  —  ihnen  einen  Bruder  zuzuweisen.     Derselbe  Name  zeigt 
»ich  noch  a.  1290  bei  Langebeck  3,  119  und  verhält  sich  zu  ^h^.  Nerbo  wie 
altn.  arfi  zu  ahd  erbo,  mit  Neribo  ist  Aribo  sec.  11.  Mon.  boicä  IV,  368, 
Eribo  a.  Uli  Dronke,  Cod  trad.  Fuld.  nr.  771  zu  vergleichen. 

In  Lupi  cod.  dipl.  II,  1261  c.  a.  1168  begegnet  die  Form  Nervus. 
auch  dafür  fehlt  ein  Analogen  nicht:  Mon.  Gerin.  VI,  778,  56  heißt 
es  a.  1020  ^Aribo  vulgo  dictus  Aervo"^.  Zeile  57  steht  Ervo  ge- 
schrieben. 


302  FRANZ  STARK 

12. 

Ich  kann  Förstemann  nicht  beistimmen ,  wenn  er  S.  448  in  dem  Per- 
sonennamen Funtan  Goldast  II,  100,  a  ^den  n^rtürlichsten  Namen  eines 
Findelkindes"  sieht.  Gegen  eine  solche  Erklärung  streitet  der  allgemeine 
Charakter  der  aus  dem  germanischen  Alterthum  uns  überlieferten  Eigen- 
namen und  vielleicht  auch  die  Form  Funteianua  a.  a.  0.  115,  a,  die,  wenn 
nicht  Fmdecan  0  zu  lesen  ist,  auffordert  eine  mehr  befriedigende  Erklärung 
zu  suchen. 

Daß  von  dem  Substantiv  vunty  funt  Fund,  das  ich  aus  ahd.  Zeit  freilich 
nicht  nachweisen  kann,  auszugehen  sei,  hat  für  mich  die  größte  Wahrschein- 
lichkeit, und  fraglich  erscheint  mir  nur  die  in  dem  Namen  verwendete 
'Bedeutung.  Bis  jetzt  ist  vunt  aus  mhd.  Schriften,  aber  aach  nur  aus 
diesen,  bekannt,  und  bezeichnet  es  dort  Fund,  Erfindung,  Kunstgriff  (Mhd. 
W.B.  3,  320,  b.).  Mit  letzterer  Bedeutung  verbindet  sich  leicht  der  Begriff 
von  List  und  Schlauheit  —  Eigenschaften,  die  in  der  Schlacht  oder  im  Kampf 
mit  den  Thieren  des  Waldes  bei  unseren  Vätern  gewiss  hoch  angeschlagen 
wurden  und  daher  in  ehrenden  Namen  gern  ihren  Ausdruck  finden  mochten. 
In  solcher  Auffassung  steht  dieses  Wort  parallel  mit  ahd.  ^Zaw,  goih.  glaggim 
perspicax ,  intentus,  ingeniosus  in  den  Namen  Olauperaht  a.  823  Scbann. 
Cod.  tr.  Fuld.  nr.  332,  Olaumunt  a.  791  das.  nr.  98  (mancip.)  u.  a. 

Aber  noch  eine  andere  Deutung  des  altd.  vunt  ist  zulässig.  Daß  all- 
gemeine Begriffe  sich  verengen  und  nahe  Beziehungen  auf  specielle  Lebens- 
äußerungen gewinnen ,  die  den  Geist  eines  Volkes  wesentlich  kennzeichnen, 
ist  eine  Erfahrung ,  die  tiefere  Sprachforschung  in  reichem  Maße  darbietet. 
Es  wird  daher  die  auf  den  gemutjimassten  Übergang  des  Begriffes  sich  finden, 
zusammentreffen  (im  feindlichen  Sinne)  in  den  vori  kämpfen ,  sich  schlagen 
gestützte  Annahme,  daß  vunt  auch  Kampf,  Schlacht  bedeutete,  kaum  einen 
Anstoß  erregen,  unddieß  um  so  weniger,  da  altn. /wwdr,  eigentlich  conventns, 
auch  pugna  bedeutet  (Altd.  W.  2,  99).  Begriffsübergänge  dieser  Art  sind 
aber  nicht  nur  unselten,  sondern  auch  sehr  alt.  Sanskrit  Samara  pugna, 
bellum,  gebildet  aus  der  Wurzel  riire  mit  dem  Präfix  sam  cum  und  dem 
Suffix  a,  ^)  steht  ganz  parallel  dem  altn.  fundr  conventus,  piigna. 

Doch  ich  kann  nicht  schließen  ohne  der  Namen 
Vuntbert  Polypt.  Irm.  23,  B  und 

Vwndram  a.  793  Scbann.  (Necr.  F.)  Cod.  prob.  bist.  Fuld.  S.  465 
nr.  288  und  S.  466  a.  853 
zu  gedenken.     Förstemann  reiht  sie  zwar  S.  1359  den  mit  wonai  —  einer 
Erweiterung  des  Stammes  vun  —  komponierten  Namen  an  und  erklärt  sie 


*)  Vgl.  Findiean  Gold.  II,  99,  a  und  auch  Feleem  (Noiman.  dux)  a.  931  Bouqnet  VIIL 
187,  d  (Chron.  Frodoardi). 
')  Bopp,  gloss.  369,  a. 


J 


Ober  germanische  Personennamen.  303 

darch  ahd.  wutma  Wonne,  allein  wozu  solche  Ereaz-  und  Qaergänge^  wenn 
man  aaf  geradem  Wege  znm  Ziele  gelangen  kann?  Was  hindert  das  vorge- 
schlagene Etymon  vunt,  auch  in  diesen  Namen  anzuerkennen? 

Aüch  den  Auslaut  des  Namens  Mrbuunmd  sec.  8  Cod.  Lauresh.  nr.  198 
fasst  Förstemann  in  der  eben  bezeichneten  Weise  auf,  doch  darüber  m  der 
folgenden  Nummer. 

13. 

Förstemann's  eben  erwähnte  Auffassung  des  Auslautes  in  Erbuwund 
sec.  8.  Cod.  Lauresh.  nr.  198  bedarf  keiner  Widerlegung;  es  wird  genügen 
ihr  gegenüber  auf  ahd.  wunta,  uunta  vulnus,  plaga  (Graff  1,  896  fg.)  als 
Etymon  einfach  zu  verweisen.  Auch  die  Namen  Vuntbert  und  Vundram 
finden  vielleicht  hier  eine  geeignetere  Erklärung  als  durch  das  Etymon  der 
vorhergehenden  Nummer;  wenigstens  hat  der  Stamm  munt  formell  nicht  ge- 
ringere Anspräche  an  sie  als  der  Stamm  ßint  (vmU),  Oder  sollte  seine  Ver- 
wendung in  Personennamen  der  Bedeutung  wegen  beanstandet  werden  ?  Dieß 
geschähe  bei  Namen  eines  tapferen,  kriegliebenden  Volkes  —  und  ein 
solches  waren  doch  unsere  Väter  — r  gewiss  mit  Unrecht.  Und  welcher 
Name  wäre  für  einen  kühnen,  kampferprobten  Helden  treffender  und  zugleich 
ehrenvoller  als  etwa  Vuntbert,  der  durch  Wunden  Glänzende,  Berühmte? 

14. 

In  einer  Berliner  Handschrift  des  zehnten  Jahrhunderts ,  Haymo  comm. 
in  ep.  Pauli  ad  Rom.,  ist  nach  Förstemann*s  Angabe  S.  1118  der  Frauenname 
SpotMld  verzeichnet.  Die  beigegebene  Erklärung  des  Anlautes  durch  ahd. 
spät  jocus,  ludibrium  könnte  beinahe  als  Spott  gegen  unbedachte  Namener- 
klärungen  angesehen  werden.  Sollte  denn  nicht  ahd.  spöt,  spuot,  spuat 
f.  prosperitas ,  celeritas  (Graff  6,  318)  für  das  Verständniss  jenes  Namens 
zweckdienlicher  sein?  Das  mhd.  spothüt  (Eschenburgs  Denkm.  405),  das 
nur  ein  Witzwort  ist,  hätte  Förstemann  nicht  irre  fuhren  sollen. 

Auch  der  Name  Diuolfpot  Verbrüdrgsb.  v.  St.  Peter  40,  5  wird  durch 
ahd.  spot  erklärt  werden  können.  Vgl.  Tiufelbolt  sec.  12  Schannat  Vindem. 
pg.  50  nr.  27. 

An  SpSthild  sich  anschließend  seien  noch  genannt 

Spodo  a.   1239  Bauer,    Urkundenb.    des  Klosters  Arnsb.  S.  18 

nr.  28  und 
SpStmer,  zu  schließen  aus  Spötmeri  villa  c.  a.  954  Cod.  dipl.  mon. 
S.  Petri  Camot.  I,  pg.  52. 
WIEN.  FRANZ  STARK. 


304  KABL  BARTSCH 


ZU  HEINRICH  VON  MORÜNGEN. 


^Za  den  zwei  bisher  bekannten  Dichtern  des  zwölften  Jahrhnnderts,  die 
provenzalische  Lieder  nachgebildet  haben ,  Rudolf  von  Fenis  und  Friedrich 
von  Hausen,  gesellt  sich  nun  ein  dritter,  dessen  Lieder  schon  durch  ihren 
Strophenbau  romanischen  Einfluß  verrathen.     In  einem  Liede  Heinrichs  von 
Morungen  ist  nicht  nur  der  Inhalt;  sondern  auch  die  Form  eines  provenza- 
lischen  Liedes  benutzt,  welches  sich  in  der  florentinischen  Handschrift  plut. 
41.  42  findet  und  von  welchem  ich  eine  Abschrift  aus  den  S.  Palayeschen 
Manuscripten  der  Arsenalbibliothek  zu  Paris  genommen  habe.   Das  Lied  trägt 
keinen  Namen :  es  möchte  schwer  sein  bei  dem  allgemeinen  Charakter  der- 
selben ihm  einen  bestimmten  Verfasser  zuzuweisen.     Die  Nachbildung  Hein- 
richs von  Morungen  (des  Minnesangs  Frühling  145,  1 — 32)  hat  vier  Strophen, 
von  denen  die  erste  und  dritte  mit  dem  provenzalischen  Originale  stimmen. 
Dagegen  ist  die  zweite  und  vierte  des  Morungers  in  der  mir  vorliegenden 
provenzalischen   Recension   nicht   vorhanden.     Dieselbe    hat   dafür  außer 
einem  Geleite  am  Schluß  eine  Strophe ,  di^  in  dem  deutschen  Liede  fehlt 
Dreistrophige  Lieder  sind  bei  den  Troubadours  verhältnissmäsig  selten,  auch 
vierstrophige  begegnen  bei  deutschen  Liederdichtern  nicht  häufig.  Wir  dürfen 
also  annnehmen ,  daß  weder  die  deutsche ,  noch  die  provenzalische  Über- 
lieferung vollständig  ist,  sondern  daß  jener  eine,  dieser  zwei  Strophen  fehlen. 
Das  Geleit,  welches  bis  auf  geringe  Spuren  die  deutschen  Liederdichter  nicht 
kennen,  wird  Heinrich  von  Morungen  weggelassen  haben.     Die  Reimordnong 
seines  Originals  hat  der  Nachbildner  beibehalten ,  dagegen  das  Geschlecht 
der  Reime  geändert:  wo  das  Original  stumpfe  Reime  hat,  stehen  bei  Hein- 
rich von  Morungen  klingende  und  umgekehrt.     Eine  andere  Veränderung 
zeigt  sich  in  der  zweiten,  vierten,  fünften  und  achten  Zeile  der  Strophe. 
Diese  haben  im  Original  fünf  Hebungen,  d.  h.  zehn  oder  eilf  Silben,  beim 
Morunger  sechs  Hebungen.     Verse  von  sechs  Hebungen  kennt  die  romanische 
Poesie  bekanntlich  mit  der  Cäsur  nach  der  dritten :  aber  eine  Verbindung 
von  zehn-  und  zwölfsilbigen  Versen  wird  kaum  bei  den  Troubadours  begegnen. 
Andererseits  lieben  es  die  deutschen  Liederdichter  einen  klingend  gereimten 
Vers  mit  einem  stumpf  gereimten ,  der  um  eine  Hebung  länger  ist,  zu  ver- 
binden :  eine  Weise,  die  romanischen  Dichtern  fremd  ist  und  wie  ich  ander- 
wärts (Germania  2,  277)  bemerkt  habe,  auf  ursprünglich  deutschem  Gefühle 
beruht,  nach  welchem  der  klingende  Reim  eine  Hebung  mehr  bildet  als  der 
stumpfe.     Diesem  Gebrauche  gemäß  hat  wohl  Heinrich  von  Morungen  die 
Form  seines  Originales  abgeändert.     Ich  lasse  der  bequemem  Vergleichung 
wegen  die  deutschen  und  provenzalischen  Strophen  nach  einander  folgen. 
Den  provenzalischen  Text  gebe  ich  in  der  Orthographie,  die  ich  bei  meinem 


zu  HEINRICH  VON  MORUNGEN.  3O6 

Peire  Vidal  angewendet  habe,  dem  dieser  unbekannte  Troubadour  wenigstens 
«  gleichzeitig  gewesen  sein  muß. 

1.  Aissi  niave  cum  al  enfan  petzt 

que  dins  Fespelh  esgarda  son  vizaige 

ei  tcLst  ades  e  tan  Va  aamlhit, 

tro  que  Veapelha  sefranh  per  aon  folaJtge  ; 

adancae  pren  a  piarar  aon  damnatge: 

tot  enaissi  nCavia  enriquit 

U8  hele  »emblans,  quer  an  de  nd partit 

U  lauzengier  per  lor  fcde  vilanoitge. 

Ißr^t  geschehen  als  eime  kindeUne, 

daz  atn  schoeneg  bilde  in  eime  glase  gesach 

unde  greif  dar  nach  stn  selbes  schtne 

s6  vil  biz  daz  ez  den  Spiegel  gar  zerbrach : 

d6  wart  al  stn  wünne  ein  lettlich  ungemach. 

also  ddht  ich  iemerfrd  ze  sine, 

do  ich  gesach  die  lieben  frouwen  mtne, 

von  der  mir  bi  liebe  leides  vil  gescha>ch, 

2.  E  per  so  ai  eonques  gran  consirier 
e  per  so  tem  perdre  sa  drudaria 

et  aissomfai  chantar  per  dezirier: 
aar  la  bela  tan  nCa  vencut  em  lia 
que  per  mos  olhs  tem  que  perda  la  via, 
com  Narcisi  que  dedins  lo  potz  cler 
vi  sa  ombra  el  amet  tot  enUer 
e  per  foV  amor  mori  cTaiteU  guia* 

OrSzc  angest  hän  ich  des  geunmnen, 

daz  verblichen  süle  ir  mitndeltn  s6  rSt 

des  hän  ich  vm  niuwer  klage  begunnen, 

Sit  min  herze  sich  ze  siUcher  swaere  bSt,  ^ 

daa  ich  durch  min  ouge  schouwe  siUche  nSty 

sam  ein  kirnt  daz  vAsheit  unversunnen 

sinen  schoten  ersa>ch  in  einem  brunnen 

und  den  minnen  muose  unz  an  sinen  tot. 

So  weit  die  Übereinstimmung:  ich  will  aber  auch  noch  die  dritte  Strophe 
des  provenzalischen  Liedeb  hersetzen,  weil  ihr  vielleicht  eine  verlorne  deutsche 
entsprach. 

1»  4.  M  fehlt.    B.adone$.    8.  |>ar  2o.  —  2,  8.  m#o  um.    2*  b.  via  =:  vida. 
in.  20 


306  '      KARL  BABTSCH 

3.  Be  fora  de  son  perdo  coheitos , 

car  Van  de  nü  fals  lauzengiers  partida. 
deu8  lor  do  maly  ccur  aea  los  enojos 
agra  gran  gaug  de  leis  e  gran  jauzida. 
fnembreus,  heia,  la  dcuss  ora  grazida 
quem  fetz  haizar  vostraa  belas  faissos : 
aissam  ten  en  esperansa  jcjos 
que  nostr  amors  sia  pen*  he  fenida^ 

4.  A  la  heia  (en  ira^,  mxL  chansos, 
e  digas  li  que  sai  sui  de  joi  bloSj 
si  nom  reve  qualsque  bona  jauzida, 

2,  7.  der  für  dar,  durch  den  Reim  gesichert,  könnte  auf  französische 
Herkunft  des  Liedes  schließen  lassen.  Aber  ebenso  findet  sich  ^{«ra  im  Reim 
beiBemard  von  Ventadorn,  Mahn,  Gedichte  der  Troubadours  nr.208.  Auch 
Raimon  Vidal  reimt /^r:  trobery  Raynouard  3,  409.  An  Bernard  von  Ven- 
tadorn als  Dichter  zu  denken  verbietet  weniger  die  Reimform  guia  2,  8,  die 
ziemlich  allgemein  vorkommt,  als  die  Cäsur  nach  der  fünften  Silbe  in  dem- 
selben Verse.  *)  Denn  diese  hat  Bernard  in  keinem  nachweislich  echten 
Liede.  Auch  via  für  vida  2,  5  im  Reime  scheint  bei  ihm  nicht  vorzukottimen. 
Dagegen  ist  der  Reim  der  ( :  entier  u.  s,  w.)  in  einer  andern  Beziehung 
interessant  In  meinem  Lesebuche  (Anmerk.  zu  17,  12.  132,  9.)  habe  ich 
bemerkt,  daß  die  Reimsilben  er  und  ier  getrennt  werden.  Zwar  schrieb  man 
im  zwölften  Jahrhundert  noch  dezirer  u.  s.  w.  für  dezirier,  aber  man  band 
mcht.dezirer :  tener  oder  Ähnliches.  Von  Reimen  dieser  Art  ist  mir  nur 
sehr  Weniges  bekannt.  Daude  von  Pradas  (Raynouard  5,  129.)  reimt 
niersivers;  und  Bertolome  Zorgi,  ein  Italiäner,  en/erienHer  (Rayn.4,  459, 
wo  en/em  steht).  !Nimmt  man  hierzu  die  vemachläßigte  Cäsur  in  2,  8,  so 
wie  den  Fundort  der  einzigen  Hs.  des  Liedes,  so  liegt  die  Vermuthung  nahe, 
daß  der  Verfasser  ein  provenzalisch  dichtender  Italiäner  gewesen  sei.  Das 
wäre  das  früheste  Beispiel. 

In  anderer  Beziehung  ist  der  Kachweis  eines  provenzalischen  Originals 
für  ein  Lied  Heinrichs  voi^Morungen  von  Interesse  für  die  deutsche  Litteratur. 
In  meinem  Berthold  von  Holle  (S.  XXXIII  f.)  habe  ich,  durch  eine  Be- 
merkung Haupts  angeregt,  den  Znsammenhang -zwischen  dem  Grafen  Rudolf 
und  einer  gewiss  echten  Strophe  Heinrichs  von  Momngen  weiter  verfolgt. 
Wenn  es  wahrscheinlich  ist,  daß  dem  Grafen  Rudolf  wenn  auch  nicht  ein 
Büdfranzösisches  Gedicht,  so  doch  südfranzösischer  Stoff  zu  Grunde  liegt,  so 

3,  7.  aÜ4o  WM  U,     m  fehlt.  —  4,  2.  sttt  fehlt. 

^)  Doch  Uele  sich  leicht  durch  Unustelliing  der  Vers  herichtigen,  e  per  amar  foU  mofi 


zu  HEINRICH  VOI|  MORÜNGEN.  307 

kann  der  Moranger  seine  Eeniitniss  desselben  ebenso  gut  direkt  ans  dem 
provenzalischen  genommen  haben,  nachdem  einmal  nachgewiesen  ist,  daß  er 
nach  provenzalisehen  Originalen  gedichtet  hat.  Ein  provenzalisches  episches 
Gedicht ,  das  den  Stoff  des  Grafen  Rudolf  behandelte ,  darf  er  desswegen 
noch  nicht  benutzt,  sondern  kann  die  Anspielung  ebensogut  aus  einem  pro- 
venzalischen Lyriker  entlehnt  haben,  wie  seine  Kenntniss  der  Fabel  von 
Narciss,  die,  wie  Haupt  vermuthet  (zu  1 45, 23)  und  wie  sich  nun  aus  der 
Nachahmung  ergibt,  nicht  aus  Ovid  stammt. 

ROSTOCK,  Mai  1858.  KARL  BARTSCH, 


MEISTERGESÄNGE  DES  XV.  JAHRHUNDERTS. 


Die  Geschichte  unsrer  Poesie  im  fünfzehnten  Jahrhundert  ist  unverhält- 
ßissmäßig  vernachläßigt.  Der  Stoff  ist  zerstreut,  und  wie  es  scheint  nicht 
reizend  genug,  um  die  Mühe  des  Sammeins  und  Ordnens  zu  belohnen.  Den- 
noch ist  zu  wünschen,  daß  die  Lücke  ausgefüllt  werde.  Die  Germania  könnte 
der  vermittelnde  Sammelplatz  werden.  Was  ich  aus  den  Schätzen  der  Hei- 
delberger Bibliothek  mittheile ,  wird  in  München,  Wien  und  anderwärts  er- 
gänzt werden  können.  Wenn  dieS  geschieht,  so  werden  die  Dichter  des 
fünfzehnten  Jahrhunderts  aus  ihrem  Dunkel  hervortreten,  und  es  wird  sich 
vielleicht  finden,  daß  sie  die  Beleuchtung  ebenso  sehr  verdienen,  als  ihre  be- 
rühmteren Vorgänger  und  Nachfolger. 

Zunächst  fasse  ich  die  Meisterschule  ins  Auge.  Wie  es  mir  scheint, 
bestand  die  Schule  im  fünfzehnten  Jahrhundert  ebenso  vollkommen  ausge- 
bildet, wie  im  sechszehnten.  Der  große  und  wichtige  Unterschied  ist  aber, 
daß  die  frühern  Singer  die  Kunst  als  ihren  Beruf  betrieben,  die  spätem  als 
eine  fromme  Übung  und  Unterhaltung.  Michel  Beheim  wollte  von  seiner 
Kunst  leben,  und  nur  weil  er  durch  die  Poesie  sein  Brod  nicht  sicher  verdienen 
konnte,  trieb  er  daneben  das  Handwerk.  Ebenso  seine  Zeitgenossen.  Da- 
gegen die  Meistersinger  des  sechszehnt€'n  Jahrhunderts  waren  Handwerker, 
die  nicht  daran  dachten,  durch  etwas  andres,  als  ihr  Gewerbe,  ihren  Lebens- 
unterhalt zu  verdienen.  Die  Poesie  war  für  sie  eine  ehrenvolle  Unterhaltung. 
Die  Schule  selbst  mit  ihren  überlieferten  Gebräuchen  und  Einrichtungen  be- 
stand schon  viel  früher,  ehe  die  Meistersinger  dichtende  Handwerker  waren. 
Dieß  lehrt  die  Poesie  des  fünfzehnten  Jahrhundert«,  Ich  denke,,  diesen  Satz 
und  die  Folgerungen,-  die  sich  daraus  für  die  Geschichte  der  Singschule  er- 
geben, ausführlich  darzulegen;  vorerst  will  ich  das  noch  unbekannte  Material 
mittheilen. 


308  ADOLF  HOLTZICANN 

Ich  entnehme  es  zunächst  ans  zwei  Handschriften  der  Heidelberger 
Bibliothek  392  und  8o0.  Beide  sind  in  Augsburg  geschrieben.  Der  Name 
des  Besitzers  von  392  steht  auf  dem  ersten  Blatt,  undeutlich  geschrieben; 
'Wie  es  scheint  „Hanns  Didel  von  Augsburg".  Sie  ist  nicht  nur,  wie  bei 
Wilken  angegeben  ist,  zu  Anfang  und  zu  Ende  unvollständig,  sondern  es 
fehlen  auch  je  ein  oder  mehrere  Blätter  nach  Fol.  20,  32,  40,  88,  98.  Ge- 
schrieben ist  sie  im  fünfzehnten  Jahrhundert.  Einer  Überschrift  auf  Fol.  4r 
ist  die  Jahreszahl  1440  beigeschrieben;  und  Fol.  63*  steht  eine  Prophezeibang 
auf  das  Jahr  1481  und  die  folgenden.  Also  kurz  vor  1481  wird  die  Hand- 
schrift geschrieben  sein.  Die  Schrift  ist  zwar  im  Ganzen  wohl  erhalten,  aber 
die  Züge,  wie  es  scheint  von  einer  wenig  geübten  Hand,  können  leicbt  ver- 
wechselt werden. 

Im  Cod.  680  sind  zwei,  eigentlich  drei  ganz  verschiedene  Handschriften 
zusammengebunden.  Die  zweite  von  Fol.  73 — 86  enthält  Meistergedichte 
des  sechszehnten  Jahrhunderts,  und  ist  ohne  Ende;  von  87 — 99  ist  Prosaisches 
angeschlossen.  Die  erste ,  die  uns  hier  allein  angeht ,  ist  zwar  ebenfalls  im 
sechszehnten  Jahrhundert  geschrieben,  enthält  aber  ältere  Gedichte  des  fünf- 
zehnten Jahrhunderts.  Ursprünglich  war  es  eine  Sammlung  von  21  Gesängen 
von  Fol.  1 — 32,  deren  Verzeichniss  auf  Fol.  1  eingetragen  ist.  Diese  sind 
alle  von  einer  Hand  geschrieben.  Es  folgt  eine  erste  Fortsetzung  von  Blatt 
32—41,  in  der  Dinte  etwas  verschieden,  aber  von  derselben  Hand.  Die 
Hälfte  des  Blattes  41  ist  abgeschnitten,  die  ältere  Zählung  der  Blätter 
zählte  es  mit;  die  jüngere  übersah  es  und  gab  dem  42.  Blatt  die  Zahl  41. 
Die  Rückseite  war  frei,  und  daraufstehen  die  Worte:  'Item  das  buch  gehert 
Mathus  Dilbäum,  Weber  zu  Augspurg  1539'.  Auch  auf  Fol.  3  ist  auf  eine 
leere  Stelle  eingetragen:  'Item  da  man  zalt  1539  jar  zochen  mayster  und 
knecht  uz,  und  beten  mayster  ain  fanne  undknechtain  fanne  aber  die  knappen 
heten  in  lenger  kept  dan  die  mayster  das  was  das  erst  jar  von  den  mayster 
das  erst  mal  und  fürte  in  danne  vor  na'.  Die  zweite  Fortsetzung  von  der- 
selben Hand  geht  von  41  bis  zum  Ende.  Von  65*  wird  die  Schrift  kleiner 
und  flüchtiger,  aber  es  ist,  wie  es  scheint,  dieselbe  Hand.  Fol.  72"  steht  am 
Ende  noch  das  erste  Wort  der  folgenden  fehlenden  Seite;  es  fehlt  also  we- 
nigstens ein  Blatt  der  Handschrift  am  Ende. 

Ich  stelle  hier  zunächst  zusammen,  1)  was  ich  über  die  Dichter  Härder, 
Lesch  und  Hülzing  ermitteln  kann,  2)  die  noch  ungedrnckten  Gedichte  der 
beiden  angeführten  Handschriften,  die  sich  auf  die  Singschule  beziehen. 
Weiteres,  Material  und  Betrachtung,  hoflfe  ich  folgen  zu  lassen. 

I.  HÄRDER,  LESCH,  HÜLZING. 
Einige  Dichter  des  fünfeehnten  Jahrhunderts  werden  in  folgendem,  so 
viel  ich  weiß,  noch  ungedruckten  Gedichte  Michel  Beheims  genannt,  Cod. 
palat.3I2,  Fol.287. 


MEISTERGESÄNGE  DES  XV.  JAHRHUNDERTS.  309 

1.  Ich  michel  behn         yon  sülzbach  bei  weinsperge, 

gotes  geDad  ist  mir  beschebn ,         daz  ich  hoD  eigen  kunst  ergraben 

und  sünderlicb  geübte.         daz  wolt  mir  gern  etlicher  schmehn, 
darumb  daz  ich  hon  solche  kunste, 
Die  er  nit  kan.         zwar  es'  ist  anders  nihte, 

wann  daz  er  mir  der  ern  vergan,         die  er  selber  geren  wolde  haben. 

ich  leid  von  im  kein  erge.         nun  ist  er  doch  ein  neidig  man, 
der  mich  hasset  umb  niht  und  sunste. 
Er  tut  reht  in  des  teuffels  schifft,         der  in  dem  baradeise 

adam  und  era  jomer  stifft,         da  si  aussen  der  speise, 

daz  in  von  unserm  hern  yerpotcn  waz;         wann  er  rergondet  im  der  ern. 

Er  ist  geleich  dem  slangen ;  wann  er  mich  also  wolt  verlipfen. 

sein  neid  und  widerwertikeit  sol  mich  nit  orangen. 

mich  mag  sein  giffb         ob  got  wil  nit  versern. 

er  traugt  uff.  mich  leid  und  auch  hass         und  wUl  mich  letzen  in  gesang. 

sein  hinderstich  und  ripfen  daz  leid  ich  hie  von  im  nit  lang. 

2.  Wann  meine  dön         die  mag  mir  nieman  ^)  nemen. 

etlicher  der  hot  söche  wön         vn  meint  in  seinen  tummen  synnen, 
er  hab  mich  ser  geletzet,  ob  er  mich  mit  sein  Worten  hön, 

und  sey  an  künsten  dester  sterker. 

Kein  silmen  zal         die  sein  doch  wol  gesetzet 

nach  rehter  preit  und  nit  zu  schmal;         und  waz  ich  tihtens  hi  begannen, 
des  darff  ich  mich  nit  Schemen         vor  allen  singern  überal. 
ich  tar  wol  kumen  für  die  merker. 

Kein  meister  mir  solches  nit  tut,         der  singen  kan  erkennen, 
nur  die  kunstlosen  die  daz  mut         und  mir  der  ern  vergennen. 
wer  kunst  nit  kan,  der  würfft  si  hinder  sich         und  helt  sie  schmelich  und 

gering, 
sie  weiten  mich  vertreiben         und  zannen  uff  mich  als  die  wölffe. 
nu  trow  ich  doch  mit  singen  hie  als  wol  beleiben, 
als  muschgatblut         harder  lesch  und  hültzing 
und  vil  nachmeister  künstenrich.  ich  zele  mich  doch  selber  nit 

geleich  neben  die  zwölffe.  den  nachmeistern  wun  ich  wol  mit. 

3.  Wie  wol  daz  die  '       von  hohen  fiirsten  herren 

fleisch  wein  und  daz  prot  beten  hie,  daz  sie  nach  keinen  solchen  dingen 

gar  lutzel  dorffiten  sorgen;         wann  all  ir  sinn  die  leiten  sie 
zu  allen  zeiten  uff  getihte. 
So  ich  pegin         den  abent  und  den  morgen, 

wie  daz  ich  sölchez  als  gewinn,         so  wil  ich  denoch  tiht  und  singen, 
es  sol  mich  nit  verworren.         ich  traw  got,  er  verleih  mir  synn, 
daz  mein  gesanck  werd  auszgerihte, 
Daz  im  njeman  dörff  geben  pflanz.         es  sol  werden  vervachet 
mit  silmen  reinen  also  ganz,         als  hetz  ir  einer  gemachet, 
es  müst  noch  wunder  von  mir  werden  schein,         daz  ich  nit  sorgen  hie 
begönd. 


*)  Hds/niem'. 


310  ADOLF  HOLTZMANN 

het  ich  och  solche  pfründe         als  die  meister  in  irem  leben, 
doch  weit  ich  lützel  sorgen,  wie  daz  mir  uff  stünde 
al  solche  schantz.         so  han  ich  weib  und  kind, 
mit  den  musz  ich  verworren  sein.         doch  will  ich  tihten  hin  und  her , 
und  wills  den  gsellen  geben.         ich  hoff  daz  mir  daz  niemen  wer. 
Der  Ton  des  Gedichts  ist  die  lange  Weise  Beheiras  mit  verborgenen 
Reimen ,  wie  Fol.  296*  der  Handschrift  gerühmt  wird :  ^'Dise  hernauch  ge- 
schriben  getiht  ston  auch  in  diser  langen  weiss  michel  behems,  aber  die  reinen 
(Reime)  sein  verkert  und  sein  nit  so  verporgen  als  die  ersten,  si  sein  offen, 
als  ir  in  disem  ersten  getiht  werdent  hören'. 
Hie  heb  ich  an         ich  michel  behamere 

und  tiht  in  meinem  langen  dan.         die  reymen  ich  darin  verkere, 
und  mach  sie  offenbere.         wann  sy  voraals  darynnen  stan 
spelich  beslossen  und^verborgen, 
In  fremdem  lauff        gar  meisterlich  rersetzet, 

gespalten  creützweisz  überhauf.         kein  meister  hat  sie  nie  geletzet, 
vernihtet  noch  gepfletzet,         er  wer  sich  fürst  herr  oder  grauff. 
ich  tret  mit  für         und  dorffb  nit  sorgen, 
Daz  mich  niemen  ströffet  dorynn,  wu  man  gesang  rerstünde. 

doch  hot  es  so  vil  speher  sinn,  daz  es  ist  zu  unkiinde, 

waz  mit  verporgen  reinen  ist  gemäht,         des  willen  man  nummen  habe  aht. 
waz  uffeinander  swinget,  daz  es  mit  reimen  widerclinget, 

lobt  man  für  daz  daz  sich  verborgenlichen  zwinget, 
darumm  hon  ich         kürtzlich  berauten  mich , 
und  will  sie  setzen  offenlich,         wu  man  die  selben  melodei 
Yor  siebten  künstern  singet,  daz  ez  mit  offen  reimen  sei. 

Es  werden  hier  den  zwölf  alten  Meistern,  denen  sich  Beheim  nicht  ver- 
gleichen will,  die  spätem  Dichter,  die  ^'nächmeister^ ,  gegenüber  gestellt. 
Ebenso  heißt  es  in  dem  Gedicht,  das  von  der  Hagen  Minnesinger  4,  887  ge- 
druckt ist,  in  der  fünften  Strophe:  'die  zwelflf  betten  es  gerichte,  ir  komen 
vil  hernach.  —  Darumb  ein  jeder  singer  *)  soldie  selben  rossen  ziren,  reich- 
lich tzw  dispatiren,  die  plumen  nit  verschraach.  nachtichter  haben  sie  voll 
bewart,  mit  sin  der  kunsten  haflft'.  Es  steht  in  der  Handschrift  'nachtichte', 
wofür  von  der  Hagn'^nach  tichtn'.  Die  zwölf  haben  die  Rosen  gesetzt,  die 
Nachdichter  haben  sie  bewahrt. 

Wen  Beheim  zu  den  Zwölfen  zählte,  erfahren  wir  leider  nicht;  aber  von 
ien  Nachmeistern  nennt  er  einige.  So  redselig  Beheim  ist,  so  gern  er  uns 
seine  Schicksale  ausführlich  erzählt ,  so  schweigt  er  doch  gänzlich  über  die 
Meister,  die  ihn  in  der  Kunst  des  Meistergesangs  unterwiesen,  und  auch 
gleichzeitige  oder  ältere  Dichter  nennt  er  nirgends,  als  an  dieser  Stelle,  und 
noch  einmal  den  Muscatblut  in  einem  schon  bekannten  Gedicht.  ') 

^)  So  die  Handschrift,  nicht 'singen  ,  wie  Hagen.  Aach  in  der  ersten  Strophe  ist  nach 
der  Hafidsobrift  4  *pfläg\  5  'kunst  und  segenhaft',  6  'stet'  zu  lesen. 

')  Groote,  Lieder  Muskatblats,  S.  Y.  Die  erste  Strophe  des  Gedichts,  welche  Groote 
ttbergftng«n  hat,  laatet: 


MEIST£R6£SÄK0£  DES  XV.  JAHBHUNDEBTS.  311 

Wer  der  Tadler  ist,  gegen  den  das  mitgetheilte  Gedicht  gerichtet  ist, 
erfahren  wir  nirgends;  wahrscheinlich  ist  es  derselbe,  der  in  folgendem,  in 
der  Slagweis  verfassten  Gedicht  angeredet  wird  (Fol.  285"):  .     j^. 

1.  Su  sagest  mir  yil  yon  der  silmen  zal         und  nyinst  dich  solches  ane, 

und  weist  doch  weder  mauss  noch  zal,         waz  yeglich  rejm  sol  hane, 
in  welchem  zil         wi  vil         yeglicher  silman  nymmet. 

Hun  torst  ich  mit  dir  weten  ungerer,         ob  du  mir  kantest  ihte, 
gesagen  waz  ein  silme  wer.         für  was  du  weist  sein  nihte. 
nu  sag  mir:  waz         ist  daz?         loss  hörn  wie  es  dir  zimmet. 

Wie  cranck         ist  dein  gesanck,         es  hot  kein  rehten  ganck, 

dein  reinen  haben  keinen  zwanck.         eins  ist  ze  kurtz  daz  ander  ist  ze 

lanck, 
und  dein  gedön  hot  wilden  clanck.         uff  manchen  aberwanck 
hat  es  den  swanck         und  ranck,         in  karren  weis  gestymmet. 

2.  Du  sprichst,  ich  sol  vor  quiuig  hüten  mich         und  prehst  mich  gern  in  leinen, 

und  kanst  selb  nit  gehuten  dich  quiuig  und  ralscher  reinen. 

der  bist  du  1er,  als  der  hunt  der  flöh  in  dem  agste. 
Sein  gsanck  reimt  sich  als  haspel  in  den  sack,         du  weist  als  tÜ  daramme 

alz  der  esel  umm  mitendak.         es  sei  sieht  oder  crumme» 

so  weistu  sein         vil  dein,  waz  du  singest  und  sagste. 

Ach  tor,  ich  sing  dir  vor ;         die  wort  njm  in  dein  or. 

umb  singen  weistu  niht  ein  hör,         yil  minder  denn  ein  kind  yon  sihen  jor. 

lass  noch  da  von;  trit  ab  der  spor;         dein  schaut  wirt  offenbor. 

ich  sag  dir  zwor         fiirwor,         daz  du  mir  nit  behagste. 

3.  Daz  du  mich  leren  wllt  daz  ist  umsunst,         daran  histu  betrogen. 

es  ist  ril  mer  von  rehter  kunst         in  meinem  ellenbogen , 

wann  in  dejnr  stirn.  dein  hirn  ist  genshim  wol  zu  gleichen. 
Du  treibest  also  vor  mir  dein  gereisz,         ob  du  mich  möhst  erschellen. 

du  tust  reht  alz  ein  tumme  geisz,         die  einen  wolf  wil  Teilen. 

mir  ist  dein  schnauff  ein  iauff.  waz  geb  ich  uff  dein  keichen  ? 
Ha  hei ,         du  tummer  lei !         verlaß  du  dein  gespei. 

dein  gifften  geuden  dein  geschrei,         es  hilft  dich  nit  so  teur  alz  um  ein  ei. 

es  gelt  ein  aug  verboten  zwei ;         ob  es.  dir  eben  sei, 

so  trit  den  rei!         herbei.         wann  ich  dir  nit  wil  weichen. 


Ich  mi^el  beham  von  weinsperg  sülzpach  mein  tummar  sin :         dar  in 

lau  mich  getiht  bezwingen.  so  bin  ich  gar  verbichte 
was  ich  beginn  in  meiner  sach                      Verwom.    es  wer  yerlom, 

so  mns  ich  allzeit  singen.  und  het  ich  es  Terschwom. 

all  mein  begir         sein  mir  ich  mnst  es  brechen  e  wan  mom.  -' 

bekümmert  mit  getihte.  es  ist  mein  art  und  hat  mich  angeboni ; 

Daz  mich  die  torheit  nit  verlaussen  wil,  unt  tut  mir  uff  mich  selben  zom, ' 

des  hon  ich  widerdriesse.  daz  ich  nit  kan  gehom, 

wann  es  bekümmert  mich  zu  vil,  mich  da  von  kern.        dis  tom 

ich  weit,  das  mich  veiliesse  wil  mich  verlassen  niehte. 


312  ADOLF  HOLTZMANN 

Das  Gedicht  ist  auch  danrni  merkwürdig,  weil  es  das  Vorhandensein 
einer  Knnstsprache  beweist.  'Qaiuig'  ist  vielleicht  das  aequivocum  der  späten 
Mebterschale. 

Fragen  wir  nun,  wer  die  vier  genannten  Nachmeister  sind,  so  dürfen  wir 
den  ersten,  Muskatblut,  übergehen.  Ein  Dichter  Härder  wird  meines  Wissens 
nirgends  von  einem  andern  genannt;  erst  Valentin  Voigt  im  sechszehnten 
Jahrhundert  kennt  einen  Cuntz  Herter,  den  er  mit  Heinrich  von  Mogeln  zn- 
sammenstellt,  und  der  höchst  wahrscheinlich  der  gesuchte  ist,  s.  Minnes.  rV,892. 
In  Cod.  pal.  366,  Fol.  77 — 86  steht  ein  Lobgesang  auf  die  Jungfrau  Maria, 
als  dessen  Verfasser  sich  Conrad  Härder  zu  erkennen  gibt.  Der  Anfang, 
den  ich  in  lesbare  Gestalt  herzustellen  verzichte,  lautet  in  der  Handschrift: 
Götlicher  geist  der  hertzen  Crantz  Lutzern  in  gottes  sinne 
Du  bist  min  basey  unde  lantz  Der  seien  honig  rinne 

Du  liechte  krön  der  eren  Kunst  schwebder  sjden  zedelblanck 

Weltlicher  tutgent  speren  flacht  sich  götlicher  wü^hait  strank 

Du  zucker  zejii  fliessender  bach         Gebilt  in  edlen  schnüren 
Din  Wildheit  meisterlichen  sach  etc. 

Der  Schluß: 

Ave  Tor  sunden  uns  hie  fiy  Sid  nieman  bas  gehelfen  mag 

Du  bist  die  kusch  nun  won  uns  by      Da  tusent  iar  sind  als  ain  tag 
Sit  das  du  bist  die  here  Der  gester  was  was  ie  betagt 

Dich  selber  an  uns  ere  Als  David  in  dem  psalter  sagt 

Wann  du  doch  bist  die  höchste  Nun  hilff  uns  kusche  müter  zaSrt 

Die  uns  alzit  erloste  Und  für  uns  uff  die  rechten  fart 

Mit  hilff  got  Tatter  «un  und  geist      Und  der  gedichtet  hat  di«  beger 
Nun  hilff  uns  firow  zu  der  voleist        Gnad  meister  Conrad  harcUr 
Mit  hilfie  tue  mattris  Und  behütuns  frow^von  aller  schwer. 

In  gloria  dei  patris  v 

Femer  ist  Härder  als  Verfasser  genannt  in  einem  Gedicht  der  Münchner 
Handschrift  714:  Fraw  Minne  leben,  s.  Keller,  Fastnachspiele  1378.  Es 
beginnt:  Ich  saß  ainstags  nnd gedacht,  wie raeins mutes  schal  nnd pracht etc. 
nnd  schließt:  das  sein  des  Härders  red.  — 

Im  Cod.  palat.  392  stehen  drei  Meistergesänge  in  gleichem  Ton  auf 
Fol.  1,  2  nnd  29,  von  denen  die  zwei  letzten  'ain  harder*  überschrieben  sind, 
das  erste  *in  des  harders  süsse  ton .  Das  erste  ist  gedruckt  bei  Mone,  An- 
zeiger 1838,  374.  Das  dritte  beginnt:  *Got  grüss  den  wirt  nnd  anch  sein 
schöne  frawe*.  Das  zweite  möge  vollständig  hier  stehen,  wegen  der  Beziehung 
auf  die  politischen  Zustände  des  Vaterlands. 

,  1.  Ain  weiser  man  der  was  gesesse        yor  ainem  berg,  daraus  da  ran  ain  bach. 
daran  ain  mile  guot,         hart  an  wie  ir  geschach. 
Des  wages  flut  het  er  vermesse,         des  wassers  was  nit  mer  wan  auf  sin  rat. 

ia  het  er  stolzer  süne  vier,         gar  lieplich  er  sy  bat. 
Ir  mein  kind,  got  wil  über  mich  biete, 

ich  rat  auch  das  vor  schand  solt  ir  euch  biete, 


MEISTERGESÄNGE  DES  XV.  JAHRHUNDERTS.  313 

in  treve  ich  das  nette. 

8j  wolte  alle  rolge  seinem  rat: 

ia  ain  gelnptnos  da  geschaoh.         der  vater  der  lag  tat. 

2.  Sie  vier  die  gienge  da  ze  ratte,         wie  sy  ir  leben  wolten  greiffe  an. 

der  erst  der  sprach :  mich  duncken  guct ,         wir  kiese  ainen  man. 
An  dem  uns  leit  guot  hantgetate.         der  ander  sprach:  des  tuncket  mich 

so  guot. 

der  drit  der  sprach:  des  ir  begert,         das  Tolget  euch  in  ein  mein  muot. 
Der  yierd  der  sprach :  so  Tolg  ich  euch  niht  geren» 

und  sol  ich  von  aim  fremden  weishait  leren, 

das  het  ich  ninier  eren. 

ich  bin  noch  weiser ^an  mein  vatter  was. 

das  sollend  ir  vememen  hie.         aus  tumhait  rett  er  das. 

3.  8y  kosen  in  zuo  einem  weisen,         und  numen  in  zuo  einem  uberman. 

da  riet  er  in  als  ainer  der  weishait  nie  gewan. 
Sein  Übermut  begund  in  reisen  (?),         sein  gewalt  weret  kaum  ain  halbes  iar. 

da  ward  der  wag  in  Tier  getailt,         da  zwayet  sich  ir  schar. 
Ber  erst  der  sprach :  so  wil  ich  han  ain  frawe. 

der  ander  sprach :  so  wil  ich  reitten  hawe. 

ich  wil  mich  läse  schawe, 

das  ich  ain  held  ob  alle  beiden  pin. 

der  drit  der  sprach :  nach  trinken  gros  stat  mir  herz  muot  und  sin. 

4.  Der  viert  der  wolt  tumiere  steche,         tanze  und  springe  vor  den  frawen  zart. 

wie  schier  sich  da  vergessen  ward         was  sy  der  vater  lart. 
Wol  auf  wir  wolle  die  mil  preche,         zerrisse  wurde  die  wend  und  das  tach. 

da  ward  der  wag  getailet  weit,         sich  hub  ir  ungemach. 
In  aremuot  so  musten  sy  entweiche. 

also  geschieht  noch  mangen  tume  reiche. 

das  merckend  sunderleiche. 

durch  got  so  solt  ir  wese  über  ain. 

und  wirt  der  wag  in  vier  getailt,         der  Aus  wirt  gar  ze  ciain. 

5.  Sie  vier  die  kamen  da  von  lande.         ain  ander  maister  kam  sich  an  ir  stat. 

er  paut  darauf  ain  mille  gut         und  henckt  daran  sein  rat. 
Das  beyspil  merckent  hie  ze  bände,         kaiser,  kfinig,  ir  furst^n  also  zart, 

durch  got  so  wese  uberein,         eur  lob  wirt  wol  bewart. 
Durch  got  so  land  die  orspring  bey  ainander 

der  zwang  ain  land  zem  ander, 

dar  umb  sein  gwalt  must  werde  also  prait. 

ir  herren  all  in  diser  zeit,  das  sei  euch  vorgesait. 
Eodlich  gibt  W.Griram  Thierfabeln  S.  23  aus  einer  Berliner  Handschrift 
eine  Fabel  *in  des  harders  suesen  thon .  In  der  nun  wieder  aufgetauchten 
Colmarer  Liederhandschrift  sollen  Gedichte  von  Härder  stehen.  S.  Minnes. 
IV,  906.  In  der  Münchner  Hs.  351,  derselben  die  von  Docen  in  Aretins 
Beiträgen 9,  1128 ff.  beschrieben  ist,  steht  ein  Gedicht  unter  der  Aufschrift: 
„In  Harders  Schilling"  S.  1152. 


314  ADOLF  HOLTZMANN 

Noch  weniger  als  von  Härder  weiß  ich  von  den  zwei  andern,  Lesch  nnd 
Höbing.  Albrecht  Lescb  wird  von  Valentin  Voigt  als  der  erste  der  zwölf 
Nürnberger  Meister  genannt  Gedichte  von  ihm  enthalten  die  Colmarer 
Handschrift,  die  Dresdner  13,  und  die  Wiener  2856.  In  Heidelberger  Hand- 
schriften wird  Lesch,  meines  Wissens,  nur  einmal  genannt,  nämlich  in  H.  68ü, 
Fol.  54  ist  ein  Gedicht  überschrieben:  'Im  leschen  donn*.  Darüber  steht  von 
andrer  alter  Hand:  ''ziegelweiß'.  Es  ist  aber  nicht  der 'zigeldon*,  in  welchem 
Docen  I.  c.  1171  eine  Strophe  gibt.  —  Ich  gebe  die  zwei  ersten  Strophen. 

1.  So  wolt  ich  gern  singen,         mancher  wigts  gar  geringe, 

ainer  horts  gern,  der  ander  niht.         der  drit  wolt,  daß  ichs  yennit. 
der  viert  spricht,  hör  auff. 
Der  fünfffc  hebt  an  zu  schreien ,         der  sechst  spilt  gern  auf  dreien. 

der  sibent  spricht:  leich  karten  her,     der  acht  der  sprach:  ich  pin  halt  1er, 
leich  her  das  glas,  ich  sauff. 
Der  neund  sieht  mich  grimmikleichen  an.  der  zehent  spricht :  du  rechter  lorles  man, 
wild  du  singen,  du  solt  aus  hin  gan.         wir  wellen  unsern  muet  hinnen  han 
und  wellen  das  durch  niemand  lan.         es  ist  unser  alter  sit. 

2.  Herkt  ir  lieben  zechgesellen,         ich  wil  uns  eins  derschellen. 

ders  ungern  hört,  der  mag  wol  gon.         ir  schweiget  still  und  loset  schon 
und  merkt  ein  fremden  sin. 
Es  kom  ein  geier  geflogen         auff  ainem  feuern  pogen. 

er  fiert  mer  dan  sechzick  pfeil.         welchen  vogel  er  dereil, 
den  fürt  er  mit  im  hin. 
Er  fürt  12  stroel  in  seinen  kloen  guet,         er  fürt  von  süssickait  ein  perneruet, 
er  firt  fünf  rosen  in  seiner  huet,         das  er  als  derpidem  thuet, 
das  macht  den  sunder  ungemuet.         merk  frawen  und  ir  man. 
In   der   dritten  Strophe  werden  die  Meistersinger   aufgefordert,  das 
Bäthsel  zu  lösen.     Es  folgt  ebenfalls  in  drei  Strophen  im  gleichen  Ton  der 
Aufschluß:  der  Geier  sei  Gott  am  jüngsten  Tag,  u.  s.  w. 

Im  Münchner  Cod.  351  bei  Docen  1.  c.  1 149 :  ""das  ist  des  leschen  tagweis*, 
nach  der  mitgetheilten  Probe  ein  ganz  andrer  Ton. 

Der  Hülzing  endlich  wird  ebenfalls  von  Valentin  Voigt  genannt  In 
Cod.  pal.  392,  Fol.  37  steht  folgendes  Gedicht  unter  der  Aufschrift  'hilzings 
weiser  ton'. 

1)  Es  dichtet  menger  fru  und  spat,         was  siben  kunst  bedeuten, 
und  der  der  minsten  nit  verstat.         der  solt  ie  bilich  reutten 
die  steck  aus  yor  dem  pflüg. 
So  wurd  er  nit  der  leutte  spot,         wa  man  die  meister  breiset. 
der  alles  wirket  das  ist  got,         die  siben  kunst  beweiset 
und  allen  sin  so  clug. 
Der  noch  die  siben  kunst  wol  kan,         der  mag  all  weit  deryellen. 
sy  seind  ob  aller  kinst  ain  fan.         der  mag  den  Aus  yerstellen 
das  ^)  und  alle  wasser  weit,         und  wa  sy  laffent  in  der  zeit. 

ain  man  der  mag  got  danoken,         dem  er  ain  trepflin  geit. 

*)  Hier  fehlt  ein  Wort 


MEISTERGESÄNGE  DES  XV.  JAHRHUNDERTS.  315 

2.  Der  sibeD  kunst  in  seinen  mund.         wil  er  dem  erz  ney  pflegen, 

so  macht  er  tU  der  siechen  gsund,         hat  er  von  got  den  segen 
mit  warhaftiger  tat. 
Die  siben  kunst  hat  got  allain         verspart  in  seinem  herzen, 
ir  aller  wuroken  das  ist  rain.         die  siben  kunst  an  scherzen 
im  got  behalten  hat. 
Oot  het  menschlicher  weishait  gnug,         as  er  lasrum  erkicket, 

er  gieng  vom  grab,  sein  leib  was  clug,         der  tot  het  in  gericket.   • 
er  gieng  vom  grab  des  man  in  sach,         der  siben  kunsten  fliessen  bach. 
der  herr  mit  seinen  witzpn         des  prunne's  umbefach. 

3.  Ich  zel  im  tu  der  tarhait  zu,         der  siben  kunst  ist  nennet 

mit  seinen  sinnen  spat  und  fru,         und  er  sy  ntt  erkennet. 
der  tut  as  der  nit  kan 
höfliche  cluge  wort  und  werk,         die  schwecht  er  zallen  zeitten. 

er  let  auf  sich  der  kunsten  berck;         sein  kempfen  und  sein  streitten 
im  selb  nit  hailes  gan. 
Die  siben  kunst  nach  rechter  zal         hat  sich  got  selb  gemesen 
weder  ze  brait  noch  ze  schmal.         der  maister  ist  hoch  gesesen. 
mein  silbres  reis  das  alles  tut.         er  wurckt  aus  seiner  gothait  flut, 
das  jetze  mag  yerbringen         kain  menschlich  maister  gut. 
Eine  Paraphrase  des  Yaterunsers  unter  der  Aufschrift  der  HuUzmg 
steht  in  Mönch.  351,  s.Docen  1.  c.  1144;  und  ebenda  1147  steht  ein  Gesang 
in  des  HuVzings  hofdon  gedruckt. 

Dieß  ist  Alles,  was  ich  über  die  genannten  Dichter  sagen  kann.  Es  kann 
nicht  einmal  behauptet  werden,  daß  die  unter  ihrem  Mammen  angeführten 
Meistergesänge  wirklich  von  ihnen  gedichtet  sind:  sie  können  auch  von  andern 
Dichtern  in  ihrem  Ton  verfasst  sein.  Doch  lernen  wir  wenigstens  mit  Sicher- 
faeit  ihre  Töne  kennen ,  und  die  Wahrscheinlichkeit  ist  groß ,  daß  auch  die 
Gedichte  selbst  ihnen  zugeschrieben  werden  dürfen:  denn  die  Töne  dieser 
wenig  genannten  Dichter  sind  schwerlich  von  andern  gebraucht  worden. 


n.  DIE  SINGSCHÜLE. 

Handschr.  392,  Fol.  36.    KLIN6S0R  SCHWARZER  TON. 

Welcher  reckt  sein  maul  herfir,         recht  als  der  esel  hinder  der  stalledir  ? 

das  sein  gesang  wil  jederman  yerdriessen. 
Der  esel  hat  an  im  die  art,         das  sein  gesang  das  mag  man  im  erweren  hart. 

zwey  oren  lanck  gatt  im  auf  seinen  fiessen. 
Der  esel  hat  yil  me  vemunft,  wenn  du  auch  gen  mir  singest. 

er  gat  gar  gemach,  das  er  nit  Tall. 

dein  zung  die  ist  gein  mir  auch  reser  wen  ain  schnall ; 

ich  brief  gar  wol,  das  du  nach  unglick  ringest. 
Dein  bellen  muss  dir  werden  lait,       du  tust  as  ainer  der  antret  ain  narren  klaid. 

in  Spottes  zil  so  dent  die  leut  dein  lachen. 


316  ADOLF  HOLTZMANN 

Han  schlecht  auch  über  dich  deo  giel:  das  dent  die  leut  auf  benckeD  und  auf 

dem  stiel. 

ich  main  ich  wel  ain  gfagler  aus  dir  machen. 
Nun  wil  ich  in  versuchen  bas,  wil  er  sich  darzuo  schicken, 

ains  gaglers  terft  ich  also  wol, 

ich  wais  ain  land,  das  lafet  grozer  ratzen  vol, 

die  müst  er  mir  gar  waidelich  rerschlicken. 
3.  Singer  du  hast  nit  recht  gedacht ;         du  hets  ain  gsele  oder  zwen  auch  mit 

dir  bracht, 

die  dir  auch  geben  weishait  und  steire. 
Allain  so  bist  du  mir  ze  krank :      heb  dich  darvon,  ich  sing  dich  unter  einen  back. 

das  dein  gcsang  stat  gen  mir  ungeheire. 
Du  hetst  dich  \vol  unkumert  lan,  und  werst  da  heim  beliben; 

an  mir  erjagest  du  kein  er; 

und  bettest  mit  dir  gnumen  auch  deiner  gsellen  mer. 

kum  morgen  znacht,  bring  ander  gsellen  siben. 

Cod  392,  Fol.  37.   REGENBOGEN  BLAWER  TON. 

1 .  Es  ist  ein  singer  kumen  her,         man  soll  im  bieten  zucht  und  er. 

warmit  wel  wir  im  schenken  ein?  das  dend  mir  hie  bekunde. 
Wan  so  wolt  ich  der  erste  sein,         mit  gsang  wil  ich  im  schenken  ein 

ain  hupsch  barliedlin  oder  zway  aus  meines  herzens  gründe. 
Ich  bitt  euch  fraintlich,  lieber  gast,         das  ir  mich  habt  in  hutte, 

ob  ich  nit  hab  ain  blüenden  nast,  gesanges  winselrutte, 

das  ich  die  selben  eben  weg,          so  zaigt  mir  bürg  und  auch  die  steg, 
die  hin  gand  zu  der  kunsten  strass 

2.  Wer  hat  der  siben  techter  kraft,         der  ist  mit  rechter  kunst  behaft, 

der  trit  wol  an  der  meister  tanz,  da  man  die  singer  breiset. 
Singt  er  mir  ains,  ich  sing  im  zwai;         gesanges  kunst  ist  mancherlai. 

beschaid  er  mich  den  rechten  grund,  als  mange  sang  beweiset; 
So  stand  ich  auf  und  beut  im  wein,         dem  maister  hochgeboren. 

des  mag  sein  herz  wol  irölich  sein.         got  hat  uns  auserkoren. 

got  wil  die  singer  selber  han,         des  merkent  hie  auf  guten  wan. 

nu  bit  mir  mari  mutter  zart,         das  niemant  werd  verloren. 

3.  Ain  kränz  von  rotten  rosen  schien,         gebunden  fein  mit  seide  grien,- 

wer  mir  den  abgewinnen  kan,  des  lob  des  wil  ich  zieren 

Mit  Worten  gut  an  manger  st^t,  er  gat  wol  auf  der  kunsten  wat, 

der  ins  an  aller  meister  dien  mit  rechter  kunst  nottieren. 

Hat  er  die  wag  darbey  er  wigt  die  selben  reimen  ganze, 

mit  kunst  er  mir  den  abgesigt  und  wind  den  rosenkranze, 

besohait  er  mich  den  rechten  grund,  as  gsang  beweist  schlos  unde  bund. 

gesang  ist  nit  ains  kindes  spil,  ziert  wol  des  himels  glänze. 

Fol.  38.   KL1N6S0R  SCHWARZE  DON. 
1 .  Nun  her!  ir  heren  algemein,      man  spricht  wie  hie  die  hosten  singer  sollent  sein 
ir  reiche  kunst  die  wil  ich  ane  sohawen. 


MEISTERGESÄNGE  DES  XV.  JAHRHUNDERTS.  317 

Seint  sy  mit  rechter  kunst  behaft ,         und  stat  ir  gsang  den  wol  in  weiser 

niaisterschafb 

so  bleibt  ir  lob  von  mir  schon  unverhawen. 
Send  sj  mit  kunsten  also  fein,         das  ich  sy  mag  gebreisen, 

darumb  so  bin  ich  kumen  her, 

nach  meisterschaft  so  stat  mir  hie  meins  herzen  ger. 

den  hosten  singer  sollent  ir  mir  weisen. 

2.  Der  best,   der  hie  sey  an  der  wal,         der  sol  mich  lasen  heren  hie  den 

seinen  schal, 
ob  ich  im  mug  mit  meiner  kunst  geleichen. 
Gosigt  er  mir  mit  werten  ab,         las  sich  nit  trän,  das  ich  noch  bin  ain 

junger  knab, 
ich  wil  in  schänden  noch  nit  von  im  weichen. 
Sr  fint  noch  meisterliche  tat,         mit  sprechen  und  mit  singen, 
und  alles  des  sein  herz  begert, 
in  rechter  mhisterschafl  so  wirt  er  des  gewert, 
ich  traw  gar  wol ,  mir  sol  nit  misselingea 

3.  Ich  nim  ze  hilf  ain  raine  mait         und  mis  die  hoch  die  tief  die  weit  die  breit, 

so  mag  mir  meinen  heim  auch  kainr  rerseren. 
Nun  hert  warumh  gieng  ich  ze  schul,         das  ich  wol  sechen  wie  man  hielt 

der  maister  stul, 

da  tet  ich  fast  die  grechtigkait  Yorkeren. 
Wen  ich  hört  merkes  also  yil,  das  mich  des  ser  yerdriesset, 

ich  wolt,  das  in  der  weite  wer, 

das  man  die  falschen  merker  strafet  also  schwer,  < 

das  wer  mein  sin.     damit  wil  ichs  beschliessen. 

ebeuda.     DER  KUPFERTON.     (unter  den  Tönen  Frauenlobs,  Ettm.  XIH.) 

1.  Ir  maister  empfacht  mich  schone,         und  lan  mich  euch  empfolchen  sein. 

ich  sing  ain  speche  tone.  ob  ich  viel  ab  der  kunsten  steg, 

so  weist  mich  auf  gevert, 
Und  dient  an  als  Terdriesen.         ich  bin  ain  krankes  singerlein. 

mecht  ich  mein  kunst  beschliesen.         welcher  nit  yraist  den  rechten  weg, 
dem  leit  es  also  hert. 
Osang  ist  so  clug,  wer  seinen  sug',  darin  kan  eben  setzen 

ich  gib  im  breis,         ist  er  as  weis,         und  lat  sich  nit  yerhetzen. 
wer  sich  sein  kunst  nit  ubernimpt,         der  ist  an  sinnen  clug. 
den  jungen  es  auch  gar  wol  zimpt,         und  bringt  den  alten  fug. 

2.  Hit  gsang  wil  ich  mich  schmiegen,  mein  herz  das  ist  mit  sinnen  reich. 

so  wil  ich  niemant  triegen.         man  hat  mich  nit  in  schul  gelan. 

darumb  wil  ich  es  ton, 
und  sung  ich  wort  und  weise,         das  man  nit  fint  den  mein  geleich, 
mir  geb  die  weit  den  breise,  ich  mecht  mit  kunste  wol  bestan, 

das  wer  ain  schnöder  Ion. 
Und  wenn  ich  denn         dasselb  erkenn,         das  mir  wel  got  rerleiche 
mit  seiner  gunst         soliche  kunst,         und  wil  mich  nit  yerzelche. 


318  ADOLF  HOLTZMANN 

ich  wil  gen  keiDen  singer  hie         mich  remen  also  vil. 
ir  weise  meister  merket  wie  ich  mich  hie  schmiegen  wil. 

3.  Nun  han  ich  maisterleichen       .  ains  Singers  not  erzelet  gar. 

nun  wil  ich  lasen  streichen,         das  menger  niaiut  in  seinem  mut, 
er  hab  den  rechten  gnind. 
Das  wil  ich  widersprechen.  ir  weisen  meister  nement  war: 

wer  sich  als  hoch  wil  prechen,         ich  sprich  fiirwar:  es  ist  nit  gut, 
wer  suchet  newen  fund. 
Es  ist  mein  rat,         wer  weishait  hat,         der  sol  sich  nit  tU  remen. 
und  tut  er  das,         an  allen  has         sein  kunst  die  wird  sich  blemen. 
er  müst  ein  kluger  singer  sein,         der  west  all  döne  fand, 
wie  alles  wer  gesetzt  darein,         reimen  schlos  unde  bund. 


Fol.  39.     DES  CLINGSOR  SCHWARZER  TON. 

1.  Nun  weHch  geren  ru  han,         so  her  ich  wol,  mich  muttet  ainer  singes  an, 

mit  seinem  gsang  wil  er  mich  hie  yertreihe. 
Werst  du  ain  gast,  as  ich  hie  bin,         so  teicht  mich  gut,  du  liest  mich  mit 

dir  kumen  bin, 

die  deinen  kunst  darst  du  vor  mir  nit  Scheibe. 
Wen  geche  ding  die  send  nit  gut,         hert  man  die  weisen  sagen. 

nun  schweig  e  das  du  schweigen  must. 

mit  meinem  gsang  so  büs  ich  dir  den  deinen  lust,  *) 

nun  her  ich  wol,  dir  kurret  ser  dein  kragen. 

2.  Im  sumer  ist   der   anger   grün ,         ain   yetlich  hund    der  ist  auf  seinem 

miste  kfin 
und  wil  die  ander  gwaltigclich  yertringen. 
schmirb  deinen  hals  mit  rindermist :         das  ist  ain  salb,  das  der  kunst  toI 

gstossen  bist, 
so  wirt  dein  hals  von  heller  stim  erclingen. 
Ain  ku  die  tu  nach  irer  art         und  liet  nach  iren  kalbe, 
das  tust  du  singer  heut  gen  mir. 
ich  rath  dir  gsel,  das  du  dich  hebest  zu  der  dir. 
salb  deinen  leib  mit  schänden  allenthalben. 

3.  Singer  du  hast  nit  vemume,         du  wenst  ich  sey  von  singes  zu  dir  kume, 

du  mainst  ich  hab  auch  anders  nit  ze  schaffen. 
Furwar  das  hab  ich  nit  getan.         kein  gute  kunst  die  wilt  du  mich  nit 

heren  lan. 

ain  weiser  man  der  solt  den  narren  straffen. 
Nun  heb  dich  in  der  äffe  land,  wilt  du  zu  kunig  weren, 

da  finst  du  efifin  und  ir  kind, 

die  dir  zu  allen  zelten  undertenig  sind, 

die  mugent  dein  zum  kunig  nit  enberen. 


^)  Es  steht 'hast*. 


J 


MEISTERGESINGE  DES  XV.  JAHRHUNDERTS.  319 


Fol.  52.    IN  DEM  LANGEN  MARNER  DON. 

1.  Da  ich  ^as  jung  und  darzuo  ciain,         da  &cht  mich  singen  an. 

da  lernet  ichs  on  alles  nain,         das  ich  doch  sein  ein  wenig  kan. 
wa  man  ficht  mit  meistergesang, 

maines  (?)  schul  recht  (?)  ich  mich  nicht  schem 
In  meiner  mas  so  fircht  ich  kain ,         den  oherha  ich  han, 

mit  gutem  gsang  as  ich  es  main,         damit  wer  ich  mich  genn  airo  man. 
Tersetze  kan  ich  kurz  und  lang 

darmit  ich  aim  sein  schlege  dem. 
Ob  mir  dan  ainer  kom  so  nach,  das  er  mich  ubertrung, 
aus  seinen  schlegen  hinder  mich  so  tet  ich  ainen  sprung, 
ja  ich  sam  mich  Ait  lang, 

das  er  mir  hart  entweiche  mag,         wie  bald  ich  wider  auf  in  gang, 
mit  schlegen  die  seind  meisterlich         als  ich  geleret  han, 
ick  sich  in  an ,         gar  freliche  den  selben  man, 
so  tratzigclich  ich  ror  im  stan, 

ich  lig  im  Wechsel  wen  ich  wil,         das  er  mir  hart  entweiche  kan. 
mein  aufstreiche  das  tut  im  zwang.  .     . 

darmit  ich  mange  wilde  zem. 

2.  Ich  bin  ain  singer  daa  ist  war,         ich  han  es  oft  bewert. 

ich  Ticht  wol  ainem  maister  Tor,         wo  er  auch  eines  knecht'begert. 
und  kum  er  mit  mir  auf  ain^  schul' 

mit  gsang  so  wolt  wir  wol  beston.  ^ 

Süicher  spricht,  ich  *)  sej  ain  tor,         wie  ich  sing  heur  als  vert, 

mein  rure  die  gand  nit  enbor,         die  ich  schlag  mit  gesanges  schwert. 
setz  sich  der  maister  auf  ain  stul, 

drej^  geng  mag  ich  wol  für  in  ton. 
Ob  sich  da  ainer  hinne  wer,         der  maint  ich  het  nit  kunst, 
der  selbig  nim  sein  schwert  und  hebs  gen  mir  mit  gunst, 
das  mein  heb  ich  auch  auf. 

mir  welle  abenteure  hie ;  geselle  mein,  schlag  frelich  trauf 
hie  mit  gesang  gar  maisterlich,         doch  das  es  nit  we  tut, 
on  arge  mut,         die  selbig  schleg  sind  also  gut, 
sy  machen  weder  wund  noch  plut. 

da  tarf  es  wol  sin  und  yemunft,         das  er  sich  selber  hab  in  hut. 
ob  im  sein  schwert  auf  mich  enpful, 

sein  tet  da  spotte  jederman.  * 

3.  Manger  verachtet  ainen  man,         wan  er  in  erst  ansieht. 

er  waist  nit  was  er  inne  kan.         das  selbig  mir  auch  oft  beschicht. 
mein  schwert  han  ich  auf  in  gewetzt, 
nun  shawe  zu,  arm  und  reich. 
Kch  dunckt  ainer  well  mich  bestan.         das  acht  ich  sicher  ')  nicht. 

mein  sehwert  das  hat  mich  nie  Verlan,         das  ist  mein  zung  in  maistertioht« 


')  ich]  Handschr.  'er .  —  *)  'das  ach  sicher  Handschr. 


320  -       ADOLF  HOLTZMANN 

Bj  habe  mich  kain  halb  geletzt, 

und  die  sich  mir  schätzten  geleich. 
In  den  rier  weren  bin  ich  gut,         und  die  ich  da  bestim 
singt  er  Ton  got,  die  wete  ich  auch  zu  mir  nim. 
singt  er  von  ainer  rainen  mait, 

und  die  da  wont  im  höchste  tron,         ir  hilf  kaim  sinder  nit  yersait, 
die  die  die  ist  auch  wol  mein  fug,         ich  wil  mit  ir  hinschem. 
singt  er  dan  gern,         vie  an  dem  himel  stand  die  stern, 
das  selbig  las  er  mich  auch  hern. 

ob  er  uns  singt  Ton  der  kretaur,  das  mag  ich  in  auch  wol  gewern. 
heb  auf,  ich  hab  nider  gesetzt. 

mit  gsanges  schwert  ich  von  mir  streich. 

Fol.  114.     LANGEN  REGENBOGEN. 

1.  Singer,  ich  rat  euch  auf  mein  trewe, 

geleich  mich  niendert  zu,  fiirwar  es  dunckt  mich  gut. 

seid  adam  unser  vater  was,         yon  eve  sej  wir  allesant  gebore. 
Es  mecht  dich  tlenge  wol  gerewe.  \ 

das  schaffet  als  dein  hoffart  imd  dein  ubermut. 
ich  brief  gar  wol,  du  trest  mir  has.         singer  das  tut  mich  auf  dich 

also  zore. 
Dir  geschieht  als  lucifer  geschach^         der  ward  yerstosse  yon  dem  himel* 

reiche, 
des  mu8  er  leiden  ungemach,         darumb  das  er  sich  wolt  zu  got  geleiche, 
singer,  warzu  geleichest  mich,  das  tut  mir  auf  dich  zorn. 
yon  eya  sey  wir  allesant  gebom. 
ich  bit  dich  yatter  jhesus  crist, 
sich  an  die  hoffart  und  den  ubermut, 
der  hie  in  disem  singer  ist. 
wie  dunckt  er  sich  in  seiner  kunst  so  gut. 
ich   sag   dir  sicherlich  furwar,         dein  schallen  must  dir  gligen  noch 

yor  mom. 
das  wil  ich  auch  beschaiden  dich,         hof^rt  und  ubermut  wirt  yil  yerlom 

2.  Singer  und  wilt  du  mein  erbeite, 

so  straf  ich  dich,  es  mus  dich  helfe  ewigcleich. 

ja  yolgest  du  der  meiner  1er.         gesanges  kunst  die  ist  an  dir  erbrochen. 
Darumb  di»  1er  ist  an  der  zeitte, 

du  solt  auch  niemand  straffen  me,  merck  sicherleich 

beit  bis  du  wider  kumest  her.         ja  mainst  du  nit  yon  wem  es  werd 

gerochen. 
Oesel,  wild  yolgen  meiner  1er,        an  fremden  stetten  solt  du  niemant  straffen. 

so  wil  ich   dich  beschaiden   mer.         ja  wolst  du  nit,  du  bettest  seit 

geschlaffen. 

mein  gut  das  wil  ich  haben  mir,  du  bist  ain  schnQde  gast. 

dein  kunst  die  ist  gebunden  hie  mit  hast. 


M£IST£RG£SlNOE  t^ES  XV.  JAHRHUNDERTS.  321 

«     ich  beschwer  dich  bey  den  namen  drey 
bey  got  dem  ratter  sun  balliger  gaist, 
ob  es  kein  teufel  in  dir  sey. 
wan  du  um  gsanges  kunst  doch  nit  entwaist. 
dein  gsang  das  duncket  mich  ain  spot.         mein  herz  gewinnet  weder  ru 

noch  rast, 
bis  das  ich  dir  ain  platte  schir.         gesellen  gut  hebt  mir  den  hiersun  rast. 
3.  Ist  keiner  hinn  der  well  gelt  yerdenen, 

und  der  mir  laf  nach  ainem  rOsslin  in  die  stat? 

-dem  kais  ich  geltes  also  yil,         so  ril  er  hie  an  mich  nun  darr  gemutte. 
Mit  gsang  ich  hie  den  toren  krenen, 

er  ist  ain  narr,  das  brief  ich  wol,  er  mus  ins  bat. 

er  fugt  in  ain  narrenspil.         er  terfb  da.;  man  im  schlieg  mit  gutte  rutte. 
Vun  brief  ich  wol  du  bist  ain  narr,         ich  haun  dich  gstraft;  noch  wild  mich 

nit  yermeide. 
nu  setzend  in  hin  auf  ein  karr.         er  mus  ins  bad,  man  sol  ims  har 

abschneide, 
im  mus  gescheche  also  we,         das  sein  ye  ward  erdacht, 
denkst  du  dir  nit,  wer  hat  dich  rein  gebracht  ? 

tenkst  du  dir  nit,  o  herre  got,     hat  mich  der  teufel  zu  dir  trage  rein? 
hie  macht  er  mich  der  leute  spot.      darumb  solt  du  zem  nechsten  dausen  sein, 
du  bist  ains  erbem  briesters  sun.      heb  dich  darvon  haimliche  bey  der  nacht, 
und  tust  du  dalest  singe  me,        so  wis  ftirwar,  du  machst  nach  ungeschlacht. 

Cod.  680.  FoK  16.  MAISTER  CÜNRAD  VON  WÜRTZPURG  IN  SEINEM  MORGEN  DONN. 

1.  Welch  junger  man  well  richtikleichen  singen,         und  kann  er  das  Tolbringen, 

der  säum  auch  sich  lang, 
er  schol  sich  pas  bedenken,         das  in  an  kunst  nicht  krenke , 

das  er  nit  ral  und  werd  dem  gespöt  zu  taile. 
Die  silm  reimen  die  sol  er  eben  stecken,         fbrwar  ich  wil  in  hecken 

mit  meiner  sinne  stang, 
das  du  dich  must  hie  piegen,         dir  war  not  künstu  fliegen, 

das  du  dich  schwingst  hinaus  der  schänden  maile. 
Du  maister  la  dein  Sträuchen  sein,         du  färst  kein  rechtz  gefert. 
du  mainst  du  weist  der  kunsten  stul  besitzen, 
in  schänden  must  du  schwitzen, 

es  wirt  dir  hie  zu  hert. 
das  du  nach  gsange  wild  ringen,         du  magst  sein  nicht  yolbringen, 

dein  ubermut  der  machet  dich  ze  gaile. 

2.  Du  meisterlein  nu  la  dein  gschray  beleiben,         du  solt  dich  selber  schreiben 

gein  paris  und  gein  präg. 
do  hin  solt  du  dich  erben,         wild  du  gutten  gesank  yerderben,  * 
kain  maisterschaft  mag  sich  an  dir  nicht  pflichten. 
Mich  thunkt  an  deiner  art  du  kfinst  wol  hincken,      dir  mag  dein  him  wol  sinken. 
nu  soltu  haben  frag 
•iBUMu  m.  21 


322  ADOLF  HOLTZMANN 

und  la  dich  eben  schawen,         dein  sin  sind  dir  rerhawen, 

weis  unde  wart  kanstu  mir  nicht  ausrichten. 
Des  halt  ich  hie  gar  drutzikleich  gein  dir  auf  diser  pan, 
und  must  auch  mir  gar  lästerlich  entweichen. 

du  machst  mir  nicht  geleichen, 

du  tregst  den  lasterran, 
den  mustu  mit  dir  füren.         hüt  dich,  ich  wil  dich  rüren, 

und  dein  geschrey  mach  ich  dir  hie  ze  nichte. 
3.  Du  meisterlein,  wes  wildu  hie  beginnen?         nu  heb  auch  dich  Ton  hinnen, 

und  yar  hin  über  mer. 
do  soltu  dich  dergeben         ins  heilich  grab,  merk  eben, 

in  narren  weis  must  du  dein  zeit  yerdreiben. 
Cfhain  er  die  machst  hie  doch  niht  bejagen,         dazu  bey  deinen  tagen 

pist  gewesen  ane  wer 
pey  hübschen  gesang  so  kluge.         dein  grosse  ungefüge 

lat  dich  in  disem  land  hie  nicht  beleiben. 
Hewr  pald  von  hin  und  säume  dich  nicht  lange,       und  yar  auch  hin  dein  stnssi 
und  drab  für  dich  in  aines  esels  weise. 

in  schänden  must  du  greise 

du  hast  doch  hier  kein  — 
zu  lassen  noch  zu  halten,         in  torhait  mustu  alten, 
ge  hin  gein  päd,  heis  dir  dein  kunst  ausreiben. 

Fol.  40.    IM  RATTEN  DON. 

1.  Ach  heri  got  ich  hab  gesungen  also  lange, 

ich  pin  warn  schwach  und  beger  der  stangen, 
denn  mein  geleichen  thun  ich  hie  finden. 
In  seinen  künsten  ist  er  also  yeste, 
in  aller  weit  zimpt  er  sich  der  peste, 

er  lebt  nit  zwar  der  in  nit  mug  yerdringen. 
Er  singt  so  recht  und  auch  so  wol,         mit  meim  gesang  mag  icb  im  nit 

geleichen, 
ich  weis  nit  wo  ich  hin  sol,         thut  auff  die  thür«  ob  ich  immöeht 

entweichen, 
er  dreibt  mich  aus  dem  hause,         mich  armes  singerlein  auwe  der  peinl 
thut  auf  die  thür,  lat  mich  hinause,         wan  ich  mag  nimmer  hin  gesein. 

2.  Das  klag  ich  dir  du  tu  lieber  got,         das  er  mit  mir  treibt  den  seinen  spot» 

mit  meiner  kunst  draw  ich  wol  zu  beleiben. 
Ich  hab  deryarn  so  yil  der  fremden  landen,         yor  manchem  klugen  singet 

woll  bestanden, 
so  kumet  ainer  und  will  mich  hie  yerdreiben. 
Wild  du  mich  den  yertreiben  gar,         du  must  haben  kunst  in  deinem  henen, 
sag  ich  dir  offenwar,         hastu  der  nit,  so  mustu  leiden  schmerzen, 
ich  mag  dirs  nit  yerdragen      der  schänden  ein  hört,      deiner  schnöden  wort 
muss  ich  dir  noch  sagen,         wan  du  must  haben  der  künsten  ein  hört. 


MEISTEROESiNGE  D£8  XV.  JAHRHUNDERTS.  323 

3.  Bjr  wolt  ich  also  an  mir  rerzagen,         das  ich  mioh  einen  thumen  singer  hie 

lies  jagen, 
wol  her  an  mich,  wir  wein  uns  pas  versuchen. 
Pisto  mit  kunsten  also  beheften,         las  sie  hern  die  weisen  meistersoheften 

als  maus  yint  geschriben  in  den  puchen. 
Sing  mir  ein  parlied  oder  zwei         got  zu  lob,  es  wird  dir  woll  rergolden. 
nmb  dich  so  geb  ich  nit  ain  ay,         thust  du  sein  nit  du  wirst  von  mir 

gescholden. 
das  hern  die  meitter  weise         dein  gueten  gesank,  mach  nit  zu  lank. 
du  meinst  man  sole  dich  preise,         ich  sing  dich  dem  wirt  wol  unter  die 

pank. 

Hier  ist  die  Hälfte  des  Blattes  41  abgeschnitten;  vielleicht  fehlt  der 
Schlaft. 

Fol.  41.     EIN  EMPFAHCNG  IM  KUPFER  DON    (s.  Aretin«  9,  1179.). 

1.  Seit  mir  gotwilikumen         ir  meistersinger  auf  diser  vart. 

Ich  hab  gar  wol  vemumen,         ir  singt  aus  rechter  kunst  ein  krön, 
darumb  sprich  ich  euch  lob. 
Habt  ir  der  rosen  gebrochen         und  seit  der  kunsten  hochgelart, 
euch  wirt  lob  hie  gesprochen.         villossovei  der  kunsten  ein  pon 
schwebt  allen  dingen  ob. 
Wer  singen  wü        der  warhait  vil,         gramatica  mus  er  kunne, 
astronomej        die  want  im  pey,         wil  er  die  kunst  durchgrunden 
wan  si  lernt  weise  wart^         want  allen  kunsten  pey. 
musica  der  kunsten  ein  hart,         über  alles  melodey. 

2.  Die  musica  mus  er  wellen,         die  ims  unrecht  zum  rechten  bringt, 
ars  medrica  lernet  zellen         die  silmen  und  die  reimen  dringt, 

darpey  die  kunst  hie  bleibt 
astronomg  di  volendet        die  schon  umdreibt  des  zirkeis  rink, 
^r  himel  sich  umwendet        planeten  der  stem  glänz  begint  (?) 

das  ilnnament  um  dreibt. 
Br  fiirt  so  schon        gesangs  ein  krön,         wer  kau  mir  das  ausrichten, 
die  siben  kunst        gebn  im  sein  gnnst        und  helfen  ims  als  tichten. 
ist  er  der  maft  (?)  scheut  ?  ein  man,         ist  im  umbgsang  wol  kunt, 
so  dret  er  frOlich  auf  den  plan,         weist  er  den  rechten  grünt. 
3)  Wolan  der  singen  w5lle,         begriffen  zal  und  mas, 

der  las  hören  sein  geschelle         herestreichen  in  disen  rink , 
es  wird  gemessen  woL 
Sein  gsang  thut  er  beschneiden,         kein  reim  do  unterwegen  las, 
musica  sol  er  weiden,         die  ims  zu  rechten  kunsten  pringt, 
da  maos  probieren  soL 
Ich  schenk  ims  ganz         der  em  ein  kränz         so  gar  in  hohem  preise, 
singt  er  sein  gsank        nitz  kurz  nitz  lank        gib  im  recht  wart  und  weise, 
er  mus  der  kunste  ein  krenzle  haben        von  edel  rosen  sibn, 
die  pletter  sind  von  gold  puch^taben        gar  meisterlich  geschriben. 

21» 


324  ADOLF  HOLTZMAKK 

Fol.  41.     GRUES  IM  GULDEN  ZWINGER. 

1.  Oot  grues  die  edeln  mayster  schon,         ich  preis  si  wol  mit  der  em  einkion, 

und  al  die  zu  uns  her  sind  kumen. 
Ich  gib  in  lohes  also  yÜ.         niemantz  der  röm  sich  zu  dem  zil, 
und  thut  er  das,  er  hat  sein  guten  frumen. 
Nun  rieff  wirs  an  maria  das  wirs  rerpringen 

und  auch  die  höchsten  namen  drey         und  das  si  uns  auch  wanen  pey, 
speis  uns  der  geist,  seind  wir  von  got  hie  singen. 
Die  folgenden  Strophen  fangen  an 

2.  wer  weis,  von  wan  got  von  ersten  kam.         3.  got  hat  kein  haabt  das  ist  war. 
4.  Johannes  sach  gar  aygenleich.  5.  die  engeinen  ich  euch  gar  schir. 

Fol.  44.     GRÜES  IM  RITTER  DON. 

1 .  Oot  grues  euch  ir  singer  allgemein         und  wo  ir  seit  gesessen, 

ich  wünsch  euch  yil  der  gueten  jar  wol  in  des  maien  pluete. 
Ir  hiest  mich  euch  gottwilkomme  sein,  des  hab  ich  nit  vergessen, 

ich  main  die  maister  besunder  war  und  ander  gesellen  guet. 
loh  pit  euch  mit  gesanges  kraft,         das  ir  mich  schon  enpfahet, 

durch  aller  werden  geselleschaft,         das  ir  mich  nit  yerschmahet. 

mit  schönen  züchten  ob  ichs  kan         gesang  ich  preisen  wil, 

darfur  lob  ich  einen  man,         der  sich  römt  nit  zu  vil. 

2.  Wer  ich  weis  und  wol  gelart,         kunt  schreiben  und  lesen, 

wess  weis  und  wjprt  —  •—  damit  schus  ich  zu  dem  zil. 
Ich  hab  Ton  den  weisen  gehart,         wo  ich  bin  rar  gewesen, 

gesang  sei  weise  meisterschaft,  get  für  alle  saitenspil. 
Wo  man  pfeift  und  pusaunet  wol         vor  aines  kunges  veste» 

da  man  höflich  parn  sol,         ein  singer  ril  pesser  iste, 

so  red  ichs  wol  on  allen  spot,         das  es  so  weit  erklang. 

wo  man  lobt  den  zarten  got,         das  dut  man  mit  gesang. 

3.  Ich  pitt  euch  all  die  hinen  sind,         das  ir  mich  underweiset, 

ob  ich  gesang  euch  aufiderwag,         das  ir  nit  zürnt  an  mich, 
So  pit  ich  maria  und  ir  kint,         das  si  mich  fürpas  speisse, 

ob  mich  ein  singer  darum  fragt,  gesang  ist  maisterlich. 
Der  da  rosen  prechen  wil         zu  ainem  rosenkjanze 

der  dret  an  der  gesellen  spil,         y illeicht  gieret  im  eim  schanze. 

prech  er  der  roslein  wolgemuet    .     zu  einem  krenzelein, 

das  schenk  ich  allen  gesellen  guet         und  wo  die  singer  sein.     . 

Fol.  44.     SCHENDUNG  IM  PLABEN  DONN;  nämlich  blauen  Ton  Regensbogens. 

(s.  Aretin  9,  1178.) 
1.  Ich  wais  woU,  das  ir  maister  seit.         wer  sagt  mir,  wie  es  darum  leit? 
ir  habt  der  siben  kunst  vier  halb         gelart  yon  essel  weise. 
,  Hit  den  seit  ir  gegangen  zu  schul,         ir  habt  besessen  der  kunste  stul. 
ich  hör  es  sagen  yon  einem  kalb,         das  hat  euch  geben  preisse. 
Mich  dunkt  ir  seit  ein  singer  gros,         ir  habt  gelart  palde. 

ein  beschorenes  schaff  ist  «uer  genos,         ir  seit  der  kunsten  Yolle 


MEISTERGESÄNGE  DES  XV.  JAHBHITNDERTS.  325 

reht  als  ein  podenlose  kist,         da  nix  innen  pleil^en  ist. 

get  melkt  den  esel  und  die  gais         mit  euren  kunsten  helle.  '   . 

2.  Ir  seit  mit  euren  kunsten  scharff,         ewrs.gehöns  ich  nit  bedarf. 

ich  mein  ir  seit  gegangen  zu  schul ,  da  man  die  narren  leret. 

An  euren  gesang  hör  ich  es  wol,  ich  main  ir  seit  des  weines  yoI  ; 

ir  habt  besessen  der  kunsten  stul,  da  man  gesang  verheret. 

Ir  seit  mit  euren  kunsten  grob,  das  hab  ich  wol  vernummen. 

hie  niemand  gibt  euch  preis  und  lob,  ir  thut  gut  kunst  zudrummen. 

ir  kirt  als  ein  wageradt         mit  euren  kunsten  schwach  und  mat. 

ir  thut  reht  als  ein  per  der  leit         in  einer  hol  dut  prummen. 

3.  Ir  seit  ein  meister  künstenreich  doch  sew  verschneidens  seuberlich. 

und  kumpt  morgen  frue  herwider  und  verschneit  uns  unsern  ganzen. 

Ir  seit  ein  kunsten  losser  (man),  ir  krät  gleich  als  ein  yauler  han 

fleugt  auff  die  misten  manichfalt  mit  seinem  krummen  schwänzen. 

Singer  ge  bin,  kreuch  untert  pank  und  hilf  der  katzen  maussen. 

ich  mein  die  weil  sei  dir  lanck,  und  heb  dich  aus  dem  haussen, 

ee  dir  das  drum  werd  zu  kurz,  das  du  nit  nembst  understurz. 

und  ge  hUf  in  dem  spital         den  alten  weihen  laussen. 

Fol.  61.     IM  ÜNGELARTE' FREMDEN  DONN.  ') 

1.  ■  Ist  imandt  hie  der  mit  mir  singen  welle,  beschaidenlichen  leben, 

eim  klugen  singer  ich  ri\  guets  vergan. 
Ist  er  mit  gsang  ein  guet  geselle,         ich  wil  im  lob  hie  geben, 

und  wen  er  das  mit  rechter  kunst  verpringen  kan. 
Gesang  ist  ein  hupsche  kurze  weil,         und  der  da  weis  die  rechten  mas. 
mit  kdnsten  er  da  nit  eil         auf  ungepenter  stras. 
das  sol  der  singer  nemen  eben  wäre         sein  gesang  das  er  mit  im  dare 
mit  rechter  kunst  das  si  in  da  nit  las. 

2.  Ich  lob  gesang  für  perlen  und  für  seiden         und  wolt  im  das  zustören, 

er  het  das  als  auch  für  einen  schimpf. 
Mancher  thut  sich  grosser  kunsten  geuden,         ir  mugt  das  auch  wol  hören, 

ich  sprich  furwar  es  pringt  keim  gelimpf. 
Ir  meister  und  ir  merker  guet,         mir  ist  umb  einen  kundt, 
'  noch  hab  ich  gesanck  in  meinem  mut,         das  ist  beruren  den  grünt 
wol  der  mir  mit  seim  gesang  wil  nahen,         ich  wil  in  schon  enp&hen. 
das  bort  ir  zu  haut  aus  mainem  mundt. 

3.  Hun  well  wirs  also  lassen  beleihen,         und  lob  ich  weiglich  guete 

und  auch  die  rainen  frowelein,  wo  ich  pin. 
Koch  ich  mich  wol  in  iren  willen  schreiben,  si  erfreut  mir  mein  gemuete, 

maria  rerleich  mir  witz  und  weisen  sin. 
Bas  ich  ir  nit  vergesse  gar         das  dunkt  mich  gar  guet, 
von  der  wart  got  gepam,         der  uns  mit  seinem -pluet 

ewiklich  foehuet         vor  grosser  helle  gluet. 

maria  hat  uns  hie  und  dort  wol  in  huet. 


^)  Danmter  von  der  Hand  des  Dilbftom :  *et  stat  in  des  mames  wildem  den.' 


326  ADOLF  H0LTZMA19N 

Cod.  392H'8.  680(^  68.  Oörres  226.   IN  DER  KORWEIS. 

1.  Ich  wil  gar  frelich  heben  an         mit  meiner  kunst  auf  diser  pan. 

in  meiner  hant  für  ich  ein  van,         darauf  sieht  man  geziret  stan 
ein  krenzelein  yon  rosen  schan,         wer  mir  den  abgewinnen  kan 
mit  schallen  und  mit  singen. 
5.  Ich  han  ein  krenzlein  ausgehenkt         und  es  an  meiner  stangen  schwenkt^ 
wer  sich  nach  seinen  plumen  senkt,         der  kum  mit  kunsten  unbekienkt. 
ob  er  die  recht  mas  bedenkt,         im  wer  daz  krenzelein  geschenkt, 
ich  wil  ims  selber  pringen. 
Das  krenzlein  ist  gepunden  da         mit  einem  seiden  faden  gra, 
10.        rot  rosen  drein  und  yejel  pla,         mit  ganzem  fleil^  gemachet. 

nach  lust  gespiegelt  als  ein  pfa,         und  wer  das  krenzlein  anescha 
er  denk  in  seinem  herzen ;  ja         wer  ich  mit  kunst  besachet. 
sein  kunst  er  dennoch  fliese  la         gar  züchtiklich  on  alle  dra, 
das  er  die  plumen  nit  verha,         dardurch  er  wert  geschwachet. 

2.  15.  Wer  umb  das  krenzlein  singen  wel,  der  acht  das  er  die  reimen  stell, 

der  silbe  zal  darron  nit  rell,         weis  unde  wort  er  nit  verbrel 
das  recht  gesang  von  herzen  schnell,         und  er  kein  valschen  don  mtgtelt 
dardurch  er  wert  geletzet 
Hat  er  zu  ganzen  kunsten  fleis         und  singt  gar  züchticlich  und  leis 
20.        wan  er  sey  junk  alt  oder  greis ,         erwirbt  er  hie  mit  kunst  den  preis 
so  wil  ich  selber  sein  as  weis,         ich  peit  im  meines  kranzes  reis, 
er  wirt  im  aufgesetzet. 
Ich  wil  im  geben  weise  1er,         wie  er  sich  zu  dem  krenzlein  ker, 
das  er  der  pletter  kain  rerrer,         wil  er  dan  singens  pflegen 
25.        Ton  einer  keuschen  magt  her,         ain  tail  von'gottes  leiden  mer, 
der  für  uns  wart  gemartert  ser         und  auf  den  kreuz  gelegen, 
singt  er  Ton  der  planeten  zwer         Yom  firmam'ent  und  die  agsper, 
so  wirbt  er  umb  des  kranzes  er,         ich  trag  im  den  engegen. 
8.         Nu  merkigar  eben  was  ich  sag         zal  unde  was  im  herzen  drag, 
30.        schände  laster  Ton  im  jag,         ob  er  mein  1er  behalden  mag, 

die  ich  im  zaig  nacht  unde  tag,         so  sing  das  man  nit  ab  im  klag, 

ab  weis  und  auch  ab  werten. 
Ich  main  gut  gselle  überall ,         die  singen  wellent  nach  der  zal. 

1.  froUch  wil  ichs  b.  mit  meim  gesang  6.  —  2.  daran  fint  6.  —  3.  ein  kränz  ton  losen 
wolgetan  6.  —  5.  hab  b.  wie  schön  es  an  der  stangen.  —  6.  senkt]  lenkt  6.  der  wirt  tn  b. 
—  7.  und  ob  er  b,  rechten  6.  verdenkt  b,  im]  dem  b.  krenzlein  hie  b,  —  10.  rot]  liecbt  b, 
darinnen  [und]  b,  mit]  nach  b.  —  11.'  Inst]  wünsch  b,  anesach  6.  —  12.  der  denkt  b.  >] 
Jach  b,  wer  er  6.  —  13.  dan  entfliessen  b,  [gar]  b.  —  13.  die]  der  b,  —  15.  drachi  — 
16.  der  silbe  zal]  zal  unde  mas.  [er]  —  17.  schnell]  schell,  er]  auch.  —  Id.  ganzen]  gnettA* 
singt  er  zohtlich  nnd  anch.  —  20.  [wan].  der  hie  schon  gewinnet  pr^ils.  —  21.  wi]]pin< 
seinas]  wol  so.  —  24.  kain]  nit,  wen  er  singens  wil  pflegen.  —  25.  smgt  er  Ton  der.  «m 
teils.  —  26.  der  ist  fnr  uns.  nnd  an  dem.  —  27.  der]  dem.  die  dement  und  die  aeh  iper* 
•—  28.  krenzles.  den  drag  ich  im.  —  29.  Nu]  Hört.  [gar].  —  30.  scfaant  nnd  laster.  ob] 
uid  —  31.  die  ich  im  zaig]  nnd  was  ich  im  sag.  so]  er.  —  32.  ab]  mit.  ab]  mit.  —  3S.  H«i 
ir  hem  uberal.    die  da. 


MEISTEBGESlKGE  DER  XV.  JAHBHUI9DEBTS.  327 

jeiliehem  don  sein  rechten  ral         und  das  kein  rortail  da  nit  lial, 
35.       erkennt  man  das  an  seinem  schal,         man  sest  in  inn  der  maister  sal 
und  schleul^t  im  auf  die  pforten, 
Sa  rechte  kunst  verborgen  leit.         der  las  erschölle  es  ist  zeit, 
nun  merk  was  ich  im  mer  bedejt,         den  kränz  den  sei  er  giesen 
mit  guter  kunste  wol  gefreit,         und  allen  vortail  ye  yermeid , 
40.       has  unde  neid  Tom  herzen  reit,         so  thut  sein  lob  entspriesen 

in  allen  landen  rer  und  weit,         darumb  man  im  das  krenzlein  geit. 
ich  sprich  das  er  nit  lenger  peit,         er  las  sein  kunst  her  schiessen. 


Ich  stelle  hieher  noch  zwei  Gesänge  Michel  Beheims  Cod.  312,  Fol.  44, 
in  dessen  kurzer  Weise. 

WIE  EIN  SINGER  DEN  ANDERN  VORDERT. 

1.  Ich  michel  behn         lass  mich  hie  sehn,         ist  kein  geselle 
Her  kummen  im         der  jubilirn         kürtzweilen  welle. 
On  allen  zorn 

8ol  daz  beschehn,         mit  hübschen  zirn 
sol  man  uns  hie  verhorn. 

2.  Xan  er  die  kunst         aus  herzenbrunst         reht  mässe  geben 
Hauch  singens  val         silmen  und  zal,         der  kümpt  mir  eben. 
Hit  dem  wil  ich 

nach  huld  und  gunst         uf  diser  wal 
hie  singen  lüstiglich. 

3.  Ist  hie  kein  man,         der  singen  kan,         der  sol  her  eilen, 
Vir  schnellem  just         nach  herzenlust         well  wir  kürzweilen. 
Wol  zu  her  schir 

uf  diser  bau,         ich  bin  gerust 
heb  an  und  antwürt  mir. 

Dß  IST  EIN  ANTWORT  SO  EIN  SINGER  DEN  ANDERN  MIT  SINGEN  VORDERT. 

1.  Ghit  gesell  wol  her,         du  bist  mir  mer,         und  kumst  mir  eben. 
Ich  aht  ein  cleins,         daz  wir  hie  eins         umbs  ander  geben. 
Aus  der  geschrift 

ist  mein  beger,         wir  wellen  keins 
daz  geekerej  betrift. 

2.  Hur  gut  gesank,         damit  wir  dank         erwerben  mügen. 
Und  aller  zorn        soll  sein  verhorn         mit  hübschen  fügen. 
Kurzweilen  wir 

an  allen  zank.         wert  es  bis  mom, 
es  ist  kein  zorn  in  mir. 


35.  so  sitzt  er  aoff  der  —  36.  [im]  auf  sein  pforten.  borte  a.  —  37.  Da  rechte  kunst] 
Wo  guet  gesang.  es]  sein.  —  38.  fnonj.  im]  euch.  —  39.  mit  gaetten  werten,  und]  ganz. 
—  40.  Neid  und  gesang  von. 


328  FEDOR  BECH 

3.  Es  wer  dann  gwan,  daz  mich  ein  man  nit  weit  irlassen 
Von  solcher  not,  und  mich  mit  spot  begünd  furrassen. 
Bis  leg  wir  hin 

und  heben  an,  und  loben  got 

und  auch  die  muter  sein. 
'Eine  strauff  nf  töreht  singen  von  Michel  Beheiro,  worin  anch  das  Alter 
des  Volksliedes  vom  Moringer  bezeugt  ist,   steht  gedruckt  in  Mones  An- 
zeiger 1839,  560.  ADOLF  HOLTZMAM. 


SPRACHLICHE  ERLÄUTERUNGEN 

zu  DEM  VON 

K.  BARTSCH  HERAUSGEGEBENEN  GEDICHTE  „DIE  ERLCESUKG". 

(Quedlinburg  und  Leipzig.     Gottfr.  Basse  1858.) 


V.  19 :  wie  sich  der  erden  hunder  hat  pesetzet  under^  bunder  ist  wohl  nicht 
mit  dem  Herausgeber  von  binden  abzuleiten;  sondern  =  pundety 
mhd.  phunder,  über  welches  Schmell.  I,  319  und  Passional.  192,  5 
ed.  K.  zu  vergleichen  sind.  Dem  mit  der  lateinischen  Sprache  ver- 
trauten Dichter  (Bartsch  in  der  Einl.  S.  III)  schwebten  aus  dem 
Anfang  von  Ovids  Metamorph,  die  Worte  vor:  telltis  ponderibus 
librata  suis  und  {tellus)  pressa  est  gravitate  suai  ohnehin  ist  seine 
Auffassung  der  ürelemente  ebendaher  entlehnt.  In  ähnlichem 
Sinne  steht  bei  unserem  Dichter  gepunde,  V.  874. 

V.  66 :  geivuht^  statt  des  vorgeschlagenen  gewruht  ist  vielleicht  gevruht 
=  gevruhtet  zu  lesen,  wie  solches  im  Loheng.  ed.  R.  7573  sich  ge- 
braucht findet. 

V.  101 :  dise  rede  ist  ein  emsütch  gefar'\  ob  einlich  gevarf  dieß  gäbe  hier 
einen  passenden  Sinn;  der  Dichter  hat  zuvor  gesagt,  daß  er  nicht 
verstehe  (V.  85  fg.)  vil  gesmieren  noch  die  worte  gezieren  u.  s.  w.; 
der  Schreiber  konnte  durch  den  folgenden  Vers:  des  rede  ich  emest- 
liehe  dar  verfuhrt  sein. 

V.  144;  sie  gmrren  unde  sungen]  das  nach  der  Anmerkung  zu  dieser  Steile 
„bisher  nicht  belegte  girre  gar  gurren^,  welches  nach  Weigand 
(Zeitschr.  6 ,  486)  noch  in  der  Wetterau  geläufig  ist ,  scheint  nur 
dialektisch  verschieden  von  dem  im  rahd.  Wörterb.  1,  821  verzeich- 
neten kirre  (quirre)  kor  kwrren.  Der  Einrichtung  jenes  Buches 
wäre  es  freilich  entsprechender  gewesen  die  auf  S.  592 — 593  be- 
findlichen Wörter  gurre,  ergurret  u.  s.  w.  mit  ihren  Verwandten  zu- 


SPRACHLICHE  £ItLlUT£BüNO£N.  329 

sammenzustellen.  Zu  dem  aus  Lanz.  1555  angeführten  er  gurret 
ist  noch  J.  Titurel.  2172,  2  ed.  Hahn  (coli.  1680,  4)  nachzutragen. 
V.  233 :  erjage  ich  den  selben  grdt  besitzen^  Der  Dichter  hatte  im  Sinne 
Jesaias  14,  12 — 14,  wo  es  nach  der  Yulgata  lautet:  „quomodo 
cecidisti  de  coelo,  Lucifer,  —  corruisti  in  terram  qui  vulnerabas 
gentes,  qui  dicebaa  in  corde  tuo:  in  coelum  conscendam,  super 
astra  Dei  exaitabo  solium  meum,  —  ascendam  super  altitudinem 
nubiam,  simiiis  ero  Altissimo.^  Hiernach  könnte  man  für  das 
seltene  erjagen  mit  seinem  Infinitiv  vermntheu :  er  jach^  ich  mac 
(oder  ich  wil)  den  selben  grdt  besitzen  u.  s.  w. 
V.  429:  w^e  daa  allez  sannen  schtn^  wegen  V.  426  und  nach  dem  Zu<- 
sanunenhange  muß  es  wohl  heißen :  w^e  daz  allez  samen[t\  schin. 
V.  436:  von  sechen  Ufas  sin  latte'\  Der  Herausgeber  vermuthet  in  der  Ein- 
leitung S.  IV,  dafi  unter  sechen  eine  Holzart  verstanden  werde,  und 
schlägt  dafür  eichen  zu  lesen  vor,  während  er  in  der  Anmerkung  zu 
V.  1509  wieder  an  seche=  „Sichel""  und  an  „sichelförmige  Bogen^ 
denkt.  Man  vergleiche  indess  v.  d.  Hagen  MS.  1,  S.  69,  9,  wo 
Bruder  Eberhart  von  der  Maria  singt: 

du  gelichest  wol  dem  schrine, 

aberguldet  nach  dem  schine^ 

wol  gewirket  von  sechine , 

daa  man  niht  erwerden  siht, 

der  dajs  himelbrdt  beslozzen 

hat  u.  8.  w. 
wozu  V.  d.  Hagen  3,  592  bemerkt:  sechine  scheint  eher  sethine^. 
Unter  dem  schrine  wol  gewirket  von  sechine,  mit  dem  die  Gottes- 
mutter verglichen  wird,  ist  die  Bundeslade  zu  verstehen,  von  der  es 
Exod.  14, 1  nach  der  Vulgata  heißt:  yjecit autem BeseUel  etarcam 
de  lignis  setim''  (hebr.  D'^tpttS),  welches  Luther  mit  „Föhrenholz", 
neuere  Erklärer  mit  „Akazie"  übersetzt  haben;  auch  die  y^tabulae 
tahernaculi  de  lignis  setim"^  26,  15,  und 36,  20  sind  zu  nennen;  r- 
endlich  gehört  hierher  eine  Stelle  aus  der  Schilderung  des  Palastes 
des  Priester  Jöhan  im  J.  Tit.  6104  ed.  H.:  zethim  ein  holz  genennet 
den  palas  ist  ez  habende^  da^z  holz  man  sus  erkennet^  sin  sma^  der 
si  die  Uut  an  kreften  labende  u.  s.  w.  Hiernach  kann  an  unserer 
Stelle,  in  der  das  himmlische  tahemäkel  mit  dem  Throne  Gottes 
beschrieben  wird  und  wohl  nicht  ohne  Bezug  auf  Exod.  26,  15 
u.  s.  w.,  nur  jenes  setim,  sethin  gemeint  sein.  Ob  auch  der  silen- 
boum,  mit  dem  Y.2545  Maria  verglichen  ist,  mit  Rücksicht  auf 
unsere  Stelle  einem  setinboum  weichen  mäße,  wage  ich  nicht  zu 
entscheiden. 
V.  459— 460:  die  ReimwöTter  dinster :  jßnster  müßen  wahrscheinlich  umge- 


330  FEDOR  BECH 

stellt  und  in  fenster :  denater  verwandelt  werden,  so  daß  fenster  hin- 
fort das  Subjekt  zu  465  bildet;  hierdurch  würden  zum  Theil  die 
Einleitung  S.  V  bemerkten  Schwierigkeiten  beseitigt.  Über  denster 
=  dinster  sieh  Gramm.  2,  185. 

V.  484:  Zu  der  Anmerkung  bei  dieser  Stelle  ist  noch  zu  vergleichen  Grimm 
z.  Athis  S.  76  (V.  126). 

V.  790 :  des  ire  unrt  ge/eilety  und  stn  werde  rtcheit  den  widersachen  wiii 
geleit,  daz  sie  ez  mogent  stören^  Das  Punkt  nach  richeit  ist  zu 
streichen;  statt  itnrt  geleit  hieß  es  vielleicht  ursprünglich  vur  ^eW^ 
oder  hin  geleit/ 

V.  894:  und  ich]  wand  ich? 

V.  898—899:  duz  ich  iht  mehte  verdrozzen  mit  langer  rede  keinen  nm\ 

^mehte  ist  nicht  =  mohte,  sondern  =  mhd.  machete,  ingleichen 

verdrozzen  nicht  wie  B.  meint  =  „verdrießlich  machen",  sondern 

Particip.     Grade  so  Boner  40,  14:  verdrozzen  wil  ich  imver  Üben 

fnachen. 

V.  1025:  den  helletal  erSsen]  das  Wort  tal  findet  sich  als  masc.  gebraucht 
noch  in  den  von  Grimm  herausg.  Mar.  Lied.  <Zeitschr.  X)  114,  1: 
der  hellische  dal,  im  Pass.  ed.  H.  133,  41:  zuJdsaphät  in  dendd 
Vgl  ferner  Pfeiffer's  Jerosch  in  S.  232,  wo  viele  Beispiele  stehen. 

V.  1106:  als  einen  himelischen  vagt  der  sin  gnäde  niht  versagt]  fikvagt 
(Hand sehr,  vogt):  versägt  ist  wohl  zu  schreiben  vogt :  verzogt;  cfr. 
Loheng.  4878  ed.  R. :  swaz  bristen  da  der  tSt  beifügt,  die  enuurben 
4wege  freud;  daz  wart  verzogt  den  heiden.  Auch  bei  unserem 
Dichter  findet  sich  verzogen  V.  4139. 

V,  1213:  er  und  ouch  stn  Säfrd]  vom  Abschreiber  scheint  eher  das  seltenere 
chone  als  wtp,  das  B.  vermuthet,  mißverstanden  und  unterdrückt 
worden  zu  sein;  ich  lese  daher  :^  und  stn  chone  Sdrd;  und  grade 
so  steht  bei  Diemer  353,  12:  dtn  chone  Sdrd. 

V.  1247 — 1463:  daz  riclie  unrt  nimmer  m^ 
genom>en  in  der  Juden  ^ 
von  dem  könne  daz  Judas  birt, 
und  in  leider  ouch  enwirt 
von  siner  hoffe  nimmer  gnomen, 
der  herre  st  dann  zu  ^ste  komen  u.  s.  w. 
Diese  Verse  sind  übertragen  aus  Genes.  49,  10:  „non  auferetur 
sceptrum  de  Juda  et  dux  de  femore  ejus,  donec  veniat  qui  mittendus 
est,  et  ipse  erit  exspectatio  gentium";  in  Fundgr.  11,  77,  30 — 33: 
vone  Judä  neunrt  niemer  ginomin  daz  chumchiiche  sceptrum,  noch 
von  sinen  huffen  gebristet  chuonere  herzogin,  unze  wirt  gibom  der 
al  die  weite  sol  nSHn,  des  chunft  alle  die  beident,  die  der  über  die 
werlt  eint  gibreitet  =  Maßm.  D.  Gedd.  S.303  (5508  folg.).  Bier- 


SPRAGHUGHE  ERLÄÜTEEüNGEN.  331 

nach  ist  hofe  nicht  =  Hoffnung,  sondern  =  mhd.  Aw/,  hüffe  =  fe- 
mnr;  ferner  muß  es  statt  und  ir  leider  wohl  heißen:    noch  ein 
leider  (=  nioderator,  dux). 
V.  12Ö4:  er  ist  uns  breiden  edle  lant]  vielleicht:  er  ist,  des  beiden  alle 
lant,  oder:  Orisfus  erheiden  alle  Zant  =  „ipse  erit  exspeetatio  gen- 
tium" nach  der  Vülgata. 
V.  1308:  8ol  ist  zu  tilgen. 
V.  1364 — 1358;  nu  schouwet  wie  gar  wannen 
glich  der  herre  kume, 
alse  sanfte  jd  lüme 
regen  in  die  wölken  slü/et 
und  druf  üf  erden  tr&fet, 
vermnthiich  hieß  es: 

nu  schouwet  wie  gar  wonnen 
glich  der  herre  kume, 
alsam  üf  die  plüme 
regen  üz  wölken  slü/et  u.  s.  w. 
hierzu  vergleiche  Psalm  72,  6:  „descendit  sicut  pluvia  in  vellus  et 
sicut  stillicidia  stillantia  in  terram."     plüme  ist  hier  wie  vHere 
vom  „flaumigen  Pelzwerk"  zu  verstehen ;  vergl.  auch  pflamv^dere. 
V,  1466 — 1467:  du  sali  schrtben  die  geschiht,  überlanc  sie  noch  geschiht^ 
d^r  „rührende  Reim"  ist  hier  wohl  zu  entfernen  und  zu  schreiben 
die  gesiht  mit  Bücksicht  auf  die  Worte  der  Yulgata  (Habac.  2,  2 
^o\g.):  „scribe  visum  —  qnia  adhuc  visus  procul  et  apparebit  in 
finem"   etc.     Gesiht  =  „Traumgesicht,    prophetisches   Gesicht, 
Offenbarung",  erscheint  in  diesem  Sinne  als  neutrum  Mar.  Legg. 
XXI,  367  ed.  Pfeiffer,  Ruother.  3854,  Pass.  17,  13  ed.  K.,  aber 
auch  als  femininum  Pass.  354, 19,  Mar  Legg.  ir,  233;  auch  V.  2182 
bei  unserem  Dichter  muß  es  heißen  in  der  gesiht  der  naht  =  »in 
vbione  noctis"  nach  der  Vulgata. 
V.  1463:   wan  er  komet  sichtlich  unde  Uzet  des  niht  sich^  B.  vermuthet 
unterm  Texte  erUzet;  aber  es  soll  wohl  heißen:   „er  kommt  ge- 
wiss und  säumet  nicht",  entsprechend  der  Vulgata:  „quia  veniens 
,    veniet   et   non   tardabit";   statt   Uzet  muß  also   gelesen  werden 
lezzet  =  mhd.  hizzet     Über  sich  hizzen  =  „säumen"  sieh  die 
Stelle  aus  Parz.  824,  16  im  mhd.  Wöiterb.  1,  942. 
V.  1507:   von  der  aneginne  änfano]  der  aneginne  ist  wohl  für  gen.  plur. 

zu  halten ;  das  vermuthete  femin.  ist  bisher  ohne  Beispiel. 
V.  1574:   sich  hat  verspart  der  erden  rigel]  mich  hänt  verspart  d,  e.  n, 
gemäß  der  Vulgata:    „terrae  vectes  concluserunt  me  in  asternum." 
V.  1624:   verren  wec^  verre  enwecf, 
V.  1656:  wer  mohte  wu  bedrahten  den  tac  einer  hmfte  ;rft]  an  diesen 


332  FEBOR  BECH 

Worten  ist  nichts  zu  ändern,  da  es  in  der  Volgata  heißt:  „qois 
poterit  cogitare  diem  adventus  ejus." 
V.  1660 — 61:  zum  Verständniss  der  beiden  Verszeilen  war  nöthig  Ma- 
lachiaslü,  2 — 5  (Vulg.):  „ipse  enim  quasi  ignis  conflans  et  quasi 
herba  fuUonum  et  sedebit  conflans  et  emundans  argentum  et 
purgabit  filios  Levi"  etc. 
V.  1678 — 79:   vielleicht  daz  ich  (oder  deich)  iht  mit  fluche  enslage  rüder 
daz  ertrtchy  sS  ich  kome  wider;  denn  in  der  Vulgata  steht: 
^ne  forte  veniam  et  percutiam  terram  anathemate." 
V.  1798—1801 :      aldd  erduzet  üheral 

ein  ffrulich  busunen  schal 

in  die  werlt  eunder  clage : 

er  kündet  den  järnertage. 
Der  Dichter  sucht  wiederzugeben  die  Worte  des  Sibyllenorakels 
V.  23 — 24:  „et  tuba  tunc  sonitum  tristem  committit  ab  alto, 
orbe  gemens  facinus  miserum  variosque  labores";  aber  in  diesen 
Zusammenhang  passt  weder  sunder  clage  noch  sunderclage: 
vielleicht  hieß  es :  s6  under  klagen  er  kündet  den  jämerta^en. 
Über  die  bei  dem  Dichter  übliche  Deklination  der  mit  tac  tage 
zusammengesetzten  Wörter  sieh  zu  985. 
V.  1804^1806 :      so  sehent  alle  lüte  goi, 

böse  und  unreht  [den]  höhen  dSt, 

disen  heiligen  unde  gM. 
im  Sibyllenorakel  4 — 5  heißt's:  „inde  deum  cernent  incredulas 
atque  fidelis  celsum  cum  sanctis";  vielleicht  ist  also  zu  schreiben: 
hose  und  rehte  den  hohen  vogt,  zusehen  heilic  unde  gut   Wegen 
des  Reimes  gotwogt^  dessen  sich, der  Dichter  einige  Male  be- 
dient hat,  sieh  die  Anm.  zu  2359. 
V.  1813:    hier  muß  gelesen  werden:  die  sunder  4mc  flamme  negt,  denn 
die  Sibylle  singt  V.  12:  „tradenlur  santes  aetemaque  flamma 
cremabit^;  an  ein  Compositum  sunder^wig  zu  denken  verbietet 
hier  der  Sinn  wie  die  Vergleichung. 
V.  181 6 —  1 820 :      ouch  himel  und  erde  wirt  verbrant, 

mer  brennen  beche  sä  zuhant 

drucken  werdent  aüe, 

daz  ertrtch  allenthcdben 

her  nach  zerbrochen  sol  vergdn. 
auch  diese  Zeilen  lassen  sich  mit  Rücksicht  auf  das  Sibyllen- 
orakel „(exuret  terras  ignis  pontumque  polumque  —  aequantnr 
campis  montes,  et  caerula  ponti  omnia  cesscinjtnt ,  tellus  con- 
fracta  peribit:  sie  pa/riter  font4s  torrentw^  [nicht  „terrentur"] 
fluminague  igm)""  durch  Umstellung  so  herstellen: 


SPRACHLICHE  ERLÄUTERUNGEN.  833 

himel  und  erde  wirf  verbrant, 
ouch  hrormen  beche  sä  jtehant, 
drucken  werdent  alle  mer, 
daz  ertrich  allenthalben  her 
nach  zubrechen  sol  vergdn. 

V.  1832;  daz  leste  lebende  urteil]  ist  aufzufassen  wie  der  lebende  tac,  daz 
lebende  jär,  nach  Gramm.  4,  65. 

V.  1862:  daz  der  ßamme  höhe  üf  dranc]  das  auffallende  genus  beseitigt 
sich  leicht,  wenn  man  lohe  fär  h6he  schreibt ;  eine  ähnlich  lau- 
tende Stelle  bietet  dann  der  Renner  13963:  s6  slehet  der  lohe 
des  viuree  4/1 

V.  1854:  auch  hiez  er  schdfbanden  anfiizen  unde anhanden  dr&kinder] 
ganz  in  derselben  Bedeutung  findet  man  im  Pass.  660,  37  ed.  K. 
schächhanden:  d6  liez  er  dementem  schächbanden  mit  f uzen 
unde  mit  handen;  auch  diese  Composition  ist  im  mhd.  Wörterb. 
nicht  verzeichnet. 

V.  1918:  statt  die  kini  lies  dir,  leint;  vergleiche  die  betreffenden  Worte 
aus  Virgil  in  der  Anmerkung  zu  dieser  Stelle. 

V.  1947:  dem  Sinne  wie  dem  Metrum  angemessener  scheint  kauf  schätz 
statt  des  handschriftlichen  koufmanschafL 

V.  2030 — 32 :     man  sol  ouch  in  den  selben  tagen 
die  swert  zu  pflüge  tragen  (?) 
zu  sicheln  dt  glevtnen. 
Die  Conjektur  von  B.  zu  dem  (?)  'pfl'&ge  slagen  scheint  mir  nicht 
wahrscheinlich.  Auf  das  Ursprüngliche  mag  vielleicht  führen  die 
Stelle  des  Jesaias,  welche  der  Dichter  hier  wiedergeben  will, 
c.  2,  4  (Vulg.):  „et  conflabunt  gladios  suos  in  vomeres  et  lanceas 
in  falces."     Hiemach  lässt  sich  vermuthen ,  daß  hier  ein  Wort 
stand,  welches  dem  mhd.  blasen  geblasen  verblaejen  in  der  Be- 
deutung  „schmelzen,    durch  Schmelzen  bereiten"    (sieh   mhd. 
Wörterb.  1,  196;  Schmell  1,  231)  oder  unserem  nhd.  prangen 
(sieh  Lohengr.  4877;  Schmell.  1,  342  und  351)  verwandt  war. 

V.  2123 — 2127:  in  diesen  Versen  hatte  der  Dichter  vor  sich  die  Stelle  im 
Jerem.  33,  16:  „in  diebus  illis  salvabitur  Juda  et  Israhel  hai>i- 
toMt  confidenter"^  etc.  Daraus  ergiebt  sich,  daß  ehemals  unsere 
Stelle  so  lautete:  Israh^  sol  ein  wanhaftwesen  ouch  gar  fride-^ 
liehe  hän  ( :  man} ;  wesen  =  hahitatio  ist  genugsam  bekannt ; 
wanhaft  =  mhd.  wonhaft ,  welches  sich  auch  noch  V.  3715 
findet. 

V.  2334:  über  *  ufnd  über  "hagel]  mir  scheint  udnt  vor  und  ausgefallen 
zu  sein. 

•  V.  2497 :   flir  daz  vielleicht  A>,  bezogen  auf  Maria,  die  rehte  rose. 


334  FEDOB  BECH 

Y.  2902 :  die  juncfrowe  ir  kindelin  gebar]  anstatt  kindeltn  ist  wohl  JbWza 
lesen;  auch  an  andern  Stellen  hat  der  Schreiber  beide  Ausdrücke 
vertauscht  und  so  das  Metrum  gestört,  so  V.  2962:  dem  Idnde 
ein  wazzerhat  (lies  kindelin);  -V.  2419:  dcLZ  kint  sol  werden 
ffrSs  (lies  kindelin);  Y.  3490:  seht  des  selben  kindeUnes  leben 
(lies  kindes). 
Y.  3049:  ir  Kunde  ketten  ir^alp]  die  mhd.  Form  galf  ist  den  Yerfassern 
de&mhd.  Wörterbuches  nicht  entgangen  1,  618 — 519.  Yielleicht 
wurde  hier  gelesen  gegblp^  entsprechend  dem  im  Wörterbuche 
vermerkten  mhd.  gegelfe  =  „Geschrei";  unser  Dichter  in  seiner 
Sprache  liebt  nämlich  die  Formen  mit  ge-<,  z.  B.  gebovel  4598, 
gerüefe  (?)  4273,  getrebe  ebendaselbst,  gepwnde  874,  gekriute 
1954,  gebacke  6493,  gejgtm/te  3164  und  3382.  ' 
Y.  3186 — 87 :  auch  solde  ein  ho/eUcJie  kraß  erkennen  von  der  heiden- 
'Schaft]  für  erkewnien  ist  wohl  zu  lesen  er  kamen;  dieft  würde 
auch   mit   der   Yulgata   stimmen,  Jesaias  60,  5:  „videbis  et 

affines  -: quando  — :  fartitudo  genUum  venerit  äW";  dazu 

vergleiche  auch  Y-  3260 :  daa  mr  mit  gäbe  kamen  im;  ir  be- 
zieht sich  .auf  Jerusalem.     Das  Wort  hofeUche  scheint  in  der 
vorliegenden  Stelle   wie   in   dem  Ausdrucke:   hofeUche  schar 
Y.  6008  und  6339  die  Bedeutung  von  „ansehnlich,  groß"  z« 
haben. 
Y.  3190:   camelin  =  „Kamel**  lautet  sonst  gewöhnlich  kemhelin  kämbeUn 
kenibel  kemel,  und  in  dieser  Gestalt  ist  es  im  mhd.  Wörterb.  li 
795  nicht  vergessen;  sieh  die  Anmerkung  von  Bartsch  zu  dieser 
Zeile;  vergleiche  auch  Crane  ed.  Bartsch  2447,  2749  u.  s.  w. 
Y.  3226—28:     er  wolte  mit  in  sprächen^ 
die  herren  nü  votbrdchten 
des  sie  aisS  Herodes  bat 
hier  ist  wohl  statt  nü  volbrähten  zu  schreiben  rdht  verbrächen 
=  „unterließen  nicht,  weigerten  sich  nicht  zu  thun."     Ebenso 
findet  sich  das  Wort  im  Pass.  gebraucht,  z.  B.  671,  69  ed.  K. 
des  wolde  er  niht  verbrechen  u.  s.  w. 
Y.  3237:   er  (=  Herodes)  kordclich  als6]  es  wird  gelesen  werden  müSen 

kijvndicUch  (kondiclichf)  =  „listig,  schlau". 
Y,  3247 — 48:  besser  lauten  beide  Zeilen  jedenfalls  so: 
luie  er  sol  geweltic  wesen 
über  uns  und  alle  konicrtch. 
Y.  3363—64:  vielleicht  hieß  es:       • 

daz  was  ein  offenbdrekeit 
der  gewalt  und  hSrlikeite  ( :  gereite) 
vergl.  3525 :  ein  lieht  der  offenbärikeit  des  volkes  immer  mA^ 


SPRACHLICHE  ERLÄUTERUNGEN.  8S5 

V.  3427:  dciz  umbe  daz  geschiktßy  daz]  das  gesohihte  ist  schwerlich  hier 
a^  sahst  zu  fassen;  der  Dichter  sagt  sonst,  wie  B.  zu  dieser 
Stelle  bemerkt,  nur  die  geschiht;  es  scheint  vielmehr  das  mnd. 
praeteritum  (=  mhd.  geschacK)^  welches  W.  Grimm  zu  den 
Mar.  Liedern  (Zeitschr.  10)  p.  138  bespricht.  Zu  vergleichen 
ist  auch  bei  unserem  Dichter  Y.  5915  und  6458. 

V.  3576:  ir  segelftnc  des  mndea  bldcK\  ebenso  des  windes  bldch  V.  927. 
Das  Wort  bldch,  welches  B.  von  blaejen  in  der  Anmerkung  zu 
dieser  Zeile  ableitet,  scheint  dasselbe  Wort  zu  sein  welches  im 
Pass.  =  vldge  (z.  B.  des  tvindes  oder  des  Sturmes  oder  des 
wazxers  vläge\  auch  pfldge^  (ed.  Hahn  280,  34)  pldge  (337,  6) 
lautet  und  im  mhd.  Wörterb.  3,  335  seine  Stelle  gefunden  hat. 
Über  Abwerfhng  der  Endvokale  sieh  Bartsch  z.  5451  und  3263. 

V.  3595 :   sin  kröne  wurde  iezu  verdruct]  iesd  f 

V.  3599:*  vor  zome  ich  mosten  niht  enkan]  man  könnte  Axif'mdzen  oder 
reuten  rathen;  indessen  beim  Stricker  im  Karl  1837  findet  sich 
mosten  ahnlich  gebraucht: 

dem  wos  er  horte  erbolgen 
und  lies  ez  liitzel  meisten. 

V.  3919 — 20:  ndch  mir  kämet  er  zuhont,  der  von  mir  gemachet  wart] 
von  ist  in  vor  zu  ändern,  vergl.  Johan.  I,  27  (Vulg.):  „ipse  est 
qui  post  me  venturus  est,  qui  ante  me  factus  est,  cujus  ego  non 
sum  dignus  ut  solvam  ejus  corrigiam  calceameuti.^ 

y.  4160:  sie  danzte  unde  wiherte  in]  die  Handschrift  hat:  si  dozdzet  und 
wieherte  hin  ( : in);  jedenfalls  steckt  darin  das  bei  Graff  I,  708 
aufgeführte  wichön  =  saltare  gesticulare,  wichunga  =  gesticu- 
latio,  wohin  die  dort  aus  vocab.  theut.  erwähnten  Wörter  wicken 
(praestigiari)  und  uncker  (praestigiator)  gehören;  und  ebenso 
kennt  Frisch  2,  446  die  Formen  wicker,  wickerei,  wickerung, 
ufickersche,  wickersen  und  andere  in  gleicher  Bedeutung. 

Y.  4205—4206 :      die  töten  det  er  üf  stgn, 

die  hinken  det  er  springen.] 
Das  Wort  hinke  =  „Hinkender"  hat  sich  im  md.  bis  jetzt 
nirgends  gefonden;  möglich  also,  daß  es  ursprünglich  hieß:  die 
hinkenden  (er)springen,  oder  auch  dafi  der  Schreiber  das  ihm 
unverständliche  holze,  welches  sich  gerade  in  dieser  der  Bibel 
entnqnmienen  Schilderung  bei  andern  Dichtern  oft  findet,  durch 
sein  ihm  geläufigeres  hinke  verdrängte.  Ebenso  scheint  ein 
seltenes  Wort  wie  onetuht  in  V.  802 — 803  durch  des  Abschreibers 
Hand  verloren  gegangen,  so  daß  man  dort  vielleicht  zu  lesen  hat: 
da  von  des  t&fels  ojnetuM  wirt  verwundet  (venuunneh?)  über  al; 
die  Handschrift  giebt  ungefug  ( :  vruht) ,  wofür  B.  ungenuht  in 


V.  4361: 

V. 

4548: 

V. 

4666: 

V. 

4798: 

V. 

4935: 

336  FEDOB  BECH 

den  Text  gesetzt  hat;  über  anetuht  sieh  Graff  6,  368  und  atfh 
duht  in  Litan.  1136  (?). 
V.  4272—73:  ich  vermuthe: 

ddz  sich  von  dem  volke  ikt  hebe 
ein  gerufe  und  ein  getrehe. 
Die  Handschrift  hat:  ein  grasen;  durch  gerufe  und  getrehe 
wollte  vielleicht  der  Dichter  das  bei  Matthaeus  befindliche  „tu- 
multus"  wieder  geben,  26,  6:  „dicebant  autem:  non  in  die  festo, 
ne  forte  tumultus  fieret  in  populo."  Wie  hier  geirebe,  so  steht 
V,  4771  ein  traben. 

zu  kUiderltn  vergl.  Elisab.  (Graff.  Diut.  1)  390,  Zeile  15. 
in  des  ruwen  biUerkeit]  -  Beispiele   vom   schwach  flektierten 
mascul.   rüwe   sieh   bei   Haupt,  z.  Winsb.  S.  68  und'Himelf. 
Mar.  327. 

der  Juden  volc  mit  grimme  lam"]  im  mhd.  Wörterb.  werden  von 
Ictm  zwei,  nicht  wie  B.  sagt  nur  ein  Beispiel  angeführt,  und  zwar 
aus  Helbl.  und  Mar.  Legg. 

zw^he  Schacher  man^  sch^ches  mant  sch^chmcm? 
fiir  cUsän  ( :  man)  vielleicht  alzan  =  (Alezanf 
V.  4946 — 48:  diese  Verse  sind  mit  veränderter  Interpunktion  vielleicht  so 
zu  lesen: 

SU8  wart  geleit  der  heilant. 
üf  daz  grap  alsd  zuhant 
einen  stein  sie  schrieten, 
V.  5001 :    ockers  findet  sich  außer  den   im   mhd.  Wörterb.  angezogenen 
Stellen  noch  Altd.  Bl.  1,  365,  Hätzl.  S.  231,  91;  besonders  sieh 
Willir.  S.43. 
V.  5128:   in  des  tödes  geinde :  gemmnde']  =   „m  mortis  regione"  nach 
der  Vulgata;  geinde  noch  in  Elisab.  (Diut.  1)  S.  431;  geinA^ 
im  Pilat.  344, 
V.  5485 — 86 :     kein  spräche  ist  nirgeh  noch  kein  rede^   . 
man  habe  an  ir  stimme  s6  stede 
gehört  der  herre  da  zjisturd. 
So  die  Handschrift.     Ich  vermuthe:  m<m  habe  an  ir  stimme  ä^ 
stede  I  gehört  der  herren  sd  zustunt ;  oder  auch :  mmi  habe  ir 
stimme  sam  ir  stede  an  den  herren  gehöret  dd  zustunt, 
V.  5680 — 81 :     du  Wer  schöne  sunder  waly 
dtn  flecke  hat  an  dir  nit  mdL 
bessern  Sinn  erhält  man,  wenn  man  schreibt: 
du  luter  schöne  sunder  mSy 
die  flecke  enhänt  an  dir  niht  twäl; 
vergleiche  J.  Titur.  5198,  4  ed.  H.:  vor  (Handschrift  von)  dem 


SFRAGHUCHE  EBLlUTERüNOEN.  337 

keinungeztbere — Mt  mht  twdles  (iffrdles).   twdle  für  zäU  hat 
B.  auch  V.  860  gesetzt. 
V.  6728 — 5732:     wer  ist  die  frowe  in  dirre  wät^ 
die  80  hheltch  fif  gdt^ 
die  (if  gSnde  wirdet  sehtn 
als  ein  r&chez  gtirtelin 
van  uftrouch  unde  merren] 
So  lautet  der  Text  bei  Bartsch;  die  Handschrift  hat  rauches 
statt  des  von  B.  gegebenen  rüchez.    Das  Wahre  springt  in  die 
Augen,  wenn  man  vergleicht  Cantic.  3,  6  (Vulg.):  „quae  est 
ista  quae  ascendit  per  desertnm  sicut  virgulafumi  ex  aromatibus 
myrrhae  et  thuris^,  so  Irie  Willir.  24,  6:  als  ein  chleiniu  rSth- 
gerta  (cod.  Lngd.  riuchgerda);    sonach  muß  hier  für  rücJiez 
gurteUn  gelesen  werden:  rüches  gerteltn. 
V.  6807:   zu  dem  seltenen  partic.  geroden  ist  zu  vergleichen  Schmeller. 

3,  66. 
V.  6939:   der  Ausdruck  üf  gevidert  findet  sich  ähnlich  gebraucht  im  J. 
Tit  4345,  2.  ed.  Hahn. 
In  dem  S.X  der  Einleitung  befindlichen  Gedichte,  Y.  47 — 48,  heiOts: 
dS  sich  gein  gote  hol  der  man 
vor  vorhte^  seht  dS  müste  er  sdn 
Hz  dem  paradtse  var. 
Die  Handschrift  bietet  hatte  man  statt  hat  der  man;  ich  würde 
dann  schreiben: 

dS  sieh  gein  gote  hoMe  (Ädamf)  der  man 
verworht  — 
vergleiche  V.  131,  wo  dieselbe  Ausdrucksweise  wiederkehrt. 
Einl.  S.XIV,  237:  der  in  hat  gevangen, 

der  ist  beide  ♦  und  arc 
und  ist  im  leider  al  ze  starc. 
Vom   Teufel   ist   die   Rede.      Ich    vermuthe:    der   ist   beide   vient 
untarc. 

Schließlich  noch  einige  Verbesserungen,  betreffend  das  am  Schluße  des 
Buches  (S.  376)  mitgetheilte  Gedicht  von  der  Sibylle.  Dort  muß  es  V.  18 
heiß^  ah  itno  anstatt  ab  uno;  V.  20  a^equantur  campis  statt  ae.  campus; 
V,  22  torrentur  statt  terrentar;  V.  25  dehiscens  statt  dicens. 

ZEITZ,  in  den  Sonunerferien. 

FEDOB  BECH. 


22 


338  FRANZ  PFEIFFER 

BRÜCHSTÜCKE  .  • 

AUS  ''     .\ 

IWEIN  UND  DEM  ARMEN  HEINRICH. 


I.   IWEIN. 

Diejenigen,  die  der  Meinung  sind,  in  dem  von  Lachmann  aufgestellten 
Texte  des  Iwein  sei  Alles  schön  und  gut  und  keiner  Verbesserung  mehr  fähig, 
werden  einen  Abdruck  der  nachstehenden  Pergamentblätter,  die  der  von 
Lachmann  verworfenen  Recension  Bb  angehören,  ohne  Zweifel  sehr  überflüssig 
finden :  denn  wozu  alte  Schwarten  abdrucken,  aus  denen  flir  die  Wissenschaft 
kein  Gewinn  zu  ziehen  ist?  Ich  für  meine  Person  theile  jene  Ansicht  nicht, 
vielmehr  hat  mich  eingehende  Forschung  und  Prüfung  zu  der  Überzeugung 
gefuhrt,  daß  1.  die  Hs.  A  den  ihr  von  Lachmann  eingeräumten  Vorzog  in 
dem  Maße  keineswegs  verdient,  2.  daß  in  sehr  vielen  Fällen  der  echte  Text 
nur  mit  Hülfe  von  B  und  der  mit  ihr  stimmenden  Hss.  herzustellen  ist,  und 
3.  daß  L.,  abgesehen  von  der  Frage  über  den  Werth  der  Handschriften,  in 
keiner  seiner  Ausgaben  der  Willkühr  und  Gewaltthätigkeit  so  sehr  hat  die 
Zügel  schießen  lassen,  als  gerade  im  Iwein.  Ich  werde  das  Alles  später  ein- 
mal ausführlich  und  mit  schlagenden  Beispielen  darthun;  *)  für  jetzt  nur  so 
viel :  der  Text  des  Iwein  bedarf  einer  vollständigen  Revision. 


^)  Hfer  eine  gelegentliche  Probe ,  wozu  eine  Lesart  des  ersten  Brachstücks  auffordert. 
Die  Z.  3225  lautet  bei  Lachmann  em  akte  weder  man  noch  wip ,  ohne  Handschrift.  D£b 
haben  nämlich  wie  unser  Blatt  em  ahte  üf  man  noch  üf  wtp»  B  dagegen  liest  statt  aUe  — 
hazte,  und  ebenso  die  halb  niederdeutsche  Hs.  A  hate ,  d.  i.  hazte  (die  in  unmittelbarer  Ter- 
wandtschaft  zu  A  stehende  a  hau  ez).  Daß  diese  letztere  Lesart  keine  Präposition  4^  neben  sich 
duldet ,  dürfte  klar  sein.  Anders  gestaltet  sich  das  Yerhältniss ,  wenn  man ,  wie  Lachmann 
gethan,  die  Lesart  ahte  aufnimmt,  dann  darf»  bei  einem  so  correcten  Dichter  wie  Hartmano, 
€if  hier  so  wenig  fehlen  als  in  der  nachfolgenden  Zeile:  niuwan  üf  sin  selbes  lip,  denn  das 
aus  dem  hl.  Georg  2321  angezogene  Beispiel  ist  kein  völlig  analoges  und  Reinbot  ron  Tome 
überhaupt  nichts  weniger  als  ein  mustergültiger  Dichter.  Diese  Bedenken  wäreii  am  Ende 
von  geringem  Belang :  wichtiger  ist  die  Thatsache«  daß  Lachmann  die  von  ABa  gebotene  echte 
Lesart  (nämlich  hazte)  gar  nicht  erkannt  hat.  In  den  dieser  Stelle  vorhergehenden  Zeilen 
(3201  ff.)  wird  der  erschütternde  Eindrack  geschildert,  den  der  Zorn  und  die  Schmäfanng  der 
Lanete  aaf  Iwein  gemacht  haben :  er  verlor  den  Verstand: 

nach  einem  dinge  jdmert  in: 

daz  er  wcere  etswd 

daz  man  noch  wtp  enweste  wä 

und  niemer  hörte  mcere. 
Dann  heißt  es  unmittelbar  darauf  weiter : 

er  verlos  sin  selbes  hulde, 

wan  em  mohte  die  schulde 

üf  nieman  aohders  gesogen : 

in  het  ttn  selbes  swert  trslagen. 


BRUCHSTÜCKE  AUS  IWEIN  UND  DEM  ARMEN  HEINRICH.  339 

Von  diesem  Gesichtspunkte  aus  betrachtet  wird  es  nicht  so  ganz  über- 
flüssig sein,  einstweilen  weiteres  Material  zu  einem  Umbau  zurecht  zu  legen , 
daram  mag  man  sich  den  Abdruck  dieser  Blätter  hier  gefallen  lassei). 

1.  Ein  Pergamentblatt  aus  dem  Ende  des  13.  Jahrhunderts,  Folio  in 
Spalten  zu  38  Zeilen,  im  Besitz  des  Dr.  Zahn  in  Wien,  der  den  Abdruck  in 
znvorkonunender  Weise  mir  gestattete;  er  geschieht  nach  einer  schönen, 
sorgfaltigen  Abschrift,  die  mir  Hr.  Anton  PernhofiFer  freundlich  zur  Verfügung 
gestellt  hat.  Die  Orthographie  derHs.  verräth  einen  mitteldeutschen  Schreiber: 
tt  for  «0,  iie,  ä,  tu;  e  fliT  ae;  i  für  ie  in  di,  lif^  g^fy  Um^  stiz  etc.,  o  für  oe^ 
ch  für  h  a.  s.  w.    Der  Text  stimmt  am  öftesten  mit  Bb. 

Vorderseite,  erste  Spalte. 

3211.   Im  .  .  .  fteten  mutes 
di  vorluft  des  gutes 
d*  iamir  nach  dem  wibe 
d . .  enamen  finem  Übe 
3215.   vil  gar  di  vreude  vfi  den  fin 
nach  ein6  dinge  iamrt  in 
daz  er  were  etelVa 

daz  man  noch  wip  8wefte  wa 
vfi  nimir  gehorte  mere 
3220.        war  er  cumen  were 


mit  andern  Worten:  Iwein  gerieth  in  Zorn  über  tkh  selbst,  denn  er  konnte  die  Schuld  auf 
Niemand  anders  schieben,  er  hatte  sieh  mit  seinen  eigenen  Waffen  getödtet. 
em  hoste  weder  mcw  noch  wip 
niuwan  ein  selbes  lip, 
10  lauten  die  weitem  Verse  bnchst&blich  in  B :  er  hegte  gegen  Niemand  GroU  und  Haf  als 
gegen  sich  selbst.    Ich  frage :  kann  man  einen  AngenbUck  in  Zweifel  sein,  welche  Lesart  den 
Vorzug  Terdient:  diese  ToUkommen  zu  dem  Voransgehenden  passende,  einen  Tortreff liehen 
Sinn  gewährende,  oder  jene  matte,  Iwein  sei  gegen  die  ganze  W^t  gleichgültig  gewesen  nnd 
babe  bloA  über  sieh  selbst  gebrütet?    Denn  wenn  in  den  Anmerkungen  S.  299  zur  Beohtferti- 
jgang  dieser  Lesart  bemerkt  wird:  'gerade  die0  ist  der  wahre  Weg  den  Verstand  zu  verlieren , 
10  ist  dabei  Übersehen,  daA  Iwein  nicht  erst  auf  dem  Wege  war,  sondern  den  Verstand  bereits 
Terloren  hatte«  indem  Hartmann  schon  V.  3214.  15.  gesagt  hat:  die  benämen  sime  Übe  beide 
vreude  und  den  sin:  seine  Selbstrerachtung  und  der  Haß,  den  er  auf  sich  selbst  warf  und 
die  Um  bewogen,  die  Gesellschaft  zu  meiden,  waren  die  Folge  des  schon  aujsgebrochenen 
hrnnns. 

Henrorznheben  ist  noch ,  da6  hier  wie  an  vielen  andern  Stellen  B  allein  das  nichtige  ge- 
wahrt A  hat  mit  den  Übrigen  üf  einen  selbes  lip»  Überhaupt  scheint  mir  dieses  falsch  gesetzte 
6/ und  das  niederdeutsche,  von  den  hochdeutschen  Schreibern  unverstandene  hate  =  hcuste, 
das  wohl  schon  in  der  Vorlage  von  A  gestanden  hat,  die  Änderung  in  ahte  veranlasst  zu  haben. 
Abgesehen  aber  von  der  VeriLennung  des  Echten  haben  wir  hier ,  wie  noch  Öfter  im  Iwein, 
dieselbe  «unkritische  Veimengung  der  Lesarten  verschiedener  Handschriften**  die  Haupt 
(2eit8ehrilt  3,  181.  182)  dem  Herausgeber  des  Eraclius  mit  Becht  zum  Vorwurf  gemacht  hat. 

8215«  vü  gar  di  s  Babd.  —  3219.  gehorte  =  BDabed. 

23« 


g^Q  FRANZ  PFEIFFER 

er  v*Io8  fin  felbes  hulde 

wan  er  enmochte  di  fchulde 

vf  niman  anders  gefagen       ^ 

•    in  het  fin  felbif  fw't  irflagen 

3225.   Em  achte  uf  man  noch  uf  wip 

niwan  uf  fin  felbes  lip 

er  ftal  fich  fwigende  dan 

daz  irfach  da  niman 
vnz  daz  er  qua  uor  di  gezelt 
3230.        vz  ir  geßchte  an  daz  velt 
do  wart  fin  rvwe  alfo  groz 

daz  im  in  daz  hime  fchoz 
ein  zorn  vft  ein  tobefucht 
er  brach  fin  fite  vft  fin  zvcht 
3236.   vft  zarrete  abe  fin  gewant 

daz  er  wart  bloz  fam  ein  haut 
vft  lif  ouch  vbir  gefiilde 

.  acket  nach  der  wilde 
D . .  di  iacvrowe  gereit 
3240.        .  V  waf  de  kvnige  ftarke  leit 
d.f  h'ren  yweines  fwere 

.fi  vragete  wa  er  were 
Er  wolte  in  getroftet  han 
vn  bat  nach  im  gan 
3245.   vft  als  in  da  niman  vant 

nv  waf  daz  vil  vnbewant 
swaz  man  nu  da  gerif 
wand*  gegen  walde  Uf. 
Vorderseite,  sweite  Spalte. 
ER  was  ein  depn  beweret 
3260.       ein  helt  vn  erveret 

swi  manhaft  er  doch  were 

vft  fwi  vnwandelbere 
an  Übe  vft  an  finne 

doch  meirte  in  vrowe  mine 
3266.   daz  im  ein  crankiz  wip 
vor  kerte  finne  vft  lip 
d*e  ein  rechter  adamas  v 

rittirlich*  tugende  was 

3225.  em  achte  uf  man  noch  of  wip  =  BEb,  -  3229.  unz  daz  =  M  -  3240  »n^ 
BDU.  —  3241.  des  h,  =  Bhd.  -  3250.  ein  helt  =  BU  (und  ein  ADo\  -  3257.  ejie  AV, 


BRUCHSTÜCKE  AUS  IWEIN  UND  DEM  ARMEN  HEINRICH.  341 

der  lief  nv  also  balde 
3260.       ein  tore  in  dem  walde 
Nv  gap  im  got  der  gnte 
der  in  uz  finir  huete 
dftncch  nicht  gar  enliz 
daz  im  ein  garzü  wid'  Itiz 
3265.   d'  einen  guten  bogen  tmc 

den  nä  er  im  VA  fbralen  gnnc 
als  in  der  hnnger  befbunt 

fo  tet  er  fam  di  toren  tnnt 
In  in  nicht  mer  witze  kont 
3270.       niwan  die  eine  vme  den  munt 
Er  fchoz  priflichen  wol 

euch  ginc  d'  walt  wildef  vol 
swa  daz  gefbnnt  an  fin  zil 

def  fchoz  er  uz  d'  maze  vil 
Onch  mnfberz  felbe  irgahen 
3275.       vfi  ane  bracken  vahen 

do  enhet  er  kezzel  noch  falz 

wed'  phefBr  noch  fmalz 
sin  falfe  waf  di  hnngir  not 
3280.       di  iz  im  brit  vn  fot 

daz  iz  ein  fnze  fpife  was 

VA  wol  vor  hüger  genas 
Do  er  def  allef  nil  gephlac 
nv  lif  er  tme  einö  mittötac 
3285.  an  ein  nvwez  gemete 

do  uant  er  nicht  me  luete 

Rückseite,  ente  Spalte. 

Niwan  ein  einegen  man 

d'  felbe  fach  im  daz  wol  an 
daz  er  nicht  recht*  finne  was 
3290.       VA  vloch  hin  da  er  genas 


alsojharte  ADad,  fehlt  B.  —  3260.  in  =  ÄEa,  —  3266«  stralen  =:  ÄDcd.  — 
3270.  Diwan  =:  A.  —  Z274t.  76.  irgahen :  rahen  =  Bb  (die  übrigen  yahen  :  eigahen).  Ich 
»eiae,  sehen  die  einfache  Logik  sprOehe  für  die  Richtigkeit  der  erstem  Lesart:  erst 
»lauft  fnan  ein  Wüd,  d,  h,  holt  es  im  Laufe  ein,  dann  fängt  man  es,  nicht  umgekehrt.  — - 

3275.  und  ane  =  BDb.  also 

oQoh  mnose  erz  selbe  eig&hen 
und  ftne  bracken  yAhen. 

3276.  do  enbet  =  Bb.  —  3284.  nn  Hf  er  =  6  =  BD.  —  3286.  nuwez  gemto  =  BDab.  — 
'^''.  niht  me  ss  Bd.^mihax  =  BI>Ed.  —  3290.  vaid=zBJSab. 


342  FRANZ  PFEIFFER 

da  nahen  in  (in  hnfelin 

da  inne  wanter  ficV  (in 
vn  v'rigelte  uafte  (in  tuer 

vfi  fbant  innen  da  fuer 
3295.   D*  tore  duchte  in  alza  groz 

er  gedachte  tut  er  einen  (toz 
di  tnr  vert  uz  dem  angen 

fo  ift  min  lebin  irgangen 
Ich  arm'  wi  inere  ich  mich 
3300.       ZV  iügeft  da  bedacht'  fich 
Ich  wil  im  minef  brotef  gebn 

fo  let  er  niich  uil  lichte  lehn 
Nv  gi  ein  venftir  d^ch  di  want] 

da  d*ch  racter  im  di  hant 
3305.   vü  leite  im  uf  ein  bret  brot 

daz  (üzet  im  di  hügirs  not 
wan  er  da  uor  daz  got  wol  weiz 

fo  iem'licbiz  nie  enpeiz 
waz  wold  ir  daz  *er  tore  tu 
3310.       er  az  daz  brot  vfi  träc  dar  zu 
Eins  brüne  de  er  da  hägen  vant 

in  eime  eimir  an  der  want 
vfi  rumetiz  im  ouch  fa 

d'  einfidel  fach  im  na 
3316.   vfi  bat  gote  vil  fere 

daz  er  in  immir  mere 
Erlize  fulchir  gefte 

wand  er  uil  lutzel  wefte 
wi  iz  vme  den  tore  waf  gewant 
3320.       nv  tet  d'  tore  im  dar  irkant 
daz  der  tore  vfi  di  kint 

vil  lichtß  ZV  wenen  fint 
Er  waf  dar  zv  gnuc  wife 

daz  er  nach  difer  fpife 

Rückseite,  zweite  Spalte. 
3325.   Dar  wid'  qua  in  drin  tagen 

vfi  brachte  uf  im  ein  tir  get^gen. 


3291.  da  nahen  Bed.  —  3292—94  =  Bb.  —  3298.  so  —  min  leben  =  BZ>ab.  — 
3299«  imere  ich  mich]  einer  ich  mich  Bb.  -—  3300.  hediAiter  BBaed.  —  3303.  na  =  Bl>b.  — 
3304.  racter  =  Bed.  —  im  die  =  B.  —  3310.  =  Bb,  3312.  an  =  AEa,  —  3315.  bat  got  si 
Bb.  —  3319.  den  toren  =  Ä  —  3320.  =  Bb.  —  3321.  der  tore  =  ula.  —  3322.  wenen  =  B, 


BRUCHSTÜCKE  AUS  IW£IN  UND  DEM  ARMEN  HEINRICH.  343 

vn  warf  im  daz  an  di  tner 

er  machte  daz  er  im  hinva . . 
Defte  willeclichir  bot 
3330.       beide  fin  wazzer  vn  fin  brot 
Er  uorchte  in  do  nicht  me 
yfi  waf  im  bezz'  denne  e 
Er  vant  ie  daz  bereite 
ouch  galt  er  im  di  arbeite 
3335.   Mit  flnem  wiiprete 

daz  wart  mit  vngerete 
Gegerwet  bi  dejp  foere 

im  waf  der  kezzel  tuere 
Daz  falz  vfi  der  ezzich 
3340.       ze  iügeft  went  pr  (ich 
Daz  er  di  huete  veile  truc 

vfi  coufte  in  beiden  gnuc 
Def  in  zv  dem  libe  waf  not 
falz  vfi  bezzer  brot 
3345.   Svf  wonte  d'  vnwife 

zv  walde  mit  der  fpife 
vnz  daz  der  edele  tore 

glich  wart  eime  more 
an  allem  Arne  libe 
3350.       ob  im  von  gutem  wibe 
Je  dechein  lip  gefchach 

aber  iehundt*  flper  zv  brach 
Geslnc  er  fher  uz  helme  ie 
ob  er  mit  mäheit  ie  begie 
3365.   Decheinen  lobelichen  pris 
wart  er  ie  hubifch  xti  wis 
wart  er  ie  edel  vfi  rieh 

dem  ift  er  nv  vil  vngelich 
Er  leufet  nv  nacket  beider 
3360.       d*  finne  vfi  ouch  d'  cleider 
vnz  daz  in  zv  einen  ftunde. 
nacket  slafende  vunden 
2.   Ein  Pergamentdoppelblatt,  einspaltig,  zu  24  Zeilen,  Octav,  auf  der 
Liinzer  öffentlichen  Bibliothek.     Ich  fand  es  bei  einem  Besuche  im  August 
dieses  Jahres  auf  den  innem  Deckeln  einer  aus   dem  1790  aufgehobenen 


3328.  er  maehto  =  B,  —  3333.  er  yant  =  Bb.  —  ie  daz  =  Ba,  —  3338.  der  kezzel  = 
Bb.  —  3345.  wonte  =  Bb.  —  3347.  unz  daz  =  BVbd.  —  3348.  glich  wart  =  BDb.  — 
3354.  ie  begie  =  Bb.  —  3359«  er  leufet  nn  =  Bb.  —  3361.  unz  daz  =  BDbd, 


344  FRAKZ  PFEIFFER 

Franziskanerkloster  Pnpping  dahin  gelangten  Incunabel:  'Textus  seqneltiarüm 
cü  optimo  commöto'  4.  s.  1.  &  a.  Ich  löste  das  in  der  Mitte  quer  durch-, 
schnittene  Blatt  bloß  so  weit  es  nöthig  war,  um  das  Ganze  zu  lesen,  ohne 
es  von  dem  Buche  zu  trennen.  !Es  wäxe  aber  zu  wünschen ,  dafi  es  heraus- 
genommen und  mit  einem  andern  dort  von  mir  gefundenen  Bruchstücke  ans 
dem  Renner  in  ein  besonderes  Bändchen  vereinigt  würde.  Dieses  letztere, 
ein  Pergamentdoppelblatt,  14.  Jahrh.  Fol.  in  Spalten  zu  40  Zeilen,  ist  als 
Einband  zu  'F.  A.  Sasbovt,  in  Esaiam  proph.  commentaria,  opera  &  industria 
Com.  Verbvrch  Delphii  in  lucem  edita.  LovaniaB  1558.'  4.  verwendet.  Die 
ersten  lesbaren  Zeilen  sind  (Renner  11064  ff.): 

wie  brimnen  springen  vnd  vögel  singen, 
wie  hlu*men  in  mamger  varwe  uf  dringen  u.  s.  w. 
Das  Bruchstück  aus  Iwein  ist  sehr  schön  und  was  mehr  ist  höchst 
correct,  jedenfalls  in  der  ersten  Hälfte  des  13.  Jahrh.  geschrieben.  Das  be- 
weist unter  Anderm  die  eigenthümliche  Gestalt  des  z  :  %^  eine  in  Hand- 
schriften des  12.  oft,  im  13.  Jahrh.  nur  selteü  mehr  begegnende  Form.  Der 
Text  zeigt,  wie  das  erste  Bruchstück,  die  meiste  Übereinstimmung  mit  ß, 
die  nun  A  gegenüber  nicht  mehr  so  verwaist  dasteht,  wie  früher.  Ich 
halte  es  für  zweckmäßig,  auch  hier  auf  die  Parallelstellen  im  Einzelnen  hinzu- 
weisen. 

Noch  will  ich  bemerken ,  dafi  zwischen  dein  ersten  und  zweiten  Blatt 
vier  Blätter  oder  zwei  Doppelblätter  mit  194  Zeilen  (eigentlich  beträgt  die 
Zahl  blos  192  Verse)  fehlen. 

V  or  iamer  def  wundert  mich.  1* 
4950.     V    van  ez  ift  gnf  c  isemerlich. 

S   vf  f^rte  er  fi  fvr  daz  bvrgetor. 

d    a  horten  fi  in  rf  fen  vor. 

e    r  hienge  fi  alle  viere. 

0    b  man  fi  niht  fehlere. 
4955.  •  M  it  ir  fwefter  lofte. 

D  0  fp"ch  der  fi  da  trotte, 
der  riter  der  def  levn  pflac. 

d    eifwar  herre  ob  ich  mac. 

i     ch  ledige  vnfer  gefellen. 
4960.     G  ot  fol  difen  vellen. 

e    r  ift  ein  vnbefcheiden  man. 

V  il  harte  fterket  mich  daran, 
i     wer  reht  vft  fin  hochfart. 

d    az  div  ie  fo  groz  wart. 


4949.  Tor  =  BDh.  —  4950.  gnyoc  =  i?.  —  4964  =  BDb.  —  4958.  deiswar  =  BDh.  — 
4959.  ledige  ynser  gefellen  -=3. 


BRÜCHSTOCKE  AUS  IWEIN  UND  DEM  ARMEN  HEINRICH.  345 

4965.     e  rne  kan  fich  lafterr  niht  gefchamen. 

d  az  er  fi  ir  gebvrt  yfi  ir  Damen. 

n  iht  kan  geniezen  lan. 

s  waz  fi  im  leidef  beten  getan. 

i  chn  fol  deheinö  riter  fchelten. 

i  edoch  mf  z  er  engelten. 

4970.     8  iner  vngewizenheit. 

d  eilWar  mac  ich  ez  wirt  im  leit. 

e  r  het  in  kurzen  fbvnden.  V 

d  en  heim  vf  gebvnden. 

4976.    V  n  waf  fchiere  bereit. 

d  az  lerte  in  div  gewonheit. 

8  in  orf  fach  er  bi  im  Ilan. 

V  fi  hiez  die  brvcke  nider  lan. 
e  r  fp"ch  diz  fol  fich  fcheiden. 

4980.     V  nfer  einö  ode  vnf  beiden. 

n  ach  fchaden  vfi  nach  fchanden. 

i  ch  getriwef  mine  banden. 

d  az  ich  fine  dro  genider. 

d  eifwar  er  mf  z  iv  wider. 

4985.     i  wer  fvne  gefvnde  gebn. 

0  de  er  benimet  mir  daz  lehn. 

8  wederz  der  fol  gefchehn. 

d  az  hat  man  fchiere  gefehn. 

S  vf  waf  im  aü  den  rifen  gach. 

4990.  8in  lev  folget  im  allez  nach. 

a  If  in  der  rife  chomen  fach. 

d  az  waf  fin  fpot  vfi  fp^ch. 

o  we  ir  vil  tvmber  man. 

V  vaz  nemet  ir  ivch  an. 
4995.     d  az  ir  aif  vngerne  lebet 

v  fi  fnf  nach  dem  tode  ftrebet. 

5191.     z  allen  ziten  an  fach.  2* 

V  ft  ir  8ch  cefrSwen  iach. 


4965.gerbham6ii  =  ^.  —  4968.  deheinen=:  j?.  so  ist  (mehÄUest  unverkOrst  neheinen), 
<2.  A.  mit  vi&r  Hebungen,  zu  lesen,  der  folgende  Vers  hat  bloss  drei,  wie  oft  bei  Hartmamnt 
^Lenn  die  Behauptung  Laehmanns,  es  sei  „für  eine  Eohheii  jgu  achten,  wenn  Zeilen  von 
drei  und  vier  Bebungen  klingend  auf  einander  gereimt  werden**  (  Wolfram  S,  XIV),  ist  eine 
go/nz  falsche  und  unbegründete : ^aUe  Dichter,  ausser  Gottfried  und  seine  Anhänger,  haben 
sich  solche  Versbindungen  gestattet,  am  meisten,  wie  ich  später  zu  zeigen  hoffe,  Wolfram. 
—  4969.  maoz  ei^BBb.  —  4971.  deiswar  =  J?Z>.  —  4975  =  ^06.  —  4983. 84. =Ä 
_  4986.  =  BD,  —  4987  =  BBb.  —  4996.  alf  =  Ä  —  4996.  =  BEb. 


346  FBAKZ  PFEIFFEB 

V  il  Tchiere  Tach  er  fi  fitzen. 

V  ö  waf  von  finö  witzen. 
6196.     y  il  nach  chomen  alf  e. 

V  vande  fi  fagent  ez  t^  we, 
s  wer  fine  herzeliebe  bi. 

a  IT  gafblichen  fi. 

n  V  begvnder  vmbe  fch6wen. 

6200.     V  n  fach  vil  ivncfrSwen. 

d  ie  ir  gefindef  waren. 

d  ie  begvnden  gebaren, 

h  arte  cisegelichen. 

V  n  baten  got  den  riehen. 
6206.     s  i  Tp^chen  got  herre. 

V  vir  biten  dich  vil  verre. 

d  az  dv  vnf  recheft  an  dem. 

d  er  vnf  vnfer  gefpiln  nem. 

V  vir  heten  ir  frvm  vü  ere. 
6210.     n  vne  habe  wir  nieman  mere. 

d  ,a  er  ce  kemenaten. 

G  etvrre  umbe  vnf  geraten, 

d  az  vnf  min  frSwe  iht  gf  tes  t?. 

a  If  beide  fpate  vü  frf . 

6216.     d  iv  gftiv  Ivnet. 

V  nfer  liebiv  gefpil  tet. 
D  iz  machte  im  den  mf  t. 

ce  vehten  ftarch  vü  gf  t. 

V  n  reit  dar  da  er  fi  fach. 
6220.     e  r  hiez  fi  vf  ften  vü  f"pch. 

F  r8we  nv  ceiget  mir  die. 

d  ie  ivch  da  kumbernt  fint  fi  hie. 

V  ü  heizet  ivch  balde  ledec  lan. 
0  de  fi  mf  zen  von  mir  han. 

6226.     d  en  ftrit  den  ich  geleifben  mac. 

V  ü  fin  lev  der  fin  phlac. 

d  er  gehorte  fchier  finö  haz. 

V  ü  trat  5ch  hin  naher  baz. 
N  V  waf  div  reine  gf  te  magt. 

6230.  von  forhten  alfo  gar  verzagt. 


5197.  herzeliebe  =  Ä  —  6198.  als  =  J?.  —  5204.  und  baten  =  56  —  6208.  p^^ 
=  Bb.  —  5210.  habe  =  ^.  —  6212.  =  JB.  —  6216.  geljpü  =  BDbd.  —  6217  =  Bl  - 
6228.  balde  =  Bh,  —  6226.  =  BDa,  —  5227.  geborte  =  £6.  —  6218.  trat  euch  hin  =  ^• 
—  6230.  als  =  BDh. 


BRUCHSTÜCKE  AUS  IWEIN  UND  DEM  AHMEN  HEINRICH:  347 

d  az  fi  vil  kvme  vf  gefach. 

d  0  geyie  fi  kraft  y&  fp^cb. 

h  erre  daz  vergelte  iv  got. 

der  weiz  wol  daz  ich  difen  fpot. 

5235.     V  A  dife  fchande  dvlde. 

a  De  alle  mine  fchvide. 

V  n  bite  def  vnfern  herren. 

5238.     d  az  fi  iv  mf  zen  werren. 


II.  DER  ARME  HEINRICH. 

W.  646.     vn  lanc  lip  vf  d'  erde,     dv  ieheft  dv  welleft  1' 

din  leben,     dvrch  vnfer  beid*  firowede 
geben,     dv  wilt  iedoch  vnf  beiden,     de 
leben  vafte  leiden,     de  din  vat*  vft  ich  g*ne 
leben  de  ift  dv(rch  d)  ich  *.     waz  fcholte  vnf 
lip  vft  gvt.     waz  fcholte  vnf  werltlich 
mvt.     fwenne  wir  din  enbseren.     dvne 

Colocz.  Cod.  640. 41.  wefen  gvt.  fo  fcholt  dv  rede  vft  den  mvt  2' 

671.     feie  vft  einen  fchonen  lip.     mich  lobet  man  Ib 

vft  wip.     alle  die  mich  fehende  fint.     ich  fi 
de  fchonefte  kint.     de  fie  zir  lebene  haben 
gefehen.     wem  fcholte  (ich)  *  d'  gnaden  iehen. 
niewan  iv  zwein  n(ach)  ♦  gote.     def  fchol 
ich  ze  ivwerem  geböte,    iem  vil  g'ne 
680.     fban.     wie  michel  reht  ich  def  han. 

694.    in  minen  ivngen  tagen,    mir  die  finne  2** 

827.     wen  fi  och  ze  vil.     wie  g'ne  ich  iv  def  volgen  3' 

wil.     de  ich  iv  trivwe  leifte.     mir  felber  doch 

die  meide,     weit  ( )  *  wenden  min  heil. 

fo  laze  ich  ivch  ein  (tei)l  *.     e  nach  mir  ge. 

weinen,     ich  enwelle  mir  erfcheinen. 

wef  ich  mir  fchvldic  bin.     ich  wil  iemer  da 

838.     hin.     da  ich  volle  fröwede  vinde.     ir  habet  5ch 

850.    d'  tot  gefchiht.     de  enlat  dich  niman  4' 

fehen.     ez  fchol  ze  faleme  gefchehen.     da  fchol 


5237.  bite  def  Dd, 
*   Loch  un  Feigament. 


348  TRANZ  PFEIFFER 

860.     den erzeigen  kvnde.     dechein  3* 

zvDge  in  kindef  mvnde.     fie  iahen  de  d' 

volleift 

.    ,     .     .     .     fante 

u^agen  lue,     vft  in  die  wifheit  lerte     .     .     . 
er  ze  gote  kerte.     ßn 

871.     fichbedahte 

885.     mW  vor  leide.     M  gefazen  fie  beide   .    .    .   ec  4' 

vn  vnfro,    vnz  de  fie  fich  be 


Vier  Pergamentstreifen,  vonHrn.  JodokStülz,  reg.  Augustinerchorherrn 
zu  St.  Florian,  auf  dem  Deckel  einör  Handschrift  dieses  Klosters  entdeckt, 
abgelöst  und  mir  zur  Mittheilung  in  diesen  Blättern  freundlich  überlassen. 
Die  beiden  größern  Streifen,  zu  je  sieben  Zeilen,  sind  aus  der  Mitte  zweier 
verschiedener  Blätter  herausgeschnitten,  die  zwei  kleinem,  mit  einer  und  zwei 
Zeilen,  gehören  dem  untern  Rande  jener  beiden  Blätter  an.  Es  lässt  sich 
desshalb  mit  ziemlicher  Sicherheit  berechnen,  daß  auf  der  Seite  des  vollstän- 
digen Blattes  21 — 22  Zeilen  mit  29 — 30  Versen  gestanden  haben.  Die 
Blätter  waren  einspaltig,  und  das  Format  der  Handschrift  wird  ein  zierliches 
Klein- Octav  gewesen  sein.  *  Beim  Ablösen  haben  die  Rückseiten  der 
Streifen  3  und  4  leider  dergestalt  Noth  gelitten,  daß  zuerst  von  der  Sqhrift  gar 
nichts  mehr  zu  lesen  war.  Durch  Anwendung  des  Giobert'schen  Reagens 
gelang  es ,  einige  Worte ,  wie  sie  oben  stehen ,  zum  Vorschein  zu  bringen. 
Das  nicht  mit  voller  Sicherheit  zu  Lesende  ist  mit  liegender  Schrift  gedruckt. 

Der  Verlust  dieser  guten  und  alten  Handschrift  ist,  in  Anbetracht  der 
dürftigen  Hülfsmittel,  die  für  den  Armen  Heinrich  zu  Gebote  stehen ,  höch- 
lich zu  beklagen.  Daß  die  Handschrift  alt  ist  beweisen  außer  den  sorgfalti- 
gen reinen  Sprachformen  auch  die  Schriftzüge,  die  in  den  Anfang  des 
13.  Jahrh.  fallen.  Besonders  sind  zwei  Buchstaben  der  Erwähnung  werth. 
Zuerst  jenes  alterthümliche,  dem  ^  ähnelnde  z,  das  sich  nur  in  Handschriften 
aus  dem  12.  und  aus  dem  Anfang  des  13.  Jahrh.  findet,  und  dann  das  oben 
mit  dem  d  verschlungene  e,  welches  ebenfalls  dieser  Zeit  angehört.  Beide 
Buchstaben,  die  hier  im  Drucke  nicht  wiedergegeben  werden  können ,  finden 
sich  abgebildet  in  Benecke's  Vorrede  zum  Wigalois  S.  XXXIV.  Jenes  z 
erscheint  V.  675  zir  lebene^  677  zwein,  827  ze  vü,  832  l(ize,  852  ez  schol, 
861  erzeigen,  863  zvnge,  868  ze  gote,  an  den  übrigen  Stellen  hat  dieser 
Buchstabe  die  gewöhnliche  Form :  z.  d  findet  sich  V.  646  erde,  673  sehende, 
2'  rede,  ^yi  fröwede  vinde,  885.  86.  leide :  beide.  Außerdem  ist,  und  zwar 
ebenfalls  als  ein  Merkmal  von  Alterthümlichkeit,  noch  zu  erwähnen  das 
Abkürzungszeichen  —  statt '  für  er  in  V.  651  vat—  und  679  tein. 

So  gering  diese  jämmerlich  verstümmelten  Blättchen  an  Umfang  auch 


BBUCHSTOCKB  aus  IWEm  UND  DEM  ARMEN  HEINRICH.  349 

sind»  etwas  lassen  sie  ans  doch  deutlich  erkennen,  nämlich:  dafi  wir  trotz 
der  vereinten  Bemühangen  ausgezeichneter  Kritiker  weit  entfernt  sind, 
das  schöne  Gedicht  in  seiner  ursprünglichen  Gestalt  zu  besitzen ,  gewähren 
doch  schon  die  wenigen  Zeilen  eine  auffallende  Menge  abweichender  Lesarten, 
die  nicht  nur  dem  Echten  näher  stehen  als  einer  der  bisher  aufgestellten 
Texte,  sondern,  wie  das  Alter  unserer  Handschrift  erwarten  lässt,  das  Echte 
selbst  bieten.  Bekanntlich  haben  sich  vom  Armen  HeinriclTblofi  drei  Hand- 
schriften erhalten:  die  Straßburger  (Johanniter  Bibliothek  A.  94),  die  Heidel- 
berger (Cod.  palat.  341)  und  der  Coloczaer  Codex.  Die  beiden  leztern 
haben,  Einzelheiten  abgerechnet,  nur  den  Werth  Einer  Handschrift,  die  das 
Gedicht  überdieß  in  einer,  bald  erweiternden,  bald  verkürzenden  Überarbei- 
tnng  enthält.  Die  kritischen  Herausgeber  waren  daher  vornehmlich  auf  die 
Straßburger  Handschrift  verwiesen,  die  aber,  wie  sich  nun  erst  recht  heraus- 
stellt, ebenfalls  voll  willkührlicher  Änderungen  und  Entstellungen  ist.  unter 
diesen  Umständen  müßte  die  Auffindung  einer  vollständigen  dritten  Hand- 
schrift für  die  Herstellung  eines  echten  Textes  von  unschätzbarem  Werthe 
sein.  Einstweilen  geben  unsere  kleinen  Bruchstücke,  freilich  fast  mehr  durch 
das  was  sie  andeuten,  als  das  was  sie,  in  ihrem  verstümmelten  Zustande, 
wirklich  leisten,  beachtenswerthe  Fingerzeige,  indem  sie  uns. erkennen  lassen, 
daß  die  Überarbeitung  dem  ursprünglichen  Text  oft  näher  steht  als  die 
Straßburger  Handschrift.  Eine  Erörterung  der  einzelnen  Stellen  wird  diese 
Bedeutung  ins  rechte  Licht  stellen.  Ich  eitlere  nach  der  Verszählung  in 
W.  Wackemagels  Ausgabe  (Basel  1858,  kl.  8.). 

.646  lanc  Up]  lange  leben  A,  ein  lano  leben  B.  lancUp  ist  gewiss  die 
ältere  echtere,  V.  1514  auch  in  A  erscheinende  Form,  und  danach  wäre  auch 
V.  712  Icmcleben  in  lancUp  zu  ändern,  wie  Haupt  im  zweiten  Büchlein  116, 
wo  die  Handschrift  ebenfalls  langUben  bietet,  gethan  hat.  —  647  ieheat 
fehlerhaft  für  gihest  wie  B  liest,  A  spricJiest  —  648  durch]  unib  AB.  — 
beider  =  A^  zweier  B.  — frowede']  alterthümliche ,  auch  der  alten  Heidel- 
berger Handschrift  des  Iwein  (A)  eigene  Form,  so  auch  837  iahd.  fratjuida); 
fröide  A,  vreude  B.  —  649  iedoch]  zeware  A:  do  mite  wilta  uns 
h.  B.  iedoch  ist  hier  die  allein  richtige  Lesart,  als  Gegensatz  zu  der  vor- 
hergehenden Zeile:  du  sagst,  du  wollest  dein  Leben  um  unsrer  beider  Freude 
willen  hingeben»  im  Gegentheil,  du  willst  uns  unser  Leben  betrüben.  — 
651  daz  din  vater  unt  ich]  genau  so  auch  B,  während  A  w(m  daz  dtn  vater 
unde  auch  ich  liest.  —  Nach  652  weichen  unsere  Bruchstücke  von  AB  völlig 
ab,  es  ist  aber  nicht  leicht  zu  erkennen  ob  diese  vier  Verse  an  die  Stelle  der 
in  AB  unmittelbar  folgenden  getreten,  oder  ob  sie  in  diesen  ausgefallen  sind; 
wahrscheinlich  ist  indess  das  Letztere  der  Fall,  indem  8  Zeilen  mit  13  Versen 
fehlen  und  diese  Lücke  durch  B,  die  hier,  wie  sich  gleich  ergeben  wird,  mit 
unserer  Handschrift  stimmt,  gerade  ausgefüllt  wird.  Der  unvollständige 
Vers  mag  etwa  so  gelautet  haben :  dune  seit  uns  sua  niht  ewasren^  sondern 


360     FRANZ  PFEIFFER,  BRUCHSTÜCKE  AUS  IWEIN  UND  DEM  ARMEN  HEINRICE 

da  sollst  meine  liebe  Tochter,  unsere  Freude,   unsere  Liebe,  unser  Licht, 
unsere  Augenweide  etc.  sein. 

Nach  662  hat  B  noch  folgende  Verse: 

mltu  uns,  tohter,  weaen  ffuot, 

s6  8oltA  [die]  rede  und  den  muot 

durch  unsers  herren  hulde  län 

die  ich  von  dir  vemomen  hdn. 
Die  beiden  letzten  dürften  umzustellen  sein.  In  der  Ausgabe  der  Brüder 
Grimm  S.  73  werden  diese  Verse  unbedeutend  genannt ,  dieser  Ansicht  moß 
auch  Haupt  gewesen  sein,  da  er  sie  nicht  einmal  einer  Stelle  unter  den  Les- 
arten werth  hielt  Sie  waren  aber,  wie  man  sieht,  auch  in  unserer  Hand- 
schrift enthalten  und  sind  ohne  Zweifel  ßo  echt  als  irgend  ein  Vers  iiii 
Armen  Heinrich. 

673  und  aUe  AB;  und  steht  liier  ganz  überflüssig,  eben  so  sprechentA 
in  der  folgenden  Zeile,  oder  daz  (ich  st),  wie  B.  liest.  —  675  zir  lebene]  zer 
werlte  A:  ie  B. —  677  mewari]  me  dan  A;  itran  uch  beiden  neheet  gote  B. 

—  678  Statt  des  hat  A  der,  doch  ist  es  wohl  nur  ein  Lesefehler.  —  ze\ 
nach  A.  — -  679  iemer]  iemer  me  A.  —  680  des]  d*  zuo  A. 

827  ri  ouch]  ist  ein  teil  A.  —  828  wie  fehlt  A.  —  830  wwV]  und  wir  L 

—  832  iuch  vil  liht  ein  teil  A,  zwar  ich  laz  ucK  ein  teil  B.  —  835  mir 
Setter  seh.  AB.  —  837  volle  =  B,  ganze  A.  —  838  h(d>et  ouck]  höhet 
noch  B.     hamt  doch  A. 

Nach  852  folgen  in  A  noch  zwei  Verse 
dd  sol  uns  viere  der  tSt  hesen 
von  der  hellen  und  von  den  geisten  boesen, 
die  Lachmann ,  wohl  wegen  des  zweiten  Verses  und  weil  sie  mit  dem  un- 
mittelbar darauf  folgenden  Verspaar  auch  in  B  fehlen,  ausgeworfen  hat. 
Darin  sind  ihm  alle  spätem  Herausgeber  gefolgt.     Sie  standen  aber,  wie  die 
zwei  Worte  da  schol  lehren ,  auch  in  unserer  Handschrift  und  sind  daher 
gewiss  echt,  wenn  schon  der  zweite  Vers  vielleicht  anders  gelautet  haben 
mag,  etwa  von  den  hellegeisten  boesen,  denn  die  Nachsetzung  des  Adjectivs 
ist  unbedenklich,  vgl.  Erec  1821  daz  er  sinen  sweher  alten  \  zweier  kiuser 
lieze  walten. 

862  dehein]  deheine  B,  kein  A.  —  870  sich  bedahie]  dieser  Lesart  scheint 
sich  die  von  B  zu  nähern :  si  bedahten  sich,  A  liest  und  ddhten.  Das  Übrige 
bietet  der  unsichern  Lesung  wegen  keinen  Stoff  zu  weiterer  Besprechung. 

Der  wirkliche  Gewinn ,  der  aus  unsem  Bruchstücken  für  den  Text  des 
Armen  Heinriph  erwächst,  ist,  wie  schon  bemerkt,  allerdings  kein  sehr  großer; 
der  neckische  Zufall  lässt  sie  fast  immer  gerade  dort  abbrechen ,  wo  erst 
voller  Aufschluß  zu  erwarten  wäre.  Das  aber  wird  zugegeben  werden  müften, 
daß  ihre  Lesarten  überall  vor  AB  den  Vorzug  verdienen. 

FRAN^  PFEIFFEB. 


JOSEPH  DIEICER,  KLEINE  ]£ITTHEILUN6EN.  351 


KLEINE  MITTHEILÜNGEN 

VON 

JOSEPH  DIEMER. 


1. 
BRUCHSTÜCK  EINES  AHD.  GLOSSAR  S  AUS  DEM  K.  JAHRE. 

Ein  kleines  Oktavblatt  anf  feinem  Pergament  ans  gleicher  Zeit,  dessen 
Mittheilang  ich  der  frenndlichen  Güte  des  hochw.  Herrn  Bibliothekars  im 
Stifte  Melk,  Theod.  Mayer,  verdanke  (vgl.  meine  Beiträge  ThI.  2,  88).  Auf 
der  ersten  Seite  Z.  3  befinden  sich  die  Worte :  'In  libro  Comite',  was  schlieBen 
lässt  daß  diese  Glossen  zn  dem  Liber  Gomes  gehörten.  Es  war  dieß  eine 
Sammlung  von  Lesestücken  aus  allen  Theilen  der  h.  Schrift,  eine  Art 
Lectionarium,  wie  unser  Etrangelienbuch ,  ans  welchem  der  Geistliche  an 
Sonn-  and  Feiertagen  in  der  Eircbe  den  Gläubigen  einige  Stücke  vorlas  und 
Manches  ausf&hrlich  erklärte.  Von  dem  'Liber  Gomes'  bestanden  nach  den 
verschiedenen  Ländern  auch  verschiedene  Recensionen,  eine  römische,  eine 
gallikanische  und  eine  spanische,  deren  Inhalt  in  F.  H.  Rheinwald^s  Kirch- 
licher Archäologie,  Berlin,  1830,  S.  442  ff.  zusammen  gestellt  ist.  Die 
älteste  soll  der  h.  Hieronymus  geschrieben  haben,  was  sich  jedoch  nicht 
streng  beweisen  lässt  Für  jeden  Fall  ist  das  Buch  sehr  alt,  denn  schon 
Karl  der  Große  ließ  es  im  Jahre  797  einer  neuen  Durchsicht  unterziehen  und 
anf  dem  Concil  zu  Aachen  vom  Jahre  802  wurde  den  Geistlichen  auf  das 
Strengste  lefofalen,  es  zu  lesen  und  zu  studieren. 

Die  lezte  Redaction  hat  wahrscheinlich  Alcuin  besorgt.  Es  lässt  sich 
dieß  aus  einigen  Versen  vermuthen,  welche  sich  in  der  Ausgabe  von 
dessen  Werken  durch  Frobenius  den  Abt  des  Stiftes  St.  Emmeran  1777, 
Bd.  II,  pars  IL  p.612  aus  einer  Regensburger  Handschrift  des  IX.  Jahrh. 
mit  folgender  Überschrift  abgedruckt  finden:  'Versus  ad  librum  qui  Gomes 
dicitur,  quem  Alcninum  pariter  scripsiffe  quidam  memorant. 

Ad  librum  Comitis. 
Inchoat  hie  Comes  in  Christo  cognomine  codex 
Festa  ministerii  sacri  solemnia  complens, 
Annua  flanmiivomi  redeunt  dum  temporax  Phcebi. 
Catholic»  ecclesiaB  roman»  jura  retexens 
Ex  ortu  innitens  Domini  nascentis  in  orbe 
Atque  ad  «eundem  iterum  pertingit  rite  recursu.' 
Die  Glossen  selbst  reichen  auch  in  die  Zeit  Alcuins  Unauf ,  was  schon 
ans  den  darunter  vorkommenden  Dativen  pl.  aufm  hervorgeht,  z.B.forprohr- 
hanem  dismptis;   forduu/Uem  augom,   depressis   luminibus.    Um  Vieles 


362 


JOSEPH  DIEMEB 


jünger  sind  die  Tegernseer,  Salzburger  und  Monseer  Glossen.  Vgl.  Weite- 
res über  diesen  Gegenstand:*  Rudolph  von  Baumer,  Die  Einwirkung  des 
Christenthums  auf  die  ahd.  Sprache.  Stuttgart  1845.  S,  221.  Binterim, 
Denkwürdigkeiten  d.  christkathol.  Kirche.  Mainz  1827.  IV.  I.  S.  230; 
Augu^ti's  Denkwürdigkeiten  aus  d.  christl.  Archäologie.  Leipzig,  1821. 
4,  271.  und  Ed.  Reuß,  die  Geschiphte  d.  h.  Schriften  N.  T,  Braunschweig, 

1853.   S.  365. 

Erste  Seite. 


Deficienf,.  camodenti, 

DefluxiiTe, 

INUBROCOMITe, 

Deligatum 

Diffipatarum 

Dudum  aer 

Deuotare 

Decurio 

Difcolif.  unfempften 

Dipondio 

DecoUauit, 

Decapoleaf 

Difceffio,  aplit, 

Delibor 

Deuotio,  urteilida 

Defertur, 

Defraudaui, 

Dragontopede, 

Deplere^  euacuare, 

Deplet,  euacuat, 

Decipula,  laqueuf 

Demon,  fciuf  quia  scientia  inflat, 

Difcrimen,  difcretio  vel  periculum 

Difcrimina,  milTalihu,  vel  diuverfa, 


Difiunctü,  zafceidanan 

fori  faran, 
Deni  zehani, 
tiurlihan, 
zafpranctero, 
edo  forin, 
anachundeon, 
zehanzoherofbo, 
DifpTit,  zateilit, 
demo  kauuage, 
piftum  pl6ta 
zehan  purgeo, 
Diluuii  flooti, 
pim  gaoffarot, 
Difcretore.     urteillent, 
ift  katragan 
ih  pilimeta, 
homo  eft  qui  caudü  habet  draconif, 

vel  exinanit, 
edo  falla. 


Dedicant, 

Difparuit,  arfuant, 

Diftrictum 

[precefjfor 

Difcerpi 

DeliberaCTe, 

Difruptif, 

Diriguit, 


Zweite  Seite. 

kahelizzant, 
Deriuare,  rinnan, 
ftarchan , 
foragengeo,- 
forflizan, 
kamahhon, 
forprohhanem, 
kaftarchetay 


KLEINE  HITTHEILUKQEN.  363 

Damnationem ,  nidari , 

Dilatio,  altinod,  Difcernar,  zafceidiT, 

Diftiüctio  iir[t]eilida  Deprimunt,  forduhent, 

Difiblntione ,  zalofida. 

Difcreuiirey  zaarteillenne, 

Deliberatam  kamahotan« 

Dep'llir  luminib ;  f ordnuhtemaagom , 

Defolationem  zalaofida, 

Diftrictiuf,  ftarchor, 

Difparatai;  kaurauanter , 

DilTerenf  arfkeindanti , 

Dioceß  pifcoftSm, 

Difparuit,  kauracta, 


2. 
BRUCHSTÜCK  EINES  UNBEKANNTEN  GEDICHTES  AUS  DEM  Xffl.  JAHRH. 

Ein  Pergamentblatt  in  Folio  aus  dem  14.  Jahrh.,  das  im  Benedictiner- 
stifte  Melk  von  einem  Bachdeckel  der  dortigen  Bibliothek  abgelöst  wurde. 
Jede  Seite  hat  zwei  Spalten  mit  je  46  Versen;  nur  die  erste  ist  noch  zu 
lesen,  die  zweite  aber  so  abgewischt  und  verstümmelt,  dafi  man  meistens  nur 
einzelne  Wörter  ohne  Zusammenhang  herausbringen  kann ,  weßhalb  ich  hier 
anch  nur  die  erste  Seite  mittheile.  Das  Bruchstück  scheint  entweder  zu 
einem  der  verlornen  Alexanderlieder  oder  zu  einer  Weltchronik  zu  gehören. 

Vorderseite,  erste  l^alte. 
Hamafch  von  richer  kofbe 

nach  fevres  varbe  glolte 
Daz  der  werde  an  [im?J  fvrte 
daz  ors  mit  kraft  er  rvrte 
6.     Vf  den  vnverzagten  helt 

des  ors  mit  I)prvnge  maz  daz  velt 
Alda  fach  man  die  vieren 

fvnder  feilieren 
Beider  fit  vertvn  die  fper 
10.         mit  tyoft  nach  werder  ger 
Daz  fie  doch  bede  befazen 

ich  wene  fie  niht  vergazen 
Die  fwert  fach  man  fie  ziehen 
ir  deheiner  wolde  fliehen 
15.     Mazevs  was  zv  ftrite  klvc 

Der  furfte  an  fchilde  vf  helme  trvc 
I.  23 


354 


JOSEPH  DIEMEB 

Bely  der  Babylone  gat 

dem  lener  fwere  flege  bot 
Ir  beider  hamafch  daz  was  got 
20.  des  bliben  vor  wunden  fie  behvt 

Waz  fie  vor  tevrer  koft  bevienc 

dar  vber  der  beide  fbrit  gienc 
{D]ife  bede  manheit  riebe 

vahden  vil  menliche 
26.    Vf  ficb  ir  vngefvegez  bem 

[Do]  fach  man  wol  in  beden  hern 
Ir  ftriten  lange  het  gewert 

ir  fchilde  ir  helme  waren  verfcbert 
Ir  kleinote  rieh  verferet  ' 

30 dem  dar  ab  gederet 

Verhowen  gar  [die  famet  tevre] 

nach  im  flegen  fach  man  fevre 
der  hohe  erUieken 

vz  ir  hehnes  randen  dicken 
36.     Wie  fol  ich  den  beiden 

vnde  den  kriechen  gefcheiden 
Sint  ir  deheiner  wil  verzagen 

vnde  fie  doch  folden  wider  Tagen 
Jeflicher  in  fin  felbes  her 
40.         der  veinde  gelege  vnde  ir  wer 
Sie  waren  beide  mvde  vil 

dem  Babylon  daz  fwert  enphil 
Von  vberfiage  daz  gefchach 

do  daz  Evmenido  gefach 
46.    Er  l^rach  neme  ich  ev  nv  den  lip 

fo  flvge  ich  als  mer  ein  wip 

Vorderseite,  zweite  Spalte. 

Nv  wirt  hie  ftriten  gar  gelan 

gvten  rvm  fvet  ir  han 
Daz  evch  die  wer  werde  wider 
60.         die  mine  lige  ouch  da  nider 
Ob  ir  fo  von  mir  wurdet  erflagen 

des  mvfte  min  werdicheit  verzagen 
Do  ,daz  der  Babylon  erfach 

ZV  dem  krieeben  er  fpraeh 
66.     Ich  danke  dir  menlicher  helt 

min  leben  zv  tode  was  verfelt 


KLEINE  MmHEILüNGEN.  355 

Des  mich  dm  manheit  hat  begeben 

ich  Fol  nach  dime  gebot  leben 
Nv  ße  gar  prifes  gewin 
60.         vnde  ovch  der  fick^gantzer  din 
Den  mit  ellenthafter  tat 

din  hant  an  mir  erltriten  hat 
Wizze  des  höhet  ßch  din  pris 
fage  mir  herre  wer  dv  fis 
66.    Dvrch  dine  menliche  werdicheit 
ift  dir  bereit  min  ficherheit 
Er  f)prach  ich  heiz  Enmenido 

vnde  habe  niht  geworben  fo 
Daz  ich  zv  prife  [h]abe  phliht 
70.  des  mir  euwer  [zuhte]  vergibt 

Ovch  fit  ir  dez  von  mir  erlan 

daz  ich  von  ev  wolde  enpfan 
Riecheit  die  ir  bietet  mir 
die  wil  ich  daz  ir 
76.  -  Von  mir  alhie  enphahet 
vnde  des  balde  gahet 
Ja  hetet  ir  helt  mit  gewalt 

fig  vnde  pris  an  mir  bezalt' 
Des  ich  evch  ficherheit  wil  iehen 
80.         Wer  der  val  niht  gefchehen 
Alfo  bin  ich  vor  ev  genefen 

lat  mich  enwer  dienest  wesen 
Des  dvrfb  ir  evch  nimmer  gerchamen 
ich  wefte  ovch  gerne  euwem  namen 
85.     Er  fprach  wer  mich  kennet 
Mazevs  er  mich  nennet 
In  Babylon  ich  vogt  bin 

herre  wen  ir  komet  da  hin 
Da  wirt  iz  evch  wol  erboten 
90.         des  fwnr  der  herre  bi  finen  goten 
Da  wart  ein  fvne  vnder  in  getan 
da  mit  fie  kerten  von  dem  plan 


3. 
BRUCHSTÜCKE  DEITTSCHER  GEBETE  AN  DIE  H.  DREIEIKI6KEIT. 
Zwei  Pergamentblätter  in  Dnodezformate,  deren  oberer  Theil  weg- 
geschnitten wurde,  ans  dem  14.  Jahrb.,  erhalten  von  Herrn  Gymnasialdirector 


23* 


356  JOSEPH  DIEMER 

des  Benedictinerstifbes  Melk,'  Theod.  Mayer.  Die  Verse  sind  anabgesetzt,  die 
Überschriften  roth  und  die  Strophenanfange  mit  rothen  Buchstaben  ge- 
schrieben. 

BI.  r.  wol 

Do  von  dir  niman  ligen  fol 

Kieman  dich  betrigen  mag 

Dir  iil  die  vinller  als  der  tag 
5.     Dein  craft  ift  groz  lanch  vnd  breit 

Tief.  höh.  als  die  fchrift  feit 

Nieman  dine  Iltige  chan 

Ervehten  weder  tier  noh  man 

Mane  fvnne  planeten  ganch 
10.     Vor  [dir  chvnjnen  chainen  wanch 

Namen  vnd  [au]ch  der  ft'nen  zaL 

Die  waiftu  h're  wol  vb'al 

Von  den  dementen  vier 

Du  haft  befchaffen  menfch  vnd  tier 
16.     Toet  vnd  leben  in  dein  gebot. 

Slot  gar  hilf  mir  herre  got 

Daz  ewige  leben  erwerbe  da 

Da  nieman  fiech  wirt  chranch  noch  gra. 
Einer  ift  reich  der  ander  arm 
20.     Difem  ze  ehalt  und  dem  ze  warm 

Difer  fpart  fo  iener  zert 

Der  dritte  noh  dem  gewinne  vert 

Difer  weint  fo  iener  fiDget 

Difer  wenchet  fo  iener  fpringet 
25.     Einer  ift  iunch  der  and'  alt 

Die  flnt  alle  in  deiner  gewalt 

In  vier  zeit  geteilet  ift 

Daz  iar  auch  des  du  meifter  bift. 

Dem  tage  div  fvnhe  geit  daz  liecht 
30.     Der  naht  d'  mane  vnd  anders  nicht 

La  mich  daz  ewige  liecht  da  hau 

Da  dich  die  engel  fehent  an 


Bl.  1\  ...     gar  Hn  hertz  lat. 

In  deine  gnade  vnd  deinen  rat. 
35.     Heile  mich  mein  hertz  ift  chranch. 
Richte  ebne  werch  gedanch 


KLEINE  MITTHEILÜNGEN.  357 

In  (Saiden  han  ich  mich  y*legen 
Do  ich  folde  in  deinen  wegen 
Deinen  willen  ervollet  han 
40.     Gein  mir  foldu  zorn  lan 

Herre  chrift  vnd  gib  mir  rat 
Daz  ich  diene  der  trinitat. 

Von  dem  fun.  (roth.) 

Alliv  creatnre  ir  reht. 

Beheldet  gar  fon  ift  niht  reht 
45.     Der  menfch  dir  durh  dein  leben. 

Hie  wart  in  den  tot  gigeben. 

Dn  geift  fprache  gehoevde  chvnft. 

Der  werld  grvz  der  engel  gvnfl. 

Ich  bin  riech  du  gift  gefvnt 
50.     Ich  c^an  niht  (]prechen  dv  geifl  mtt 

Mich  durftet  fer  dez  wazzers  leben. 

Daz  da  haft  daz  foltn  geben 

Meiner  (ele  div  fenet  fich 

Noh  dir  herre  nv  mache  mich 
'  55.     Reine  von  fvnden  vnd  vri 

Daz  ich  lobe  div  namen  dri. 

D^z  ift  von  dem  fnne.  (roth.) 

Herre  dein  wäre  menfcheit 

Hat  ze  neven  mich  gefeit 

Dir  ih  bin  chriften  du  bift  chrift 
60.     Ich  bin  chranch  du  chreftich  bift 

Dein  tauf  dein  chreutz  dein  bitter  tot 

Brohte  mich  von  d*  helle  not. 

Du  bift    .......     . 

Bl.  U*.  ....     hilf  mir  daz  dar. 

65.'    Da  ich  fehe  der  engel  schar 
Vngeteiltiv  vnitas 

Vnd  die  hohiv  trinitas 

Der  engel  forme  def  menfchen  troft 

Hat  von  panden  vns  erloft. 
70.     Hilf  uns  h're  zv  dir  hin. 

Da  wir  nut  vf ouden  ymmer  fin 

Da  ift  vroude  an  traurichait 

Ganziv  riwe  an  arebait 

Immer  leben  an  den  tot 


358  JOSEPH  DIEMER 

76.     Da  leidet  xuman  chainiv  not. 

Da  ift  liecht  an  vinfber  gar 

Dan  wirt  niman  milTevar 

Da  ift  ivgent  vnd  altet  niht 

Dan  wirt  niman  von  werche  enwiht 
80.     Dan  blichet  niht  div  fchone  da 

Dan  wirt  nieman  blint  noh  gra 

Da  ift  aller  wnnne  vil 

Mer  dann  ieman  wunfchen  wil 

Div  chain  avge  nfe  vberfach 
85.     Noch  nichain  hertz  nie  gebrach 

Da  hilf  vnB  hin  an  chranchen  Tarnen 

Daz  wir  dich  loben  vater  amen 

Dz  ift  ain  gepet  von  dem  heiligen  geifte.    (roth.) 

Ich  bit  dich  herre  heiliger  geift 
Wan  du  mich  in  fvnden  weift 

90.     Daz  da  durh  die  namen  dri 

Mich  inacheft  gar  von  fvnden  vri. 
Dv  erwlft  gar  die  iungen  gotes 
Mit  deinen  gnaden  deines  gebotes 
'L*er  mih  hie  mit  fleize  phlegen 

96.     Gib  mir  helf  zuht     ...     . 


Bl.  11\  ...  die  zwelf  von  dir  hant 

Die  da  leTten  vber  die  lant 

Vrfprinch  aller  gnaden  vol 
Vertireip  den  dürft  den  ich  dol 

100.     "Weiflieit  gib  dem  hertzen  mein 
Daz  ich  erchenne  die  lere  dein 
Rehten  glauben  zuv'fiht 
Vefte  d'  waren  mynne  phliht 
Herre  geift  dem  hertzen  mein 

106.     Gerfche  geben  chvnft  vnd  fin 
Lernigen  fin  daz  ich  onch  mvge 
Haben  deiner  zuht  gehuge. 

Der  werld  erlevchter  njir  vertreip 
Des  finnes  vinfter  vnd  bleip 

110.     Bei  mir  mache  mein  hertze  Jb^^r 
Vor  fVnden  fvezzer  herre  gar 
Sf  z  vnd  weiflieit  givz  dar  in 
Zuht  vnd  diemvet  fuln  da  fin 


KLEINE  MITTHEILIJNGEN.  SS9 

Von  Mem  meile  wafche  dein  mvet 
115.     Vnd  gib  auch  mir  ein  e^e  gvet 
Reiner  gedanche  minner  her 

Den  mf  t  mit  geilUicher  1er 

Enzvnde  vnd  givz  die  falbe  drin 

Div  heilet  baz  oel  oder  wein 
120.     Gib  ein  liecht  der  befcheidenheit 

Mache  mich  deinem  gebot  bereit. 
Ablaz  der  fvnden  hoher  geilt 

Vmb  üben  gäbe  ich  aller  meift 

Flehe  dich  div  Toltn  geben 
125.     Gotes  forhte  vnd  reinez  leben 


4. 
DIE  6ÖTTWEI6ER  ABSCHRIFT  DES  OTFRIED. 

In  seiner  Ausgabe  von  Otfried*s  Evangelienbuch,  Einleitung  S.  149, 150, 
berichtet  Herr  Professor  Kelle,  daß  nach  der  ausdrücklichen  Versicherung 
des  hochw.  Herrn  Bibliothekars  des  Stiftes ,  Göttweig  Gottfried  Reichart, 
keine  Abschrift  von  Otfried*s  Evangelienbnch  in  der  dortigen  Bibliothek  vor- 
handen sei,  und  daft  somit  Dr.  H.  Heinrich  Hoffmann  sich  wenigstens  im 
Orte  geirrt  haben  müsse,  wenn  er  Fundgruben  1,  42  sagt,  im  genannten 
Stifte  eine  solche  mit  der  Bezeichnung  G.  29  gesehen  zu  haben. 

Die  Sache  klärt  sich  auf  folgende  Weise  auf.  —  Ich  habe  bei  meinem 
letzten  Besuche  Göttweigs  selbst  die  von  Hoffroann  bezeichnete  Abshrift,  so 
wie  auch  eine  gleichalte  der  Kaiserchronik  nach  der  Münchner  Hs.  Codex 
germ.37  aufgeftinden. — Bei  der  jüngsten  Beschreibung  und  Umnummerirung 
der  dortigen  Hdss.  hat  man  es,  wie  dieß  leider  so  häufig  geschieht,  unterlassen» 
die  alt^  Bezeichnung  mit  aufzunehmen  und  von  ihr  auf  die  neue  zu  verweisen. 
Auch  scheinen  damals,  als  die  Anfrage  gestellt  wurde,  die  neuern  Hdss. 
überhaupt  noch  nicht  in  den  Katalog  eingetragen  gewesen  zu  sein,  weßhalb 
diese  Otfned's  nicht  zu  finden  war.  —  Sie  ist  in  kl.  Folio,  hat  62  Lagen,  jede 
zu  6  Bl.,  in  der  Mitte  sind  nach  der  49.  Lage,  mit  welcher  Otfried  schließt, 
mehrere  BL  weiß.  In  der  Lage  60  befinden  sich  Otfned's  Dedication  an  den 
Bischof  Saiomon  imd  jene  an  den  König  Ludewig.  —  In  der  Lage 52  beginnen 
'Emendationes  in  Otfridi  theodiscam  et  metricam  Evangeliorum  paraphrasim 
ex  antiquisissmo  et  coevo  fere  codice  Frisingensi  coUata.* 

Lage  57  bl.  5  eine  genaue  Beschreibung  der  Freisinger  Hds.,  Lage  58, 
aber  auf  drei  Bl.  althochdeutsche  Glossen  aus  Tegemseer  Hdss.  des  IX.  Jahrh. 
gedruckt  in  Docen's  Miscellaneen  und  von  Graflf  bereits  für  den  Sprachschatz 
benüzt    Hierauf  folgt  Lage  59  aus  der  Wiener  Hds.  CCXIV.    Der  Anfang 


360  JOSEPH  DIEMEB 

des  altern  Physiologus  'de  Leone  &  Panthera.'  Fundgruben  1,  17.  18  und 
endlich  La'ge  60  und  61  in  12  Vi.  ein  niederrheinisches  Sprachdenkmal  aus 
dem  Ende  des  XII.  Jahrh. ,  eine  Abschrift  der  in  der  Hs.  Nr.  426  (früher 
B.  26)  enthaltenen  und  von  Hoffmann  (alt.  Blätter  2,  85.  86)  schon 
besprochenen  „Minnerede". 


DEUTSCHE  PREDIGTENTWÜRFE  AUS  DEM 
XIII.  JAHRHUNDERT. 


(S.  1.) brinnen  muzen  ewiclichen  an  ende.    Dem  tode  ift  dehein 

ander  tat  gelich,  er  ift  idoch  allen  fundern  leider  vilellicli.  Alle  die  mich 
heizent  herre,  chvt  der  heilige  crifb,  befitzent  durch  -daz  niht  daz  himelrich. 
Die  dar  chomen  wellen  die  behalten  minef  uater  willen.  Wir  hehsen  got 
herren  vn  ift  daz  billich,  wir  tun  ez  uon  rehte  wan  er  felbe  ze  unf  gefprochen 
hat.  Ir  heizent  herre  alf  wol  vbel  Hute  alf  gute.  Den  vbelen  ift  unnütze  wan 
fi  den  willen  finef  uater  niht  behalten.  Waz  der  wille  finef  himmelifchen 
uaterf  [sie]  fi  daz  chundet  unf  der  wiflage  der  [ze]  unf  fprichet.  Ich  chunde 
dir  menfch,  daz  er  chut  homo  menfch.  Da  mit  mant  er  unf  daz  wir  geden- 
chen  waz  wir  fin.  Homo  ab  humo  dictum  est.  Er  mant  unf  daz  wir  gedenchen 
waz  wir  fin  wanne  wir  bechomen  ßn  daz  wir  ze  der  bröden  erden  werden  füln. 
Vfi  fprichet  Ich  chunde  dir  menfch  waz  dir  gut  fi.  waz  got  ze  dir  uorderet. 
ob  du  ez  uerfumeft. '  Rehtez  gerihte  nim  dich  an  ze  dir  felben  vn  fwa  du 
mugift  oder  fulift  ze  andern  liuten.  allen  vliz  diner  arbeit  chere  ze  got. 
uon  dem  dir  der  arbeit  werde  gelonet.  Verneme  wir  difiv  wort  daz  wir  fi 
behalten  mit  den  werchen.  def  mrt  unf  wol  gelonet.  Wir  erwerben  damit 
die  ewigen  ureude.  diu  gegeben  wirt  ze  einem  lone  allen  den  die  fi  vmbe  fin 
hulde  in  difem  lebenne  mit  arbeiten  uerdinent. 

Dominica  Villi  Sedäi  Lvcam. 

Min  V.  1.  faget  daz  heil'  ew  ein  bizeichen.  Ez  waf  ein  richer  man  der 
het  ein  amman.  Der  wart  im  gerflget  daz  er  fin  gut  ze  uurecheret  an  finö 
ambet.  do  fänt  er  nach  im  uü  fpräch  alfuf.  Ich  han  uon  dir  uemom  daz  du 
mir  gefchadet  habeft  an  minem  ammet.  Vü  gebot  im  daz  er  im  antwort  uon 
den  ammet.  daz  er  im  beuolhen  hete.  Do  fprÄch  der  amman.  in  finö  hercen. 
Waz  fol  ich  nu  tön.  nu  ich  rede  ergeben  mVz»  vmbe  daz  amment  daz  mir 
beuolhen  ift.  ich  han  def  niht  gewont  daz  ich  fchelclich  werch  wrche.  fo 
fchame  ich  mich  fol  ich  daz  almufen  nemen.  Ich  han  mir  einef  gedahte.  daz 
ich  min  ivnger  die  in  mine  ammet  ßnt.  e  fo  handeln  wil.  fwenne  ich  daz 
amment  ff  gebe,    daz  fi  mich  behalten  in  ir  hufe.     Nach  difen  Worten  ßUit 


DEUTSCHE  PREDIGTKfNTWORra  AUS  DEM  XIH.  JAHRH.  361 

er  nach  finef  herren  fcholn.  vn  fprach  ze  einö.  Waz  folt  du  minö  herren. 
Ich  fol  im. hundert  einher  olef.  (S.  2.)  Do  fprach  der  amman.  Nim  din 
tanelen  vfl  fcrib  fivnzec.  Do  fprach  er  ze  dem  andern.  Wi  vil  folt  dn  mine 
herren.  Ich  fol  im  hundert  fchaf  weizef.  Nim  din  tauelen  vn  fcrib  ahzec. 
Ein  fite  ill  in  dirre  werlt  der  lobelich  ift.  vfl  ^rfam  ift  allen  livten  die  den 
mit  libe  lonent.  diin  mit  triwen  haben  gedienet.  Den  fit  habe  wir  ze  einö 
bilde  uon  got.  der  finen  holden  nach  fin  felbef  gewizzen  wol  lonet  niht  nach 
dem  fit  anderre  livte,  die  der  tngende.  der  hercen  niht  erchennent.  Von  im 
ift  gefcriben.  Die  liute  lon[en]t  nach  ir  gwizzen.  diu  uurbaz  ninen  chumpt 
Diwan  alf  fi  gefehent  ufl  gehorent.  Got  der  lonet  ouch  nach  finer  gwizzen. 
diu  durch  brichet  di  tilgende  der  hercen  vn  lonet  ouch  nach  dem  willen  der 
hercen.  Nv  ful  wir  wizzen  wer  den  herre  fi.  vfl  wer  der  amman  fi.  waz  daz 
amment  fi  da  uon  im  gedienet  fol  werden.  Daz  ew  git  def  urchunde  er  fi 
ein  richer  man.  vfl  woPmag  alliz  daz  wir  mit  dem  libe  vfl  mit  den  finnen 
eruarn  mngen  daz  ifb  alliz  fin.  Wer  mag  daz  baz  fin  danne  der  herre  der 
gewaltic  ift  vber  himel  vfl  vber  erde,  der  den  wiftfim  ufl  den  rihto.  finen 
holden  hat  enpholhen.  daz  fi  ze  rehter  zit  nach  finö  willen  im  dauon  dienen. 
Wer  fint  fine  holden,  niwan  di  im  mit  triwen  dienent.  alle  criften  liute.  Den 
hat  er  gegeben  finen  rihtAm.  die  uon  finen  tugenten  gönt.  die  fivnf  finne  die 
er  hat  iglichem  nach  finen  durften  geteilet.  Er  wil  ze  allen  ziten  uon  unf 
nilliclichef  dieneftef  gwarten.  Chere  wir  die  finne  ze  tugenlichen  dingen,  fo 
werde  wir  def  vber  daz  wir  im  von  menfclicher  brode  iht  antwrten.  Chere 
aner  wir  fi  ze  unnutzen  dingen,  fo  rofize  wir  im  non  fing  ammet.  von  den 
fivnf  finnen  die  er  unf  enpholhen  hat  antwrten.  Wenne  ffil  wir  ze  dem  gerihte 
ften.  Swenne  einef  ieglichen  menfchen  feie,  fich  «on  dem  libe  fcheidet.  vfl 
fwenne  wir  ze  dem  urteilichö  tage,  def  uorhtlichen  gerihtef  ften  muzen.  da 
wirt  alliz  daz  ze  unf  geuordert,  fwa  wir  unf  nu  an  finö  dieneft  uerfvmen.  Daz 
gerihte  eruorhte  der  amman.  vfl  waf  dar  nach  gedenchende  wi  er  fin  dinch 
nach  finer  gewarheit  gefchaffen  mohte.  Er  chut.  Er  weffe  wol  daz  er  nach 
dem  tode  dehein  fin  geuure  gefchaffen  mohte.  die  wil  im  daz  muzlich  waf  e. 
der  tag  chome  daz  er  nmbe  fin  unreht  antwrten  folt.  do  fchüf  er  fin  dinch  fo 
urvmeclich  daz  er  vor  dem  herren  gelobet  wart.  Wi  wir  ouch  unfir  felber 
dinch  fchaffen  fuln.  daz  hat  er  unf  nach  finen  uaterlichen  gnaden  mit  difen 
Worten  geraten.  Er  chvt.  Er  retet  unf  daz  wir  unf  mit  unrehtem  gwinne 
frivnt  machen  fwenne  unf  def  libef  zeririne.  die  unf  ze  den  ewigen  gnaden  def 
himelriches  (S.  3)  enphahen.  Difiv  wort  ful  wir  rehte  uerften  ufl  fuln  def 
niht  wenen  daz  unfir  herre  unrehtez  gvt  ze  eifle  dieneft  uon  unf  welle  en- 
phahen. Von  finö  gebot  hat  der  wiflage  gefprochen.  Swer  unferm  herren 
dehein  unrehtez  gvt  ze  einö  dieneft  bringet,  daz  ift  imalfo  widerwertich.  fam 
der  ein  chint  ze  finef  uater  angefihte  erflehte.  Vnrehtez  gvt  heizet  er  den 
rihlfim  dirre  werlt.  daz  doch  mit  rehte  gewnnen  ift.  ufl  doch  mit  gitecheit 
vfl  mit  angiften  behalten  ift.     der  mer  geminnet  wirt  danne.  got.   vfl  alle  div 


362       '  JOSEPH  DIEMEB 

lere  di  wir  haben  uon  got.  da  uon  wirt  er  vnrehter  gewin  geheizen.  der  Fol 
zerteilet  werden,  vü  fol  den  dürftigen  dermit  geholfen  werden,  daz  fint  die 
frivnt  der  wir  bedürfen.  Wir  bedorfen  ir  ze  der  feie,  fi  bedürfen  unfer  ze 
'  dem  libei  Ir  gebet  hat  oach  die  crafb.  daz  ez  die  himel  porten  enfluzet.  vfi 
unf  git  di  himelifchen  herberge.  Diflv  dinch  fint  unf  nur  geleit  ze  einer  lere. 
daz  wir  ze  allen  ziten  delte  baz  gewarnet  (in.  uü  unferem  herren  tegelich 
dinil  erbiten.  def  wir  im  fchuldig  fiu.  von  dem  ammet  daz  er  unf  hat  benolhen. 
Nv  fol  er  daran  gedenchen  daz  er  menslich  brode  wol  erchennet.  fwawiraof 
uerfumet  haben,  da  chom  unf  On  gnade  ze  hilfe.  daz  wir  im  alfo  gedinen 
muzen.   daz  er  unf  mit  den  ewigen  urouden  Ionen  müze.   Amen. 

Däica  X.  See.  Lvcä. 

Min  V.  I.  unf  faget  daz  heil.  ew.  daz  wir  hAte  gelefen  haben,  ein  iemer- 
lieh  mere.  Ze  einen  ftunden  do  unfer  herre  ze  irlm  gienc.  Do  er  die  Itat 
anfach.  do  begunde  er  ze  weinen  vfi  fprach.  Libiv  ftat  wefiif  du  daz  ich 
da  weiz.  du  mohtift  ouch  weinen.  Ez  choment  dine  uiande  mit  vrloge  vf 
dich  vü  beützent  dich,  vft  genotent  dich.  v&  werfent  dich  ff  die  erde.  vA 
lazent  ein  Hein  ob  dem  andern  niht.  M.  v.  1.  alle  di  ftet  die  unfer  herre  ie 
gefchuf  di  waren  im  fo  lip  niht  fo  ierlm  alf  er  wol  erzeiget  hat.  Er  wart  ze 
bethle^pi  geworn  [so]  daz  lit  nahen  dabi.  er  wart  ze  irim  geuangen  vfi 
gemartert,  vfl  erftarb  an  dem  cruce.  vzerhalp  def  pSrgetorf.  wan  er  die 
ivden  fo  meintetich  dvhte.  daz  fi  daz  vmbillich  dvhte.  ob  fi  in  innerhalp  def 
pvrgetorf  heten  gemartert.  Daz  unfer  herre  vber  die  ftat  weinet  uü  ir  wiffaget 
die  creftigen  not  diu  ir  chvnftich  waf.  daz  gefchach  nach  finer  martir  vber 
zwei  uü  vierzec  iär.  do  unfer  herre  got  die  zwelfpoten  vü  alle  die  an  im 
waren,  zv  im  genumen  het.  vü  dannoch  di  ivden  die  ftat  befezzen  heten. 
mit  ungelJben.  fehte  wa  ein  chunich  der  hiez  uefpefianus.  vü  fin  fun  tituf. 
von  rome  chom  in  daz  ivden  laut,  vü  betwngen  daz  vü  elliv  div  caftel  diu  in 
dem  lande  waren,  div  zeuürten  fi  gar.  vü  uerwftendazlantfärvnzev(S.4)an 
ierltid.  Do  fi  do  hin  chom.  wan  vmbe  die  ftat  dri  creftige  mure  giengen.  do  mohten 
fi  mit  vrlSge  dar  zv  niht  getun.  idoch  lagen  fi  fo  lange  uor  der  ftat.  vnze  ß 
fie  erhungerten,  wan  da  waf  fo  unmugeHch  vil  livte  inne.  ze  einen  oftem. 
ob  fi  allef  gutef  ze  vil  gehabet  heten.  fi  enmohten  ez  niht  gegerbet  haben, 
da  fturben  die  livte  inne  vor  bofem  fmache.  vü  vor  grozzer  hitze.  Ze  ivngeft 
wart  der  hvnger  fo  groz.  daz  ein  wip  diu  dar  in  chom  waf.  ir  eigen  chint  äz. 
Ze  ivngeft  di  gwaltigen  romer.  ilSgen  der  luden  fo  uil.  daz  fi  felben  betra- 
get vü  leiten  fi  fo  manige  not  an.  daz  unmugelich  ze  fagen  ift.  fi  uerchooften 
fi  gelicher  wif.  alf  di  ivden  unfern  herren  taten,  vmbe  drizec  phenninge. 
alfo  uerchovften  romer  die  ivden.  ie  drizech  vmbe  einen  phennincg.  So  ge- 
tan not  fiden  fi  dar  vmbe.  daz  fi  unfern  herren  marterten.  Do  der  alm.  got 
uor  iamer  alfo  geweinde.  vü  der  ftat  alfo  creftiv  m6r  het  vor  gefeit.  Do 
gienc  er  in  daz  tum.  da  vant  er  fitzen  m&nzer  vü  wehfeler.  vü  chäflfer. 
vü  uerchoflfer.   vü  treip  fi  uflrder.    vü  warf  den  münzem.   vü  den  wehfelßm. 


DEUTSCHE  PREDIGTENTWOBFE  AUS  DEM  XIH.  JAHRH.      363 

ir  taneln  vft  ir  phenninge  vf  die  erde,  vii  fprach.  Ez  ift  gefcriben.  Min  hvf 
fol  heizen  ein  bethvf.  daz  habet  ir  gemachet  ze  eine  hol  der  ehter  v&  fchacher 
vft  habet  daz  gotif  hvf  gemachet  ze  einö  choffe  hvfe.  vn  ze  einem  weher  hvf. 
Set.  ieronimns  fprichet.  daz  min  trehtin  die  wil  er  hie  enerde  were  dehein 
zeichen  fo  grozez  begienge  fo  an  der  ftat.  daz  er  eine  mit  einer  geifel  fo 
manig  tvfent  vz  dem  gotif  hnfe  treip.  Do  min  trehtin  fin  hvf  alfo  norderlich 
gereinde.  do  lert  er  in  dem  hvfe  vü  faget  in  daz  gotif  wort.  Nv  bitet  in 
wan  wir  an  in  niht  gntif  getnn  mugen.  daz  er  unfer  lerer  vfi  anfer  wifer  fi. 
daz  nnf  fin  barmherce  vfl  fin  gotlich  gnade  vor  chom.  vft  nach  chöm.  daz 
wir  in  find  fcherme  leben  in  difem  libe  daz  wir  den  ewigen  lip  befitzen 
mnzen. 

D.  XI.  a  Lv. 

Die  rede  mit  der  unfer  herre  got  diz  ewnerendet  hat.   an  dem  er  nnf  die 

heiligen  demAt  geraten  hat  wände  er  l)prichet:  Omnis  qni  fe  exaltat 

Mit  difen  Worten  retet  nnf  her  faloili.  daz  wir  unf  ze  der  demute  gehaben 
mit  wif liehen  worten.  Er  fprichet  zv  nnf  dem  vbermutigen  volge  daz  lafber. 
der  dem? tigef  geiftef  fi  dem  noige  diu  ere.  Nv  difin  wort  alfo  geveftent  ßnt 
uon  got  nfi-onch  non  dem  herren.  dem  er  mere  wiftumef  gegeben  hat  danne 
anderf  ieman.  fo  fAl  wir  wizzen  welch  lafter  der  vbermute  nolge.  vn  welch 
ere  der  demöte  volge.  Der  vbermSte  ift  daz  ein  lafter.  Daz  er  ein  fchalch 
üt.   def  ledigen  vjndef.   der  ein  orthabnnge  ifl  aller ^ 

(S.  9.)  under  ftent.  alf  teilet  der  heil'  geift  witen  fin  gäbe  in  der  men- 
fchen  herce.  Diu  ipeichel  def  heiligen  gotif  mandef.  daz  ift  daz  urön  gotif 
wort,  def  heiligen  ewangelii  daz  got  gefendet  hat  in  dife  werlt.  daz  fi  (ich  be- 
cheren vfi  bezeren  uon  ir  milTetat.  Do  der  Hohe  man  min  trehtin  zugeuflrt 
wart,  vft  er  alfo  fine  uinger  liez  in  finiu  oren.  vfi  mit  finer  ipeichel  rfirt  fine 
Zungen,  do  fach  er  hin  ze  himel  vfi  rufte  vfi  fprach  alfus  ze  dem  fichen. 
Effata  ....  Daz  ift  ein  hebraifc  wort,  ufi  wirt  getutet  tiffe.  daz  fprach  er 
bediu  ze  den  oren  uft  ze  der  znngen.  Zehant  wrden  def  fichen  mannef  oren 
offen  vfi  wart  erlöft  daz  baut  finer  zungen.  Daz  min  trehtin  e  er  daz  zeichen 
tete  hin  ze  himel  fach  vn  fo  zehert.  da  mit  mänt  er  unf  daz  wir  alle  unfer 
ahte  hin  ze  himel  rihten  fuln.  Do  min  trehtin  daz  lobelich  zeichen  alfo  be- 
gieng  do  uerbot  er  die  ez  gefehen  heten  daz  fi  fin  iht  gewogen,  fo  er  in  ie 
mer  uerbot  fo  fi  ie  mer  predigeten  fin  lob  ufi  fin  ere.  ufi  fine  gnade  ufi 
fprachen  alfuiü  Dirre  uil  heilige  man  hat  ellev  dinch  wol  begangen,  er  hat 
ungehomde  gehomde  gemachet  vfi  di  ftummen  fprechende.  Mit  difen  dingen 
daz  min  trehtin  daz  zeichen  tet.  vfi  gebot  daz  man  fin  iht  gewöge,  vfi  er 
idoch  fo  ftarche  uermeret  wart  da  mit  mänt  er  unf  daz  wir  uon  unfern  tuge- 
den  uon  unfern  guten  werchen  nehein  werlt  rfime  noch  nehein  lop  gerne,  wan 
(Wer  fin  gfit  git  dvrch  wertlichen  rüm  dem  lont  euch  diu  werlt  vft  hat  daz 
gotif  lont  uerlom.  Nv.  m.  v.  1.  alle  uwer  gutet  alle  uwer  tugende  cheret  ze 
dd  himelifchen  lone  fo  gewinnet  ir  lob  heil,     üft  felde  ze  libe  ufi  ze  der  feie. 


364  JOSEPH  DIEMER 

D.  XIIL   S.  Ivca." 

ünf  Taget  daz  heil.  ew.  wie  unfer  herre  got  mit  finen  lungern  libcbofet. 
vfi  fprach  difiu  ffizen  wort  zv  in.  Seiich  fint  diu  5gen  diu  daz  fehent  daz 
ir  fehet  Do  got  hie  in  erde^was.  do  waren  iuden  ufi  andeiTe  Hute  genüge. 
die  fahen  an  menfclichem  bilde,  un  anderf  uon  im  nihtweffen.  noch  wizzen 
wolden.  er  en  were  alf  ein  ander  man.  der  ogen  heizet  min  trehtin  niht 
felich.  Er  meint  der  zwelfpoten  ogen.  die  mit  im  zallen  ziten  giengen.  uü 
mit  im  azen  die  in  uon  munde  ze  munde  urageten.  den  er  ouch  ff  tet  ellin 
diu  tovgen  diu  er  uon  fine  uater  uernumen  bete,  ze  den  fbunden  ftunt  eiu 
ivden  meifter  vf  un  uerfuchet  unfern  herren  mit  difen  Worten.  Meifter  waz 
gefchit  mir  ze  tun  daz  ich  den  ewigen  lip  befizze.  Wi  liltu  an  der  e.  Do 
antwrt  im  der  chunftige  man.  daz  geblutet  diu  e.  Dv  folt  got  minnen  uon 
allem  dinem  hercen.  von  aller  diner  feie,  uon  allen  dinen  creften.  uon  allem 
dine  gjemute.  un  folt  dinen  neheften  minnen  alf  dich  felben.  Do  fprach  unfer 
herre  ze  dem  iuden.  Meifter  du  haß;  rehte  (S.  10)  gantuurt.  Nv  tu  daz  falbe 
un  befitze  den  ewigen  lip.  Der  iuden  meifter  wan  im  liber  waf  der  werlt  röm 
danne  daz  gotif  Ion.  do  begunde  er  ze  uragen.  Wer  ift  min  nehfter  den  ich 
minneu  fol  alf  mich  felber.  Do  antwrt  min  trehtin  de  hohuertigen  urager 
mit  einem  fchonen  bizeichen  da  mit  er  in  bewifet  wer  fin  nehfter  were.  Ez 
gienc  ein  man  uon  irflm  hin  ze  iericho.  vn  chom  geftozzen  vf  fchachere.  die 
in  beroubeten  allef  finef  gwandef.  vn  wndeten  in  fo  fere  daz  in  liezen  unr 
toten  ligen.  Do  der  arme  man  vnberucbet  lac.  du  uuren  zwen  man  iȟr  in 
hin  uon  der  iuden  lande:  ein  bifchof  befunder.  fin  caplan  dar  nach.  Der 
enweder  tet  alf  er  den  armen  man  fehe.  vn  uuren  hin  nur.  dar  nach  uur  da 
hin  uure  ein  man  uon  famaria  uon  eine  uremden  lande,  vn  fach  den  wnden 
man  vmberucheten  ligen  vn  erbarmet  fich  vber  in.  vn  ftunt  abe  fine  roffe. 
vn  fatzet  in  dar  vf  vn  uurt  in  ein  hvfe.  vn  bant  im  fin  wnden  vn  wfche  im 
fin  wnden  mit  Avine.  vn  falbet  fi  im  mit  ole.  vn  enphalch  in  ein  hüf.  vn  gab 
dem  wirte  den  fundern  Ion.  daz  er  ßn  wol  phlege.  Waz  duz  fchone  bifpel 
bezeichen  daz  fvl  wir  iv  mit  gotif  hilfe  zerlofen.  fo  wir  belle  chunnen  oder 
rangen.  Der  man  der  uon  ierlm  uür  hin  ze  ihericho.  bezeichent  heren  adS 
der  der  erfte  man  waf.  den  got  nach  im  felber  gebildet  hete.  vh  in  alfo  ge- 
fchaflfen  het.  daz  er  untotlich  were.  vn  ouch  ane  funde  were.  Do  der  erfte 
man  mit  der  herfchefte.  alfo  vil- unlange  waf.  do  mir  er  uon  ierlm.  Jerlm 
vifio  pacif.  Daz  quit.  ein  befchivde  def  uride£  von  dem  paradifo.  von  dem 
hufe  def  himilifchen  uridef.  wart  er  uerftozzen  der  her  adam  durch  fine  vn- 
gehorfä.  vn  uur  ze  einer  ftat  diu  heizet  iericho.  daz  wirt  bedint.  der  mane. 
un  bezeichent  dife  werlt.  Alf  der  mane  ab  nimet.  alf  nimet  difiu  werlt  abe. 
uon  tage  ze  tage  unze  ir  nimmer  ift.  Do  der  erfte  man  uon  dem  himelriche 
uerftozzen  wart,  do  geftiez  er  vf  di  fchacher.  die  fchachere  bezeichen  den 
tivel.  vn  ßn  here.  die  beroubeten  den  erften  man  finef  gwandef,  Wan  fi  im 
abzvgen  die  ere  der  vntotlicheit.    daz  er  un  allez  mannef  chunne  erfterben 


DEDTSCHE  PBEDIGTENTWOBFE  AUS  DEM  Xm.  JAHRH.       365 

mvzen  die  felben  vbele  geilte  wndeten  ouch  den  man  do  fl  in  den  tot  an  Tanten, 
do  Tanten  fi  in  ouch  manige  fände  an ,  der  er  e  niht  hete.  damit  er  alf  wol 
an  der  feie  erfbarb.  alf  an  dö  Übe.  Do  der  arme  man  uon  def  tivelf  reten 
alfo  geuallen  waf.  do  chom  nur  in  geuam  ein  ewarte  v&  ein  leuite  vz  der 
luden  lande,  di  lizen  den  man  alfo  ligen.  daz  bezeichent  daz  diu  alte  e.  vA 
di  wifTagen  in  der  iudenfcheite.  niht  ze  helfe  chom  mohten  dem  armen  man 
der  uon  flnen  funden  in  di  not  chomen  waf  (S.  11)  wan  di  felben  di  im  da 
helfen  folden.  mit  femelichen  funden  beuangen  waren.  Ze  iungelt  chom  ein 
uremeder  man  der  waf  famaritan  geheizen.  famaritanus  betdtet  ein  huter. 
daz  ilt  der  gotif  f&n.  v&  der  megde.  Wan  er  der  waf.  der  an  funde  waf  fo 
waf  mngelich  daz  er  dem  chome  ze  hilfe.  der  uon  def  tiuelf  rate  fo  fere 
geuallen  wa£  Der  gotif  fun  bindet  dem  wnden  man  fin  wnden  fo  er  fprichet 
[nemet]  di  riwe  an  ivch  uA  buzet  uwer  funde.  Er  giuzet  den  win  in  [die] 
wnden.  fo  er  dem  funder  zv  fprichet  Der  boum  der  niht  guten  weher 
bringet  der  wirt  vz  gef  lagen  vA  wirt  uerbrennet.  Er  falbet  die  wnden  mit 
ole.  fo  er  daz  gute  wort  fprichet  Ez  nahent  daz  himelrich.  daz  rof  da  er  den 
wnden  man  vf  fetzet  daz  in  diu  heilige  menfcheit  wan  er  unfer  funde  trug 
an  einem  libe  an  dem  heiligö  cruce.  Nv.  v.  1  wir  haben  iv  gefaget  wer  der 
nebfte  fi.  den  wir  minnen  If  In.  alf  unf  felben  daz  ilt  der  alm.  got  der  unf 
erlöft  hat  von  dem  ewigen  tode  der  feie.  vA  hat  unf  gegeben  nach  difem 
libe  den  ewigen  lip. 

D.  xiin. 

An  der  epiftel  diu  hiüte  ze  gotif  dinfb  gelefen  ilt.  fprichet  fct  pauluf  zv 
unf  gotlichiu  wort,  beheltet  an  unf  broderliche  minne.  alf  er  daz  gebot  uon 
got  felbe  enphangen  hat.  Mit  michehr  arbeit  finef  libef  hat  er  im  felben  vmbe 
daz  himelrich  geworben,  durch  daz  gebot  der  heiligen  minne.  gan  er  unf  ßn 
alf  wol  alf  im  felben.  Er  retet  unf  ouch  daz  wir  dar  vmbe  werben,  daz  wir 
gewamet  fin.  ze  einö  vrlSge  daz  unf  zu  get.  Ez  ist  daz  vrlSge.  daz  wir 
teglichef  haben  mfizen.  mit  dem  leidigen  uiande.  vA  ein  iglich  menfch  mit 
fin  felbef  libe.  der  widerbrohtige  ilt.  dem  willen  der  feie.  Welle  wir  unfer 
dineh  nu  wol  vberwinden.  fo  mfize  wir  ze  ietwederin  vrlSge  haben  ein 
chemphen.  ze  dem  leidigen  uiant.  den  heiligen  crifb.  ze  dem  libe  den  willen 
der  feie,  wan  der  ietwederz  ilt  mit  mifieheUe.  An  dem  willen  zihent  fi  niht 
gelich.  an  den  reten  fint  fi  ze  allen  ziten  ungelich.  Gvt  fint  di  rete  def 
heiligen  geiltef  vnnutze  fint  die  rete  def  leidigen  niandef.  N v  f&l  wir  doch 
dar  uuden  fin  gewamet.  wan  unf  ir  ietwederre  mit  finem  willen  mänt.  In 
dem  ante  ilt  ouch  Iteticlich  der  lib.  vA  diu  feie,  diu  feie  gerte  gotif  Ulfe  vA 
fin  hulde  vA  fachet  felde  vA  ere.  Der  lip  fuchet  auer  anderf  niht  niwan  ge- 
mach uA  fin  felbef  gemdte.  Nv  retet  unf  fct  pauluf.  daz  wir  unf  zu  dem  hei- 
ligen geilte  gehaben.  vA  dem  leidigem  mant  ze  find  willen  wider  fagen.  daz 
wir  Qolgen  den  tugenden  der  feie.  vA  widerften  dem  gemache  def  libef.  vber 
bore  wir  den  rät   ez  chumt  gewilllich  ze  un . . .  en.    (S.  12.)   wir  geuallen  m 


366     JOSEPH  DIEMER,  DEUTSCHE  PREDIGTENTWÜfFE  AUS  DEM  Xm.  JAHRH. 

den  fibtuin  der  vnzellichen  fanden  daz  wir  angeneme  werden  allen  criften 
livten  Yü  den  heiligen  englen  die  unf  ze  gnozen  haben  wellent.  ob  wir  nnf  in 
rehten  dingen  erzeigen.  H^te^  fcribet  unf  daz  heilige  ew.  daz  unfir  herre  ze 
ierlm  närn  wolde.  vfi  waflin  geaerte  durch  zwo  ilete  di  beide  in  felben  be- 
zeichent.  diu  ein  finen  namen  diu  ander  die  arbeit  dirre  werlt,  di  arbeit  er 
vber  uarn  wölde.  Samaria  cuftodia  interpretatur ,  danne  er  famaritan'  & 
cultof  humani  generiü  >  Ein  hdter  der  menfchen  wirt  er  gäheizen.  Galilea 
bezeichent  daz  er  alle  arbeit  dirre  werlt  vber  uarn  wolde.  Wan  er  wart  ge- 
beizen  ein  huter  der  menfchen.  fo  wolde  er  mit  dem  namen  vber  nam  alle  di 
arbeit  dirre  werlt.  In  dem  geuerte  begeginte  im  die  liüte  die  fin  bedorften 
ze  ir  noten  di  milTelfuhtec  waren,  von  den  unzellichen  funden.  Si  getorllen 
ßch  im  niht  erzeigen,  uon  uerren  fteten  li  gnade  fuhten.  vfi  fprachen  alfoH 
Jefu  preceptor  miferere  nobis.  Sie  hizen  in  einen  heilant  aller  dirre  werlt 
er  were  def  gewaltic  daz  er  fi  mit  eind  werte  fine  gebot  wol  begnaden  mohte. 
an  aller  flahte  arbeit.  Alf  er  den  globen  uon  in  nemäm.  do  begunde  er  fi 
mit  finer  erbarmede  fie  ze  fehenne.  vü  gebot  in  daz  fi  fich  zeigeten  dem 
ewarten.  alf  wir  daz  gebot  an  der  alten  e  gefcriben  vmden.  Warvmbe  fant 
er  fi  ze  den  ewarten  do  er  felbe  def  gewaltef  waf.  daz  er  an  die  ewarten  fi 
wol  beruchen  mohte.  Daz  tet  er  darumbe  daz  er  finiv  wort  niht  uerwandehi 
wolte.  diu  uon  fine  gebot  an  der  alten  e  gefcriben  waren.  Wir  fuln  def  niht 
wenen.  ob  wir  fchentliche  funde  di  wir  begangen  haben  vor  einö  alter  mit 
riwegem  hercen  erclagen  unferm  herren  mit  dem  willen  daz  wir  unf  der  fun- 
den enthaben  wellen  daz  wir  der  fö  zehant  ledich  ßn  folt  ez  fo  lin.  fo  hete 
unfer  herrre  die  fichen  di  den  funder  bezeichent.  hin  ze  den  ewarten  niht 
gefendet.  di  euch  gefunt  wrden.  e  fi  ze  den  ewarten  choäi.  alf  da  gefcriben 
ftet.  Er  ift  def  gewaltef  daz  er  unf  uon  den  funden  an  den  ewarten  wol  be- 
ruchen mach,  er  hat*  doch  den  ewarten  den  gewalt  uerlazen  daz  fi  nach  der 
ahte  der  bihte  handelent  mit  dem  antlaze.  vfi  mit  der  buze.  Mit  michelr 
girde  def  hercen  bogen  wir  die  funde  welle  wir  die  an  werden,  fo  m4zeii  fi 
unf  mit  der  bihte.  vfi  mit  der  buze  fwere  werden.  Ez  ift  ein  harte  unfenftez 
dinch  ob  wir  andren  liuten  di  funde  lagen  fuln.  der  wir  wider  unf  felber 
fchamen  raüzen.  daz  wir  fi  geurumet  haben.  Nv  wir  auer  uon  got  haben  die 
lere  vö  unf  def  niht  irret  niwan  menfclich  brode.  die  ruche  er  in  linön  gna- 
den an  unf  uerwandeln.  daz  wir  mit  luterre  bihte.  mit  rehter  buze  im  hie  fo 
gebuzen  daz  wir  reine  vfi  fchone  mit  im  die  ewigen  fr5de  befitzen  mnzzen. 

D.  XV.  S.  math.    Nemo  poteft  duobus  dominis  servire  .  . .     Difiu  vort 
def  heil.  ew.  diu  wir  hie  uernumen  haben  diu  fint  niht  ge  .  . . 


Zwei  Doppelblätter  von  Pergament  in  Duodezformate  aus  der  Mitte  des 
13.  Jahrhunderts ,  welche  Herr  Professor  Dr.  Constantin  Höfler  in  der  eiz- 


FRAfiZ  PTEIFFEE,  ENTGEGNUNG.  387 

bischöflichen  Bibliothek  zu  Prag  anffand  und  mir  gefdlligst  zur  Benutzung 
übersandte.  Die  Schrift  ist  sehr  klein  und  oft  kaum  leserlich :  der  Text  so- 
wohl wegen  der  Darstellung  als  der  reinen  und  oft  seltenen  Sprachformen 
nicht  uninteressant.  Er  läuft  in  Seite  1—4  und  9—12  ununterbrochen  fort, 
in  der  Mitte  fehlen  jedoch  die  innern  zwei  Blätter  der  Lage  oder  Seite  6—8. 
Die  vielen  darin  vorkommenden  lateinischen  Stellen  aus  der  hl.  Schrift,  die 
meistens  nur  durch  die  Anfangsbuchstaben  der  Wörter  angedeutet  sind, 
glaubte  ich  föglich  weglassen  zu  dürfen  weil  sie  im  Lesen  oft  nur  stören,  und 
ohnehin  jedes  Mal  übersetzt  beigefügt  sind.  Nur  die  Abkürzung  s  für  ^ 
und  einige  ähnliche  wie  sp'chet  für  fprichet,  fp"ch  för  fprach,  c'ift  für  Christ 
habe  ich  aufgelöst,  sonst  ist  der  Abdruck  genau  nach  der  Handschrift. 

JOS.  DIEHER. 


ENTGEGNUNG. 


Das  eben  erschienene  Heft  der  Zeitschrift  für  deutsches  Alterthum  11, 
238 — 243  enthält  unter  der  Aufschrift  „Nochmals  über  Freidank"  einen 
Aufsatz  von  W.  Grinmi,  worin  derselbe  ein  paar  in  meiner  Abhandlung 
(Germania  2,  129 — 171)  vorgebrachte  Beweise  und  Ausfuhrungen  zu  ent- 
kräften sucht  Ich  muß  vorläufig  auf  eine  Antwort  verzichten :  erstens  habe 
ich  nöthigere  Dinge  zu  thun ,  und  zweitens  verdrießt  es  mich,  immer  in  das 
nämliche  Loch  zu  bohren  und  schon  Gesagtes  in  anderer  Form  nochmals  zu 
wiederholen.  Überhaupt  scheint  mir  der  Gegenstand  erschöpft  zu  sein,  es 
ist  für  und  wider  die  Hypothese  genug  gesagt,  um  Jedem  ein  eigenes  Urtheil 
möglich  zu  machen.  Wie  dieses  sich  schließlich  gestalten  werde  kann  ich 
ruhig  abwarten,  bis  jetzt  glaube  ich  nicht  im  Nachtheii  zu  sein. 

Jener  Aufsatz  enthält  aber  eine  Stelle,  die,  wo  nicht  meinen  Charakter, 
doch  die  Wafifen,  mit  denen  ich  kämpfe,  zu  verdächtigen  sucht,  und  daher  so- 
gleich eine  Berichtigung  erfordert 

Nachdem  W.  Grimm  (S.  242)  aus  seinen  frühern  Schriften  einige  Sätze, 
in  denen  er  Freidanks  strenge  Beachtung  der  feinern  metrischen  Gesetze  be- 
hauptet hatte,  wiederholt,  fahrt  er  ako  fort :  „Das  kann  sich  natürlich  nur 
auf  die  metrischen  Gesetze  beziehen ,  die  fitr  das  einfache  Reimpaar  bei  den 
guten  Dichtem  jener  Zeit  galten,  und  ein  Missverständniss  scheint  mir  nicht 
mögUch.  Dennoch  hat  ein  unbefangener  Forscher  meinen  Worten  einen  an- 
dern Sinn  zu  geben  gewusst  Ich  soll  behauptet  haben,  der  Bau  von  Freidanks 
Versen  sei  strenger  als  das  Volk  und  selbst  die  höfischen  Epiker  und  sonst 


368  HOmZ  RODLER        . 

Didactiker  ihn  geübt ,  sei  beinahe  ganz  so  streng  als  in  der  Lyrik  geregelt 
Er  hat  sogar  HäckcWn  hinzugefügt,  als  seien  das  meine  eigenen  Worte  und 
Gedanken,  und  man  könne  sich  auf  die  Richtigkeit  seiner  Angabe  verlassen. 
Daß  eine  solche  unverständige  Übertreibung  mir  nicht  in  den  Sinn  gekommen 
ist,  brauche  ich  kaum  zu  sagen.  Nur  wer  nicht  weiß ,  daß  die  metriBchen 
Gesetze  des  Liedes  und  des  einfachen  Reimpaars  verschieden  sind,  der 
könnte  auf  den  unglücklichen  Einfall  gerathen ,  diese  nach  jenen  Regeln  zu 
wollen." 

Ich  werde  hier  mit  unverhüllten  Worten  geradezu  der  Fälschung  ange- 
klagt. Gewiss  war  dieser  Streich  eben  so  gut  gemeint  als  gezielt.  Zum 
Glück  für  mich  hat  W.  Grimm,  um  einen  Ausdruck  des  Mittelalters  zu 
brauchen,  über  houbet  gevohten,  er  hat  in  seinem  Eifer  einen  Lufthieb  geführt, 
oder  daß  ich  mich  richtiger  ausdrücke,  mir  wähnte  er  einen  TreflPzu  geben, 
er  hat  aber,  zu  seinem  eigenen  Schaden,  einen  Andern  getroflFen :  fatalerweise 
gerade  den  einzigen  Anhänger  seiner  Hypothese.  Für  die  „unverständige  Über- 
treibung" wird  sich  an  meiner  Statt  W.  Wackemagel  bedanken,  denn  von  ihm 
sind  jene,  wie  sich's  gehört,  mit  Häkchen  versehenen  Worte,  sie  stehen  buch- 
stäblich so  in  seiner  Litteraturgeschichte  S.  28L  Daß  diese  Worte  von 
W.  Grimm  herrühren ,  habe  ich  natürlich  nicht  gesagt,  das  ist  bloß  eine ,  in 
litterarischen  Kämpfen  wohl  auch  schon  angewandte  Kriegslist  meines  Geg- 
ners, erfunden,  um  mich  in  Nachtheil  zu  bringen  und  minder  aufmerksamen 
Lesern  Sand  in  die  Augen  zu  streuen;  denn  es  wäre  doch  auffallend»  wenn 
jene  auf  seinen  eigenen  Behauptungen  fußende  Deutung ,  wenn  jene  „unver- 
ständige Übertreibung''  W.  Wackernagels  ihm  verborgen  geblieben,  wenn 
er  nicht  gewusst  haben  sollte,  von  wem  sie  herrührt 

WIEN,  23.  September  1858.  FRANZ  PFEIFFEB. 


P  R  I  A  M  E  L  N 

lOTGETHEILT  VON 
MORIZ  RODLER. 


Ch.  C.  Nopitsch  hat  durch  die  Hebung  des  reichen  Schatzes  der  gnomi- 
schen  Litteratur  ^)  aller  Kulturvölker  die  Freunde  der  Litteraturgeschichte 
besonders  verpflichtet.   Wir  können  daraus  entnehmen,  wie  ausgedehnt  dieser 


*)  Litteratur  der  SpiichwOrter.     Nürnberg,  J.  L.  S.  Lechner,  1822« 


PBIAMELN.  369 

Zweig  der  cüdactiscben  Dichtung  sei  und  in  welch*  tiefen  Wurzeln  ded  natio- 
nalen Selbstbewusstseins  er  fa0e.  Der  angebome  Hang,  die  Resultate  sitt- 
licher und  politischer  Lebensbeobachtungen  kurz  und  sinnreich  auszudrücken, 
sie  in  bestimmte  Formen  einzukleiden,  war  nicht  nur  den  Griechen,  Römern, 
Arabern  und  andern  Völkern  eigenthümlich ,  sondern  entspricht  ebenso  wo 
nicht  mehr  dem  germanischen  Charakter.  Die  zahlreichen  Spruchdichter  des 
14.,  15.  und  16.  Jahrhunderts  liefern  dafür  genügende  Beweise. 

Im  Anfange,  als  der  Spruch  noch  ausschließliches  Eigenthum  des  Volkes 
war  und  unmittelbar  aus  dessen  Munde  hervorgieng,  war  er  kurz  und  bündig 
und  wusste  in  wenigen  sinnigen  Worten  oft  mit  schlagendem  Witz  sein  Ziel 
zu  treffen.  Damals  war  das  Sprichwort  auch  Wahrwort.  -Erst,  als  man 
anfieng,  sich  in  allen  Verhältnissen  des  socialen  Lebens  im  schwerfälligen, 
sententiösen  Ton  zu  gefallen ,  wurde  die  Form  eine  gedehnte  und  gesuchte  : 
nicht  jedes  Sprichwort  war  zugleich  Wahrwort.  Schon  bei  den  Griechen 
finden  wir  verschiedene  Benennungen,  die,  wie  yv(afi7j,  Xe^ig,  Xoyogy  loyiov, 
^Cig,  ^fux,  ^T^a  in  modificierter  Bedeutung  unserem  Spruch  —  naQotfuov, 
noQoifiüc,  äivog  unserem  Sprichworte,  dem  lateinischen  dictum,  verbum, 
proverbium,  adagium  synonym  sind.  Sie  hörten  aber  dann  auch  auf,  Eigen- 
thum desVolkeszusein,  aus  dessen  richtigen  Sinnen  sie  ursprünglich  hervor- 
gegangen, und  wurden  formgefesselte  Produkte  des  geschulten  Dichters,  bloß 
zur  witzigen  Tändelei  bevorzugter  Kreise  geschaffen.  Diesem  Culturprocesse 
verdanken  namentlich  die  Deutschen  ihre  Spruchgedichte ,  und  unter  diesen 
die  eigenthümliche  Form  der  Priamel. 

Eine  vollkommen  genügende  Definition  der  Priamel  (entstellt  aus 
praeambulum  Vorspiel,  Vorbereitung,  synonym  mit  praeludium,  intro- 
ductio  etc.)  gibt  der  ausgezeichnetste  Kenner  deutschen  Witzes  und  Scharf- 
sinns, Lessing,  *),  der  die  Sonderheit  ihrer  Form  also  hervorhebt:  „daß  zu 
mehreren  Subjecten,  oder  zu  mehreren  Vordersätzen,  deren  eine  ganze  Reihe 
nach  einander  aufgeführt  wird,  am  Ende  ein  einziges,  gemeinschaftliches 
Prädicat,  oder  Ein  gemeinschaftlich  auf  alle  Vordersätze  anwendbarer  Nach- 
satz gesetzt  wird ,  worin  entweder  die  Gleichheit  oder  die  Unverträglichkeit 
der  angeführten  Subjecte  angegeben  oder  auch  ihr  gemeinschaftlicher  Werth 
oder  Unwerth  bestimmt  wird.  Manche  darunter  haben  zugleich  ein  oder 
mehrere  Gesellschaftsstücke  oder  Parodien  neben  sich ,  worin  das  nämliche 
Pr^icat  oder  dessen  Gegentheil  auf  andere  Subjecte  angewandt  wird.  Frei- 
lich entsteht  durch  diese  ähnliche  Form  und  deren  öftere  Wiederkehr  eine 
gewisse  Monotonie,  die  für  den,  der  mehrere  Stücke  hinter  einander  liest,  bald 
ermüdend  wird;  für  sich  genommen  hat  aber  doch  diese  Form  etwas  sehr 
epigrammatisches  und  die  beiden  wesentlichen  Bestandtheile  des  Sinngedichts, 


*)  Leiang's  mid  Esehenburg's  Beiträge  zur  Oeschichte  txnd  litterator.  Ans  den  Schätzen 
der  henogl.  Bibliothek  zu  WoUenbütteL    Brannsehweig,  1781. 

•XHJUIIIA.  UJ.  24 


370  MOBIZ  RODLER 

Erwartung  und  Aufschluß,  im  vorzügltchen  Grade,  wiewohl  dieser  letztere 
nicht  immer  gleich  überraschend  und  befriedigend  ist.^ 

Der  Name  ist  lateinisch  und  offenbar  der  Musik  entnommen,  wie  ans 
das  Beispiel  in  dem  von  Oberiin  herausgegebeneu  Scherzischen  Glossar  zeigt, 
wo  es  in  der  Ordn.  des  gerichts,  a.  1482  heißt;  y^des  ersten  macht  ein  Harf er 
ein  Priamel  oder  Vorlauf,  daz  er  die  Hut  im  uff  ze  merken  bewegt.  Dies 
dürfte  bei  den  poetischen  Wettkärapfen  der  Meistersänger  der  Fall  gewesen 
sein.  Die  Form  der  Priamel  überhaupt  reicht  ins  12.  Jahrhundert  hinauf; 
auch  im  altnordischen  Havamal  findet  sie  sich;  Sprüche  in  Freidanks  Be- 
scheidenheit haben  ihre  Gestalt.  Die  zahlreichste  Sammlung  hat  bisher 
Eschenburg  geliefert;  auch  Adelbert  Keller's  *)  Beitrag  ist  ein  schätzens- 
werther  und  so  noch  anderer;  doch  die  bei  Weitem  größere  und  ursprüng- 
lichere Zahl  fipdet  sich  noch  in  Manuscripten  des  14.  u.  15.  Jahrhunderts. 
Vorzügliche  Sammlungen  enthalten  die  Handschriften  der  Münchener,  Dres- 
dener, Wolfenbüttler  und  Hamburger  Bibliotheken.  Ich  habe  mir  die  Auf- 
gabe gestellt,  eine  umfangreiche  Sammlung  der  Priameln  zu  bewerkstelligen, 
nur  muß  ich  bei  diesem  Unternehmen  im  voraus  gestehen ,  daß  hiebei  an 
Vollständigkeit  nicht  zu  denken  ist ,  da  eine  große  Zahl  dieser  Sprüche  in 
Manuscripten  deutscher  Bibliotheken  einzeln  und  zerstreut  vorkommen  mag, 
von  denen  Kenntniss  zu  erhalten  überhaupt  schwer  und  für  mich  nicht  wohl 
möglich  ist. 

Was  nun  den  Inhalt  der  Priameln  betrifft,  so  sind  es  dieselben  Objecte, 
die  Wilhelm  Körte  in  den  Sprichwörtern  und  sprichwörtlichen  Redensarten 
findet  und  die  er  in  der  Einleitung  zu  seiner  Sammlung  also  bespricht:  Vor 
ihm  (dem  Sprichwort)  ist,  wie  vor  dem  echten  Gesetz,  Alles  gleich;  jeder 
Stand,  jeder  Glaube,  jede  Klugheit  und  Einfalt,  kurz  Alles  wird  von  ihm 
gleich  derb  (kurz  und  gut)  neckisch  und  rund  heraus  censiert,  ohne  Ansehen 
der  Person.  Es  hält  streng  auf  das  rechte  Recht,  vor  welchem  weder  Gunst 
noch  Gaben  etwas  gelten.  Es  sagt  muthwillig,  witzig  und  spitzig,  wie  es  ist; 
streng  und  unumwunden,  wie  es  sein  sollte.  Das  Schöne  und  Gute  schmückt 
es  gern  mit  zierlichem  Bild  und  Gleichniss,  während  es  der  Thorheit  wie  dem 
Laster  allen  erdenklichen  Schimpf  anhängt. 

Wie  das  Sprichwort,  nimmt  auch  die  Priamel  Ton,  Farbe,  Ausdruck, 
Gleichniss,  Klang  und  Sang,  wo  sie  ihn  irgend  ihrer  Absicht  und  Laune  ent- 
sprechend findet,  aus  dem  Heidenthum,  Judenthum  oder  Christenthum,  gleich 
viel;  bald  vom  Altare,  bald  vom  Markte,  bald  vom  eignen  Herde.  Was  ihr 
behagt  und  einleuchtet,  was  ihr  ergötzlich  und  erbaulich  scheint,  sie  hält's 


^)  Alte  gute  Schwanke.  Leipzig,  1847.  Eine  Umarbeitung  dieser  Priameln,  mit  Aus- 
nahme zweier,  ohne  Druckort  und  Druckjahr,  befindet  sich  in  der  k.  k.  HoTbibliotbek  in  Wien, 
unter  dem  Titel:  «Dje  höfflichen  Weydsprüch  (inn  Reimen  gestelt)  KartEweiUg  Timd  firncbt- 
bar  so  lesen«** 


PRIAMELN.  371 

fest  und  macht  sich's  mundgerecht.   Religion,  Politik,  Hanshalt,  das  gesellige 
Leben  gibt  ihr  reichlichen  Stoff. 

Die  Sprache  ist  in  vielen  klangvoll,  der  Rhythmus  melodisch  —  der 
iusdmck  aber  hänfig  nur  zu  derb  und  ohne  Rückhalt  gewählt;  doch  der  Leser 
kann  sich  dabei  an  Agricola  erinnern,  der  sagte:  „Dieweil  ich  Sprüchwörter 
schreibe,  so  kann  ich  nit  allwege  Seide  spinnen;  es  wird  auch  wolgrob  Garn 
mit  unterlaufen." 

Über  den  cultnrhistorischen  Werth  der  Priamel  in  meiner  Sammlung. 

Die  Autorschaft  der  einzelnen  Priaraeln  feststellen  zu  wollen,  wäre  ver- 
gebene Muhe,  nur  einige  der  älteren  lassen  sich  dem  Hans  Rosenblüt  und 
Hans  Folz  mit  einiger  Sicherheit  zuschreiben. 

Die  nachstehenden  noch  ungedruckten  Stücke  sind  einem  Dresdener 
Codex  *)  entnommen  der  die  Überschrift  führt:  „Hans  Rosenplüts  Gedichte 
ondErzählongen".  Die  ersten  acht  parodieren  einige  Handwerke,  die  letzten 
drei  haben  in  spöttischem  Tone  und  etwas  unzüchtigem  Ausdruck  die  Ge- 
brechen des  Alters  zum  Thema.  In  sämmtlichen  herrscht  Ein  Ideenkreis, 
so  daß  man,  mit  Rucksicht  auf  die  Geläufigkeit  und  Leichtfertigkeit  der  Rede, 
sowie  einige  Spracheigenthümlichkeit,  den  Schnepperer  ungescheut  als  Autor 
nennen  kann. 

SCHUSTER. 

Ein  Bchuster,  der  mit  rechten  Sachen 

Zeh  leder  ausz  pappir  konde  machen, 

Und  smer  konde  machen  ausz  kukot, 

Das  im  gut  were  zu  leder  und  drot. 

Und  ein  frawen  hett,  die  soUichs  kont  besinnen , 

Das  sie  guten  drat  ausz  hew  kont  spinnen. 

Das  er  der  dreier  keins  betorfb  kaoffen, 

Und  gut  schuhe  macht,  dorinnen  man  lang  mocht  lauffen. 

Und  mit  behender  erbeit  im  niemant  wer  gleich, 

Der  wurde  gar  balde  mit  dem  hantwergk  reich« 

SNEIDER. 

Ein  sneider,  der  vil  knecht  hett, 

Der  yeder  nach  seinem  willen  tet, 

Und  die  nicht  Ions  nemen  und  auch  nicht  eszen. 

Und  über  tag  ob  der  erbeit  seszen, 

Und  mer  mochten  machen  dann  man  zu  kon(t)  sneiden , 

Es  wer  von  samat  oder  von  seiden. 


^)  Beschrieben  in:  FalkensteinK.,  Beschreibung derkSmgl.öffentl.  Bibliothek  za  Dresden. 
Dresden,  1839,  pag.  382. 

24* 


372  MORIZ  RODLER 

Und  hette  dann  ein  frnme  dinstdiern, 

Die  aasz  past  konde  spinnen  guten  zwirn. 

Und  woit  er  dann  vast  erbeiten  und  meszlich  zeren, 

So  wurde  er  sich  mit  dem  hantwergk  gar  sanft  neren. 

HAFNER. 

Einem  hafoer,  dem  sollich  kanst  kont  werden, 
Der  hefen  konde  machen  ausz  roher  erden, 
Und  auf  der  schewben  sie  konde  bereiten!» 
Das  er  sie  weder  prennen  bedorft  noch  eiten,  *) 
Und  zwen  ee  gemacht  dann  er  einen  zuprech, 
Und  vein  grün  konde  machen  mit  pech. 
Und  krug  macht,  die  selbs  über  den  prun  lieffen. 
Wenn  die  hauszmeide  des  morgens  legen  und  slieffen, 
.    Und  über  tag  hett  kauffleut  genungk, 

Der  wurde  auch  pald  reich,  sturb  er  nicht  Jungk. 

WEBER. 

Ein  weber,  dem  got  sollich  kunst  hett  geben, 

Das  er  gut  tuch  ausz  pintzen  kont  weben. 

Das  varb  hett,  die  man  gern  trug. 

Und  die  da  niemant  verslug.  j 

Und  an  der  varb  auch  nicht  abnem, 

Und  zeh  wurde,  wenn  es  ins  alter  kem. 

Und  macht  adlasz,  zenndel  und  taffat,  i 

Und  ob  der  erbeit  ein  wasser  laffet,  ')  I 

Wolt  er  vast  erbeiten  und  das  weinhausz  meiden. 

So  bedorft  er  im  alter  keinen  mangel  leiden. 

SCHREINER. 

Ein  Schreiner,  der  holtzs  gnung  hett  umbsnst. 
Das  edel  wer  nach  seines  hertzen  lust, 
Und  der  sein  handwergk  als  wolt  kont, 
Das  im  jedermann  seins  gelts  wol  gont, 
Und  nimmer  kein  böse  erbeit  nicht  mecht 
Ausz  allem  holtz  krump  oder  siecht. 
Und  hawen  und  hofein  als  sanft  tet. 
Als  ob  er  trunck  wein  und  met. 


*)  eiten  1.  inpra/ntit.  glühen^  brennen;  2.  trcmsit.  brennen,  durch  Feuer  ff Uihend  oder 
heiee  maeJ^enf  ?ieizen^ 

')  laffen,  Ablauteverb  ifu  läppen,  mit  der  Zunge  trinken  wie  ein  Hund;  eehlür/m,  <* 
Ideinen  Zügen  trinken:  Sehmelier  2,  486. 


PBIAHELN.  373 

Wolt  er  erbeiten,  das  in  der  sweisz  WDrd  netzen, 

Der  bedorft  ninimer  kein  pfant  under  die  Juden  versetzen. 

GOLTSMIT. 

Ein  goltsmit  der  mit  knnstenlichen  sacken 

Veia  golt  ansz  rohem  kupflfer  konde  machen. 

Das  dreinndtzweintzig  karat  hett, 

und  auch  zu  allertzeit  recht  tett, 

und  qnecksilber  also  konde  toten. 

Das  es  sich  smiden  liesz  nnd  loten, 

Konde  er  die  zwu  metall  abentewern ,  *) 

Das  si  bestonden  in  allen  fewem, 

Seit  er  bey  den  kansten  allen  petteln  gen, 

So  mnst  es  gar  obel  in  der  werlt  sten. 

RATTSMIT. 

Ein  rattsmitt,  der  seiner  sinne  konde  genieszen. 

Das  er  alle  sein  erbeit  ausz  pech  konde  gieszen, 

und  konde  es  also  habschlich  pringen  her, 

Sam  ob  es  zwir  geprennter  messig  wer. 

Und  also  eben  konde  gieszen ,  das  man  es  nicht  dorft  bereiten. 

Darnach  man  oft  gar  lang  musz  peiten, 

und  an  dem  gieszen  nicht  verdarb, 

und  im  nimant  die  kanst  ab  erwarb , 

Er  wolt  dann  gar  stadfawl ')  sein. 

Er  gewänne  damit  fleisch  prot  und  wein. 

BAWER. 

Ein  bawer,  dem  got  sollich  kanst  wolt  fagen , 

Das  im  die  ecker  ungeackert  tragen. 

Und  im  kein  fracht  aaf  dem  veld  verdarb. 

Und  im  nimmer  kein  vihe  abstarb, 

und  im  kein  wolff  wonet  bei , 

Und  were  vor  allen  raabem  sicher  and  frei. 

Und  aber  jar  in  gatem  fried  sesz. 

Und  messiglich  tranck  and  esz, 

Und  im  sein  herr  alle  jar  galt  liesz  varen. 

Der  mocht  im  alter  wol  ettwas  für  sich  sparen. 


0  abentewern  vgl  Sehmelier  1,  9.  10. 

')  stadfawl,  unbeweglich  wie  eine  Siud,  ein  Pfosten^  Pfeiler;  eehr  faul  führt  Sehmeiler 
3*  616  mn  Eom$  Sache  an. 


374  MOBIZ  BODLEB,  PBIAHELN. 

DAS  ALTER. 
1. 

Das  alter  ist  sogetan, 

Das  es  macht  zu  einem  kinde  manchen  weisen  man. 

Es  machet  newes  gewant  beschaben, 

und  machet  stille  manchen  freien  knaben , 

und.  machet  manchen  wilden  zam, 

Und  machet  manchen  geraden  lam, 

Es  machet  plosz  manchen  rawen  kocher. 

Es  machet  vinstere  und  swartze  arsziocher, 

Und  machet  manchen  frawendiener  entwicht; 

Das  ist  des  alters  Zuversicht. 


Ich  vind  in  meiner  synnen  teych 

Das  alter  ist  einem  rauber  gleich, 

Es  nimpt  der  glocken  ir  gedon. 

Und  nimpt  den  hübschen  frawen  ir  schon, 

Und  nimpt  den  ochszen  iren  zugk, 

Und  nimpt  den  vögeln  iren  flugk, 

Und  nimpt  dem  man  sein  starkes  ringen. 

Und  nimpt  den  painen  ir  springen , 

Und  nimpt  den  fuessen  ir  snelles  draben. 

Und  nimpt  die  erbeyt  im  nachtgraben , 

Und  nimpt  dem  eylfften  vinger  sein  leng: 

Das  sind  des  alters  nachcleng. 

3. 

Vor  alter  wirt  der  man  swach, 
Im  alter  wirt  löcheret  manig  dach. 
Im  alter  wechst  auf  hecken  dorn, 
Im  alter  wechst  einem  rind  sein  hörn, 
Im  alter  wirt  manches  weiszes  hawpt 
In  synnen  1er  und  dartzu  tawp, 
Im  alter  wirt  der  man  pertet, 
Im  alter  wirt  der  hafen  schertet, 
Im  alter  wirt  er  gar  zu  scherben. 
Im  alter  wechst  schimel  in  der  arszkerben. 
WIEN. 


LITTERATUB.  375 

LITTEßATIJR. 


Bie  Werke  der  Hrotsvitha.  Herausgegeben  von  Dr.  K.  A.  Barack,  erstem  Oon- 
senrator  und  SecretAr  der  Bibliothek  des  germanischen  Museums.  Nürnberg ,  Bauer 
n.  Raspe  (Jol.  Merz)  1858.     8.    LXIY  und  362  S.     (2  Thir.  20  Sgr.) 

Wenn  auch  nicht  als  Zeugniss  Tolksthüml icher  Poesie,  sondern  gelehrten  Stu- 
dien entsprossen  und  gelehrten  Zwecken  dienend,  haben  doch  die  Schriften  der 
Hrotswitha  für  uns  Deutsche  ein  besonderes  Interesse:  weniger  ihre  versifizierten^ 
Legenden  als  ihre  Dramen,  die  in  gewissem  Sinne  unter  die  Anfänge  des  deutschen 
Drama's  gerechnet  werden  müßen.  Aus  dieser  Rücksicht  mag  es  erlaubt  sein  über 
die  neueste  Ausgabe  der  Dichterin  in  dieser  Zeitschrift  zu  referieren.  Daß  die  Werke 
der  Gandersheimer  Nonne  bis  jetzt  ungenügend  herausgegeben  worden  sind,  darüber  . 
kann  heut  kein  Zweifel  mehr  herrschen :  eine  rühmliche  Ausnahme  machen  nur  die 
beiden  in  den  Monum.  Germ.  VI  gedruckten  historischen  Gedichte.  Dennoch  fühlte 
man  das  Bedürfiaiss  und  J.  Grimm  (lat.  Gedichte  des  zehnten  und  eilften  Jahrhunderts 
S.  X)  hat  es  ausgesprochen.  Durch  seine  Äußerung  zunächst  angeregt  hat  Herr 
Dr.  Barack  eine  kritische  Ausgabe  s&nuntlicher  Werke  versucht.  Natürlich  mußte 
zunächst  auf  die  Hs.  selbst  zurückgegangen  werden,  die  Schurzfleisch  bei  seiner 
Ausgabe  gar  nicht,  Magnin  nur  für  die  Comödien,  Fertz  nur  für  den  FanegyricUs  auf 
die  Ottonen  benutzt  hatten.  Die  einzige  Hs.  in  München,  dered  Beschreibimg  sich 
der  Herausgeber  erlassen  hat,  indem  er  auf  Fertz  verweist,  mußte  demnach  dieser 
wie  den  frühem  Ausgaben  zu  Grunde  liegen.  Doch  hat  Herr  Dr.  Barack  noch  ein 
secundäres  Mittel  zu  benutzen  Gelegenheit  gehabt,  nämlich  eine  in  Fommersfelden 
befindliche  Abschrift  der  Münchener  Hs.  vom  Ende  des  fünfzehnten  Jahrhunderts. 
Bethmann,  der  sie  auffand,  gab  sie  als  eine  Abschrift  des  Geltes*schen  Druckes  an 
(Pertz,  Archiv  9,  534):  daß  sie  das  nicht  ist,  zeigt  Herr  Dr.  Barack  (S.  LXI),  hätte 
aber  nicht  nöthig  gehabt  Bethmann*s  kleinen  Irrthum  so  stark  zu  betonen.  Diese 
Abschrift  ist  dadurch  besonders  wichtig,  daß  sie  vor  den  Celtes'schen  Radierungen 
im  Münchener  Codex  gefertigt  ist ,  mithin  in  manchen  Fällen  den  unleserlich  ge- 
wordenen Text  der  Hs.  errathen  lässt.  Mit  diesen  beiden  Hilfsmitteln,  so  wie  dem 
nicht  in  der  Münchener  Hs.  befindlichen  Gedicht  über  Ganderheims  Gründung,  dessen 
Hs.  verloren  ist ,  hat  der  Herausgeber  versucht  'den  verdorbenen  Text  der  Aus- 
gaben auf  seine  ursprüngliche  Beschaffenheit  zurückzuführen .  Der  Herausgeber 
hat  sich ,  wie  aus  der  Einleitung  hervorgeht,  den  Text  der  Münchener  Hs.  als  den 
ursprünglichen  gedacht,  wiewohl  die  Lesarten  ausweisen,  daß  derselbe  durchaus 
nicht  fehlerfrei  ist.  Wir  wollen  diesen  Irrthum,  der  freilich  ein  principieller  ist, 
nur  erwähnen :  der  Herausgeber  hat  sich  also  die  Aufgabe  gestellt  den  Text  der 
Münchener  Hs.  möglichst  treu  wiederzugeben,  von  Schreibfehlern  u  s.  w.  gereinigt. 
Wo  die  Yerderbniss  stärker  war ,  mußte  zuweilen  eine  Conjectur  angewendet  wer- 
den: man  muß  es  zum  Lobe  des  Herausgebers  sagen,  daß  er  überflüssiger  Conjeo» 
turen  sich  enthalten  und  den  älteren  Ausgaben  gegenüber  die  Lesart  der  Hs.  mög- 
lichst vertheidigt  hat,  was  aus  seiner  Ansicht  vbn  der  Hs.  folgern  mußte. 

Indem  wir  vorläufig  speciellere  Bemerkungen  über  den  Text  unterlassen,  wollen 
wir  der  Einleitung  gedenken.     Dieselbe  behandelt  in  vier  Abschnitten  das  Leben, 


.376  LITTERATÜB. 

die  Schriften,  die  Sprache  der  Dichterin,  so  wie  Ausgaben  und  Übersetzungen  ihrer 
Werke.  Dem  Herausgeber  i^t  es  darum  zu  thun  'in  Bezug  auf  das  Leben  eine 
Reihe  haltloser  Behauptungen  über  die- Person  unserer  Dichterin  zu  beseitigen*. 
Betrachtet  man  dieselben  aber  näher,  so  wird  man  finden,,  daß  es  längst  veraltete 
Ansichten  sind ,  die  etwa  nur  in  neuere  Werke  yon  Dilettanten  noch  Eingang  ge- 
funden haben,  die  aber  hier  mit  großer  Ausführlichkeit  widerlegt  werden.  Dafi 
Hrotsvitha  die  einzig  richtige  Form  des  Namens  sei,  wie  S.  III  behauptet  wird ,  ist 
irrig:  denn  so  wenig  als  Ruolant  neben  Hruotlant  eine  unrichtige  Form  ist,  ebenso 
wenig  Hroswith  oder  Roswith  neben  Hrotsrith.  Die  albernen  Deutungen  des 
-Namens  'weiße  Rose'  etc.  hätten  nicht  wiederholt  werden  sollen ,  seit  J.  Grimm  das 
Richtige  längst  gesagt  hatte.  Die  Abhandlung  über  Leben  und  Schriften  bringt 
keine  neuen  Resultate.  Die  Detaillierung  der  Schriften  enthält  manche  Unrichtig- 
keit. S.  XXII  wird  eine  Frau  Namens  Ganea  erwähn^,  was  aber  gar  kein  Eigen- 
name ist,  sondeAi  scortum  bedeutet.  Zur  Legende  des  Pelagius,  die  Hroswith  nach 
dem  Berichte  eines  Augenzeugen  schrieb ,  wird  in  der  Anmerkung  die  Reise  des 
Mönchs  Johann  de  Gorze  citiert  und  Magnin:  die  Ausgabe  der  Vita  Johannis 
Gorciensis,  die  noch  obendrein  in  demselben  Bande  der  Mon.  Germ,  wie  die  Gredichte 
der  Hroswith  steht ,  scheint  der  Herausgeber  demnach  gar  nicht  zu  kennen.  Die 
neue  Entdeckung,  daß  die  Faustsage  'keine  neue  Dichtung'  sei  (S.  XXVI)  wird  frei- 
lieh überraschen.  S.  XXV  werden  Celtes  und  Schurzfleisch  widerlegt,  die  Sicilien 
als  Heimat  der  Theophilussage  angeben,  und  doch  steht  Theoph.  2  (S.  250  der  Ausg.) 
Sioiliam.  Die  Anfange  der  dramatischen  Poesie  in  Deutschland  sind  nach  der  An- 
sicht des  Herausgebers ,  'wenn  es  hoch  kommt'  bisher  ins  zwC^lfte  Jahrhundert  ge- 
setzt: er  weiß  also  nicht,  daß  sich  dramatische  Dichtungen  aus  der  Zeit  vor  Hros- 
with erhalten  haben.  Bei  den  Dramen  sucht  der  Herausgeber  hauptsächlich  gegen 
Magnin  den  Beweis  zu  fuhren,  daß  sie  nicht  zur  Auffuhrung  bestimmt  gewesen  sein : 
seinen  Resultaten  und  Beweisen  wird  man  ohne  Bedenken  beistimmen  dürfen.  Eine 
zweite  Frage,  die  sich  an  die  Dramen  knüpft,  ist  die  von  Bendixen  angeregte,  ob 
die  in  ihnen  herrschende  Reimprosa  auch  formell  in  Verse  abzuüieilen  sei.  Der 
Herausgeber  neigt  sich  zur  Darstellung  in  Prosaform  und  hat  dieselbe  in  seiner 
Ausgabe  beibehalten.  An  eine  wirkliche  Abtheilung  in  Verse  kann  man  doch  auch 
nicht  im  Ernste  denken,  imd  der  Herausgeber  hätte  sich  seiner  Bemühungen,  Ben- 
dixens  Ansicht  zu  der  seinigen  zu  machen  (S.  XLH)  fuglich  entschlagen  können. 
Der  dritte  Abschnitt  der  Einleitung  (S.  XLVI-LV)  handelt  von  der  Sprache.  Er 
stellt  die  Eigenthümlichkeiten  der  hroswithischen  Sprache  zusammen ,  die  nach  des 
Herausgebers  Ausspruch  'den  vollsten  Ausdruck  ihres  Innern  zeigt.  Wir  können 
nicht  sagen,  daß  Hroswiths  Sprache  auf  uns  diesen  Eindruck  machte.  Um  es  zu 
beweisen  hätte  doch  vor  allen  Dingen  an  gleichzeitigen  Dichtern  gezeigt  werden 
müßen ,  daß  sie  nicht  diese  hroswithische  Seele  haben.  Aber  von  der  gleichzeitigen 
Litteratur  erfahren  wir  bei  dieser  Gelegenheit  kein  Wort.  Diese  grammatische 
Zusammenstellung  vom  Standpunkte  der  klassischen  Schulgrammatik  aus  ist  also 
werthlos.  Die  Eigenthü^nlichkeiten,  die  hier  als  hroswithische  bezeichnet  werden, 
sind  nichts  weniger  als  das.  Zweierlei  was  in  diesen  Abschnitt  gehört  hätte  wird 
gar  nicht  erwähnt ,  einmal  das  Verhältniss  ^es  hroswithischen  Lateins  zur  Volks- 
sprache, und  andererseits  das  Verhältniss  zu  Plautus  und  Terenz.  In  letzterer  Be- 
ziehung war  durch  Bendixen  schon  etwas  vorgearbeitet.     Der  letzte  Abschnitt  be- 


LITTERATUB.  377 

handelt  aasffihrlich .  beinahe  tu  weitlittflg  die  bisherigen  Ausgaben,  und  bietet 
nicht«  Neues.  Von  den  Übersetzungen  ist  die  älteste  deutsche,  die  der  Komödie 
Abraham  durch  Werner  Ton  Themar  1503  (in  einer  Heidelberger  Hs.  erhalten, 
Wilken  S.  394)  flbersehen  worden. 

Ein  Hanptmittel  «ur  Verbesserung  des  Textes,  den  durchgängig  angewendeten 
Reün.  hat  der  Herausgeber  nur  gelegentlich  erwähnt  und  der  Behandlung  desselben 
bei  Hroswith  keine  besondere  Darstellung  gewidmet:  was  doch  bei  der  Wichtigkeit 
des  Reimes  entschieden  nothwendig  gewesen  wäre.  DaB  erden  Reim  nicht  m  seiner 
Bedeutung  eAannt  hat.  zeigt  der  fehlerhafte  Text  mehrerer  Stellen.  Ich  will  der 
Reihenfolge  nach  die  Verbesserungen,  die  mir  eingefallen  sind,  hersetzen,  und  auch 
auf  die  unverbesserlichen  Stellen  wenigstens  noehmaU  auftnerksam  machen.  Ge- 
legenüich  schalte  ich  die  nicht  seltenen  Druckfehler  ein.  Maria  315  Ue»  proprio.- 
397  ist  ohne  Zweifel  prae  virginitaU  zu  lesen.  408  fehlt  eine  Sübe,  was  doch 
durch  ein  Sternchen  oder  irgendwie  hätte  bezeichnet  werden  müBen.  Celtes  er- 
gänzte mox.  416  ist  wohl  vero  zu  lesen,  denn  t :  o  reimt  nicht  (Aber  die  Reimfrei- 
beiten  nachher).  479  lies  ro^tor«.  555  1.  i>rMp«»«.  625  schrieb  Hroswith  dem  Reim 
zu  liebe  wohl  danti  (:«W)  d.  h.  »tqm  mit  dem  Datiy.  680  1.  jutao  (-.ergo). 
674  1.  tmdUa.  705  fehlt  eine  Silbe,  was  der  Herausgeber  gar  nicht  bemerkt  hat: 
man  lese  quqe  «rt  lassata.  712  liest  die  Hs.  ohne  Zweifel  *a«r«ft>  (  ■I^'^)  »«»« 
wann  sie  wirklich  «wran,  liest,  mu«te  schon  das  Metrum  und  Celtes  wie  Schnrzfleisch 
auf  das  Richtige  führen.  732  ist  doA  wohl  aubmiesa  zu  lesen  wie  auch  812  steht. 
746  1.  modiei  ( :/o«m)  des  Reimes  wegen.  796  pardümm  bloß  Druckfehler  för 
poradtsttm  oderin  der  Hs.  stehend?  aber  Hroswith  brauchtalsfttnltenFuJkeinenSpon- 

deus.  825 1  Somtem  ( :  urbem);  wiewohl  man  auch  m :  n  zugeben  darf.  891  schreibt 
der  Herausgeber  gegen  beide  Hss.  gemtori,  mH  Verletzung  des  Metrums.  —  Ascensio  & 
müfite  nach-  der  Ausgabe  scandiert  werden  ütper/i  mödö:  ohne  Zweifel  ist  mundo 
zu  lesen,  yielleieht  stand  inödo,  woraus  modo  wurde.  17  1.  Udmn  fttr  u»dem. 
62  1.  Äd-^.  —  Gongolph  87  lies  mit  M./mw.  weil  Juri  das  Metrum  verletzt.  ^ 
gibt  einen  guten  Sinn:  wenn  der  Herausgeber  einen  Grund  hatte >n  zu  schreiben, 
mntte  er  die  Bedenken  des  Metrums  zu  beseitigen  suchen;  aber  sie  scheinen  für  ihn 
gar  nicht  vorhanden  gewesen  zu  sein.  95  1.  praedaros  (  :  oeuloi)  wie  auch  F.  liest, 
106  soll  domifmm  ein  Dactylus  sein,  lies  domnum.  118  «Ära  quam  ereda,  »pem 
duMam  adms,  ein  Pentameter!  In  der  Anmerkung  wird  vermnthet  dm»,  ebenso 
&lsch.  Aufier  dem  Metrum  Ut  auch  der  Reim  verletzt:  ich  schlage  vor  ultra  guUm 
^«ras  spem  dubiam  reteras  (du  erschlieBest  mir):  der  Vers  gehört  schon  zur  Rede. 
303  maehinam  mundi,  Schlu«  des  Hexameters!  Wenige  Verse  vorher  schlieKt  em 
Pentameter  jure  rogis  maehinam.  Das  hätte  auf  die  Besserung  fShren  soUen .  man 
stelle  um  maehinam  dto  tnxmdi.  306  fungier  die  Hs.  aber  metrisch  unrichtig:  lies 
fungi  369  liest  die  Hs.  ut  eapit  lattbra»  Olapaa  per  artas ,  Herr  Barack  schreibt 
ergänzend  üti  ci,plt  istä  mit  unerhörter  Quantität!  metrisch  richtig  wäre  etwa  «t 
vero  cepit.  aber  auch  capit  kann  man  dulden.  503  lies  almi»  ( :  dietis)  zn  mmtu, 
gehörig.  518  1.  languidoU».  -  Pelag.  188  l.  locuplete,n.  200  es  ist  aus  der  An- 
merkung  nicht  klar,  ob  der  Vers  in  der  Hs.  jünger  geschrieben  ist:  denn  «>»»  Fehlen 
desselben  in  P.  soll  doch  wohl  nichts  beweisen !  282  1.  vasta  ( :  unda).  380  fehlt 
ein  Fn»,-ohne  daß  der  Herausgeber  es  bemerkt.  404  1.  ferretne  in  einem  Worte  — 
Theoph.  13  1.  tophiM.     21  1.  prterat.     32  1.  damat,  yne  das  Metrum  verlangt. 


378  UTTEBATUE. 

125  fehlt  dederat  in  der  Hs  ,  aber  mit  dieser  Ergänzung  wird  cUqvie  to-tum  ein  Dac- 
tylus.  Man  lese  oigtM  dedit  totum,  wo  freilich  der  Reim  durch  Assonanz  vertreten 
wird.  152  1.  perüsse.  172  1.  dicturus  f.  ducturus,  wie  schon  Celtes  besserte.  215 
l.  prever/o  corde.  228  1.  f&rvescere,  243  1.  multi  vario;  das  Komma  ist  nach  mdü 
zu  setzen,  aber  überhaupt  überflüssig  (was  von  der  überladenen  Interpunction  der 
Ausgabe  im  Allgemeinen  gilt).  257  fehlt  wohl  eine  Silbe,  denn  pröphetiae  zu  scan- 
dieren  hat  bei  Hroswith  keine  Analogie.  259  ein  rythmisch  schlecht  gebauter  Vers,  den 
man  durch  Umstellung  aolvendi  guanvis  leicht  berichtigen  kann.  543  wie  hat  der 
Herausgeber  scandiert  ?  Man  lese  ut  für  uhi.  Die  Reihenfolge  der  nächsten  Verse 
ist  unrichtig,  denn  345  gehört  offenbar  yor  344.  Wie  sie  dastehen,  geben  die  Verse 
einen  Unsinn.  351  ist  Reim  und  Metrum  verletzt,  denn  proles  hat  ö.  Man  lese 
patri.  ■—  Basil.  83  1.  ehri/tlcoU^  vgl.  Odd.  241.  —  137  besser  w2/«ra«.  IS^l,  UUras. 
—  Dion.  171  1.  ftudiose.  —  Agn.  107  1.  contscum.  143  1.  egroti,  denn  ein  Diphthong 
kann  nicht  kurz  sein.  156  wohl  ciUiis,  vgl.  Agn.  182.  348.  Oddon.  480.  —  292 
1.  teßifieOf  wie  258  steht.  —  412  metrisch  unrichtig,  1.  obdormit :  obdormivit  entstand 
wohl  aus  obdormiit  —  Odd.  140. /amo/o?  270  L  ingmte  ( :  dolore).  435  wird  uns 
zugemuthet  exoptana  sibi  praeata/ri  vemae  munus  dtdöe  für  einen  Hexameter  zu 
halten.  Pertz ,  dem  die  das  Richtige  bietende  Pommersfelder  Hs.  nicht  zu  Gebote 
stand,  schrieb  nach  Conject.  exoptans  vemae  dux  praestari  fibi  immus ;  mit  Ver- 
letzung des  Reimes.  Man  lese  optans  prciestan  vemae  munus  sibi  dtUce,  wobei 
veniae :  dulee  reimen.  —  561 1,  triste  (  :  invidiaeX  vgl.  zu  270.  —  830  1.  seculum  femUi 
vgl.  zu  Agn.  143.  —  875  1.  regalis,  des  Metrums  wegen.  —  Gandeshem.  1611. 
tradimus,  350  1.  quidm  für  quod  nunc  (  :  discutiendi).  441  1,  primula,  mit  Bezug 
auf  pignora.  560  1.  circum/tanium,  —  Job.  6  1.  dextra.  Letzteres  Bruchstück 
(361 — 62)  sowie  ein  kleines  Gedicht  von  8  Zeilen  (360)  waren  bisher  noch  nicht 
herausgegeben.  Bei  diesem  kürzeren,,  welches  ein  unvollendetes  Acrostichon  ist, 
hat  der  Herausgeber  nicht  eimal  bemerkt  (S.  XLVI),  daß  die  zum  Acrostichon  be- 
stimmten Worte  einen  Hexameter  bilden:  Dicat  amen  quicunque  mam  cupit  tre 
saiuHs,  Von  diesen  beiden  Bruchstücken,  die  in  der  Hs.  zwischen  den  Dramen  und 
dem  Gedicht  auf  die  Ottonen  stehen ,  gehört  das  auf  den  heil.  Johannes  wohl  der 
Dichterin,  das  andre  nicht.  Schon  daß  unter  den  acht  Versen  drei  reimlose  sind, 
zu  denen  als  vierter  noch  der  zum  Acrostichon  bestimmte  kommt,  würde  die  Unecht- 
heit  beweisen.  Auch  Elisionen  wie  spontsa  hymino  eandtans  (1.  Hälfte  eines  PentanL) 
und  gmum  affeetu  tuiera^  sind  nicht  im  Sinne  der  Dichterin.  Die  Elision  findet  sich^ 
so  häufig  der  Hiatus  ist,  bei  Hroswith  äußerst  selten.  Mar.  360  Phoebo  ascendentei 
vielleicht  448  Rebecca  Abigea.  Gong.  467  jfgwew  w«,  wo  ut  vielleicht  spätere  Ein- 
schiebung  ist.  Gong.  565  indomitwin  inpoMenter  ist  wohl  verdorben,  denn  ^um  ist 
Reimsilbe,  darf  also  nicht  elidiert  werden.  Basil.  57  steht  concede  ergo.  Odd.  178 
mewH  infUUaret,  Das  sind  alle  Fälle.  Daß  Hroswith  den  Hiatus  zulässt  liegt  im  Geiste 
der  deutschen  Sprache.  Im  Übrigen  behandelt  sie  den  Hexameter  ziemlich  correct. 
Die  Prosodie  wird  im  Ganzen  selten  verletzt.  Trochäen  begegnen  nicht  häufig. 
regia  Mar.  279.  reetai^  vielleicht  reatat  et  Gong  529.  <i(wecPelag.  112.  Theoph.342. 
ievt^Pelag.  155.  quod  häc  Basil.  156.  per/ecit  omnia  Gandesh.  379.  fuit  Odd.  220. 
vel  exauperare  221.  iata  Agn.  393.  boni  Gandesh.  596,  Einige  andere  Verstöße 
gegen  Prosodie  sind  aua  aponte  Basil.  246»     librorum  Dion.   124.     eredidiaae  129. 


LITTERATUB.  379 

laudabäis  Agn.  87.   egrecU  298.    Zu  bemerken  ist  auch  das  anapästisoh  gebrauchte 
rispuit.  Ascens.  59.  Pelag.  43.     r^spuant  108.  260.     respuisti  Mar.  874. 

-  Der  Reim  ist,  wie  W.  Griumi  (zur  Geschichte  des  Reims  S.  141)  schon  bemerkt 
hat,  bei  Hroswitha  durchgeführt.  Wo  er  daher  fehlt  ist  wohl  Verderbniss  des 
Textes  auzunehmen.  Er  fehlt  Mar.  48.  83.  150,  wenn  man  nicht  psalmorum :  pero- 
rat  als  Assonanz  nimmt.  231  (seata :  diei,  oder  yielleicht  das  in  der  Senkung  stehende 
mzcUei?).  287.  361  (solito:  diei  1)  711.  S21  (juvemsiif^ft).  8bl  (dominua-pol" 
Ima?  prirnua  zu  lesen?)  Gong.  54  (fasiu :  erig^itur ,  im  Pentameter ,  als  Assonanz 
rielleicht  zu  dulden),  eaperet  :  poateritate  345.  clau/ae  :  aures  515  (Assonanz?) 
diffestia :  quievit  Pelag.  61  (ygl.  Mar.  621)  meriti :  minoris  397.  —  Basil.  66,  yielleicht 
ein  später  eingeschobener  Vers,  cenkena  :  princepa  Dion.  31.  parUa :  adivit  141. 
digwtia :  requiedt  Odd.  589.  —  Gandesh.  64.  66  135.  455  {Uli :  mtdta^),  doch  haben 
die  letzten  beiden  Zeilen  Inreim.  Von  diesen  Stellen  sind  aber  die  ia :  it  zu  streichen, 
weil  wahrscheinlich  Assonanz  anzunehmen  ist. 

Ich  will  hier  was  der  Reim  Bemerkenswerthes  bietet  zusammenstellen,  als 
Nachtrag  zu  W.  Grimm,  der  die  Dichterin  kurz  behandelt,  und  als  Nachtrag  zu  der 
Ausgabe,  die  Yom  Reim  gar  nicht  spricht.  —  1.  Ungenaue  Reime.  Am  häufigsten 
begegnet  die  Bindung  a :  o,  bezeichnend  genug,  weil  auch  in  deutschen  Quellen  die 
Reime  d :  6  einerseits  begegnen,  andererseits  zwischen  a :  o  namentlich  in  zum  Nie- 
derdeutschen neigenden  Quellen  eine  nahe  Verwandtschaft  stattfindet.  An  folgen- 
den Stellen:  Mar.  16.  29.  30.  46.  50.  56.  71.  116.  180.  183.  184.  224.  258.  260. 
300.  331.  341.  382.  4^.  446.  458.  464.  472.  486.  492.  493.  505.  513.  542.  554. 
585.  586.  598.  608.  628,  630.  652.  670.  700.  718.  736.  747.  750.  774.  779.  782. 
787.  832.  839.  840.  847.  857.  865.  875.  896.  Ascenc  8  9.  47.  55  56.  66.  74. 
130.  137.  150.  Gong.  13.  20.  21.  30.  40.  49.  71.  112.  113.  162.  221  241.  247. 
260.  265.  267.  273.  302.  327.  336.  338.  365.  388.  425.  426.  428.  437.  438.  439. 
469.  484.  485.  497.  526.  570.  Pelag.  15.  21.  28.  67.  81.  85.  88.  95.  97.  135. 
218.  222.  242.  245.  265.  275.  322.  330.  336.  362.  398.  Theoph.  88.  113.  139. 
158.  181.  198.  273.  294.  301.  304.  343.  344.  349.  356.  357.  443.  Basil.  26.  86. 
121.  195  (lies  ««a)..223.  258.  Agn.  26.  35.  41.  46.  57.  67.  81.  108.  112.  169. 
175.  181.  194.  309  (lies  jocutida).  325.  335.  339.  352.  356.  404.  407.  410.  412. 
720.  Odd.  47.  50.  59.  81.  88.  96.  129.  151.  160.  193.  215.  224.  247.  258.  348. 
355.  364.  410.  436.  475.  485.  514.  650.  672.  704.  707.  749.  755.  763.  838.  860. 
877.  879.  905.  Gandesh.  27.  31.  35.  48.  57.  71.  75.  91.  96.  129.  166.  192.  214. 
227.242.288.305.323.335.364.415.422.461.  472.  498.  507.  576.  582.  Joh.  27. 

Eine  dem  ähnliche  aber  viel  seltner  Yorkommende  Reimfreiheit  is  (m  :  oa,  ter^ 
rigenaa  :  habiiuroa  Mar.  213.  tfirgaa  :  aacerdoa  442.  referaa  :  heroa  Gong.  371. 
deitaa  i  natoa  Odd.  98.  und  andere  Assonanzen ,  oa  :  aa,  viroa  :  <ynvnea  Mar.  435. 
poitrioa :  morea  Pelag.  40.  eaiaa,  caüea  :ßdereaa  Gong.  480.  eaiia,  virtutea  :  aigma 
Dion.  245.  regia  ifiddea  Odd.  288.  fragilea ;  camia  Mar.  719.  ua:  aa,  tribua  :  duo- 
denaa  Mar.  432.  ua :  ia^  camunibtta :  Davidis  Mar«  213.  precibua  ifuaia  460.  ea :  ua, 
IctcUMttea :  artua  723.  em :  am^  aobolem  :  uUam  Mar.  168.  hlcLaphemam  :  rati<mem 
Pelag.  260 .  um :  am,  aeoretum :  relinquam  Ascens.  7 9.  ehriaücolam :  Unctum  Pelag.  246. 
em :  tem,  teattm :  egregmm  Gong.  512.  Ferner  in/dix  :  audax  Gong.  355.  princepa  : 
aupplex  Pel.  65.  gemtrix :  pietaUa  Theoph.  368.  jubet :  rogitabat  Mar.  444.  quaa- 
rant :  vMnatrent  647. 


380  LITTERATUB. 

Der  klingende  Reim  begegnet  bei  Hr.  ziemlich  häufig;  und  zwar  wie  der  stumpfe 
entweder  ungenau  oder  genau.-^  I.  ungenau ,  klingende  Assonanz.  Ungenauigkeit 
der  Vocale.  sali :  capitcUi  Felag.  334.  dignanter :  patenter  376.  paueorum :  dierum 
Theoph  57.  juri^ :  in/eriaris  81.  errcmiem  :  eupientem  107.  la>etam  :  vitam  151. 
errcmtem :  mewtem  156.  octdU  iprolis  216.  fJerus :  decorus  311.  parva  :  eaiervaMl. 
vivum  :  aeuum  320.  splendor :  ca/ndor  425.  gaudebit :  properabit  Basil.  L5.  iäi :  lu- 
eelli  43.  incautis  :  ecdliditatis  77.  diri  :  retineri  142.  certum  :  portwm  192.  per- 
gens :  spargens  Dion.  44.  gentiUs :  auaddis  49.  nutU  ipietaUs  57.  aerpentea  :  eru- 
dantes  78.  solvendi :  ligandi  131.  eonatanter :  p'aüenter  184.  fa^Aor  :  r«c<or  210. 
mgnavit :  r«jt«^m^  241.  cunctamm  :  mii^ii«rtem  Agnes  14.  ergo  i  virgo  25  (v«r^o.^). 
speravie :  neqtuvit  54.  parem :  imnor^m  74.  splendor :  candor  79.  nwtem  ipietatem  185. 
taZi«  iprolis  279.  re$man<«m :  <en«n^em  320.  «rron^em  :  t/o^en^em  324.  .»«etofuiut»: 
agendum  353.  guaesivi :  amat;»  358.  j?ro^«  :/<2e^2  438.  gentee  :  habitantea  Odd.  5. 
0Cf76an^ur :  j9ro6en<ur  27.  /orfi«  :  artis  123.  legatoa  :  eautos  147.  cunctorum :  mu- 
lientm  165.  nt<d!aöan^:/9re6an^  173.  r^rt^m :  variarum  465.  menäs :  amantis  501. 
comp^^ : ^ocafo'iS  758.  malis : fuaddis  Sl*7,  gratanter: /apienter  S37 .  carcuiamon 
851.  paucorum :  diarum  S12.  tantarum :  rerum  903.  ßmtis  :  replieatis  906.  r»- 
rum :  Aartim  Gandesfa.  7.  88.  majoris :  juris  23.  videns :  credens  55.  praeUUamxm: 
j^norum  120.  pergebant :  vi/itaJbant  12^ ,  signari :  tueri  15T.  a/ta/ates:referenUs  230. 
ptteUarem :  ptuiorem  336.  no/trarum  :  sororttm  393.  ptidlaris  :  pudoris  ^05.  sar- 
varet :  doeeret  412.  conjunctorum  xfororum  417.  vere :  honore  432.  procurandum : 
tuendum  491.  pra^atarum  i/ororum  492.  wdlarwm :  rert«fi^497.  deniienter :  amon- 
^«•617.  noftrarumifororum  542.^563.  lamdamites  i  ferentes  Job.  19.  «jonfemimon- 
tem  28.  —  Ungenauigkeit  der  Consonanfen,  viel  seltner,  cesslt  i  tahescit  (lies  taheffii) 
Theoph.  79.  pridem :  adirem  Basil.  204.  peccatum  :  amarum  215.  plebemifide- 
lern  229.  scriptis  :  ^*cfo«  Dion.  42.  virtutes  :  plures  147.  m^roe«  :  perpes  181. 
to^ :  ^a^  209.  dedigneris :  regis  Odd.  31.  famo/i :  8aIomoni55.  regem  ißddem  212. 
j>^«6em :  jii<i«i^  243.  germamieari  26^.  751.  egitiredemit  2Sß,  antiqtä :  ininuci 
276.  ampleriißddi  374.  r«pie>  :  maddis  378.  r«^  i^c^i  396.  r^a^»  :  no6i?s- 
^aft' 550.  personas :  sederosas  584.  comm«n^tem  :  d^ZeyuJbm  801.  jttraanento'.fM- 
tuende  S4t4.  ctmetis :  sectmdis  910.  moMstietae  :  jubetur  Gandesh.  258.  —  Voca- 
lische  und  consonantische  Ungenauigkeit  zugleich,  temptamenüs :  n^andis  Theoph.  78. 
vestrum'.Cfmstwfn'BAsil.  85.  denos :  amnos  Odd.  93.  sola  ipueUa  518.  gentem.ean- 
dem  693. 

Klingende  genaue  Reime,  cantamen :  amen  Pelag.  313.  dabant :  levabaini32S. 
sanctorum ;  virorum  343.  dabant :  locabant  347.  fomacem  :  minacem  385.  naiur- 
ram  :  perituram  399.  summorum :  meritorum  Theoph.  29.  cararum :  variarum  66. 
mentem  :  patisntem  67.  harum :  in/idiarum  74.  stihjectorum  :  pcpulorum  140.  und 
ebenso  174.  176.  200.  308.  322.  328.  404.  447.  454.  Basil.  38.  50.  68.  92.  150. 
156.  163.  183.  213.  224.  265.  Dion.  19.  101.  124.  206.  236.  Agn.  24.  36.  59. 
65.  68.  96.  116.  123.  124.  145.  152.  255.  164.  184.  186.  250.  280.  301.310.314. 
340.349.365.376.393.  401.  425.  329.  Odd.  12.  17.  23.  77.  167.  187.244. 
278.  319.  332.  346.  366.  456.  576.  659.  725.  746.  850.  868.  876.  880.  896.  912. 
Gandesh.  100.  143.  155.  159*  186.  161.  175.  208.  256.  26,3.  280.  294  300.  369. 
394.  477.  495  (?).  502   504.  522.  523.  549.  551.  586.     Job;  3.  14. 

Der  Reim  föUt  der  Regel  nach  auf  den  Schlul)  des  Verses  und  auf  die  dritte 


UTTERATTTR.  381 

oder  rierte  Anis ,  beim  Pentameter  natürlich  ans  Ende  der  beiden  Hälften.  Von 
dieser  Regel  weicht  Hr.  nur  selten  ab.  Zuweilen  ist  es  Binnenreim ,  und  der  End- 
reim fehlt.  Mar.  399  ewpiJTe  cum  vero  tnannit  guia  virgo  potenter.  445  out  mox 
fudieüs  dUHme  ifta  jiubenitwr  (ygl.  492.  493).  fi/Mtemis  merito  vulgo  bene  credula  noti 
Pelag.  413.  hee  non  aeeenso  praedaro  lumine  semper  Gandesh.  183.  senßt  adeeae 
suis  votis  promptum  fni/ertri  255.  Statt  auf  die  Hebung  fällt  der  innere  Beim  auf 
die  Senkung.  ecuteUo  proOnus  apto  Odd.  699.  cura  non  pigritana  Gandesh.  3, 
ygl.  auch  183.  Oder  er  fUlt  auf  eine  andre  als  die  dritte  oder  rierte  Arsis ;  auf  die 
fünfte  languore  dolore  Odd.  170.  populum  dare  eiÜum  686.  fignis  eoMa  aptis  809. 
dau/tri  faciendi  Gandesh.  97.  Auffallend  ist  der  Reim ,  wenn  überhaupt  der  Vers 
gereimt  ist»  Gandesh.  113  dum  locus  itwe/tigari  poseet  fapHa  aptua. 

Einige  Spuren  des  gekreuzten  Reimes  zeigen  sich  schon  bei  Hr.,  wiewohl  nicht 
alle  absichtlich,  patricte :  honore;  pompae :  amore  Theoph.  142.  143.  ju/tum-Uhe^ 
roffultiin,  tnjuftumidohdum  Odd.  376.  377.  fctcU  :  venerandaSi  percerte  :  amandae 
495.  496.     ctAUmem :  honorem^  in  gentem :  honorem  711.  722. 

Was  die  ComOdien  betrifft,  so  bietet  die  Ausgabe  im  Ganzen  einen  bessern 
Text:  aber  der  Mangel  an  kritischer  Sicherheit  macht  sich  auch  hier  bemerkbar, 
indem  der  Herausgeber  bald  den  altem  Ausgaben  folgend,  den  Text  der  Hs.  ändert, 
baid  beibeh&lt,  aber  ohne  festen  Grundsatz. 

Einen  ftutem  Mangel  des  Buches  müßen  wir  noch  rügen ,  daß  nicht  über  den 
Seiten  der  Name  der  einzelnen  Dichtungen  fortlaufend  angegeben  ist :  dadurch  wird 
das  Nachschlagen  bedeutend  erschwert. 

KARL  BARTSCH. 


HfUU  Sachs.  Eine  Auswahl  aus  dessen  Werken  herausgegeben  tou  D.  Georg  Wilh.  Hopf. 
2  BAndchen.  Nürnberg,  J.  L.  Schmid.  1856.  kl.  8.  Yin  und  342,  lY  und  342  Seiten. 
(1  Thaler  15  Sgr.) 

Während  für  die  Behandlung  mittelhochdeutscher  Texte  das  kritische  Verfahren 
sieh  seit  dreii^ig  Jahren  festgestellt  hat,  gibt  es  für  Herausgeber  yon  Schriftstellern 
der  Reformationsperiode  noch  keine  allgemein  gültigen  Regeln  und  Gesichtspunkte. 
In  der  Zeit,  wo  noch  überhaupt  weder  yon  diplomatischer  Treue  noch  ron  geregelter 
Kritik  auf  dem  Gebiete  der  altdeutschen  Philologie  die  Rede  war ,  übertrug  man 
die  Schriftsteller  des  sechszehnten  Jahrhunderts  meist  in  die  moderne  Schreibweise. 
In  neuerer  Zeit  hat  man  ein  doppeltes  Verfahren  beobachtet,  ron  denen  jedes  seine 
Berechtigung  für  sich  hat.  Entweder  gab  man  buchstäblichen  Abdruck  der  Schrif- 
ten ,  und  das  haben  die  meisten  Herausgeber  gethan ,  oder  man  yersuchte ,  unter 
Hinzuziehung  der  yerschiedenen  Ausgaben  eines  und  desselben  Werkes  und  unter 
Aufstellung  allgismeiner  Gesichtspunkte  für  die  Schreibweise,  kritische  Texte  zu 
liefern,  wie  sie  Uhland,  Schade  u.  a.  gegeben.  Letzteres  Ver&hren ,  wiewohl  das 
wissenschaftlich  einzig  richtige ,  hat  seine  eigenthümlichen  Schwierigkeiten  in  Be- 
zug auf  die  Schreibweise,  wegen  der  überaus  grollen  Verschiedenheit,  die  oft  in 
einem  und  demselben  Autor  herrscht. 

£ine  yollständige  neue  Ausgabe  yon  Hans  Sachs'  Werken  ist  noch  immer  pin 
firommer  Wunsch  geblieben.     Zwar  hat  man  seit  Göthe  immer  und  immer  wieder 


382  LITTERATÜR. 

dem  Dichter  Aufinerksamkeit  zugewendet ,  aber  vor  der  ungeheuren  Anzahl  seber 
Dichtungen  schreckte  jeder  Herausgeber  zurück.  Daher  entstanden  eine  ziemliche 
Anzahl  von  Blumenlesen  aus  Hans  Sachs.  Dieselben  sind  jetzt  zum  größten  Theile 
veraltet  und  nur  die  Auswahl  yon  Götz  (Nürnberg  1823 — 30.  4  Bändchen)  ist  nocli 
brauchbar.  £ine  neue  yollständigfe  Ausgabe  yon  Hans  Sachs*  Schwänken  ist  uns 
durch  den  in  Hannover  gegründeten  litterarischen  Verein  yerheij^n.  Es  ist  gewiss 
anzuerkennen ,  dafi  ein  Nürnberger  dem  bedeutendsten  Nürnberger  Dichter  seine 
Aufmerksamkeit  zugewendet  hat.  Herrn  Hopf  veranlasste  die  Bemerkung,  die  er 
'  über  die  Götzische  Auswahl  gemacht  hatte ,  daß  sie  so'  wie  auch  die  früheren  viele 
der  anmuthigsten  Gedichte  gar  nicht  enthält ,  und  wirklich  darf  man  zugeben ,  daß 
diese  neueste  Auswahl  mit  großem  Geschmack  gemacht  ist.  Es  sind,  so  weit  es  der 
Umfang  der  Sammlung  gestattete,  alle  interessanten  Dichtungen  des  alten  Meisters 
aufgenommen.  —  Wenn  wir  von  dieser  Seite  das  Geschick  des  Herausgebers  aner- 
kennen, so  dürfen  wir  andrerseits  unsem  Tadel  über  die  Behandlung  des  Textes 
nicht  verhehlen.  £s  war  dem  Herausgeber,  wie  er  in  dem  Vorwort  ausdrücklich 
sagt,  im  Gegensatz  gegen  die  früheren  Sammlungen  hauptsächlich  darum  zu  thun, 
einen  correcten  Text  zu  liefern,  d.  fa.  genau  das  Original  wiederzugeben.  Er  hatte 
außerdem  noch  das  Glück ,  neben  der  Gesammtausgabe  mehrere  Stücke  in  Einzel-, 
Originalausgaben  zu  benutzen:  um  so  mehr  war  man  berechtigt  einen  Originaltext 
zu  erwarten.  Aber  dem  Herausgeber  scheint,  das  metrische  Gesetz  de«  sechszehn- 
ten Jahrhunderts,  die  Silbenzählung,  nicht  einmal  zum  äewusstsein  gekommen  zn 
sein ,  sonst  würde  er  nicht  an  so  vielen  Stellen  den  richtig  überlieferten  Tezt  ver- 
derbt haben.  Er  tadelt  Götz  (Bd.  I,  S.  IV),  daß  er  die  Vergleichung  der  verschie- 
denen Ausgaben  für  überflüssig  erklärt  habe :  wenn  der  Herausgeber  dieß  einsah, 
so  hätte  er  vor  allen  Dingen  den  in  einer  Ausgabe  fehlerhaften  Text  durch  Ver- 
gleichung mit  einer  andern  berichtigen  sollen.  So  finden  sich  gleich  im  ersten  Ge- 
dichte folgende  Fehler ,  die  in  der  alten  Ausgabe  nicht  stehen.  1,  3  Herrn  für 
Herren.  5  Novembris  ftir  Nouemhrü^  während  doch  Herr  Hopf  immer  schreibt  vnd, 
94  waren  für  warn,  100  geschriben  für  guckriben.  115  Epistel  für  Episä. 
147  trawrigm  für  trawrign,  232  ühda  für  vbels,  5,  65  erden  für  erd»  96  gewift 
für  gtjüi/t     105  sechzig  für  sechtzg»     2,  42  fehlt  vor  auch  das  vnd  der  Ausgabe. 

2,  63  lies/orcÄ^  Gottes  für  furcht  Ootts.  39,  17  fehlt  dw  vor  höret.  Bei  Nr.  12 
(S.  92)  dem  bekannten  Liede  '  Warumb  betrübst  du  dich  mein  Herti  macht  der  Her- 
ausgeber im  Begister  (S.  V)  die  Bemerkung:  ob  dieß  Lied  von  H.  Sachs  sei,  wird 
von  Manchem  bezweifelt.  Daß  es  nicht  von  ihm  sei,  hätte  der  Herausgeber,  wenn 
er  der  kritische  Herausgeber  war ,  far  den  ersieh  ausgibt,  wissen  müßen,  da  die 
Zeichen  der  Unechtheit  sehr  auf  der  Hand  liegen.  Nr.  14  und  15  sind  aus  den 
^Dreytgehen  Psalmen  zu  singen  etc.  Hans  Sachs.  1526'  entnommen,  also  einem  der 
Separatdrucke,  die  der  Herausgeber  'so  glücklich  war  zu  benutzen.  Wie  'glück- 
lich* diese  Benutzung  ausgefallen,  möge  die  Vergleichung  zeigen.  14,  1,  2  steht 
meiner  £va  meinr.  1,  3  fliegen  far  fliegn.  1,  5  allefa/nt  &a  aUsant.  3,  1  Sein^ 
Seine.     4,  2  schwind  für  schwefl.     15,  1,  5  behüten  für  bekiUten.     2,  3  JSrot  far  Prot 

3,  2  Stareken  für  starckenn.  3,  3  Jänder  für  kinnder.  '3,  7  u/emis  für  wens.  Für 
einen  Mann  von  dem  kritischen  Gewissen  des  Herrn  Hopf  werden  nun  zwar  diese 
Abweichungen  nichts  bedeuten:  för  andre  um  so  mehr.  Ich  habe  mir  die  Mühe  ge- 
noDunen  noch  einige  Stücke  mit  der  von  Hm.  Hopf  benutzten  Ausgabe  zu  vergleiclieA 


UTTERATUB.  383 

und  theile  die  Resultate  mit.  39,  83  steht  Samt  für  8ai/h,  jhn  für  jn.  84  Gold  für 
Golt,  87  jhrem  für  jrem.  91  gewiften  für  gwiftm.  92  jAr  für  jr.  94  Narrenkleid 
TviT  Nasrrenldeyd.  ^^  naekren  für  nacArAen.  43,  1  liest  die  Ausgabe  Franckfurt. 
2  Baubstatt  5.  jß^^^ermon.  (:  Person).  15  fehlt  sehr  nach  ^ar.  19  frembdes. 
29  Ätn  für  «*«.  37  Jr,  41  rÄ^wf.  52  jhn.  68  eylendts.  75  herauss,  78  dqpffer. 
83  Sachsen.  97  vngenfMehas.  53,  1  ^o««.  3  tnn.  7  jm.  15  trrdm.  16  ^ef^A. 
\1  /ammlet.  20  Fn^töm6.  22  Fmm.  32  Daruon.  abnamb.  39  Lämmblein, 
40  zweyntzig.  42  Ma<;At<o^^0tuiefn.  44  vherblitb.  48  diengen.  51  H^yf^.  89  thotter. 
9S  anzeygen.  9ß  Enddich,  98  <;nrAafo.  98  tm^Ara^n«.  106  ITau;^.  112  J9e»A. 
117  jAn.  118,  122  J5««Ä.  141  e»k?<?2cA.  142  JA«w.  162  «rrdwcA.  —  In  dem 
Vorwort  zum  zweiten  Bändchen  beme^t  der  Herausgeber ,  für  diejenigen ,  die  auf 
die  Sprachformen  ihr  Augenmerk  richten ,  da0  er  in  diesem  zweiten  Bändchen  die 
Orthographie  des  Originals  der  Verständlichkeit  zu  lieb  in  so  weit  abgeändert  habe, 
als  es  die  Rücksicht  auf  den  Torherrschenden  Brauch  des  Zeitalters  gestattete. 
Wenn  diejft  eine  Entschuldigung  für  die  Nachläßigkeiten  des  ersten  Bändchens  sein 
soll,  so  ist  es  eine  sehr  schlechte ,  denn  sie  trifit  in  den  meisten  Fällen  nicht  zu. 
Und  warum  nun  auf  einmal  diese  Ungleichheit  und  dieß  yeränderte  Verfahren  ?  — 
Am  Schlüsse  jedes  Bändchens  hat  der  Herausgeber  ein  Verzeichniss  alterthümlicher 
Wdrter  und  Redensarten  gegeben.  Dabei  enthält  das  zweite  Bändchen  Nachträge 
zu  dem  Wortrerzeichniss  des  ersten.  So  finden  wir  im  zweiten  'Entwicht,  nichtig^ 
nichtswürdig  i  als  fehlend  im  ersten  Bändchen :  aber  es  fehlt  nicht,  es  steht  da  'Ent- 
wicht, entweiht  (sie!),  böse,  unnütz T  'Garten  (i,  3,  37)  bettdnd  herumziehen,  von 
Garte  (Garde),  Haufen  abgedankter  Soldaten  ist  im  zweiten  Theil  auch  unrichtig, 
denn  Gart  (vgl.  61,  9  zerrissen,  frostig  auff  der  €hrt)  bedeutet  nicht  Garde.  Ähnliche 
Ungenauigkeiten  und  Halbheiten  finden  sich  unter  Arras  entisch,  kemnat,  leichnam, 
musika,  nerlieh,  ring,  thurren,  winnig. 

Die  Ausstattung  der  Sammlung  ist  sauber ,  das  erste  Bändchen  aul^rdem  mit 

einem  Porträt  yon  H.  Sachs  geschmückt. 

KARL  BARTSCH. 


La  vie  de  sainte  Enimie  von'Bertran  von  Marseüle,  in  provenzalischer  Sprache 

zum  ersten  Male  Tollständig  herau^^gegeben  Ton  C.  Sachs.     Berlin ,  Weidmann* sehe 
Buchhaodlang.    1857.   8.    65  Seiten.     (10  Ngr.) 

Der  Zweck  dieser  Zeitschrift,  die  ja  das  romanische  Element  nicht  aysschliei^t, 
wird  eine  kurze  Besprechung  einer  proyenzalischen  Dichtung  und  deren  Ausgabe 
rerstatten,  zumal  da  die  vorstehende  Legende  durch  ihre  Beziehungen  auf  das  frän- 
kische Königshaus  auch  wieder  einen  Antheil  an  deutschem  Boden  hat.  —  £ine 
kurze  Vorbemerkung  des  Herausgebers  spricht  sich  über  die  Hs.  die  die  Legende 
enthält  zunächst  aus,  aber  ungenau ,  denn  eine  Hs.  8  Nr.  7  der  Arsenalbiblothek  in 
Paris  gibt  es  nicht.  Auch  daß  ^la  vie  madame  saincte  Enimie*  der  Titel  des  Gedichtes 
in  der  Hs.  sei  ist  unrichtig,  jene  Worte  sind,  wie  sehen  die  Sprache  zeigt,  von  einer 
viel  jüngeren  Hand  beigeschrieben.  Die  catalanischen  Formen  des  Gedichtes 
wären  auch  vom  Herausgeber  noch  zu  belegen.  Die  Bemerkung  Crescimbenis 
Bertran  von  Marseille  sei  identisch  mit  Berta^ui  Garbonel  aus  Marseille,  dessen 


384  LITTERATUB. 

Sprüche  ich  in  meinen  provenzalischen  DenkmäL  S.  5 — 26  herausgegeben,  hätte  der 
Herausgeber  nicht  für  'unglaubwürdig'  halten,  sondern  widerlegen  sollen.  Die 
Sprache  beider  Dichter  ist  ganz  verschieden ,  der  Reimgebrauch  sichert  Bertran 
Carbonel  eine  riel  firühere  Zeit,  zu  als  dem  Dichter  der  heil.  Enimia.  Dankenswerih 
sind  die  Nachrichten  über  Geschlecht  und  Abstammung  der  Heiligen,  die  S.  2—4  ge- 
geben werden. 

Den  Text  gilbt  Herr  Sachs  getreu  nach  der  einzigen  Hs. ,  aber  mit  Interpunk- 
tionen, Apostrophen,  Scheidung  Yon  j  und  «',  v  und  te.  Leider  aber  ist  die  Abschrift, 
die  er  von  der  Hs.  genommen,  sehr  ungenau  und  roll  Yon  Fehlem.  Viele  hätte  er 
schon  aus  dem  ersten  Theile  des  Lexique  Roman,  der  das  Gedicht  im  Auszug  gibt, 
berichtigen  können.  Ich  beschränke  mich  darauf  die  schlimmsten  Fehler  zu  be- 
zeichnen oder  yielmehr  die  stärksten  Abweichungen  von  meiner  Abschrift ,  die  ich 
meiner  Ausgabe  des  Gredichtes  in  den  Denkmälern  der  proyenzalischen  Litteratar 
S.  215 — 270  zu  Grunde  gelegt  habe:  wer  das  Richtige  hat  mögen  Kenner  beiir- 
theilen.  An  eine  Berichtigung  der  zahlreichen  uncorrecten  Verse  (zwar  hat  Herr 
Sachs  nur  vier  bemerkt,  S.  4)  hat  der  Herausgeber  nicht  gedacht  —  eben  weil  er 
ihre  üncorrectheit  nicht  bemerkte.  108.  109  lies/a^.  201  tota  für  tele,  225  eof 
engres.  287  e  donmencha  que  fay  son  deman^  zum  folgenden  Satze  zu  ziehen. 
358  volra.  391  fay,  425  brocon,  432  escondutz  aendiers.  Herr  Sachs  liest  es- 
eoudatis  seudiere!  460  f*ey  may;  d.  h.  oimai^  oimads  oder  wie  spätere  Hss.  schrei- 
ben, hueimais,  nach  461  fehlt  eine  Zeile.  472  on  ha  una  balma  prianda,  nach 
528  fehlt  eine  Zeile.  547  gpiea  dessan,  ut  sibi  darent  wörtlich.  734  eua,  749  gawre. 
753  cujava,  761  sega.  782  wir  dcmamon  als  ein  Wort  geschrieben.  Die  Hs.  liest 
<m  auion:  ich  habe  cm  gestrichen,  was  offenbar  nur  fehlerhafte  Wiederholung  der 
beiden  folgenden  Buchstaben  ist  (wobei  n  =  u).  Der  Text  des  Hm.  Sachs  gibt  gar 
keinen  Sinn.  787.  88  wird  durch  fehlerhafte  Auslassung  eines  Wortes  Herr  Sachs 
zu  einer  Goigectur  yeranlasst,  die  beide  Verse  metrisch  unrichtig  macht.  Er  über- 
sah gaire  (  :  repaire)\  aber  auch  so  fehlt  dem  ersten  Verse  eine  Silbe,  die  ich  durch 
gea  in  der  Anmerkung  ergänzt  habe.  830  domehM^  Herr  Sachs  donch  us!  ich  habe 
damenha  geschrieben.  1059  dece  gud,  Herr  Sachs  liest  viu  qu*d.  Nach  1096  nimmt 
der  Herausgeber  eine  Lücke  an ,  während  doch  dem  Sinne  nach  nichts  fehlt.  Die 
Stelle  ist  freilich  yerderbt,  wie  der  mangelnde  Reim  zeigt:  in  der  Anmerkung  zu 
245,  36  habe  ich  sie  zu  bessern  yersucht.  1121  lies  comfua  für  conUar.  —  Doch  es 
wird  an  diesen  Proben  genügen :  die  weitere  Vergleichung  beider  Texte  will  ich 
mir  ersparen.  Hr.  Sachs  stellt  uns  Specialausgaben  mehrerer  Troubadours  des 
zwölften  und  dreizehnten  Jahrhunderts  in  Aussicht,  yon  Bertran  yon  Bom,  Peire 
Cardinal  etc.  So  yerdienstlich  auch  dieses  Vorhaben  an  sich  ist,  so  möchte  Hrn. 
Sachs  yor  allen  Dingen  zu  rathen  sein,  daß  er  erst  Handschriften  lesen  lernt,  denn 
die  zahllosen  Lesefehler  dieser  seiner  ersten  Ausgabe  eines  proyenzalischen  Dichters 
sprechen  nicht  sehr  für  seine  paläographischen  Kenntnisse. 

KARL  BARTSCH. 


•»    Jbi  9<^f>tftlf4iF*-  '\  - 


Draok  der  J.  B.  Metsler'achen  Buohdrnckeni  in  Stuttgart. 


BEITRAGE  ZUR  KENNTNISS  DER  QÜANTITATS- 

VERHÄLTNISSE  DER  THÜRINGISCHEN  MÜND  ART 

IM  XV.  JAHRHUNDERT. 


▼OH 

REINHOLD  BECHSTEIN. 


Seit  der  Herausgeber  dieser  Zeitschrift  in  seiner  Ausgabe  der  Deutsch- 
orden^hrontk  des  Nicolaas  von  Jerofchin  (Stuttgart  1864)  eine  sorgsame 
ZosammensteHang  der  sprachlichen  Eigenthümlichkeiten  dieses  Gediclites 
gegeben  hat,  wird  Niemand  mehr  das  Vorhandensein  einer  älteren  mittel- 
deutschen Sprache  gegenüber  dem  Mittelhochdeutschen  und  dem  Mittelnieder- 
deutschen leugnen  wollen  oder  können.  Es  ist  ferner  hinlänglich  bekannt» 
welch  einen  bedeutenden  Einfluß  die  mitteldeutschen  Mundarten  und  die  aus 
ihnen  hervorgegangene  mitteldeutsche  Schriftsprache  auf  die  Entwickelung 
des  Neuhochdeutschen  gehabt  haben.  Obwohl  wir  nun  schon  verschiedene 
treflfliche  Untersuchungen,  unter  welchen  die  erwähnte  von  Pfeiffer  unbe- 
stritten die  erste  Stelle  einnimmt,  über  diese  höchst  eigenthümliche  Sprache 
besitzen,  bedürfen  wir  doch  noch  gar  vieler  bis  in's  Einzelne  genau  eingehen- 
der Vorarbeiten,  ehe  die  Lücke,  welche  für  die  Vorgeschichte  des  Neuhoch- 
deutschen in  Jacob  6rimin*8  Grammatik  sich  vorfindet  und  von  diesem  selbst 
zugestanden  und  gerechtfertigt  ist,  vollkommen  ausgefüllt  werden  kann. 
Solche  Vorarbeiten  werden  selbstverständlich  die  älteren  mundartlichen 
Sprachdenkmale  zu  bemcksichtigen  haben. 

Die  ältere  thüringische  Mundart  ist  von  Heinrich  Rückert  in  seiner  Aus- 
gabe des  Lebens  des  heiligen  Ludwig  von  Friedrich  Ködiz  von  Salfeld  (Leip- 
zig 1851)  nicht  mit  Unrecht  als  der  mitteldeutsche  Dialect  xare^ox^Jv  be- 
zeichnet worden.  Von  dieser  älteren  thüringischen  Mundart  besitzen  wir  bis 
jetzt  nur  in  der  genannten  Ausgabe  eine  zusammenfassende  grammatische 
Darstellung.  Die  beiden  geistlichen  Spiele  von  der  hl.  Katharina  und  von 
den  zehn  Jungfrauen,  beide  zusammen  herausgegeben  von  Friedrich  Stephan 
in  ekem  faat  unbekannt  gebliebenen  Buche,  betitelt  'Neue  Stofflieferungen  für 

25 


386  BEnmOLD  BECHSTEIN 

die  deutsclie  Geschichte»  besonders  auch  für  die  der  Sprache,  d«s  Rechts  and 
der  Litteratur'  (Mühlhausen  1847)»  und  das  zweite,  das  Spiel  von  den  zehn 
Jungfrauen,  später  noch  einmal  herausgegeben  von  Ludwig  Bechstein  (Halle 
1855),  stammen  aus  Thüringen  und  sind  in  thüringischer  Mundart  abgefasst. 
Beiden  Herausgebern  lag  die  grammatische  Seite  fern.  Auch  Ludwig 
Friederich  Hesse  hat  in  seiner  Ausgabe  der  thüringisch-erfurtischen  Chronik 
von  Konrad  Stolle  (32.  Publication  des  litt.  Vereins ,  Stuttgart  1854)  das 
Sprachliche  unberücksichtigt  gelassen  und  sich  auf  Rückert's  Arbeit  bezogen, 
in  welcher  auf  Stolle's  Sprache  Bedacht  genommen  wird.  Von  dem  anderen 
sowohl  für  die  Geschichte  als  auch  für  die  Sprache  höchst  wichtigen  thü- 
ringischen Schriftwerke,  von  Rothes  thüringischer  Chronik,  ist  im  Namen  des 
Vereins  für  Erforschung  thüringischer  Geschichte  und  Alterthumskunde  zu 
Jena  von  R.  v.  Liliencron  eine  kritische  Ausgabe  mit  genauen  sprachlichen 
Untersuchungen  und  einem  Glossar  veranstaltet  worden ,  deren  Erscheinen 
in  Kurzem  zu  erwarten  ist. 

In  allen  diesen  Ausgaben  ist  mit  Recht  von  der  Quantitätsbezeichnung 
abgesehen.  Es  fehlt  eben  der  Prosa  das  wichtigste  Hülfsmittel  für  die  Er- 
kenntniss  der  Quantität,  der  Reim.  Und  die  wenigen  vorhandenen  Dich- 
tungen, die  noch  dazu  von  geringer  Ausdehnung  sind,  geben  nicht  über  jedes 
einzelne  Wort  Aufschluß. 

Aber  trotz  der  verhältnissmäßig  geringen  Ausbeute,  welche  im  Ver- 
gleiche mit  dem  Mittelhochdeutschen ,  wo  viele  Tausende  von  Reimen  die 
feste  Regel  erkennen  lassen ,  die  thüringischen  Denkmale  für  die  mittel- 
deutschen Quantitätsverhältnisse  gewähren,  ist  das  Vorhandene  immer  noch 
ergiebig  genug,  und  darum  erscheint  eine  Benutzung  des  Materials,  im  Sinne 
eines  Beitrags  und  einer  Vorarbeit  gehalten,  nothwendig  und  gerathen. 
Denn  daß  die  Quantität  überaus  wichtig  ist  in  der  Sprache  wie  in  jeder 
Mundart,  ist  eine  ausgemachte  Sache.  Sie  bildet  ja  mit  den  Lauten  im 
Gegensatze  zu  dem  musikalischen  Bestandtheile  der  Sprache  den  materialen. 
Insbesondere  die  Erforschung  der  mitteldeutschen^  Quantitätsverhältnisse 
kommt  vor  Allem  der  Grammatik  und  der  Geschichte  des  Neuhochdeutschen 
zu  Gute.  Denn  dieses  hat  sich  auch  nach  dieser  Seite  hin  nicht  allein  auf 
naturgemäße  und  geschichtliche  Weise  entwickelt,  sondern  ist  auch  durch 
landschaftliche  und  mundartliche  Einflüsse  zu  der  ihm  eigenthümlichen  Ge- 
stalt gelangt,  welche  in  so  vieler  Beziehung  vom  Mittelhochdeutschen  ab- 
weicht, während  die  südlichsten  deutschen  Mundarten,  besonders  die  ale- 
mannische, zum  größten  Theile  auf  der  Stufe  des  Mittelhochdeutschen  stehen 
geblieben  sind. 

Das  hauptsächlichste  Denkmal  für  unsere  Betrachtung  ist  Rothe's  Ge- 
dicht vom  Leben  der  heiligen  Elisabeth.  Leider  ist  die  einzige  Ausgabe, 
welche  wir  besitzen,  (Mencken:  scriptores  rerum  germanicarum.  tom.  B- 
XXVm.  Sp.  2033—2102)  nach  der  schlechtesten  aller  Handschriftea 


BEITR&6E  ZUR  XCaniTKISS  DXB  TlORINa  MUNDABT.  S87 

gefertigt  und  obne  Sorgftitigkeit'von  Seite  des  Herausgebers.  Eine  neue 
Ausgabe  dieser  trockenen  Reimerei  zu  veranstalten ,  würde  kaum  der  Mühe 
werth  sein,  besonders  jezt,  da  Rothe's  Sprache  durch  die  bevorstehende 
Ausgabe  seiner  thüringischen  Cluronik  hinlänglich  erforscht  ist.  Für  den 
vorliegenden  Zweck  die  andern  besseren  Handschriften  zu  Rathe  zu  ziehen, 
wäre  wohl  vortheUhaft  gewesen,  war  aber  keineswegs  unbedingt  nothwendig, 
da  wir  ea  assschlieftlich  mit  den  Reimen  zu  thun  haben.  Und  die  Reime 
gewähren  ja  immer  trotz  später  und  schlechter.  Überlieferung  einen  festen 
Maßstab  fnr  die  Kritik  und  können  nur  in  seltenen  Fällen  werthlos  werden. 
Wo  daher  sich  verdächtige  Reime  vorfinden,  sind  sie  nicht  in  den  Kreis  der 
Betrachtung  gezogen  worden.  Eine  Ergänzung  findet  die  Ausgabe  von 
Mencken  in  der  kurzen  Einleitung  des  Gedichtes,  in  welcher  sich  Rothe  als 
Verfasser  nennt  (Bragnr  6.  Bd.  2,  S.  140 — 142).  Ferner  gehört  zu  den 
poetischen  Denkmalen  der  älteren  thüringischen  Mundart  die  gereimte  Ein- 
leitQBg  ZB  Rothe*8  thüringischer  Chronik  (Mencken:  Tomus  H.  XXIV« 
Sp.  1633 — 1635).  Endlich  dient  zur  Benutzung  die  in  Versen  geschriebene 
Episode  Von  der  geschieht  des  herzogen  von  Bnrgundien'  in  StoUes  Chronik. 
(Ausg.  V.  Hesse  S.  109—126.)  *) 

Die  Rechtschreibung  ist,  wie  immer  in  den  jüngeren  Handschriften,  voll 
von  Ungleichheiten  und  Willkührlichkeiten.  Desshalb  musste  yon  der  diplo«^ 
matischen  Überlieferung  abgewichen  werden,  soweit  es  rathsam  schien.  Die 
unnöthigen  Consonantenverdoppelungen  nach  entschieden  langem  Vocale 
wurden  nicht  beibehalten.  So  findet  sich  auch  Vocalverdoppelung  bei  kurzem 
Vocale.  Von  besonderer  Eigenthümlichkeit  ist  das  in  der  Handschrift  vom 
Leben  der  hl.  Elisabeth  häufig  vorkommende  e  nach  t,  o  und  u,  wo  es  durch- 
aus weder  ein  Zeichen  des  Umlautes  noch  auch  ein  Zeichen  der  Dehnung  ist. 
gehoert  ist  nicht  =  gehört,  sondern  =  geh&rty  indem  jener  Umlaut  der 
Mundart  völlig  fremd  ist.  Es  steht  auch  nach  kurzem  Vocal  und  vor  Con- 
sonantenverdoppelung:  ruek  nicht  =  rück  oder  riüb,  sondern  =  ruck  ^^^ 
rucken.  Maochmal  ist  da,  wo  die  überlieferte  Rechtschreibung  von  Bedeu- 
tung schien,  eine  Bemerkung  in  Klammer  hinzugefügt. 


*)  Was  die  ZSbloDg  der  Yenseiien  »olangt,  so  sei  Folgendes  bemeikt:  Stolle  wird  citiert 
nach  Seiten  nnd  Zeilen.  Die  Stellen  im  Bragnr  nach  Seiten  and  Strophen ,  Ton  denen  Jede 
▼ier  Verse  enthält.  Die  Einleitung  zn  der  thar.  Chr.  yon  Bothe  steht,  wie  oben  angeführt, 
Spalte  1633—1635.  Danach  wird  citiert.  Dagegen  im  Ged.  t.  d.  hl.  Elisabeth  wird  der 
Kurse  wegen  die  Zahl  20  (=  2000)  hinweggelassen.  In  der  Menckischen  Ausgabe  soll  nicht 
nach  Zeilen  geslhlt  werden  wegen  des  grölen  Formats ,  sondern  nach  den  zwischen  beiden 
Spalten  stehenden  grölen  Buchstaben  A,  B»  C,  D.  Die  Zahl  allein  bedeutet,  dal  der  Vers 
sich  findet  Tom  Anfang  der  Seite  bis  dahin»  wo  A  steht.  Die  Zahl  mit  A  beseiehnet  den  Raom 
▼on  A— B  n.  s.  w.  Die  Spaltenbezeichnung  2045  und  2046  findet  sich  zweimal.  Damm 
Ist  fftr  die  zuletzt  stehenden  Spalten  das  Citat  45^  u.  46^  gewählt  worden. 


25  • 


388  EEINHOLD  BECHSTEZN 

I.  Zunächst  ist  es  nöthig,  die  Quantitätsverhältnisse  in  der  Conjngation 
zu  betrachten.  Nur  wenige  mhd.  Längen  sind  im  Nhd.  gekürzt  worden. 
Die  Praeteritafonuen  der  6.  Conjugation  auf  oz  hatten  im  Mhd.  langen  Vocal: 
verdr6z^  flSz  u.  s. w.  Aus  -^z  wurde  im  Nhd.  -o««,  -^98 : verdroa», ßo98  n.  s.w. 
(vgl.  mein  Schriftchen  über  die  Auspr.  des  Mhd.  Halle  1858.  S.  80).  Die 
thüringische  Mundart  des  15.  Jahrh.  hat  hier  noch  entschieden  die  alten 
Verhältnisse  bewahrt:  verdrSss  (ge&chr.  verdroes):  Zrf*  (ledig,  frei),  69  A. 
beffSss :  ffrSss  f  58  A.  beschSss  (geschr.  beschoüa)  :  g^Sss.  Stolle  117,  12. 
schloss  (y.  sehlieseen):  schSss  (heute  geschr.  iScAoo««)  75.  —  Dagegen  weicht 
das  Praeteritum  der  8.  Conjugation  auf -n^  im  Thüring.  nicht  allein  in  der 
Form,  sondern  auch  in  der  Quantität  vom  Mhd.  ab ,  gerade  wie  es  im  Mhd. 
der  Fall  ist  (vgl.  Ausspr.  d.  Mhd.  S.  83*).  Zwar  wird  heute  von  Vielen  die 
ursprüngliche  Schreibart  fieng,  fiengen  u.  s.  w.  anstatt /n^,  fingen  beibe- 
halten, allein  in  der  Aussprache  wird  doch//n^,  ßngen  u.  s.  w.  fiir  mundart- 
liche Betonung  gelten  müssen.  Der  Singular  müsste,  wenn  die  mhd.  Form 
sich  vorfände,  thüring./^,  gt,  M  heißen,  während  er  gleich  dem  J^hd.fing, 
ging  (hing)  lautet.  Die  Kürze  des  Vocals  im  Sing,  wie  iüi  Flur,  wird  durch 
Reime  bewiesen:  entfing  (wenn  auch  ent/ieng  geschrieben):  ding  74  C. 
-.ging: ding  35  D.  43  D.  70  D.  91  A.  92  B.:  jungeUng  53  A.  88 C.  89 C. 
ginge  i  geringe  6\.  —  gingen :  dingen  35  A.  69  D.  81  B.  85  B.  90  C: 
ringen  89  B. :  Afterdingen  42  B. 

Bei  Weitem  mehr  organische  Kürzen  sind  im  IShd.  zu  Längen  geworden 
als  organische  Längen  zu  Kurzen.  In  der  gebildeten  Sprache  der  Jetztzeit 
wird  die  Quantität  des  ersten  Ablauts  von  der  des  zweiten ,  wo  sie  im  Mhd. 
noch  wechselt,  nicht  mehr  unterschieden.  Das  Altthüringische  dagegen  hält 
noch  zum  größten  Theile  an  den  alten  Kürzen  fest  Dieß  ist  im  Einzelnen 
zu  betrachten  (vgl.  Ausspr.  d.  Mhd.  §.41). 

1.  Conjugation.  —  befehlen  (mhd.  bevelhen)  gehört  nicht  mehr  wie 
mi  Mhd.  zu  dieser,  sondern  zur  zweiten  Conjugation.  Die  thüring.  Form 
des  Praet.  ist  der  nhd.  gleich;  in  Hinsicht  der  Quantität  scheint  sich  dess- 
halb,  weil  sie  mit  aU  im  Reime  zusammengestellt  wird  88  A,  das  mhd.  Yer- 
hältniss  zu  zeigen,  so  daß  also  das  Thür.  zwischen  dem  Mhd.  und  Nhd.  die 
Mitte  hielte:  mhd.  bevcMi,  (gesprochen  ^^wrf<7Ä),  thür.  befal  (geschr.  beuall), 
nhd.  befäl  (geschr.  befahl).  —  Die  Form  wart  v.  werden  wird  gerade  in 
Mitteldeutschland  meistens  =  wärt  gesprochen.  Das  Thür.  jener  Zeit  hat 
wie  das  Mhd.  kurzen  Vocal:  wartihart  Bragur  141,  3.  Mencken  86,  87B: 
Ermegart  33  C. 

3.  Conjugation.  —  Hier  zeigt  sich  uns  fast  ohne  Ausnahme  die  ur- 
sprüngliche Kürze  des  ersten  Ablauts,  der  besonders  in -Betracht  kommt, 
durch  den  Reim  belegt.  1)  Das  Praeteritum  was  (nhd.  war)  wird  im  Reime 
zusammengestellt  mit  folgenden  unzweifelhaften  Kürzen :  daa&bJ).  69  C. 
64  C.  67  B.  81  A.;  haae  68  D.  Stolle  118,  7:  basa  (meUus)  63  A:  Wf*w 


BEITRÄGE  ZUR  KERIVTNISS  DER  THORINO«  MUNDART.  380 

Stölie  120,  20:  etwas  55  A.  Dagegen  hat  das  Bchwach  flectirte  Participium 
im  Gegensätze  za  dem  mhd.  gewesen  (nhd.  gewesen)  langen  «-Laut  wie 
meistens  in  den  Mnndarten:  gew€st  :  aUemSst  (geschr.  aüemehisty  mhd. 
aÜerniBhedt)  42  A.  —  Durch  die  als  unzweifelhaft  anzunehmende  Thatsache, 
dal(  der  Vocal  in  wue  k^rz  gesprochen  wurde  y  kann  nun  dieses  selbst  zum 
Beweise  der  Kürze  in  anderen  Praeteritaformen  dieser  Conjugation  dienen.  — « 
t)a$8  (y.eseen):  tvas  (eram,  als  kurz  angenommen)  77  C.  —  S^vergassidcie 
48  0:  um  (eram)  54.  59  B.  —  4)  sase :  badefaes  45*^  D :  das  65  B.  86  B : 
bass  97  B:  lass  (piger)  76  C:  was  (eram)  44  G.  65.  82  A.  91  A.  96  B. 
99  A.  —  5)  gab:ab,  herab  34  C.  45  B.  64  C.  76  D.  79  C.  -^  6)  saeh 
(nhd.  sä,  geschr.  sah):  Isenach  (geschr.  Eisenach)  52  C.  102  A:  Leimbaoh 
88  C.  Ob  gemaeh  83  B  für  sach  ein  beweisender  Reim  ist,  kann  fraglich 
sein,  da  in  Mitteldeutschland  raeUt  gemacht  ^^mcpcAZtVA  gesprochen  wird; 
eher  dfirfte  seteh  für  gemach  entscheiden.  —  7)  Für  geschach  (nhd.  geschd) 
fehlen  unzweifelhafte  Belege;  es  reimt  einmal  mit  gemach  74  C.  und  dreimal 
mit  nach  53  A.  58  D.  98.  Dennoch  ist  wohl  die  Kürze  anzunehmen ;  nach, 
im  Grunde  dasselbe  Wort  wie  nahe,  wird  in  Ausgaben  mhd.  Schriftwerke 
immer  als  lang  angenommen»  Als  Praeposition ,  wenn  nicht  auf  ihr  ein  be- 
sonderer Nachdruck  liegt,  wird  es  heute  kurz  gesprochen:  nach  dir,  nicht 
vor  dir:  dagegen :  nach  dir,  nicht  nach  mir.  In  Norddeutschland  wird 
immer  nach  gesprochen,  selbst  wenn  es  getrennt  vom  Verbum  steht:  erfolgte 
dir  nach,  während  in  Süd-  und  Mitteldeutschland  die  alte  Länge  zur  Geltung 
kommt:  er  folgte  dir  nach.  Diese  Quantität  hat  gewiss  auch  die  altthür. 
Mundart  gehabt,  wesshalb  ohne  großes  Bedenken  im  Reime  sach :  na^h  Kürze 
und  Länge  anzunehmen  ist  —  8)  bat  (v.  bitten) :  stat  (Stätte  und  Stadt)  47  A. 
77  D.  86  A.  90  C.  Vereinzelt  steht  bat :  tat  (die  That)  88  A.  — 
9)  trat: stat  (Stätte  und  Stodt)  40  B.  42  B.  44  A.  92  C.  —  10)  2a^ :  das 
68.  97  B.  was  (eram)  33.  84  D.  —  11)  genas  :  was  46  B.  —  Außer  dem 
Praet.  haben  auch  mehrere  dieser  Verba  den  Vocal  des  Participinms  im  Nhd. 
verlängert:  mhd.  gegeben,  nhd.  gegAen  u.  s.  w.  Welche  Quantität  im  Thür. 
gegolten  hat,  lässt  sichvaus  dem  Gebotenen  nicht  erkennen.  Das  Versmaaft 
gewährt  ebenfalls  keinen  Anhaltspunkt. 

2.  Conjugation.  (Diese  Conjugation  ist  nachgestellt,  weil  belegte 
Kürzen  der  dritten  selbst  zum  Belege  herbeigezogen  werden.)  Hier  scheint 
sich  in  Hinsicht  der  Quantität  des  ersten  Ablauts  ein  Schwanken  zu  zeigen. 
1)  Die  Kurze  in  sprcu^h  (nhd.  sprach)  wird  bewiesen  durch  folgende  Reime: 
Eechenbach  44  A:  sach  (als  unzweifelhafte  Kürze  ddr  2.  Conjug.)  44  A. 
42  A  und  öfters:  geschach  70:  gemach,  ungemach  (als  kurz  angenommen) 
85  A.  87  B.  —  3)  brach  :  sach  40  C :  geschach  63  D.  —  4)  quam :  man 
(angenauer  Reim).  —  6)  Dagegen  wird  gebar  nur  mit  Längen  gereimt:  jdr 
33.  66  A:  klär  68  A.  —  Über  die  anderen  Praeterita  dieser  Conj.  lässt  sich 
wegen  Mangels  an  Belegen  nicht  entscheiden ,  wie  auch  über  die  Quantität 


390  BEINBOLD  BECHSTBB7 

der  im  Nhd.  lang  gewordenen  Participta  wie  gebaren  (mhd.  gehörnt  nhd* 
geh&ren)  n.  a. 

5.  Gonjugation.  —  In  dieser  CoDJngation  kommen  der  zweite  und 
der  dritte  Ablaut  in  Betracht.  Im  Mhd.  haben  beide  kurzen  Voqal,  im  KM. 
dagegen  langen:  mhA^ynt  schinen^  geechinen,  nhd.  wir  scMnen^  gesehenen 
(geschr.  schienen^  geschienen)  u.  s.  w.  Im  Altthür.  begegnen  wir  schon  dem 
heutigen  Quantitätsverhältnisse.  Das  Praet.  von  euu^gen  (nhd.  schweigen) 
lautet  im  Plnr.  wie  der  Infinitiv  ewigen  (geschr.  echwiegen)^  da  der  Reim 
hrtgen  (geschr,  wie  nhd.  kriegen  ^  mhd.  kriegen)  folgt  36  B.  Daß  vom 
Praet.  auf  die  Quantität  des  Partie,  geschlossen  werden  darf,  liegt  auf  der 
Hand. 

6,  Gonjugation.  —  Im  Participium  zeigt  sich  die  alte  Kürze  bewahrt 
in:  erJeom  (nhd.  erkoren):  Beinersbom  (Reinhardsbrunn)  74  A:  zam  88  A: 
unverwam  (v.  verwerten)  84  A.  Dagegen  wird  das  Partie,  geboten  (mhd. 
geboten^  meist  in  Urkunden  und  Hss.  geschr.  gebotten)  mit  einer  Länge  ge- 
reimt: entp^en :  tSten  (d.  i.  täten ^  sie  thaten;  falsch  gelesen  vom  Heraas- 
geber teten)  78  A. 

IL  Wir  gehen  über  zur  Betrachtung  der  Quantitätsverhältnisse  in  ein- 
zelnen Worten  (Hauptworten,  Eigenschaftsworten,  schwachen  Zeitworten  und 
starken  in  Hinsicht  des  Praesens  und  des  Infinitivs ,  Partikeln  u.  s:  w.).  — 
1)  Die  organische  Länge  haben  einige  bewahrt.  So  wä/en  (geschr.  wie  im 
Nhd.  Waffen):  eUfen  41  B.  —  2.  Das  Wort  «^a«^<?  hat  im  Mhd.  entschieden 
langen  Yocal;  ebenso  verlangt  ihn  die  gebildete  und  bühnengültige  Aussprache 
der  Jetztzeit.  Dagegen  wird  in  SüddeutschlÄnd  und  hier  namentlich  in 
München,  Strasse  gesprochen.  In  mitteldeutschen  und  insbesondere  in  thfi- 
ringischen  Mundarten  ist  mir  Strasse  anstatt  ^fo*^«^  noch  nicht  vorgekommen. 
Wenn  demgemäß  Strasse  auch  für  das  Thür.  der  damaligen  Zeit  anzunehmen 
ist,  kann  dieses  Wort  zum  Belege  dienen  für  mdsse  (mhd.  mäze^  nhd.  die 
Masse)  60  B.  — •  3)  Ebenso  reimt  Strasse  mit  lassen  (mhd.  Idzen^  nhd. 
lassen)  40.  75.  Dagegen  reimt  ablass  (mhd.  ahUz,  nhd.  Ablass)  mit  was 
(eram)  99  C.  —  4)  Das  Wort  nach,  dessen  Länge  im  Thür,  wohl  unbezweifclt 
ist,  wird  überdieß  mit gäch  (mhd. gäch  und  gcehe,  nhd.  jüh)  zusammengestellt: 
Stolle  118,  5  V.  u. 

Auf  der  anderen  Seite  haben  sich  vielfach  die  organischen  Kürzen  er- 
halten. —  1)  oH  (nhd.  die  dH):  Beinhart  36  A.  —  2)  barte  (nhd.  Mrfe. 
dem  Barte):  warte  (=  warten)  Bragur  140,  4.  —  3)  fart  (nhd.  fdrt,  Fahrt): 
Beinhart  46  C:  Mainhart  72  A:  bastarl  Stolle  110,  2  v.  u.  wart  (als  karz 
angenommen)  39  B.  62  D.  70.  90  C.  96  D.  —  4)  zart  (ühd.  zdH):  wart 
44  A.  —  b)  gUs  (vlM.  das  glas):  lass  (piger)  1633  C:  was  (eram,  als 
kurz  angenommen)  56  B.  —  6)  gi^am  (nhd.  gräm  adj.  u.  der  Qrdm): 
Wbl/eramU:  Herman  46  B.  —  7)zal  (meist  zaü  geschr.,  nM.zäl,  ZaU): 
ah  uberai  72  C.   98  A:  befal  (geschr.  beuaU,  nhd.  befahl;  als  kurz  ange- 


BEITRAGE  ZUR  KEinillll88  IHR  IBtttlKO.  MUNDART.  39^1 

immmefi:  8.  o.)  100  C.  ^«mA  (gezählt):  oft  53  B.  100  B.  verzalUheBtaU 
(bestellte)  71  A.  —  8)  geferie  (nhd.  gefcBrte,  Gefährte):  derte  (=  drete, 
driüe)  Bragor  141,  4.  —  9)  gebet  (nhd.  Geh^t):  Mieabeth  64  C.  — 
10)  kele  (nhd.  kOe,  Kehle:  helle  (unser  'Hölle')  95  G.  —  11)  redey  gerede 
(öfters  geschr.  red^  anch  rydt\  nhd.  BMe):  mete,  damete  (meist  fälschlich 
geschr.  nut)  47  B.  71  D.  83  D.  98  A.  redenisteten  (manchmal  geschr. 
ateden;  Städten)  56.  58.  81  C.  retU  (geschr.  redte,  redete):  bette  (das 
Bette)  73  C.  74  C.  87  C.  —  12)  nnede  (=  smeden,  nhd.  schnöden, 
schmieden):  medei=mete9  mit)  Bragor  141,  2.  Daß  das  unter  11)  und 
12)  zum  Beweise  angeführte  tnet  und  ^n£t€  nicht  mit  und  mite  gesprochen 
warde,  ist  aas  den  BximmMieabH  47  B.  57  B.  59  B.  und  eteU  (Städte) 
$9  zu  ersehen.  —  13)  verzert  (nhd.  verz^t^  verzehrt:  wert  (geschr.  mrt^ 
Wirth)  44  D.  —  14)  gezimi  (geschr.  geztmbt;  nhd.  geztmt,  geziemt):  nimt 
62  B.  —  15)  vil  (meist  geschr.  vill;  nhd.  vU,  viel):  ml  62  A. —  16)  ge- 
bort (gescbt. geburt;  nhd.  Oebürt;  Kürze  erhalten  in  gebürtig):  /art(geschv. 
fürt)  36  A :  tvort  44  A.  —  1 7)  Zweifelhafter  ist  eon  (mhd.  eun ,  nhd.  edn^ 
Sohn):  von,  da  in  manchen  Gegenden  Thüringens  vdn  gesprochen  wird.  — 
18)  und  (meist  geschr.  woU;  nhd.  wöly  wohl):  sol  46^  B:  vol  40  C.  72  A. 
82  B.  85  D.  87  C.  92  A.  99  A.  —  19)  hol  =  holen  (fälschlich  geschr. 
hole,  holn  und  holden;  nhd'.  hSlen):  vol  70  A:  wol  (wenn  es,  wie  sich  ans 
Nr.  18)  ergibt,  als  Kürze  angesehen  wird)  39  G.   74  A.   91  B. 

IIL  Während  in  den  angeführten  Worten  zumeist  die  ursprüngliche 
Qnaotität  bewahrt  ist,  finden  sich  nicht  wenige ,  welche  schon  die  heutige,, 
vom  Mhd.  abweichende  besitzen.  —  1)  Zu  den  Kürzen,  welche  ehedem  Längen 
waren,  gehören  vor  allen  h4U  und  haUe;  hat  (zsgz.  aus  Ao^e^  demgemäß  mhd* 
Jkctt^  nhd.  hat)  zeigt  kurzen  Vocal;  es  reimt  nach  meiner  Zählung  Hmal  mit 
«toi (Stätte  and  Stadt)  Bragur  141,  6.  142.  Mencken  44 CD.  51  G.  u.s.w. 
In  den  Beimen  hatiConrät  84  B.  101  sind  dflrum  Länge  und  Kürze  zu- 
sammengestellt. Ebenso  reimt  die  2.  Person  Plur.  hat  (=  hal>et,  mhd.  hät^ 
nhd.  habt)  mit  etat  82,  so  daft  auch  für  diese  Form  die  Kürze  anzunehmen 
ist  Und  in  der  That  wird  vom  Volke  heute  noch  'ihr  ha£  gesprochen.  Wie 
die  2.  Person  PInr.  Praes.,  so  hat  auch  das  Particip  gehat  kurzen  Vocal  60  G. 
Daft  von  hat  anch  9LXxf  hast  (mhd.  hast),  für  welches  Belege  fehlen,  geschlossen 
werden  kann ,  scheint  nicht  allzugewagt  —  2)  In  gleicher  Weise  gilt  die 
KSrze  in  hate  (meist  wie  immer  in  späterer  Zdt  hatte  geschr.;  mhd.  häte  aus 
habete):  statte  (=staUete,  gestattete)  70  D:  bestatte  (=i  bestattete)  35  D. 
52  A.  84  A.  hatten: gestatten  76 D:  bestatten  46* D.  —  3) Das Praeteritum 
wie  auch  das  Particip  von  denken  haben  im  Mhd.  langen  Vocal :  ddhte^  ge» 
ddhL  Heute  gilt  Kürze  dachte,  gedacht.  Im  Niederdeutschen,  wo  überhaupt 
die  Gatturalaspirata  einen  kürzenden  Einfluß  auf  den  vorhergehenden  Vocal 
aoatibt,  ist  diese  Kürze  schon  in  sehr  früher  Zeit  anzutreffen.  Auch  das 
ältere  Thöriagiscb  zeigt  dieses  Verhälluiss :  bedacht  :  erwacht  87  C.  — 


392  WSUBBßUX  B£0tB9R0l 

4)  Mehr  Belege  fioden  sich  f&r  brachte  und  ffebracht  (mbd.  brdhiej  ffdftM): 
achte  63  C:  nacM  42  B.  48  C.  79  D.  85:  macht  73  A.  87  B.  —  6)  Zu 
den  Worten^  die  anstatt  langer  Quantität  kurzen  Vokal  erhalten  haben, 
gehurt  licht  adj.  und  das  Licht  (mhd.  mit  Diphthongen:  lieht,  in  sad^ 
deutschen  Mundarten  lücht,  beinahe  liacht  gesprochen).  Da  die  mittel- 
deutsche Sprache  anstatt  des  Diphthongen  ie  langes  i  hat,  so  müsste,  wenn 
die  alte  Quantität  bewahrt  wäre ,  im  Thüringischen  und  auch  im  Mhd.  Ueht 
die  Regel  sein,  wie  z.  B.  im  Hennebergischen  gesprochen  Vird.  Daß  aber 
in  Thüringen  im  15.  Jahrhundert  wie  heute  licht  galt,  dafür  spricht  der 
Reim  lichte :  geeichte  95  G. 

IV.  Der  entgegengesetzte  Fall  besteht  darin ,  daß  organische  Kürzen 
zu  Längen  werden.  Bekanntlich  ist  dieß  in  tiberwiegendem  Maße  geschehen. 
Das  Thüringische  des  15.  Jahrhunderts  lässt  schon  die  AnfUnge  dieser 
Störung  der  Quantitätsverhältnisse  erkennen.  So  finden  sich  mehrere  kleine 
einsilbige  Wörtchen,  deren  Quantität  im  Mhd.  einmal  wie  das  anderemal  ist, 
die  aber  heutigen  Tages  auf  doppelte  Weise  betont  werden ,  je  nachdem  sie 
ihre  Stellung  haben.  Im  Reime  werden  sie  immer  lang  gebraucht.  Dahin 
gehören  dar,  gar,  her,  vor.  —  1)  dar:  (mhd.  dar):  clär94  C:  ofenbdr 
44  D.  —  2)  gdr  (mhd.  gar;  Kürze  bewahrt  in:  gerben):  Fritzlar  102.  — 
3)M*  (mhd.  her,  Raumadv.  hierher):  m^  (geschr.  meMr,  mhd.  mwre)  Stolle 
109,  1.  Die  thüring.  Form  h^e  reimt  mit  n^e  (näher)  66  D.  —  4)  r *• 
(mhd.  vor;  Kürze  bewahrt  in  vorn,  vorder  und  fordern):  KlingesSr  35  C. 
46  G.  ' —  Ihnen  schließen  sich  folgende  einsilbige  und  stumpfroimende  Worte 
an,  die  ehedem  kurzen  Vocal  gehabt:  6)  h^r  (geschr.  heir;  mhd.  Aer,  nhd. 
ÄÄ»,  Heer;  Kürze  bewahrt  in  Herzog):  m^r  (geschr.  mehir;  mehr)  Stolle 
HO,  17.  —  6)  mtr  (mhd.  mtr):  echtr  (mhd.  schiere)  1634:  Ur  (geschr. 
thier,  mhd.  Her)  93  C.  —  7)  ir  (mhd.  ir,  nhd.  tr,  ihr):  scUr  67  C  — 
8)  StfrÜ  (geschr.  Seyffrid  und  Seyfridt;  mhd.  Sigefrü,  Si/rit,  nhd.  %- 
frit,  Siegfried):  zit  97  B.  99  B,  —  Klingreimende  sind  folgendet  9)  fdren 
(mhd^fam):  wären  63  A:  fdren  63  D.  —  10)  g^^  :  et^  (mhd.  stwte, 
stets)  74  A.  88  B.  —  11.  w&e  (mhd.  were,  nhd.  wA'e,  Wehre):  m^ 
(masre)  Stolle  113,  24.  —  12)  {pflegen)  gepfl^ge:  verzage  (geschr.  verziehe, 
mhd.  verzihen,  nhd.  verzichten  und  verzeihen)  83  B.  —  13)  w&den  (mhd. 
werden;  nhd.  werden.  Kürze  bewahrt  in  'du  wiret,  er  wird"):  gefSrden 
(mhd.  gefcerden,  pl.  Betrug)  76  B»  —  14)  bSten  (mhd.  böte,  meist  botta 
geschr.;  nhd.  B6te,  Kürze  bewahrt  in  JBiittel)  im  unreinen  Reim  zusammen^ 
gestellt  mit  geraten  und  beraten  45  C.  46'  D.  56  B.  —  15)  boren  (mhd. 
boren,  ^öm,*nhd.  boren,  bohren):  waren  (=  wären,  erant)  Stolle  116,  18. 

Y.  Indeß  bieten  selbst  mhd.  Sprachdenkmale  ans  der  besten  Zeit  Ab- 
weichungen von  der  ursprünglichen  und  organischen  Quantität  und  Schwan- 
kungen finden  sich  bei  einem  und  demselben  Dichter,  weil  er  dem  Reime 
Zugeständnisse  machen  muß.    Wie  das  Yerhältniss  solcher  Silben  and  Worte 


.  BdTBlGE  ZUR  KEMKTinSS  DEB  THOEINO.  MT7KDART%  3A9^ 

im  älteren  Thüringisch  gestaltet  ist,  muß  hier  berücksichtigt  werden  (vgl. 
Ausspr.  d.  Mhd.  S.  79  u.  84).  Wir  gewahren  hier  ebenfalls  einen  Wechi^el 
zwischen  alter  und  neuer  Quantität,  doch  überwiegt  das  Verhältniss,  welches 
mit  der  Zeit  in  der  nhd.  Sprache  vollkonimen  durchgefiihrt  und  zur  Einheit 
gebracht  wurde.  —  1)  Nur  das  Wort  herre  ist,  wenigstens  was  den  Keim 
anlangt»  durchaus  auf  der  alten  Stufe  stehen  geblieben:  Mrren  (mhd.  hSrre 
ans  Mrere^  später  die  gekürzte  Form  herre,  aus  welcher  unser  Herr):  irren 
67  A:  4ren  (dat.  pL)  81  B:  kiren  ib\  96.  Stolle  116,  19:  miren  (ver-^ 
mehren)  88  G.  96  G:  awSren  (mhd.  aweeren^  Schmerzen)  86  B:  heswiren 
(mhd.  hemuHBren)  46  D.  Der  Reim  —  der  gute  her:  —  sine  muUer  71  B. 
nach  welchem  her  (==:  herre)  kurz  gebraucht  wäre,  scheint  zweifelhaft. 
2)  riUer  (mhd.  rUer  und  ritter)  hat  kurzen  Yocal,  wie  sich  aus  dem  Reime 
Bitter  (Eigenn.)  72  G  ergibt  —  3)  Die  Silbe  -iich  (mhd.  Uah,  seltener 
lieh,  nhd.  immer  lieh  mit  Ausnahme  von  gleich,  geleich,  gelich)  wird 
lang  und  kurz  gebraucht;  -tf^A,  glich  (in  der  Hs.  immer  gleich  geschr.,  was 
sellwtyerstandlich  zu  berichtigen  ist)  46.  67  B:  rieh,  ertrich  u.  a.:  63» 
64  G.  73  A.  96  G.  Stolle  116..  Die  Länge  der  Silbe  in  der  Flexion  beweist 
äev  Reim:  manigfeldigUchen  :  riehen  (den  Reichen).  Dagegen  -lieh: ich 
96:  mich  41.  66  D.  71  D.  87  B.  dich  66.  91  D:  rieh  1633  A.  65  A» 
90  G.  —  4)  Ebenso  wird  die  Silbe  -nVA  in  Heinrich  und  Friderich  bald 
lang,  bald  kurz  gesprochen:  -^ich  :  gUch  71  A.  72  B.  99  A:  Konigrtch 
(geschr.  Kamgreich)  73  A.  Unentschieden  bleibt  Friderich :  adelich  99  A* 
Dagegen  ist  gewiss  herügUchen:  Heinrichen  8\  B.  anzunehmen.  —  rieht  eich 
33  A.  33  B.  41  A  70  B.  76  C.  102  B.  —  [Anreihen  lässt  sich  hier  der 
iäg^mame  Ludwig.  Zusammengesetzt  aus  ItU,  ahd.  htüi  und  wig,  wie  (der 
Kampf),  ist  in  der  alten  Zeit  die  letzte  Silbe  immer  laug  und  hochbetont, 
weil  auf  wie  als  dem  Hauptworte  im  Kamen  der  Sprechende  Nachdruck  legen 
maft.  Mit  dem  Yerschwinden  des  luhaltes  aus  dem  Sprachbewusstsein  wurde 
-wig  wie  eine  Endungssilbe  behandelt  und  der  Hauptton  auf  die  erste  Silbe 
lud-'  gelegt.  In  Rothe*s  Gedicht  wird  -wig  im  Reime  immer  lang  gebraucht; 
doch  ist  hierin  wohl  die  Ursache  in  der  dem  Lateinischen  nachgebildeten  Form 
Ludöwig  zu  suchen:  JLudawig  :  krig  (geschr.  krieg,  mhd.  kriec)  69  B. 
64  A  70  G :  zwig  (geschr.  zweig)  62  B.  In  der  Flexion :  Ludawigen :  er^ 
krigen  73  B].  —  6)  Die  Silbe  -«n  (mhd.  -^/i,  sehr  selten  -«n,  dagegen  häufig 
die  gekürzte  Form  ^inne;  nhd.  immer  -4n)  wird  meist  kurz  gebraucht;  -in 
noreiumal:  helferiniin  (geschr.  ^?n,  nhd.ein)  61 B.  Dagegen  lardgreßnimn 
(Sinn)  67.  63  B.  maarkgrefin  :  gewin  64.  In  der  Flexion  nur  die  Kürze; 
für^vnenxmmen  39  B*   lantgreßnnen^eginnen  64  D. 

Ein  Wdrtchen,  das  in  verschiedenen  Gegenden  Deutschlands  verschie-  > 
dene  Quantität  hat,  ist  an.     Während  in  Nord-  und  Süddeutschland  die 
uri^pi^gli^  Kürze  in  allen  Fällen  zur  Geltung  kommt,  wird  in  Mittel^ 
deataddaad  Ai  gesprochen ,  wenn  es  Raumadverbium  ist:  an  die  ^adi. 


384  RUKBOLD  BEGHSTBUr 

bbgegeo  drehen,  ich  ^ehe  dick  an.  Doch  hat  der  ^fid»  und  Norddeutsche 
Didit  das  peinliche  Gefühl  einer  falschen  Aussprache,  wenn  dn^  noch  auch 
der  Mitteldeutsche,  wenn  an  gesprochen  wird.  Um  reinen  Reim  herzustellen, 
sprechen  Vorleser  bald  an  und  bald  dn.  Insofern  kann  man  das  Adverb  in 
der  heutigen  Sprache  als  anceps  betrachten.  Es  fragt  sich,  welche  Quantität 
in  der  thüringischen  Mundart  des  15.  Jahrhunderts  die  allein  gültige  oder 
die  bevorzugte  gewesen.  Nach  den  Reimen  zu  sehließen,  ist  die  organische 
Kürze  in  an  zu  damaliger  Zeit  noch  gesprochen  worden,  indem  es  in  unsem 
Quellen  29mal  mit  einer  Kürze  zusammengestellt  wird:  an  :  man  (vir)  40, 
76  A.  u.  s.  w.  Stolle  111,  1  u.  s.  w. :  Herman  Bragur  141, 6. 142.  Mencken 
43.  48  B.  u.  s.  w.:  kan  (potest)  61  C.  66  C.  87  A.  92.  96  A.  B:  dan 
(mhd.  danne)  72.  76  A:  be^an  76  C.  Dagegen  wird  es  nur  11  mal  mit 
L&igen  gereimt,  und  zwar  ausschließlich  mit  getdn  39  B.  46  G.  47  D. 
u*  6.  w. 

VI.  Bis  jetzt  wurde  die  Quantität  betrachtet  in  Rücksicht  auf  das  ur- 
sprüngliche und  organische  Verhältniss,  wie  es  uns  im  Mhd.  in  fast  unge- 
trübter Reinheit  entgegentritt,  und  in  Rücksicht  auf  die  Störung  dieser 
Harmonie,  welche  das  Khd.  zum  Abschluß  brachte,  endlich  in  Rücksicht  auf 
ein  Wechseln  und  Schwanken  in  der  Aussprache,  welches  einmal  immer 
vorhanden  sein  mufi  und  welches  wir  in  einer  Zeit,  die  auf  der  Gränze  zwi- 
schen dem  Alten  und  Neuen  steht,  gerade  am  Platze  finden  müssen.  Jetzt 
ist  esnöthig,  diejenigen  Quantitätsverhältnisse,  welche  im  Gegensatze  sowohl 
zum  Mhd.  als  auch  zum  Nhd.  stehen,  welche  also  rein  mundartlicher  Nator 
sind,  in's  Auge  zu  fassen.  —  1)  Es  wurde  V»  (am  Ende)  der  Reim  an: getan 
erwähnt  und  in  ihm  Kürze  und  Länge  angenommen.  Da  nun  in  mehreren 
Theilen  Thüringens ,  wie  auch  in  dem  an  Thüringen  grenzenden  Hennebeig 
(welches  in  Hinsicht  der  Mundart  zu  Franken  gehört)  vom  Volke  nicht  ge- 
tdn,  sondern  getan  gesprochen  wird,  so  könnte  vermuthet  werden ,  daß  diese 
Sprechweise  auch  dem  Dichter  Rothe  und  mit  ihm  allen  Gebildeten  in  da- 
maliger Zeit  gerecht  gewesen  wäre;  und  diese  Yermuthung  fände  durch  den 
erwähnten  Reim  ihre  Bestätigung ,  da  gegen  die  Kürze  von  cm  nichts  einzu- 
wenden ist.  Dazu  kommt,  daß  fast  in  sämmtlichen  Reimen  auf  a,  in  deneo 
im  Mhd^wie  auch  im  Nhd.  Kürze  und  Länge  gebunden  sein  würde,  das  Wort 
getan  vorkommt:  getan :  man  45^  B.  97  A.  Herman  33.  71  A:  han  69  B: 
daok  (danne)  57 :  epan  (v.  spinnen)  86  B.  —  2)  Zweifelloser  ist  &e  mund- 
artliche Kürze  in  han  (mhd.  Mn  aus  haben,  nhd.  haben).  Wie  hat  (er  hat 
und  ihr  habt)  kurzen  Vocal  iBesitzt  (s.  III.,  1.),  so  kann  er  auch  lur  han 
(Infinitiv  und  1.  und  3«  Person  Plur.  flräsentis)  gelten:  han: dan  65  G:  gan 
(von  gönnen)  91 :  ma/n  53.  59.  62  C.  63  G:  Ucknam  9S  G:  gewan  56  A: 
an  13mal  Stolle  118,  16.  Mencken  41  B.  55  a  59  D  u.  s.  w.  Mit  einer 
entschiedenen  Länge  wird  han  nie  gereimt,  nur  mit. der  zweifelhaften  Unge 
und  wahrscheinlichen  Kürze  in  g^an  60  A.  .84  A.    90  B.    96  A.  — 


BEITRlOE  ZUR  KENimilSfi  I»EA' THDRING.  MUNDART. 

3)  Fraglich  bleibt  die  Quantität  in  ftu/nt  (mbd.  friwd^  nhd.  Freund).  Ist 
frAnde  (geschr.  frennde) :  9unde  (Sttode)  86  B.  88.  Orlamunde  64  anzu^ 
nehmen  oder  die  VerkQrzung  frunt?  Heutigen  Tages  hört  man  vielfach  in 
Thüringen /ran<  anstatt /riflnt  —  4)  In  Rothe*8  Gedicht  kommt  in  allen 
Reimen  auf  o,  welche,  nenn  die  mhd.  und  nhd.  Quantität  gilt,  Länge  und 
Kmrze  binden  würden,  nur  eine  Form  von  hören  (mhd.  und  nhd.  hören)  vor, 
meist  das  Participium  gehört,  erhört^  überhört.  Die  Hs.  bietet  fast  immer 
hoeri,  natürlich  falsch,  gehört  eic:  nort  1634  B.  43  A.  44  C.  56  C. 
82  A.  92  G.  95  B.  D:  dort  41  D.  48  B.  100  C:  fort  58  A.  Deshalb 
liegt  die  Vermnthnng  nahe,  daft  in  gehört  der  Yocal  im  Gegensatze  zum 
Mhd.  nnd  znm  Khd.  kurz  ist  Doch  kann  auf  den  Infinitiv  hören  anstatt 
kSren  nicht  zurtickgeschiossen  werden. 

YIL  Schließlich  sei  der  Reime  gedacht,  in  denen  langer  und  knrier 
Yocal  zusammengestellt  werden.  Zwar  kann  in  vielen  zum  Belege  ange- 
fahrten  Reimen  Länge  nnd  Kürze  angenommen  werden ,  allein  solche  Reime 
unterscheiden  sich  doch  wesentlich  von  denen,  in  welchen  ohne  jeglichen 
Widerspruch  verschiedene  Quantitäten  in  Anwendung  gebracht  werden.  Und 
dieser  Reime  sind  es  sehr  wenige.  Einige  derselben  wurden  schon  gelegent- 
lich erwähnt  Die  andern  sollen  hier  verzeichnet  werden.  —  a\  d:  stai 
(Statte  und  Stadt):  tätbl  A.  77  B;  Conrdt  71  C.  —  i?:  ^ist  mir  nieht  be- 
gegnet.  —  iitim  Yerhältnisse  zum  Mhd.,  wo  dieser  Reim  fast  niemals  vor« 
konunt,  verhältnissmäfiig  ziemlich  häufig :  sich :  Osterieh  (geschr.  Osterreich) 
40  A.  65  D.  Kotägrtch  Bragnr  140,  1.  domitiltt  (geschr.  liedt,  Lied) 
33  A.  ftm<?A^  (berichtet:  bScJU  (geschr/ beicfite)  73  G.  sittenihniten  (knieten) 
67  C.  —  o:S:got:clen6t  Stolle  121,6.  —  u:ü  fehlen,  wenn  man  nicht  die 
anter  YI.  3)  hierher  rechnen  will. 


Die  Ergebnisse,  welche  aus  diesem  Reimverzeichnisse  liervorgehen, 
branchen  für  den  Sprachkenner  nicht  dargelegt  zu  werden,  da  die  gegebenen 
Beispiele  für  sich  selber  sprechen.  Überdiefi  kann  eine  Yorarbeit,  wie  die 
voriiegende ,  den  Gegenstand  nicht  erschöpfen  und  zum  Abschluß  bringen. 
Died  wird  erst  möglich  sein  können,  wenn  die  Quellen  reichlicher  fliekn 
werden.  Dennoch  kann  schon  jetzt  ein  Urtheil  gefällt  werden,  in  wiefern  die 
Ansicht  Rückerts  hinsichtlich  der  Quantität  im  älteren  thüringischen  Dialect 
stichhaltig  ist  und  in  wiefern  nicht  'Das  organische  Yerhältniss  der  alten 
Längen  und  Kürzen  ist  bereits  vollkommen  gestört'.  Stände  in  diesem  Satze 
das  Wort 'vollkommen'  nicht,  so  würde^nichts  einzuwenden  sein.  Eine  voll- 
kommene Störung  aber  ist  keineswegs  eingetreten.  Eine  beträchtliche  An- 
zahl Silben,  sowohl  lange  als  kurze,  klingreimende  und  stumpfreimende,  zeigt 
noch  die  mhd.  Quantität  und  nicht  die  neuhochdeutsche.  Es  ist  wahr:  'es 
gilt  im  Allgemeinen  die  Regel,  daft  in  einfachen  Wörtern  jede  betonte  Silbe, 


3M  '^^^  WEiSER 

insofern  sie  nicM  durch  Position  geschärft  ist,  dnrch  den  Sprachaccent  ver- 
längert wird*.  Das  beste  Beispiei,  durch  welches  auch  erkannt  werden  kann, 
wie  die  neuere  Sprache  die  Einheit  der  Quantität  in  einem  und  demselben 
Stamme  aufgibt,  ist  fart  und  fdren  (s. IT,  S.u.  IV,  9.).  Aber  der  angeführte 
Satz  ist  nur  zum  Theil  wahr.  Erstens:  in  manchen  Worten  steht  keine 
Position  und  der  Vocal  ist  dennoch  kurz  geblieben:  vgl  II  Nr.  9,  10, 11. 
Zweitens :  in  einem  Worte  steht  Position  und  der  Vocal  scheint  doch  lang 
geworden  zu  sein:  vgl.  IV,  13).  Vollkommen  richtig  ist  es,  weön  gesagt 
wird,  es  lasse  sich  nicht  einmal  die  von  J.  Grimm  Gramm.  P,  251  für  das 
Mittelniederdeutsche  aufgestellte  Regel ,  daß  wenigstens  in  den  einsilbigen 
Wörtern  die  alte  richtige  Quantität  sich  erhalten  habe,  behaupten.  Wenn 
auch  einsilbige  Worte  zum  größten  Theile  kurz  geblieben  sind,  wie  die  ersten 
Ablaute  der  3.  Gonjugation ,  so  sind  doch  andere  schon  zu  der  heutigen  Be- 
tonung gelangt  (IV,  1 — 7). 
NÜRNBERG. 


ZWEI  GESPRÄCHE  ZWISCHEN  SEELE  UND  LEIB. 


HERAUSGEGEBEN 

V05 

MAX   RIEGER. 


Nachdem  neulich  Bartsch  (die  Erlösung  mit  einer  Auswahl  geistlicher 
Dichtungen,  S.  311)  zu  der  schon  bekannten  alten  eine  zweite  fast  neuhoch- 
deutsche Paraphrase  der  visio  S.  Philiberti  (abgedr.  in  Earajans  Frühfiogs- 
gabe  1839)  veröffentlicht  hat,  darf  sich  auch  wolil  das  Gedicht  zu  Darmstadt 
hervor  wagen,  von  dem  bereits  Hoffmann  Altd.  Bl.  1,  380  Nachricht  gab. 

Sprachformen,  Orthographie  und  Schriftzuge  stimmen  völlig  zu  dem 
niederrheioischen  Leben  der  h.  Elisabeth,  das  in  der  Hs.  voran  geht  und  von 
1421  datiert  ist:  einem  Werke,  das  beiläufig  gesagt  mit  dem  in  Graffs 
Ditttiska  auszugsweise  Mitgetheilten  gar  nichts  zu  thun  hat.  Daß  die  Mund- 
art dem  Dichter,  nicht  nur  dem  Schreiber  gehört,  zeigt  ein  Blick  auf  die 
Reime:  und  ebenso  daß  der  Schreiber  sich  jüngerer  Sprachformen  bedient 
als  der  Dichter,  denn  V.  116  soll  w^s  (2  sg.  ind.)  auf  Mre  reimen.  Zu- 
gleich dürfte  die  Zerrüttung  und  die  Überladung  zahlreicher  Verse  mit  unge- 
hörigen Worten  auf  eine  längere  Überlieferung  deuten.  Auch  dieses  Ge- 
dieht ist  eine  Nachbildung  des  lateinischen ,  aber  von  allen  mir  bekannten 
die  freieste.   Die  eine  von  Earajan  und  die  von  Bartsch  herausgegebene  sind 


2WEI  GESFRiCHE  ZWISCHEK  SEELE  UND  LEIB.  89t 

ziemlicfa  genaue  Übersetzungen»  nur  daS  die  lextere,  die  auch  die  metriBche 
Form  des  Originales  wiedergibt,  die  16  einleitenden  Verse  über  Phiiibertus 
weg  l&sst  Das  andere  Stück  bei  Karajan,  '^Der  eile  Hag^^  wie  es  sich 
selbst  Y.601  betitelt,  ist  eine  freie  Bearbeitung,  die  Einzles  fallen  lässt  und 
Andres  erweitert,  im  Ganzen  aber  den  Gedankengang  des  Originales  treu 
wieder  gibt;  die  Ys.  384 — 411,  die  keine  Grundlage  in  diesem  haben,  sind 
eiue  störende  Interpolation.  Das  niederländische  Gedicht  *Van  der  jgielen 
ende  van  den  lichfm%e\  von  Biommaert  1836  mit  dem  Theophilns  herausge- 
geben, verfahrt  auf  die  selbe  Weise,  nur  mit  viel  kürzerer  Fassung.  Das 
voriiegende  niederrheinische  hat  mit  ihm  nur  den  Titel  gemein.  £s  fasst  sich 
noch  kürzer  und  geht  mit  dem  Originale  so  frei  um»  daft  es  dessen  Bestand- 
theile  umstellt:  es  verwendet  z.  B.  die  lateinischen  Langzeilen  230 — 235 
bereits  in  seinen  Vv.  51 — 62,  wodurch  eine  Rede  der  Seele  ausfallt  und 
zwei  des  Köi-pers  in  eine  zusammen  fließen.  Mächstdem  ist  es  das  reichste 
an  eignen  nicht  im  Vorbild  enthaltenen  Zügen:  dahin  gehört  hauptsächlich 
die  Beziehung  auf  Dismas  den  begnadigten  Schacher  (s.  W.  Grimm  zu 
Wemhex  vom  Niederrhein  12, 7),  ferner  91  —99,  196—197.  Auffallend  ist 
bei  sonst  abweichender  Behandlung  der  Stelle  die  Übereinstimmung  von 
V.  215  mit  486  in  'Der  sele  klage'  iV  anüi^  iww  wol  warmen  breit  i  das 
Original  hat  davon  nichts.  Alle  drei  Gedichte  übertreffen  das  Original  weit 
an  poetischer  Lebendigkeit.  Im  niederrheinischen  ist  das  Pathos  am  höch* 
sten  gesteigert,  in  'Der  sele  klage*  der  trockne  dialektische  Ton  weniger  übejr^ 
wunden;  der  Niederländer  bewegt  sich  ungewandt  in  der  vierzeiiigen  Strophe 
ndt  einem  Beim. 

Es  wäre  wünschenswerth  etwas  von  dem  Gedichte  zu  Herdeiberg  zu  er- 
fahren, auf  das,  wie  auf  das  unten  folgende  Bäselische,  Bartsch  a.  a.  O. 
LXVII  aufmerksam  macht.  Von  den  übrigen  ist  keines  oberdeutsch:  Kara- 
Jans  Pars^hrase  ist  thüringisch ,  die  von  Bartsch  herausgegebene  und  'Der 
sele  klage*  stammen  aas  Nürnberg,  wozu  ihre  Sprachformen  passen ,  so  weit 
sie  dem  Alter  nach  aus  einander  liegen;  mitteldeutsch  ist  auch  die  Bearbei«« 
tung  ein^  Leipziger  Hs.,  die  Altd.  Bl.  1,  114  verzeichnet  wird.  Und  in  die 
mittleren  Gegenden  weist  nicht  minder  das  diesem  Stoffe  verwandte  Basler 
Gedieht,  auf  das  nun  die  Rede  zu  kommen  hat. 

Die  Pergamenths.  B.  X.  14  der  öffentlichen  Bibliothek  zu  Basel  enthält 
in  ihrer  ersten  Hälfte  das  Bach  des  Basilius  Me.  institutione  monachorum', 
eine  Sammlung 'sermones  ad  monachos'  von  alten  Kirchenlehrern  undlsidors 
Schrift  'contra  Judaeos',  dazwischen  auf  leergelassenen  Blättern  Briefe  der 
Päbste  und  kleinere  kirchenrechtliche  Stücke.  Auf  das  Buch  'contra  Judaeos'^ 
folgt  eine  kleine  Sammlung  päbstlicher  Eriasse  in  Sachen  des  Predrgerordens 
und  der  Ketzer  nebst  einem  des  Bischofs  Berthold  von  Würzburg,  der  von 
1283  datiert  ist,  und  mehreren  Stücken  verwandten  Inhaltes;  den  Schluft 
bitden,  ohne  Überschrift^  dvaash  einen  Initialen  h^vorgehoben^  von  der  Bück-* 


SAft  ICAZRIXGEB 

Mite  des  26.  bis  aaf  die  des  26.  BUttes  dieser  Sammlaog  die  deotsdien 
Verse;  die  zierliche  Hand,  ider  sie  angehören »  beginnt  mit  dem  Briefe  des 
Wfirzborger  Bischofs.  Es  folgen  einige  Nachträge  von  spätem  Händen;  des 
Rest  des  Bandes  fällt  eine  zweite  größere  Sammlung  päbstlicherErlasse,  des- 
selben Gegenstandes  wie  die  erste. 

Die  Reime  ^pmch  :  laff  1,  ffemach:  stach  67,  ruwe  :  vrawe  11,  w- 
driezen :  wheizen  33,  gelit :  giht  47,  sSlen :  t^lin  (=^  teilen),  gescbufi  gemihi 
79,  Wen: gibSren  (=  gebaeren)  95,  ordinieret  :  iSret  107,  onmihus  :  iw 
(z=zuz)  109,  gi^'.me  119;  daneben  die  vereinzelt  stehn  gebliebenen  Formen 
gemeten  (l  sg.)  5,  b6ch  38,  «(^A^2^  91,  varbunden  93,  giricktet  111:  diese 
Umstände  beweisen  daß  das  Gedicht  ans  dem  Mitteldeutschen  umgeschrieben 
ist.  Die  alterthümlich  ungenauen  Beime  hunger  i  sunder  69,  geschu/igenulU 
79,  xvere  i  givuore  83,  tragent :  ladent  99,  nicht  zu  reden  von  gewan:engän 
59,  scher ;  ofenbär  103,  werden  eher  %'on  der  Ungeübtheit  des  IKcht^rs  aU 
von  seinem  frühen  Zeitalter  zeugen.  Denn  es  findet  sieh  sonst  nichts ,  das 
dem  12.  Jahrhundert  entspräche.  Die  Verse  sind,  w^n  man  nachhelfen  will, 
regelmäßig:  Senkung  fehlt  nur  17.  20.  50.  55.  69.  70  (da man  vielleicht  bm 
nicht  zu  ergänzen,  sondern  aus  bi  herzustellen  hat).  119,  und  unter  so  we- 
nigen Fällen  vielleicht  ein  paarmal  dnrcfa  fehlerhafte  Auslassungen;  zwei- 
silbiger Auftact  sicher  nur  22  und  schwerfalliger  6  (vielleicht  hieß  es  daz 
iti);  drei  Hebungen  bei  klingendem  Schluß  mit  vieren  gebunden  häufig:  10. 
12.  34.  40.  46.  62.  64.  71.  78.  88,  wenn  man  nicht  einigemal  den  längeren 
Vers  nüt  zweisilbigem  Auftact  lesen  will.  Dagegen  zeigt  sich  auch  an  der 
Wortstellung  und  dem  Verhältniss  zwischen  Satz  und  Vers,  daß  sich  der 
Dichter  durch  Reim  und  Maß  beengt  fühlte:  s.  10.  12.  25—27.  29.  44. 
62—65;  101—107;  wider  die  Betonung  verstößt  74. 

Gleichwohl  ist  das  Gedicht  nicht  ohne  naiven  Reiz,  in  jeder  Beziehimg 
aber  eigenthüinlich.  Mit  dem  angelsächsischen  Bruchstück  im  Cod.  Vercell. 
hat  es  nur  die  Hauptsache  des  Motives  gemein:  sogar  die  Situation  ist  eine 
andere,  indem  dort  die  Seele  bereits  abgeschieden  ist  und,  wie  in  jenen  an- 
dern Gedichten  die  verdammte ,  den  Leichnam  besucht.  Der  Eingang  des 
Bruchstückes  stempelt  es  zugleich  ausdrücklich  zur  Fortsetzung  oder  zum 
Gegenstück  der  vorhergehenden  Rede  der  verdammten  Seele:  das  deutsche 
Gedicht,  wie  es  in  der  Situation  nicht  entspricht,  vermeidet  jede  solche  Be- 
ziehung und  stellt  sich  unabhängig  hin«  Dennoch  wird  die  Anregung  dorther 
gekommen  sein.  Gibt  es  noch  andere  Gedichte  über  denselben  Gegenstand 
und  auch  hier  eine  lateinische  Grundlage  ?  Die  lateinischen  Brocken  im  vor- 
liegenden Stücke,  die  Erwähnung  der  Farcen  eingerechnet,  verbunden  mit 
dem  etwas  gezwungenen  Ausdrucke,  scheinen  doch  auf  eine  solche  zu  deuten. 

Auf  keine  deutet  das  ags.  Stück:  sie  wtffde  ein  Ganzes  mit  deijenigen 
gebildet  haben ,  auf  der  die  Rede  der  verdammten  Seele  beruht,  dann  aber 
die  Nachbildung  schwerlich  im  Cod.  Expn,  hinter  jener  fehlen«  Nnn  hat  jene 


ZWEI  QESPBJLCHE  ZW10CHEK  SEELE  UND  LEIB.  390 

Bfde  ia  einer  Bdhe  von  Zügen  nnverkennbare  Gemeinsohaflt  mit  der  Tieie 
Phiiiberti,  während  sie  in  der  Anlage  des  Ganzen  völlig  abweicht:  hier  findet 
sich  keine  Eiokleidnng  als  Gesicht,  sei  es  des  £rzählei*8  oder  eines  Dritten, 
vor  Allem  kein  Wechselgespräch,  auch  keine  Teufel.  Im  lateinischen 
Gedichte  schlieft  die  Seele  ihre  erste  Bede  damit,  daft  sie  non  scheiden  m&sse 
nnd  vom  Körper  keine  Antwort  erwarte:  worauf  der  Körper  dennoch,  qu<m 
revi^ssetf  zu  antworten  beginnt,  doch  aber  am  Schlüsse  der  Antwort  143  f. 
zugibt,  daS  es  ihm  die  Wurme  schwer  machen.  Der  ags.  Dichter  fahrt,  nach- 
dem die  Seele,  wie  dort,  den  Körper  zum  Schluß  auf  die  einst  gemeinsam  mit 
ihr  zu  duldende  Pein  verwiesen  hat,  in  eigner  Person  fort,  'sie  wird  dann 
hinweg  fahren,  suchen  der  Bolle  Grund  —  es  liegt  der  Staub  wo  er  war,  er 
vermag  nicht  einige  Antwort  zu  geben',  und  um  dieß  zu  begründen  folgt  eine 
in  der  visio  Y.  65  dürftig  angedeutete  Schilderung  des  Wurmfraßes,  der  auch 
die  Zunge  zu  Kichte  macht:  damit  schließt  das  Gedicht,  man  muß  gestehen, 
viel  natürlicher  als  die  visio  fortfährt,  denn  das  Beden  des  modernden  Körpers 
bleibt  einer  gesunden  Einbildungskraft  anstößig,  um  so  mehr  als  es  entschul- 
digt wird.  Ich  denke  wir  gewinnen  hier  Einsicht  in  die  Entstehung  der 
visio:  sie  ist  aus  dem  lateinischen  Vorbilde  des  ags.  Gedichtes  fort- 
gesponnen und  die  einseitige  Anklage  des  Leibes  durch  die  Seele  zum  Aus- 
gangspunkt einer  Disputation  zwischen  beiden  gemacht,  worin  sich  der  wahre 
Sachverhalt  richtiger  und  völliger  herausstellt;  da  die  Seele  schon  V.  99,  nach 
dem  alten  Gedichte,  |sagt  'non  possnm  hie  amplius  stare^  dann  145  abermals 
beginnt  *adhuc  volo  stare  et  dum  tempus  habeo  tecum'  disputare' ,  so  war  es 
natürlich  die  sich  verspätende  durch  Teufel  abholen  zu  lassen;  die  Ein- 
kleidung als  Gesicht  eines  bekannten  Yisionärs  kam  hinzu  damit  das  Werk 
eine  Autorität  hätte.  Es  lässt  sich  dagegen  nicht  einwerfen  daß  eine  Stelle 
des  ags.  Gedichtes  (Cod.  Exon.  ed.  Thorpe  371,  15—372, 2)  deutlich  einen 
Zug  enthält,  der  im  lateinischen  erst  gegen  Ende  der  Disputation  (333 — 336) 
vorkommt:  denn  es  ist  nicht  zu  verwundern,  wenn  der  Dichter  der  visio  aus 
dem  Werke,  das  er  umarbeitete,  Züge  wegnahm  um  sie  in  seine  Fortsetzung 
zn  verpflanzen,  da  er  ja  andres  aus^  der  ersten  Bede  in  den  folgenden  wieder- 
holt (182  f.  186—189.  223—227.  230);  was  überhaupt  an  poetischem  Ver- 
mögen vorhanden  ist  drängt  sich  in  dieser  ersten  Bede  zusammen.  Der 
niederrheinische  Dichter  hätte  also  durch  sein  Verfahren  mit  eben  jenem 
Zuge  etwas  Ursprüngliches  wieder  hergestellt. 

Es  gibt  übrigens  noch  ein  drittes  ags.  Monument,  das  hierher  gehört, 
nämlich  das  Bruchstück,  das  Thorpe  unter  der  Überschrift'The  grave*  in  den 
Analecten  S.  142  herausgegeben  hat.  Es  trifft  viel  genauer  mit  der  ersten 
Rede  der  visio  zusammen  als  das  Gedicht  zu  Vorcelli  und  Exeter.  'Nicht  ist 

dein  Hans  hoch  gezimmert das  Dach  ist  deiner  Brust  sehr  nahe  ge- 

bantf;  'scheusslich  ist  das  Erdhaus,  da  du  wohnen  sollst,  und  Würmer  zerteilen 
dich';  *da  hast  keinen  Freund,  der  zu  dir  kommen  wolle^  daft  er  je  nachsdien 


400  laxftiEdBA 

wolle  wie  dir  das  Haas  behage'.  Der  Zeit  nach  wäre  wohl  tnOglieh,  dat 
dieses  Werk  bereits  auf  der  visio  beruhte ,  deren  Entstehung  Karajan  'm 
12.  Jahrhundert  setzt,  aber  das  Bruchstück  gehört  ganz  in  die  erste  Bede 
der  Seele.  Die  weitlänftige,  obgleich  eigenthümlich  ergreifende  Manier  des 
Dichters  Hefte  dann  anf  ein  Werk  von  beträchtlichem  Umfange  schließen. 

Man  verzeihe  diese  angelsächsische  Abschweifung.  Ich  habe  noch 
Rechenschaft  über  die  kritische  Behandlung  meiner  Texte  zu  geben.  In 
Kro.  II  sind  die  zahlreichen  Abkürzungen  aufgelöst,  wobei  aus  vnn  nach  Be- 
dürfniss  und  oder  unde  gemacht  ward,  sonst  Alles  treu  wiedergegeben:  nur 
daß  einige  Composita  zusammen  zu  schreiben  und  einige  Verse  wo  es  der 
Schreiber  vernachläßigt  hat  abzutheilen  oder  abzusetzen  waren.  In  Nro.  I 
habe  ich  die  Orthographie  vereinfacht,  damit  sich  das  Gedicht  nicht  unnütz 
durch  ein  barbarisches  Aussehen  schade :  es  ist  also  überall  für  y,  das  hier 
nicht  etwa  die  Längen  bezeichnet,  i  gesetzt,  u  und  v  unterschieden,  w\m 
Anlaut  einigemal  in  v  verwandelt,  h  nach  t  gestrichen,  die  ohne  Grundsatz 
gebrauchten  U,  ff,  ü,  ck,  88  auf  den  Inlaut  nach  kurzem  Yocale  beschränkt: 
nicht  tjp,  weil  z  auch  für  auslautendes  s  und  tz  117  fv[T  t8  steht;  wohl  aber 
sind  ^  und  i  unterschieden.  Außerdem  habe  ich  nach  Anleitung  des  Reimes 
116  überall  das  s  der  2  sg.  ind.  prät.  starker  Verba  getilgt.  Nur  die  Besse- 
rungen, die  der  Reim  gebot,  sind  in  den  Text  gesetzt.  Es  wäre  leicht  ge- 
wesen zahlreiche  Verse  durch  Schreibung  für's  Auge  herzustellen;  aber 
einigemal  that  die  W?ihl  zwischen  mehreren  Mitteln  weh  und  viele  Fälle 
wären  doch  übrig  geblieben ,  wo  nur  stärkere  und  zum  Theil  wenig  sichere 
Mittel  geholfen  hätten :  so  daß  sich  hätte  einwenden  lassen,  es  seien  hier 
überhaupt  keine  regelmäßigen  Verse  beabsichtigt.  Ich  mache  also  nur  für 
jene  schwereren  Fälle  Vorschläge:  leuchten  sie  ein,  so  wird  mit  den  leichten 
Jeder  selbst  fertig.  Herr  Prof.  Wackemagel  ist  mir  mit  Besserung  und  Er- 
klärung zu  Hülfe  gekommen.  Auszuwerfendes  ist  eingeklammert,  Ergänzungen 
cursiv  gedruckt,  Vorschläge  zur  Besserung  fehlerhafter  Stellen  stehen  unter 
dem  Texte. 

I. 
BIT  IS  VAN  DER  SEELEN  ÜNB  LICHAM. 

Ich  hain  gehoirt  van  wisen  luden  .  mit  groisen  sorgen  overdacht, 

dat  £u  wile  dreume  duden:  des  ich  ran  rechtem  gruwel  leit. 

des  mois  ich  sagen  wat  ich  sach  ich  nement  wail  up  minen  eit 

in  eime  droume,  da  ich  lach  dat  ich  ne  quam  In  meirre  noit. 

in  einre  winterlicher  nacht  5      mich  duchte  ein  richer  man  wer  doit;    10 


2.   [dato  =  datii?  -P.P.] 

7.  des]  lies  dei. 

8.  nement  =  nihd.  nim  ec. 


ZWEI  GESPRÄCHE  ZWISCHEN  SEELE  UND  LEIB. 


401 


die  sele  tut  sime  eorper  geinc, 
bitterliehen  si  an  reine 
ond  user  maisen  sere  kreiß. 
si  sprach  'hei  verwasen  vleiß! 
ge«teren  wer  du  geweldich  riehe, 
Dtt  liges  du  arme  in  diseme  sliche : 
we  sal  it  dir  ummer  vmt  ergain? 
de  lant  waren  dir  underdain, 
dir  Tolgedin  ritter  ind  knechte, 
mit    schonen    rrauwen     was     din 

plechte : 

wa  sint  knappen,  wa  [is  nu  din]  gesinde? 
och  armet  rleiß,  du  were  so  swinde, 
dat  du  neu  gedenken  in  woldis 
dat  du  leider  sterben  soldis.         [El  P  ] 


15 


20 


wat  douch  dir  nu  din  schone  bu, 

din  [schone]  palais  ind  bürge  nu? 

silyer  goult  ind  edel  gesteine, 

dat  in  kan  dir  nu  gehelfen  inkeine, 

des  du  nu  vil  hais  gelaisen. 

och  armet  vleifi  yerwasen, 

din  groser  bu  dich  deine  yerreit: 

din  rirst  [nu]  dir  up  dine  nase  steit. 

da  heildi  dich  in  der  werelde  prise : 

DU  bistn  [worden]  der  worme  spise, 

du  stinkes  as  ein  Tulit  ais. 

owi  o  wach!  der  hellenfrais 

hait  uns  beiden  einen  stoel  bereit, 

de  so  deif  in  der  hellen  steit, 

dat  wir  nummer  komen  us: 

dat  hait  gemacht  din  yleißgemus 


25 


30 


35 


40 


o  wach!    yerwasen  si  din  bloit 
um  manichcr  hande  yelß  goit, 
dat  du  dine  dage  hes  gedreyen: 
des  mois  ich  in  [duser]  pinen  beyen 
bis  an  den  enxstelichen  dach,  46 

dan  du  is  hallis  hores  gewach, 
und  dan  mois  ich  in  dich  yaren.  [2] 

och !  da  yort  in  is  gein  sparen : 
yan  ewen  zu  ewen  moisen  wir  birnen, 
des  in  kunnen  wir  neit  iuternen.  50 

o  we  der  bitterlicher  noit, 
dat  it  mich  neit  steryen  in  doit 
zu  male  alg  doit  [ais]  ein  vee! 
och  leider  dat  ich  ee 
so  rechte  edel  wart  geschaffen,  55 

dat  ich  in  pinen  bin  yerlaff(^ 
ummer  mit  den  hellenhunden ! 
o  wi  der  bitterlicher  stunden 
dat  ich  ee  geschaffen  wart! 
'  o  yri  der  bitterlicher  yart  60 

dat  ich  neit  in  wart  ein  hunt, 
do  mich  got  sante  in  dinen  munt! 
och !  dat  ich  ee  quam  zo  dir* 
dat  heit  leider  geyromet  mir 
herzeliche  quäle  [ummer]  %yn  ende:    65 
dat  neman  in  leyet  so  behende, 
de  ummer  mer  geschriyen  möge 
ein  gelich,  dat  dar  zu  doge, 
gein  der  minster  miner  pinen. 
och  oyer  den  licham  dinen,  70  [2  ^  ] 

dat  du  mich  her  in  hes  gedrungen ! 


11.  [wo«  yur  sinen?  F.  P.J 
15.  geweldich]  l%e$  gewelde. 
17.  [dir  na  ergain?  vgl.  übrigens  V.  67,  wo  eben/cUlt  ummer  allein  tteht,  ohne  mer.  F,  P,] 

21.  sint]  liesim, 

22.  Uet  gedenken  neit.     Dieser  Vers  steht  am  Anfang  der  zweiten  Seite  noch  einmal 
25.  Ar.  bou. 

28.   [inkeine  =  deine?  F.  Pj 

40.  gemensch  hei  B.  Sachs,  s,  SehmeUer  2,  641. 

46.  hallis  für  allis;  gewach /Or  gewacht,  memoria,  mentio. 

50.  Es.  in  theruen.    At$eh  77  steht  thnme. 

52.  Ues  steryen  neit. 

53.  [lies  zu  male  doit  (=  tot)  als  ein  yft,  oder:  zu  mMe  als  ein  doit  yft;  ais  =  as  = 
als  KfW  r.  35.   [F.  P,] 

64.  lies  geyromet  leider. 

^.  Ues  da  m  leyet  neman. 

•miAau  m.  26 


402 


MAX  RIEQER 


wa  Esint]  nu  alden,  wa  [sint]  nu  [dine] 
jungen, 

die  din  hoe  gesinde  waren  ? 

wa  sint  nu  dine  stolze  gebaren  ? 

wa  [sint  nu]  dine  ros,  wa  [is  nu]  din  ge- 
sinde? 75 

war  tzo  were  du  so  swinde? 

wa  sint  nu  dine  turne  ho 

mit  quadersteine  gemachit  also, 

dat  man  ne  so  kostelichen  in  vant? 

wa  is  nu  din  siden  gewant?  80 

wa  sint  nu  dine  schone  bette? 

nu  liges  du  arme  in  diseme  leite 

bedecket  mit  eime  busem  duche. 

wa  sint  nu  de  gesuche? 

war  stoint  dir  arme  din  gedanc?  85 

din  huis  is  seven  vose  lanc, 

dat  gewulre  up  din  nase  liet! 

dine  huisvrauwe  nu  din  gar  yerswiet, 

dine  kinder  haut  dich  lange  yerclait: 


dine  huisyrauwe  na  eime  andern  stait. 
wafen,  ummer  wafen! 
ich  mois  die  moder  strafen, 
die  dich  droich  und  dich  gewan, 
dat  dich  in  irme  liye  dan 
[dich]*  de  masen  neit  in  aisen 
(des  moises  du  sin  yerwaisen)  : 
so  in  were  ich  in  dich  neit  gesant! 
nu  mois  ich  leider  ein  ho  pant 
yur  dich  lasen  ewelich. 
antwerde  mir,  des  gerei)  ich.' 


90 


[3] 


95 


100 


DE  CORPER. 
Up  leinde  sich  der  corper  trege: 
he  sprach  alg  he  des  liyes  plege 
'wat  het  he  gereit  zu  mir? 
bistu  mine  sele«  so  säin  ich  dir, 
du    hais   gesprochen    ein    deil   [dat  is] 
wair  105 

und  ouch  gelogen  offen bair. 
ich  gein  dir  und  han  mich  des  erkant 
dat  ich  dich  dicke  hain  intwant 
zu  male  yan  guden  werken  : 
nu  saltu  selyer  mirken  110 

din  unrecht  na  diner  clagen. 
we  dat  is  dat  wil  ich  dir  sagen, 
du  gees  dat  du  gebildit  sis 
na  deme  de  da  is  in  deme  paradis: 

de  dei  sele  wirkde  mit  sinre  hant  1 1 5  [3  *•  ] 
*  *  * 

sint  du  sus  wis  und  edel  were 

und  yerstentenisse  hatg  und  grose  lere, 

war  umb  lese  du  mich  minen  willen  hain 

und  geye  [du]  mir  neit  tzo  yerstain 

dat  Dismas  sele  irme  corper  det?      120 

de  was  wis  und  ir  gebet 

yolgeinc  alda  tzo  stunden. 

du  were  doch  ungebunden 

und  wurde  mir  tzo  troiste  gegeven: 

du  hais  mir  und  dir  dat  leyen  125 

benomen  mit  dinen  schuldin  grois, 

also  dat  dich  is  ne  in  yerdrois. 

mine  were  si  in  ducht&n  dich  [alle]  neit  guit: 


73.  [hofgesinde?   F.' P,] 

74.  [Auch  'hier  dürfte  sint  zu  streichen  sein,   F,  P.] 

79.  lies  kosteliche. 

80.  gewant]  lies  wänt. 

82.  lies  bedacht  nach  V.  6.     lies  bösem. 

84.  Vielleicht  war  sint  nu  komen  dine  gesncha. 

96.  lies  mois.. 

99.  ffs.  ewelicbe. 

107.  des]  lies  es, 

114.  ^m  pardis. 

116.  Hs.  wers/.  were..   Hiernach  ist  diese  Form  der  et,  V.  überall  gebessert  ausser  153, 

wo  leis  in  der  ffs,  steht. 

118.  war  umb  lies  wes.  [lies  leise  =  lieze  v^l.  164.    F,  P.] 

120.  ffs.  deet. 

128.  [si  ist  wohl  zu  tilgen,   F.  P.] 


ZWEI  GESPRÄCHE  ZWISCHEN  SEELE  UND  LEIB. 


40S 


wuldes  du  mioh  mit  truwen  bain  behoit, 
du  in  bettes  zu  wilen  gehenget  neit,    1 30 
dat  mir  din  doreit  dar  tjo  reit, 
sonder  #Bb  in  mochte  ich  neit  leren: 
du  hais  mich  und  dich  dein  sweren 
also  dat  wir  rerdomet  sin. 
ganc  van  mir,  de  schoult  is  din  .        135 


w 


140 


DE  SEELE. 
De  sele  sprach  'ich  in  wil  neit  gain, 
ich  wil  langer  bi  dir  stain, 
mit  dir  wil  ich  disputeren. 
wer  leirde  dich  dit  allit  fateren  ? 
du  sprichis  mir  gar  harde  t^o 
und  deis  minre  pinen  unro 
und  geis  zu  male  de  schoult  nu  mir: 
des  wil  ich  sus  antwerden  dir. 
dine  bitterliche  wort  doint  [mir]  ein  deil 

recht : 
'  it  was  wail  wair,  ich  was  din  knecbt    145 
nu  was  de  [oyerstulzicbeit  und]  yersumit- 

heit  din , 
du  in  wouldis  rolgen  geinre  leren  min. 
ich  künde  dir  wail  geraden  dat  beste: 
nu  was  din  relg  hertge  al  so  veste. 


dat  neit  godes  dar  in  in  mochte.         150 
ailmösen  yaaten  beden  viren  dir  nett  in 

dochte, 
umme  kirchganc   und  missen  was  dich 

deine: 
du  leis  mich  gewerden  alleine. 
also  was  ee  gewest  din  rait; 
dir  was  leif  alle  misdait.  16$ 

din  hoemoit  hait  mich  diekt  Terleit 
und  an  deme  S2atze  ich  mich  versneit, 
und  ich  wainde  so  lange  in  dir  sitzen 
bis  ich  leider  dich  mochte  gewitzen. 
nu    is    uns    beiden    [der   wech]    under- 
gangen:        160 
des  moisen  wir  leider  sin  gerangen 
ummer  in  der  hellen  deif.'  [4*] 

[DE  CORPER.] 
al  weinen  der  corper  al  da  reif 
und  sprach  der  seien  aver  t^o :, 
'wainsdis  du  gisteren  morgen  vro       165 


geyen  moichte  und  lien, 
gebeden  setzen  und  Terzien , 


129.  mich  mit  tmven]  lies  din  trawe. 

130.  lieswi\e,wis  F.  2. 

149.   allit  fateren]  lies  alinfanteren ;  alenfans  =  alefanz.    Wmekema^el, 

141.  pine.   nnro  =  unruoch,  vffl.  nhd,  gerahen  statt  gerochen. 

142.  de]  lies  der.   geis  =  gies  =  gihes. 
154.   bitterliche]  lies  bitter,   doint  lies  haint. 
145.   [it  ins,  wohl  besser  xtht   F.  P,] 
147.   wooldis  Tolgen]  lies  yolgdis. 

-  152.  was]  lies  vac.     Diese  beiden  überlangen  Verse  müssen  aus  den  Trümmern  v&n  jw 
zweien  zusammen  gewachsen  sein,     [Sie  dürften  etwa  sö  herzustellen  sein: 
viren  beden  dir  neit  in  dochte , 
noch  Tasten  noch  almissen , 
umme  kirchganc  unde  missen 
wac  dich  harde  deine, 
almisse  ist  die  niederrheinieche  Form  für  Almosen:  Teuton.  6».     und  Glossar  gmn 
Seelen'  Trost,  pl.  de  almissen.    F,  P.] 
153.   lies  gewerren.   Wackemagel.     alleine]  lies  eine. 

157.   lies  dime  schätze.  Waekem.   [ande  hier  und  in  der /olgenden  Zeile  zu  tilgen?  F,  P.] 
1^9.  Ues  dich  beider.     TTacibem. 
160.  [ovel  (d.  t.  übet)  ergangen?  F.  P.) 
163.  [alweinde?  vgl,  Seelen  Trost  Glossar,   F,  P.] 
165.  fo'Mwaindis. 


404 


MAX  RIEGEB 


und  hatte  stede  bnrge  und  lant, 
^It  BÜTer  und  edel  gewant , 
Stare  gesinde,  alg  du  wail  weist:        170 
nü  8B,ge  mir,  du  yil  lierer  geist, 
we  sulde  ich  dan  getruwen  des, 
dat  ich  queme  in  sulche  beses, 
alg  ich  han  in  diseme  graye, 
und  dat  ich  die  wOrme  lare  175 

mit  so  kostelioher  spisen? 
des  in  kau  mich  neman  sin  bewisen, 
die  schoult  in  si  zu  maile  din : 
want  du  min  meister  soldes  sin 
und  dir  mcisterschaf  was  gegeven,    180 
'  dat  du  berechten  soldes  min  leren, 
du  were  dat  lieyen  und  ich  neit : 
wat  ich  dede  dat  is  gescheit 
yan  dinre  gewalt,  ich  was  din  knecht: 
was     du    begerdes,     dat     was     [wail] 
recht     185  [5] 
dat  ich  dat  yolente. 
wer  dich  neit  in  bekente, 
de  weinde  wail  du  hettes  wair. 
nu  yragen  ich  dich  sonder  rair, 
hais  du  die  helle  eit  beschauwen,       1 90 
sint  da  herren,  sint  da  yrauwen 
die  sich  mit  gude  mögen  losen 
yan  den  hellenduyelin  bösen?' 

DE  SEELE. 

'Dem  leider  sprach  die  sele  unyro: 

'weren  din  alle  berge  ho  195 

edel  golt  yan  Arabien 

und  du  der  aller  suldis  yerzien 

und  dir  hülfe  alle  de  werelt  biden. 


81  in  künden  alle  [gar]  neit  gfereden 
dat  dir  wurde  eine  deine  stunde       200 
eine  sele  user  [der]  hellen  gründe.* 

DE  SEELE. 

Do  de  sele  dat  gesprach, 

ich  swartger  bech  noch  ne  in  gesach 

als  zwene  duyel  quamen. 

ich  mois  pinsen  und  ramen  205 

we  dat  si  geschaffen  waren 

(si  begunden  der  seien  [zo]  yaren): 

ir  lif  was  al^  ein gelOndich  hecken;  [5 ^] 

si  hatten  *  up  eren  necken 
«  *  « 

homre  grois  und  ungeschaffen,  210 

dan  uz  ran  swegel  ind  bech; 

ir  nasen  waren  [krump]  alg  ein  sech; 

ir  zende  waren  krump  und  laue, 

dan  uis  yur  so  unreine  stanc; 

ir  oren  alg  ein  wanne  grois ,  215 

dan  ug  manige  slange  schois ; 

eins  drachen  lif,  eins  slangen  zail, 

lewen  vose,  duchten  [mich]  stail, 

si  griffen  de  sele  zu  hant : 

der  ein  nam  si  in  sinen  zant,  220 

der  ander  zuich  ir  aye  dat  yel: 

dat  gekrysse  [yan]  der  seien  dat  was  hei. 

in  wenich  mochte  si  reden  noch : 

de  sele  sprach  'och  got,  och  ochl 

stant  dinre  armer  creaturen  225 

durch  dinre  gotliche  gewalt  zu  sturen 

und  benade  mich  [armer]  zu  duser  stuntf 

zu  hant  do  sprach  ein  hellehunt 

'dat  bidden  din  dat  is  zo  spade: 


169.  lies  silver  golt,  wie  K  27. 

177.  [sin  seheint  mir  neben  des,  das  hier  nicht  der  adv,  gen.  ist ,  entbehrlich ,  vgl  Pctst. 

K,  79,  79;  wes  ich  dich  hie  bewise.   F,  P.] 

188.  lies  wainde. 

194.  Dem]  lies  Nein.  Wachem, 

201.  SEELE]  Km  DÜVELE. 

.209.  Bs.  nacken. 

213.  [ir  zende  krump  unde  lanc?   F,  P.] 

216.  lies  manig. 

219.  Ues  de  sele  griffen  si. 

226.  /«Mdine. 


ZWEI  GESFBlCHE  ZWISCHEN  SEELE  UND  LEIB. 


40S 


neit  iA  rerlais  dich  up  geine  genade !  230 

genade  is  dir  aTegedaiii:  [6] 

dio  ongen  in  kunnen  gein  leit  int&in. 

diae  pine  mois  wesen  sonder  ende; 

wir  seien  dir  schurgen  die  heliebrende/ 

si  gussen  der  seien  da  zu  stunt  235 

wellich  bli  in  eren  munt: 

mit  geiselin  siegen  si  si  sere 

nnd  spraichen  su;  danere: 

'dit  dein  wir  allen  den  genen, 

de  in  unser  menen  240 


up  ertriche  levent 
und  yan  guden  werken  sweyent.' 
und  alsus  suloher  Sachen 
ich  erschracte  und  wart  wachen 
und   hoif  [up]   mine    hant    und   sende 
mich  245 

und  bat  got  minneclich , 
dat  he  mich  behude 
vur  der  hellen  glude. 
des  gunne  uns  moder  und  malt 
durch  dinre  heiligen  Trmitait,  Amen.  250 


n. 


Ein  sele  zuo  dem  übe  sprach 

de  81  Ton  minnen  nider  lag 

'ich  danke  dir 

dn  hilfest  mir     * 

daz  ich  mich  genieten  der  suzzekeit, 

daz  habe  ich  Ton  diner  arbeit. 

Erschrekke  niht  der  mere 

und  si  dir  nut  swere : 

8wie  wir  yon  einander  scheiden, 

wol  uns  gelinget  beiden. 

Din  tot  ist  ein  sanfte  ruowe : 

ich  mich  der  seiden  vrowe, 

alse  ich  den  widemen  rinde, 

mit  dem  ich  yar  so  swinde 

in  luterre  gottes  minne. 

lieht  über  alle  sinne 

ist  mii  du  kentnisse  tief, 

yon  der  sante  paulus  rief 

'O  diyitiarum  altitudo.' 

der  bruchunge  bin  ich  yro, 

wider  der  alles  daz  ist  ein  wiht, 

deme  men  wollust  oder  wunne  gibt. 


[Sp 


10 
2] 


15 


20 


Swie  groz  und  ungemezzen 

ist  daz  ich  han  besezzen, 

iedoch  ich  mich  nach  dir  sene :  25 

wan  du  daz  kar  nnd  ich  du  bine, 

In  dem  ich  mähte  razen. 

kume  mak  ich  yirlazen 

dich,  so  getruwe  min  giselle, 

ich  studens  und  du  du  celle,  30 

Dn  daz  hus  und  ich  der  gast, 

du  lucerne  und  ich  der  glast. 

der  wile  la  dich  nit  yirdriezen , 

in  der  du  must  erbeizen: 

wände  cum  te  consumptum  putayeris   35 

soltu  wesen  des  gewis,  [3] 

orieris  ut  lucifer: 

des  ist  Jobes  hoch  gewer. 

[Das  sprichet]  wanne  du  wenest  sin  yir- 

swunden, 
so  wirstu  enbunden  40 

yon  des  todes  brodekeit 
unde  wirt  dir  sa  bereit 
Snelle  clarheit  ane  liden, 


232.   lies  din  enge  in  kan.   leit  =  liet  =  lieht. 
234.   solen  dir  schurgen]  lies  schurgen  dir. 

246.  ^»Minneclich. 

247.  J7#.  behüte. 

2.  ntme  ist  ausgekrcUit  und  van  cmdsrer,  aber  van  cUtsr  Hand  an  den  Rand  geschriehsn 
snachheit. 

3.  «.  4.   Der  Sehreiher  seheint  aus  einem  Verse  jswei  gemacht  und  dafür  einen  andern 
weggelassen  zu  haben, 

25.  [iedoch  sene  ich  mich  nach  die  (=  dir):  bie?   F,  PJi 

37.  ories  a/ttsgestriehen,  am  ^Romd  van  der  abigen  Hand  orieris. 

38.  /o6  11,17. 


406 


MAX  RI£G£R^  ZW£I  GESPRÄGBE. 


corperhafte  groze  miden. 

Sich,  men  bevilhet  dih  der  erden: 

kein  har  mak  niht  yerwerden 

von  dir  noch  kein  geht, 

also  uns  du  warheit  selbe  giht. 

Der  same,  so  er  stirbet, 

fruht  groz  erwirbet : 

ein  kirne  von  der  yule  kumet; 

ein  kleiner  schade  dike  vromet  ^ 

Der  lip  sprichet  zuo  der  seien 

'lat,  vrowe,  gegen  uch  teh'n 

ein  rede  mit  zuhten , 

wan  ir  mit  ginahten 

hant  mich  getröstet  mines  schaden 

ja  ezzent  wazzer  alle  staden: 

alles  daz  ie  liep  gevan 

mag  deme  tode  niht  engan. 

Ich  bin  der  rede  unerschrokken : 

wan  Kloto,  du  den  rokken 

dinset,  du  muoz  liden 

wan  Atropos  abe  sniden 

wil  des  libes  siden  vadem. 

ja  ist  mir  daz  grab  ein  gadem 

Tor  tot  und  alles  ungemach, 

Tor  blikkezze  und  yur  donreslag, 

Tor  durst  und  vor  hunger. 

swen  ich  bin  bi  sunder 

in  miner  rowe  veste, 

haben  urloub  alle  geste. 

Swie  lange  der  man  ist  pilgerin» 

doch  gert  er  der  heinmute  sin. 

was  solte  nu  der  rede  me? 


45 


50 


55 


60  [4] 


65 


70 


75 


'oaro  mea  requiescit  in  spe*: 

Daz  sprichet  David  in  gehugede. 

Geist,  nu  var  geringe 

zu  deme  herren,  der  dich  gescfauof: 

wunne  grozze  und  der  genuht 

hat  er  frunden  dort  bereit: 

ende  hat  din  arbeit, 

mit  de  du  bikumberet  were 

alles  umbe  min  givore 

und  umbe  die  noturfb  mine. 

min  slaf  ist  ane  pine 

unze  mich  du  busune  wekke, 

daz  ich  die  arme  strekke 

Gegen  dir,  vrunden  zarte. 

du  tohter  von  der  warte, 

die  in  der  schole  bis  gewesen, 

da  du  ♦  has  gelesen 

die  warheit  unvorbunden : 

dar  umbe  in  den  stunden 

soltu  mich  tumben  leren 

wie  ich  sol  geberen 

in  des  hoves  schalle, 

da  die  herren  alle 

kunecliche  crone  tragent, 

uns  zu  der  kur^ewile  ladent. 

Da  sint  in  der  himelowen 

ritter  gut  mit  juncfrowen 

geteilet  under  engel  schar: 

ein  lieht  daz  machet  offenbar 

swas  iegliches  herze  treit: 

daz  hofegesinde  wol  gereit 

under  eime  kunige  ordinieret. 


85 
[5] 


90 


95 


100 


105 


44.   Körperhafter  Masse  enthoben  zu  sein. 
59.    lies  lip. 

67 — 69.  lies  vor.  u  in  vur  ist  ausgestrichen  und  o  übergeschrieben,  o  in  aüen  vier  vor  Ui 
von  anderer  Hand  auf  die  Stelle  eines  at*spekratzten  Buchstabs  geschrieben. 

70.  Von  der  Band,  die  V.  2  und  37  besserte,  ist  bin  a/n  den  Rand  gesetzt  und  dwreh 
Zeichen  zwischen  ich  ur^  bi  verwiesen^     [bin  gehört  nicht  her  wnd 

71.  ist  statt  Teste  zu  lesen  reste,  die  gewöhnliche  mitteldeutsche  Form  für  raste,  rasten. 
vgl.  Pa$8.  K.  Wörterbuch,  Jeroschin  S.  210.  Karlmeinet  Benecke  79 :  dorg  resten 
hielt  he  up  den  plane;  Lachmann  niederrhein.  Bruchst.  II,  127:  resten :  besten.  F.P^ 

77.   gehugede  ist  as/tsgestrichen  und  von  einer  zweiten  jüngeren  Hand  gedinge  an  dm 

Rand  gesetzt. 
83.   ^'m  mit  der.  . 

91.   ie  in  die  steht  von  anderer  Hand  au/radierUr  Stelk  r  lie9  du. 
103.  ;m«  und  der. 


FRANZ  PFEIFFER,  PREDIGTMÄRLEIN.  •           407 

des  wisheit  da  si  leret  singes  mit  den  Togellin:                       115 

was  got  si  in  omnibus.  daz  sin  die  flukken  seraphin : 

si  gangen  in,  si  gangen  us,  110      sanctus  sanctus  ist  ir  sanc, 

si  rindent  ane  giricfatet,  [6]      oirkelmazze  ir  nmbeswanc. 

ane  urdruz  wol  geiihtet  da  weis  men  minre  noch  me , 

Die  iemer  werende  spise,  wa  wek  uz  der  gotte  gie."  Amen.     120 

von  der  du,  werder  zise, 


PREDIGTMÄRLEIN. 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

FRANZ  PFEIFFER. 


Unter  Predigtmärlein  verstand  man  im  Mittelalter  größere  oder  kleinere 
Erzählungen,  Legenden,  Sagen,  Beispiele,  Fabeln,  Anecdoten,  geistlichen  und 
weltlichen,  erbaulichen  oder  auch  nicht  erbaulichen  Inhalts ,  die  zu  mehrerer 
Yeranschaulichung  und  zu  besserer  Einprägung  der  vorgetragenen  Moral  in 
die  Predigten  eingeflochten  wurden.  Derlei  Märchen  sind  in  fast  allen 
Predigtsammlungen  der  mittleren  Zeit  zu  finden  und  noch  jetzt  sind  sie,  und 
zwar  mit  Recht,  nicht  überall  völlig  außer  Gebrauch  gekommen.  Auch 
Bruder  Berthold  hat,  in  der  richtigen  Meinung,  es  werde  im  Gedächtnisse 
seiner  Zuhörer  leicht  tiefer  haften  bleiben  als  sein  ganzer  Vortrag ,  in  einer 
seiner  Predigten  ein  solches  Märchen  eingestreut.  Es  steht  im  Cod.  palat. 
Nr.  24,  Bl.  241*f. 

—  aisö  viirhtet  niamc  mensche  die  huoze,  daz  sin  niemer  rät  wirt. 
Und  da  von  ml  ich  tu  ein  mosrlin  sagen^  daz  behaltet  ir  vil  lihte  baz  danne 
die  predige  alle  sami,  Ez  was  gräwes  Ordens  vor  ztten  ein  bischofy  gar  ein 
heilig  man,  gereht  unde  gewahre  mit  predigen  unde  mit  der  bihte ,  und  dem 
kam  ze  einem  male  gar  ein  rtcher  man  ze  handcn,  der  bat  in^  daz  er  sine 
Mhte  hoerte,  und  er  sprach  zuo  im,  daz  er  ga/r  vil  unrehtes  guotes  h^. 
Uiide  dö  der  bischof,  der  heilige  man,  daz  horte,  daz  er  vil  unrehtes  guotes 
h4te,  do  sprach  der  bischof  zuo  dem  riehen  vnanne :  'nit  ganc  hin  unde  gtp 
einer  arm^n  witwen  dines  komes  zwei  maUer  durch  got^  Er  sprach:  j^, 
gerne,  unde  tet  also,  unde  kam  hin  wider  unde  seite  dem  heiligen  herren : 
'ich  hän  also  getan,  herre,  als  ir  mich  Mezef,  und  er  wolle  ivcenen,  daz  er 
aller  siner  simden  da  mite  abe  kommen  wcere.  Dö  sprach  der  guote  herre: 
'mi  ganc  und  koufe  diu  zwei  nudter  wider  von  der  frouwen  umbe  dtne 

120.  ^  waa  'wek  nf ;  gie  90  viel  aU  jö  =  jehe,      Wachemageh 


408  .  FRANZ  PFEirrER 

pfenminge^  Er  tet  alsS,  Er  kam  aber  unde  sprach :  *^herre,  ich  hdn  ouck 
daz  gestand  —  ""Niiy  daz  ist  guot;  so  tuo  noch  einez:  so  lege  diu  zwei  malter 
in  einen  sunderltchen  karten  ^  da  eht  nihtesniht  weder  uz  noch  in  müge 
komen^  unde  sliuz  du  vaste  zuo*  Er  tet  daz  auch  unde  kam  hin  wider 
unde  sprach:  ""herre^  ich  hdn  auch  daz  getan?  —  *iVi«  daz  ist  guot,  nu  hin 
holde  unde  sich,  wie  ez  geraten  habe  din  almuosen?  Und  er  gSt  unde  tuot 
den  kästen  nf:  do  was  ein  kom  niender  so  kleinez,  ez  wcere  ein  ndter  oder 
ein  krote  unde/uoren  die  nätem  unde  die  kroten  als  griultche  under  ein- 
ander, daz  der  /reise  nie  niht  glich  wart,  unde  sie  fuoren  gein  im  cdse  sie 
in  hih  wolten  ziicken,  D&  sluoc  er  den  kästen  zuo  itnde  seite  ez  dem,  herren, 
wie  griultchen  sie  fuoren  unde  wie  inte  tvas  geschehen.  'iV«  slch^  sprach 
der  herre,  ^daz  ist  din  aXmuosen,  Wie  wcenest  du  danne  daz  dir  geschehe 
mit  dem  guote,  daz  du  mit  unrehte  gewannen  hästf  —  ""Herre^  »pra^h  er, 
*gnäde!  wie  sol  ich  danne  tuonf  Do  sprach  der  herre:  ""wilt  du  mir 
volgen,  ich  tuon  dir  einen  rät,  daz  du  vor  morgen  aller  diner  Sünden  ledic 
wirst?  —  "^Jd,  Iierre,  gerne?  —  So  lege  dich  in  den  kosten  zuo  den  nätem 
allen  unde  zuo  den  wurmen,  und  ich  wil  des  bürge  sin ,  daz  du  also  gesunt 
her  wider  üz  scheidest,  als  du  ietzunt  bist?  —  *^Nein,  herre,  du  scehe  räht, 
wie  sie  zabelten  unde  wie  sie  wispelten!  ich  wolle  4  iemer  in  der  hellen  sin. 
—  ^Nü  sich!*  sprach  der  guote  herre:  "^ob  danne  die  wwrme  alle  glileweten 
sam  Hn  zunder  in  dem  fiure  unde  du  daz  ^iclichen  dulden  müestest,  so 
wwre  dir  wceger  ein  einige  naht  ze  liden  danne  iemer  und  iemer?  —  ^Nu 
d^st  al  ein!  ich  wil  4  liden  ivaz  ich  geliden  nmc^  und  er  beleip  dne  huoze 
van  dirre  vorhte  und  erfüor  in  die  helle,  dar  inne  er  immer  muoz  sin*  Nu 
seht,  also  lit  ez  umbe  die  vorhte  der  buoze. 

Ähnlicher,  wenn  auch  vielleicht  heiterer  Art,  mögen  die  Ostermärlein 
gewesen  sein,  welche  aus  Anlass  einer  Stelle  des  auf  den  Ostermontag  ange- 
setzten Evangeliums  (et  factum  est,  dum  fabularentur,  Lucas  XXIV,  15) 
in  Baiern  bis  zum  Anfang  des  vorigen  Jahrhunderts  in  die  Predigten  dieses 
Tages  mit  moralischen  Nutzanwendungen  pflegten  eingeflochten  zu  werden 
(Schmeller  baier.  Wörterbuch  2,  606).  Erst  unter  Churfürst  Max  III.  wurde 
dieser  Gebrauch  abgeschafft,  der  wie  Schmeller  gut  bemerkt,  cum  grano  salis 
gehandhabt,  dem  klaren,  gesunden  Sinn  der  Menge  gewiss  besser  zusagte, 
als  die  oft  wässerigen  und  gehaltlosen  Predigten  der  neuern  und  neuesten 
Zeit.  — 

Die  auf  den  nachfolgenden  Blättern  mitgetheiten  Predigtmärlein  ent- 
nehme ich  einer  Papierhandschrift,  welche,  vor  einigen  Jahren  von  Dr.  Georg 
Scherer  bei  einem  Straßbürger  Antiquar  erworben,  nun  auf  meine  Veran- 
lassung in  den  Besitz  meines  Freundes  Grieshaber  übergegangen  ist  Es 
ist  ein  starker  Folioband  von  gegen  400  in  Spalten  geschriebenen  Blättern. 
Die  erste  kleinere  Hälfte  enthält  eine  deutsche ,  oft  sowohl  handschriftlich 
als  gedruckt  vorhandene  Übersetzung  des  Vitas  patrum;  die  zweite,  231 


PREDIGTMiRLEIN»  •  409 

Blätter  zählende  Abtheilnng  bildet  eine  umfangreiche  Sammlang  von  Legen- 
den ,  Sagen  und  Erzählungen  der  manigfachsten  Art.  Eigentlich  beginnen 
die  Predigtmärlein  (dis  sirU  bredigen  merlin)  erst  mit  dem  205.  Blatt,  es 
sind  deren  37  im  Ganzen  und  jedes  fuhrt  die  Überschrift:  ein  ander  inere; 
doch  unterscheidet  sich  die  Mehrzahl  der  auf  Blatt  1 — 204  stehenden  Er- 
zählungen in  nichts  von  den  als  Predigtmärlein  bezeichneten ,  ja  es  werden 
manche  der  vorausgehenden  unter  diesen  wiederholt,  daher  ich  diese  Benen- 
nung auf  die  ganze  Sammlung  ausdehnen  zu  dürfen  geglaubt  habe.  Ob  diese 
Märlein  zum  praktischen  Gebrauch  für  Prediger  zusammen  gestellt,  oder  ob 
sie  aus  wirklich  gehaltenen  Predigten  gesammelt  und  in  ein  Buch  ver- 
einigt wurden,  lasse  ich  unentschieden;  doch  scheint  mir  eher  Lezteres 
der  Fall. 

Ich  habe  die  Auswahl  vorerst  auf  30  Stücke,  die  mir  vor  andern  der 
Mittheiiang  werth  schienen ,  beschränkt;  später  könnte  immerhin  noch  eine 
kleine  Nachlese  gehalten  werden,  doch  glaube  ich  versichern  zu  können,  da^ 
das  Beste  und  Interessanteste,  was  die  Sammlung  gewährt,  im  Nachstehen- 
den enthalten  ist.  Eine  sorgfältige  Auswahl  scheint  mir  in  solchen  Fällen 
immer  das  Gerathenste,  während  ein  vollständiger  Abdruck  kaum  einen 
andern  Erfolg  haben  könnte ,  als  daß  das  wirklich  WerthvoUe  unter  einem 
Wüste  von  Nichtigem  und  Unbedeutendem  erstickt  würde. 

Was  ich  hier  biete  möchte  ich  als  einen,  hojSentlich  willkomüienen,  Bei- 
trag zur  erzählenden  Prosa  des  15.  Jahrhunderts,  als  ein  oberdeutsches 
Seitenstück  zu  den  aus  dem  „Seelentrost^  ansgehobenen  niederrheinischen 
Erzählungen  (s.  Deutschlands  Mundarten  von  Fromman  1, 170  fif.)  betrachtet 
wissen.  Den  vorliegenden  Novellen  fehlt,  was  jenen  in  so  hohem  Maße  eigen 
ist^  das  Weiche,  Anmuthige,  Einschmeichelnde  des  Vortrags,  aber  vortreff- 
lich erzählt  wird  man  auch  hier  das  Meiste  finden,  und  man  wird  auch  hieran 
wiederum  erkennen,  wie  unrichtig  und  wenig  begründet  die  oft  gehörte  und 
immer  von  Neuem  wiederholte  Behauptung  ist,  das  Mittelalter  habe  keine 
Prosa  gehabt,  sondern  diese  habe  sich  erst  im  16.  Jahrhundert  gebildet.  Im 
Gegentheil  darf,  wenn  man  Luther  ausnimmt,  dessen  angebornes  ungemeines 
Talent  erst  durch  fleißige  Leetüre  der  Prosaiker  des  Mittelalters  und  durch 
semen  Verkehr  mit  dem  Volke  die  hohe  Ausbildung  erhielt,  die  wir  an  ihm 
be wundem,  getrost  behauptet  werden,  daß  das  16.  und  17.  Jahrhundert  im 
Vergleich  mit  den  drei  vorausgegangenen  eher  Rück-  als  Fortschritte  in  der 
Prosa  gemacht  hat,  daß  an  die  Stelle  des  frühern  einfachen  natürlichen  Rede- 
flusses häufig  ein  unbeholfenes  Gestotter  und  Gestammel  getreten  ist,  das 
man  nicht  ohne  peinliches  Gefühl  lesen  kann. 

Die  Quellen  für  die  einzelneu  Erzählungen  nachzuweisen  muß  ich  Andern 
überlassen,  die  in  der  lateinischen  Novellenlitteratur  des  Mittelalters  besser 
bewandert  sind  als  ich;  nur  ein  paar  Bemerkungen  will  ich  hier  machen. 

Nr.  1  ist  der  Legenda  aurea  des  Jac.  de  Voragine  entnommen,  Gräße 


410  FRANZ  PFEIFFER 

'  C.  178  (vgl.  Germ.  2,  246).  Auch  der  Stricker  hat  dieses  Beispierbearbeitet, 
ich  habe  es  raitgetheilt  in  Scholls  Litt-Gesch.  2.  Ausg.  1,  340 — 342. 

Die  Sage  vom  Landgrafen  Ludwig  von  Thüringen  steht  auch,  nach  den 
thüringischen  Chronisten  Baage,  Gerstenberger  und  Rothe  bearbeitet,  in  den 
deutschen  Sagen  der  Brüder  Grimm;  die  vorliegende  Version  stimmt  am 
meisten  mit  Rothe  (bei  Mencken  1686  und  1687)  überein;  aber  allen  fehlt 
der  bedeutsame  Zug  vom  Glückspfenning  und  der  eisernen  Platte ,  auf  der 
er  dem  Sohne  Ludwigs  dargereicht  wurde. 

Der  als  Gewährsmann  von  Nr.  13  genannte  Herr  H^sse  der  Schreiber 
ist  der  von  Rudolf  von  Ems  in  der  litterarischen  Stelle  des  Wilhelm 
(s.  Wackernagels  altd.  Lesebuch  S.  606,  1 — 5)  gerühmte  meister  Hesse  von 
Strdzhurc  der  schrihcere,  Rodensheim,  auch  Rodesheim,  nun  Rosheim,  liegt 
in  Niederelsaß  (vgl.  Schöpflin,  Alsatia  illustr.  1,  730).  —  Die  Erzählung 
vom  Könige  der  nie  lachte  (Nr.  21)  ist  ebenfalls  vom  Stricker  bearbeitet: 
ein  kiinic  was  so  ernsthaft  u.  s.  w.  (Colocz.  Cod.  Nr.  LXXV),  und  noch  im 
15,  Jahrhundert  von  einem  ungenannten  Meistersänger  (s.  Wackemagel 
altd.  Lesebuch  S.  1029—1032). 

Poetische  Bearbeitungen  von  Nr.  22:  'des  Juden  Sohtf  finden  sich  in 
Hahns  Gedichten  des  12.  und  13.  Jahrhunderts  S.  129 — 134  (,,daz  Jädel") 
und  Marien-Legenden  Nr.  XXV,  S.  237-^260. 

Nr.  23  erzählt  die  bekannte  Geschichte,  die  auch  im  „Mönch  Felix'* 
(Gesammtabenteuer  1 ,  609 — 623)  poetisch  behandelt  ist  (vgl.  J.  Pauli's 
Schimpf  und  Ernst.  1536.  Cap.  536). 

Der  Pariser  Canzler  Herr  Philip  (Nr.  26)  ist  der  berühmte  Phil!M>  de 
Grevia  f  1237  (vgl.  Jöcher  3,  1523). 

Nr.  30.  Denselben  Stoff  hat  auch  der  Verfasser  des  Passionais  bear- 
beitet, Marien-Legenden  Nr.  IV,  S.  34 — 39,  nur  daß,  was  von  Interesse  ist, 
in  unserer  Erzählung  der  Name  des  Ritters,  Walther  von  Birberg, 
genannt  wird.    . 

Die  letzte  Nr.  (31)  erzählt  die  Geschichte  vom  „Gang  nach  dem  Eisen- 
hammer", ausführlicher  und  lebendiger  als  eine  der  bisher  bekannt  gewordenen 
alten  Versionen. 

Noch  habe  ich  über  die  Geschichte  und  Heimath  der  Handschrift  einige 
Worte  zu  sagen.  Sie  war  einst  im  Besitze  des  J.  G.  Scherz ,  der  sie,  doch 
nur  für  wenige  Ausdrücke,  für  sein  Glossarium  benutzt  hat,  wo  sie  als  *Vitae 
Patrura'  (vgl.  S.  VI)  bezeichnet  wfrd.  Noch  früher  gehörte  sie ,  wie  ans 
einer  auf  der  Innenseite  des  hintern  Deckels  eingeschriebenen  Bemerkung 
hervorgeht,  dem  St.  Magdalenenkloster  zu  Straßburg:  Dts  buoch  ist  der 
Ruwerin  sant  Maripen  Magdalenen  zuo  Strossharg*  Aber  nicht  bloß  Eigen- 
thum  dieses  Klosters  war  die  Handschrift,  sondern  sie  ist  auch  ohne  Zweifel 
im  Kloster  selbst  geschrieben:  nicht  nur  verräth  sich  die  Hand  deutlich  als 
eine  Frauenhand  und  ist  der  Inhalt  der  Art,  wie  er  bei  Klosterfrauen  von  jeher 


PREDI6TM1RLEIK.  .411 

beliebt  war,  aach  die  Mundart  gibt  sich  überall  als  elsäßische,  ja  speciell 
als  strafiburgische  zu  erkeoneD.  Die  wesentlichen  Merkmale  dieser  Mundart 
bestehen  in  Folgendem. 

e  steht  für  a  in  mm^man  66',  66',  68*,  75",  109',  112';  in  der=dar 
68',  122',  103\  160*;  €rbeH»^\,entwortent  84';  für  d  in  heet  77',  78', 
110',  120';  durchwegs  für  <c,  den  Umlaut  des  langen  d^  z.  B.  g^e^ 
wineuj  wSre^  sw^re  etc.  6  steht  fast  immer  statt  d:  sSsaent  64",  mölea 
64*,  n6he  64%  worent  64',  »pdten  64°,  frogete  64'  u.  s.  w.  ö  unorganischer 
Umlaut  des  o,  oder  auch  statt  ü:  dort  77',  obersten  110',  ich  vörhte  66', 
zörtdieh  77';  «  (m)  für  i:  zwüschent  66',  77',  eübenzig  68',  i(;tM-<,  w^^rfe*, 
MfÄre«n68',  77',  110*,  verwarren9b\  würser96\  9ia>enden\\(i*\  würtschaft 
1106.  —  rf  für  ^:  keilber  zweimal  65',  66';  ü  statt  e  und  o  in  der  Praep. 
ver,  vor :  füirmnahi  66',  fürhofe  84',  fürniachet  89*,  filrbringet  97',  fördenken 
112*;  mco  für  w*  64',  77',  78',  84',  92',  205',  dieß  auch  schon  bei  Gottfried 
im  Reim  mit  itio  5,15.    139,  1 1.  u.  s.  w. 

Zwischengeschobenes  g  findet  sich  in  eppettge  102',  c?W^^  120',  vigerd- 
Schaft  206';  für^*  steht  es  mfrüege  119',  glüegende  116*. 

Unorganisches  n  wird  zwischengeschoben  in  der  2.  Pers.  Plur.  Praes.  ir 
luogentf  lebentt  besitzent  65",  ir  g6nt  67'  u.  s.  w.;  unorganisches  t  angehängt 
1.  öfter  bei  der  1.  Pers.  Plur.  Praes.:  z.  B.  tmr  hänt  64',  wir  wellent  77', 
wir  geduont  77' ;  2.  durchwegs  im  Plural  des  Praet.  hettent  64*,  getrunkent 
ebd.,  gereiterd  64',  /^Zm<64',  A<?r^^n^65',  ic;wrdew<  65',  joA^n/ 66',  sproche-- 
tent  110'  etc.;  3.  dem  adv.  Dat.  Plur.  allerwegent  =  allerwegen  66',  68', 
75',  96',  und  den  Wörtern  zwüschent  66',  77*,  nebent  65',  90',  ntergent 
77'  etc. 

Femer  ist  als  eine  ganz  besondere  Eigenthümlichkeit  der  elsäßischen 
Mundart  bemerkenswerth  der  fiectierte  Infinitiv  auf  ende  statt  erme ,  z.  B. 
mo  kaufende  64',  sMfende  77',  96',  sterbendes  84',  zürnende  92',  sehende 
84',  versuochende  88',  gewinnende  97',  tragende  102',  bihtendes  104',  Z^- 
r^nrfö  109*,  behebende  109'  etc.;  dem  entsprechend  auch  der  Genitiv  Z^^^n- 
ei^«  65'  statt  lebenmes  oder  Ubenes,  Hiezu  gehören  nicht  nur  die  unverkürz- 
ten Formen  des  Prtet.  der  langsilbigen  Yerba  schwacher  Conjugation:/teZZ^ 
77',  wuehete  77',  merkete  89*,  ^Z^^  119',  sondern  auch  die  Erweiterungen; 
^oZete  96',  «pjZ^  116'. 

Diese  kurzen  Andeutungen  mögen  vorläufig  genügen.  Eine  aasilihriiche 
Darstellung  der  elsäßischen  Mundart  und  ihrer  vom  Mhd.  abstehenden  Be- 
ßonderheitei},  sowohl  derjenigen  die  ihr  allein  zukommen  als  auch  jener,  die 
sie  mit  dem  Schweizerischen  und  Oberschwäbischen  gemein  hat,  bleibt  einer 
eigenen  Abhandlung  über  die  alamannische  Mundart  im  Mittelalter,  deren 
Sporen  ich  schon  länger  nachgehe,  vorbehalten. 


412  FRANZ  PFEIFFER 

1. 
(5^)  Arsenius  der  apt  sas  in  siner  seilen,  zao  deme  sprach  ein  stimme 
'kumher  üs  und  sich  der  liate  werg!*   Do  sach  er  einen  menschen  wasser 
schöpfen  in  eime  sode  und  schütte  es  in  ein  löchereht  vas,  dar  uz  kan  es 
wider  in  den  sot.     Dannän  ging  er  fiir  baz  und  sach  ein  moere ,  der  hieg 
(so)  holz  und  bant  ein  bürde;  die  wolte  er  uf  heben  und  enmöhte,  wan  siu  5 
was  zuo  gros.   Do  leite  er  me  druf  und  versuochte  sich  aber  an  der  bürde, 
dö  möhte  er  siu  nit  erwegen.     Dennoch  leite  er  ie  me  üf,  dö  wart  sin  aber 
swerer.     Nuo  ging  er  aber  für  baz  und  vant  zwene  jüngelinge,  die  rittent 
nebent  einander  nf  (6^)  zwein  rossen  und  fuorten  ein  gros  holz  langes  vor 
in  und  drungen  mit  einander  wider  strit  in  eine  stat.,    Dö  was  daz  tor  des  lo 
holzes  lenge  niht  volle  wit  und  wolte  ir  einer  nach  dem  andern  niht  riten, 
dar  unibe  blibent  siu  vor  der  stat.  —  Bi  deme  der  daz  wasser  schuof  wart 
ime  bezeichent  der  mensche,  der  sin  almuosen  git  und  sich  dar  uf  lät  daz 
er  sich  von  grossen  sünden  niht  hüetet,  der  fürliuret  siu  almuosen.     Der 
mcßre  bediutet  den  manschen,  der  sine  sünde  bihtet  und  aber  denne  dar  is 
üf  sündet;  der  verüuret  sin  erbeit.     Die  üffe  den  rossen  daz  holz  fuorten 
die  bezeichent  höchfertige  liute,  die  inidt  der  tiufel  so  demüetig  nit  sin, 
daz  einer  welle  deme  andern  wichen  an  deme  engen  gottes  wege,  dar  umbe 
blibent  siu  mit  einander  vor  deme  himelrich. 

2. 

(64^)  Es  sössent  eines  möles  wilde  liute  bi  einem  wine  bi  ein  ander  20 
und  hettent  dö  vil  seltzener  rede  mit  ein  ander,  und  dö  siu  wol  getrunkent, 
dö  sprach  (64*')  einer  under  in  'der  pfaffe  der  seit  also  viel  von  der  seien, 
wolte  nuo  ieman  mine  sele  koufen ,  ich  gebe  siu  ime  zuo  koufende  und  wil 
siu  ime  nöhe  geben.'    Und  dö  siu  dö  von  alse  viel  geseitent  und  also  wörent 
an  grösseme  schalle,  so  kummet  ein  grösser  man  hin  in  gän,  und  was  daz  25 
der  tiufel,  und  sprach  zuo  in^'waz  ist  iuwer  rede?'  Dö  huob  einer  under  in 
üf  und  jach  *wir  hänt  eine  sele  veile.'     Dö  sprach  er  'des  koufes  gange  ich 
irre',  und  sprach  zuo  dem ,  der  die  sele  veile  hette :  'wie  wiltu  mir  siu 
geben?'     Dö  sprach  er:  'ich  gibe  siu  dir  umbe  ein  pfunt.'     Dö  sprach  er: 
'so  wil  ich  siu  haben,'  und  zalte  ime  die  pfennige  und  gap  in  den  \nnkouf.  30 
Und  dö  siu  dö  getrunken  und  es  geriet  spöten,  dö  sprach  der  tiufel:  'es  ist 
zit,  daz  menigelich  heim  gange,'  und  frögete  siu  einer  frögen  also  und  lies 
siu  dar  über  ein  urteil  sprechen  und  sprach  zuo  i|i  'koufet  ein  man  ein  rint, 
ist  nit  euch  daz  bintseil  oder  die  kauwe  sin  am  rinde?'   Dö  daz  urteil  umb 
kam,  dö  spröchent  siu  alle  jö.     Dö  erschrag  ienre,  der  die  sele  hette  ver-  35 
koufet,  und  geriet  ime  also  ange  st  werden,  daz  (64^)  ime  der  sweis  üs  trang. 
Dö  erkripfete  in  der  tiufel  und  sprach:  'geselle,  wol  dan  mit  mirf  und 
nam  in  dö  mit  libe  und  mit  seien  und  fuorte  in  zuom  tache  üs  und  zerrete 
in  daz  dach,  daz  die  ziegel  üf  die  andern  fielent. 


PBEDIOTMlRLEIN.  413 

3. 
(66*)  Es  was  ein  ncher  burger  in  einer  stat,  der  hette  nüwent  ein 
einige  dohter  und  was  die  gar  schoene  nnd  was  vil  gewerbes  umbe  sin,  daz 
sin  in  die  weit  solt  kämmen  sin.  D6  sprach  die  jungfrowe  (650  zuo  irme 
vater:  'ich  wil  mich  gotte  zno  eime  spilmanne  machen:  men  git  den  spil- 
Huten  die  alten  kleider,  also  wil  ich  nitduon:  ich  wil  gotte  geben  die  nüwen  5 
kleider ,  und  wolte  dö  dem  vatter  nit  volgen  nnd  kam  in  ein  klöster  und 
wart  ein  heiiger  mensche. 


Es  was  ein  grdfe  in  welschem  lande ,  der  hette  nüwent  einen  sun. 
Hie  kam  es,  daz  der  gröfe  einen  diener  hette,  der  was  guotes  le'bendes  und 
guotes  wandeis.  Dö  kam  es,  daz  des  gröfen  sun  und  der  selbe  diener  lo 
hortent  iren  Kppriester  bredien  nnd  was  daz  sin  bredie:  es  mag  nieroans 
dem  töde  entrinnen,  der  junge  alse  wol  also  der  alte ,  men  treit  also  vil 
keilber  hinte  zno  merkete  also  rinder  hinte',  nnd  sprach  zqq  den  liuten  ge> 
meiniich:  'sit  daz  es  ist  daz  der  döt  also  gemeine  ist,  so  luogent  daz  ir 
lebent  also,  daz  ir  die  ewige  fröide  besitzent.'  Und  do  sin  üsser  der  kirchen  is 
wnrdent  gonde,  dö  sprach  des  gröfen  sun  zuom  diener:  ^'weistu  nit  waz  er 
gebredigethet?'  Dö  sprach  der  diener:  'jö,  ich  (66')  habe  es  wol  gebeert: 
men  treit  alse  idl  keilber  hinte  zuo  merkete  also  rinder  hiute.*  Dö  sprach 
des  gröfen  sun  zuo  ime:  'in  was  ordens  möhte  ein  mensche  sine  sele  aller 
bast  behalten?'  Dö  sprach  der  diener:  'daz  dnnket  mich  in  Eartüser  2o 
orden.'  Daz  nam  der  jnngeling  in  sinen  sin.  Dö  was  [es]  ettiewie  ferre  dö 
von  dannän  ein  klöster  Eartüser  ordens  und  dö  bat  er  den  prior  umbe  den 
orden.  Dö  jach  der  pripl:  *ich  vörhte,  daz  üwer  vatter  der  gröfe  verheriget 
unser  klöster'  Dö  bat  der  jungeling  in  so  vaste  und  wolte  ouch  nit  abe  lön. 
Dö  enpfingent  siu  in  gemeinliche.  Dö  sprach  er :  'weites  ist  daz  für-  25 
smebte)ste)  ambaht  ime  clöster?'  Dö  jöhent  siu,  daz  wer  rinder  melken 
und  schöf.  Dö  hettent  siu  wol  ein  vierteil  einer  milen  weges  eine  swei- 
gerie.  Dö  nam  er  allewegent  ein  lögel  uf  sinen  hals  und  malk  die  rinder 
nnd  bröhte  in  alle  die  milch  heim.  Hie  zwuschent  dö  hies  der  gröfe  üs 
faren  sine  dienere  daz  siu  ir  soltent  suochen ,  und  in  künde  nieman  finden,  so 
Dar  noch  über  lang  wart  dö  starp  der  gröfe.  Dö  wart  daz  (66*)  laut  erbe- 
lös, daz  es  keinen  herren  hatte.  Dö  hies  des  Jungherren  muoter  in  ander- 
werbe suochen.  Hie  kam  es  von  ungeschiht,  daz  er  zuo  in  kam  und  truog 
ein  logel  uf  sime  halse  und  wolte  zuo  sime  clöster  gön.  Dö  spröchent  siu 
zuo  ime:  'kumment  heim,  uwer  muoter  die  het  noch  inch  gesant  und  ist  35 
üwer  vatter  döt  und  het  daz  laut  keinen  herren  ,wanne  iucb.'  Dö  sprach 
er:  'daz  laut  gewinnet  herren  genuog,  ich  wil  also  hie  bliben.'  Dö  woltent 
sin  in  mit  gewalt  hän  genomen.  Dö  sprach  er:  'nement  ir  mich  mit  ge- 
walte, wenneich  denne  mag,  so  loufe  ich  von  iuch,  daz  ir  mich  niemer  mö 


414  FRANZ  FfESFFER 

gesehent'     Do  siu  do  soheot  sinen  ernest ,  dö  liessent  sin  in  nnd  dd  wart 
ein  heiliger  man  üsser  ime^ 

5. 

(67')  Es  was  ein  frouwe  die  hatte  binen  in  eime  binenkorbe  und  be- 
dühte  siu,  wie  die  übel  woltent  geroten,  und  klagete  daz  ireii  nochgebüren, 
wd  siu  gesas.     Do  sin  daz  vil  getreip,  do  gehörte  es  ein  unselige  iächene-  5 
rin  *)  und  sprach  ^wellent  ir  tuon,    daz  ich  iuch  rote,    iuch  bekoment 
alle  iuwer  bienen  deste  baz.'    Siu  sprach:  *j6  wol,  gerne/  —  *S6  gont  en- 
weg  und  nement  unsers  herren  licham  und  stossent  den  in  in  den  bienekorp, 
siu  gerötent  alle  deste  baz.'     Und  siu  det  also  und  ging  zuo  dem  priester 
und  enpfieng' unsers  herren  licham  in  den  munt  und  (670  truog  in  heim  lo 
und  sties  in  zuo  eime  loche  in  in  den  bienekorp  und  vermachet  es  ussewen- 
dig  zuo.     Die  bienen  fuorent  zuo  und  mahtent  einen  schoenen  alter  mit 
honige  und  mit  rässen  und  eine  schoene  kappelen  und  leitent  unsers  herren 
licham  dar  uf  und  hettent  dö  grosse  fröide  und  grosse  wnnne  mit  unserm 
hdrreir  und  tribent  es  daz  jör  unz  daz  die  zit  kam  daz  die  frowe  wolte  be-  i5 
sehen  ire  bienen  und  zuo  irme  honige  und  brach  ir  bienekorp  üf  und  wolte 
den  bienen  hau  genumen  des  honig  und  die  waben  und  daz  wahs ,  wanne 
es  was  gar  wole  geröten  und  hettent  gar  wols  zuo  geleit  und  was  vol  ho- 
niges und  wahsses  worden.     Und  dö  siu  es  üs  nimmet  und  kummet  üf  die 
stat^  dö  unser  herre  lag,  so  siht  siu  eine  schcene  cappellen  dö  inne  gemäht  20 
mit  rässen  und  in  der  caj)pellen  einen  schoenen  altar  und  uf  dem  altar  so 
lit  unser  herre,  und  siu  erschrack  und  versinnete.  sich,  wie  siu  gefaren  hette, 
und  weinde  sere  und  lief  zuo  dem  lippriester  und  verjach  ime  weinende, 
.wie  siu  gefaren  hette  und  waz  siu  gesehen  hette.  Der  lippriester  nam  sine 
kirchliute  zuo  ime  (68')  und  gerwete  sich  und  ging  dö  hine  und  vant  es  25 
also  siu  ime  vor  geseit  hette,  und  sach  er  und  alle  sine  kirchliute  das  wander. 
Sit  nuo  die  bienen  unsern  herren  erent,  so  süUent  ouch  wir  in  eren. 

6. 

(68*)  Ich  hörte  einen  barfuossen  bredigen ,  der  was  zuo  Lamparten 
gewesen  manigen  tag,  det  seite :  Es  was  .ein  höher  burger  zuo  Grimnn  ^ 
in  der  stat,  und  was  ein  höher  meister  von  den  rehten  (die  höhen  bnrger  30 
sint  meisteilich  alle  gelert  in  Lamparten),  der  engelie  nie  keine  bredige 
weder  von  barfuossen  noch  von  bredigern ,  dar  er  ehte  möhte  komen ,  er 
kam  der  und  hörte  siu  und  treip  daz  wol  sehzig  jör,  daz  er  allewegent 
bredie  hörte,  und  nie  bekert  wart,  daz  er  sine  sünde  ie  gerüwete  oder  ie 
gebihtete  oder  unsern  herren  ie  enpfinge.     Nuo  sas  er  eines  tages  und  85 


*)  Iftchenerin  ausgestrichen  tmd  von  anderer  Hand  unten  an  den  Rand  gesetgt:  heziot 
^)  Cremo&a. 


PREDIGIMÄRLEIN.  41g 

leite  einen  salter  för  sich  pnd  vant  einen  vers  geschriben ,  der  sprach  also 
zuo  thiosche:  'unser  herre  sendet  sin  wort  üs  in  die  (68^)  weit  und  weichet 
alle  berte  herzen.'     Do  er  daz  gelas,  do  gedöht  er:  entweder  du  verst&st 
dis  wort  nit  rehte  oder  ez  ist  aber  gelogen,  und  sas  lange  also  verdoht  und 
stuont  uf  und  ging  zuo  den  barfuossen  un<}  nam  den  gardion  und  fuorte   5 
den  in  daz  cappitelhüs  und  huop  üf  und  seite  ime,  waz  er  geschriben  fünde, 
wie  daz  unser  herre  sante  sine  wort  üs  in  die  weit  und  erweichete  alle  herte 
herzen,  und  sprach:  'herre,  ich  verston  antweder  dIs  wertes  nit  rebte,  oder 
es  ist  aber  gelogen;  und  wil  ich  iuch  daz  sagen  war  umbe*     Ich  habe 
ZOO  bredigen  gegangen  wol  fünfzig  jör  oder  sehzig  und  habe  daz  gottes  10 
wort  gehurt  und  enkunde  noch  nie  min  herze  also  erweichen,  daz  mich  nnne 
Sünde  noch  nie  geruwetent,  daz  ich  ie  gebihtete  oder  unsern  herren  ie 
enpfienge/     Do  sprach  der  gardion:  Venent  ir  daz  daz  gottes  wort  alle 
die  erweiche  und  bekere,  die  ez  hoßrent?   Es  gont  drier  hande  Jiute  zuo 
bredigen  und  hoerent  daz  gottes  wort.     Die  einen  die  gont  dar  umbe  dar,  15 
■daz  siu  andäht  und  m\ve  gewinnent,  die  bekert  daz  gottes  wort  und  weichet 
(68*")  die  aller  schierest.     Die  andern  die  gont  dar  umbe  dar  daz  siu  wise 
werdent  und  daz  siu  ettewaz  dö  fürnement,  daz  siu  wise  mache;  die  werdent 
euch  ettewenne  bekert,  aber  kümer  *)  denne  die  efsten.    So  g6nt  die  dritten 
Hute  dar  umbe  dar,  obe  siu  etwaz  gehoerent,  daz  siu  dem  brediger  verkeren  20 
mügent  und  in  zuo  schalle  mügent  bringen,  also  die  boesen  Juden  unserm 
herren  dötent;  die  werdent  viel  küme  iemer  bekert,  und  des  wiUch  iuch 
eine  glichnisse  sagen  oder  geben.     So  der  sne  vellet,  so  ist  er  lücke  und 
mag  vil  lihte  die  snnne  dar  üf  geschineh,  daz  er  versmilzet.     Also  mag  es 
euch  uf  die  jungen  Hute ,  die  käme  sint  ahtzehenjerig  oder  zwenzig,  (den)  25 
gottes  wort  wart  gesant,  daz  es  wuochir  biret  und  ir  herzen  weichet  und 
bekert  werdent.  *  So  denne  der  sne  also  langer  gelit,  daz  er  gefriuret  und 
zuo  ise  wurt,  so  muos  die  sunne  lange  ie  heisser  und  ie  heisser  dar  schinen, 
e  daz  daz  is  z'erget  und  versmilzet.     Also  beschiht  euch  den  liuten,  so  siu 
koment  an  ir  vierzig  jör  oder  (68**)  an  ir  fünfzig:  den  muos  men  daz  gottes  30 
wort  vil  vaste  bredien  und  herteclichen  ,•  e  men  de^  menschen  herze  ge- 
weiche.    Die  werdent  vil  kümer  bekert  denne  die  jungen.    So  vindet  man 
geschriben,  daz  daz  is  also  lange  ist  gelegen,  daz  es  ettewenne  ist  worden 
zuo  herten  steinen,  also  cristallen;  dö  mag  die  sunne  lange  üf  schinen,  e 
daz  es  smelze.     Also  beschiht  euch  den  alten  sündern ,  die  in  den  sünden  35 
sint  gewesen  sehzig  jör  oder  söbenzig,  die  kan  daz  gottes  wort  küme  oder 
minre  erweichen.  — Lieber  herre,  also  ist  euch  iuch  geschehen :  ir  sint 
verhertet  in  den  Sünden  lihte  sehzig  jör  oder  wol  sübenzig,  und  mag  man 
lach  daz  gottes  wort  lange  für  legen  und  bredigen^  e  daz  men  üwer  herze 
erweiche,  die  wöre  sunne  die  mag  lange  üf  iuch  sehen,  e  siu  iuch  versmelze,'  40 


*)  kommer  Bit.,  van  ijxUer&r  Hand  in  knminerlicher  verändert 


416  FRANZ  PFEIFFER  % 

und  gehrediete  und  geseite  dem  bürgere  also  vil,  daz  er  sas  und  weinde 
alse  ein  kint,  und  gerou  in  alle  sine  sünde  und  sas  uf  (690  <^6r  stat  nidere 
und  bihtete  und  enpfing  buosse  und  gedet  dar  noch  nie  hoiibetsünde  und 
wart  ein  selig  man  und  geschach  ime  gar  wol.  Also  müesse  ouch  uns  be- 
schehen;  do  von  sol  men  gerne  daz  gottes  wort  hoeren. 


(75*)  Es  was  ein  öbeldetig  man,  der  was  ein  rouber,  der  wolte  alle- 
wegent  bi  dem  wine  sin  und  so  sine  friunde  sprochent  zuo  ime,  war  ambe 
er  es  dette,  es  geneme  niemer  ein  guot  ende,  wenne  er  as  und  trang,  so 
sprach  er  allewegent:  'is  hals  und  gilt  hals'.  Daztreiper  also  lange,  unze 
daz  er  gefangen  wart,  und  do  er  verurteilet  wart  zuo  dem  tdde,  und  dornen  lo 
in  ÖS  fuorte,  daz  men  in  enthoubete,  und  do  ime  daz  houbet  wart  abe  ge- 
slagen,  do  det  daz  houbet  drige  Sprünge  und  sprach  do  zuo  dem  ersten 
Sprunge,  dö  es  von  dem  libe  sprang,  do  sprach  die  zunge  in  dem  munde: 
*is  hals  und  gilt  hals*.  Zuo  dem  andern  sprunge  sprach  es:  *hestu  gessen 
hals ,  so  best  du  ouch  vergolten  hals*.  Zuo  dem  dritten  möle ,  do  daz  is 
houbet  den  dritten  sprung  gedet,  do  sprach  es:  *hestu  genossen  hals,  so 
hestu  ouch  vergolten  hals',  und  der  zuo  Hp  und  sele  iemer  me  one  ende 
eweclich.'  Do  wart  des  armen  (76')  Sünders  Sprichwort  ein  eruest  und 
wart  ime  wore,  daz  er  gar  dicke  bette  gesprochen  lebende.  Do  von  ist  daz 
ein  wor  Sprichwort,  daz  ein  guot  leben  machet  ouch  gerne  ein  guot  ende,  20 
und  ein  boese  leben  machet  ouch  gerne  ein  boeses  ende..  Do  von  so  duont 
ouch  alle  wol,  so  beschiht  iuch  wol. 

8. 

(77*)  Es  worent  zwei  Gliche  gemechede,.die  worent  ein  ander  also 
liep  und  lebetent  also  bescheidenliche' mit  ein  ander,  .daz  siu  beide  ein 
ander  nie  erzumtent.  ^  Ging  daz  eine  in,  so  stuont  daz  ander  gegen  ime 
üf;  daz  eine  enas  nütznit,  es  ingebe  ouch  dem  andern  oder  brehte  es  ime.  25 
Ir  ietweders  gesprach  dem  andern  nie  anders  denne  'liebes  büelin*,  und 
tribent  daz  mittenauder  wol  zwelf  jor.  Nuo  kam  es  also,  daz  der  würt, 
der  zweier  eines,  der  fuorte  sinen  kdufmanschatz  in  ein  ander  stat  und  sas 
dö  in  eines  würtes  hfis  obe  tische ,  der  gap  ime  gar  genuog  und  gap  ime 
mit  maniger  hande  trabte  und  mit  dem  besten  wine,  den  er  ie  getrang.  30 
*Ach,'  sprach  er,  'liebe  frowe  würtinne,  lühent  ir  mir  ein  legelin,  daz  ich 
dis  guoten  wines  dar  in  gedete,  daz  ich  in  miner  würtin  brehte,  daz  sia 
sin  ouch  getrünke:  er  ist  so  rehte  guot.*  —  'Zw6^^  sprach  die  würtin,  *sit 
ir  üwer  frowen  also  getruw.e  sint,  so  wil  ich  iuch  joch  ein  guot  barellin 
geben'  und  füllete  es  ime  vol  guotes  wines  und  er  hing  es  an  sinen  sattel  35 


')  erznmeDt  J7s. 


^  PREDIGTMÄRLEIN.  417 

und  sas  xU  ond  wolte  heim  riten.  Und  do  er  kam  in  einen  walt,  d6  geriet 
io  släfende  also  vaste,  daz  er  abe  sas  und  bant  sin  pert  (77^)  an  einen 
boam  und  nam  daz  bareiiin  nnder  sin  houbet  und  wolte  gesläfen  hän. 
Uod  dö  er  sin  houbet  nider  geleite  üf  daz  bareiiin,  dd  sach  er  üf  und  siht, 
daz  alle  die  bärsten  und  bonme  und  bösche  die  sossent  alle  vol  tiufele,  5 
Dtid  er  erschrack  und  were  gerne  anderswo  gewesin  und  er  getorste  sich 
nit  ^eregen  und  er  det  also  er  sliefe  und  sihet  wo  der  tiufel  eine  michel 
schare  koment  und  brobtent  einen  stuol  und  sastent  den  nider  und  kam  dd 
eine  grosse  schare  von  tiufeln  und  brobtent  die  einen  fürsten,  einen  tiufel, 
nod  sastent  den  uf  den  sessel  und  köment  alle  sament  fiir  den  und  seite  10 
denne  ein  iegelicher  was  er  geschaffet  bette.  Einer  sprach :  'ich  hän  ge- 
machet einen  grossen  strit  zwüschent  cristen  und  heiden^  einer  seite  sus, 
der  ander  sd,  einer  seite  von  stelen,  einer  von  rouben,  einer  voft  ebrechen, 
einer  von  meindät,  einer  von  verrätenne.  Dö  siu  alle  geseiten,  dö  sprach 
er  zuo  eime  tiufel:  'sage  an,  waz  hestu  geschatfet?*  Der  hörte  die  zwei  is 
eliche  liute  an ,  wann  ein  iegelich  mensche  het  einen  tiufel ,  also  was  d6r 
tiufel  eines  nnder  den  zwein.  Der  tiufel  sprach :  *ich  inkan  nit  (77")  ge- 
schaffen. Ich  bin  zwein  elichen  liuten  mitte  gefolget  zwelf  jör,  daz.  ich 
nie  künde  under  in  geschaffen,  daz  eines  ie  zörnlich  wort  mit  dem  andern 
wolte  gereden.*  Der  grosse  tiufel  sprach:  *var  in  weg  in  die  heile,  du  bjst  20 
niergent  zuo  nütze.'  —  'Owe,  meister!*  sprach  er,  'lasse  mich  hie  üsse,  er 
lit  dort  und  släfet  und  lit  iine  ein  bareiiin  under  sime  houbete  und  ist  dö 
inne  win,  den  wil  er  siner  würtin  bringen,  daz  siu  in  trinken  stille.  So 
wil  ich  vor  in  daz  bareiiin  varn  und  wenne  siu  dar  us  trinket,  so  wil  ich  üs 
dem  bareiiin  varn  in  siu ,  und  wenne  ich  denne  in  siu  kumme ,  so  wil  ich  25 
gegen  ime  reden  die  unselde  und  die  meindät,  daz  er  ir  niemer  holt  würt.* 
—  *Da  best  wol  gedäht,*  sprach  er;  *nuo  blip  hie  üsse  und  schaffe  daz  du 
mäht.*  Der  guote  man  lag  und  wachete  und  was  ime  vil  angest  und  ge- 
torste sich  nit  geregen  und  gedöhte  doch:  'zwöre  und  kummestu  in  daz 
bareiiin,  so  inkeme  du  nie  in  leider  loch',  wan  er  bette  es  alles  wol  gebeert  90 
weg  sich  der  tiufel  vermessen  bette.  Der  tiufel  fuor  in  daz  bareiiin.  Der 
guote  man  sluog  (77*)  die  haut  für  daz  loch  und  sprach :  'ich  beswere  dich, 
übeler  tiufel,  bi  dem  vatter  und  bi  dem  sune  und  bi  dem  heiligen  geiste, 
daz  du  mir  noch  keinem  menschen  niemer  geschadest  und  euch  niemer 
usser  dem  bareiiin  enknmmest,  es  si  denne  mit  minem  willen,'  und  hing  es  35 
wider  an  sinen  sattel  und  sas  üf  und  reit  gegön  der  herbergen.  Daz 
bareiiin  fuor  alles  an  dem  sattel  tanzende  und  spratzelende ,  wan  er  wör 
gerne  hie  üsse  gewesen,  dö  enmöhte  er  nit  üs  komen.  Er  kam  heim,  die 
würtinne  die  lief  ime  engegene  und  hiez  in  gotte  wilkum  sin  und  frögete  in, 
waz  er  ir  brehte,  wan  siu  was  sin  gewone,  daz  er  (nie)  öne  bringen  keme,  40 
er  hette  ir  e  einen  apfel  bröht.  'Und  dö  siu  in  frögete,  waz  er  h:  brehte, 
dd  sprach  er:  *ich  bringe  dir  den  tiufel!*  Siu  sprach;  'ach,  Heber,  wie 

•BMuiru   ni,  ^ 


418  FRANZ  PFEIFFEE 

tnostu  so,  wie  redestn  so!'  Er  sprach:  Hch  sage  dir  wor'  Er  nam  daz 
barellin  und  hing  es  an  eine  siule  an  einen  nagel  und  (es)  spratzelte  und 
tanzete  rehte  alse  es  ouch  in  dem  grasse  hette  gedon ,  do  er  von  erste 
drin  fuor.  Die  würtin  (78')  lief  dar  und  sprach:  ''ach,  lieber,  wie  duot  dis 
so?'  Do  sach  siu  daz  barellin  tanzen  an  deme  nagele.  'lenä,  lieber,'  5 
sprach  siu,  'die  triuwe,  die  du  mir  solt,  daz  ist  guote  triuwe,  waz  bringestu 
mir?'  Er  sprach:  ''ich  bringe  dir  den  tiufel.'  —  *Ach,  lieber,  sage  wör.' 
Er  sprach:  'sihestu  nit,  wie  er  tanzet?'  Siu  sprach:  Mch  sihe  es  wol, 
waz  ist  es?'  Do  seite  er  ir  von  ort  unze  ende,  wie  der  tiufel  in  daz  barellin 
kummen  was,  und  siu  gingent  essen.  Dar  noch  sprach  siu:  'ach,  lieber  lo 
wtirt,  du  solt  zuo  rote  werden,  waz  du  dar  mitte  duon  wellest'  Er  sprach: 
'er  muos  do  hangen,  sit  er  uns  het  zwelf  jor  noch  gegangen,  er  gemüeget 
uns  niemer  m.e.'  Do  er  do  gehieng  wol  fierzehen  tage,  do  sprach  siu:  'inä, 
lieber ,  gedenke  etwie ,  wie  wir  mit  disem  boesem  wihte  geduont :  er^t 
nit  ein  guoter  nöchgebür.'  Er  sprach:  'er  enmag  uns  nit  geduon.'  Sia  15 
sprach:  'ist  es  diu  wille,  ich  hon  eins  guotengedoht.'  Er  sprach:  'wie?' 
Siu  sprach:  'dirre  herre,  der  hie  zuo  disera  closter  appet  ist,  der  ist  ein 
heilig  man ,  zuo  dem  süllent  wir  in  tragen  und  süllent  in  rotes  frogen, 
(78*)  wie  wir  unser  ding  mit  ime  ane  gefohent.'  Er  sprach:  'du  best  wol 
geroten,'  und  nöment  daz  barellin  und  gingent  in  daz  closter.  Do  siu  der  20 
appet  ane  sach ,  do  lachete  er  und  hies  siu  wilkomen  sin  und  sprach :  'ich 
weis  wole,  waz  ir  wellent'  (wanne  unser  herre  hette  es  ime  vor  gekündet) 
und  sprach:  'nuo  beitent  hie  und  essent  und  bietent  es  iuch  selber  wol,* 
und  hies  die  glocken  stürmep  alle  die  in  deme  closter  wörent,  und  sante  üf 
die  bürge  und  in  die  stette  und  in  die  dörfer  und  hies  alles  daz  dar  kummen  25 
dä^  in  dem  lande  was  und  sprach ,  er  wolte  in  frömede  mere,  sagen.  Er 
Seite  ouch  wore,  und  kam  dar  ein  michel  volg.  Er  huop  üf  und  bredigete 
gar  wol  und  seite,  (wie)  es  ergangen  was  von  den  elichen  liuten  nnd  wie 
der  tiufel  in  daz  barellin  kam  und  seite  in ,  daz  es  ime  got  vor  gekündet 
hette,  e  siu  dar  koment,  und  nam  do  daz  barellin  und  huop  ez  üf  undzöugete  so 
es  aller  der  weite  und  sprach  do:  'ich  beswere  dich,  unreiner  tiufel,  daz 
du  her  üs  farest  und  uns  dich  lössest  gesehen  alse  schoene  also  du  in 
deme  himelriche  were,  also  daz  kein  leit  nieman  von  dir  geschehe  und  daz 
wir  dich  (78°)  mügent  erliden  zuo  sehene.'  Der  tiufel  fuor  üs  dem  barellin 
und  (was)  der  ^choeneste  engel,  den  ie  kein  mensche  ie  gesach,  daz  siu  es  35 
küme  möhtent  erliden,  do  siu  in  also  schoene  ane  gesöhent,  rehte  als  der 
in  die  sunne  siht.  Dar  noch  hies  er  in  werden  zuo  eime  grüwelichen 
tiufel,  also  da^  siu  es  (nit)  möhtent  erliden  zuo  sehene,  und  er  wart  also 
grüwelich  geschaffen  und  an  zuo  sehenne,  daz  alles  daz  erschrack,  daz  do 
was,  daz  siu  rehte  in  unmaht  fielen t.  Der  appet  sprach:  'sit  du  nuo  woltest  4a 
dise  guote  liute  also  verirret  hän,  so  &i  dir  daz  zuo  einer  buosse  gegeben, 
daz  du  farest  in  die  wüeste,  do  nie  mensche  in  kam ,  und  niemer  mensche 


FBEDIGTHlBUm.  419 

in  komen  sol,  und  daz  da  d^  blibest  und  niemer  mensche  d&  mtiegest  anze 
an  den  jungesten  tag.  Daz  gebiute  ich  dir  bi  dem  vatter  und  bi  dem  sane 
mid  bi  dem  heiligen  geiste!'  Er  fuor  enweg  mit  dem  grasten  geschrei  und 
mit  dem  groBsten  brochseinde  und  mit  dem  groesten  gestanke,  reht  alse 
obe  er  alle  berge  und  hioser  wolte  zerzeret  hän,  daz  siu  es  alle  söbent,  und  9 
genösent  die  eUchen  |iute  und  wurdent  do  noch  (78')  besser.  Aisd  ge- 
schehe uns  OQch  allen.     Amen. 


(84*)  Der  lantgr^fe  Ludewig  von  Düringen  der  zöch  eime  bischoffe 
in  sime  lande  vil  kirchenguotes  abe  uod  nam  ime  daz  mit  gewalt  und  mit 
unreht,  hiute  einen  walt,  denne  ein  wasser,  denne  eine  matte «  denne  ein  <o 
g^hte.     Der  bischof  wart  so  siech ,  daz  er  sich  sterbendes  versach.     D6 
MSante  er  den  lantgrdfen  und  sprach  zuo  ime:  ^'herre,  wissent  daz  ir  unser 
kirchenguotes  vil  hänt  wider  got.     Ich  lade  iuch  vor  gottes  gerihte  an 
die  stat,  daz  ir  mir  dö  entwnrtent  umbe  mtn  kirchenguot.'     Der  bischof 
der  starp.     Der  lantgröfe  der  hette  dise  rede  für  ein  gespötte  und  hette  is 
sin  keine  ahte  dar  uf.     Muo  wolte  der  lantgröfe  eines  tages  riten  und  was 
ez  nf  den  tag,  also  er  geladen  was  für  gerihte,  und  kam  mit  sime  sune 
Ludewige  und  mit  anderme  gesinde  von  ungeschihte  an  daz  gerihte.    Zuo- 
hant  dö  kam  ein  grösser  vinster  nebel  und  in  dem  nebel  wart  er,  der  alte 
lantgröfe,  verzucket  mit  rosse  (84^)  und  mit  manne,  daz  kein  man  nie  er-  20 
vorsehen  künde ,  war  er  ie  beköme.    Koch  des  vatters  töde  mähte  der 
junge  lantgröfe,  sin  sun,  eine  bette  und  ein  glubede :  obe  ieman  were,  der 
von  sines  vatter  seien  die  wörheit  ime  gesagen  künde,  wie  ez  umbe  siu 
stüende,  dem  wolte  er  geben  eine  guote  gäbe.    Daz  erhörte  .ein  armer 
ritter,  der  hette  einen  bruoder,  der  was  ein  priester  und  was  gar  wole  u 
geleret  in  den  swarzen  buochen;     deme   leite  er  dis  für   und  sprach: 
'lieber  bruoder,  tuont  es  iemer  durch  minen  willen  und  erfarent  mir,  war 
min  alter  herre  hine  komen  si  und  wie  ez  umbe  in  stände:  so  wurt  mir 
eine  grosse  göbe.*    Der  bette  versagete  ime  der  bruoder.     Der  ritter  liez 
Bit  abe  und  sagete  ime  von  siner  armno^und  von  der  gäben  so  vaste,  daz  so 
der  pfaffe  sinen  gunst  und  sinen  gehelle  dar  zuo  gap  und  ruofte  dö  eime 
tiufel,  den  beswuor  der  pfaffe.     Dö  sprach  der  tiufel:  Vil  tu  mit  mir  gän, 
ich  wil  dir  in  zöigen,  und  swer  dir  bi  der  tugent  des  almehtigen  gottes  und 
(84')  bi  sime  jungesten  gerihte,  wenne  getrüwestu  mir,  so  füere  ich  dich 
dar  und  her  wider  gesnnt'    Der  pfaffe  sas  üf  des  tiufels  hals  und  er  fuorte  35 
in  kiirzliche  für  der  hellen  porten.     Zuohant  sach  er  dar  in  und  dühte  in 
die  pine  der  helleschen  stette  grässelich  und  gross  von  maniger  hande 
pinen  und  sach  einen  tiufel,  der  was  forhtsam  und  grüsseliche  an  dem 
tore  und  dem  förhofe  der  helleschen  porten ,  von  des  angesihte  er  erbide- 
meteund  erschrack.  Der  selbe  tiufel  sprach  zuo  dem  tiufel,  der  denpfaffen  40 

27» 


426  FRANZ  PFEIFFER 

traog:  Ver  ist  der,  den  da  treist?  trag  in  harin*  Er  antworte  and  sprach: 
'er  ist  anser  friant  and  habe  ime  gesworn  keinen  schaden  ZMo  tnonde.'  Der 
tiufel  vor  der  fiarin  porten  blies  ein  hom  alsd  kreftekliche,  daz  den  pfaffeo 
duhte,  daz  alle  die  weit  glaote  and  brante.    Da  noch  was  ime ,  wie  ein 
hellisch  barn,  ein  pfütze ,  ös  würfe  swebeliche  flammen,     ünder  den  ga-  s 
neistem  des  hellischen  fiares  kam  der  lantgröfe  and  gap  sich  zao  (84') 
sehende  dem  pfaffen  and  sprach  zao  ime:  'sich,  ich  bin  der  unselige  lant- 
gröfe.    Wolte  got  daz  ich  nie  geborn  were'     Der  pfaffe  sprach  zuo  ime: 
'ich  bin  her  zao  loch  gesant  von  iuwerme  sane,  daz  sol  ich  sagen,  ^ie  ez 
umbe  iach  stände,  und  daz  ich  ime  die  wörheit  sage,  wo  mitte  men  loch  lo 
von  pinen  gehelfen  müge.*    Er  antworte  and  sprach :  'da  sihest  nuo  wole 
mine  j6merliche  erbeit,  in  der  ich  allermeist  gepJniget  würde;  daz  ist  von 
besitzunge  and  niezende  kirchengaotes ,  daz  ich  mit  anrehte  nam  and  ez^ 
minen  kinden  in  der  wisen  liez,  also  es  gereht  gaot  were,  und  habe  in  dai^ 
zao  erbe  gelözen.     Daz  selbe  guot,  gebent  siu  ez  wider,  ez  were  mir  ein  is 
gröze  minnerange  miner  erbeite.*   Der  pfaffe  nam  ein  Wortzeichen  von  dem 
lantgrofen,  daz  nieman  wüste  danne  sine  kint,  and  was  daz  ein  glückes- 
pfennig,  den  bekantent  sine  kint  wole,  wan  er  faorte  den  selben  pfennig 
alle  zit  mit  ime.     (86')  Der  pfaffe  wart  wider  heim  gefüeret  von  dem 
tiafel,  and  die  wort,  die  er  mit  ime  rette,  die  sagete  er  sinen  kinden  und  20 
daz  Wortzeichen,  den  pfennig,  den  gap  er  sime  sane  üf  eine  iserin  schiene, 
alse  er  geheissen  was.     Do  brante  er  durch  die  schiene  und  viel  wider 
durch  daz  ertrich  sinen  weg.     Er  gelobete  dem  pfaffen  und  verendete  aber 
nit  der  werke,  also  in  sin  vatter  hiez.     Der  junge  lantgröfe  bot  ime  die 
göbe,  also  er  vor  geglobet  hette.    Der  pfaffe  der  wolte  der  goben  nit  noch  25 
weltlich  richtuom,  der  wart  ime  nit  liep:  m6  wie  er  die  hellesche  pine,  die 
er  sach,  möhte  gefiiehen,  dar  ndch  stuont  sin  gedang,  and  kam  da  noch  in 
einen  orden  and  besserte  dö  sin  leben. 

10. 

(88*)  Es  was  ein  ritter  der  was  gar  riche  and  was  ein  hofemeister 
des  herzogen  von  Sahsen.  Er  was  gewaltig  und  manhaft.  Er  hette  eine  so 
eliche  frouwe,  die  was  edele  and  zart.  Eins  tages  gefüegete  es  sich,  daz 
siu  rede  mit  einander  hettent  (88*)  von  unser  maoter  Evan  missedät  von 
des  gebottes  wegen ,  daz  in  got  gap  in  dem  paradise.  Des  herren  frouwe 
huop  an,  also  der  frouwen  sitte  ist,  und  sprach  unser  maoter  Efän  gar 
herteklichen  zuo  von  ir  unstetikeit  und  urteilte  siu,  wie  frowe  Efä  über-  35 
gangen  hette.  Der  herre,  ir  man,  sprach  zuo  ir:  'nit  verurteile  siu,  wenne 
da  vil  lihte  m  solichem  versuochende  bettest  ouch  alsd  getan,  und  wil  dir 
ein  anders  gebieten,  daz  minre  ist,  du  mäht  es  noch  minre  behalten.* 
Siu  k§rte  sich  umbe  und  sprach:  'waz  ist  daz  gebot?'  Der  ritter  sprach: 
'ich  gebiute  dir,  daz  du  in  dem  tage,  so  da  gebadest,  des  selben  tages«. 


PEEDIGTlflBLEIN.  421 

solta  mt  mit  bldssen  I&essen  darch  die  pfiiele  gän,  die  in  nnserm  hofe  stönt. 
An  dem  andern  tage  8d  dno  da  wie  da  wilt :  gang  üs  und  in.'  Es  was  ein 
smackende  wasser  von  unsnferkeite  und  von  miste ,  daz  in  allen  enden  von 
deoie  hofe  zao  samene  flos.  Der  herre  satte  ein  gebot  dar  uf  aod  sprach: 
'bistu  gehörsam  und  stete,  so  wil  ich  dir  fierzig  marg  Silbers  geben.  Daostu  s 
es  nit,  so  gip  da  (89*)  mir  also  vil'  Es  gefil  ir  wol.  Dö  satte  der  herre 
heimeliche  haote ,  daz  es  die  frowe  nit  bevant ,  das  men  des  pfuoles  war 
naoh  Ein  wanderlich  ding  geschach.  Dar  noch  wart  von  dem  tage,  wenne 
die  frowe,  die  erber  and  schemig  was,  durch  den  hof  gie,  sd  sach  siu  den 
pfaol  an,  and  wanne  sin  von  dem  bade  gie,  so  viel  siu  also  dicke  in  be-  lo 
kornnge  and  glnstete  sin  denne  in  den  pfnol  zuo  gände.  Und  eines  tages 
wart  do  sprach  sin  zao  irre  jungfrowen :  Mch  ingä  denne  in  den  pfuol  und 
geniete  mich  sin,  es  ist  anders  min  döt,  ich  vollendes  denne  alle  zao 
hant'  Dö  garte  sia  sich  und  bereitete  sio  sich  dar  zuo  und  sach  umbe 
sich,  obe  es  ieman  sehe.  Dö  siu  dö  nieman  sach,  ire  jangirowe  volgete  ir  is 
noch,  sin  haop  uf  ire  kleider  und  gie  in  den  pfuol  unze  an  ire  kniu,  sia 
ging  har  und  dar  in  der  pfützen  noch  allem  irme  gelüste,  und  daz  wart 
zuo  hant  irme  manne  gesaget.  Er  was  sin  frö,  dö  er  siu  sach,  er  sprach: 
'frowe,  hästa  nit  (89^)  hiate  wol  gebadet?'  Siu  antwurte  und  sprach: 
'jö,  ich  hän  gebadet'  Er  sprach:  *wä?  in  einer  bütten  oder  in  eime  20 
pfaole?'  Dö  siu  hörte,  daz  sia  libertretten  hette  von  irre  unstetekeit,  siu 
fiweig  and  dachte  ^)  sich  und  merkete  wol ,  daz  er  erfaren  hette ,  waz  siu 
getan  hette.  Dö  sprach  der  herre:  'frowe,  wo  ist  nuo  üwer  stötikeit,  mit 
derir  swechelicher  and  leweklicher  iiirsaochet  sint  denne  frowe  Efä:  ir 
sint  schemelicher  gefallen  denne  siu,  geltent  daz  ir  schuldig  sint.'  Dö  die  2i 
frowe  des  gaotes  nit  enhette,  dö  mitte  siu  gelten  möhte,  der  hörre  nam 
alle  ire  kieider  and  gap  siu  enweg  allerhande  armen  liuten  durch  got.  Er 
He  sia  etliche  wile  mangel  nnd  bresten  h&n  an  iren  kleidern ,  daz  siu  es 
doch  bessern  müeste. 

11. 

(92*)  Es  was  ein  alt  wip,  eine  toerin,  die  lag  siech  und  hette  die  eine  so 
dohter,  die  was  ein  guot  mensche,  die  ging  zuo  ir  muoter  und  sprach: 
'liebe  muoter,  du  solt  bihten,  du  solt  dich  verrihten  und  solt  dich  bewaren.* 
Die  muoter  sprach:  *nuo  habe  du  keinen  angest,  ich  stirbe  noch  nit,  ich 
verrihte  mich  noch  wol,'  und  geriet  zürnende.  Die  dohter  ging  zuo  iren 
nöchgeburen  nnd  bat  siu  durch  got,  daz  siu  zu  irre  muoter  gingent  und  siu  36 
underwisetent,  daz  siu  sich  bewarte,  und  ir  Seiten,  daz  siu  übel  dete  und 
sterben  wolte.  Die  nöchgeburen  die  gingent  zuo  ir  und  bötent  siu,  daz 
siu  sich  verrihtete,  und  söhent  wol,  daz  siu  sterben  wolte.     Und  dö  siu  es 


422  fltAN2  Pr£IFF£ft. 

vil  getrib^D,  dö  sprach  sin:  *nuon  dnon  ich  es  doch  nit*  Sio  frögetent «in» 
warombe?  Siu  sprach:  'ich  stirbe  noch  nit,  daz  weis  ich  wol!  Siu  frogetent 
sia,  wie  sia  daz  waste.  Siu  sprach:  'daz  weis  ich  wol,  ich  hörte  den  gooch 
gucken,  der  seite  mir,  ich  solte  noch  fünf  jor  leben ,  d6  von  weis  ich  wol, 
daz  ich  noch  nit  stirbej*  Waz  siu  gesertent ,  daz  siu  (92^)  sich  verrihten  5 
.  sollte  —  wanne  siu  söhent  wol,  daz  siu  sterben  solte  —  es  enhalf  nit,  siu 
sprach,  siu  wer  witziger  denne  siu  alle.  Und  also  balde  siu  dannän  köment, 
dö  starp  ouch  die  alte  gurre,  die  betroug  der  gouch.  Do  von  sol  meoge- 
lich  gewamet  sin,  daz  es  sich  nit  lasse  den  gouch  betriegen :  e  es  der 
mensche  wisse,  so  ist  er  döt.  lo 

12. 

(93")  Es  fuorent  gedellen  über  mer  mit  ein  ander  und  warf  sin  der 
wint  in  ein  (93')  laut  und  dö  fundent  siu  fünf  seien  an  einem  boume  hän- 
gen. Die  biigerin  frogetent,  waz  daz  bediute,  daz  siu  also  jemerlich  dö 
hiengent.  Siu  spröchent,  siu  wörent  seien,  'und  ist  dis  unser  wissene,*  *) 
wanne  es  ist  an  manigenhalben  in  der  weite  wissene.'  Siu  fuorent  über  is 
mer  und  köment  aber  her  wider  in  daz  selbe  lant,  also  ez  got  wolte,  und 
fundent  dö  nüwent  eine  sele  hangen  und  siu  frogetent  siu,  waz  daz  bediute, 
daz  si  also  dö  hinge  alleine?  ISiu  sprach,  ir  gesellen  werent  erloeset  anze 
an  siu.  Siu  frogetent,  wo  von  daz  were?  Dö  sprach  siu:  *siu  hattent  ir 
firiunde,  die  in  hülfen.  So  bin  ich  also  lange  in  disen  wissen  ^  gehangeD,  m 
daz  mine  friunde,  die  für  mich  soltent  bitten,  die  sint  alle  döt  und  ist  min 
vergessen.'  Den  biigerin  die  erbannetes  also  vaste,  daz  siu  spröchent: 
^sage  an,  mag  dir  nieman  gehelfen?'  Die  sele  sprach:  'mich  hiifet  joch 
daz  gemeine  gebet.'  —  'Mag  dich  eine  merevart  iht  gehelfen?'  sprach  der 
eine  biigerin.  Die  söle  sprach:  *owe,  jÜ'  Der  biigerin  sprach:  (94')*sd  25 
nime  ich  daz  criuze  für  dine  sele  und  für  dine  stinde :  also  balde  so  ich 
heim  kumme,  so  wil  ich  her  wider  über  mer  faren  für  dine  sünde.'  —  'Ach,' 
sprach  die  sele,  'nuo  löne  dir  der  riebe  got,  so  wil  ich  ingenöte  zuo  himel- 
riche  fam,'  und  fuor  also  zuo  himelrtöhe.  Also  ist  manige  sele  in  deme 
vegefiure,  der  ir  nüwent  fünfzig  paternoster  spreche,  siu  würde  erlöset.     30 

13. 

(94*)  Also  was  ouch  hie  vor  zuo  Rodensheim  (her  Hesse  der  (94*) 
schriber  sach  es  und  seite  es  ouch),  dö  was  eine  fröwe ,  die  hette  unsem 
herren  enpfangen  an  des  heiligen  Cristes  tage  zuo  winahten,  und  noch 
mittem  tage  kam  ouch  ir  unelich  man  zuo  der  irowen  in  ir  kemenäte  und 
sündetent  dö  mitte  ein  ander.    Und  alzuohant  dö  siu  mit  einander  gesun-  s5 


*)  wisene  Hs, 
^  wisenJS«. 


PREDIGTMÄRLEIN.  423 

detenty  dd  fiior  der  tinfel  in  siu  beide.  Man  sante  noch  dem  pfaffen ,  der 
kam  dar  und  beswoor  den  tiufel  nnd  sprach:  'da  unreiner  tiufel  und  du 
boßse  wiht,  wie  getorstu  in  dise  frowe  kernen,  siu  enpfing  doch  hiute  unsern 
herren:  wie  getorstu  in  dis  vas  komen?'  Do  sprach  der  tiufel:  ^'owe,  wie 
redesttt  so  toerliche?  joch  weis  ich  wol,  daz  min  schöpfer  bi  ir  was,  e  siu  5 
sündete  mit  deme  unelichen  manne.  Do  siu  dd  sündete  mit  ime ,  dö  fuor 
unser  hdrre  ns  mid  fnor  ich  in  siu.'  Dar  umbe  sol  man  sich  gerne  bieten, 
daz  man  kiuscbe  unde  reine  blibe,  so  man  unsern  herren  enpfohet,  sit  daz 
der  tinfel  selber  seit  die  worheit. 


10 


14. 


(95^)  £z  was  ein  tiufel  der  ging  zwein  gelieben  manigen  tag  und  jor 
noch,  eime  ritter  und  siner  frowen,  zwein  elichen  Hüten,  und  künde  siu  nie 
verleiten  mit  ein  ander.     Zuo  jungeste  kam  der  tiufel  zuo  eime  alten  wibe 
und  gelobete  der  zwene  schuohe  und  fünf  {95*)  Schillinge  pfennige,  daz  siu 
solte  die  zwei  gelieben  verwurren  und  daz  siu  tibellich  soltent  mit  ein  ander  15 
leben.     Daz  alte  wip  ging  enweg  zuo  des  ritters  frowen  und  sprach:  'ach, 
frowe«  ich  minne  inch  alsd  vaste  von  üwer  grossen  tugent,  die  ir  an  iuch 
hänt,  daz  ich  üwer  laster  und  öwer  leit  nit  me  mag  vertragen  ,  wenne  ich 
hän  es  lange  genuog  vertragen,  got  müesse  es  iemer  erbarmen,'  und  mähte 
der  seligen  frowen  also  angest,  daz  sin  kumme  erbeittete ,  unz  daz  siu  es  20 
ire  geseite,  nnd  sprach:  'sage  antalang,  waz  wirret  mir  iasters  und  leides?' 
Do  sprach  daz  alte  wip :  'dö  müeget  mich ,  also  schoene  alse  ir  sint  und 
also  wol  gezogen ,  daz  min  herre  iuwer  man  pfliget  mit  anderen  wiben 
bo&ser  fuore.*  —  *Wie  so?*  sprach  die  frowe,  *daz  gioube  ich  gar  kume.' 
Das  alte  wip  sprach:  'ich  wil  es  inch  lössen  bevinden.     Ir  wissent  wol,  25 
er  ntet  alle  tage  mit  sinen  hunden  und  mit  sime  habiche  zuo  velde  beissen, 
so  ritet  er  alle  tage  in  daz  dorf  zuo  des  meigers  dohter  und  get  mit  der 
umbe  und  lit  bi  ir  und  (95*)  duot  iuch  untruwe,*  und  mähte  es  der  frowen 
also  sw^e,  daz  sin  wonde  daz  es  wor  were.     Daz  alte  wip  ging  ouch  zuo 
dem  herren  nnd  sprach  daz  selbe:  wenne  er  üs  ritte  beissen  zuo  velde,  so  so 
spulgete  sine  frowe  andere  manne,  und  seite  dem  ritter  So  küntlich,  daz  er   ^ 
w&ide,  es  were  also,  und  ging  dar  noch  daz  alte  wip  zuo  der  frowen  und 
Sprach:  'frowe,  wellent  ir,  ich  wil  iuch  leren  daz  ir  ime  duont,  daz  er  niemer 
me  keiner  frowen  mag  nütze  werden  wanne  üwers  libes ,  und  ich  tuon  daz 
mit  kleinen  dingen,  daz  er  es  niemer  gewar  wurt  nnd  iuch  noch  ime  niemer  35 
schade  mag  werden  an  Übe  noch  an  seien  und  er  es  ouch  niemer  befindet.' 
Die  frowe  sprach:  'daz  es  ime  noch  mir  nit  inschade  und  er  es  ouch  nit  be- 
finde, sd  tote  ich  es  wol.     Er  ist  mir  also  liep,  «daz  ich  wolte  daz  er  es 
iemer  befände«  daz  ich  ime  iutzit  tete,  e  wolte  ich  in  lössen  tuon  waz  er  ^ 
wolte.'    Daz  alte  wip  sprach:  'er  befindet  es  niemer,  also  ich  iuch  sagen  40 


424  FRANZ  PFEIFFER 

wil.    Ir  süllent  ein  niuwe  gesliffen  schardas ,  da  nie  mitte  geschora  wart, 
und  sont  daz  in  uwein  buosen  stössen  und  (96*)  wenne  er zuoLinittem  tage 
slöfet  in  uwerm  schösse,  so  sont  ir  daz  schardas  nemen  üs  uwerem  buossem 
und  süllent  ime  abe  sniden  wol  sehs.  hör,  het  er  ston  an  siner  kelen  an 
einer  warzen;  so  slofet  er  und  wurt  sin  nit  gewar,  so  süllent  ir  mir  die  5 
hör  geben,  so  wil  ich  ime  der  mitte  duon,'daz  er  niemer  dekeiner  frowen 
me  mag  nütze  gesin  wann  üwers  libes  und  befindet  es  ouch  niemer.'-    Die 
frowe  sprach;  *daz  wil  ich  duon,'  und  bereitete  ein  nüwe  gesliffen  schardas 
in  iren  buossen.     Daz  alte  boese  wip  ging  aber  dar  noch  zuo  dem  harren 
und  sprach:  *herre,  nuo  wenent  ir,  daz  ich  iuch  gelogen  habe  von  uwer  lo 
frowen,  daz  ich  iuch  geseit  habe,  daz  siu  ander  manne  piiget.     Nuo  wil 
ich  iuch  die  worheit  lassen  selber  befinden.     Ir  spulget  allewegent  zuo 
mittem  tage  zuo  släfehde  in  irme  schösse.     So  hüetent  iuch  also  liep  iuch 
der  lip  si,  daz  ir  nit  entsläfent,  wanne  siu  hat  eine  nuwe  gesliffen  scharsas 
in  irem  buosem  und  wartet  also  balde  so  ir  entslöfent,  so  hüetent  iuch,  so  15 
snidet  siu  iuch  die  kelen  abe,  und  ich  (96^)  enbitte  iuch  [nit]  daz  ir  mirs 
niemer  gegloubent,  unz  ir  es  bevindent  selber.'     Der  herre  erschrack  xmd 
gloubete  es  gar  kume  und  gedohte  doch:  *du  solt  wol  die  worheit  oder  die 
lügene  bevinden,'  und  leite  sich  zuo  mittem  tage  in  siner  frowen  schös, 
alse  er  vor  allewegen  spulgete ,  und  det  also  er  sliefe  und  rüssete  gar  2» 
vaste.     Die  frowe  wönde  nit  er  sliefe  und  ziuhet  daz  scharsach  asser  irme 
buosseme  und  grifet  mit  der  andern  haut  an  sine  kele  und  wil  ime  die  her- 
lin  ab  sniden  abe  der  wartzen.     Der  ritter  vert  üf  und  erkriphete  ir  die 
hant,  da  daz  schardas  inne  was^  und  brichet  ez  ir  üz  ir  haut  und  e  siu  zuo 
Worte  möhte  kummen ,  daz  siu  ime  geseite,  war  umbe  siu  ez  getön  hette,  25 
do  hette  er  siu  erstochen  zuo  töde.     Also  hette  daz  alte  boese  wip  ge- 
schaffet  daz  der  tiufel  nie  künde  geschaffen.     Dar  umbe  ist  ein  alt  bisse 
wip  würser  denne  der  tiufel  und  joch  tüsentstunt  würser:  wanne  der  tiufel 
was  in  noch  gegangen  manig  jör,  daz  er  nit  anders  hette  gegert  wann  daz 
siu  übetlich  hettent  mit  ein  ander  gelebet,  und  enkunde  ez  (96')  nie  ge-  so 
schaffen.     Do  von  fuor  der  tiufel  zuo  und  nam  einen  altea  stecken  oder 
stap  und  nam  fünf  Schillinge  pfennige  in  ein  tüechelin  und  hieng  die  yornäa 
an  den  stap  und  hing  zwene  schuohe  ouch  vornan  an  den  stap  und  ging 
zuo  dem  alten  wibe  (daz  siu  got  verfluoche!)  und  stuont  verre  von  ir  und 
bot  ir  die  schuohe  *)  und  die  pfennige  und  sprach :  *nim  an  din  geheisse  M 
und  dine  gäbe,  wanne  du  bist  wirser  danpe  ich,  und  daz  ich  nie  künde  zuo 
bringen  in  manigen  ziten,  daz  hast  du  zuo  l^röht  in  kurzen  ziten.'     Do  von 
so  hüete  sich  mengelich  vor  boesen  alten  wiben,  wanne  ez  sint  allessament 
lächerinne,  wanne  ir  baut  wol  gebeert,  daz  ir  der  tiufel  die  miete  nit  ge- 
torste  bieten  mit  der  hant,  alsd  vorhte  er  siu.    Do  von  hilete  mengelich  4i 


PREDIOTMARLEIN.  426 

stnes  wibeft  und  siner  dohter  vor  in,  wanne  sin  verrötent  8iu  mit  soliohen 
listen,  die  alle  manne  nit  erdenken  künden.  Ez  wart  nie  niht  sd  guot 
alse  daz  gaote  wip  ond  wart  nie  niht  so  boßses  also  ein  bcese  wip. 

15. 

(96')  £2  was  ein  richer  man,  der  hette  gar  vil  pfennige  und  nam  die 
Pfennige  gar  dicke  und  schatte  sin  öf  ein  zalbret  und  zallete  sine  Pfennige   5 
und  was  im  denne  gar  ^sanfte  der  mitte.     Dis  treip  er  manig  jör.     Zuo 
jQogeste  hette  er  aber  (d7*)  sine  pfeunige  für  sich  geschüttet  üf  ein  bret 
und  zaiete  sin  aber  noch  siner  gewonheit,  alsd  er  dicke  vor  tet,  wenne  ez 
vas  ime  die  beste  knrzewile,  die  er  künde  hän.     Do  er  sin  wol  halber  ge- 
zalete,  dö  rief  eine  stimme  üs  den  Pfennigen  und  schrei  gar  lüte  und  sprach:  10 
'wir  sint  alle  hie,  wir  sint  aber  nit  diu ,  wir  sint  Waithers*  und  sprach  daz 
wort    Der  riche  man  erschrag  und  det  die  pfennige  gehalten ,  und  zuo 
hant  wart  der  man  siech  und  starp  in  fier  wachen,  und  nam  die  frowe  einen 
andern  man,  der  biez  Walther,  und  verzeret  der  daz  guot.     Also  beschiht 
Doch  manigem  man.     Dö  von  gewinne  mengelich  rehtvertig  guot  wiben  15 
und  kinden,  wanne  ez  würt  dicke  unrehten  erben. 

16. 

(97*)  Ez  was  eine  wittewe,  die  hette  einen  sun,  der  was  töreht,  dem 
gap  sin  ein  krüegelin  und  gap  ime  einen  pfennig  und  hiezT  in  koufen  ein 
pfennewert  oleyes  in  daz  krüegelin  und  hiez  in,  daz  er  mit  niute  vergesse, 
er  hieze  ime  geben  (970  zuobuosse,  und  ging  onch  nüwent  ein  pfennewert  20 
in  daz  krüegelin,  und  bevalch  ime  daz  gar  genöte,  daz  er  des  zuobaosses 
nit  vergesse.  Er  ging  inweg  und  dö  er  ging  den  weg  anhin,  dö  sprach  er 
allez  zuo  iiilo  selber:  'zuobnoz,  zuobuoz,'  daz  er  ehte  der  zuobuoz  nit  ver- 
gesse. Und  dö  er  dö  hin  kam  zuo  der  oleyfrowen,  dö  sprach  er:  'frowe, 
gebeut  mir  in  daz  krüegelin  eins  pfenniges  wert  oleys.'  Sin  gap  ime  daz  25 
krüegelin  vol,  wann  dö  ging  nit  mö  in.  Er  sprach:  'liebe  frowe,  gent  mir 
ouch  zuobuoz.*  Siu  sprach:  *war  in?  es  ist  doch  vol?*  Er  kerte  dem 
krüegelin  den  bodem  üf  und  hiez  ime  zuobuosse  geben  uf  den  bodem.  Dö 
hatte  er  daz  pfennwert  üz  geschüttet.  Siu  gap  ime  den  zuobuoss  uf  des 
kröegelins  bodem,  und  dö  er  heim  kam  zuo  siner  maoter,  die  frögete  in  30 
umbe  den  zuobuoss.  Er  kerte  dem  krüegelin  den  bodem  üf  and  wönde  es 
dinne  hän:  dö  hette  er  die  zuobuoss  und  pfennwert  verschüttet  und  verlorn. 
Wer  ist  dise  witewe?  (97')  Daz  ist  die  kristenheit.  Wer  ist  dirre  dörehte 
sun?  Daz  ist  manig  mensche  in  dirre  weite,  daz  mit  rehtem  guote  solte 
umbe  gön  und  solte  daz  teilen  mit  gotte  und  mit  der  weite  rehtfertekliche,  35 
und  nimmst  der  unrehter  zuobuosse  also  vile.  So  er  denne  kummet  an 
dem  Jungesten  tage  für  unseren  herren  und  dem  rechenunge  sol  geben  von 
sime  guote  imd  von  allem  sime  lebenne,  so  het  er  der  zuobuosse  also  vile 


426  FRANZ  PFEIFFER 

genomen  üf  sieb,  daz  er  verloren  het  eins  mit  dem  andern»  sin  reht  gnot 
mit  dem  unrehten ,  wanne  unser  herre  förbiutet  niht  rehtvertig  guot  zno 
gewinnende.  Rlche  linte  werdent'niht  verlorn  mit  irme  richtuome,  eht  siu 
in  teilent  mit  gotte  und  mit  armen  Unten. 

ir. 

(102'')  In  der  zit  do  keiser  Friderich  was,  des  jungen  keiser  Pride-  s 
ricbes  atte,  zno  einer  zit  wart  eine  eppetige  fedig,^die  von  keiserlicbem 
rebte  in  an  hörte.  Es  wurden  dö  selbes  zwene  eppete  erweit,  siu  inwoltent 
nit  über  ein  komen  under  in  selbes.   Der  eine  under  den  zwein  gap  grot  guot 
dem  keiser,  daz  er  von  des  closters  guote  gesammet  bette,  dar  umbe,  daz 
(er)  ime  bi  stüende  unde  ime  helfen  solte.     Der  keiser  nam  daz  guot  und  lo 
gehengete  ime  als6  es  sin  wille  were.     Dö  noch  kam  ime  für,  wie  sin 
widersache,  der  ander  appet,  ein  einfältig  geordinierter  guoter  man  were. 
Der  keiser  wart  zuo  rate,  wie  er  dö  mitte  dete,  wie  er  den  ersten  appet 
abe  satte  und  den  umbe  sine  tugent  bestetigete.     Einer  sprach  zno  ime: 
*^herre,  dö  von  ordens  wegen  sint  die  müniche  alle  schuldig  ein  nölde  bi  in  ^)  is 
zuo  tragende.     Ir  süllent  sitzen  zuo  capittel  und  sprechent  danne  zno 
ime,  (102*)  der  dö  ungeordinjeret  ist,  daz  er  iuch  sin  nälde  lihe,  ir  wellent 
siu  bruchen  und  nützen  mit  uwern  vingern,  und  so  er  siu  denne  nit  bot,  so 
vipdent  ir  Ursache  wider  in  und  anspräche ,  daz  er  wider  stnen  orden  und 
sine  regele  tuo.    *ünd  dö  daz  der  keiser  gedet  und  der  erste  appet  nit ')  20 
der  nälden  bi  ime  truog,  der  keiser  sprach  zuo  dem  andern  appete  dem 
guoten  herren:  Uihent  ir  mir  ein  (wenig)  uwer  nälde."*     Der  herre  zöch 
siu  zuohant  her  üs  (er  was  vU  lihte  gewamet  vorhine).   Der  keiser  sprach 
zuo  ime:  'herre,  ir  sint  ein  geordenieret  münich,  dar  umbe  sint  ir  würdig 
solicher  eren  in  appetes  wise,    also  dar  zuo  gehoeret.     ich  wönde  mit  25 
üwerm  widersachen  geeret  und  gehoßhet  hau ,  aber  er  hat  mit  sime  unge- 
ordenten  leben  sich  selber  unwürdig  gemäht.'  Mit  solicher  kündekeit  sties 
er  den  appet  abe  und  den  einfaltigen  erboehete  er. 

18. 
(103^)  Bilgerin  ette^vie  vile  gingent  von  thiuscheme  lande  zuo  sante 
Jacobe,  und  ein  valscher  bruoder  was  under  in ,  der  ^as  under  wegen  zuo  so 
in  komen  und  gesellete  sich  der  zuo  in  eines  nahtes ,  und  eines  morgens 
früege,  dö  siu  von  der  herberge  zougetent,  der  valsche  bruoder  ging  in 
nach,  an  der  stette  porten  zuo  haut  (lOS"*)  erkriphete  er  ein  under  in  und 
huop  in  und  rief  umbe  sich  und  sprach:  ^'dirre  het  mir  ein  pfert  verstoUi, 
uflPe  deme  selben  pferde  er  dö  ritet,  daz  het  er  mir  meintetekliche  genomen.'  35 
Die  bilgerin  wurdent  von  dem  rihter  betwungen,  daz  siu  wider  in  die  her- 

*)  ime. 
»)  mit. 


PREDI6TMABLEIN.  427 

berge  varen  maoBtent  Die  bilgerin  allesament  beziagetent  and  dätent  ir 
onschalde»  daz  der  selbe,  den  er  ansprach ,  were  (ein)  einveltiger  heiJger 
gaoter  man  ein  gerehter.  Der  rihter  der  det  wisliche.  Die  wile  der  diep 
nit  dö  was,  dö  hies  er  alle  zöime  und  settele,  die  zao  den  pferden  hdrtent, 
abe  dnon  and  die  pfert  wider  in  den  stal  taon.  Do  daz  beschach»  er  sprach  s 
zuo  dem  diebe,  der  do  klagete :  *gö  her  m  und  friere  din  pfert  hin  üs.'  Er 
ging  hin  in  and  fiiorte  ein  pfert  her  üs;  ez  was  aber  nit  daz  pfert,  daz  er 
an  der  pforten  der  stette  hette  gesprochen,  ez  were  ime  genummen,  er  in- 
bette  sin  nit  wol  war  genomen.  Ez  söhent  alle  die  dö  wörent,  daas  der  diep 
ein  nnrehte  pfert  nam  und  hette  valschliche  üf  den  gaoten  bilgerin  gelogen,  lo 
Der  selbe  meindötige  bilgerin,  der  sich  valschliche  (103')  zuo  in  gesellet 
bette,  der  wart  dö  gehenket  schemeliche  an  den  galgen. 

19. 

(lOS**)  Her  Berhtolt  der  pfalzgröfe  von  Withelisbach  *)  der  was  ein 
strenger  rihter;  er  was  auch  also  strenge,  wenne  er  us  fuor,  daz  er  seile 
oder  strenge  mit  ime  nam  an  sinem  gürtel ,  daz  ehte  die  übeltötigen  liate  lo 
nit  gefristet  würdent.  Eines  tages  wart  dö  er  früege  af  stuont  und  ein 
seil  an  sinen  gürtel  hiqg,  er  erhörte  eine  stimme  in  dem  lafte  ruofende: 
'Berhtolt,  wisse,  der  erste,  der  vor  diner  bürge  dir  bekomet  oder  dir  en- 
gegen  loufet,  den  henke  an  den  strig,  den  da  bi  dir  hast.*  Er  ahtete  die 
stimme  von  gotte  dar  gesant,  und  zuohant  dö  er  äs  fuor,  dÖ  begegente  ime  20 
der  schultheisse,  der  was  sin  ambahtman,  dem  er  gar  holt  was.  Dö  er  in 
sach,  er  erschrag  gar  vaste.  Er  sprach  zuo  ime:  'ez  ist  mir  leit,  daz  du 
mir  begegent  bist'  —  *War  umbe?*  sprach  der  schultheisse.  'Dö  muostü 
hangen  und  muost  sterben.*  (1 04')  Er  sprach :  'war  umbe  muoz  ich  hangen  ?' 
Der  pfalzgröfe  sprach:  'ich  enweiz.  Bereite  dich  mit  niwe  und  mit  bihte  26 
und  ahte  nuo ,  wie  du  din  guot  verrihtest ,  daz  ez  diner  seien  nütze  si, 
wanne  ich  engetar  der  gottes  stimmen  nit  widerstän.*  Dö  er  sach,  daz  ez 
oit  anders  mdhte  gesin,  er  sprach:  'unser  herre  got  ist  gereht:  ich  habe 
es  wol  verschuldet,  ich  habe  vil  liutes  verderbet  und  erstochen,  die  bi  mir 
berbergetent,  und  vil  liutes  beroubet,  und  ich  inwas  iuch,  herre ,  euch  nit  so 
getruwe,  ich  was  den  armen  Hüten  herte.'  Ez  wunderte  siu  allesament, 
wie  er  verjach  in  bihtendes  ^se ,  und  dö  bekanten  siu ,  daz  es  von  gotte 
dar  kam,  daz  er  den  döt  müeste  liden. 

20. 

(lOQ*')  Ein  schuoler,  ein  jung  münichelin,  gieng  alle  tage  früege  so 
ez  zuo  schuolen  solte  gön  durch  die  kirche,  und  in  (109*^)  der  kirchen  dö 
fttuont  unser  lieben  frowen  bilde  df  dem  alt£ur  mit  deme  kindelin.     Daz  3$ 


^)  dliWittobbaclU 


428  FRANZ  PFEIFFER 

münichelin  hette  die  gewonheit,  daz  ez  zuo  deme  bilde  ging  unde  von 
grösser  einfaltikeit  sin  br6t,  daz  ez  zuo  schaolen  truog,  daz  bot  ez  deme 
kindelin  Jesu,  daz  in  siner  muoter  schösse  saz.     Ez  sprach  dise  wort: 
'gnote  herre  and  du  allerliebestez  kindelin,  wann  du  allewegent  arm  were, 
do  du  in  dirre  weite  were,  nit  versmohe  zuo  essende  von  mime  brote*    Do  5 
daz  kint  dise  wort  gesprach,  dö  sach  men,  daz  J^sus,  daz  kindelin,  daz  in 
siner  muoter  schösse  saz,  daz  nam  von  des  mänichelins  bröte  und  az  mit 
im^.    Daz  münichelin  daz  was  gar  frö,  wanne  ez  wart  güetliche  getroBStet 
dö  von ,  nit  zuo  einem  möle ,   wenne  fiissekliche  und  allewegent ,   so  ez 
durch  die  kirche  mit  dem  bröte  ging,  so  truog  ez  daz  bröt  zuo  dem  kindelin,  lo 
daz  ez  mit  ime  esse.     Vil  einfaltek liehe  und  demüetekliche  bat  ez  Jesum. 
Deme  kinde  wart  von  gote  die  gnöde,  daz  es  guoten  sin  hette  zuo  lerende 
und  zuo  behebende  (110*)  wes  er  bedurfte,  unde  zuo  jungeste,  dö  ez  eines 
morgens  mit  dem  bröte  kam,  ez  beduhte,  wie  Jesus,  der  in  siner  muoter 
schösse  sas ,  also  sitzende  sprach  zuo  ime  dise  wort :  ^wie  lange  sol  ich  is 
mit  dir  din  bröt  essen  und  du  nit  mit  mir  issest?'  Daz  kint  oder  münichelin 
sprach:  'du  bist  arm  und  enhest  nit:  ich  esse  gerne  mit  dir,  wanne  du 
bist  hörre  got  und  herre  Jesus.'     Daz  kint  Jesus  antwurtete :  'ich  wil  dich 
rüefen  und  wil  dich  laden  zuo  den  süessesten  trabten,,  udd  allez  daz  guot, 
daz  du  mir  mit  dime  bröte  dicke  best  getön,  daz  wil  ich  dir  wol  gelten.'  20 
Daz  kint  gedöhte  an  die  gelübede,  ez  wart  von  herzen  frö.     Ezbat  ime 
sagen  den  tag  und  die  stunde,  wanne  ez  kummen  solte  zuo  den  trabten, 
die  Jesus  daz  kint  ime  gelobet  hette.     Ez  sprach,  an  d^em  subenden  tage 
so  solte  daz  geschehen.     Ein  guoter  bruoder,  von  den  alten  münichen 
einer,  der  was  ein  andehtig  man,  der  stuont  in  eime  winkele,  er  sach,  wie  25 
die  zwei  kint  mit  ein  ander  spröchetent  und  er  hörte  ez,  aber  daz  junge 
münichelin  wüste  (110^)  sin  nit  dö.     Dö  noch  wolte  daz  kint  sicher  sin 
von  der  würtschaft.     Daz  kint  Jesus  sprach :  ^'daz  sol  dir  ein  zeichen  sin, 
daz  der  guote  man  din  äbpet  der  sol  mit  dir  in  der  würtschaft  sin  und  mit 
uns  nützen  und  essen  der  süessen  trabten,  und  der  guote  andehtige  münich,  so 
der  uns  mit  ein  ander  hörte  reden.'     Daz  kint  sprach:  'wie  sol  min  appet 
daz  wissen  und  bevinden?'  Jesus  antwurtete  ime:  'du  solt  ez  ime  veikün- 
den,  daz  er  zuo  der  würtschaft  mit  (dir)  und  mit  dem  guoten  bruoder  sol 
^gän.'  Daz  kint  sprach:  'lieber  Jesus,  wanne  sol  in  daz  geschehen?'  Jesus 
sprach:  'sprich  zuo  dime  appete,  daz  er  sich  mit  den  münichen  mit  gebette  S5 
und  mit  bihte  bereite ,  wann  dir  sol  über  drissig  tage  der  appet  und  über 
üerzig.tage  der  guote  münich  noch  varn;  aber  du  solt  von  ersten  komen 
vorhin:  du  solt  über  süben  tage  komen.'  Und  dise  wort  seite  daz  kint  dem 
appete.    Der  appet  wolte  des  kindes  rede  nit  glouben.    Er  seite  ez  sinen 
münichen,  wie  daz  kint  gesprochen  hette  zuo  ime,  und  zuo  jungeste  seite  40 
er  ez  dem  guoten  müniche  alse  den  andern,  wie  (110'')  daz  kint  gesprochen 
hette.    Dö  sprach  der  guote  bruoder,  der  münich:  'herre  nun  appet»  wis 


PREDIGTMlRLEIN.  429 

inch  daz  Uni  seit,  daz  gloabent  ime  in  der  wdrheite,  dö  von,  wenne  ich  ez 
mitroinen  ougen  gesehen  habe  und  mit  mmen  ören  gehceret,  daz  (daz) 
kint  mit  dem  lünde  JSsus  dise  wort  (was)  sprechende'  Dö  starp  daz  kint 
daz  jange  münichelin  und  fnor  dö  zuo  den  trahton  und  zuo  den  obersten 
fröidea  des  ewigen  paradises.  Dö  der  appet  daz  sach ,  er  erscnrack  und  .5 
gloobete  dö  des  kindes  rede;  er  bereitete  sich  mit  guoten  andehtigen  ge- 
betten  und  mit  ganzer  bihte  und  mit  wärem  rdwen.  Dö  die  drissig  tage 
ns  köment,  er  fuor  dem  kindelin  noch.  Zuo  jungeste,  dö  fierzig  tage  üs 
kömenty  der  gnote  münich  nam  ouch  ein  guot  ende,  alse  der  appet.  Siu 
fiiorent  zuo  den  trabten  des  paradises  mit  ein  ander  sölikliche.  10 

21. 
DIZ  IST  VON  DEM  KÜNIGE  DER  NIE  ERLACHETE. 

(11  r)  Ez  was  ein  künig  in  Kriechenlande,  der  ahtete  die  zergeng- 
liche  zitliche  fröide  für  eine  dumpheit  und  für  eine  üppekeit.  Er  was  alie- 
wegent  trurig  geschaffen »  kein  man  ersach  in  nie  gelachen ,  er  was  ouch 
alle  zit  so  ernsthaft,  daz  (111**)  in  nieman  getorste  frögen,  war  umbe  er 
Qogelachet  were.  Nuo  bette  er  einen  bruoder,  der  was  der  allerschimpt-  15 
licheste  gemelicheste  man  bi  den  Unten,  der  ie  solle  gesehen  werden,  er 
was  rehte  [alse  ein  man]  als  men  sprichet:  der  liute  spilevogel.  Und  dö 
eines  möles  zuo  eime  grossen  höchgezit  hatte  der  künig  gar  vil  herren  ge- 
laden und  bette  gar  einen  gröissen  hof  und  eine  grosse  würtschaft,  der  ritter 
und  der  herren  giengent  ettewie  vil  zuo  des  küniges  bruoder  und  bötent  in,  20 
daz  er  wolte  den  künig  frögen,  war  umbe  er  alle  zit  so  trurig  wcre  und 
Dieiuer  erlachete,  und  frögete  in  daz  der  bruoder  den  künig  und  sprach: 
'lieber  herre,  sagent  mir,  war  umbe  sint  ir  alle  zit  so  trurig,  daz  ir  niemer 
erlachent?  wustent  wir,  waz  iuch  were,  wir  woltent  alle  sterben  oder  wir 
rechent  ez.'  Der  künig  sprach :  *daz  wil  ich  dir  zuo  dirre  stunden  nit  sagen,  20 
ich  wil  dirs  dö  sagen,  dö  du  es  alles  bevindest  und  sihest  *)  daz  in  mime 
kÜDigriche  ist:  dö  muoz  ez  allen  den  kunt  werden,  die  dich  ie  zuo  mir 
(112')  dar  umbe  gesantent.*  Nuo  was  ez  des  landes  gewonheite,  vor  we- 
lichem  ')  hüse  des  küniges  her  hörner  erschüUent,  daz  er  den  döt  muoste 
iiden.  Der  künig  sante  sine  knehte  för  sines  bruoders  hüs  mit  den  her*  30 
hörnern.  Dö  siu  dö  vor  bliesent  und  erschuUent,  die  knehte  döhtent 
also.  ')  Dö  daz  sin  bruoder  erhörte,  er  erschrack,  er  wönde,  er  müeste 
sterben.  Die  ambahtliute,  die  obe  den  liuten  rihtent,  die  nöment  in  ge- 
fangen und  fuortent  in  enweg,  alse  ez  der  künig  geheissen  bette.  Der  künig 
der  det  allem  sime  volke  in  sime  künigriche  zuo  samene  rüefen,  man  mähte  35 


*)  lies  d&  ez  allez  daz  beyindet  and  sihet. 

*)  weliches? 

^  ?  daz  ri  siu  d6  Tor  Uieaent  und  enchnlleiit.    Die  knehte  dötent  also. 


i 


430  FRANZ  PFEIFFER 

ein  hoch  gezimber  und  einen  grossen  gebuwe ,  der  üf  faorte  men  des  kü- 
niges  brifoder  and  zöch  in  nackent  üs.  Do  noch  bröhte  men  fier  scharpfe 
glefen  and  satzete  ime  eine  vornan  an  sin  herze  and  die  ander  an  den 
rücken  and  die  andern  zwo  an  die  siten ,  and  haobent  die  fier  knehte  die 
glefen  also  nohe  an  in,  daz  sin  ime  uf  der  hiate  staondent.  Er  erschrack  5 
nnd  wart  geiwer  denne  ein  wahs.  Men  salzte  nach  aller  (112'*)  hande 
Seiten  spil  nnd  pfifen  and  videlen,  die  gar  froelich  nnd  gaote  gedoBne  mah- 
tent,  nmb  in.  £z  gap  aber  ime  kein  gemüete.  Der  künig  sprach:  ^braoder, 
war  umbe  bistu  so  trürig?  war  nmbe  lachesta  nit  und  bist  froBlichgemuot?^ 
Er  sprach:  'gnediger  herre,  wie  solte  ich  gelachen  in  disen  noeten?  wann  10 
rege  ich' mich,  so  stechent  die  spere  alle  fier  in  mich.'  Der  künig  sprach: 
'woltesta  einem  furdenken,  daz  er  nit  lachen  möhte,  der  allewegent  die 
fier  spere  nmb  sich  hette  stonde?'  — 'Nein*  sprach  der  brnoder,  'wen  ich 
wüste  in  solicher  not,  ich  wolte  imm^r  mit  imme  trüren  anze  er  genese' 
Der  künig  sprach :  'so  sich  mich  an :  ich  bin  der,  der  alle  zit  die  fiere  spere  15 
nmbe  sich  het  stönde,  und  ich  wil  dir  die  bediuten.  Daz  erste  spere  ist 
die  grosse  bitter  martel  und  pine,  die  got  leit  an  dem  criuze  flir  mich  und 
für  alle  sünder:  wann  ich  gedenke,  daz  der  also  ein  hoher  herre  ist  and 
also  grosse  martel  und  armuot  und  versmehede  leit,  so  stichet  mir  ez  in 
min  herze  also  ein  sper  und  benimet  mir  daz  allez  min  lachen  und  fröide.  20 
Daz  ander  sper  ist  der  döt,  des  (112*)  ich  alle  zit  wartende  bin.  Wann 
von  dem  habe  ich  ouch  solichen  angest,  daz  ich  nit  weiss  wenne  er  kummet 
und  mir  lip  und  sele  scheidet,  oder  wie  er  kummet  oder  welicher  hande 
döt  ich  nime,  oder  wä  er  kummet,  üf  dem  velde,  üf  dem  wasser:  daz  stichet 
mich  alle  zit  in  min  herze  also  ein  sper.  Daz  dritte  sper  daz  ist  daz  25 
Jungeste  gerihte,  zuo  welher  hant  ich  dd  geste,  zu  der  rehten  oder  zuo  der 
lirken  hende.  Daz  fierde  sper  daz  ist  die  grosse  pioe  und  die  ewige  ver- 
dampnisse  der  hellen,  wie  ich  der  entrinne.  Nuo  sich,  bruoder ,  dis  allez 
machet,  daz  ich  öne  lachen  bin  nnd  mich  ziehent  von  dirre  weite.'  und 
also  was  dem  bruoder  geantwurtet  siner  frogen.  so 

22. 

(113*)  Eines  Juden  sun  der  wonete  flissekliche  bi  cristen  Hüten  kin- 
den.  Eines  tages  dö  men  in  der  kirchen  messe  von  unser  frowen  sang  und 
daz  ambaht  beging  und  men  die  Hute  bewaren  solte,  die  zuo  gotte  woltent 
gän,  dö  trungent  vil  schuolerlin  und  ander  kinder  zuo  dem  altar,  daz  siu 
got  woltent  enpföhen.  Daz  judeKn  trang  ander  in  vaste  noch,  ime  wart  35 
ouch  unsers  herren  licham  und  sin  bluot,  wanne  sin  der  liupriester  nit  be- 
kante.  Ez  was  frö  und  ging  wider  heim.  Der  jungeling  wart  von  sime 
vater  zwüschent  (113*)  sine  arme  enpfangen,  er  frögete  in,  wo  er  were 
gewesin  ?  Der  knabe  sprach  zuo  sime  vatter ,  er  hette  mit  fröiden  zuo- 
gangen  mit  den  andern  knaben.     Der  jade  erschrack,  wftnn  er  vorhte»  40 


PREDianORLEIN.  431 

befünde  ez  die  jüdischeit,  sia  nement  ime  den  lip  und  sprechen!,  obe  er 
nit  solte  siner  kinde  war  nemen ,  and  vergass  zuohant  vetterlicher  milte- 
keit  durch  daz  er  Moyses  e  reche  und  daz  unreht  irre  gewonheit  Mit 
hertem  grimmigem  muote  begreif  er  den  knaben  und  warf  in  in  einen  ofen 
vol  fiures  und  warf  do  holz  vaste  zuo  ime,  daz  er  deste  swinder  verbrande.  ^ 
Aber  die  götliche  erbermede,  die  die  driu  kint  üs  den  ofen  erloste,  die 
was  dö  nit  verswunden.  Do  des  kindes  muoter  hörte  sagen ,  wie  er  den 
SUD  verbrande,  dd  lief  siu  balde,  daz  sia  in  erlidigete  und  siu  schrei  vaste 
und  sere.  Daz  grosse  geschrei  und  daz  gerüefe  daz  erschal  in  die  stat. 
Dö  daz  die  cristenliute  erhortent,  dö  liefent  siu  hin  zuo  und  zugent  daz  lo 
fiar  usser  dem  ofen  und  siu  fundent  daz  kint  also  ganz ,  also  were  es  die 
wile  äf  rösen  gesessen.  Aber  der  vatter  der  (11 4')  wart  snellekliche  und 
balde  in  den  ofen  geworfen  und  wart  dö  zuo  stunt  von  der  flammen  ver- 
slanden und  verbrant»  daz  men  küme  daz  gebeine  spürte.  Die  cristenliute 
die  frögentent  daz  kint,  war  umbe  die  flamme  und  daz  fiur  ime  nit  getön  is 
hettent?  Der  knabe  sprach:  'die  frowe,  die  in  der  kaffetzen  uf  dem  sessel 
sas,  dö  ich  daz  brcBtlin  nam  in  der  kirchen,  die  hette  ein  klein  kindelin  in 
irre  schösse,  daz  selbe  kindelin  daz  was  bi  mir  und  deckete  mich  mit  siner 
muoter  mantel  vor  dem  fiure.* 

23. 

(1140  WIE  TUSENT  JORE  VOR  GOTTES  ANEGESIHTE  KÜRZER 

SENT  WANNE  DER  TAG  DER  GESTERN  WAS  ÜF  ERTRICHE. 

Es  wunderte  einen  münich  in  einem  orden ,  wie  es  möhte  sin ,  wie  in  20 
deme  himelriche  ewige  fröide  möhte  sin  öne  vertriessen  und  wie  ein  tag 
uf  ertriche  lenger  were  denne  tusent  jöte  m  himelrich,  alse  Davit  selber 
sprichet.    Nuo  solte  er  eines  tages  messe  singen  zuo  chöre,  dögedöhte  er: 
*nno  gang  vor  üz  disem  clöster  in  daz  hölzelln,  unze  (114*)  men  zuo  messen 
würt  Hütende  und  sprich  also  din  gebet*  Ein  fogelin  daz  wart  von  gnöden  25 
göttelicher  süessekeit  dar  gesant  und  daz  sang  also  wole ,  alse  were  ez 
aller  fogel  gesang  und  getoene  üsser  deme  pafadise ,  unde  deme  gesange 
hörte  der  münich  zuo  in  dem  walde  in  woluste  und  in  grösser  fröiden  und 
wunnen  zwei  hundert  jöre,  und  dar  noch  floug  der  fogel  enweg  und  wart 
men  euch  eine  glocke  Hütende.     Er  gedöhte:  daz  ist  zuo  der  messe  ge-  30 
liutet,  gang  heim.     Er  ging  wider  zuo  dem  clöster,  er  wart  kume  enpfan- 
gen,  wenne  in  bekante  dö  nieman  und  er  enbekante  ouch  nieman  und  er 
enwuste  nit,  wie  ez  gefarn  was.    Men  suochete  in  dem  selebuoche  und  vant 
sinen  namen  dar  an  und  rechetent,  daz  es  zweihundert  jör  was,  daz  man  in 
verlor  und  ouch  nieman  enwuste,  war  er  bekomen  were.     Sit  nuo  dem  36 
bruoder  in  eime  doetlichen  libe  von  einem  deinen  fögelins  sänge  die  lange 
zit'alsö  kurz  dühte,  waz  würt  denne  von  dem  milten  Jesu  und  von  der 
vunneklichen  schar  der  heiigen  anegesihte? 


432  FRANZ  PFEIFFER 

24. 

(116*)  Es  was  ein  kint  ein  knebelin  nohe  bi  Burgundien  in  dem 
lande  in  eime  closter  sant  Benedicten  orden.  Es  was  von  der  zit  daz  es 
US  der  wagen  kam  einfaltekliche  und  unschadeber  von  guoter  gewonheit 
Der  appet  in  dem  selben  closter  lies  durch  guot  daz  knebelin  kurzewile 
hon  mit  schimpfe  und  mit  ander  hübescheit.  Ettewenne  hies  er  es  hin  us  5 
gon  mit  den  sinen,  do  men  die  pfert  besluog  vor  dem  hüse,  do  denne  der 
smit  gesessen  was.  Den  jungen  bruoder  den  wunderte  von  einfaltikeite, 
waz  es  were,  wanne  er  nie  kein  glüegende  isen  me  hette  gesehen.  Er  nam 
daz  isen  also  glüegende  in  sine  hant  blös  ön  alles  bürnen  und  öne  smerzen 
.der  hende,  er  huop  es  üf  und  handelte  es  wie  er  wolte.  Dar  umbe  erschrag  lo 
der  appet  und  alle  die  bi  ime  worent,  siu  ahtent,  wie  schalkber  und  wie 
einfaltig  er  were.  Siu  brochtent  es  dar  zuo,  daz  er  anderwerbe  versuochet 
wart  an  der  gedät,  siu  ahtent  in  für  (116")  einen  guoten  jungen  bruoder. 
Dö  noch  wart  der  apt  und  die  sinen  unmüessig  von  andern  sachen«  Zuo- 
hant  dö  ging  der  junge  bruoder  hin  in  in  daz  hüs  innewendig.  D6  sach  15 
er  des  smides  frowe  sitzen  mit  eime  kindelin ,  daz  hette  siu  üf  ir  schösse. 
Ez  wunderte  aber  den  jungeling,  wie  er  mit  eime  kleinen  kindelin  die  frowe 
sach  sitzen;  er  gesach  nie  kein  kindelin  me.  Er  spilete  und  hette  hübsche 
kurzewile  mit  dem  kinde.  Die  frowe  wart  von  irire  krangheite  geneiget  und 
gereisset  zuo  sünden  an  dem  jungen  bruoder.  Siu  sprach  zuo  ime,  obe  er  20 
ein  solich  kindelin  wolte  hän.  Er  sprach:  *nie  kein  ding  hette  ich  also 
gerne.'  Siu  nam  in  zuo  hant  dö  siu  sach,  daz  er  also  einfaltig  was,  und 
ISrte  in  mit  unkiuschekeite  umbe  gän  und  bröhte  in  dö  zuo  den  werken  der 
gedät,  und  siu  sprach:  *mit  solicher  gedät  werdent  kindelin.*  Der  junge 
bruoder  der  was  beroubet  siner  megetlicher  reinekeit.  Er  ging  hin  üs  und  25 
wolte  aber  daz  glüegende*)  isen  handeine  mit  blosser  hant,  also  er  von 
erste  det  Er  wart  swerliche  und  vaste  verbrant,  (116*)  Er  schrei  vaste 
und  sere  gar  lüte.  Der  appet  wart  betrüebet  zuo  möle  vaste.  Ez  wun- 
derte in  und  gedöhte  in  sime  gemüete,  daz  des  jüngelinges  sele  innewendig 
were  verseret,  daz  niüeste  vil  lihte  machen,  daz  er  üssewendig  gebrant  so 
hette  erlitten,  unde  also  in  sin  unschulde  und  sine  einfaltikeit  vor  aller 
missedöt  e  bedecket  und  behüetet  hette  vor  dem  fiure,  so  were  es  dö  noch 
umbe  in  anders  gefaren,  daz  er  von  dem  glüegenden  *)  isen  dö  noch 
verbrant  were  so  vaste.  Der  appet  der  fuorte  in  in  daz  münster.  Er 
frögete  in  minnenkliche  und  güetliche,  daz  er  ime  die  wörheite  seite,  waz  35 
ime  beschehen  were  in  kurzer  stunden.  Er  seite  ez  ime  einfaltekliche  die 
gedät,  die  er  mit  der  frowen  begangen  hette.  Dö  noch  also  er  gehörte 
undvernam,  daz  ez  sünde  was,  er  weinde  vaste  und  sere  den  grossen 
schaden,  der  ime  beschehen  was  von  der  missedät,  und  erschrag  gar  innekliche. 

*)  gliegende  Es, 


FREDIOTMÄRLEIN.  433 

26.  9 

(IIS')  Ein  ritter  der  stuont  öf  von  stner  frowen  eines  nahtes  dö  ein 
angewitter  was,  er  ging  2ao  einer  andern  frowen  und  beging  dö  sünde  und 
missedät.  Und  der  noch  dd  der  möne  wart  schinende,  er  ging  wider 
(11 9')  heim  zno  sime  hüse,  und  do  er  wolte  gön  in  sin  hüs,  sin  gliche 
frowe  die  erschrag,  sin  bedühte,  wie  siu  eins  manschen  antlitz  durch  ein  5 
fenster  sehe  und  siu  rief  vaste  und  grüsselich  mit  heller  stimme,  und  von 
dem  rnefende  wart  daz  gesinde  des  selben  hüses  zuo.  samene  ^)  loufende. 
Zuo  haut  bedühte  siu,  wie  ez  ir  herre  wäre.  Siu  ruofent  zuo  samene,  er 
were  ')  von  dem  tiufel  verleitet.  Dö  daz  der  (ritter)  ersach ,  er  verkSrte 
sin  antlitze  und  wolte  es  ungestellet  machen,  also  obe  es  ein  ander  wSre.  lo 
Er  wart  von  gottes  urteil  und  von  sin  er  sünden  unde  ime  selben  zuo  un- 
eren  ungeschaffen  also  ein  vihe,  dar  umbe  verbarg  er  sich  bitze  früege  und 
dö  ilete  er  zuo  der  kirchen  und  klagete  er  dem  liupriester  sine  missetät. 
Er  bat  in,  daz  er  got  über  sine  missedöt  bette,  daz  im  got  sin  erste  gestalt 
Bins  antlittes  wider  gebe.  Und  dö  zuo  der  selben  stunt  wolte  daz  vihe  üs  15 
gön  zuo  weiden,  die  rinder  und  die  pfert.  Dö  daz  selbe  vihe  noch  dö  verre 
zao  ime  hettent,  dö  huobent  sin  zuohant  an  und  luogetent  und  die  pfert 
die  wihettent  in  glicher  wise ,  also  obe  siu  sich  vorhtent  von  griusselne 
(119^)  an  sin  er  anegesihte.  Daz  vihe  liefe  alles  hünder  sich  und  fluhent 
ond  daz  selbe  döten  euch  die  hirten  und  alle  die,  die  ime  engegen  gingent,  1H> 
die  fluhent.  Der  liupriester  der  sas  an  der  kirchtören  und  wolte  sin  tage- 
zit  sprechen,  und  zuohant  dö  er  in  ersach,  er  mähte  ein  criuze  für  sich  und 
ging  in  die  kirche  und  beslöss  noch  ime  die  kirchture  zuo.  Der  ritter 
der  streckete  sich  für  die  kirchture  und  sprach:  'lieber  herre,  erbarment 
ioeh  über  einen  unseligen  sünder.  Ich  bin  nit  der,  dar  für  men  mich  siht,  25 
es  ist  mir  beschehen  von  miner  sünden  wegen.'  Und  zuohant  dö  der  ritter 
mit  also  wunderlicher  pinunge  mit  ime  selber  det  und  mit  weinenden  trehe- 
nen  sine  sünde  mit  grossem  r&wen  bihtete  die  mere  und  die  schände ,  die 
er  mit  siner  missedöt  verdienet  hette,  dö  wart  ime  abe  geweschen  und  ganz 
vergeben,  und  dö  wart  ime  euch  wider  gegeben  die  örste  gestalt  sins  so 
antlitzes  mit  siner  eigenen  formen  in  der  selben  wise,  also  er  vor  was,  und 
dar  noch  wart  er  guot  und  besserte  sin  leben  und  erte  got  und  vorhte  in. 
Also  (119")  wart  er  von  jamerlichen  flecken  und  von  üssern  flecken  von 
des  libes  gebresten  mit  der  bihte  gereiniget. 

26.      . 

(120')  Her  Philips,  der  dö  was  ein  guoter  meister  der  geschrift,  und 
er  was  canzeler  zuo  Paris,  dö  er  von  siechtagen  der  zuo  kam,  daz  ersterben  95 

*)  samende  Ht. 
*)  was  Ä. 

•■BHAHIA  U|.  28 


434  FRANZ  PFEIFFER 

w^te,  der  bischof  von  Paris  der  kam  selber  zuo  ime,  daz  er  in  getroestete 
ambe  siner  seien  heil  und  ime  zno  helfe  keme.     Der  bischof  bat  den  can- 
zeler,  daz  er  sine  gotes  göben  üf  gebe  ime  in  sine  hant  und  Eine  gottes 
gobe  behüebe  und  daz  ouch  mit  guotem  willen  dete ,  und  were  es ,  daz  er 
wider  gesunt  würde ,  er  wolte  ime  sine  beden  kint  besorgen  und  ime  also  5 
vil  wider  geben  sins  eigenen  guotes,  also  vile  er  üf  Hesse  durch  siner  »seien 
heiles  willen.     Er  sprach,  er  wolte  es  nit  duon,  und  sprach,  obe  es  denne 
Sünde  (120*)  were,  daz  men  vil  gottes  goben  hette,  oder  verdampnet  dö 
von  würde  ?  und  also  starp  er,  und  über  unlang  dar  noch,  do  der  selbe  bi- 
schof von  Paris  mettin  hette  gesprochen  und  betten  wolte,  er  sach  zwüschent  lo 
ime  und  deme  liehte  alse  eine  schettewe  eins  menschen  gar  swarz.     Er 
huop  sine  hant  üf  und  segente  sich.     Er  sprach:  *ich  gebiute  dir,  daz  du 
mir  sagest,  wer  du  bist,  obe  du  von  gotte  bist  her  komen.'     Er  erschein 
ime  und  antwurte  ime ;  *ich  bin  frömede  von  gotte  und  von  allen  seiden 
und  bin  doch  sine  wunderliche  hantgedat.'     Der   bischof  sprach:  'wer  i5 
bistu?*  Er  sprach:  ^ich  bin  der  canzeler,  der  lange  zit  der  unseligeste  ist 
gewesen.'   Der  bischof  sprach  ander  werbe  siufzende  mit  lüter  stimmen: 
'wie  ist  dir,  daz  du  so  gross  jamer  und  leit  lidest?*   Er  sprach:  'ich  bin 
verdampnet  also  die  aller  bcesten  mit  dem  ewigen  töde.'    Der  bischof 
sprach:  *owe  und  ach,  wo  von  kummet  daz,  'daz  du  sust  verdampnet  bistf  20 
Er  sprach:  (120")  *ez  sint  drige  Sachen.     Eine  ist,  daz  ich  daz  überige 
gelt  und  gülte,  des  ich  niht  bedorfte,  nit  mit  armen  liuten  teilte  und  es  in 
gap,  und  ich  es  in  grites  wise  üf  hüffete.     Die  ander  sache  die  ist,  daz  ich 
wider  daz  reht  und  wider  daz  urteil  grosser  wiser  *)  meister  von  den  ge- 
gesetzeden  des  rehtes,  daz  men  nit  vil  kirchen-  und  gottesgoben  mit  rehte  25 
mag  gehaben,  daz  ich  do  wider  frefenliche  det  und  siu  beschirmete.     Dar 
an  det  ich  dcBtliche  sünde  mit  grösser  schulde.     Die  dritte  sache  ist,  daz 
ich  mit  unkiuschekeite  über  die  rehte  mosse  swerliche  ^nd  tiuffeliche  ge- 
sundet hau,  und  die  sünde  was  die  swereste  und  die  groeste  under  disen 
*drien  sünden.'     Er  sprach  zuohant  ander  werbe  zuo  dem  bischoflfe:  'ist  der  so 
weite  keine  zale  oder  mag  siu  ein  ende  genemen?'   Der  bischof  sprach: 
'mich  wundert,  daz  du  der  hast  geierteste  man  .were  und  du  daz  frogest, 
wie  du  mich  sihest  lebende  und  wir  alle  sterben  müessent  die  noch  lebent, 
ez  ist  ein  notdurft  des  jüngesten  gerihtes,  e  [si]  denne  (120*)  die  weit  ein 
ende  habe.*  —  'Herre  der  bischof,   es  habe  iuch  nit  wunder:  wer  in  die  35 
helle  kummet,  der  het  nit  kunst  noch  wisheit  oder  bescheidenheit.'     Und 
do  er  daz  gesprach ,  die  schettewe  verswant  vor  sinen  ougen ,  daz  ez  in 
wunderte.     Der  bischof  der  bredigete  es  der  noch  in  siner  bredigen  den 
pfaffen.     Er  sprach,  er  hette  es  selber  gesehen.     Er  kündete  es  ganz  und 
gar  in  allesament  waz  er  dd  gesehen  hette.  40 


PKEDIGmAALEm.  4S5 

27. 

(120*)  Einem  pfaffen  wart  gebotten ,  daz  er  solte  bredigen  in  einer 
samenniige  der  bischoffe,  dö  sin  bi  ein  ander  wörent  und  zno  röte  woltent 
werden,  waz  der  cristenheite  nütze  w^re.  Der  pfaflfe  was  besorget  und 
hette  angest,  waz  er  würdiklichen  vor  solichen  vorhoubeten  und  preläten 
der  cristenheite  solte  bredigen ,  und  dö  er  an  sime  gebette  lag ,  got  siner  5 
gnöden  zuo  bittende,  der  tiufel  kam  zno  ime  und  sprach:  'waz  hestu 
angesty  daz  du  disen  pfaffen  und  bischöffen  bredigen  solt?  Sage  in  dis 
und  kein  anders  und  sprich  also:  die  (121*)  helleschen fursten  die  dankent 
und  gnödent  mit  irme  gruosse  den  fursten  der  cristenheite,  wir  helleschen 
fursten  sint  alle  sament  frö  und  sagent  iuch  dank,  wanne  mit  iuch  preläten  lo 
und  bischöffen  wer^ent  ir  und  äwer  underdön  uns  geantwurtet  und  von 
iuwer  versumunge  zuo  uns  braht  vil  bi  alle  die  weit  Ich  sage  es  dir  un> 
gerne,'  sprach  der  tiufel  zuo  dem  pfaffen,  'dis  ding  und  dis  gedät,  wann 
daz  ich  ez  von  gottes  geheisse  muoz  tuon  und  ez  betwungenliche  tuo.' 
Der  pfaffe  der  antwurte  und  sprach:  'bredige  ich  dis  und  sage  ez  in,  so  15 
engloubent  siu  es  mir  nit/  Der  tiufel  der  ruorte  ime  sinen  backen,  er 
sprach:  'sich,  dise  swerze  an  dime  antlitze  daz  ist.  ein  wörzeichen,  daz  dö 
ungewönhch  ist.  Dis  zeichen  soltu  nit  rüeren,  e  du  gebredigest,  wanne 
ez  were  dir  kein  nütze  die  wile  dran,  und  noch  der  bredigen  so  soltu  es  mit 
wihewasser  abe  weschen/  Der  pfaffe  ging  enweg  und  wolte  den  bischöffen  20 
und  den  preläten  bredien,  also  er  ouch  det.  Daz  swarze  zeichen  an  sime 
backen  verwunderte  siu  allesament.  Er  brediete  (121^)  nüwent  daz  er 
geheissen  was,  er  bewegete  ir  herze  zuo  grösser  vorhte  und  zuo  eime 
grusselnde,  daz  siu  erschräckent  und  got  desto  me  für  ougen  hattent  Dis 
wart  zuo  Paris  gekündet  und  gesaget  vor  aller  der  pfaffbeit  und  ouch  dem  25 
andern  volke,  dö  men  von  gottes  gebürte  zalte  des  selben  jöres  tüsent 
'  und  zweihundert  und  ahtzehen  jöre.  Alle  menschen  gedenkent  dar  an  und 
hnetent  sich  vor  Sünden. 

28. 

(1220   In  der  gegene  bi  Köllen  zuo  Bunne  dö  was  eins  priesters 
firiundin  oder  ein  zuofrowe.     Der  pfaffe  erhieng  sich  selber.     Die  frowe  ao 
erschrag  des  förhtenlichen  tödes,  siu  kam  in  ein  frouwenclöster.   Der  tiufel 
versuochete  siu  mit» etlichen  werten,  die  zuo  liplicher  süntlioher  minne 
b(Brent.     Siu  huop  stetekeit  ires  gemüetes.     Er  kam  flissekliche  zuo  ir, 
er  ving  an  mit  solicher  rede:  'guote  Adelheit,  volge  mir,  so  wil  ich  dich 
machen  der  &ouwen  meisterin.'    Und  dö  er  naht  und  tag  ir  nach  ging  mit  35 
bcBsen  reten ,  siu  mähte  ein  zeichen  des  heiligen  criuzes  vor  ir  oder  be- 
sprengete  sich  mit  wihewasser.     Er  fuor  enweg  eine  kleine  wile  und  kam     ^ 
zuohant  her  wider.     Siu  nam  rät  von  eime  bidermanne ,  daz  siu  solte  daz 


436  FRANZ  PFEIFFEB 

ave  Maria  sprechen ,  sprach  er^  and  dd  sia  daz  gesprach,  er  fidch  (122') 
gar  swinde,  also  were  er  tro£fen,mit  eime  schösse,  und  getorste  nit  näher 
bas  kämmen,  and  enliess  sia  doch  nit  gar  mit  einander  der  von.  Do  wart 
ir  geraten,  daz  siu  irme  prior  solte  bihten  dangnemelickc,  also  würde  sia 
mit  einander  baltliche  erloeset  von  deme  tiafele  and  von  sime  gespenste.  5 
Und  dö  sia  zao  bihte  wolte  gän,  dö  ging  ir  der  tiafelengegene  and  sprach: 
'Adelheit,  war  gesta?*  Sia  sprach:  'ich  gö  daz  ich  dich  geschende.'  Er 
sprach:  *nit  tao  es,  kere  wider.'  Sia  sprach:  *da  best  mich  dicke  geuneret 
and  geschendet,  nao  wil  ich  dich  zao  laster  and  zno  schänden  bringen.""  Er 
enknnde  sin  mit  süessen  Worten  noch  mit  trowende  dar  zao  nit  bringen,  io 
daz  sia  der  von  wolte  sin,  er  ging  ir  als  noch  anze  zao  der  stat ,  dd  sin 
bihten  solte  und  oach  wolte ,  er  floag  in  dem  lafte  über  ir  also  ein  wihe. 
Dö  sia  iren  mant  üf  gedet  zao  bihtende ,  er  rief  and  verswant  and  enwart 
dö  noch  von  ir  nie  me  gesehen  noch  gebeert. 

29. 

(123**)  Ein  ritter  der  was  begraben,  der  was  genant  Friderich  von  15 
KöUen.     Er  erschein  eime  (1230  bargere  von  Andernach  üf  eime  gar 
swarzen  hantrosse,  and  von  sinen  naselöchern  gingent  us  flammen  and 
roach  and  es  was  bedecket  mit  schäffes  blatten  and  bette  einen  ha£fen 
erden  üf  siner  ahsseln.     Der  burger  sprach  zao  ime:  *sint  ir  es,  her  Fri- 
derich?'  Er  sprach:  *ich  bin  es.'     Er  sprach:  'wannän  kämmen  ir?   waz  20 
sint  die  zeichen,  die  ich  sihe?'   Her  Friderich  sprach:  'ich  bin  in  den 
groBsten  pinen.     Dise  hiate  nam  ich  einer  wittewen,  die  büment  mich  gar 
-vaste.     Dö  noch  sihesta  üf  minen  ahsseln  einen  hüffen  erden,  daz  was  ein 
teil  eines  ackers,  daz  mir  anreht  wart  gegeben  zuo  kouffende:  von  des 
laste  und  bürde  wurde  ich  getrucket.     Geben t  dö  mine  kint  daz  wider,  s6  25 
würde  mine  pine  vaste  geminret.'     Und  also  dö  verswant  er.    Dö  daz  sine 
kint  hörtent  von  dem  bargere  des  vatters  wort  and  sine  klage,  sia  woltent 
e  daz  er  in  der  ewigen  pinen  were  denne  sia  daz  guot  wider  göbent. 

30. 

(160")  Ein  ritter  hies  her  Walther  von  Birberg.  Dö  er  was  in  der 
blüegenden  jugeut  weltlicher  ritterjschefte,  in  der  er  manhaft  und  nötveste  30 
zuo  den  eren  was,  er  huop  an  von  sinen  kintlichen  tagen,  daz  er  anser 
frowen  vor  ougen  hette  und  liep,  er  erte  siu  mit  flissigem  dienste  zuo  allen 
ziten.  Der  selbe  herre  faor  zuo  einer  zit  zuo  einem  turnei  dö  nöhe  bi. 
Er  hette  mit  ime  in  siner  schar  vil  ritter.  Siu  rittent  und  fuorent  für  eine 
kirche,  er  manete  siu,  daz  siu  die  messe  hörtent.  Es  was  in  nit  wole  zuo  35 
muote,  siu  enhettent  nit  andäht  der  zuo  und  spröchent:  'wir  süment  uns 
•  zao  lange.'  Siu  fuorent  alle  enweg,  aber  er  bleip  aldö,  er  hies  ime  eine  messe 
sprechen  von  unser  frowen  and  opferte.     Dö  die  messe  üs  kam,  er  reit 


P&EDIQTMÄRLEIN.  437 

alleme  noch.  Ime  bekament  vil  Hutes  en gegen  gände  und  spröchent,  der 
tarnei  w£re  zergangen.  Er  frögete,  wer  der  beste  w^re?  Sin  sprdcheot: 
'her  Walther  von  Birberg,  den  hänt  alle  die  linte  für  den  besten  zuo  ere 
and  (160')  zno  lobe.^  Sd  köment  aber  an^er  liute  und  vil  liutes,  die 
spröchent  ouch  alle  sament  also.  Es  nam  in  wunder,  wie  es  sich  also  s 
fäogete  oder  waz  es  were.  Er  kam  doch  zuo  der  selben  stat  gewoffent  mit 
andern  rittem  und  fnor  der  ritterschefte  noch,  er  det  doch  wenig  manheite 
oder  grösser  eren.  Do  der  tumei  zergangen  was,  etliche  ritter  fuorent 
in  sin  herberge  dar  umb,  daz  er  in  gnöde  und  miltikeit  erzöugete.  Siu 
spröchent,  daz  sin  von  ime  in  dem  tumei  gefangen  werent  und  in  dem  ritter-  lo 
spiL  Er  sprach,  es  wer  nit  war:  'ich  enving  üwer  nit.'  Siu  antwurten: 
'in  der  wdrheite,  wir  wurdent  uwer  hantsiege  gewar  hiute  und  söhent  üwer 
ritterlichen  zeichen  dd  und  hörtent  üwer  stimme  dö.'  Er  bekante,  daz 
daz  beschehen  was  von  der  gnoden  unser  lieben  frouwen. 

31. 

(205*)  Es  was  ein  reicher  herre  und  hatte  der.  ein  emigen  sun  und  m 
was  ime  der  üsser  müssen  liep.     Und  dö  der  sun  gewuohs  und  zuo  sinen 
tagen  kam,  dö  lustet  in,  daz  er  gerne  andere  laut  hette  gesehen,  und  bat 
sinen  vatter,  daz  er  in  liesse  andere  lant  gesehen,  daz  er  ime  erloubete 
zerfarende.    Dis  was  sime  vatter  swere  und  leit,  und  bat  den  sun  zuo 
blibende,  und  hette  in  gerne  gewendet.   Dis  enmöhte  nit  sin,  der  sun  wolte  20 
der  verte  nit  abe  gön  oder  sin.    Dö  der  vatter  sach ,  daz  es  nit  anders 
möhte  sin,  dö  sprach  er:  'lieber  sun,  sit  du  nuo  nit  enberen  wilt  du  wellest 
vam ,  so  wil  ich  dir  zwei  ding  befelhen ,  daz  du  die  stettekliche  an  dir 
habest,  war  du  kumest     Daz  eine  ist,  daz  du  niemer  tag  öne  messe  solt 
gesin  so  du  es  getuon  mäht.  ^)   Daz  ander  ist:  war  du  komest,  zuo  welher  25 
hSrschaft  du  iemer  komest,  obe  du  eime  herren  werdest  dienende,  so  soltu 
war  nemen  wanne  din  herschaft  betrüebet  sint  und  ungemuot  sint,  so  soltu 
ouch  ungemuet  sin;  wanne  siu  aber  froelich  und  wol  gemuot  sint,  so  soltu 
mit  in  froelich  sin.'   Diser  jungeling  sprach:  'vatter,  daz  wil  ich  tuon,'  und 
nam  urlöp  zuo  sinem  vatter  und  fuor  enweg  und  kam  in  ein  lant  und  wart  so 
dö  dienende  eime  herren  und  diende  dem  harren  und  siner  (2.06^)  &owen 
so  wol,  daz  siu  in  gar  liep  und  wert  hettent,  und  det  als  in  sin  vatter  ge- 
heissen  hette:  so  er  sine  frowe  und  sinen  herren  betrüebet  sach,  so  was 
er  ouch  betrtiebet,  so  er  siu  froelich  sach,  so  was  er  ouch  froelich. 

Nuo  was  ein  ander  diener  ouch  dö  in  des  selben  herren  hof ,  der  was  35 
röt,  den  verdrös  gar  sere,  daz  dirre  jungeling  also  wert  dö  ze  hoffe  was 
und  daz  in  der  herre  und  sin  frowe  also  liep  hattent,  und  gedöhte,  wie  er 
disen  jungeling  möhte  verleiten  gegen  sime  hörren,  und  hette  war  genomen. 


^)  mast  A. 


43S  rttAN2  PFEIFFER 

wie  dirre  Jüngling  alle  zit  trArig  was  so  sin  hSrre  nnd  dtn  fi*owe  trftrig 
%6rent,  und  gie  der  zuo  sime  hörren  und  sprach;  *herre,  icb bin  iuch  truwe 
schuldig,  ich  sol  iüch  billiche  warnen  vor  uwerem  schaden,  wo  ich  den  weis,' 
und  sprach:  *herre,  do  ist  üwer  diener  dirre  jüngeling,  dem  ir  dö  also 
heimlich  sint;  so  sönt  ir  wissen,  daz  der  mit  uwer  frowen  zuo  schaffende  s 
het,  und  han  ich  daz  wol  war  genomen'  Dö  sprach  der  herre:  *dis  mag 
ich  nit  gelouben ,  dar  zuo  getrdwe  ich  ime  ze  wol  mtnes  libes  und  mins 
guotes.'  Dd  sprach  der  Röte:  'herre,  ich  wil  iuch  es  bewisen,  daz  ir  es 
befindent  daz  es  wor  ist*  — 'Wie  mag  ich  daz  befinden?'  sprach  der  herre. 
Do  sprach  der  Rote :  'herre,  do  süllent  ir  mit  (205*)  uwer  frowen  einen  lo 
krieg  ane  haben  und  süllent  ir  einen  beckeling  geben,  daz  siu  betrüebet 
werde:  so  befinden  ir  daz  dirre  jüngeling  leit  und ungemach und  ungemüete 
mit  ir  het'  Der  heiTe  det  also  und  huop  einen  krieg  mit  siner  frowen  an 
und  wart  der  krieg  also  starg,  daz  er  ir  einen  beckeling  gab.  Und  dö  er 
die  frowen  gesluog ,  so  wart  die  frowe  trurig  und  ungemuot.  Der  herre  i5 
nam  sin  war,  wie  der  jüngeling  sin  diener  geboren  wolte.  Dö  sach  er,  daz 
der  jüngeling  ouch  gar  trurig  und  ungemnot  was ,  also  in  sin  vatter  ge- 
leret  hette.  Der  herre  der  erschrack  und  gedöhte,  daz  es  wör  wäre  alse 
ime  der  Röte  geseit  hette.  Dö  kam  der  Röte  zuo  dem  hörren  und  sprach: 
*herre,  wie  dunket  iuch  nuo?  weder  hän  ich  wör  geseit  oder  nit?'  Dö  sprach  20 
der  herre:  'es  ist  wör,  es  dunket  mich  an  siner  gebärden.  Nuo  rot  zao,' 
sprach  der  herre  zuo  dem  Röten  'wie  wir  ime  getuont,  daz  wir  sin  ledig 
werden  und  in  gedoetent.'  Der  Röte  sprach:  'herre,  dö  wil  ich  iuch  einen 
guoten  rot  zuo  geben.  Ir  haut  einen  kalgofien  hie  nöhe  ligeade,  dö  snllen 
ir  senden  noch  den  oflPenknehten  und  süllent  in  (206*^)  bevelhen :  der  erste,  25 
der  morne  fruoge  zuo  in  kome  von  üwem  wegen  und  zuo  in  spreche,  obe 
siu  getön  habent  daz  ir  siu  geheissen  hänt,  daz  siu  denne  den  selben 
nement  und  in  für  sich  in  den  offen  stössent^und  in  verbrennent,  er  si  wer 
er  si,  und  gebietent  in  daz  bi  üwem  hulden.  Und  so  ir  in  daz  bevelhent, 
so  sendent  denne  disen  jüngeling  dö  hin,  so  werdent  ir  sin  ledig.'  Der  so 
hörre  sprach:  'du  hast  mir  wol  und  reht  geröten.'  Der  herre  sante  noch 
sinen  offenknehten  und  sprach  zuo  in:  'ir  hörren,  ich  gebiute  iuch  bi  minen 
hulden  und  bi  üwerme  libe  und  bi  uwerme  lebende ,  der  erste  der  morne 
früege  zuo  iuch  kumme  für  den  offen  und  spreche  zuo  iuch:  hänt  ir  getön 
daz  iuch  min  herre  bevolhen  het?  daz  denne  den  nement  und  in  verbrennent  35 
in  dem  offen,  er  si  wer  er  welle,  und  wissent,  duont  ur  des  nit,  daz  .ir 
darumbe  sterben  müessent.'  Siu  spröchen:  'herre,  daz  sollen  wir  tuon,' 
und  gingen  wider  heim  zuo  dem  ofen.  Des  morgens  früege  dö  sprach  der 
herre  zuo  dem  jungelinge  sime  knehte:  'var  hin  zuo  dem  kalgofen  und  sprich 
zuo  den  ofen(206')knehten,  obe  siu  getön  h&nt,  als  ich  in  gestern  befalch?'  40 
Der  jüngelmg  sprach :  'herre ,  ich  tuon,'  und  sas  uf  sin  pfert  und  reit  Un 
und  wolte  zuo  dem  ofen.  und  dö  ^r  üf  die  strösse  kam,  dö  hörte  er  ist  einer 


PBEDIGTMlRLEIN.  439 

cappellen»  die  stant  üf  der  strdssen,  liaten  zdo  einer  messen.     Dd  ge- 
döhte  er  an  sines  vatters  lere,  daz  er  tages  solte  eine  messe  hoeren,  und    « 
dohte:  'g&  in  die  cappelle  und  hoer  die  messe  ^  du  kummest  noch  danne  in 
zit  genuog  dö  bin,'  und  gie  in  die  cappelle  und  hdrte  die  messe.    In  disen 
dingen,  die  wiie  er  die  messe  horte,  daz  geriet  sich  etwaz  lange  verziehen   5 
von  der  messe  wegen ;  dö  gedöhte  der  Röte ,  daz  er  ietzent  wol  verbrant 
were,  und  sprach:  'herre,  ich  wil  riten  zuo  dem  ofen  und  wil  gesehen,  wie 
es  diseme  ergangen  si,'  und  reit  hin  zuo  dem  ofen.  Noch  dö  was  der  junge- 
ling  nit  zuo  dem  ofen  komen,  wan  in  die  messe  sümde.     Und  dö  der  Röte 
zno  dem  ofene  kam,  dö  sprach  er  zuo  den  ofenknehten:  'ir  herren,  haut  ir  lo 
getön  daz  iuch  min  herre  befolhen  het?*   Sin  spröchent:  'nein,  wir  haut 
es  noch  nit  getön,  (206**)  wir  wellent  es  aber  tuen,'  und  nöment  den  Röten 
und  stiessent  in  für  sich  in  den  ofen.     Er  schre  vaste  und  sprach,  er  en- 
wSr  sin  nit.     Die  knehte  spröchent,  siu  wustent  wol,  waz  siu  ir  herre  ge- 
heissen  hette,  daz  wolten  siu  euch  tuen.     Der  Röte  wart  in  dingen  (?).  15 
Dö  was  die  messe  gesprocljen ,  die  der  jüngeling  dö  hörte  in  der  capellen, 
dö  sas  er  üf  sin  pfert  und  reit  hin  zuo  dem  ofen  und  wolte  sine  botschaft 
werben,  als  in  sin  h^rre  geheissen  hette.     Dö  er  zuo  dem  ofen  kam »  dö 
sprach  er  zuo  den  knehten:  Mr  hörren,  hont  ir  getön  daz  iuoh  min  hörre 
befolhen  het?'   Siu  spröchent:  ^'jö,  wir  h&nt  es  getön:  er  lit  in  disem  ofen  20 
hie  und  brennet  in  dem  fiure.'   Der  jungeling  sprach:  'wer  brennet  in  dem 
fiure?'   Siu  spröchent:  'daz  tuot  der  Röte."   Dirre  jungeling  der  erschrack 
and  gedöhte ,  daz  es  über  in  solte  sin  gegangen ,  und  gedöhte  dö  zuo  im 
selber:  'herre  in  himelrich,  wie  mag  dis  komen?  nuo  enweis  ich  doch 
niutzit  uf  mir,  dö  mitte  ich  daz  verschuldet  habe.     Wie  mag  dis  komen?'  2» 
und  gedöhte:  'har  umbe  wil  ich  doch  minen  herren  nit  fliehen,  sit  ich  niut 
uf  mir  weis,'  und  faor  hin  wider  heim.     Dö  in  der  (206")  herre  ersach,  dö 
erschrack  der  hSrre  gar  sere  und  gedöhte  dö,  daz  es  übel  gefarn  was»  und 
sprach  zno  dem  jungelinge,  wie  es  gefarn.     Dö  sprach  der  jungeling: 
'herre,  dö  hont  siu  den  Röten  verbrant  in  dem  ofen.'  Dö  sprach  derhörre:  so 
'wie  komet  daz,  daz  der  Röte  verbrant  ist:  es  solte  doch  dir  geschehen  sin? 
Wo  sumdest  du  dich,  daz  er  e  dar  kam  dann  du?'     Dö  sprach  der  junge- 
ling: 'herre,  daz  wil  ich  iuch  sagen.     Dö  ich  üf  die  strösse  kam,  dö  hört 
ich  hüten  zuo  einer  messe  in  der  cappellen,  die  dö  üf  dem  wege  stöt.     Dö 
gedöhte  ich:  hoere  die  messe,  du  kumest  noch  denne  wol  zuo  dem  ofen,  95 
und  hörte  die  messe;  hie  zwuschent  kam  der  Röte  zuo  dem  ofen,  —  und 
wü  iuch  sagen,  hörre,  wie  daz  kam,  daz  ich  die  messe  hörte.     Dö  ich  von 
minem  vatter  schiet»  dö  befalcb  er  mir  zwei  ding,  daz  ich  die  tuon  solte 
alle  zit.     Daz  eine  daz  was;  war  ich  iemer  keme  zuo  dienende,  so  ich 
denne  mine  hörschaft  trürig  und  ungemuot  sehe,  so  seit  ich  mit  in  trürig  40 
sin;   so  aber  ich  siu  wolgemuot  sehe,  so  solt  ich  mit  in  froBlich  und  wol- 
gemoot  (206*)  sin.     Daz  ander  was,  daz  ich  niemer  tag  solte  geldssen, 


440  FRANZ  FFEIFF£B 

ich  solle  alle  tage  eine  messe  hoeren,  so  ich  es  getoon  möhte.  Dd  ich  do 
Jiörte  zuo  der  messe  liaten,  do  gedohte  ich  an  mines  vatter  lere  und  horte 
die  messe.'  Und  dö  der  herre  des  jüngelingesrede  vemam  von  den  zwein 
Sachen,  die  ime  sin  vatter  befolhen  hette,  dö  gedohte  er,  daz  er  rehte  sache 
gefueret  hatte ,  das  truren,  daz  er  do  det  von  siner  frouwen  wegen,  als  5 
ime  der  Rdte  hatte  geseit,  daz  er  daz  in  gnoter  meinunge  geton  hatte 
von  der  l&ve  wegen,  als  ime  sin  vatter  befolhen  hette,  nnd  erkante  der  herre 
dö,  daz  er  unschaltig  was  an  den  Sachen ,  die  ime  der  Röte  hette  geseit, 
und  daz  es  ime  der  Röte  durch  vigentschaft  hette  getön.  Und  was  der 
herre  frö,  daz  dirre  jangeling  lebende  was  beliben ,  und  hette  in  dö  verre  10 
lieber  denne  er  vor  in  je  gehette.  Dö  von  sol  euch  ein  iegelich  mensche 
Diemer  öne  messe  gesin,  ez  süUe  tages  eine  messe  hören,  so  ez  es  getuon 
mag;  wenne  man  wil,  daz  keine  messe  nie  nützet  gesümde. 


ANMERKUNGEN  ZU  DEN  PREDIGTMÄRLEIN. 

412,  4.  hieff  =  hieb  =  hdew,  wohl  nur  verschrieben.  —  7.  erwegen» 
von  der  Stelle  briegen.  —  9.  langes  adv.  Gen.  der  Länge  nach ,  vgl.  mhd. 
W.B.  1,  931.  —  10.  widerstrit,  um  die  Wette.  —  11.  lenge^  Dat.  von  uM 
abhängig:  für  die  Länge  des  Holzes  nicht  breit  genug.  —  12.  Bckuof^  st 
Prst.  von  schöpfen,  schon  im  ahd.  bei  Tatian  45,  7.  sie  schuofen  daz  waazer^ 
hauserant  aquam  (Graff  6,  443.  44).  daa  waazer  schuof  er  selbe  Exodus 
Fdgr.  2,  89,  40.  Die  Stelle  aus  unserer  Hs.  hat  schon  OberUn  mitgetheilt 
in  s.  Glossar  1445.  —  13.  dfor  u/Z^^,  darauf  verlässt.   da/r  üf,  daraufhin. 

—  20.  wilde  Hute,  zügellose,  ausschweifende  Leute.  —  24.  ndhe^  wohlfeil. 

—  26.  uf  heben y  anfangen,  beginnen.  —  28.  irre  gin  c.  Gen.  heiftt  sonst 
etwas  verfehlen;  es  wird  hier  wohl  vdhJt  fehlen:  dem  Kaufe  weiche  ich  nicht 
aus?  —  30.  wirJamf»  der  Trunk,  der  zur  Bestätigung  eines  Kaufes  den  Be- 
theiligten und  Zeugen  gereicht  wird.  Vgl.  mhd.  W.B.  1,  867.  —  31.  ge^ 
raten,  anfangen:  ez  geriet  späten,  es  begann  spät  (Nacht)  zu  werden.  — 
32.  memgeltch,  quilibet,  vgl.  mhd.  W.B.  1,  972*.  Gramm.  2,  509.  70.  3,  63. 
64.  —  einer  frage  fragen,  eine  Frage  zur  Beantwortung  vorlegen.  — 
34.  bintseil,  Halfter,  Leitseil.  Diefenbachs  Glossar  97^.  —  hauwe  stf.  das- 
selbe, vgl.  mhd.  W.B.  1,  831.  — :  35.  umbe  kom^n,  ringsher  umgehen,  einen 
Ejreis  umlaufen:  als  alle  ihr  Urtheil  abgegeben  hatten.  —  37.  wol  dan,  Aus- 
ruf, wohl  auf,  allons,  vgl.  J*  Grimm,  Zeitschrift  5,  498.   mhd.  W.B.  1,  303. 

—  38.  zerren,  reißen,  auseinander  reißen,  in  ist  vielleicht  =  eis,  nicht  die 
Praep. 

413,  2.  vil  gewerbes,  es  bewarben  sich  viele  um  sie^  um  ihre  Hand* 

—  4.  spilman,  PL  spilliute,  fahrende  Sänger,  vgl.  mhd.  W.B.  2,  46. 
Wackemagel  Litt.-G.  102  fg.  —  9.  hie,  da>  nun,  so  auch;  ich  kann  hie  in 


PBEDIOTlOBLEIN«  441 

diesem  Sinne  sonst  nicht  nachweisen.  —  11.  Upbriester,  assimiliert  ans 
liutpriester,  Pfarrer,  vgl.  BL  67^  —  niemans,  diese  anorgan.  Form  ist  der 
alamannischen  Mundart  des  15.  Jahrh.  eigen  und  in  einigen  dieser  Dialecte 
noch  jetzt  gebräuchlich:  iemes  und  niemes,  \gh  Hebel  memes  rothet,  was 
Werke  1.  112.  (Glossar  zu  den  alam.  Ged.)  mhd.  WB.  2,  40.  41.  Zarncke 
zum  Narrenschiff  51,  2.  —  12.  <dse  wol  =  eben  so  wenig.  —  16.^"  wurden 
gände^  Umschreibung  für  sie  ffiengen.  —  hast^  unumgelautete  alam.  Form, 
für  hestj  vgl.  434,  32.  —  21.  ettiewie  =  etes^^  etwie;  etwie  verre^  in  ziem- 
licher Entfernung;  etwie  vile  426,  29.,  ziemlich  viele.  —  23.  verherigen^  zer- 
stören, verheeren;  mhd.  verhem,  verherjen,  verhergen:  mhd.  W.B.  1,  662. 
—  25.  ffemeirdiehe  Ai\,  mit  allgemeiner  Zustimmung?  vgl.  mhd.  W.B.  2, 
102.  —  weUez  =  welkez^  die  alamannische  Form  weUz  ist  die  gewöhnliche 
schon  bei  Motker  (Graff.  4,  1211).  —  26.  fürsmgkteste  statt  versma^teste, 
das  niedrigste,  verächtlichste«  —  ainbahty  so  lange  hat  sich  diese  ahd.  Form 
statt  des  gewöhnlichen  mhd.  ambet,  ampt  im  Elsaß  noch  erhalten ,  auch  bei 
Tauler  findet  sie  sich,  s.  Wackemagels  Lesebuch  859,  19.  vgl.  427,  21.,  om- 
bahfynany  Amtmann.  —  ein  vierteil  einer  milen  =  eine  Viertelmeile.  — 
sweigerie  stf.  Viehhof,  Sennerei,  vgl.  Schmeller  3,  531.  —  28.  ISffel,  später 
öfter  Ugelin  stn.  ahd«  Idgela ,  aus  dem  lat.  lagena^  Fässchen.  Das 
elsäfi.  6  ist  beweisend  für  die  Länge  des  a.  vgl.  mhd.  WB.  1,  929,  wo  das 
Wort  mit  kurzem  a  aufgestellt  ist.  —  32.  anderwerbe,  Adv.  zum  zweiten 
Male;  häufiger  im  mitteldeutschen,  doch  kennen  auch  oberdeutsche  Mund- 
arten diesen  Ausdruck.  —  von  ungeschikt,  durch  unglücklichen  Zufall«  — 
34.  hals,  Nacken. 

414,  2.  üsser  =  üz,  ans;  üsser  im,  schon  wie  nhd.,  was  ist  aus  ihm 
geworden.  —  4.  iü>el  geraten,  nicht  gedeihen,  missrathen.  —  5.  Idokenerin 
stf.  Zusprecherin,  Zauberin,  Hexe,  vgl.  mhd.  W.B.  1,  925.  —  6.  bekamen, 
gedeihen,  sich  erholen,  vgl.  jnhd.  W.B.  1,  904*.  —  7.  jd  wol,  bekräftigend, 
wie  nhd.  —  8.  stössen,  stecken.  —  11.  zuo  vermaohen,  verschließen.  — 
12.  zuo  vam,  rasch  herbei  kommen,  zn  Werke  gehen,  bei  Boner  öfter,  vgl. . 
mhd.  W\B.  3,  246.  —  18.  zuo  Ugen^  zunehmen,  gedeihen,  fehlt  in  dieser 
Bedeutung  im  mhd.  W.B.  1,  992*.  —  22.  versinnen,  sich,  sich  erinnern.  — 
25.  iktrüA2ru^,  Pfarrkinder.  —  gerwen^  sich,  sich  umgürten,  nämlich  die 
geistliche  Kleidung,  das  Gingulum  anlegen.  —  32.  ehte,  Adv.  nur,  immer.  — - 
33.  der,  geschwächt  aus  dar. 

415,  16.  üf  heben,  anfangen,  beginnen  (zu.  reden).  —  20.  verhören, 
verdrehen,  missdeuten.  —  21.  zuo  smblle  bringen,  lächerlich  machen.  — 
23.  lücke,  Adj.  locker,  Schweiz.  Ugg,  vergl.  mhd.  W.B.  1,  1024*. 

416,  6.  übeU^g,  Adj.  maleficus,  vgl.  mhd.  W.B.  3,  149*.  —  9.  c>  Aofo 
und  giü  hals  =  was  der  Hals,  der  Schlund,  isst,  das  soll  er  auch  gelten, 
zahlen.  —  10.  verurteilen,  wie  nhd.,  auch  bei  Tauler,  s.  Wackei:nagels  Lese- 
buch 868,  27.  —  enthoubeten,  wie  nh^.,  auch  in  Closeners  Chronik  S,«  14.— 


442  FttAN^  FTETttm 

18.  emest,  mit  dem  nnbestimmten  Artikel,  ohne  Beleg  im  mbd.  W.B.  1, 447. 
—  19.  einem  war  werden  y  an  ihm  in  Erfüllung  gehen.  —  22.  gemechede, 
stn.  Ehleute;  Gliche  gemechede  ist  eine  Tautologie;  später  Mche  Hute,  — 
26.  n&tzmty  wie  auch  ützüt  (=  niutsmut)^  alamannische  Formen  för  rdUes- 
vihty  iktesikL  —  26.  hüeltn  stn.  von  buoley  Geliebte,  hier  Kosewort:  Schätz- 
chen, fehlt  im  mhd.  W.B.  —  27.  mittenandery  die  verkürzte  alamannische 
Form  begegegnet  schon  im  12.  Jahrh.,  z.  B.  öfter  in  der  Stuttgarter  Inter- 
linearversion der  Benedictiner-Regel  (mitanander),  und  so  durch  alle  Jahr- 
hunderte bis  auf  den  heutigen  Tag.  —  34.  barelUn  stn.  mit.  hoHlluSy 
franz.  bareil,  Pokal,  Becher,  hier  Fläschchen,  vgl.  mhd.  WJ3.  1,  89. 

417,  2.  geriet  in  sldfende  (vielleicht  ist  sldferende  zu  lesen),  ihn  fieng 
za  schläfern  an,  überfiel  der  Schlaf.  —  pert  nd.  für  pfert,  eine  der  Spuren, 
daft  die  Predigtmärlein  zum  Theil  aus  niederdeutschen  Quellen  geschöpft 
sind.  —  6.  kwrety  hier  schwach  gebraucht,  Busch,  Hecke,  vgl.  mhd.  W.B.  I, 
734.  —  7.  ufrf  =  wäy  vgl,  Iwein  wu,  seht  wd  dort  her  reit  ein  riter  694.  3102. 
Er«  173.  —  li.vmtevolgeneinenhy  einem  nachfolgen,  begleiten,  vgl.  mhd.  W.B. 
3,  367.  —  19.  gömiichy  adj.  zornig;  der  Umlaut  in  diesem  Worte  ist  der 
alamannischen  Mundart  eigen,  wie  Z.  22  in  dort.  —  26.  einem  die  unsSlde 
reden  und  die  meintät  =  einem  Schande  und  Laster  sägen.  Ich  weiß  diese 
Redeweise  im  mhd.  sonst  nicht  nachzuweisen.  —  37.  spraizeln,  und  noch 
einmal  418,  2.,  ahd.  spratalön  und  sprazalön,  palpitare  (Graff6,  392);  vgl. 
sprätifen,  eprätzeln  Stalder  2,  386. 

418,  5.  iendy  und  Z.  13  indj  wohl  eine  Interjection ,  wie  na  nn,  düb 
aber;  ich  weiß  keinen  Beleg  zu  geben.  —  9.  von  ort  unze  ende,  vom  Anfang 
{ort  =  Spitze,  Beginn)  bis  zu  Ende.  —  16.  eins  guoten  gedenken  ^  etwas 
Kluges  aussinnen,  ausdenken.  —  24.  die  glocken  stibmen,  die  Sturmglocken 
läuten.  *—  27.  ein  michel  volg,  eine  große  Menge. 

419,  4.  brocheelny  vgl.  ahd.  brochieon,  frangere  (Graff  3,  269.  70),  und 
das  Straßburger  Memorialbuch  (Grieshabers  Hs.  Bl.  21'):  dö  viel  dctz  Ms 
mder  mit  soUcheme  grüweclicJieme  wfigehiwreme  gr688em£  gehrohtze  wßd 
er^kröcketdichem  gekrechtze^  daz  mengelich  möhte  verzagen.  —  31.  sinen 
gunst  tmd  stnen  gehelle,  gunst  sowohl  als  geheUe  (Zustimmung)  kennt  das 
mhd.  W.B.  bloß  als  Feminina.  —  38.  vorhteam,  Adj.  furchterregend. 

420,  5.  geneigter  stf.  ahd.  gancLstraj  Funke,  vgl.  mhd.  W.B.  1,  462.  — 
16.  21,  Wortzeichen  =■  Parole,  Wahrzeichen.  —  17.  glückespfenrdg  stm. 
ea  ist  mir  nicht  bekannt,  daß  der  in  den  Märchen  eine  so  große  Rolle  spie- 
lende Glückspfenning  schon  aus  so  TOher  Zeit  nachgewiesen  wäre.  —  21. 
schiene  stf.  Metallplatte.  an  heben  =  ö/"  heben,  zu  reden  beginnen.  —  34. 
imo  sprechen,  beschuldigen,  anklagen. 

421,  1.  7.  pfaol  =  wie  Z.  17  pfütze.  —  22.  duckte  sich,  wohl  =  imckU 
sitShy  bengte»  unterwarf  sich.  —  24.  Uwediehe,  zum  abd.  Uw,  Uvoes  (vgl. 
Graff  2,  295),  male«  —  32.  verrihten,  in  Ordnung  bringen,  d.  h.  soviel  ab 


\\ 


beichten  oder  die  letzte  öhlntig  nehmen  oder  geben;  nnd  bewarm ^  das 
Abendmahl  nehmen  =  dem  schweizerischen  verwaren^  die  Sterbsacramente 
nehmen,  vgl.  Scherz- Oberlin  147. 

422,  1.  nuon  =  nune,  mit  angehängter  Negationspartikel*  —  3.  ffOfAch 
stm.  Kacknk.  —  gucken,  wie  der  Kuckack  schreien,  vgl.  mhd.  W.B.  1)  558. 

—  7.  witziff,  Adj.  gescheit,  klag,  verständig,  vgl.  Trist.  384,  31.  und  Erec 
921.  8701 :  witzige  und  tumbe.  —  8.  gurre,  stf.  schlechte  Stute,  vgl.  mhd. 
W.B.  1,  592,  hier  aber,  und  so  noch  in  der  Schweiz  =  schlechtes,  lieder- 
liches Weibsbild,  vgl.  Stalder  1,  499.  —  14.  15.  wizene,  stf.  häufiger,  wie 
auch  Z.  20.  verkürzt  wtze,  Pein,  Strafe,  Bestrafung.  —  28.  ingendte  =■  iege- 
mte,  Adv.,  sofort.  —  34.  un^ich,  illegitimus,  im  Ehbruch  lebend. 

423,  14.  Schillinge  pfennmge,  ausgemünzte,  baare  Schillinge;  nur 
pfenmnge  waren  wirkliche,  Schillinge  bloß  ideale  Rechnnngsmünze,  vgl. 
Habsb.  urbar  355.  —  wie  s6  =  dem  nhd.  —  31.  spulgen,  pflegen ,  con- 
sDescere,  frui,  vgl.  Graff  6,  335.  —  künüich,  Adv.  genau,  bestimmt» 
deutlich. 

424,  1.  schardas  öfter  =-  schaarsas  Z.  14.  schcarsach  Z.  21  =  sohar^ 
ssbs,  stm.  Schermesser.  —  20.  r&zen,  schnarchen.  —  35.  geheize,  stm.  der 
verhei^ne  Lohn,  vgl.  mhd.  W.B.  1,  660. 

425,  5.  zaWret,  stn,  Zählbrett,  ein  mit  einem  Rande  umgebenes  Brett 
zum  Geldzählen,  fehlt  mhd.  W.B.  —  12.  gehauen,  aufheben;  erdet  gehalten, 
ein  bemerkenswerther  Beleg  für  den  auxiliaren  Gebrauch  von  tuen,  vgL 
Grammatik  4,  94.  —  19.  mit  niute  =•  ja  nicht,  woraus  das  nhd.'m2^  nihten, 
im  mhd.  häufiger  W  mute.  —  tdreht,  Adj.  einfältig.  —  p/ennewert,  stm.  sonst 
festbestimmte  Taxe,  Eaufmannswaare,  die  im  Kleinen  verkauft  wird,  hier: 
am  den  Werth  eines  Pfennings  =  Pfenning.  —  21.  genöte,  Adv,  eifrig,  an- 
gelegentlich. —  zuidmoz  stm.,  und  zuohuoze  stf.  Zugabe,  Zuwage,  fehlt 
mhd.  W.B.  —  22.  amMn,  Adv.,  so  für  sich  fort;  in  der  schweizerischen 
Mundart  ane,  vgl.  Stalder  1,  103.  —  23.  ehte,  ob,  wenn,  vgl.  427, 15.  eUe, 
im  Sinne  von:  ja  doch. 

.  426,  6.  aUe,  swm.  Großvatter,  vgl.  Closener  26 :  Konradin  woü  rechen 
0inen  aUen  heiser  Friderichen,  und  mhd.  W.B*  1, 67.  —  eppetige,  stf.  Abtei. 

—  7.  8.  selbes,  adv.  Gen.,  nhd.  selbst,  das  also  wohl  nicht,  wie  Grimm  Gr. 
3,  92  anzunehmen  geneigt  war,  superlativisch  ist.  —  8.  gröt,  niederd. 
=  groz*  —  11.  gehangen,  einem,  zulassen,  behilflich  sein.  —  14.  abesaite, 
Praet.  von  aJbesetzen,  wie  nhd.  —  19.  anspräche,  stf.  Anklage,  hier  eigentlich 
Grund,  Stoff  zu  einer  solchen,  vgl.  Tristan  387,  22.  —  23.  vor  hin,  vor  hin, 
zuvor,  wie  nhd.,  so  auch  29'.  —  27.  kimdekeit,  stf.  Schlauheit,  List.  — 
i2.zougetent  =  zogeten,  zogen.  —  35.  meint^tecKche,  Adv.  verbrecherischer, 
diebischer  Weise.     Diese  Ableitung  fehlt  im  mhd.  W.B.  3,  149*. 

427,  1.  2,  unschulde  tmn,  seine  Schuldlosigkeit  betheuem,  darthun. 
19.  ahten,  dafür  halten. 


444  FBANZ  PFEIFFEK,  PREDIGTMÄBLEIN. 

428,  9.  wewM^  sondern;  nicht  bloß  einmal,  sondern  wiederholt  und 
immer.  —  13.  beheben,  behalten,  das  Gelernte. 

429,  8.  uz  kamen,  zu  Ende  gehen,  um  sein.  —  15.  der  allerscMmpf- 
liehest,  ffemelieheete,  der  zu  jedem  Spaß  und  Scherz  Aufgelegteste.  — 
17.  BpiUvogel,  Vogel  mit  dem  man  seinen  Zeitvertreib  hat,  Spielball,  Ziel- 
scheibe des  Witzes,  vgl.  mhd.  W.B.  3,  358. 

430,  5.  glefen,  stf.  =  glevtn,  glavtn,  Wurfspieß,  Schwert,  vgl.  mhd. 
W.B.  1,  547.  —  8.  gemüete,  Frohsinn,  Heiterkeit,  Erheiterung.  —  27.  Urk 
Adj.  link,  vgl.  mhd.  W.B.  1,  1005. 

431,  l.jüdischeü,  stf.  Judenschaft.  —  16.  kaffetze  =  kafee,  Kapsel. 
24.  Ulzeltn,  stn.  kleines  Gehölz,  Wäldchen,  fehlt  im  mhd.  W.B.  1,  706. 707. 
—  33.  eilebuoch,  stn.  (nicht  zu  verwechseln  mit  aaUmoch),  necrologium. 

432,  3.  wage,  swf.  Wiege.  —  einvaUecUche ,  einfältig  im  guten  Sinne, 
arglos.  —  unschadebosre ,  unfähig  etwas  Böses  zu  thun,  unschädlich;  das 
Wort  steht  auch  im  Tristan  475,  31.  —  5.  hübescheit  =^  hövescheit,  höfische 
Kurzweil,  Zeitvertreib.  —  ettewenne,  einmal,  einst.  —  9.  bümen,  mittel- 
deutsche Form  =  brennen.  —  10.  handeln,  behandeln,  mit  der  Hand  er- 
greifen, vgl.  mhd.  W.B.  ],  632.  —  11.  schalkbcere,  seltenes  Wort,  hier  wohl 
in  der  Bedeutung  von  kindisch,  thöricht  gebraucht.  —  30.  gebrant,  wohl  stm. 
Brandwunde.  —  mo^^tfecA,  jungfräulich,  vgl.  Mystiker  1,  271,  25. 

433,  10.  ungeateUet  machen,  entstellen,  verunstalten.  —  15,  avMt 
alamannische  Form  (auch  an^Zit^)  für  anüiitze,  antlitze.  —  17.  Ißegen^ 
lüejen,  brüllen,  vgl.  mhd.  W.B.  1, 1050.  —  \9,wihenen,  wofür  sonst  wiheleay 
wiehern,  seltenes  Wort;  vgl.  Lanz473  weien,  —  griuseln,  gruseln,  grausen. 

434,  6.  üf  Idzen  =  üf  geben,  vgl.  Myst.  1.  214,  3.  —  9.  über  unlang, 
bald  darauf,  kurze  Zeit  nachher,  derselbe  Ausdruck  auch  bei  Glosener  S.  23, 
vgl.  mhd.  W.B.  1,  931.  —  11.  schettewe,  swf.  Schatten,  vgl.  die  ahd.Dat. 
scatewe,  scatowe,  seatuwe  (Graff  6, 424),  wo  es  indess  nur,  wie  auch  im  mhd., 
ein  masc.  ist,  —  23.  grit,  elsäßische  Form  =  gtt,  Geiz,  Habsucht,  vgl.  mhi 
W.B.  1,  577.  —  24.  meieter  von  den  gesetzeden  des  rehtes,  =  Jurist,  Doctor 
Juris. 

435,  4.  vorhoubet,  der  Vorgesetzte ,  fehlt  in  dieser  Bedeutung  im  mhd. 
W.B.  1,  719.  —  \2,vil  bi,  nahezu.  —  14.  tuo  =  tuon.  —  30.  zuofrouwe, 
Beischläferin,  Kebsweib.  —  33.  heben,  bewahren.  —  38.  bidermmi,  wie  nhd. 

436,6.  gespenste,  stn.  Trugbild.  —  l*7.hanfyros,  Handpferd.  —  SO.nSt- 
veste,  Adj.  tapfer,  vgl.  mhd.  W.B.  3,  274. 

437,  12.  hantslae.  Schlag  mit  der  Hand,  Streich.  —  26.  hSrschaft, 
wie  nhd. 

438,  14.  beckeling,  Backenstreich,  vgl.  mhd.  W.B.  1,  76. 
*440,  12.  tages,  adv.  Gen.  jeden  Tag. 


SAN  KARTE,  WOLFRAM  TON  ESCHENBACH  UND  OÜIOT  TON  PROYINS.  445 

WOLFRAM  VON  ESCHENBACH  UND  GüIOT 
TON  PROVINS 

vow 

SAN  MABTE   (A.  SCHULZ). 


Während  Lachmann  (Parz.  S.XXIV)  nnd  Gervinus  (Deutsche  Nat.- 
Lit.  1835,  1,  358)  die  Meinung:  dafi  Guiot  von  Provins,  Verfasser  der 
„Bible"  (bei  Meon,  Fabl.  et  Contes,  2,  307  folg.),  derselbe  Kyot  sei,  welchen 
Wolfram  von  Eschenbach  im  Parzival  als  seinen  Gewährsmann  nennt, 
mit  Geringschätzung  dieses  Dichters  zurückweisen,  dagegen  für  W.  Wacker- 
nagel nach  Auffindung  lyrischer  Gedichte  Guiots  aufs  Neue  ebendiese  ver- 
worfene Meinung  an  Wahrscheinlichkeit  gewinnt  (Altfranz.  Lieder  und  Leiche, 
1846,  S.  24—32  u.  191),  tritt  A.  Roöhat  in  diesen  Blättern  (3,  81  fgg.)  in 
seiner  überaus  dankenswerthen  Vergleichung  unsers  Parzival  mit  den  Contes 
del  Graal  des  Chrestiens  de  Troyes  der  Meinung  der  erstem  beiden  Gelehr- 
ten mit  Entschiedenheit  wieder  bei.  —  Diese  entgegengesetzten  Ansichten 
so  achtbarer  und  bedeutender  Stimmen  lassen  in  Rücksicht  auf  die  von 
Rochat  mit  Recht  hervorgehobene  Wichtigkeit  der  Frage  es  wohl  der  Mühe 
lohnen,  den  Mann ,  um'  den  es  hier  sich  handelt,  einmal  näher  ins  Auge  zu 
fassen;  nnd  die  Unbefangenheit  wissenschaftlicher  Forschung  erheischt, 
bevor  wir  das  Urtheil  Rochats  über  Guiot,  „den  ohnehin  schon  genug  un- 
bekannten'' (S.  82)  unterschreiben,  und  ihn  „gleich  einem  trügerischen 
Meteor  dahin  schwinden  lassen''  (S.  120),  auch  dem  audiatur  et  altera  pars 
sein  Recht  zu  geben.  Mir  am  wenigsten  wird  man  zutrauen ,  die  Dichter- 
größe unsers  Wolfram ,  der  seit  fast  30  Jahren  wie  ein  belebender  Früh- 
lingshauch in  uDgeschwächter  Frische  mir  zu  Festtagen  die  Tage  weihete, 
an  denen  ich  bei  ihm  einkehren  durfte ,  durch  den  Nachweis  einer  fremden 
Quelle  schmälern  zu  wollen;  und  ebenso  dürfen  wir  uns  versichert  halten, 
daß,  wenn  auch  die  ächte  Quelle  wirklich  noch  gefunden  werden  sollte ,  sie 
uns  dennoch  nicht  berechtigen  wird,  auf  den  Titel  unsers  deutschen  Parzival 
zu  schreiben:  „Aus  dem  Französischen  ins  Mittelhochdeutsche  übersetzt 
von  W.  V.  Eschenbach"  (S.  81).  Dafür  sind  uns  die  französischen  Roman- 
ciers, so  weit  wir  sie  kennen,  und  ist  uns  Wolfram  selbst  Bürge!  Gleich- 
wohl ist.  das  Urtheil  über  das  Mafi  seiner  dichterischen  Selbständigkeit 
abhängig  von  seiner  französischen  Vorlage,  und  darum  der  Wahrheit  zur 
Ehre  in  Erforschung  jener  nicht  vor  der  Zeit  nachzulassen. 

Guiot  von  Provins  will  in  seinem  Buch  (Bibje)  der  verderbten  Welt, 
die  ihn  umgiebt,  einen  Spiegel  vorhalten,  und  beginnt  mit  den  kräftigen 
Worten : 


446  SAN  KARTE  (A.  SCHULZ) 

V.  1.  Die  Welt,  graunvoll  und  faul  genug, 

Zwingt  mich  zu  schreiben  hier  ein  Buch , 

Mit  Stachelwort  und  Geißelhieben 

Ein  großes  Beispiel  auszuüben. 
5.  Nicht  voll  von  schmähungssücht'gem  Lug  — 

Treu,  wahr,  gerecht,  so  wird  das  Buch. 

Ein  Spiegel  sei's  für  alle  Welt; 

Nichts  —  Gold  nicht,  noch  auch  Silber  —  hält 

Zurück  mich,  daß  die  Schrift  ergehe 
10.  Und  vor  Vernunft  und  Gott  bestehe. 

Was  ich  darin  erzähl*  und  sage , 

Lockt  Falschheit  nicht  noch  Zorn  zu  Tage; 

Doch  Tadel  will  der  Welt  ich  singen, 

Sie  strafend  zur  Vernunft  zu  bringen: 
15.  Und  Spruch  und  Beispiel  zeig*  ihr  an. 

Wo  Jedermann  sich  spiegeln  kann. 

Dem  Einsicht  nicht  und  Glaube  fehlt. 

Denn  allen  Ständen  in  der  Welt 

Halt  ich  mit  Worten  gut  und  schön 
20.  Den  Spiegel  vor;  und  die's  versteh'n. 

Die  Edlen,  die  sich  bessern  mögen , 

Mögen  mein  Wort,  sich  spiegelnd,  wägen. 
Er  spricht  mit  dem  Autorstolz  eines  Menetrier  wie  Wace  und  Ghrestiens, 
und  wie  solcher  auch  unserm  Wolfram  (P.  4,  2—8)  nicht  fehlt,  aber  auch 
mit  dem  berechtigten  Selbstgefühl  eines  rechtschaffnen  Mannes,  der  sittlich 
empört  ist  über  die  Sünden  und  Laster  der  Welt,  der  das  Edle  und  Bessere 
will,  und  der  hofft  mit  seinem  Werke  sowohl  denen,  die  er  darin  belobt,  als 
auch  sich  selbst  ein  ehrendes  Gedächtniss  bei  der  Nachwelt  zu  stiften 
(V.  227,  488,  496).  Zunächst  erhebt  er  mit  Preis  die  Könige,  Fürsten 
und  Adligen,  die  mit  Tugend,  Tapferkeit  und  Edelsinn  ihr  Leben  zierten; 
aber  sie  sind  dahin  gegangen,  and  ein  kleineres  Geschlecht  voll  Bohheit, 
Feigheit,  Liederiichkeit,  Habsucht  und  Geiz  neben  wüster  Verschwendungs- 
sucht füllt  jetzt  die  Höfe  und  Schlösser,  und  Juden  und^  Wucherer  richten 
diese  Schuldenmacher  vollends  zu  Grunde  (V.  87 — 667).  Er  rühmt  die 
Edlen,  die  er  gesehen  hat  und  die  ihn  beschenkt  haben  (V.  493),  die  fürst- 
lichen Knauser  wünscht  er  ins  Feuer  (V.  170,  264),  die  Freigebigkeit  und 
Gastlichkeit  (Milde)  ist  ihm,  wie  allen  französichen  und  deutschen  Epikern 
und  Minnesingern,  eine  der  vorzüglichsten  Tugenden  der  Fürsten  und  Barone, 
und  die  höfischen  Feste  der  frühern  Zeit,  denen  er  einst  beiwohnte,  und  die 
Pracht  ihrer  schönen  Ruhesitze  ^)  und  Schlösser  erhebt  er  hoch  über  das 
müde  Leben  der  Jetztwelt  (V.  119,  170,  196,  268). 
^)  Bim  Bont  perda  li  biaa  repaire  (Pelrapeir!)  U  grant  pales  •— . 


WOLFRAM  VON  ESCHENBACH  CNl)  OUIOT  VON  PROTINS.  447 

Sodann  wendet  er  sich  (V.  558  —  787)  gegen  den  Pabst  und  Rom,  gegen 
die  freche  Habsucht  der  Bömlinge,  Kardinäle  and  Legaten,  and  ihre  herrsch- 
süchtigen Übergiiflfe  (schärfer  als  unser  Freidank,  Walther  von  der  Vogel- 
weide a.  A.  m.)  gegen  die  Erzbißchdfe,  Bischöfe  and  die  Geistlichkeit  zweiten 
Ranges  (H  commanal  ClergiÄ  —  V.  788—1043). 
„In  Sund*  and  Lüsten  doch  erfand 
1030.  Ich  also  Viele  ganz  verzweifelt. 

Daß  sie  die  Menschen  mitverteofelt,  * 
Die  ohne  Glauben  sind,  fürwahr. 
Sie  selbst  sind  es  auch  offenbar. 
Das  brachten  die  Römer  allein  ihnen  bei, . 
1035.  Denen  nicht  Furcht  noch  Schmeichelei 
Ich  zolle:  denn  die  sind  preisgegeben, 
Und  Schmach  belastet  ihr  Lasterleben. 
Das  Gesetz  mit  Füßen  treten  sie 
Durch  ihre  Sünde  der  Simonie , 
1040.  Durch  schmutzig  Leben  and  Sadelthat. 
Sie  säen  aus  die  böse  Saat; 
In  ihrer  Lehr*  und  Werke  Spur; 
Da  keimt  und  wächst  die  Verzweiflung  nur. 
Zu  den  Mönchsorden  ferner  sich  wendend  geißelt  er  hart  die  Clunia- 
censer,  denen  er  angehört: 

„Wird  der  schwarzen  Mönch'  und  Aebte  gedacht, 
1045.  Dann  packt  Verzweif  hing  mich  mit  Macht 
An  manchem  Ort  und  Hofe  hält 
Mich  drum  gewaltig  kurz  die  Welt, 
Und  mit  gemeinen  schlechten  Worten 
Seh*  ich  verfolgt  mich  aller  Orten. 
1050.  Einer  beraft  sich  auf  den  Andern. 

In  meinem  Schatz  nicht  können  wandern 
Die  Mönche,  die  arg  mir  mitgespielt. 
Sei  mir*s  von  Gott  zum  Heil  bezielt. 
Daß  so  mein  Glaub'  und  die  Beschwerde 
1066.  Mir  segenvolle  Buße  werde.  — 

Von  unsern  Abteien  sagt  Jedermann : 
Sie  staunen  bestürzt  ihre  Aebte  an. 
Die  bringen  Zerstörung  in  ihren  Schoos!  — 
So  heißt's.  —  Und  nun  schelten  auf  mich  sie  los! 
.     1060.  Wahrhaftig,  ich  möchte  Abt  nicht  so 
Von  Clngny  sein,  noch  von  Giteaux. 
Sie  hetzen  und  quälen,  erzürnen  mich  heiß 
Durch  Eränkong  —  bloß,  weil  ich  nicht  weiß 


448  '  S^^  MARTE  (A.  SCHULZ) 

Ihnen  Recht  zu  geben.  —  Sie  treiben  es  fast, 
1066.  Daß  lieber  davon  ich  gieng*  in  Hast." 

V.  1072:  „Ich  gäbe  bereit 

Für  einen  Freund  zwölf  solcher  Brüder." 

V.  1078:  „Ich  stehe  wider  AU'  in  Kampfl" 

Sonst  walteten  in  ihrer  Kirche  drei  Jungfrauen  als  Gebieterinnen,  denen 
das  Heil  der  Seelen  anvertraut  war;  das  waren  Liebe,  Wahrheit  und  Ge- 
rechtigkeit {Charitez,  Veritez  et  Droiture).  Aber  die  sind  entfährt,  und 
drei  alte  hässliche  schmutzige  Vetteln  sind  ihnen  untergeschoben ,  Venath, 
Heuchelei  und  Simonie  {Traisons,  Ypocrisiey  Symonie.).  —  Nicht  besser  er- 
geht es  den  Cisterciensern  (V.  1188 — 1327): 

„Den  Äbten  und  Kellermeistern  lassen 

Ihr  Hab'  und  Gut  sie  zum  Verprassen, 
1 270.  Fleisch  und  Fische  und  Gefieder. 

0,  was  für, Gesellen,  was  für  Brüder! 

Sie  haben  ein  zwiefach  Krankenhaus; 

Selbst  trinken  den  klaren  Wein  sie  aus. 

Den  trüben  Schicken  sie  in  den  Saal 
1275.  Für  die,  die  seufzen  in  Arbeitsqual, 

Indess  sie  beim  trefflichen  Mahle  sitzen 

Und  erhitzt  vom  Essen  und  Trinken  schwitzen. 

Das  nennen  sie  Buße  thun,  und  glauben, 

Rechtgläubig  sei's,  sich  das  zu  erlauben. 
1280.  Solche  Brüderschaft  ist  aufgegeben! 

Lieber  in  Persien  möcht'  ich  leben 

Als  in  einem  Kloster,  so  gottlos  und  schlecht" 

Und  dennoch  übertreffen  sie  in  Habgier  noch  die  Cluniacenser,  so  daß 
er  desshalb  diese  noch  jenen  vorzieht  (V.  1306  fg.).  Es  scheint  sich  hier  die 
tief  gewurzelte  Eifersucht  beider  Orden  gegen  einander  selbst  bei  einem 
Manne  wiederzuspiegeln,  welcher  doch  einen  wie  den  andern  mit  der  beiften- 
den  Lauge  seines  Tadels  überschüttet.  —  Die  Karthäuser  (V.  1328—1443) 
finden  einigermaßen  Gnade  vor  ihm,  aber  ihm  misstallt  ihr  allzustrenges  Leben» 
indem  sie  selbst  zu  Mördern  ihrer  Kranken  durch  Entziehung  der  nöthigen 
stärkenden  Kost  werden.  Den  Grammontensern  (V.  1444 — 1681),  die 
einen  gewissen  Anstand  in  ihrem  Leben  beobachten,  auch  ihren  Reichthom 
zum  Wohlthun  und  zu  Kirchenbauten,  neben  eignem  Wohlleben,  mitverwen- 
den, wirft  er  allzugroße  Heuchelei  und  Hochmuth  vor,  und  sie  stehen  zu  sehr 
unter  der  Zuchtruthe  der  Konversen,  die  ihre  Obmacht  über  Priester  und 
Mönche  bei  Verwaltung  der  weltlichen  Geschäfte  missbrauchen,  und  selbst 


WOLFRAM  TON  &SGHE19BACH  UND  GÜIOT  VON  PROVmS.  449 

in  den  Kirchendieost  herrisch  eingreifen,  und  sie  finden  darin  Unterstützung 
darch  Bestechung  in  Rom. 

„Das  war  ein  neues  Gebot  im  Land, 

Daff  den  Wagen  man  vor  die  Stiere  spannt. 

Die  schlechtesten  Praktiken  in  der  Welt, 

Die  Sünde,  die  sich  in  Schmach  gefällt, 
1680.  Air  Unordnung  —  sie  werden  gebilligt 

Von  Rom,  wird  Geld  ihm  dafür  bewilligt. 

Bei  den  Prämonstratensern ,  den  schwarzen  und  weißen  Canonicis, 
namentlich  den  regulirten  Chorherren  (V.  1582 — 1697)  gefällt  ihm  die 
größere  Freiheit,  Anstand  und  die  noblere  Kleidung: 

1660.  Das  ist  der  Orden  des  heil'gen  Augustin. 

Und  der  war  höfisch  (cortois),  bei  Sanct  Martin, 
Mehr  als  der  heilige  Benedict.^ 
In  diesen  Orden  würde  er  gern  eintreten :  allein  Verschwendung  und 
schlechte  Wirthschaft  richten  ihn  zu  Grunde.  —  Einen  merkwürdigen  Gegen- 
satz zu  den  scharfen  Geißelhieben,  die  Guiot  schonungslos  nach  allen  Seiten 
hin  austheilt,  bildet  sein  hohes  Lob  und  der  sehr  milde  Tadel  über  den 
Tempelherrnorden. 

„Lieber  im  Tempel  —  gesteh'  ich  ein  — 

Als  im  schwarzen  Orden  möcht*  ich  sein, 
1700.  Und  in  irgend  andrem,  so  weit  ich  sie  kenne: 

Nur  daß  ich  nicht  aufs  Fechten  brenne. 

Seine  Ordnung  ist  gut  und  schön  fürwahr» 

Doch  ist  fatal  mir  die  Schlachtgefahr. 

Vortrefflich  ist's  mit  ihm  bewandt; 
1706.  Er  hält  sein  Gut  in  bestem  Stand; 

Die  Templer  sind  ehrenhaft  und  fein. 

Denn  Bitter  treten  dort  nur  ein. 

Welche  die  Welt  mit  ihren  Gaben 

Gesehn,  geprüft  und  gekostet  haben. 
1710.  Da  fuhrt  nicht  jeder  eigne  Kasse; 

Ihr  Gijat  ist  allgemeine  Masse. 

Das  ist  der  Orden  des  Ritterthumes. 

In  Syrien  stehn  sie  in  Fülle  des  Ruhmes; 

Den  Türken  sind  sie  ein  Graun  und  Schauer , 
1715.  Dieweil  sie  stehn  wie  Burg  und  Mauer. 

Sie  fliehen  niemals  in  der  Schlacht. 

Fürwahr^  ich  war'  in  Pein  gebracht. 

Wenn  ihrem  Orden  ich  angehörte: 

Da  sicher  ich  leicht  zur  Flucht  mich  kehrte. 


450  SAN  MABTE  (A.  sGHin:^;;) 

1720.  Wozu,  daß  ich  auf  Hiebe  harre? 

Da  war'  ich  wirklich  doch  ein  Narre. 

Sie  schlagen  sich  mit  größter  Wuth; 
'  Doch  Gott  verhüt's,  daß  Kämpfermuth    - 

und  Ehre  in  den  Tod  mich  bringe! 
1725.  Schätzt  lieber  mich  als  feig  geringe, 

Als  daß  mich  todt  Ihr  höchlich  preiset. 

Gewiß  der  Templerorden  erweiset 

Als  gut  sich,  schön  und  treu  im  Rechten, 

Doch  gesundheitsgeföhrlich  bleibt  sein  Fechten.  — 
1730.  Sie  halten  sich  mit  Ernst  zum  Tempel, 

Und  sind  im  Dienst  drin  ein  Exempel. 

Weiß  Gott,  nicht  umsonst  sind  ihre  Werke, 

Und  Pünktlichkeit  ist  ihre  Stärke. 

Ihrer  Hören  würd'  ich  gern  mich  freuen, 
1735.  Air  das  im  Mindesten  nicht  scheuen 

Und  ohne  Fehl  in  Allem  dienen. 

Doch  völlig  fehlen  würd'  ich  ihnen 

In  der  Stunde  der  Schlacht.  —  Ich  kann's  versprechen: 

Da  würd'  ich  mein  Gelübde  brechen; 
1740.  Ihr  Zuspruch  hülfe  nichts,  und  retten 

Würd'  ich  mich  vor  Tod  und  Ketten; 

Will's  Gott,  so  hüt'  ich  mich  vor  die&en. 

Doch  seien  sie  stets  geliebt  und  gepriesen. 

Denn  es  regiert  Vernunft  ihr  Walten. 
1746.  Ihre  Häuser  sind  sauber  gehalten; 
I  Ihre  Gerechtigkeit  ist  groß  und  strenge: 

Das  ist  ihres  Ordens  schönstes  Gepränge. 

Durch  zweierlei  doch  sind  sie  verschrieen, 

Und  werden  des  Tadels  oft  geziehen: 
1750,  Und  sie  begreifen's  zu  wenig  fast. 

Da  Gott  doch  mehr  kein  Laster  haßt. 

Habsüchtig  sind  sie,  und  berüchtigt 

Durch  Stolz,  wie  Jeder  sie  beztichtigt.    * 

Die  Sünden  sind's  nur,  die  ich  weiß ; 
1755.  Nichts  Andres  mindert  ihren  Preis. 

Reich  sind  sie,  herrlich  angesessen, 

Geehrt,  geliebt  auch  unerm^ssen ; 

Doch  jene  beiden  Laster  fraßen 

Verderblich  um  sich  sonder  Maßen, 
1760.  Ich  fleh  zu  Gott,  daß  sie  sie  büßen! 

Daß  Jeder  es  sagt  —  sie  soUen's  wisseol 


WOLFRAM  VON  £SCHENBACH  UlfD  OUIOT  VON  PROVINS.  45] 

Von  Demath  sei  ihr  Sinn  genährt, 

Da  Gott  sie  also  hoch  geehrt. 

Der  weiße  Mantel  soll  und  das  Kreuz 
1765.  Bestät'gen  ihr  Wort  und  Werk  allseits. 

Des  treuen  Biedermannes  Lehre, 

Die  ist  wohl  werth,  dafi  man  sie  höre; 

Mit  Sicherheit  darf  er  verkünden: 

Einen  Spiegel  soll  der  Templer  finden 
1770.  In  Kreuz  und  Mantel.     Recht  und  klar 

Mach'  ich  es  ihnen  offenbar: 

Der  weifie  Mantel,  der  ihm  gegeben, 

Bedeutet  Demuth  und  reines  Leben; 

Das  Kreuz  die  Büß*  und  heil'gen  Stand. 
1776.'  und  zweifellos  werd'  ihm  bekannt: 

Vorn  auf  den  Mantel  ward  gesetzt 

Das  Kreuz,  daß  Stolz  und  Habsucht  jetzt 

Und  nie  dahinter  sich  bergen  darf. 

Wie  nach  der  Schrift  der  Lector  scharf 
1780.  Hinschaut,  wiU  die  Lection  er  können, 

So  soll  der  Templer  schaun  und  rennen' 

Dem  Kreuze  nach,  als  jenem  Pfad, 

Auf  den  ihn  Gott  gewiesen  hat. 

Heil,  wer  sich  hält  aufrechten  Wegen; 
1785.  Dazu  geh*  ihnen  Gott  den  Segen! 

Entsagen  sie  Habsucht  und  Übermuthe» 

So  wünsch*  ich  ihnen  alles  Gut^. 

Ich  liebe  sehr  ihr  Leben  und  Treiben; 

Sie  mögen  stets  im  Wachsen  bleiben. 
1790.  Ihren  Heldenmuth  auch  duld'  ich  gern. 

Doch  ihren  Schlachten  bleib*  ich  fern.^ 

Die  Hospitaliter  dagegen  (V.  1792-^1931)  sind  ihres  Gelübdes  ver- 
gessen; Glaube  und  Liebe,  die  das  Hospital  gegründet,  sind  daraus  «ge- 
wichen. Am  übelsten  kommen  die  von  Durand,  dem  Zimmermann,  im  Jahr 
1182  gestiftete  Secte  der  Kapuciaten.  und  die  Laienbrüder  des  hl.  Antonius 
weg  (V.  1992 — 2096).  —  Indem  er  die  Laienschwestem  und  Nonnen  be- 
spricht (V.  2096—2237)  erinnert  er  uns  unwillkürlich,  an  den  schalkhaften 
Ton  und  die  humoristischen  Aussprüche  unsrer  ritterlichen  Epiker  und  Ly- 
riker, wenn  sie  über  das  Wesen  der  Minne  und  der  Weiber  Betrachtungen 
anstellen.  Nur  schüchtern  getraut  er  sich,  ein  ürtheil  über  die  schwer  Er- 
gründlichen zu  fällen,  und  Y.  161  ist  er  galant  genug  zu  befürworten,  daß 
er  die  VerderbtheH  de»  jetzigen  Gesehlechts  keine&wegs  den  Frauen  und 

29* 


452  SAN  BCARTE  (A.  SCHULZ) 

Müttern  —  „deren  Ehre  vielmehr  stets  rein  bleibe"  —  sondern  den  Vätern 
zur  Last  lege. 

.    „Von  den  Laienschwestern  und  den  Nonnen 

Hab'  ich  nicht  ganz  Überzeugung  gewonnen, 

Ob  ich  die  Wahrheit  zu  sagen  weiß. 

Die  Weisesten  kommen  aus  dem  Geleis , 
2100.  Sollen  Urtheil  über  ein  Weib  sie  sprechen. 

Drum  will  mir's  fast  an  Muth  gebrechen , 

Ihr  Leben  und  Wesen  zu  nehmen  in  Schau. 

Ihren  Meister  —  wähn'  ich  —  hat  keine  Frau, 

Und  Niemand  wird  sie  ganz  durchschauen. 
2106.  Wer  dennoch  wagt,  sich's  zuzutrauen, 

Verliert  dabei  Sinn  und  Verstand; 

Denn  just  entschlüpft  sie  seiner  Hand, 

Wenn  fest  er  glaubt,  sie  sei  gefangen. 

Dahin  wird  Niemand  je  gelangen,  • 

2110.  Ein  Weib  zu  schätzen.  —  Thöricht  Streben, 

Zu  ergründen  ihr  Wesen  und  Leben  — 

Nehmen  die  Weisen  mir  das  nicht  flau!  — 

Niemanden  fürchtet  und  scheut  eine  Frau; 

Ein  Weib  wird  niemals  ganz  besiegt, 
2115.  Da  nie  ihr  Innres  olOfen  liegt. 

Es  lacht  ihr  Herz,  wenn's  Auge  weint. 

Und  aoders  spricht  sie,  als  sie's  meint. 

An  Gram  weiß  Keine  lang'  zu  kranken. 

Und  äußerst  kurz  ist  sie  von  Gedanken. 
2120.  Was  sie  geliebt  in  sieben  Jahren, 

Ist  In  einem  Tag  dem  Gedächtniss  entfahren. 

Fraun  sind  gemeinhin  falsch  gesinnt 

Und  beweglicher  als  der  Wind. 

Ihr  Sinn  ist  zu  oft  wandelbar; 
2125.  Die  Klügsten  täuschet  sie  sogar. 

Die  Alten  treibt  sie  in  Schweißes  Gluth, 

Lässt  zittern  vor  Kälte  das  junge  Blut, 

Und  heldenkühn  macht  "Sie  den  Feigen. 

Das  —  wie  ich's  sage  —  ist  ihr  eigen. 
2130.  Wollt'  Einer  auch  von  ihr  sich  retten. 

Ihn  hielten  dennoch  ihre  Ketten , 

Sobald  sie  fest  ihn  halten  wollte , 

Daß  er  zu  Gnaden  kommen  sollte." •^— 

„Wohl  schätz'  ich  gutes  Weibeai  Werth, 


\ 


WOLFBAH  VON  ESCHENBACH  UND  GÜIOT  VON  PROVINS.  463 

Weiß,  daß  ihr  nichts  fehlt,  was  sie  ehrt. 
Der  Guten  Preis  kann  nichts  erreichen; 


2225.  Es  ist  kein  Schatz  ihr  zu  vergleichen.^'  — 

,,Von  allem  Geschaffnen  im  Weltenkreise 

Hat  höher  Gott  kein  Gut  gestellt 
2255.  Als  die  Jnngfrau,  nnd  jene  Welt 

In  welcher  er  Fleisch  und  Blut  geworden," 

d.  h.  Jesus  Christus, 
2260.  „Und  von  dieser  reinen  Magd 

Ist  uns  die  neue  Freude  gebracht. 

Die  neu  sein  wird  in  Ewigkeit." 

2270.  Um  ihretwegen  weiht  um  so  mehr 
Den  guten  Weihen  Lieb*  und  Ehr'. 
Den  Besten  gebiihrt  der  Zoll  der  Liebe; 
Die  Bösesten  strafen  Tadelshiebe." 

Zum  SchluB  lässt  er  die  Theologen,  Juristen  und  Ärite  (V.  2274—2691) 
in  nicht  minder  derber  Weise,  wie  den  Glerus,  Spießruthen  laufen. 

Über  die  Lebensumstände  dieses  Guiot  ist  außer  dem  Wenigen,  was 
er  selbst  darüber  in  seiner  „Bible"  mittheilt,  nichts  Näheres  bekannt  ge- 
worden. Andre  Schriftsteller  und  die  Handschriften  seiner  Werke  bezeich- 
nen ihn  als  einen  „von  Provins",  jener  Stadt  in  Nieder-Brie,  die  schon  zu 
Karls  des  Großen  Zeit  bekannt  war,  und  an  320  Jahre  lang  von  den  Grafen 
von  Yermandois  einer  Linie,  und  von  Blois  und  Chartres  andrer  Linie  be- 
sessen ward,  bis  sie  wieder  mit  der  Krone  vereinigt  wurde.  Sie  erhielt  große 
Privilegien»  hatte  von  sehr  alter  Zeit  her  Münzrecht,  und  die  Grafen  von 
Champagne  und  Brie  ließen  dort  einen  Palast  erbauen ,  wo  sie  öfters  Hof 
hielten.  In  dem  großen  Saale  des  Schlosses  ließ  Thybaud  IV.,  Graf  von 
Champagne  und  Brie,  die  Lieder,  die  er  für  die  mit  ihm  im  Jahre  1200  ver- 
mählte Königin  Bianca,  Mutter  Ludwigs  des  Heiligen,  gedichtet,  mit  dem 
Pinsel  an  die  Wände  malen  (Martiniere,  Lex.).  Aus  diesem  Zunamen  und 
der  daraus  zu  schließenden  Heimathlichkeit  des  Dichters  erkläft  sich ,  wess- 
halb  Guiot  der  Grafen  von  Champagne  und  der  dortigen  Barone  und  Adligen 
mit  einem  besondren  Nachdrucke  rühmend  erwähnt,  z.  B.  V.326,  328,  477; 
auch  in  den  Minneliedern  spricht  er  von  der  deuce  Cfhampagne.  —  Die 
Schule  besuchte  er  zu  Arles  (V.  70),  und  scheint  hier  auf  dieser ,  von  jeher 
mit  jenem  alten  erzbischöflichen  Sitze  verbundenen  angesehenen  Schule, 
obwohl  sie  keine  Universität  war,  seine  höhere  Bildung  empfangen  zu 
haben.  Der  Zeitpunkt,  nach  welchem  er  seine  „Bible"  schrieb,  ergibt  sich 
ziemlich  bestimmt  aus  der  Angabe  der  Personen,  die  er  bereits  als  verstorben 


454  SAH  MABTE  (A.  SCHULZ) 

beklagt,  und  die  er  gleichwohl  noch  persönlich  gesehen  und  gekannt  haben 
will.  Es  sind  deren  einige  neunzig,  deren  er  rühmend  gedenkt,  u.  A.  König 
Amalrich  von  Jerusalem  (f  1173),  König  Ludwig  VII.  von  Frankreicb 
(f  1180),  Heinrich  II.  von  England  (f.  1189),'  König  Richard  I.  von  Eng- 
land (t  1199),  Graf  Heinrich  I.  und  IL  von  Champagne  (f  1180  und  1197), 
Graf  von  Clermont  (f  1191),  Graf  Thybaud  IIL  von  Champagne  (f  1201), 
Graf  Philipp  von  Flandern  (f  1191),  König  von  Avragonien  (Alfons  IL  f 
1196).  —  Der  Zeitpunkt,  vor  welchem  Guiot  sein  Buch  verfasste,  bestimmt 
sich  dadurch,  daß  er  V.  1946,  1950,  1962.2038,2081,  den  Antoniusbrüdem 
vorwirft,  dafi  sie  keine  Kirchen  und  in  ihren  Hospitälern  keine  Priester 
haben,  und  all'  ihr  reichlich  zusammengebetteltes  Gut,  und  die  einträglichen 
Einkünfte  aus  ihrer  übermäßig  ausgedehnten  Schweinezucht  doch  nicht  dazn 
verwendeten,  sich  ein  stattliches  Gotteshaus  zu  erbauen.  Pabst  Innocenz  UI. 
erlaubte  ihnen  aber  erst  im  Jahre  1208  den  Bau  einer  eignen  neuen  Kirche, 
und  erst  Honorius  IIL  gestattete  ihnen,  die  bis  dahin  Laien  waren,  im  Jahre 
1218  die  drei  Mönchsgelübde  abzulegen.  Somit  muß  die  „Bible"  m  den 
Jahren  von  1202  bis  1207  geschrieben  sein.  Ohne  Zweifel  war  damals  aber 
schon  der  Verftisser  bei  Jahren,  denn  er  hat,  wenn  wir  irgend  seinen  An- 
gaben Glauben  schenken  dürfen,  ein  vielbewegtes  Leben  geführt,  sich  weit 
in  der  Welt  umgesehen ,  und  die  ausgedehntesten  Bekanntschaften  an  den 
Höfen  und  auf  den  Schlössern  der  Fürsten  und  Barone  in  allen  Theiien 
Frankreichs  gemacht.  Es  fehlt  an  einem  zureichenden  Grunde ,  diese  Be- 
kanntschaften mit  so  vielen  Edlen  seiner  Zeit,  deren  er  sich  rühmt,  f&r  eitle 
Grofiprahierei  und  reine  Lüge  zu  halten,  da  ja  hinreichend  bekannt  ist,  wie 
gern  die  Sänger  und  gelehrten  Clercs  an  den  Höfen  gesehen  wurden,  um 
durch  Vorlesung  oder  Recitation  erzählender  Gedichte ,  auch  wohl  Vortrag 
von  Liedern  zur  Unterhaltung  und  Verschönerung  der  Feste  beizutragen. 
Der  verächtliche  Seitenblick  auf  die  Schmählieder  und  Gassenhauer  der 
Jongleurs  ^)  lässt  erkennen,  daß  er  selbst  sich  nicht  zu  dieser  geringeren 
Klasse  poetischer  Herumtreiber,  welche  Philipp  August  im  Jahre  1181  ans 
seinen  Staaten  zu  jagen  befahl,  zählte:  nachdem  Zeugnisa  seiner  Minnelieder 
gehörte  er  vielmehr  zu  den  feineren  und  höher  gebildeten  CfhanUrres  und 
m^n^triera.  Nach  V.  275  ist  er  bei  dem  großen  Hoftage  des  Kaisers  Fried- 
rich I.  im  JaAr  1184  zu  Mainz  zugegen  gewesen,  wo  antch  der  französische 
Adel  in  sehr  großer  Anzahl  erschienen  war.  Er  versichert  femer  (V.  1792, 
1794)  die  Hospitaliter  zu  Jerusalem  selbst  beobachtet  zuhaben;  was  er  von 
den  Tempelherren  in  Syrien  berichtet,  wird  daher  gleichfalls  auf  eigener 


^}  Die  Fürsten  behandeln  jetzt  die  treuen  YasaUen  so  unwürdig: 
209:   „Zur  Harfe,  Leier  oder  Geige 

SoUt  man  die  Wahrheit  daron  erzaUen, 
Uad  «•  fixatiOMT  m  Bei  beUlen. 


WOLFRAM  VON  ESCHENBACH  UND  GÜIOT  VON  PROVINS.  455 

Anschaauog  beruhen.  Den  im  Jahre  1173  in  der  Blüthe  seiner  Jahre  und 
seines  Ruhmes  verstorbnen  König  Amalrich  von  Jerusalem  sah  er  im  Orient 
selbst  (V.348).  Im  Jahre  1147  war  aber  der  zweite,  und  1190  der  dritte 
Kreazzug,  woraus  in  Verbindung  mit  der  von  ihm  offen  kund  gegebenen  Ab- 
neigung vor  dem  Waffenhandwerk  erhellen  dürfte ,  daß  er  nicht  als  Krieger, 
sondern  irgendwie  als  friedlicher  Diener  im  Gefolge  eines  Fürsten  oder 
Barons  oder  auch  auf  eigene  Hand,  und  zwar  vor  dem  Jahre  1173  eine  Fahrt 
in's  gelobte  Land  gemacht  hat,  wohin  zu  jener  Zeit  ein  steter  lebhafter  Ver- 
kehr ans  Italien  und  insbesondere  Frankreich  statt  fand.  Wollen  wir  wei- 
tere Yermuthungen  im  Hinblick  auf  unsem  Parzival  wagen,  so  kann  er  bei 
der  Gelegenheit  auch  selbst  die  Reiseroute  Trevrecents  von  Aquileja  durch 
Friaal  nach  dem  Rohas  und  der  Greian  in  Steier  zurückgelegt,  und  davon 
Anlafi  genommen  haben,  Gandin,  Lamire  und  Ither  von  Gahevieß  mit  Steier, 
und  das  steirische  Wappen,  den  Panther,  mit  dem  Hause  Anjou  zu  ver- 
knüpfen (s.  San  Marte  in  Germania  2,  386.  98.  Parz.  498,  27;  499,  8; 
496,  15.   Haupt,  Zeitschr.  11,  47). 

Nach  V.  1193  und  1202  warGuiot  auch  im  Kloster  zu  Clairvaux;  aber 
man  hat  es  ihm  sehr  übel  genonunen ,  daß  er  bei  den  Gisterciensern  daselbst 
nur  vier  Monate  ausgehalten  hat.  Er  war  Gluniacenser  und  trug  die  schwarze 
Kutte  zur  Zeit,  als  er  die  „Bible"  schrieb,  bereits  länger  als  zwölf  Jahre 
(y.  1092,  1124).  Vor  seinem  Mönchsstande,  also  in  seinen  jungem  Jahren, 
wird  er  als  höfischer  Minnesänger  die  Welt  gesehen,  und  ihm  das  heitre 
Leben  auf  den  Schlössern  besser  behagt  haben,  als  nun  die  ascetische 
Kasteiung  im  Kloster.  Es  fehlt  indess  auch  nicht  an  Beispielen ,  daß  selbst 
Mönche  als  Minnesänger,  trotz  ihrer  Kutte  und  ihrer  Gelübde,  an  den  Höfen 
in  aller  weltlichen  Freiheit  sich  und  Andre  ergötzten.  Wir  erinnern  u.  A. 
nur  an  den  Mönch  vonMontaudon  (1180 — 1200)  inDiez,  Leben  und  Werke 
der  Troubadours ,  S.  333.  Daft  Guiot  sich  zuletzt  in  ein  Kloster  zurückge- 
zogen, lässt  vermuthen,  daß  er  vermögenslos  und  nicht  adliger  Abkunft  ge- 
wesen ist.  Diesen  vermögenslosen  Gelehrten  und  Dichtern  war  die  Frei- 
gebigkeit und  Gastlichkeit  der  Großen  und  Reichen  erste  Lebensbedingung, 
und  die  Hist.  Iit6r.  de  la  France,  T.XVIH,  p.  806  folg.  macht  daher  Guiot 
wegen  «eines  Preises  dieser  Tugend  zu  schnell  und  ungerecht  den  Vorwurf, 
daß  er  in  seinem  Kloster  alle  Habgier,  allen  Eigennutz  und  die  niedrige  Ge- 
sinnung eines  Menetrier  von  Profession  auch  als  Mönch  beibehalten  habe. 
Vielmehr  zeigt  sich  Guiot  in  dieser  Schrift  als  ein  Mann  von  gelehrter  Bil- 
dung, von  durchdringendem  Geiste,  scharfer  Beobachtungsgabe  und  voll 
beißenden  Spottes.  Seine  Vergleichungen  und  Exempel  sind  von  durch- 
bohrender Schärfe;  er  hat  eine  genaue  Bibelkenntniss,  und  führt  häufig  und 
mit  Vorliebe  Stellen  aus  der  heil.  Schrift  zur  Bestätigung  seiner  Aussprüche 
und  zur  Rechtfertigung  seiner  Vorwürfe  an.  Seine  Sprache  ist  scharf  und 
hart,  der  Gedankengang  in  den  Übergängen  oft  springend,  und  seine  Rede 


456  ^^^  MABTE  (A.  SCHULZ) 

wimmelt  von  Sprüchwörtern  und  sprüchwörtlichen  Ausdrücken,  die  den 
Übersetzer  auf  die  Marterbank  legen.  Indem  er  mit  vollen  Eimern  seinen 
edlen  Zorn,  galligen  Tadel  und  bittren  Spott  über  Fürsten  und  Adel,  hohen 
und  niedren  Clerus  und  falsche  eigennützige  AftergMahrtheit  ausgießt,  liebt 
er  es  doch  fast  immer  hinzuzufügen:  freilich  gebe  es  auch  rühmliche  Aus- 
nahmen ,^  nicht  Alle  seien  so  schlimm ,  auch  manches  Gute  geschehe  noch, 
und  dergleichen  mehr.  Allein  seine  Anschuldigungen  und  Vorwürfe  boden- 
loser Verworfenheit  sind  dennoch  so  stark  und  durchschlagend,  dafi  man 
diese  Vorbehalte  und  Bevorwortungen  von  Ausnahmen  nicht  als  einen  vor- 
sichtigen Bückhalt  und  Einwand  gegen  etwa  bedrohliche  Angriffe ,  die  ihm 
daraus  entstehen  könnten ,  auslegen  darf;  im  Gegentheil  dienen  sie  zur  Er- 
höhung und  Verschärfung  des  Gegensatzes  zwischen  Guten  und  Schlechten; 
und  es  ist  weniger  aufrichtige  Absicht,  als  Ironie  und  Humor,  wenn  er  mit- 
unter sich  nicht  abgeneigt  erklärt,  von  den  verbotnen  Fruchten  der  frommen 
Brüder,  die  sie  sich  zu  Nutze  machen,  mitzugenießen ,  und  an  ihrem  Wohl- 
leben theilzunehmen.  Wir  vermögen  nicht  mit  der  Bist.  lit.  de  la  France 
aus  dieser  Schrift  in  Guiot  einen  Mönch  zu  erkennen,  y^imt&  contre  le  monde 
au  milieu  du  quel  il  ne  peut  plus  vivre",  erblicken  vielmehr  in  ihm  einen 
Geist,  der,  gebildet  in  der  Schule  des  Lebens,  viel  gesehen  und  erfahren 
hat ;  der  ein  scharfes  Auge  mit  gediegenem  Urtheil  über  die  Gebrechen  aller 
Stände  verbindet;  der  lebensfrisch  der  Poesie  zngethan  sich  einen  freien 
Blick,  erhaben  über  die  Vorurtheile  seiner  Zeit,  bewahrte;  der  mit  männ- 
lichem Muth,  trotz  seiner  Klpsterfesseln,  fest  und  entschieden  auftrat  gegen 
die  Sünden  der  Mächtigen;  der  Tugend,  Recht,  Wahrhaftigkeit  und  frommen 
Glauben  überall  als  erste  Bedingungen  wahrer  Würdigkeit  und  des  ewigen 
Heiles  fordert^  und  schonungslos  die  Sünde  in  ihrer  ganzen  Nacktheit  auf- 
deckt und  geißelt,  wo  er  sie  findet.  Er  unterscheidet  sehr  wohl  die  ächte 
Frömmigkeit  von  der  heuchlerischen  Scheinheiligkeit ,  den  wahren  Glai^ben 
und  die  aus  dem  Glauben  entspringende  Gutthat  der  Liebe  von  der  gottver- 
gessenen Werkheiligkeit,  den  hohen  Beruf  des  Gott  Geweiheten  von  der 
sündlichen  Maske  des  Ruttenträgers,  und  die  Missbräuche  des  Eirchenregi- 
ments  von  der  Heiligkeit  der  christlichen  Kirche.  *)  Die  Wahrheit  geht  ihm 
über  Alles,  sie  ist  seine  Leuchte ,  und  in  ihrem  Strahle  entwirft  er  das  Bild, 
in  dem  die  verderbte  Welt  sich  spiegeln^  und  dadurch  sich  bessern  solL 


^)  Ich  darf  hoffen,  da0  dieses  Urtheil  Bestfttlgang  finden  wird,  wenn  in  der  ron  6.  Wohl- 
fahrt, Professor  am  hiesigen  Domgymoasinm ,  und  mir  vorbereiteten  and  Tielleicht  bald  er- 
scheinenden Ausgabe  der  Bible  und  lyrischen  Gedichte  Guiots,  französisch  und  deutsch,  mit 
Wörterbuch  und  Erläuterungen,  der  Dichter  selbst  in  unverkürzter  Vollständigkeit  zu  uns 
reden  wird. 


WOLFBAM  TON  ESCfiENBACH  UKD  OOIOT  VON  PBOVINS.  457 

Wenden  wir  nns  nun  näher  zu  der  oben  erwähnten  Streitfrage ,  so  be-* 
merken  wir  hinsichts  der  Zeitverhältnisse:  Aach  den  Untersachungen 
Hollands,  W.  Grimms  n.  A.  m.  blühte  Chrestiens  de  Troyes  etwa  von  1160 
bis  1190,  und  hinterließ  seine  Contes  del  Graal  an  vollendet.  Wolfram 
dichtete  seinen  Parzival  von  1204  bis  etwa  1210.  Guiot,  ein  richtiger, 
wenn  auch  an  Jahren  vielleicht  etwas  älterer  Zeitgenosse  Wolframs,  schrieb 
seine  ,^Bible"  zwischen  1202  und  1207.  War  Guiot  zu  der  Zeit  schon  12 
Jahre  Mönch  im  Kloster  Ciagny,  so  hatte  er  dennoch  vor  dieser  Zeit  und  nach 
Chrestiens  Tode  von  1190  bis  1195  hinreichend  Zeit,  Chrestiens  Contes  del 
Graal  kennen  zu  lernen,  und  bei  deren  NichtvoUendnng  denselben  Stoff 
gleichfalls  zu  behandeln  und  in  seiner  Weise  zum  Schlufi  zu  fuhren;  und  es 
bleibt  von  1195  bis  1204  noch  ebenso  hinreichend  Zeit,  da0  seine  Hand- 
schrift des  Parcival  nach  Deutschland  und  in  Wolframs  Hand  gelangen 
konnte.  Auf  Grund  der  jetzt  fest  bestimmten  Zeit  der  Abfassung  der  „Bible^ 
nehme  ich  daher  willig  meine  frühere  Vermuthung  (Leben  und  Dichten 
Wolframs  von  Eschenbach  2,  404):  Chrestiens  habe  den  Kyot  derb  abge- 
schrieben, dahin  zurück:  daß  ich  Chrestiens  allerdings  die  Priorität  seines 
Romans  zugestehe. 

Bei  dem  nicht  verhehlten  Autorstolze,  den  Guiot  mehrmals  hervortreten 
lässt,  und  der  Bedeutung,  die  er  seinem  Werke  beilegt ,  erscheint  es  auf* 
fallig,  daß  er  in  der  „Bible"  nicht  seiner  übrigen  etwa  verfassten  Werke  ge- 
denkt, wie  diefi  namentlich  Chrestiens  gleich  andern  Schriftstellern  jener 
Zeit  gern  thut.  Allein  eine  sachliche  Kothwendigkeit  gebot  ihm  solche  Be- 
zognahme  nicht,  und  es  folgt  aus  deren  Mangel  daher  nicht,  daß  die  „Bible^ 
sein  einziges  Werk  war;  sondern  nur:  daß  er  in  diesem  Werke  ebensowenig 
auf  ein  etwa  früher  verfasstes  Epos  hinzuweisen  für  gut  fand ,  als  er  auf  die 
unzweifelhaft  von  ihm  herrührenden  lyrischen  Gedichte  Bezug  nehmen 
mochte.  Ebensowenig  lässt  sich  behaupten,  daß  er  ein  Epos  nur  vor  seinem 
Mönchstftande,  also  etwa  bis  1195  hätte  verfassen  müssen;  denn  wenn 
Mönche  in  ihren  Klöstern  Minne-,  und  selbst  frivole  Bänkelsängerlieder  dich- 
teten, warum  nicht  in  Clugny  Ritterromane,  so  gut  wie  in  St.  Gallen  Volks- 
epen?  Y.  1045  (s.  oben  S.  447)  lässt  sich  sogar  dahin  deuten,  daß  er  selbst 
als  Mönch  noch  mit  den  Höfen  in  Verkehr  stand: 

En  maint  Uuz  et  en  maintes  oart 

M'en  tient  li  decUs  forment  cort 

MoU  me  dehotent  par  paroles 

Qui  8ont  et  vileines  et  folea.  .  .  . 
Es  entspricht  der  allgemeinen  Geistesentwickelung ,  daß  Guiot  in  seiner 
Jugend  und  während  seines  Wanderlebens  sich  der  heiteren  Lyrik  hingab, 
im  gereiften  Mannesalter  in  einem  Epos  ein  tief  in  der  Seele  entsprungenes 
Ideal  ritterlich-christlichen  Lebens  darzustellen  sich -gedrungen  fühlte,  im 
höheren  Alter,  vielleicht  nach  vielfachen  Enttäuschungen,  dagegen  sich  zur, 


468  SAN  HARTE  (A.  SCHULZ) 

reinen  Wirklichkeit  in  einem  Lehr-  and  Strafgedicht  wandte.  Ich  wage 
nicht,  Guiot  die  epische  Idee  unsers  Parzival,  die  unverkennbar  daraus  ent- 
gegentritt: nämlich  die  Erlösung  der  Menschheit  von  der  Sünde  und  den 
Weg  zur  Heiligung  zu  singen,  schon  jetzt  unterzuschieben,  obwohl  er  wohl 
der  Mann  scheint,  zu  einer  solchen  Idee  sich  erheben  zu  können.  Ich  mag 
auch  hier  nicht  die  mehreren  Stellen  aus  unserm  Parzival  anfahren ,  welche 
sehr  genau  wie  Reminiscenzen  aus  Guiots  ^Bible^  anklingen,  gleich  als  ob 
Guiot  in  seinem  Romane  Sentenzen  und  Grundsätze  ausgesprochen,  die  er 
in  der  ,,BibIe''  wiederholt  hätte.  Ich  will  mich  vielmehr  an  das  näher  liegende 
Thatsächliche  nur  halten,  das  uns  mahnt,  diesen  Dichter  nicht  aus  den 
Augen  zu  verlieren.  —  Höchst  merkwürdig  bleibt  in  dieser  Beziehung  das 
hohe  Lob  und  der  milde  Tadel,  der  in  der  That  fast  mehr  als  Warnung  denn 
als  Tadel  klingt,  wie  er  den  Tempelherrenorden  bespricht.  Da  treten  nur 
Adlige,  kein  t;2to2n,  ein;  es  ist  der  Orden  des  Ritterthums.  Im  „Leben 
und  Dichten  Wolframs  v.  Eschenbach",  B.  II,  S.  372—376  habe  ich  nach- 
gewiesen, wie  treu  das  Tempeleisenthum  dem  Tempelherrenorden  nachge- 
bildet ist.  Zu  Ende  des  12.  Jahrhunderts  stand  dieser  Orden  noch  in  seiner 
ungetrübteu  Glorie,  in  seiner  vollen  Reinheit ,  frei  von  den  spätem  Sünden 
und  Anschuldigungen ,  die  ihm  seinen  Untergang  bereiteten ,  in  der  Blütbe 
seines  Ruhmes  und  seiner  Macht;  und  die  gesammte  Laien-  und  ein  großer 
Theil  der  kirchlichen  Welt,  Bernhard  von  Glairvaux  an  der  Spitze,  erkannte 
in  ihm  das  höchste  Ideal  des  christlichen  Lebens ,  indem  Mönch  und  Ritter 
sich  zum  alleinigen  Dienste  des  Kreuzes  in  einer  Person  vereinigten,  —  eine 
Ansicht,  die  auch  Guiot  in  früheren  Jahren  getheilt  haben  mag.  Gleichwohl 
tritt  er  dieser  allgemeinen  Verehrung  des  Ordens  in  diesem  Gedicht  dadurch 
scheinbar  entgegen,  daß  er  keinen  Werth  auf  sein  Kämpfen  gegen  die  Heiden 
zu  legen  scheint,  wjraigstens  für  seine  Person  seine  Haut  dabei  nicht  zu 
Markte  tragen  mag.  Die  Hist.  lit.  de  la  France  wirft  ihm  desshalb  unrühm- 
liche Prahlerei  mit  seiner  Poltronnerie  vor.  Allein  Guiot  ist  Theologe  ge- 
nug, um  zu  wissen,  daft  nach  der  Kirchenlehre  seiner  Zeit  wie  der  früheren 
selbst  der  ^fichtgetaufte  die  christliche  Märtyrerkrone  und  das  ewige  Heil 
gewann,  wenn  er  bei  Vertheidigung  des  Christenglaubens  die  Bluttaufe 
empfieng.  Geringschätzen  konnte  er  daher  dieses  Ordensgelübde  des  Kampfes 
gegen  das  Heidenthum  nicht;  wohl  aher  schimmert  die  gleichfalls  in  der 
Kirche  oft  genug  geltend  gemachte  Ansicht  durch ,  daß  es  eben  nicht  Sache 
des  Mönchs  sei,  zum  irdischen  Schwerte  zu  greifen,  um  blutig  das  Christen- 
thum  zu  predigen ,  sondern  daß  sein  sieghaftes  Schwert  die  überzeugende 
Predigt  des  Wortes ,  getragen  von  rein  christlichem  Wandel  und  Glauben 
sein  solle.  Auch  in  der  „Bible"  tritt  Guiot  nicht  als  Fanatiker  gegen  das 
Heidenthum,  das  er  niederkämpfen  will ,  auf,  sondern  als  Eiferer  gegen  die 
Sünde  innerhalb  des  Christenthums,  und  vorzugsweise  gegen  die  Sünden 
derer,  welche  ihr  Priester-  und  Mönchskleid  zum  Deckmantel  derselben 


WOLFRAM  VON  ESCHENBAOH  ÜIO)  6UI0T  VON  PROVINS.  459 

gebraachen,  und,  indem  sie  vorgeben ,  eich  ganz  Gott  zu  weihen ,  ihn  um  so 
schändlicher  verleugnen.  Er  tritt  damit  der  Ansicht  der  erleuchteteren 
Geistlichen  und  Laien  bei,  welche  schon  damals  auf  eine  gründliche  Ver- 
besserung der  Eirche  an  Haupt  und  Gliedern  mit  reformatorischem  Geiste 
hinarbeiteten,  von  dem  ewig  wahren  Grundsatze  ausgehend:  daß  jeder,  um 
das  Bessere  um  sich  und  in  Andern  zu  schaffen ,  bei  sich  selbst  mit  der 
Besserung  anfangen  müsse.  —  Wir  halten  es  nicht  flir  einen  zufälligen 
Einfall,  sondern  för  eine  durch  die  ganze  Richtung  jener  religiös  gewaltig 
und  tief  bewegten  Zeit  kurz  vor  dem  Jahre  1218  (diesem  Wendepunkt  der 
altramontanen  Reaction  zu  ihrem  Siege)  bedingte  und  begründete  Idee,  daO 
oQch  in  unserem  Parzival  nicht  der  Kampf  gegen  das  Heidenthum  oder 
filr  die  sichtbare  Kirche  der  Weg  zum  Gralkönigthum  ist,  sondern  die  Be- 
siegung des  Feindes  in  uns  selbst,  der  Sünde  im  eigenen  Herzen,  und  nur 
Reue,  Buße  und  Demuth  zur  Erlösung  und  Heiligung  führen;  wesstialb  auch 
der  Pabst  zu  Rom  wie  der  Barttch  von  Bagdad  außer  aller  Beziehung  zum 
heiligen  Gral  bleiben.  —  Femer  aber  ist  auch  zu  beachten ,  daß  bereits  die 
Vorrechte,  welche  die  Bulle  Omne  datum  Optimum  vom  7.  Januar  1162  dem 
Orden  verlieh,  verbunden  mit  der  fortdauernden  höchsten  Bevorzugung  des- 
selben Seitens  des  Pabstes,  ihn  zum  Gegenstand  der  Eifersucht,  des  Neides, 
und  später  des  glühendsten  Hasses  der  Geistlichkeit  machten.  Unter  dem 
Großmeister  Odo  von  St.  Amand  (1170 — 1179)  entfaltete  er  seine  höchste 
und  schönste  Biüthe,  und  unter  ihm  scheint  der  Orden  auch  die  Wendung, 
Anfangs  leise  und  noch*  kaum  wahrnehmbar,  begonnen  zu  haben,  eine  mäch- 
tige Adelsverbindang  auf  Seiten  der  Päbste  zu  werden ,  zugleich  aber  auch 
eine  selbständige  Politik  zu  verfolgen,  die  nach  der  Alleinherrschaft  im 
christlichen  Orient  strebte.  Der  Orden  sollte  gegen  die  Heiden  kämpfen; 
dazu  gehörten  Männer  und  Burgen,  und  dazu  Geld  und  dreimal  Geld,  damals 
wie  jetzt  zum  Kriege.  Die  Pracht  seiner  Ordenshäuser  und  die  Ausrüstung 
der  Ordensbrüder  bewies,  daß  das  Geld,  welches  von  Europa  so  reichlich  zu 
ihm  nach  Syrien  strömte,  nicht  allein  vom  Kriege  verschlungen  wurde.  Und 
was  nicht  allzu  lange  nach  Guiot  als  offener  Schaden  und  unzweideutige  Ab- 
irrung von  der  ersten  Weihe  des  Ordens  zu  Tage  trat,  wird  die  Aufmerksam- 
keit der  tiefer  und  weiter  Blickeaden  auch  schon  früher  vorhergesehen 
haben;  und  zu  solchen  gehört  Guiot.  Darum  seine  Warnung  vor  Habsucht 
und  Übermuth,  die  ihm  schlimmere  Feinde  des  Ordens  als  die  Heiden  zu  sein 
scheinen.  —  Ariost  verkündigt  dem  Ritterthum  den  Untergang  durch  die 
Erfindung  des  Schießpulvers;  Guiot  sah  mit  noch  mehr  prophetischem  Geiste 
schon  vor  dessen  Erfindung  den  Verfall  des  Ritterthums  voraus  durch  die 
aosgedelmtere  Ausbildung  und  Anwendung  der  Femwaffen: 
Y.  182.   „Der  Ritter  hängt  erschreckt  die  Ohren; 

Denn  ihre  Zeit  ist  hin,  verloren; 

ArmipctstachiitMa  und  Mineure , 


460  San  harte  (a«  sghülz) 

Mangenmeister  ')  und  Ingenieure , 
Die  werden  hinfort  viel  werther  sein." 

Hochfahrt  stürzte  den  Amfortas;  Demuth  und  Buße  erhoben  Parzival; 
so  lehrt  WolfranL  —  Guiot  gibt  den  von  ihm  wirklich  hochgeschätzten 
Tempelherren  keine  andre  Lehre.  Eine  Reformation  dieses  Ordens  im  Sinn 
und  Geist  des  Templeisenthums ,  wie  wir  es  in  unserm  Parzival  finden, 
kann  ihn  daher  wohl  in  frühern  Jahren  begeistert  und  dahin  geleitet  haben, 
seinem  Ideal  eine  poetische  Hülle  zu  leihen ,  wie  unser  Gedicht  sie  uns  auf- 
bewahrt hat.  Lässt  sein  Humor  hier  in  der  ,,Bifale"  ihn  dabei  zugleich  in 
der  Maske  des  Feiglings  auftreten,  so  erhöht  er  damit  nur  den  gepriesenen 
Orden»  indem  er  sich  erniedrigt.  Denn  daß  es  ihm  überhaupt  an  Muth  nicht 
fehlt,  zeigt  zur  Genüge  eben  sein  Buch,  worin  er  die  Machthaber  der  Kirche 
und  seinen  eignen  Orden,  in  dessen  Gewalt  er  sich  befindet,  und  der  ihm 
auch  seine  Bache  scheint  sehr  fühlbar  gemacht  zu  haben,  so  energisch 
angreift. 

Rochat  gelangt  bei  seiner  Vergleichung  unsers  Parzival  mit  Ohrestiens 
Contes  del  Graal  zu  dem  Besultat: 

«     1)  daß  Wolframs  Berufung  auf  seinen  französischen  Gewährsmann  Eyot 
eine  reine  Erfindung  und  ein  fals£;hes  Vorgeben  «ei  (i.  c.  S.  104,  106); 

2)  daß  er,  den  Stoff  anlangend,  wesentlich  nach  Ohrestiens,  doch  mit 
selbständiger  Freiheit,  gearbeitet  habe  (S.  82,  307,  117); 

3)  daß  ^r  Namen  und  Geschichten ,  die  bei  Ohrestiens  sich  nicht  finden, 
selbst  erfand  und  einschob  (S.  102,  108,  113,  118); 

daher  muß  Kyot  verschwinden,  und  soll  Ohrestiens  mit  Wolfram  vereint  als 
ein  glanzvolles  Gestirn  am  mittelalterlichen  Himmel  aufsteigen  (S.  120). 

Allein  es  scheint  mir  zu  schnell,  aus  unserm  Nichtbesitz  eines  Epos 
von  Eyot  auf  dessen  Nichtsein  überhaupt  zu  schließen,  und  ebenso :  diesem 
Guiot  ohne  Weiteres  die  Befähigung,  ein  solches  zu  dichten,  abzusprechen. 
Welt-,  Menschen-  und  Bibelkenntniss ,  Humor  und  bis  auf  den  Knochen 
brennender  Witz,  Kraft  und  Gewandtheit  der  Sprache,  ein  Herz  für  das 
Große  und  Edle,  und  ein  Auge  für  das  .VerdammUche  ist  ihm  nicht  wohl  ab- 
zuerkennen. Es  sind  dieß  Eigenschaften,  die  wir  vornehmlich  auf  Grund  des 
Parzival  auch  Wolfram  von  Eschenbach  beilegen.  Aber  ich  frage:  wer 
wird  nur  auf  Grund  seiner  lyrischen  Gedichte,  der  Titurelfragmente  und  des 
unvollendeten  Wilhelm  von  Orange  Wolfram  die  hohe  dichterische  Begabung 
in' Kraft  der  Gestaltung,  die  energische  Beherrschung  eines  ungeheuren 
Stoffes,  kurz  die  schöpferische  Größe  eines  Epikers,  der  eine  solche  erhabene 
Idee,  wie  sie  oben  bezeichnet  ward,  dichterisch  auszufuhi^en  sich  vorgesetzt 
hat,  mit  Überzeugung  beilegen  können,  wenn  er  den  Parzival  uns  nicht 
hmterlassen  hätte?     Gewiss,  der  Ruhm  und  Preis ,  den  wir  ihm  in  dieser 


*)  pemUr,  mhd,  pfeUrm^,  Fuhrer  der  Worfinwchinea  (Blangen). 


WOLFRAM  VON  ESCHENBACH  UND  GÜIOT  TON  PROYINS.  461 

BeziehoDg  jetzt  zollen ,  würde  gich  bedeutend  ermäßigen  müssen  und  guten 
Theils  hypothetisch  bleiben. 

I^och  gewagter  will  es  mir  scheinen,  Wolfram  der  Unwahrheit  und  eines 
falschen  VorgebenB  hinsichts  seiner  französischen  Quelle  zu  zeihen,  und  ich 
mag  diesen  Schatten  auf  seinen  Charakter  nicht  werfen.  Wenn  er  ohnehin 
als  Dichter  sich  Manns  genug  fühlt,  es  mit  Dreien  zugleich  in  seiner  Kunst 
aufzunehmen  (P.  4,  2),  wozu  glaubte  er  zur  Weckung  des  Interesses  der 
Leser  noch  eine  fremde  Autorität  vorschieben  zu  müssen?  Seine  Anfuh- 
rungen über  Kyot  sind  zu  bestimmt,  seine  Berufung  auf  die  Aventiure,  der 
er  nacherzählt,  zu  folgerecht  durchgehend ,  und  das  Beispiel  der  deutschen 
Dichter  namentlich  von  Arthusromanen,  nach  fremden  Vorbildern  gearbeitet 
zu  haben,  bei  fast  allen  Epen  der  Art  zu  sicher  erwiesen,  als  daß  wir  der 
Annahme  unsers  aufrichtig  hochgeachteten  Gegners  Raum  göben  könnten. 
Nehmen  wir  daher  auch  unsem  Wolfram  als  einen  Mann  der  Wahrheit,  und 
betrachten  unbefangen  sein  Zeugniss. 

Er  nennt  Kydt  einen  meüter^  uiSsy  wol  bekant  (P.  828,  14;  456,2; 
453,  11).  Als  er  liddamus  bei  Namen  nennt,  beruft  er  sich  ausdrücklich 
aufKyöt.    P.  416,20: 

KySt  in  selbe  nennet  eus. 

Kydi  la  sohantiure  *)  Mez 

den  ein  kunet  des  niht  erUeZy 

er  ensunge  und  eprmche  s6f 

die  noch  gewuoge  werdewbfr6. 

Daß  Guiot  von  Provins  gesungen,  und  mit  Beifall  an  vielen  Höfen  und 

auf  Schlössern  gesungen,  entnehmen  wir  ans  seinen  lyrischen  Gedichten, 

seinem  Wanderleben  and  den  Geschenken,  die  er  dabei  erhalten  hat.     Daft 

er  aach  zu  sprechen  verstand,  lehrt  uns  seine  „Bible^,  und  er  selbst  sagt 

V.  11 :  Ce  gueje  vueil  canter  et  dire, 

eet  sam/elonie  et  eanz  ire. 
La  chantiure  heiftt  nach  den  mir  zu  Gebote  stehenden  Wörterbüchern  weder 
altfranzösisch  noch  provenzalisch  „der  Gesang^;  dagegen  le  chantires 
(echanterres)  altfr.  der  Sänger,  chantre,  chanteur,  auch  m4nitrier  (Roque£ 
910  ff.);  und  hier  wie  anderswo  öfter  wird  uns  Wolframs  gründliche  franzö- 
sische Sprachkenntniss  verdächtig.  Wolfram  nennt  ferner  Eyöt  einen 
Provemälen  (S.416,  25;  805, 10;  827, 5),  der  aber  en  franzoy»  geepraeh^ 
was  er  in  der  Aventüre  von  Parzival  fand  (P.  416,  28),  die  aber  von  Pro* 
venz  in  tiusehe  lant  kam  (P.  827,  9).  Wir  lassen  hier  Kyöts  angebliche 
Quellen  bei  Seite,' und  heben  nur  hervor,  daß  mit  Ausnahme  der  entschieden 
wälschen  und  deutschen  die  grofte  Mehrzahl  der  vorkommenden  Personen- 
namen, sofern  sie  sich  begrifflich  verständigen  lassen,  femer  alle  eingemischte 


*)  XoMofUJur»  Dd.  laMkmtmc  O.  latiohfmtwr  g. 


462  SANMARTE  (Ä.  SCHÜL2) 

französische  Brocken  and  germanisierte  französische  Wörter  im  Par^ival 
die  Angabe  Wolframs  bestätigen,  daß  Kyöt  enfranaoye^  d«  h.  in  demjenigen 
Französisch  geschrieben  hat,  welches  in  Isle  de  France  (dem  eigentlichen 
IV<mcrtche)  und  Champagne  gesprochen  ward,  un^  welches  Wolfram  auch 
verstand  ui^d  zu  sprechen  wusste  (W.  237,  5).  Daß  Wolfram  seinen  Eydt 
wirklich  für  einen  Provenzalen  gehalten  hat,  ist  nach  den  oben  angefahrten 
Stellen  außer  Zweifel ;  aber  in  Dunkel  ist  dennoch,  ob  Kyot  sich  selbst  einen 
Provenzalen  genannt  hat?  Die  Einwohner  von  Provins  heißen  nach  Roque- 
fort*s  Gloss. :  Pravenestfiy  Ptovemsien^  Provifien;  da  Wolfram  selbst  nicht 
lesen  und  schreiben  konnte,  so  kann  füglich  in  Frage  gestellt  werden,  ob  sein 
Vorleser  ihm  nicht  das  WortGuiot  de  JVov/rw  in  einer  Weise  vorgesprochen 
hat,  daß  er  es  für  Proveno  (Provence)  nehmen ,  und  so  wieder  niederschrei- 
ben lassen',  änd  demnach  den  Provisien  in  einen*  Provms^^^^  verwandeln 
konnte.  Jeden  Falls  liegt  die  Annahme  eines  solchen  Missverständnisses  bei 
einem  lesens-  und  schreibensunkundigen  Nichtfranzosen  näher,  als  die,  daß 
ein  wirklicher  Provenzale  nicht  in  seiner  Muttersprache ,  sondern  in  einem 
ihm  ursprünglich  fremden  Idiom  ein  so  umfangreiches  Gedicht  hätte  schreiben 
sollen.  Daß  Wolfram  jene  Stadt  W.  437,  11  Prov^  oder  Pruvis  nennt, 
widerlegt  nicht  die  Annahme  jenes  Mißverständnisses,  denn  dieser  Name  ist 
nach  sicheren  urkundlichen  Zeugnissen  unrichtige  und  beruht  auf  falscher 
Leseärt,  sofern  nicht  etwa  im  Yolksmund  der  richtige  Name  also  korrumpirt 
ward. 

Die  höchst  verdienstliche  ani^hrliche  Vergleichung  unseres  Parzival 
mit  Chrestiens  Gontes  del  Graal  führt  uns  näher  in  die  Methode  jener 
nodttelalterlichen  Epiker,  fremde  Stoffe  zu  bearbeiten,  ein.  Aliein  die  zwi- 
schen Beiden  gefundene ,  allerdings  oft  große  und  überraschende  Überein- 
stimmung liefert  doch  noch  nicht  den  vollen  Beweis ,  daß  Wolfram  gerade 
nach  Chrestiens,  und  nur  nach  ihm  gearbeitet  habe;  sondern  nur:  daß  auch 
Kyöt  sich  theilweise  mit,  jenem  in  enger  Übereinstimmung  gehalten  haben 
maß,  wenn  Wolfram  uns  Wahi^eit  über  seinen  Kyot  berichtet;  woraus  mit 
gleichem  Recht  der  zwiefache. Schluß  gezogen  werden  kann:  entweder  hat 
Kyot  den  Ohrestiens  derb  abgeschrieben:  oder  auch:  Beide  haben  gleich- 
artige Quellen  benutzt,  aus  deren  treuer  Beil^ehaltung  diese  Übereinstimmung 
^entsprungen  ist.  —  Lange  nahm  man  aus  der  vielfachen,  oft  wörtlichen 
Übereinstimmung  unseres  deutschen  mit  Chrestiens  französischem  Erec  an, 
daß  Hartmann  von  Aue  nach  dessen  Werke  gedichtet  habe;  gleichwohl  will 
Haupt  (Erec,  S.  XII)  dieß  nicht  zugeben,  da  es  sich  nicht  aus  der  ihfli  damals 
zu  Gebot  gestandenen  Abschrift  der  ganzen  ersten  Hälfte  von  Chrestiens  Erec 
bestätigt  haben  soll.  Dies  Beispiel  lehrt  um,  wie  leicht  eine  Täuschang  hier 
m^lich  ist  Wir  haben  nicht  Ursache ,  eme  allzuhabe  Meinung  von  der 
Discretion  dieser  Romandichter  und  ihrem  Respect  vor  fremdem  littersffischem 
Eigenthum  zu  hegen.     Denn  darüber  ist  wohl  kauuft  noch  Zweifel  und  Streit, 


WOLPBAM  VON  ESCHENBACH  UND  OUIOT  VON  PB0TIN9.  46S 

daS  diese  Clercs  den  Rohstoff  ihrer  Erzählungen  in  der  Hauptsache  nicht 
zuerst  neu  erfanden ,  sondern  bereits  in  mancherlei  Gestalt  vorfanden ,  nnd 
aus  mancherlei  Mund  und  Schrift  überliefert  erhielten,  und  die  oft  zerstreuten 
imd  zersplitterten  Aventüren  nur  zu  einem  zusammenhängenden  großem 
Epos  verflochten,  ergänzten,  kurz  mit  mehr  oder  minderem  Geschick  und 
Geist  verarbeiteten.  Es  verhält  sich  ganz  ähnlich  mit  der  langen  Reihe 
z.  B.  der  brittischen  Chronisten,  von  denen  stets  Eiuer  auf  die  Schultern  des 
Andern  steigt,  und  ihn  ohne  Rückhalt  ausschreibt  Eine  solche  Be-  oder 
Verarbeitong  altem  Rohstoffes  hat  Chrestiens  uns  in  den  Contes  del  Graal 
hinterlassen ,  und  nach  Wolframs  Zeugniss  Kydt  dessgleichen.  Eine  dritte 
Bearbeitung  desselben  Hauptgegenstandes  findet  sich  im  Beraer  Ms.,  das 
zum  Theil  mit  Chrestiens,  zum  Theil  mit  dem  Mabinogi  ^Peredur"  über- 
raschend zusammenstimmt.  Eine  vierte  Bearbeitung  liefert  endlich  aus 
Wales  das  Mabinogi  selbst,  des  altenglischen  Liedes  von  Parcivall  nicht  zu 
gedenken.  Hier  ist  die  Thatsache  dieser  mehrfachen  Behandlung  desselben 
Stoffes  durch  Verschiedene  zu  verschiedenen  doch  nicht  zu  lang  getrennten 
Zeiträumen  (1160  bis  etwa  1200)  für  jetzt  uns  wichtiger,  als  das  Verhält- 
niss  dieser  Gedichte  unter  einander.  Wir  finden  nun  außerdem  im  jungem 
Titurel  und  auch  bei  Wolfram  eine  Menge  Aventüren  nebst  Anspielungen 
auf  Personen  nnd  Geschichten,  die  in  jenen  übrigen  bekannten  Arbeiten 
nicht  erscheinen ,  und  der  Titurel  hat  wieder  Derartiges  unendlich  viel  mehr 
als  Wolfram.  Wir  dürfen  dem  jungem  Titureldichter  eher  Alles,  nur  nicht 
eigene  Erfindungsgabe,  dagegen  das  größte  Geschick  der  Compilation,  des 
Aufgreifens  und  Ausweitens  fremdes  Stoffes  und  einen  unermüdlichen  Eifer 
in  weitschichtigster  Ausschmückung  des  benutzten  Fremden  zutrauen.  Wo- 
her und  ob  aus  Kydt  er  seine  Zuthaten  zu  Wolframs  Parzival-  und  Gral- 
geschichten entnommen  hat,  wissen  wir  nicht;  aber  daß- sie  irgendwo  in 
deutschen  oder  französischen  Dichtungen  vorhanden  waren,  aus  denen  er 
schöpfte,  ist  uns  im  höchsten  Grade  wahrscheinlich.  Ähnlich  dürfte  es  sich 
mit  dem,  was  Türlins  Krone  hierher  Gehöriges  erzählt,  verhalten.  Nicht 
minder  ist  der  Umstand,  auf  den  ich  bereits  früher  (Arthursage  S.  326,  Et- 
läutemngen  zum  wälschen  Geraint  ab  Erbin)  aufmerksam  gemacht  habe,  zu 
beachten ,  daß  in  Hartmanns  Erec  die  Namen  Titwrel  (V.  1650)  Marlivlidt 
vonKatelwnge  (1688;  P.  186,  22;  Tit.  23,  1;  MmpßySt),  Oanatulander 
(1690  für  Schtanatalander),  Qalo^s  (1661  und  1513),  8ehomb6r  (1676; 
etwa  Sennabor  des  jüngeren  Titurel?  trotz  des  Anachronismus,  da  Letzterer 
ihn  zu  Christi  Zeit  leben  lässt),  vorkommen,  zwar  ohne  Geschichte ,  nur  als 
Figuranten;  aber  sie  sind  doch  da!  Hartmann  konnte  um  1204  diese  Namen 
noch  nicht  aus  Wolframs  Parzival  entlehnt  haben,  denn  dieser  war  damals 
noch  nicht  gedichtet;  sie  finden  sich  nach  Haupts  Nachweis  (Erec.  S.  XV) 
und,  wie  man  sich  nun  aus  dem  vollständigen  Abdruck  in  dessen  Zeitschrift 
10,  373  ff.  überzeugen  kann ,  auch  nicht  in  Chrestiens  Erec.    Hartmanns 


464     SAN  ICABTE,  WOLFRAM  VON  ESCHENBACH  UND  GUIOT  VON  PROVINS. 

französi8ch.e  Quellen  muß  sie  aber  doch  gehabt,  folglich  müssen  diese 
Personen  auch  in  der  französischen  Poesie  bereits  ihre  Geschichten  gehabt 
haben,  und  Wolfram  führt  dieselben  aus  Kyöt  an.  Oder  sollte  Hartmann 
diese  Nainen  aufs  Gerathewohl  auch  erfunden,  Wolfram  sie  aus  dem  Erec 
entnommen,  und  ihnen  ihre  Geschichten  hinzugedichtet  haben?  —  Gewiss 
nicht;  die  positiven  Zeugnisse  Wolframs,  Hartmanns,  des  jüngeren  Titorel 
sind  dagegen;  dagegen  sind  alle  bekannten  Beispiele  anderer  Dichter  dieses 
Sagenkreises.  —  Wenn  wir  sonach  gegen  Rochat  Wolfram  dieses  selbständige 
Hinzudichten  von  Aventüren  absprechen,  so  geschieht  es  doch  wahrlich  nicht 
aus  dem  Grunde,  weil  wir  seine  dichterische  Fähigkeit  dazu,  sondern  nur, 
weil  wir  seinen  Willen  in  Abrede  stellen,  etwas  Anderes  zu  bieten^  als  frm 
AvewUure^  d.  h.  die  ihm  überlieferte  Sage,  ihn  zu  sagen  lehrte.  Das  ver- 
sichert er  zu  oft  wiederholten  Malen,  und  dem  glauben  wir. 

Ganz  anders  dagegen  verhält  es  sich  mit  der  dichterischen  Vergeisti- 
gung des  vorgefundenen  und  benutzten  französischen  Vorbildes.  Je  tiefer 
ich  mich  in  die  Theologie  des  12.  Jahrhunderts  und  in  die  Dogmengeschichte 
bis  dahin ,  so  wie  in  die  religiösen  Bewegungen  und  Kämpfe  dieser  Periode 
hineingearbeitet  habe,  desto  lichtvoller  und  erhabener  tritt  in  der  dichteri- 
schen Hülle  der  Geist  des  Evangeliums  hervor,  der  den  Dichter  unsers 
Parzival  erleuchtet  hat.  Die  obenbezeichnete  Idee  unsers  Gedichtes  kann 
ihre  Wiege  in  Deutschland»  aber  ebensowohl  auch  in  Frankreich  gehabt 
haben,  wo  ja  die  religiösef  Bewegung  während  der  Lebenszeit  des  Guiot  von 
Provins  weit  tiefer  in  die  Massen  des  Volks  ebensowohl  wie  in  die  Gemüther 
der  Begabtesten  der  Zeit  geschlagen  hatte,  als  in  Deutschland,  wo  diese 
Kämpfe  mehr  einen  politischen  und  dynastischen  Charakter  annahmen.  Oh^ 
wir  den  Vater  und  ersten  Träger  dieser  Idee  und  den  Dichter  dieses  Gottes- 
reiches auf  Erden,  des  Gralreiches  und  des  Templeisen thums  mit  seinem 
darin  vorgezeichneten  Wege  zur  Erlösung  von  der  Sünde  Guiot  oder  Wolfram 
zu  nennen  haben,  welches  Verdienst  diesem  oder  jenem  daran  beizumessen 
ist,  —  das  bleibt  bis  zur  endlichen  Auffindung  von  Guiots  Gedicht  frei- 
lich zu  unserem  aufrichtigsten  Bedauern  noch  im  Dunkel.  Bis  dahin  aber 
bleibt  und  gebührt  der  volle  Dank  dem,  der  uns  diese  kostbare  Perle  mittel- 
alterlicher Poesie  in  so  unübertroffener  Fassung  überliefert  hat:  und  das  ist 
unser  Wolfram  von  Eschenbach. 
MAGDEBURG. 


JOB.  KELLE,  DIE  FRAGE&  HANDSCHRIFT  DER  »ERLÖSUNG**.  46( 

DIE   PRAGER    HANDSCHRIFT 

DER 

„ERLÖSUNG". 


Im  37.  Bande  der  Nationalbibliothek  veröffentliclite  Karl  Bartsch  ein 
Gedicht,  das  er  mit  Bezugnahme  auf  Andeutungen  im  Gedichte  selbst  nicht 
anpassend:  „Erlösung"  nennt,  nach  der  einzigen  (ihm  bekannten)  Hand- 
schrift, welche  sich  auf  der  Stadtbibliothek  in  Nürnberg  befindet,  und  der 
zweiten  Hälfte  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  angehört. 

Eine  zweite  ungleich  ältere  Handschrift  dieses  Gedichtes  befindet  sich 
in  der  fürstlich  Lobkowitz'schen  Bibliothek  in  Prag  (Sig.  Nro.  519).  Pertz 
hat  im  nennten  Bande  des  Archives ,  wo  er  die  Ergebnisse  seiner  im  Jahre 
1843  unternommenen  wissenschaftlichen  Reise  zusammenstellt,  diese  Hand- 
schrift verzeichnet,  und  die  An&ngszeilen  derselben  mitgetheilt,  und  schon 
froher  hat  H.  Hoflbiann  die  Handschrift  in  Händen  gehabt,  und  wahrschein- 
lich, wie  auf  andere,  so  auch  auf  diese  Handschrift  der  Lobkowitz'schen 
Bibliothek  irgendwo  Bezug  genommen.  Hoffinann  erinnert  sich  indess  nicht 
mehr,  ob  und  wo  er  dieHandschrift  beschrieb,  und  selbst  darüber  Untersuchungen 
auzustellen,  fehlt  es  mir  jetzt  an  Zeit  und  hinreichenden  Hülfsmitteln.  Der 
Codex  ist  gleich  dem  Nürnberger  unvollständig,  doch  kann  der  letztere  zum 
Glücke  noch  an  einer  Stelle  ergänzt  werden.  Er  enthält  dermalen  noch  zwei 
Lagen  Folio  von  je  vier  Doppelblättem ,  und  eine  Lage  (die  mittlere)  von 
drei  Doppelblättem ,  bei  der  das  erste  Doppelblatt  fehlt.  Die  erste  Lage 
enthält  1152  Zeilen,  welche  Änderungen,  Zusätze  und  abweichende  Lese- 
arten, aufweiche  ich  zurückkommen  werde,  abgerechnet,  zu  Bartsch  3232 
bis  3287  und  1191—2279  und  zwar  in  folgender  Anordnung  stinmien: 
3232—3287;  1191—1260;  1313—1326;  1261—1312;  1327—1613; 
2170—2189;  2104—2169;  1514—1635;  1984—2103;  2190—2225; 
1636—1983;  2226—2279.  Die  zweite  Lage  enthält  864  und  die  dritte 
1150  Zeilen,  welche  unter  denselben  Modalitäten  zu  Bartsch:  3340 — 4203 
und  4342—5361  passen. 

Auf  der  rechten  und  linken  Seite  jeder  Golumne  ist  eine  Linie  von  dem 
obem  bis  zum  untern  Rande  gezogen,  und  in  der  Mitte  laufen  zwei  Linien 
neben  einander,  und  theilen  die  Seite  in  zwei  Spalten»  in  deren  jeder  stets 
36  Zeilen  stehen  zwischen  Linien,  welche  von  der  einen  äußersten  Vertikal- 
linie  zur  anderen  gezogen  sind.  Jede  Zeile  beginnt  mit  einem  großen  An- 
fangsbuchstaben; die  Initialen  der  einzelnen  Absätze  und  die  stellenweise 
vorkommenden  Überschriften  sind  roth  eingetragen. 


4M  ^^^^  KELUi 

über  die  Schreibart  der  Handschrift  bemerke  ich  in  möglichster  Kürze 
Folgendes.  Als  Umlaut  von  a  dient  e^  bei  dessen  Anwendung  aber  nicht 
gleichmäOig.  verfahren  ist.  Scheinbarer  Riickumlant  findet  sich  bei:  ver- 
kort,  gelart  etc.  Häufig  erscheint  a  statt  o:  wanen  etc.  Stets  bei  van, 
meistens  bei  8al  und  wal.  e  steht  häufig  statt  mhd,  i:  gereckte^  ger  etc. 
^  bedient  sich  die  Handschrift  sowohl  in  Stämmen  als  bei  der  Wortbildung 
und  Wortbiegung  sehr  oft  statt  e:  lidich,  mirkin  etc.  dir  steht  manchmal 
statt  der;  ir-^  int-y  vir»  etc.  stets  statt  er*,  ent^^  ver-  etc.;  ic-  wechselt 
mit  ec'y  in  (Negation)  steht  immer  statt  m.  Der  Inf.  endet  immer  auf  -eti, 
das  part.  praet.  schwacher  Gonj.  stets  auf  -it.  Häufig  gebraucht  die  Hand- 
schrift i  statt  ie:  Mit,  wili  etc.  o  ist  durch  o  oder  u  bezeichnet;  kaum  kann 
überall  o:u  als  Reim  angenommen  werden,  u  ist  in  den  meisten  Fällen  ü 
geschrieben;  in  ummer,  nummer  erscheint  es  stets  statt  i;  statt  mhd.u  steht 
manchmal  o,     ö  findet  sich  in  appitgöde  und  mögen. 

Statt  ä  begegnet  zuweilen  ai  :  hemaioh :  intfaich,  schMf;  besonders 
häufig  ist  dieses  ai  bei  haben: ich  hain,  du  hais,  haist,  er  hadt;  wir  hain. 
i  schreibt  die  Handschrift  stets  für  a^ :  m^re,  w&re  etc.  Statt  6  findet  sich 
manchmal  oe:  doit,  moist  etc.  oe  begegnet  bisweilen  als  oe  oder  6:  irloerin, 
hoeae,  irhihit  etc.  ie  ist  geschrieben  erstens  für  i :  vriede,  siede,  hdemü  etc., 
zweitens  für  tisie,  vrie,  hie  etc.  Statt  iu  setzt  die  Handschrift  stets  fl  (ü): 
/fir,  vriint,  irl&httt,  dr&  etc;  fi  steht  aber  auch  für  uo,  so  daß  dieses  Zeichen 
u  (theilweise  o),  ü,  iu,  uo  bezeichnet,  ü  und  ile  erscheint  in  der  Mundart 
der  Handschrift  nicht,  sondern  dafür  steht  beziehungsweise  u  oder  Üj  in  der 
Handschrift  also  beide  Male  gleichfalls  fi.  Bisweilen  finde  ich  statt  &  ohne 
Beziehung  auf  einen  bestimmten  zu  bezeichnenden  Laut:  f.  Statt  au  ist 
allemal  au  geschrieben,  und  sein  Umlaut  durch  eu  bezeichnet.  Oft  setzt  die 
Handschrift  irriger  Weise  hiede,  lüde  statt  lüde. 

r  in  dem  Worte  der  wird  meist  abgeworfen,-  statt  mit  setzt  die  Hand- 
schrift meistens  bit.  Für  b  tritt  manchmal  v  ein:  loveb&e,  blivit  etc.,  das 
selbst  hin  und  wieder  durch  b  vertreten  wird:  zu  höbe,  oben  etc.  Statt  ff 
ist  immer  p  gesetzt.  /  habe  ich  im  Anlaut  und  Auslaut  nur  einige  Mal  ge- 
troffen :  friat,  vonf,  sonst  steht  immer  v.  d  schreibt  die  Handschrift  für  i 
im  An-,  In-,  und  Auslaut,  doch  erscheint  es  im  Inlaut  am  häufigsten.  Statt 
jg  im  Auslaut  ist  manchmal  t  geschrieben;  h  ist  im  Auslaut  und  Inlaut  meist 
weggelassen:  vorte,  virgien,  virgin  etc.,  oder  in  beiden  Fällen  in  ^verwandelt 
Statt  ha  ist  immer  einfaches  a  gesetzt. 

Noch  bemerke  ich:  die  2.  Ps.  praes.  sg.  endet  meist  auf«,  die  2.  pl. 
schiebt  bisweilen  »ein;  die  1.  Ps.  praes.  s.  endet  stellenweise  auf  n.  Das 
schwache  part.  Praet.  hat  stets  die  Endung  -»Y  bewahrt,  he  schreibt  die 
Handschrift  immer  statt  er. 

Die  Handschrift  stammt  sicher  aus  dem  Anfange  des  vierzehnten,  viel- 
leicht sogar  noch  aus  dem  EQde  d^s  dreizehnten  Jalurhanderts»  steht  also  der 


DIE  PRÄGER  HANDSCHRIFT  DER  ^ERLÖSUNG''.         46Y 

Zett  der  AbfasBQDg  des  Gedichtes,  wenn  diese  wirklich  in  die  Mitte  des  letzt- 
genannten Jahrhunderts  zu  versetzen  ist,  ziemlich  nahe,  und  ist  daher  jeden- 
falls für  eine  unmittelbare  Abschrift  des  Originals  zu  halten.  Daß  die  Ab- 
schrift mit  Treue  und  Sorgfalt  gefertigt  ist,  dafür  trägt  sie  die  Beweise  in  sich. 
Vielleicht  ist  aber  die  Entstehungszeit  des  Gedichtes  etwas  zu  hoch  hinauf- 
gerückt ,  und  die  Handschrift  für  gleichzeitig  mit  der  Abfassung  des  Ge- 
dichtes zu  halten.  Nicht  unmöglich  wäre  es,  daß  uns  in  P  die  Stamm- 
handschrift selbst  vorliegt. 

Auch  die  Nürnberger  Handschrift  hält  der  Herausgeber  für  eine  mit 
seltener  Sorgfalt  gefertigte  Copie ,  die  es,  da  der  Dichter  noch  überdieß  ge- 
nau reimt,  ermöglicht,  die  ursprüngliche  Gestalt  des  Gedichtes  mit  wenigen 
Ausnahmen  ohne  große  Mühe  herzustellen.  In  diesem  Falle  wären  beide 
Handschriften  gleich  gut,  und  von  der  älteren  wenig  Ausbeute ,  höchstens 
einige  unwesentliche  Varianten  zu  erwarten. 

Eine  Vergleichung  der  beiden  Handschriften  zeigt  jedoch,  daß  P  wie 
einen  älteren,  so  auch  einen  im  Allgemeinen  weit  vorzüglicheren  und  im  Ein- 
zelnen richtigeren  und  sachgemäßeren  Text  enthält.  Ohne  aufs  Einzelne 
einzugehen  verweise  ich  auf  die  unten  stehenden  Lesearten  zu:  1252.  1488 
bis  1491.  1641.  1572.  1574.  1647.  1698.  1751.  1962.  1965.  2003.  2125. 
2126.  2127.  2276.  3241.  2243.  3261.  3262.  3354.  3469.3479.3542.3717. 
3767.  3869.  3946.  4072.  4470.  4494.  4608.  4639.  4686.4691.4699.4701. 
4794.  4796.  4819.  4894.  6019.  5051.  5230,  aus  deren  Betrachtung  sich 
die  Richtigkeit  dieser  Behauptung  sattsam  ergeben  wird.  Die  Vergleichung 
der  beiden  Handschriften  zeigt  aber  auch,  daß  N  keineswegs  eine  sorgfältige, 
sondern  eine  höchst  nachläßige  Abschrift  ist,  welche  noch  dadurch  bedeutend 
an  Werth  verliert,  daß  der  Abschreiber  sehr  viel  Spätes  theils  absichtlich, 
theils  sein  Original  missverstehend  unabsichtlich  eingemischt,  und  da  es  ihm 
überhaupt  nicht  um  treue  Wiedergabe  der  Vorlage  zu  thun  war,  im  Einzelnen 
Manches  ausgelassen  und  beigesetzt  hat. 

Aller  Wahrscheinlichkeit  nach  ist  N  sogar  von  P  copiert.  Eine  in  N 
eingeklebte  Urkunde  vom  Jahre  1466,  in  der  die  Familien  Hirschhorn  und 
Helmstadt  genannt  werden,  lässt,  wie  der  Herausgeber  richtig  bemerkt,  mit 
ziemlicher  Sicherheit  vermuthen,  daß  die  Handschrift  in  den  Neckargegenden, 
wo  beide  Familien  begütert  waren  (Hirschhorn  bei  Ravensburg  an  der 
Schnßen) ,  geschrieben  worden  ist.  Eben  in  dieser  Gegend  befand  sich  da- 
mals aber  auch  die  jetzt  Lobkowitz'sche  Handschrift.  Sie  gehörte  nämlich 
der  Abtei  Weißenau  bei  Ravensburg.  Im  Luneviller  Frieden  erhielt  Graf 
Sternberg  die  Abteien  Weißenau  und  Schußenried ,  und  kam  dadurch  in  den 
Besitz  der  prachtvollen,  manuscriptenreichen  Sammlung,  welche  nach  seinem 
Tode  Fürst  Lobkowitz  kaufte. 

Wie  nachläßig  und  gedankenlos  der  Abschreiber  seine  Vorlage ,  es  sei 
diese  nun  P  gewesen  oder  nicht ,  copierte^  beweist  unter  Anderem ,  daß  er, 

30* 


468  JOH.  KELLE 

statt  des  Satzes:  Johannes  sprach,  der  herre  Crist nach  mir  hcmit 

er  zvhant,  der  vor  mir  gemachit  wart  (Ipse  est,  qui  post  me  ventnrus  est, 
qui  ante  me  factas  est.  Job.  1.  27)  copierte:  der  von  mir  gemachit  wart. 
Die  AnmerkuDg  zu  3920  besagt:  dem  Sinne  nacb  sollte  man:  gemeldet  oder 
etwas  Äbnlicbes  erwarten.  Niebt  viel  besser  ist,  wenn  es  1257  statt:  regen 
in  wolle  alufii  beißt:  in  die  wölken,  wozu  der  Herausgeber  nicbts  ange- 
merkt bat.  1719.  1720  bietet  P:  bit  ich  daz  wehel  v/nd  daz  warfunz  aldä 
hin  hän  gedragin;  daraus  macbt  N:  Hz  ich  daz  woffel  in  daz  warf,  und 
aidd  in  hän  getragen.  Die  Anmerkung  erkennt  nur  in  dem  Worte:  wofel 
einen  Irrtbum. 

Der  Herausgeber  bat  bereits  mebrere  Stellen  der  Handschrift  als  fehler- 
haft erkannt ,  und  in  den  Anmerkungen  oder  Noten  zu  verbessern  versacht. 
P  bietet  in  allen  diesen  Fällen  einen  fehlerfreien  Text,  und  beweist  nebenbei 
häufig  die  Richtigkeit  der  vom  Herausgeber  vorgeschlagenen  Verbesserung. 
Ich  verweise  auf  die  unten  stehenden  Lesearten  und  die  Anmerkungen  zu: 
1361.  1540.  1647.  1912.  1922.  1977.  2031.  2046.  3366.  3663.  4839. 
Manche  Emendationen  erweisen  sich  aus  P  als  irrig. 

In  der  Stelle  z.  B.: 

2126.  Israhel  sol  wärhafb  Wesen 

ouch  gar  fridelich  * 

seht  diz  ist  got,  kein  ander  man, 

kein  ander  mac  ez  niht  gesin 
sind  die  Worte:  kein  ander  man  nicht  offenbar  aus  Vers  2128  in  Vers  2127 
gekommen,  desshaib  zu  streichen  und  zu  emendieren : 

ouch  gar  frideliche,  . 

seht  diz  ist  got  der  riebe 
sondern  mit  P  zu  lesen : 

und  Israhel  sol  wonhaft  wesen 

gar  getruweliche  dan , 

sit,  dan  ist  got  kein  ander  man , 

kein  ander  mac  ez  niht  gesin. 
Sehr  häufig  aber  werden  auch  Wörter  und  Formen ,  welche  gleich  den 
angeführten  Stellen  vom  Abschreiber  verschrieben,  oder  wenigstens  ihm  zu- 
zuweisen sind,  vom  Herausgeber,  der  seiner  Handschrift  mehr  Vertrauen 
schenkte,  als  sie  verdiente,  und  der  Kritik  nicht  jene  Rolle  zuwies,  welche  ihr 
zuerkannt  werden  mußte,  sollte  der  Text  seiner  ursprünglichen  Gestalt  naher 
gebracht  werden,  nicht  als  Fehler  oder  spätere  Änderung  erkannt,  sondern 
für  richtig  und  dem  alten  Texte  eigenthümlich  angesehen,  daher  entweder  zu 
erklären  versucht,  oder  als  bisher  aus  mhd.  Quellen  unbelegt  aufgestellt. 
1264.  er  ist  uns  breiden  alle  laut 

und  daz  volc  ouch  über  al 


DIE  FRAGER  HAM)SCHRIFT  DER  ^ERLÖSUNG".  469 

enthält  keinen  Beleg  für  wesen  mit  dem  Inf,  wie  die  Anmerkung  erklärend  be- 
sagt, sondern  ist  verschrieben  för : 

des  da  beident  alle  lant 

nnd  daz  volc  ouch  aber  al 
das  auch  allein  in  Verbindung  mit  dem  vorhergehenden  Satze  einen  entspre- 
chenden Sinn  gibt. 

Die  Anmerkung  zu 

1354.  nn  schouwet  wie  gar  Wonnen 
glich  der  herre  kume, 
alse  sanfte  ja  lume 
regen  in  die  wölken  slüfet  etc. 
meint,  es  ^eijoch  &ta,tijd  zu  lesen,  und  lume  habe  die  Bedeutung  von:  matt, 
sanft.     Die  Stelle  ist  indess  fehlerhaft  und  lautet  in  P  richtig: 

wunne- 
cliche  dirre  herre  kumit, 
also  senfte  er  sich  nit  sümit  etc. 
In  Anmerkung  zn  1765  ist  darauf  hingewiesen ,  daß  heidenischen  nicht 
mit  r^  zu  verbinden,  sondern:  Männern  dazu  zu  ergänzen  ist.     Die  Stelle 
lautet  aber  in  ihrer  richtigen  Gestalt : 

daz  si  so  wol  gekundit  hat 
godis  heimlichin  rät. 

5327  liest  P  richtig:  waz  du  kais  vemomen  und  die  Umstellung:  tüa^ 
hcbtil  vemomen  gehört,  wie  manche  andere  in  der  Anmerkung  zu  genanntem 
Verse  aufgezählte,  nur  dem  Abschreiber  an* 

BetrüMk^  scheint  mit  Recht  im  mhd.  Wörterbuch  zu  fehlen  und  eines 
besseren  Beweises  zu  bedürfen ,  da  es  in  der  einen  Stelle ,  in  der  es  N  aus- 
weist, sicher  dem  Abschreiber  angehört.  P  hat  dafür  1571  das  gewöhnliche: 
irubnUse,  Auch  das  Wort  zanbizen  1815,  wofür  P  zende  Hz  liest,  gebührt 
dem  Abschreiber.  —  8cMß>anden  1854  „mit  schaf ledernen  Riemen  binden  (?)" 
ist  sicher  nicht  als  eine  bisher  unbekannte  Composition  aufzufassen,  sondern 
vom  Abschreiber  aus  scMchhanden^  das  P  hat,  verlesen  oder  verschrieben. 
mnder^mc  1813  ist  keine  Verstärkung  von  ^ivic,  sondern  dafür  mit  P  zu 
lesen:  die  «andere  Swige  (flamme  negit).  —  4892  soll  „nur  an  dieser  Stelle" : 
ez  Udet  sich  als  Reflexivum  aufzufassen  sein,  doch  P  belehrt,  daß  lüdet  ein 
grober  Schreibfehler  statt  dudit^  das  schon  kaum  fünfhundert  Verse  später 
5209  wieder  vorkommt.  —  Das  Wort  kunkelieren  4713  ist  nichts  anderes 
als  ein  Schreibfehler  für  knuUeUeren,  das  P  bietet.  —  samät  statt  somit 
4708  ist  entweder  Eigenheit  oder  Fehler  des  Abschreibers.  —  Auch  fragt  es 
sich,  ob  ein  starkes,  bisher  nur  theoretisch  aufgestelltes  Zeitwort  glirn^, 
gleimy  glimen  (Grammatik  2,  45)  durch  die  Stelle  3583  genugsam  belegt  ist. 
P  liest  für  gleim  —  scJiein  (:  kein). 


470  ^OB'  KELLE 

Daz  gesckiehte  dstff  aaf  Grund  der  Einen  Stelle  3427  sieher  nidit  aoge- 
noramen  werden,  da  P  ausdrücklich:  doch  um  die  gesoMckte^  derimdiemne 
gäben  schult  liest.  —  Site  mhd.  als  schwaches  Subst  ist  durch  3898  nicht 
bewiesen,  denn  wie  P  ausweist,  ist  der  Plur.  gesetzt  {er  hiez  sie  alle  wandern 
nach  goäichin  siden),  dem  der  Abschreiber  irriger  Weise  dem  vorgeset:&t 
hat,  wenn  man  nicht  annehmen  will,  daß  der  Schreiber  nicht  seiner  Vorlage, 
sondern  dem  theilweisen  Gebrauche  seiner  Zeit  folgend,  site  schwach  decli- 
niert  hat.  3136  bietet  N  noch  ein  Mal  nach  dem  alten  siden;  diese  Stelle 
fehlt  in  P,  wird  aber  gleichfalls  irrig,  oder  wenigstens  dem  Abschreiber  zuzu- 
weisen sein.  —  1862  bietet  keinen  genügenden  Beweis  für  M  cum  Acc,  da 
statt  bt  mit  P :  bisihin  zu  lesen  ist ,  das  auch  einen  viel  angemesseneren  Sinn 
gewährt.  —  1852  steht  P  das  allein  richtige:  die  flamme  y  und  der  flamme 
ist,  wie  auch  schon  der  Herausgeber  fragend  vermuthete,  eben  so  gut  Schreib- 
fehler als  3263:  oberlant  statt  oriant,  und  vielleicht  auch  die  vereinzelt 
vorkommenden  der  bam,  3570  und  der  ort  2068.  —  4710  hat  P  das  ge- 
wöhulicbe  von  dornen  eine  kröne  statt  dorne  bei  N.  — .4146  und  4156 
steht  frowe  als  Acc.  sing,  bei  N. ;  P  bietet  beide  Male  wib;  frowe  ist  dem- 
nach als  Eigenthum  des  Abschreibers  aufzufassen. 

Der  Herausgeber  rügte  femer  oft  mit  Recht  die  theilweise  unrichtig 
oder  wenigstens  nachläßig  gebauten  Verse,  und  schlug  häufig  Verbesserungen 
vor.  Nur  selten  aber  finden  sich  diese  falsch  oder  nachläßig  gebauten  Verse 
in  P  wieder,  kommen  also  gleichfalls  auf  Rechnung  des  Abschreibers,  der 
theils  durch  Schreibfehler  und  Änderungen ,  theils  durch  Umstellungen  der 
Wörter  den  Versbau  störte  und  beinahe  nie  die  Feinheiten  beobachtete, 
durch  welche  sich  das  Gedicht  auszeichnet. 

Allerdings  hat  z.  B .  2 1 22  eine  Hebung  zu  viel,  aber  nur  bei  dem  Abschreiber, 
nicht  bei  dem  Dichter.  In  P  heißt  der  Vers :  gereht  ist  unser  herrewol stM: 
gerehUkeit  ist  unser  herre  voL  Auch  der  in  derselben  Anmerkung  ange- 
führte Vers  4770:  daz  er  daz  crüce  muse  helfen  tragen,  heißt  in  P  richtiger: 
daz  er  daz  cruce  muse  heben,  enthält  also  keinen  dreisilbigen  Auf- 
tact.  1947  enthält  keinen  Beweis  für  Betonung  des  zweiten  Theils  eines 
Compositums,  denn  koufwAinschaft  gehört  dem  Abschreiber  statt  des  rich- 
tigen koufschatz.  —  Der  ungenaue  Reim  heilant :  d(m  ist  dem  Abschreiber 
beizumessen,  denn  P  hat  heiler  :  kumit  er  1526;  u.  s.  w. 

Specieller  einzugehen  ist  gegen  meine  Absicht,  und  außerdem  durch 
den  Raum,  den  ich  für  diese  Mittheilung  in  Anspruch  nehmen  kann,  ver- 
wehrt, das  Angeführte  wird  jedoch  genügen,  um  das  Verhältniss  der  beiden 
Handschriften  zu  einander  und  den  "Werth  von  N  für  eine  kritische  Ausgabe 
zu  erkennen. 

Eine  vollständige  Aufzählung  der  Lesearten  aus  P  scheint  mir  uner- 
läßlich.  Dabei  bemerke  ich  aber,  daß  ich  Alles,  Wias  al$  bloß  orthographische 


DIE  FBAQEB  HAMDSCBRIFT  D£B  „ERLÖSUNG^ 


471 


Abweicbnog  angeseben  werden  konnte,  ansgescUosflen  habe.  Auch  habe  leh 
die  Stellen  nicht  angemerkt,  fai  denen  P  im  Dat.  sg.  des  Pr.  poss.  das 
tonlose  e  auswirft,  die  Endung  des  Adj.  weglässt  und  Ähnliches.  Der  Text 
hat  mit  wenigen  Ausnahmen  das  geschlechtlose  pers.  Pronomen  ir  durch- 
geführt; ich  habe  die  Fälle  nicht  aufgezählt,  in  denen  P  hiefÜr  das  Pr.  poss. 
verwendete. 

Zwischen  4415  und  4416  fehlt  in  N  ein  Blatt.  P  weist  aus,  daß  135 
Zeilen  fehlen,  die  ich  zuerst  in  einem  treuen  Abdrucke  (nur  Interpunktion  ist 
beigefügt)  mittheile : 


Daz  sungin  sie  io  dirre  wis: 
Oeawna  in  exedsis  ! 
Nu  sihit,  wie  gar  schone 
In  sülchme  sangis  done 
5.  Vnse  herre  intfangin  wart 
An  dirre  lobelichin  vart. 

Wie  die  inden  wider  got  sw^ren. 

Dir  iuden  oonrent  daz  remam, 
Sie  wüxdin  im  in  trdwen  gram, 
Sie  beriedin  abir  sieh, 

10.  Iz  sülde  wesen  ewelich, 
Daz  man  Jhesum  fienge, 
Wanne  daz  vulk  zmgienge, 
Wanne  man  Stade  mochte  habin. 
Sie  wuldin  weren  im  knabin, 

15.  Daz  si  des  sangis  balde  swigin , 
Vnd  des  lobis  sich  yirzigin. 
Hie  sprach  mse  herre  zd: 
'Ja,  swiegin  uwer  kindir  nu, 
Die  steyne  hubin  einin  schal, 

20.  ÜBde  riefin  rbiral  f  — 

Oar  schier  in  dirre  zit  geschaoh 

DsBE  Sjmon  ynsin  herren  sach 

Ja^  Symon  pharisens. 

Mit  ime  fürte  he  in  zu  hüs 
25.  He  sulde  mit  ime  ezsin. 

Nu  waren  sie  gesezsin, 

Da  des  Maria  wart  gewar; 

Sie  hüb  sich  endeliche  dar, 

Die  edele  magdalena, 
30.  Sie  baut  vf  eine  buzse  da 

Dan  HZ  sie  eyne  salbe  goiz, 

Die  Jhesu  sinen  Üb  beyloiz. 


De  sie  van  sandin  karte , 
Vnd  heylig  leben  larte, 

35.  Van  sundin  he  sie  reynegede , 
Mit  got  he  sie  vireynegede. 
Die  salbe  reich  so  rechte  wol, 
Daz  hüs  wart  edels  rochis  yol, 
Sie  was  kreftig  vnde  stark, 

40.  Sie  stünt  auch  me  dan  ein  mark. 
Daz  sach  de  böse  man  iudas, 
De  doch  der  zwelfir  einre  was, 
He  hüb  ein  engistliche  not, 
De  hose  iudas  scarioth. 

45.  De  sprach:  Vas  dochte  dis  verlüst? 
Het  uch  der  dinge  also  gelüst, 
Man  hette  dise  salbin 
Virwant  wol  andirs  halbin, 
Man  hette  mit  ir  gelt  geloist, 

50.  Vnd  armer  luede  ril  getrost.*  — 

Da  daz  unse  herre  sach, 
Mit  lutirkeide  he  do  sprach: 
Waz  ist  argis  hie  gedan? 
Ir  mogint  arme  luede  han 
55.  Zu  allin  ziden,  wan  ir  wolt, 

Vnlange  ir  mich  doch  habin  solt.*  — • 

Warvmme  Jadas  Crist  viniet. 

Judas  des  pennigsakis  wilt, 
Da  man  die  almüse  innehilt, 
DaYon  im  der  zinde  wart ; 
60.  Des  ducht  in  virlust  so  hart, 
Daz  im  der  zinde  abegieng, 
Hieran  he  bosin  willin  vieng. 
Van  dannen  gieng  he  sa  zu  hant. 
Da  he  bi  ein  die  iudin  Tant, 


472 


JOE.  KELLE 


65.  He  sprach:  Virnemit  herren  ir, 
WaE  wolt  ir  gerne  gebin  mir. 
Das  ich  rch  minen  meister  geben? 
Wült  ir  ynime  alle  ding  sin  leben, 
Ich  wil  mich  ych  yirbindin, 

70.  Daz  ir  in  mogit  vindin, 
Vnd  sichirliche  yain/  — 
Sie  sprachin:  *Ia,  was  wiltdii  han? 
Daz  dA  des  werdis  ylizigf  — 
Da  hieseh  he  nit  wan  drizig 

75.  Penninge  ran  den  fftrstin, 
Hienach  liez  he  sich  durstin. 
Daz  wer  der  zinde  wol  gewesen. 
Also  ich  han  gehorit  lesen, 
Van  der  salbin  so  gedan, 

80.  Der  sie  yirkaufit  sulde  han. 
Sus  gab  he  sinen  heilant. 
He  nam  die  drizig  sa  zu  hant, 
He  sprach:  rch  sie  hie  zuschin 
£in  zeichin,  wen  ich  küssin, 

85.  Den  yeit  und  grifit  ane  f  — 
Mit  der  rede  gienc  he  dane. 

Das  Christ  sinen  jongeren  sin  lichnam  gab. 

Nil  waz  iz  abir  nahir  baz, 
Daz  man  daz  ostirymbiz  az , 
Daz  man  da  heizsit  pascha , 

I  90.  Vnse  herre  sprach  alsa: 

'  *Wir  gein  z&  Iherusalem  wert, 
Wan  ich  mit  ylize  han  begert, 
Daz-  ich  diz  abintymbiz  df 

I         Mit  rch,  e  ich  doch  morne  yru 

f  100.  Lidin  muze  mine  not.'  *— 
;    Man  drüg  dar  win  und  brot 


Vnd  auch  ettelichin  yisch, 
Do  was  bereit  de  abintdisch. 
Niedir  sie  da  sazin , 

105.  Vnd  mit  einander  azin. 
Da  unse  herre  sin  gebet 
Vnd  auch  sinen  sen  gedet 
Vbir  brot  und  ubir  win. 
He  sprach:  ^Diz  sal  daz  leste  sin, 

110.  Daz  ich  mit  ych  ezsin  sal, 

Des  dut  mir  diz  ymbiz  wal.'  — 
He  gab  in  in  der  seibin  nacht 
Sinen  jüngeren  dise  macht, 
Daz  sie  priestere,  siildin  sin. 

115.  He  gab  in  brot,  he  gab  in  win: 
*Diz  ist  min  fleisch,  diz  ist  min  blüt, 
He  sprach ,  diz  selbe  ir  na  mir  düt. 
Ich  wil  lieben  sagin  doch, 
Daz  ich  yerradin  werdin  noch, 

120.  He  ist  alhie  gesezsin. 
Mit  mir  hat  he  gezsin, 
De  gebruwen  hat  den  rat, 
We  he  yminer  doch  hat*.  — 
Jeglichir  sprach,  alda  he  saz: 

125.  £7,  herre,  sage  wer  ist  daz. 
Wer  iz  yndir  uns  zweifln  si.*  — 
Numqmt  ego  sum  raby? 
So  sprach  iudas.de  böse  man: 
'Meystir,  sage  bin  ich  iz  dan?*  — 

130.  Abir  sprach  der  herre  da: 

'DA  hast  gesagit  recht  alsa.'  — 
Wan  des  menschin  kint  nii  get, 
Als  yan  im  geschribin  stet, 
We  mxiz  he  ymmer  iedooh  han, 

135.  De  dise  yntruwe  hat  gedan. 


1199.  Zfi  mambre.  1200.  Irkante.  1203.  die  dri,  wie  sie  gescheidin 
sint.  1206.  sus  und  so  öfter  statt  also  des  Textes,  1208.  an  dirre. 
1209.  doch  fehU.  1214.  soldm.  1216.  do  wart  geborin  in  ein  son. 
1219.  so]  do.  jaren]  dagin.  1221.  got]  he.  1224.  als]  sam  und  so  Öfter. 
1225.    wirdiciichen]    wundirliche.  1228.   zfi    wisene.  1231.   sicha. 

1233.  sam  als.  vollen /<^A2t  1234.  inkeinen.  1237.  van  wnd  so  himer, 
1238.  was  fehü,  1243.  heimelicbir.  1244.  recht  alse  he  gezägit  hat. 
1245.  wie  he  uns  sante.  1261.  in]  ein.  1262.  hfit  1263.  herre  sie  van 
erste  kernen.  1264.  des  da  beident  alle  lant.  1260.  wizer  dan  kein 
milch.       1278.  sit.       1280.  jach,    ich  biten]  breide.       1286.  uz  uren. 


DIE  FBAGEB  HANDSCHBIFT  DEB  »EBLÖSÜNG«'.  47$ 

1287.  wiffcio.  1 290.  ioch  virhort  als  iz  gezimt.  1291.  sinis]  irs. 
1292.  onch  fehU.  1296.  wart]  det.  1298.  sterrenglast  1301.  be- 
quam.  1302.  sterren  her  balaam.  1307.  gan.  1308.  intstan.  1312.  al 
ertriche.  1316.  io  die.  1316.  als  he  vfirgesagit  hait.  1320.  und 
wie.  1321.  Bihet]  sich.  1326.  dine.  1328.  kfining  xmd  ao  meistens. 
1329.  hatte  auch.  1330.  seltirs  sänge.  1331.  geprediet  und. 
1332.  gar  fehU.  1334.  wäre.  1336.  uns  gewat.  1342.  brudegome. 
1346.  gar  fehU.  1360.  widirvan.  1363.  an  die  sfinne.  1364.  wAnne- 
cliche  dirre  herre  kfimit,  also  sanfte  er  sich  nit  sfimit.  1357.  in 
wolle.  1361.  vfir.  manen.  1363.  der  stolzen]  die  kändegere.  er  fehU. 
1368.  im  auch.  1374.  gar]  vii.  1378.  werilde  und  so  immer, 
1383.  gesiebte]  gelich.  1384.  gesament]  gesegent.  1386.  eweliche. 
1390.  gabin  gint  im.  1393.  geeret  sie  sin  name  g&t  de  die  wfindir 
eine  dfit. 

1404.  Dinir.  1406.  heidenen.  1406.  wort]  vorte.  1408.  gar]  vil. 
UU.me  fehU.  1412.  wand.  1416.  vdr  in  m.  1417.  kfinnent.  1420.  bis 
ein  got  1421.  dine  zeichin  and.  1423.  inthene.  1426.  denke.  1428.  dine. 
1429.  Habacuc  mit.  1431.  got  sich  wfilde.  1432.  menschlich.  1433.  in. 
1435.  die  werilt  auch.  1439  fehlt  1440.  dine  gehorde  horte.  1441.  da* 
van  ich  sere  vorte  mich.  1442.  dine]  die.  1446.  lebende.  1460.  an  din. 
1461.  konic]  k&mit.  bereit.  1463.  dan]  dar.  1464.  antworte.  1466.  schri- 
ben  die  geschrift.  1468.  zä  lest  sd.  doch  fehlt  1469.  und  sagit. 
14^0.  Triste  lange  noch.  1461.  sin  beidin  doch.  1463.  und  sal  nit  lange 
sSmen  sich.  1466.  sin  sei  in  im  nit  rechte  stat.  1466.  gegebin.  1468.  hat 
gesprochin  sus.  1479.  virgan.  1481.  s&llint  bewegit.  1482.  ander]  alre. 
1488.  bereit  1489.  mit  fehlt  1490.  der.  1491.  da  wirt  vriedin  vfillir 
8chiD.     1493.  vorgescheidenliche.     1498.  iudeenlant.     1499.  minste. 

1602.  Als  ich  vil  rechte  han  vemfimen.  1607.  anbeginne.  1609.  si- 
chelen  slain.  1617.  vrideliche.  1620.  gantzin  trüwin.  1623.  sis. 
1626.  din  heiler.  1627.  armfide  k&mit  er.  1629.  einin  esil.  1630.  ziden. 
1631.  allin.  1633.  ynrt  fehlt,  mer  bis  zfi.  1636.  biz]  und.  1639.  ge- 
losit.  1640.  da  nit  wazsere  inne  gent.  1641.  verstent.  1643.  wirdet] 
Wirt  da.  1647.  ieso.  1649.  da  det.  1667.  vfiUich  bit.  1668.  sit. 
1660.  noten]  pinen.  1664.  flüt]  bl&t.  1666.  van  geschieht.  1667.  ane* 
sieht.  1668.  dine.  1671.  trfibnisse.  1672.  din  rfifin  hait  mich  umgenfimen. 
1674.  sich]  mich.  1576.  noch]  doch.  1677.  doch]  noch.  1578.  was  also. 
1679.  abir  do.  1682.  dinen.  1583.  da  daz  gebet.  1684.  zS.  1592.  er- 
kante]  sante.     1596.  daz.     1596.  nnderwegen  ist  nit.     1597.  hat  auch. 

1603.  Slehit.  1608.  da.  1609.  als  iesa.  1610.  bereit.  1614.  ge- 
wisit  1617.  ei.  1619.  noch  werdin  sol.  1621.  minste.  1624.  verre 
ewich  daz  minste  deil.  1630.  minste  he.  1631.  hellen.  1637.  auch  ein 
ho.     1638.  onch /^Att     1641.  gotheide  wol.     1643.  euch  feJdt     1647.  sit. 


474  J<^  CELLE 

sendin.  1660ii.  1651.  aal  kftmoi  de  herre  faeilant  in  sinen  tempil  so  li 
haBt.  1653.  er]  ir.  1661.  gelich  ubir  ßilber  värit  1667.  sol]  wol. 
1678  tt.  1 679  fehlen.  1680.  Ayel]  her  Ezechiel.  1683.  düwer]  mit  trfiwen. 
1684.  kenfin.  1688.  heimelichin.  1689.  wißsage  auch.  1691.  davan  he 
alsus  aach  sprach.  1692.  ab  man  sihit.  1694.  in  vortet  nit,  sit  gemeit 
1696.  bereit.     1698.  den  s&lt  ir  ubir  nch  gesihin. 

1703.  Sint  gelich  in  allen  was.  1711.  ewelichis  leben.  1713.  ju- 
dischin.  1716.  igenod  geswigin.  1719.  webel  und.  1720.  nnd] 
nnz.  in]  hin.  1721.  alhie  nfi.  1722  u.  1723.  wie  den  heidenin  ist  wordin 
kfint  dise  dinge  alzfi  stfint.  1730.  hait.  1732.  nf  ist  woL  1736.  auch 
sie  den  irkennen  liez.  1737.  k&oden.  1738.  und  den  luden  dun  bekant 
1740.  mensche  uf  der  erden.  1743.  gezuch.  1751.  nit  gekundit 
1755.  warumme  hat  unsir  got  verzigen.  1757.  heidenen.  1758.  ort]  wort. 
1759.  wunder  vort.  1762.  an  dirre.  1764.  wol  gekündit.  1765.  godis 
heimlichin  rait.  1772.  iz  k&mit  ein  kuning.  1780.  dan  gar.  1782.  dan 
fehlt  1783.  porten]  propheten.  1793.  aUiz  ein  geliche  wer. 
1799.  trülich. 

1801.  Daz  kündet  nns  jamerdage.  1805.  böse  unrecht  den  hoen  vot 
1806.  tfischer  heilich  unde  gut.  1811.  der  heiligin  vlfich  doch  iesa. 
1812.  gar  rilich  wirt  ane  gelegit.  1813.  die  sondere  ewige  flwnme  negit. 
1814.  sam  zustund.  1815.  zende  biz  sin  kfint  1816.  ouch  fehlt 
1817.  mer  berge  bfirnint  alzufaant.  1819.  al  bit  alle.  1822.  ertriche  also 
ergeren  sal.  1824.  rinnen]  schiezin.  1825.  ouch]  al.  1826.  nü  sit 
1832.  bibinde  urteil.  1834.  armen,  intstat.  1837.  zeichinbere  blibio. 
Nach  1837  steht: 

Wer  die  heubit  buchstabe  Ordinliche  irschinen 

Van  obin  an  bit  niedin  abe  Disin  namen  grändelos 

Ordinlichen  lesen  kan  Jhesus*  Cristus.  Agyos 

Da  schawit  unde  sihit  man  Theu  und  darna  sother 

In  kriechin  an  latinen  Dis  prube  ein  man  dis  vindit  er. 

1838.  hain  wir  noch  hievor.  1842.  gesichtecliche  ansach.  1843.  doch 
1846.  diz.  1851.  vur  wair  weiz.  1852.  die  flamme.  1853.  die  richte, 
"  1854.  schachbanden.  1856,  um.  1862,  bisihin  daz.  1872.  nn]  ioch. 
1881.  sit  nemet  der  dinge  war.  1885.  ubiral  gelich.  .  1886.  myrkit  wie. 
1893.  bekant.     1894.  noch  hain  wir  einin  helt.     1895.  ist  irwelt. 

1900.  Gekündit.     1901.  heidene  virgilius.     1903.  sol]  ist.    1905.  uns 
sal  kämen  eine  magit.     1912.  iezic]  isem.     1917.  riezent.     1918.  bereit. 
1919.  daz  sie  irkinet.     1922.  man]  mande.     Nach  1923  stehen: 
In  der  selben  zit  geschihit,  Mit  den  heiligin  ubiral, 

Daz  he  gemischit  herren  sihit       und  in  ir  ieclich  schawin  sal. 
1925.  got  sal  werden  dan.     1926  w.  1927  fehlen.     1936.  sich  geaert]  abir 
yert.     1838  u.  1839  fehlen.    1844.  so  daz  kint  in  jaris  vrist.     1947.  kaof- 


DIE  FBAGER  HAND6CHRIPT  D£B  »ERLÖSUNG**.  47g 

schätz.  1952.  doit  der.  1954.  cr&t  er  feUUt.  1965.  ouch  feUL 
1967.  \tm  fehlt  inhat.  1969.  in  vfige.  1966.  irbiebit.  1973,  kfim,  herre, 
nie  langir  belibe.     1977.  kein.     1992.  sprach]  sade.     1996.  sin  name  saL 

2002.  Oach/^A2^.  2003.  da  godis  geist  sal  in  kämen.  2004.  nf  ime 
rage.  2008.  sal  auch.  2010.  he  do.  2014.  geslacht.  2023.  kein  ende 
hat.  2027.  berichtin.  2031.  die  swert  z&  sensen  alle  slagin.  2033  u.  2034. 
sälche  vriede  irschmen  hal  in  den  selben  ziden  dan.  2036.  dan]  so, 
2036.  De  wise  her.  2039.  mensche  geborin.  2040  u.  2041.  daz  halt  he 
uns  allis  gesagit  Wie  godis  m&dir  wer  ein  magit.  2042.  he  sade, 
2045.  die  wäre  minne  gebot.  2049.  der  helle]  im.  2058.  dise.  clagelit 
2064.  wir  han  in  gesihin  z&  vrist  2065.  zfigangin.  2068.  an  daz  legte 
ort.  2069.  des  wir.  2071.  söchede  ist.  2072.  maledich.  2077.  iedoch] 
gar.  2079.  gewfint  biz  an  den  dot.  2081.  in  keine  rede.  2087.  ^i^nfehU. 
2093.  alsQs  hat  er  vnrgepredegit.    2095.  und  also. 

2106.  vor  virnfimen.  2107.  selbe  wölde.  2110.  do  sprach  he  alda. 
2112.  Sit  2113.  sprichit.  2114.  daz  ich  wil.  2116.  eine.  2122.  gereht, 
wol.  2125,  2126  ti.  2127  und  israhel  sfil  wonaft  wesen  gar  getr&weliche 
dan,  Sit  dan  ist  got  kein  andir  man.  2129.  doch]  he.  2133.  eime  knechte, 
dem.  2137.  sit.  2140.  sagit.  4143.  doch  fehlt.  2147.  demonstrasti. 
2146.  machtis,  tsm  feUt.  2160.  virdeilin.  2162.  me]  hie.  2169.  un- 
sanfte han  ich  dir  virgin.  2171.  ervunt]  gewan.  2172.  yfo\  fehlt.  118L 
de  sprach.  2182.  in  die.  2184.  dort  her  komen.  2189.  daz  da  daz  volc. 
2198.  nud  nnmmer» 

2201.  DochfehU.  2207.  den  der  vadir.  2209.  ufleit  in  der  gotheit. 
2216.  oach/<?AZ^.  2220.  dich  herre.  2221.  Aen  fehlt.  2222.  daz  reine. 
2225.  Sit.  2226.  dirre.  2248.  mit  ganzir.  2249.  vrunt  fehU. 
2252.  saltfi.  2253.  si.  2255.  in  si  dan  van  erst  geborn.  2256.  her  fehU. 
2257.  wart.  2261.  und]  daz  ich.  sol]  noch.  2264.  van  den.  2271.  ein 
ieclich  sonderliche.     2276.  in. 

3232.  die  van  benie.  3234.  zuchtecliche.  3236.  was.  3240.  mit. 
3241.  s&chint.  3243.  herre.  3247.  sulde.  3248.  ubir  alle  kuninge  rieh. 
3255.  erden  hat  gebot.  3257.  wesen.  3259.  ir  habit.  3261.  si  sprachin 
bis  herre  ane  zom.  3262.  die  rede.  3263.  oberlant]  oriant.  3275.  ir 
wissagin.  3276.  han  na  nch.  3280.  wirt.  3281.  sit  des  wil  ich  berichtit 
sin.     3289.  Malachias. 

3342.  Inne.  3345.  da  fehU.  3353.  was.  vot.  3354.  ufgedan, 
3355.  kuninge  san.  3358.  wunderliche.  3362.  &\q  fehlt.  3365.  der  men- 
scheit.  3368.  in  der  selben  zit  geschach.  3369.  ein  engil  in  dem.  3371. 
ir  insfilt  nit  da.  3376.  heim.  3379.  bereit.  3385.  welch  ir  wechtir  sfilde 
sin.  3394.  machte  he.  3395.  dise  herren  uz  tharsin.  3398.  sfindir  gar. 
3399.  waren. 

3400.  So]  da.    3401.  in  grozsin  schreckin  he  quam.     3403.  hant  die 


476  JOH.  KELLE 

herren  mir  gelogin.  3406.  van  dem  ich  han  horin  sagen.  3407.  daz  iz. 
3412.  jadeenlant.  3413.  ie  zuhant.  4415;  ligin]  blibin.  3425.  in  beidin 
ftit  gedagit  ^427.  doch  um  die  geschichte.'  3428.  de.  3436.  zä.  3438. 
richelichir.        3445.    waz    sfilde    der    reden    mere.         3447.    wan   daz. 

3450.  kinder  dote.  3457.  wille.  3461.  genomen.  3464.  da  was  da. 
3466.  harte.  3467.  zur.  3469.  welch  vrowe  ein  sf  n  hette.  3479.  ir]  sin. 
3480.  des  auch.  3482.  vgglin.  3488.  wart.  3490  sit.  kindes.  3491.  in 
einin  val  ist  gegeben.  3492.  davon  doch.  3495.  höre.  3497.  dine. 
3499.  was. 

3501.  sal  he  nit  e  gesien.  2504.  den  henden.  3505;  genende. 
3506.  daz  se  sterben  wfilde  wanne  daz  he  sulde.  3520.  les  iz.  3534.  nit 
lange.  3539.  herodes  hait.  3541.  des  qnam.  3542.  gadem]  gftdeo. 
3647.  daz  fem.  3549.  sin  fehü.  3855.  ho  ubir.  3558.  zu.  3564.  he 
bfirte  sich  uf  und  vfir  hin.  3570.  der]  daz.  3573.  und  als  he  zu. 
2577.  de  wint  in  alliz  blate  nach.  3581.  biz  he  z&  lande  sich  geschielt. 
3582.  hein.  3583.  gleim]  schein.  3591.  also  hait  he.  3595.  iezn  feUt 
3596.  darzü  sin.     3598.  und  min.     3599.  zom  ich  mazen. 

3603.  Sie  bfiden  mir  z&  grobin  schach.  3605.  daz  ichs  verdragin  nit 
inmag.  3606.  hie.  3607.  mir  gehiezin  sie.  3608.  her  wider  süldin  kämin. 
3610.  also  gedan.  3611.  süldin.  3612.  sie  betrugen  mich.  3613.  hin/^AZt 
3615.  &o  fehlt.  3619.  m  fehü.  3621.  ixgen  feUt  3622.  weiz  got  alle 
slayn.  3623.  oxichfeUt  3627.  hie  wa  wer.  3628.  hie  gein.  3629.  erwer] 
gener.  3630.  von  danne  was  de.  3632.  n&  da.  3633.  begab.  3634.  zö. 
3635.  der  nieder.  3640.  also.  3642.  die  kindir  bie.  3643.  etzwie  nahin. 
3644.  mochte.  3648.  und  vierzich  dirre  kint.  3650.  sarracen.  3651.  det 
uf  alsulch  leit  irsten.  3656.  van.  3663.  rama.  3666.  die  liede. 
3667.  ubir  alle  ir.  3670.  wüldin  nit  getroistit.  3671.  van  u-en  trfiden. 
3675.  daz  sich  ein  ende  anevienc.  3677.  sichir  selbe.  .  3681.  und  mfiz  da 
lidin  ach.  3683.  was.  3689.  nu  fehU.  3693.  nufehlL  3695.  sin]  die. 
3697.  gesendet     3698.  vortin  dut  dir  me  kein  not.     3699.  ist]  lit. 

3701.  BsifeMt  3703.  bürte.  3707.  v&rgeschribin  disen.  3711.  sam 
van.  3713.  geheischit.  3717.  me]  e.  3718.  sagt]  sihit  3720.  quainen. 
3721.  rugin  lachtin.  3727.  und  an.  3729.  gert.  3732.  zfi  spraichin  und 
zu  rede.  3733.  des  fehU,  3734.  seltirsange  iesa.  3736.  als  he  doch^welf 
jar  alt  wart.  3737.  uf  hüb.  3739.  gaxfehU.  3745.  dar  daz  vfilc  in  wiedir 
strit.  3747.  So  iz  do  ende  nam.  3749.  Jhesus  beleih.  3762.  begunde  he. 
3763.  sin]  den.  3764.  Do  was  abir.  3765.  Daz  sine  vrfint  virnomen. 
3767.  daz  he  zu  scholin  were.  3768.  Daz  sie  daz  kint.  3786.  In  iegiichin 
stfindin.  3787.  mundin.  3789.  gar  fehU.  3790.  gotliche.  3791.  Hoe 
und  manigvalt.  3794.  ez  fehlt.  3795.  ie  gehören.  3796  u.  3797.  daz 
s&lche  wunder  ie  geschege,  Als  man  an  dem  kinde  sege.     3799.  sich  hüb. 

3800.  Eine  hoe  Wirtschaft.   3801.  wfilde  sin  craft.  3802.  Jedoch  wfilde. 


DIE  PRÄGER  HANDSCHRIFT  DER  »£RLÖSUNG^  477 

3805.  und  alda.  3811.  schrifte  hant  3812.  ein  wib.  3813.  Des.  3815. 
so  na]  Da.  3819.  Si  mohtis  nit.  3821.  denke.  3820  u.  3821.  verBteUL 
3822.  Daz.  gebrostin.  3827.  irzengin.  3835.  dan  nz  so  dede  he  vliezsin. 
3836.  win  edelin.  3837.  da  feUt.  3838.  alzn.  3841.  der  wirt]  he. 
3842.  brfldegamen.  3843.  ei  namen.  3846.  diz.  3847.  Hatte  nnsir  herre 
da.  3850.  sieder.  3852.  dirre.  3858.  Weriltlicher  ere.  3860.  zfi. 
3864  In  die. .  gegeben.  3865.  heilegis.  3868.  noch  keine.  3869.  ieman] 
gerwen.  3872.  in  dem  walde.  3873.  bfime.  '  3876.  daruf.  3880.  al  ubiral. 
3881.  Sine  stimme  al  amirschal.  2883.  suldin  geben. ,  3884.  Rechtes  ge- 
wichte. 3885.  he  rechte  richte.  3886.  und  wie  die  Ifide  otmfldekeit. 
3888.  He  kauft.  3889.  Rfiwe  al  irre.  3890.  beilege  lerte.  3891.  bekerte. 
3993.  Zfi  geldene,  widir  gebene.  3894.  ob  iz  so  verre  were.  3898.  dem 
fehU.     3899  u,  3900.  He  hiez  sie  alle  haldin  vriedin  zfi  einandir  ubiral. 

3901.  Dise  mer.  irschal.  3903.  Sie  machtin  einin  convent.  3904.  be- 
sprachin.  3906.  Daz  uns  sint  komen  mere.  3910.  vrageden.  3913.  machis. 
3914.  dafife.  3915.  antwerte  begunde.  3919.  k&mit  3920.  vfir. 
3921.  ist  auch  also.  3922.  Als&lche  wirde  hoet  in.  3924.  Daz  ich  die 
riemen  abetf .  3915.  sine.  3926.  de  herre.  3929.  Van  iren  sfndin  rein- 
gin  sal.  3933.  in  alle  wis.  3935.  mogin.  3939.  Machit  godis  weg. 
3942.  Recht  als  her.  3943.  schrifte.  3945.  lag  die  rede  niedir.  3948.  den., 
3953.  sus]  San.  3958.  An  dem  ich  mir  bevallin  hain.  3959.  Den  horit  und 
Sit.  3960.  Herzfi.  3961.  wissentliche.  3962.  werbil.  3963.  gelich. 
3965.  hatte.  3966.  hatte,  verkorn.  3967.  grobelichin.  3968.  zfi  dem. 
3969.  Wan  he  begienc  den  ungev&ch.  3979.  inzfischin.  3981.  zwelf. 
3985.  Zfi  lazene  und  zfi  gebene.  3988.  Sie  lerten  auch  die  jüngeren. 
3989.  dfirstin  hungeren.  3990.  ho  gebet.  3991.  Waz  hievor  der  herre  det. 
3993.  zwelfe.  3994.  iedoch]  also.  3996.  ganze]  alle.  3997.  da  spisen 
iobar.     3999.  wisen«- 

4000.  iezfi  in.  4001.  heilige.  linfeKU.  4005.  he  auch  id.  4Ö13.  Gar 
geduldecliche  nu.  4016.  in  des.  4017.  Wan.  4020.  Zfi  allir  hoest. 
4021.  der/eAft.  Sathan.  4032.  zefinde.  5036.  neigis  dine.  4037.  ane- 
bedes.  4042.  dienen.  4047.  alzfi.  4050.  dirre.  4055.  find  also. 
4059.  Daz  he  vil  lüde  bekerte.  4063.  sanc]  smac.  4065.  rede.  4066.  se- 
lege.  4070.  Habit  rfiwe  und  si  uch  leit.  4072.  Auch  wisset  liebe  sfinder 
var.  4079.  Lat  ure  sfnde  uch  rfiwen.  4081.  Wand  ich  sag  in  uch  vfirwar. 
4086.  balde]  wal. 

4101.  Trfiweliche.  4106.  rein  ist.  4108.  Die  sint  sin  alsundir  wan. 
4119.  gnfig  dort.  4121.  uch  die  l&de.  4125.  und  ummer  werindis. 
4126.  an.  4128.  dort  obin.  4132.  dise.  4133,  uf /^«fe  4134.  Mit  luder 
stimme  rief  ein  wib.  4136.  herre  hat.  4141.  Die  gerne  horint  gfidis  leben. 
4144.  iezfi  fehlt.  4146.  brfider  wib.  4149.  andir  rede.  4150.  hatte. 
4153;  ei  vr&nt.      4156.  brfider  wib.     .4163.  Efirzelich  biz  einin  dag. 


478  JOE.  KELLE 

4166.  nnz/ehU.  4167.  so.  4169.  danzede  und  wichte  hin.  4171.  des 
sprach.  4174.  lustelichis.  4176.  kSning  her.  4177.  nit  dan.  4179.  sit. 
4182.  sine  kfinincliche.  4183.  AIsus  begienc.  4184.  Sus  leit  lohannes. 
4185.  im  auch  unse  herre  inbot.  4188.  gar  /?AZ^.  4189.  e\n  fehlt 
4194.  den  laden  hin  van.     4195.  den/eJdt     3199.  also  irhal. 

4200.  Zu  disin  ziden  auch.     4202.  geschehen]  gesihin. 

4343.  ime.  4344  üi  43iB  .fehlen.  4348.  gebenediet  ummif  sie. 
4353.  kinde.  4357.  sänge. '  4359.  hüben  nf.  4363.  unse  herre  ihesas. 
ruich  4363  Btehen:  Zfi  ihemsalem  gerieden  ünlange  si  da  biden.  4366.  sie 
giengin  scharaft  uz  ir  stat.  4370.  gein  ime.  4371.  mfeUt  4373.kanft. 
4377.  ane.  4378.  al  um  irhal.  4379.  schal.  4383.  alzu.  4389.  chore. 
4393.  Numme  invorte.     4397.  rechte  wordin. 

4402.  kindir.  4414.  obe:  4419.  dine.  4425.  haue.  4426.  zvirint 
kree.  4432.  vollequam.  4442.  selbir.  4443.  zu.  4446.  gart.  4448.  er 
fehU.  4449.  YiiefehlL  4550.  jüngeren,  ime.  4453.  Da  daz  oleibeumechio 
stet.  4454.  dahin.  4464.  gesin.  4470.  an  mir  irge.  4471.  daz. 
4474.  De  trost  und  sterkede  in.  4483.  uffe.  4489.  det  langin.  4490.  Und 
satzidis  wider  an  alsns.  4491.  Der  knecht  der  hiez  malchns.  4494.  Die 
riefin  ihesnm  nazaren.  4496.  Diz  was  der  herren  Widerrede.  4499.  zwi- 
rint  da. 

4500  u.  4501.  In  kuste  iudas.  sa  zu  hant  Begriffin  sie  den  heilant. 
4606.  gen  der  stede.  4508.  ime  ach  und  we.  4509.  lange  rede. 
4512.  doch  fehlt.  4613.  gezfige.  4517.  vfilgede  alliz.  4520.  sach. 
4621.  sprach.  4522.  sit  der.  4526.  Und  sag  in  ane.  4527.  auch  began. 
4528.  irkant.  4543.  Roft.  die.  4544.  und  die.  4546.  hete/^Aft.  4648.  Vär 
grozin  rfiwen  bittirkeit.  4549.  Angist  wfis  im  unde  leit.  4550.  Und  unsihir 
rfiwe.  4567.  alle  sa.  4560.  arme.  •  4561.  daz.  4564.  gegeben. 
4567.  wfis  abir  ir  mfit.  4571.  iedoch  fehlt  4573.  wo!  die.  4576.  Auch 
vflrgesichtecliche.  4576.  iesa]  also.  4581.  ie  doch.  4582.  so. 
4589.  da.  4692.  und  'ir  spot.  4593  u.  4594  fehlen.  4597.  nu]  alhie. 
4598.  popil. 

4603.  so  virspiet.  4606.  heilant.  4608.  do  fehU.  4612.  Die  her- 
schaft hatte  van  der  stat.  4613.  luden  her.  4616.  v^n  fehlt.  4617.  sach. 
4624.  ubils/jAft.  4625.  So  wer  he  nit  gevangin.  4631.  sin.  4632.  in  den 
sal  hin  dan.  4635.  libe.  4637.  antworte  he  doch.  4639.  Sag  an  sag  an 
wie.  4647.  Geweide  lutzil.  4648.  Were  si  dir  nit  oben  her.  4649.  vir- 
l&hin.  4654.  hinvure.  4658.  fif  ime  noch  kein  not.  4669.  damit.  4660.  ein 
gewohheit.  4662.  lazene.  4663.  Einen  uf  den  ostirdag.  4667.  sie  spra- 
chin nein  laz.'  4668.  de  da.  was  gewesen.  4669.  sie  jagin  laz  uns  den 
genesen.  4679.  geislen.  4681.  uzir  mazen.  4683.  horin.  4684.  iz  wal 
vfirwar.  4686.  Vil  gar  wart.  4689.'Die  waren  nfi  vil  garwe.  4691.  willec- 
lich.    4694.  vorgeschribin.    4699.  Hat  mine  ser  ie  man  vemomen. 


DIE  PRAGEB  HABDSGHRIFT  DER  «EBLÖSUNG**.  470 

4701.  bt  dite  pin  iemanne  kfiat  4706.  vot  4708.  ein  kfiiUDg  kleit 
ein  samit  rot  4709.  vlachtin.  4710.  dornen.  4713.  darof  geknfltte» 
lieret  4718.  der  joden.  4727.  also.  4728.  Van  dem  herren  iedoch  ge- 
sihin.  4731.  ofBrstat.  4735.  gewant  he.  4743.  waz  ich  d&.  4746.  keine 
not.  4749.  wart  fehU.  4751.'  hdl  io.  4767.  sa  zfihant  4758.  ge- 
walt  in  ir  gewer.  4770.  mufe  helfen  tragen]  m&ste  heben.  4771.  volc 
ein  drebin.  4772.  zogtin  nz  ir.  4783.  ieglichir«  4794.  vol  4796.  nihft 
fML     4797.  omb]  uf.     4798.  schachman. 

4814.  Do]  Daz.  4819.  unde  feUt.  4830.  hatte  ire.  4836.  sine. 
4838.  diz.  4839.  tr&weliche.  4842.  schachman.  4847.  redes. 
4860.  nfi  horit  waz  man  nch  sagin  sal.  4864.  Züspr&ngin  nnd  zfislizin. 
4869.  aach  gein  dirre  nngnadin.  4871.  so.  4881.  man  dar  mit  gallen. 
4884.  im  daz.    4885.  n&  iz.     4892.  iz  dfidit.     4893.  min  got     4894.  biz. 

4902.  Dine.  4903.  sihit  also.  4904.  do.  4908.  die  hellin. 
4909.  sinin.  4912.  wand  iz.  4919.  irm.  4921.  und]  er.  aldar.  4928.  Da 
ine  he  den  heilant  stach.  4929.  dan  uz.  4935.  daz  irwan.  4938.  hiez  er 
fehlt  4939.  babemin.  4940.  ein.  4941.  allen  vliz.  4942.  den  lichamen. 
4960.  unbekant  4976.  He  wände  daz.  4981.  bekümen.  Nach  4982 
tiUldx  w&ndirs  hat  he  vil  began.  4985/^^2«.  4994.  ist  he.  4996.  sit 
4999.  werde. 

5000.  bekomen.  5001.  wer  iz  auch.  5004.  stören]  st&rmin. 
5011.  sinen.  5016.  hellin.  5019.  wer  davor.  6022.  Ein  k&ning  rechte. 
5028.  aber]  balde.  5043.  seltirsange.  5047.  die  selben]  dise.  5048.  alle 
ding.  5050.  wnnnenclichir.  5051.  selben]  den  seien.  5054.  alsa. 
5075.  wäre.  5079.  in  sinre.  6085.  der  eren.  6094.  der  werde  abrahant 
5096.  schepper. 

5111.  Und  die  mit  im  irvreuwete.  5113.  wand.  51 14.  der  eren. 
5117.  in  dirre.  5119.  Hiev&r  so  trfiweliche  las.  5126.  gesihin.  6132.  hel- 
lin. 5141.  Des  milden  herren  gotheit  5142.  Von  den  seien  abiral. 
6143.  Hub  sich  ein  wänneclichir  schal.  5144.  Si  snngin  und.  5145.  iedoch 
alle  so.  4146.  bereit.  5149.  Daz  du  geweldeclichir.  5150.  hint.  dirre 
seibin.  5155.  Ir  langit.  5160.  n&  wordin  gewar.  5161.  wfinnecliche  schar« 
2164.  nut/^AZ^.  5168.  Da  beiibin  die  vierzig.  6170.  danft.  5171.  E  daz 
morginliecht  intfieng.  5177.  bleich  als  ein.  5187.  Daz  der  dodin  also  vil. 
5188.  ime  da.  5190.  Daz  sie  wol  mochtin  schawen.  .5191.  ja  mede  man 
und  vrowen.  5192.  der  lobesame.  5196.  he  uns  den.  5197.  irbibit. 
5198.  gerfiwit.     5199.  der  herre  heilant.    ' 

5205.  daz  fehü.  5214.  iedoch.  6219.  lindin  la&b.  5220.  den  bäu- 
men. 6222.  ünde  sleit  dar  und  dar.  5226.  In  alre  wise  det  alsus. 
5228«  Ja  sa.  5230.  gespannen  wart.  5231.  Geslagin  und.  5233.  Da  wart 
man  zu  haut  gewar.  5238.  in  der.  5241.  Bereidit.  5258.  So  sprach. 
5263.  Wand.      5265.  naher]  vffohir.      5268.  irschrekin.      5277.  zäme. 


480  FRANZ  FFEIFFEB,  ÜOSEZZEL. 

5283.  jüngeren   Sagit  in.       6284.   sagit  in  und  petro.      5289.  beleih. 
5298.  bi  ir. 

5300.  Nahe.  5301.  Ein  spade.  5304.  nnd]  he.  5306.  Ihesnm,  herre, 
von  nazareth.  5307.  trost  min.  5308.  gewar.  5314.  Mit  namen  er. 
5316.  bevloz.  5318.  Gebenediet  mftst  da  sin.  5325.  dfl  sag  in.  5327. 
waz  dS  hais  vemomen.  5328.  lange.  5333.  zwelfir.  5338.  mine. 
5349.  von  der  beswere.    5361.  irstat 

PRAG.  JOH.  KELLE. 


ÜOSEZZEL. 


Ich  möchte  das  mhd.  Wörterbuch  gelegentlich  vor  einem  Worte  bewah- 
ren, das  dort  zu  stehen  gar  kein  Recht  hat.  Ich  meine  den  Ansdnick 
w)B€zzel  Lanz.  6023.  Es  ist  von  dem  Wundermantel  die  Rede,  der  nur 
derjenigen  Frau  vollkommen  passt,  die  sich  AexstCBte^  der  ehlichen  Trene 
rülunen  kann.     Da  heifit  es: 

al  umbe  uüd  umbe  er*r  rehte  kam 

wan  ein  michel  loch  gie  drin: 

daz  solte  vermachet  sin 

mit  eim  uosezzel  breit, 

der  ir  doch  was  nnbereit. 
uoBezzel  ist  auf  Betrieb  Lachmanns  gesetzt,  der  dazu  auf  Graff  1,  69  nnd 
Gramm.  2,  784.  verwies,  uo  (ags.  6)  ist  untrennbare  Partikel  =  r^-,  pod\ 
damit  zusammengesetzte  Wörter  sind  schon  im  Ahd.  überaus  selten,  im  Mhd. 
zeigt  sich  davon  keine  Spur,  und  gar  uosezzel^  Rücksessel,  reclinatorium,  ist 
weder  im  Ahd.  noch  Ags.  nachweisbar.  Überdiefi  wäre  es  sonderbar  sich 
mit  einem  Lehnsessel  ein  Loch  im  Mantel  (es  ist  nicht  gesagt,  wo  es  sich 
gezeigt  habe)  zu  vermacheriy  zu  verstopfen,  zu  bedecken.  Die  Wiener  Es. 
hat  vofezzely  die  Heidelberger  irfeaaede;  es  wird  fOirfezzede  oder  ßkrfezzeX 
zu  lesen  sein;  eine  Verwechslung  von  /  und  /  ist  -nichts  ungewöhnliches. 
Ahd.  heifit /a^^m  Schleier, /?^8>a;^ö  Schweißtuch  (Graff  3,  733);  Schweiz. 
fetzeuy  fätzU  linteolum,  lineamentum  beim  Zürcher  Pictorius,  vgl.  Frisch  I, 
264*;  ahd.  gefazzidi  %^x(^vDxiSA^  ein  Pack  Kleider, /Äte^fe,  auafäzete^  gefäiz 
Schweiz,  ein  Stück  Tuch,  y^fatzelety  fatzeneüi  (it.  fazzioletta)  Sacktuch, 
Handtuch,  fürfezzede  oder  farfezzel  wird  hier  in  der  Bedeutung  von  Für- 
tuch, Schürze  stehen,  was  sich  zum  Verdecken  eines  Loches  im  Kleid  ungleich 
besser  zu  eignen  scheint  als  ein  Lehnsessel. 

FRANZ  PFEIFFER. 


LmXRATUB.      '  4gl 

LITTEEATUß. 


Def  ItilUieiailgf  Frflhling.     Heraasgegeben  tod  Karl  Laehmann  und  Moris 
ELaapt    Leipsig,  S.  Hirzel  1857.    8.    Yin  und  840  S.    (2Th]i.) 


So  ist  denn  die^  Buch,  das  schon  vor  zehn  Jahren  yerheißen  war,  endlich  er- 
schienen. Es  trä^  ganz  den  reinlichen  Charakter  in  der  Ausführung,  die  alle  frühe- 
ren Ausgaben  beider  Herausgeber  auszeichnen ,  und  birgt  in  seinen  Anmerkungen 
einen  reichen  Schatz  Ton  Gelehrsamkeit.  Wie  es  schon  der  Titel  des  Buches  zeigt, 
umfasst  dasselbe  die  Liederdichter  aus  der  ältesten  Zeit  des  deutschen  Minnesangs: 
es  beginnt  mit  dem  Anfong  der  zweiten  Hälfte  des  zwölften  Jahrhunderts  und 
schließt  mit  dem  £nde  des  Jahrhunderts ,  mit  Hartmann  Ton  Aue ,  der  die  Grenz« 
scheide  bildet  zwischen  der  früheren  mehr  oder  weniger  noch  unrollkommenen  Lyrik 
und  der  in  Form  und  Inhalt  gleich  ToUendeten,  die  ihren  Höhepunkt  in  Walther  er- 
reicht.  Voran  stehen  die  namenlosen  Lieder,  unter  ihnen  die  dem  Wernher  von 
Tegemsee  fälschlich  zugeschriebene  Strophe  (3,  1 — 6),  zwei  aus  der  Hs.  der  car- 
mina  burana  entnommene  (3,  7 — 16),  und  dann  einige  unter  bestinmiten  Dichter- 
namen überlieferte  Lieder.  Aber  nicht  immer  mit  hinreichendem  Grunde ,  will  mir 
scheinen,  ist  hier  der  fiberlieferte  Name  getilgt  worden.  Wir  werden  im  Unklaren 
gelassen ,  wie  es  sich  mit  dem  in  A  bei  vielen  Strophen  stehenden  Niune  verhält. 
Daß  unter  diesem  Namen  eine  Reihe  von  Strophen  und  Liedern  zusammengewürfelt 
ist,  die  nicht  von  einem  Verfasser  herrühren  können,  ist  klar:  aber  was  der  Kern 
dieses  Namens  ist,  ob  nicht  doch  einige  dieser  Strophen  einem  so  genannten  Dichter 
angehören,  darüber  sagen  die  Herausgeber  nichts.  Über  die  in  den  Hss.  dem  Kaiser 
Heinrich  zugeschriebenen  Strophen,  die  in  der  vorliegenden  Sammlung  ebenfalls  un- 
ter den  namenlosen  Liedern  stehen,  kann  ich  um  so  eher  schweigen,  als  J.  Grimm 
erst  jüngst  dieselben  wieder  dem  Kaiser  zugetheilt  hat  (Germ.  2,  477  ff.)..  Ihrer 
Ansicht  zu  Liebe  haben  die  Herausgeber  die  in  den  Hss.  überlieferte  Folg«^  der 
Lieder  umkehren  müf  en.  Warum  nun  Walther  von  Metz  ganz  aus  der  Reihe  unse- 
rer Liederdichter  gestrichen  werden  soll ,  leuchtet  mir  noch  nicht  ein.  Wenn  ihm 
auch  nicht  alle  in  A  beigelegten  Strophen  gehören,  was  >schon  aus  der  verschiedenen 
Beimbehandlung  hervorgehen  dürfte  (sieh  zu  4,  1) ,  so  darf  man  doch  nicht  ohne 
Weiteres  den  Dichter  ganz  tilgen.  An  Gautier  von  Metz  mit  Waokemagel  zu 
denken  wird  nun  freilich  nicht  mehr  erlaubt  sein.  —  16,  12.  die  Vermuthung  Liach- 
manns,  es  möchte  vor  nide  zu  schreiben  sein,  ist  überflüssig;  denn  ebenso  sagen 
auch  provenzal.  Dichter  per  mal,  wie  hier,  von  den  Neidern,  neben  per  evw^a.  Die- 
selbe Vermuthung  Lachmanns  wendet  Haupt  auf  eine  andere  Stelle  (S.  298)  an, 
wo  das  überlieferte  von  leide  ebensowenig  anzutasten  ist.  —  Die  unter  Spervogels 
Namen  S.  20 — 31  stehenden  Strophen  gehören  doch,  wie  schon  Pfeiffer  (Germ.  2, 
494)  mit  Recht  bemerkt  hat,  in  keinem  Falle  Einern  Dichter  an.  Darauf  hätte 
schon  die  Verschiedenheit  der  Reime  fahren  sollen :  während  die  Strophen  20,  I — 25, 
12  regelrecht  und  genau  reimen,  haben  die  übrigen  S.  25,  13 — 31,  6  freie  Reime, 
lassen  die  Senkungen  weg,  brauchen  nach  Art  der  epischen  Poesie  klingende  Reime 

31 


jgl  UTTERATUB. 

für  zwei  Hebungen,  was  Alles  in  den  yorhergebenden  Strophen  nicht  Yorkemmt. 
Die  Hss.,  die  neben  Sperrogel  einen  jflngem  Spervogel  überliefern ,  wenn  auch  die 
Bezeichnung  nicht  zutrifft ,  weil  unter  dem  letzten  Namen  gerade  eine  Menge  von 
Strophen  des  altem  Dichters  stehen ,  haben  doch  die  richtige  Erinnerung  bewahrt. 
Ich  möchte  daher  auf  20,  18  0^9«  mfn  geseiU  Spturvogd  s<jmc  (wobei  eigentlich  Spere- 
vogd  zu  les^n  wäre ,  weil  der  jüngere  Dichter  die  Senkungen  nicht  auslässt)  mehr 
Gewicht  legen,  als  Haupt  S.  238  zu  thun  scheint.  Aus  dieser  Zeile  ist  wohl  der 
junge  Spervogel  hery orgegangen,  wober  yielleicht  eine  falsche  Lesart  (min  genanne?) 
mitwirkte.  In  den  Anmerkungen  (S.  242 — 245)  stehen  noch  eine  Reihe  Strophen, 
die  für  unäoht  erklärt-  werden.  Jenem  Speryogel,  der  25,  13 — 31 ,  6  dichtete, 
können  sie  freilich  nicht  gehören :  warum  aber  nicht  dem  andern  Dichter,  mOge  er 
nun  auch  Speryogel  geheißen  haben  oder  nicht?  Sprachlieh  steht  nichts  entgegen, 
und  aueh  der  Inhalt  der  meisten  Strophen  ist  dafür  kein  Hinderniss.  Und  selbst 
wenn  dieß  wäre:  warum  muß  denn  gerade  jeder  Dichter  in  einer  ganz  bestimmten 
Manier  gedichtet  haben,  warum  kann  ihm  nicht  etwas  gehören  was  einmal  aus  dieser 
Manier  heraustritt  ?  Ich  muß  gestehen,  auf  die  Gefkhr  hin  für  kurzsichtig  gehalten 
zu  werden,  daß  mir  die  Gründe  dieser  schweigend  yerwerfenden  Kritik  nicht  immer 
klar  sind.  In  der  Strophe  V.  61 — 76  (S.  244)  ist  doch  wohl  die  Versabtheilung  in 
den  Stollen  anders  zu  machen. 

Der  alten  rät         versmdhet  nü  den  landen. 

unbetwtmgen         eint  die  jungen;         dne  reht  wir  leben. 
Für  die  zweite  Zeile  beweist  den  Inreim  die  Elision  in  69.  70  menege  schände  uns  ist 
vür  fföide  gegeben^  so  wie  die  Übereinstimmung  mit  der  Schlußzeile  der  Strophe  (76), 
die  keinen  Inreim  hat. 

Was  die  Dichter  betri£Ft ,  die  romanische  Weisen  und  zum  Theil  bestimmte  ro- 
manische Lieder  nachgeahmt  haben ,  so  haben  sich  die  Herausgeber  darauf  be- 
schränkt, die  bis  jetzt  gelieferten  Nachweise  aufzunehmen  r  Neues  in  dieser  Be- 
ziehung hat  des  Minnesangs  Frühling  nicht  geleistet.  Eine  Vergleichung  der  bei 
diesen  Dichtem  yorkommenden  Strophenbildungen  mit  yerwandten  romanischen 
wäre  wünscbenswerth  gewesen.  So  hat  Friedrich  yon  Hausen ,  wie  ich  in  meinem 
Berthold  yon  Holle  S.  XXXVII  bemerkt  habe,  eine  Strophenform  Bemards  yon 
Ventadorn  nachgebildet,  in  Versmaaß  und  Stellung  der  Reime,  was  nicht  zufällig  sein 
kann.  Eine  Entlehnung  anderer  Art  habe  ich  in  dieser  Zeitschrift  3,  304  ff.  bei 
Heinrich  yon  Meningen  nachgewiesen.  Den  Ursprung  der  dactylischen  Verse  in 
der  deutschen  Poesie,  die  sich  grade  bei  den  hieher  gehörigen  Dichtem  finden,  haben 
die  Herausgeber  gar  nicht  berührt ,  und  doch  hat  Lachmann  selbst  dieß  für  einen 
wichtigen  Punkt  erklärt.  Hätte  dieß  nicht  in  die  Anmerkungen  gehört?  In  den 
•dactylisch  gebauten  Versen  ist  meist  durch  die  nicht  selten  angewendeten  Accente, 
—  die  meist  bei  zweisilbigem  Auftact  und  in  klingenden  Reimen  stehen,  wenn  diese 
für  zwei  Hebungen  gelten  (aber  sonderbar  ist  die  Anwendung  des  Accentes  bei 
Heinrich  yon  Veldeke  57,  10)  —  das  Lesen  erleichtert  worden.  Über  die  Behand- 
lung der  Dactylen,  mit  der  ich  nicht  überall  einyerstanden  bin,  werde  ich  ein  ander- 
mal ausfiihrlicher  sprechen.  —  Die  Behandlung  der  Lieder  Heinrichs  yon  Veldeke 
betreffend ,  hat  sich  Haupt  im  Vorwort  ausgesprochen.  Man  wird  die  gewaltsame 
Art  EttmüUers ,  die  alle  Überlieferung  über  den  Haufen  stößt,  um  einen  'reinen 
Dialekt  Zugewinnen,  gewiss  nicht  biüigen:  allein  eine  größere  Übereinstimmung 


UTTERATÜR.  4jg3 

der  liMiie  hftUe  doeh  wo^l  erreioht  werden  kOnnen,  ohne  den  Hss.  zu  nahe  su 
ireieo.  Dasselbe  ^It  in  noeh  höherem  Grade  tob  d^i  mitteldeutschen  Dichtem  der 
Sanunlung ,  für  die  festere  Grundlagen  zu  geben  waren ,  als  für  die  schwankende 
niederrheinische  Mundart. 

59,  7.  8  ist  zusammenzuschreiben,  wie  die  Elision  in  59,  19.  20  beweist, 

wclgstäne        votisches  äne 

tiehter  varwe         srhUichet  garwe. 
denn  einen  jambischen  Vers  59,  20  anzunehmen  ist  in  diesem  rein  trochäischen 
Ltede  nicht  erlaubt.     Die  auf  S.  259  angeführte  Strophe  Wan  sd  dm  vrowen  disnen 
unde  spreeken^  die  'nicht  nach  Heinrich  von  Veldek'  aussieht,  ist  doch  wohl  nicht 
anzuzweifeln.     Schon  der  Reim  der  Strophe,  die  im  Abgesange  die  Keime  der 
Stollen  wiederholt,  yerräth  romanisches  Gepräge  und  würde  demnach  recht  gut  zum 
Veldeke  passen,     und  warum  soll  dieser  Dichter  nicht  auch  eine  ^bedeutende 
Strophe'  gediditet  haben?  —  Zu  71,  7  yerwuthet  Laehmann  bewani,  worauf  durch 
Umstellung  der  folgenden  Zeilen  ein  sargen  bani  als  Reim  gewonnen  wird.     Aber 
dal^  in  diesem  Absätze  des  Leiches,  der  riermal  wiederkehrt,  70, 26 — 33.  71, 6—12. 
75,  13 — 20.    75,  34 — 76,  1  aoht&oher  Reim  angewendet  ist,  scheint  er  übersehen 
zu  haben.  —  91,  36 — 92,  6  ist  d^  Abgesang  zu  schreiben 
swer  si  vor  mir  nennst^         der  hat  gar 
ndch  u  fritmds  ein  ganzea  jdr^         hei  er  mich  joeh  verbreimetf 
denn  nur  so  ist  die  Überein  Stimmung  zwischen  Stollen  und  Abgesang  ersidlitlich ; 
indem  die  drei  Theile  der  Strophe  stimmen  bis  auf  das  Geschledbit  der  Reime ,  das 
im  Abgesang  un^kehrt  ist.  —  115,  27—33  ist  in  der  ersten  und  dritten  Zeile  der 
Strophe  ein  Inreim  bei  zit  und  gtt  anzunehmen.  —  124,  38  hat  LAchmann,  denn  die- 
sem kommt  die  Herstellung  der  Strophe  dem  Register  nach  zu,  übersehen,  daß  dieser 
Strophe  eine  Zeile  fehlt.     £s  ist  ohne  Zweifel  zu  lesen  124,  38.  39 

also  kument  mir  diehe 

ir  wol  liehten  äugen  bliche 

in  min  herze,  da  si  vor  mir  gdt. 
Der  gleiche  Anfang  der  nächsten  Strophe  hat  den  Ausfall  des  einzigen  Wortes 
blii^  bewirkt,  während  Lachmann  das  Metrum  verstümmelt.  —  126,  8 — 32  sind 
die  beiden  ersten  Zeilen  des  Abgesanges  zusanunenzufassen  und  zu  schreiben 

mir  ze  unstaten  sten,  mae  si  dan  rechen  sich. 
Aus  mehreren  Gründen,  1)  weil  alle  Verse  dieses  Liedes  troohäisch  beginnen, 
2)  weil  durch  die  Zusammen&ssung  in  ^inen  Vers  dieser  der  ersten  Zeile  des  StoUens 
gleich  wird,  der  Abgesang  also  den  ganzen  Stollen  um&sst  und  die  erste  Zeile  des- 
selben noch  einmal  widerholt  (ähnlichgebaute  Strophen  sieh  in  Germania  2, 292). — 
132,  3.  5  schreibt  Lachmann  sSjeißSje,  um  die  yerschiedene  Quantität  in  sdteiß^ 
zu  yermeiden ,  aber  eine  Form  s^  ist  noch  nicht  belegt.  Bekanntlich  haben  die 
mitteldeutschen  Dichter  die  Verlängerung  ursprünglich  kurzer  Vokale  am  frühesten 
angewendet:  einige  Beispiele  hat  Pfeiffer  zum  Jeroscfain  S.  XXXVIH  Anmed:.  fta- 
gefuhrt.  Eine  Verlängerung  anderer  Art  hat  Morungen  140,  32.  34  in  sumerikwm' 
msr.  —  133,  29  warum  nicht  hrSmst?  —  136,  25  ff.  sind  die  beiden  ersten  Z«tkn 
der  Strophe  zusammenzufassen ,  und  ebenso  die  dritte  und  vierte.  Daft  die  Strophe 
durch  das  Zusammenfassen  yierzeiÜg  wird  macht  nichts  aus.  Genötlngt  werden 
wir^dazu  «inmal  durch  die  Übereinstimmung  mit  d^  letzten  ISt&ophemBoUe  ufid  daop 

81' 


484  LITT£BATUB. 

durch  die  Trennung,  des  Ac^ectirs  stoßen  \  frowen  ld7,  6.  7.,  die  beim  Endreim  nur 
selten  begegnet.  —  166,  3  ist  nUn  für  min  übersehener  Druckfehler.  —  179,  3  ff. 
ist  der  Abgesang  wohl  zu  schreiben 

nu  verbieten  cUsö  dar  und  hUeten 
da%  ei  eich  erwüeten!  wi  wee  nemewt  ei  war? 
denn  dadurch  werden  diese  beiden  Zeilen  dem  Stollen  gleich,  bis  auf  den  weiblichen 
Ausreim  der  ersten  Zeile.  In  der  Zusammenfassung  bestärkt  mich  180,  6  der  Yers- 
sehluß  waz  ruoeh  ich.  Zwar  wird  aus  Reinmar  (zu  193,  8)  noch  159,  12  lid  ich 
als  ebensolcher  Versschluß  angeführt,  aber  dort  liest  man  doch  wohl  lieber  umb  und 
lide  ich.  Der  jambische  Vers  179,  29  der  einigermaßen  gegen  die  Zusammenfiusung 
zu  sprechen  scheint,  ist  durch  daze  trochäisch  zu  machen.  —  In  den  proyenzalisclien 
Texten,  die  in  den  Anmerkungen  mitgetheilt  werden,  ist  S.  264,  letzte  Zeile  zu  lesen 
eneauf/a;  zu  85,  21,  Z.  4  noca. 

Was  die  Entscheidung  über  die  Unechtheit  Yon  einzelnen  Strophen  betriift,  so 
haben  wir  schon  bei  mehreren  Zweifel  ausgesprochen.  Die  Gründe  für  die  Dnecht- 
heit  sind  nicht  immer  genügend:  S.  303  heifit  es  'die  einzelne  unbedeutende  Strophe 
84  hat  wenig  Gewähr  des  Verfiissers^;  Die  beiden  Strophen  S.  314,  die  Haupt 
selbst  für  reinmarisch  hält,  warum  sind  sie  nicht  in  den  Text  aufgenommen?  Und 
warum  können  die  S.  318 — 320  aufgeführten  Strophen  nicht  yon  Hartmann  sein? 
bloß  weil  sie  'nichts  yon  seiner  Art*  haben  ?  Aber  das  klingt  doch  gar  zu  subjectiv. 
Wollte  man  so  mit  unsern  neuern  Dichtern  yerfahren,  wie  Vieles  würde  gestrichen 
werden  miUJen,  was  'nicht  in  ihrer  Art*  ist? 

ROSTOCK.  KARL  BARTSCH. 


2. 

Das  oben  genannte  Buch  ist  wichtig  genug,  um  eine  doppelte  Bespreehong  zu 
yerdienen  und  yon  yerschiedenen  Seiten  beleuchtet  zu  werden.  Leider  gebricht  es 
mir  in  diesem  Augenblick  an  Zeit ,  um  dem  im  zweiten  Bande  der  Germania  S.  491 
gegebenen  Versprechen  in  dem  Umfange,  wie  ich*s  damals  beabsichtigt  hatte,  nach- 
zukommen.    Aber  ganz  will  ich  das  dort  Versprochene  doch  nicht  schuldig  bleiben. 

Stäts  bereit,  fremdes  Verdienst,  wo  ich's  auch  finde,  offen  und  rückhaltslos  an- 
zuerkennen, stehe  ich  nicht  an,  in  das  eben  yon  Bartsch  und  schon  früher  (Genn.  2, 
480)  yon  J.  Grimm  dem  Buche  gespendete  Lob  mit  aller  Aufrichtigkeit  einzustimmen. 
In  der  That  ist  hier  für  unsere  älteste  Liederdichtung  sehr  Bedeutendes  und  alles 
Dankes  Werthes  geleistet,  und  wir  haben  Ursache,  über  die  schöne  und  rein- 
liche Gestalt,  in  der  die  Lyriker  des  12.  Jahrhunderts  hier  auftreten,  uns  zu  freuen. 
Diese  Anerkennung  kann  mich  aber  so  wenig  als  jene  beiden  verehrten  Bütarbeiter 
bewegen ,  in  das  anderwärts  yernommene ,  ungemessene  Lob  einstimmend ,  Alles 
was  und  wie  es  hier  steht  tadellos  zu  finden  und  mein  Auge  yor  den  der  Ausgabe 
noch  anklebenden  Mängeln  zu  y erschließen.  Haupt  scheint  zwar,  indem  er  sich 
auf  seine  und  Lachmanns  reifliche  Überlegung  steift  (S.  VII),  zu  glauben,  Andre 
hätten  dieser  Überlegung  nichts  als  Einfalle ,  Einfalle  aus  dem  Stegreif,  entgegen 
zu  setzen.   Bei  ruhigerer  Betrachtung  wird  er  indess  wohl  selbst  auch  zugeben,  da0 


LITTERATUB.  48S 

die  Überlegung  nicht  das  Priyilegium  Dieses  oder  Jenes  ist,  sondern  daß  auch  Andre 
noch  als  bloß  er  und  Lachmann  derselben  fUhig  sind ,  und  überdieß  wird  er  aus  £r- 
ÜEkhrung  wissen,  daß  oft  einem  plötzlichen  Einfalle  gelingt,  was  lange  fortgesetztem 
Nachdenken  sich  entzogen  hat.  Es  scheint  mir  daher  nicht  klug  gethan ,  von  Ein- 
fällen mit  solcher  Wegwerfüng  zu  reden. 

Mag  jedoch  seine  Ansicht  über  diesen  Punkt  sein,  wie  sie  will,  so  soll  uns  das 
weder  schrecken  noch  von  einer  Prüfung  abhalten,  im  Gegentheil ,  gerade  in  der 
hochmäthigen  Art,  womit  hier  im  Voraus  jeder  Vorsuch  einer  Verbesserung  zum 
Einfall  gestempelt  wird ,  erblicken  wir  die  Aufforderung,  die  Ausgabe  einer  ein- 
gehenden Prüfung  zu  unterwerfen  imd  nöthigen  Falls  unsere  Meinung  der  seinigen 
gegenüber  zu  stellen.  Wer  dann  ein  Urtheil  sich  zutraut ,  mag  entscheiden ,  wo 
der  EinfkU  ist,  hüben  oder  drüben.  ' 

Ich  wende  mich  zuerst  zu  Einzelheiten  und  werde  mit  allgemeinen  Betrach- 
tungen über  die  Ausgabe,  ihre  Einrichtung  und  Anordnung,  schließen. 
Gleich  die  Änderung  7,  17. 

daz  min  fr&ide  dez  minmst 
ist  wmh  alle  ander  man. 
kommt  mir  nicht  so  gelungen  vor ,  als  J.  Grimm  (Germ.  2,  480)  sie  gefunden  hat. 
dez  ist  hier  des  Metrums  wegen  für  daz  gesetzt,  nach  Wackernagels  Vorgang  (Fdgr. 
1,  264).  Der  Sinn  ist:  daß  meine  Freude,  mein  Wohlgefallen  an  allen  andern 
Männern  das  Geringste  ist,  d.  h.  daß  ich  mich  um  alle  andern  Männer  gar  nichts 
kümmere.  Die  Hs.  liest  daz  minfröide  ist  der  minniat  urnbe^  eine  Lesart,  die  schon 
Yon  Wackernagel  am  a.  0.  für  verderbt  erklärt  wurde ,  unter  Verweisung  auf  eine 
ähnliche  Stelle  in  der  Kaiserchronik :  din  dr6  ist  uns  alzoges  der  minnist  Hier 
lesen  aber  beide  Haupthss. ,  die  Vorauer  Bl.  47*  und  die  Heid.  66»  (=  Maßmann 
10,936),  übereinstimmend  der  mirniist^  wesshalb  man  sich  doch  bedenken  sollte  vor- 
schnell  einen  Fehler  anzunehmen.  Auch  drö  als  masc.  zu  nehmen,  wie  mhd.  W.B. 
geschieht,  scheint  mir  bedenklich.  Ebenfalls  in  der  Kaiserchronik  finde  ich  Heidelb. 
Hs.  Bl.  71*  mich  dunket  der  beste  daz  ir  si  vermidet,  die  Vorauer  (Diemer  S.  361,  2) 
daz  beste.  Dieses  mehrfache  Vorkommen  des  Masculinums:  der  minmst,  der  beste, 
statt  des  Neutr.  dürfte  doch  Vorsicht  empfehlen:  es  kanii  hier  ein  Sprachgeheimniss 
verborgen  liegen,  dessen  Enthüllung  fortgesetzter  Forschung  wohl  noch  gelingen 
dürfte.  Jedenfalls  aber  kommt  mir  das  hier  in  den  Text  Aufgenommene  verfehlt 
vor:  minnist  ist  klingt  unerträglich.  Warum  nicht,  wenn  durchaus  geändert 
werden  soll: 

daz  min  firowede  diu  (oder  des)  min 

ist  tsmb  'alle  ander  man  ? 
wie  bei  Heinrich  von  Veldeke  62,  18.    65,  3.  diu  min,  eo  minus.     Der  Sinn  bliebe 
hier  wie  dort  derselbe. 
S.  8,  17  ff.  lesen  wir 

^Swenne  ich  stdn  alleine 

in  mtnem  hemede, 

und  ich  gedenke  ane  dich , 
.  ritter  edele , 

so  erbliuget  sieh  min  varwe 

als  rose  an  dorne  tuot. 


486  LITTERATUR. 

Die  einzige  Hs.  (0)  hat  erbluot  statt  trUiuget,  Was  heilt  erblhtget?  erhlAffm  (es  ist 
nur  einmU  belegt,  s.  mhd.  W.B.  1,  215)  ist  ein  von  blüc^  verecundus,  schüchtern, 
Ikbgeleitetes  Verbum,  eingeschüchtert,  blüe  werden.  Also:  die  Farbe  meiner 
Wangen  wird  eingeschücbt-ert  (yerschämt  meinetwegen),  wie  die  Rose  am  Dornbusch. 
Ein  sonderbares  Bild !  Hier  hat  offenbar  die  .^Überlegung"  über  das  Ziel  hinaus- 
geschossen  und  der  Scharfsinn  etwas  nicht  sehr  Sinnreiches  sea  Stande  gebracht. 
Von  erhlügen  ist  ein  TransiUyum  nicht  nachgewiesen,  wohl  aber  ton  erblüht 
Mch  trhlüegeni  mhd.  W.B.  1,  216.  »Wenn  ich  Nachts  Dein  gedenke,  so  erblüht 
meine  Farbe  wie  die  Rose  am  Strauch.**  Ist  das  nicht  poetisch  sch&n  und  yollkom- 
men  richtig  ausgedrückt  ?  Und  wer  erinnert  sich  nicht ,  bei  Dichtem  aller  Völker 
dieses  Bild,  diese  Vergleichung  der  jungfräulichen  Scham ,  der  schamhaft  erröthen- 
den  Jungfrau  mit  der  blühenden  Rose  gelesen  zu  haben?  Auch  die  Tilgung  des 
Artikels  vor  röße  scheint  mir  unnöthig,  und  statt  <m  dorne  würde  ich  am  d,  yorziehen. 
12,  1.  2.  8wer  werden  wtben  ddenen  solf 

der  ecl  semdiehen  vom, 
so  B,  eeiedichen  C.  Was  ist  der  Sinn  yon  aeinelichm?  Es  ist  wohl  die  umgelautete 
Form  für  sameUch;  ahd.  eamal^h^  samdih^  similis«  par  (Graff  6,  32.  33.);  also 
würde  aemdiehen  pariter,  similiter  bedeuten,  und  s,  vam:  sich  auf  ähnliche,  gleiche 
Weise  benehmen,  mithin  auch  wert  sein,  gleich  den  Frauen.  Kann  das  der  Dichter 
hier  sagen  wollen  ?  Ich  glaube ,  er  würde  sich  anders ,  verständlicher  ausgedrückt 
haben,  und  halte  die  Stelle  für  verderbt:  es  wird  scemeUchen  zu  lesen  sein  (scame- 
lih,  yerecundus,  pudibundus:  Graff  6,  493,  vgl.  Tristan  20,  25.  Bhmacheflür  sprach 
vU  sehamdiche,  Bari.  124,  4.  6.):  wer  reinen  Frauen  dienen  will,  der  soll  sich 
schamhaft,  züchtig  betragen.  Dann  erhält  das  Folgende ,  die  Ermahnung  da0  der 
Frauendiener  oft  die  schmerzliche  Sehnsucht  still  und  tief  in  seinem  Herzen  ver- 
bergen müße  und  erhält  namentlich  der  Schluß  der  Strophe :  daß  ein  nnkeusches 
Herz  nie  echter,  wahrer  Treue  und  Liebe  zu  reinen  Frauen  fähig  sei,  ich  sage,  daqu 
erst  erhält  die  ganze  Strophe  rechten  Sinn  und  Verstand.  Man  vert  rehu^  schöne, 
werdediehen,  heaeheidenlichm  (vgl.  mhd.  W.B.  3,  244  ^ ),  warum  nicht  auch  «cAam«- 
Uehmf 

13,  4.  si  geuid  mir  ie  bag  tmd  ie  baz 
Hier  ist  der  zweisilbige  Auftakt  verdächtig,  und  das  zweite  ie  erscheint  überflüssig  (wie 
in  der  folgenden  ^eile,  lies  ie  lieber  unde  lieber) ;  ie  bax  unde  bag  ist  das  gewöhn- 
liche, vgl.  mhd.  W.B.  1,  94.     Aber  auch  baz  unde  baz,  ohne  ie,  kommt  vor  (z.  B. 
Gudrun  1018,  1),  und  so  zu  lesen  verlangt  hier  das  Metrum. 
13,  24 — 26;  staechens  üz  ir  ougen, 

mar  rätent  m^ne  sinme 

cm  deheinen  andern  man, 
ir  ougen,  wer  soll  sich  die  Augen  ausstechen?  Die  Merker?  eine  sonderbare  Zn- 
muthung!  Und  wo  bleibt  der  Gegensatz ,  den  die  sinne  verlangen?  Nur  wenn 
stcbechens  üz  mtn  äugen  gelesen  wird,  erhält  man  einen  passenden  Sinn:  alle  mögen 
wissen,  daß  ich  seine  Geliebte  bin  —  und  stächen  sie  mir  auch  meine  Augen  aas,  so 
würden  mir  doch  meine  übrigen  Sinne  zu  keinem  andern  Manne  rathen.  Die 
Kürzung  mtn  für  m^niu  ist  gar  nicht  seltep:  m£n  ougen  hdnt  ein  wip  ersehen, 
Walther  47,  13.  frouwe,  daz  hdnt  mir  getan  mtn  ougen  und  din  röter  munt  MF.  137, 
16.     sin  äugen  wurden  üf  getdn  Pantaleon  659.    Diese  Stelle  verlangt  auch,  daß  die 


UTTERATUR.  48t 

folgende  Skrojpke:  mir  wtUen  wniniu  au^m  eimn  kindsäehan  mant  Yorangestellt  werde» 
beide  stehen  im  genauesten  Zusammenhange.  —  Noch  ist  zu  bemjerken,  dafi  wenn 
man  wie  hier  Mtasehena  statt  des  hs.  «Uehmt  ei  liest,  im  folgenden  Verse  nicht  der 
Indicatiy  des  Praesens  stehen  darf,  rielmehr  verlaogt  dann  der  Sinn  wie  die  Gram- 
matik den  CoigunctiT  des  Praet.:  rietm  (B  hat  raten). 

In  dem  ersten  Liede  des  Grafen  Budolf  von  Fenis  lauten  die  Zeilen  80,  14 — 16 
(das  Versmafi  ist  dactjlisch): 

mit  aehoenm  ffebaerden  d  nueh  ge  ir  brdhte 

und  leitet  mich  cds  boeee  gdtaere  ie  hdnty 

die  wol  geheizent  und  geltes  nie  dähten, 
ie  hdnt  ist  Ton  Haupt  an  die  Stelle  des  hs.  tuat  (=^  BC),  und  ebenso  die  Plurale  ge- 
heizent und  dähten  statfc  der  Sing.  geha£eset  —  gedahte  gesetzt.  Er  nennt  das  S.  262 
selbst  eine  gewagte  Änderung.  Ich  bin  ganz  damit  einyerstanden :  eine  Emendation, 
die  eine  Reihe  yon  Änderungen  im  Nachsätze  nacb  sich  zieht ,  ist  immer  gewagt : 
hier  scheint  sie  gewählt  worden  zu  sein,  um  eine  schlechte  Lesart  der  Nibelungenhs. 
A  zu  Ehren  zu  bringen,  mit  wenig  Erfolg.  Ich  lese  mit  nur  leichter  Änderung  der  Hss. : 

und  leitet  mich  de  boeeea  gdtaeren  liant, 

der  vü  geheizet  und  gdtea  nie  däkte. 
mdt  der  hont  (=  manu)  leistet  man  Versprechen ,  yerheißt  etwas  (d.  i.  durch  den 
Handschlag  und  durch  das  Aufheben  der  Hand  =  den  Schwur) ,  und  mit  der  Hand 
leitet,  führt  man  auch,  ygl.  nü  het  oueh  in  der  hUnec  genomen  an  stfie  hant  und  leite 
in  hin  Trist.  4332.  ale  in  des  mamaerea  hant  wol  geleiten  künde  ebd.  7397.  Zu  boeae 
gdtaere  h&tte  auf  den  Iwein  7164  verwiesen  werden  können,  wo  dieser  Ausdruck 
(=  schlechte  Zahler)  ebenfalls  vorkommt. 

Eine  andere  Strophe  des  Gr.  Rudolf  von  Fenis  82,  19 — 22  beginnt: 

Ir  sehoenen  Itp  hdn  ich  da  vür  erkennet, 

er  tuot  mir  als  derfürstdin  daz  lieht: 

diußiuget  dran,  unx  si  eich  gar  verbrennet: 

ir  gröziu  güete  mich  also  verriet. 
Statt /ttrtftfe^n,  wie  B  hat,  liest  C  vledramue.  Die  Strophe  gehört  zu  einem  Liede, 
das  Übersetzung  oder  Nachahmung  eines  Gedichtes  von  Folquet  von  Marseille  ist. 
Zu  dem  sonderbaren  ja  unmöglichen  Femininum /Or^^V»  macht  Haupt  die  Anmerkung, 
er  wisse  nicht,  ob  es  dem  parpalhos  des  Folqnet  genau  entspreche  oder  etwa  Licht- 
motte bedeute.  Die  Lesart  der  Hs.  B  ist  ganz  richtig,  aber  man  muß  sie 
recht  lesen,  nämlich  viurstelin,  d.  i.  die  Feuerstehlerin  =  Lichtmotte.  laidorus 
spricht,  daz  der  prem  daz  lieht  liep  hob,  also  daz  er  sich  pei  weilen  verprenn  an  einem 
prinncBdem  lieht,  aber  daz  tuot  ein  ander  vögMl,  daz  haiztman  dnfewereteln  (Vor, 
fewretd,  -etal,  furetdhr)  und  ist  sam  ain  veivalter  geetalt:  Konrads  v.  Megenberg 
Buch  der  Natur  S.  299,  17  meiner  Ausgabe.  Diu  viwrstdin  oder  das  schwache 
^osAt.d»vkBrstde,  gebildet  wie  «^<!p«6« ,  ahd.  sigugeba,  rätgebe,  rdtgebin,  Ittgebe, 
Utgebhi.  (Helbeling  1,  337),  erbeneme,  vededese  (in  einem  ungedruckten  Gedichte  des 
Königs  V.  Ottenwalde),  bedeutet  also  einen  Lichtdieb ,  gewiss  eine  passende,  ja 
schöne  und  poetische  Benennung  für  den  um  das  Licht  flatternden  glänzenden 
Schmetterling.  Der  griechische  Name  ist  nvQaXlg,  nvQavorrjs;  der  provenzalische 
Ausdruck  ^of^o^Ao*,  parpaülos,  ital.  parpaglione  bedeutet  dagegen  zunächst  wohl 
BW  den  Schmetterling  (vom  griechischen  noQanäkXm) ,  also  den  hin  und  her  sich 


488  LITT^RATUR. 

SohwingendeD,  und  erst  entfernteT  dann  anoh  die  Motte;  vgl.  übrigens  anchDiefen- 
bachs  Glossarium  S.  411  ■;  fuwateUer,  feumfcAter. 

Das  bekannte  Taglied  Dietmars  von  Aist  begegnet  uns  S.  39,  18  ff.  in  folgender 
Fassung:  Sldfeat  duy  min  friedd? 

wan  wecket  unsieh  Uider  schiere* 

ein  vogdfn  ad  wcl  getdn 

daz  ist  der  linden  an  daz  sswt  gegdn! 
5.        'ich  was  vü  sa»0e  entdd/en: 

nu  rüefestu  kint  wäfen  wd/en, 

liep  dne  leit  mac  mht  gesfn, 

6waz  du  gebiutst,  daz  leiste  ic\  friunddn  min^ 
Diu  frouwe  begunde  weinen, 
10.  ^du  rttest  Unne  und  last  mich  einen, 

wenne  wüt  du  wider  her? 

owi  dufUerest  minefröide  dar» 
Hier  baben  wir  eine  recht  mutbwillige  Änderung ,  ja  Entstellung  des  anmuthigen 
Liedes.  Noch  im  Jahr  1834,  in  der  Vorrede  zum  Wolfram  S.  XIII.  haite  LachmanD, 
sich  nur  an  zwei  Stellen  von  der  Überlieferung  entfernt,  indem  er  Z.  2.  imaieh  (be- 
kanntlich eine  Lieblingsform  Lachmanns)  statt  uns ,  und  in  der  6.  Zeile  das  eine 
wdfen  hinzusetzte.  Seitdem  hat,  wie  man  sieht,  die  Kritik  Fortschritte  gemacht: 
noch  einen  Schritt  weiter  auf  dieser  Bahn,  und  das  Liedchen  ist  bis  zur  Unkenntlich- 
keit entstellt.  ' 

Betrachten  wir  die  Änderungen  der  Reihe  nach.  Statt  min  friedel  liest  die 
Hs.  friedd  ziere.  Es  möchte  schwer  zu  errathen  sein ,  was  hier  zum  Abgehen  von 
der  Hs.  den  Anlaß  gegeben  hat:  der  Ausdruck  ziere^  oder  metrische  Spitzfindigkeiten. 
Aber  schon  im  Ahd.  ist  ziari ,  zieriy  decorus,  ornatus,  diligatus  (Graff  5,  699)  viel- 
fach belegt,  ygl.  heü  magad  zieri,  tidafima  so  scöni  Otfr.  L  5,  15.,  und  die  schwebende 
Betonung  in  Sldf^t  ist  ja  etwas,  auch  bei  den  Liederdichtern ,  ganz  Gewöhnliches, 
ygl.  in  einem  andern  Liede  Dietmars:  mtmu  wol  standen  ougen  MF.  37,  22.  wīen 
uns  scheiden  ebd.  9,  16.  zwisch^  zwein  vr&uden  an  die  jaemerifche  stoit  Walther  13, 
20.  Erec  7310.  8429  etc.  Walther,  ich  solte  lieben  dir  Walther  24,  34.  Vgl.  Hahn 
zum  Stricker  XI,  15.  Schade  im  Weim.  Jahrb.  1,  39.  Dazu  kommt,  dsS  friedd  :/Mrt 
gar  keine  mhd.  Jleime  sind ,  auch  nicht  des  12.  Jahrhunderts ,  wenigstens  bei  den 
Lyrikern  nicht,  r  reimt  regelmäßig  nur  wieder  mit  Liquidis ,  am  liebsten  mit  A 
z.  B.  Sre :  sHe,  ausnahmsweise  auch  mit  ä,  z.  B.  sähe :  wäre,  beide ,  die  Liquidae  wie 
die  Spirantes  sind  halbvokalischer  Natur;  d  aber  mit  b  und  g,  z.  B.  spiegd: friedet 
Pfefliinleben  709  (altd,  Bl.  1,  235).  Sollte  sich  indess  auch  in  einem  entlegenen, 
8chle<)htgereimten  Denkmal  ein  solcher  Reim  auftreiben  lassen,  so  bewiese  das  für 
den  Yorliegenden  Fall  gar  nichts. 

Die  Yertauschung  des  hs.  uns  in  unsieh  in  V.  2  und  die  Verdopplung  des  Aus- 
rufe wc^en  in  V.  6  sind  reranlasst  durch  Z.  10,  wo  indess  hinne  offenbar  ganz  ent- 
behrlich, und  rftst  zu  lesen  ist;  denn  einem  Dichter,  dem  eine  Kürzung  wie  z.  B. 
gebiutst  gerecht  ist ,  wird  man  auch  weckt  und  ritst  zutrauen  dürfen,  ebenso  gut  als 
dem  Meinloh  yon  Seyelingen  11,  li6  heizt,  dem  Ulrich  yon  Gutenburg  74,  32  wagt, 
dem  Hartwig  yon  Raute  117,  19  stigt  und  noch  öfter.  Der  Accusatiy  uns  txir  un- 
sieh hat  YQllends  nichts  Bedenkliches ,  ist  er  doch  schon  im  Goth.  gebräuchlich  wie 


LFTTERATUR.  4&i 

im  Ahd.,  und  auch  in  Kürenbergs  Strophen  finden  vir  9,  16  ich  ttnd  min  geedle 
tnüezm  uns  scheiden.  9,  19  der  uns  zwei  verauonde,  wo  uns  ebenso  gut  und  mit  dem- 
selben Recht  in  unsich  yerändert  werden  könnte. 

Aber  die  schönste ,  allerdings  Yon  reiflicher  Überlegung  zeugende  Änderung 
gew&hren  uns  die  beiden  letzten  Zeilen.  Die  Hs.  liest :  wenne  wilt  du  wider  her  zuo 
mir?  owS  du  faerest  min  fröide  samene  dir:  d.  i.  wann  kommst  du  wieder  zu  mir? 
Ach,  du  nimmst  meine  Freude  mit  dir  fort.  Diese  Lesart  enthält  nichts ,  was  ein 
80  gewaltsames  Umspringen  rechtfertigen  könnte.  Neben  den  obengenannten 
Körzungen  wird  wenn  und  ß^st  nicht  unerträglich  sein ;  ja  ersteres  ist  ohnehin 
durch  den  sonst  durchaus  jambischen  Bau  der  Verse  geboten.  Was  wird  nun  an 
die  Stelle  der  Überlieferung  gesetzt?.  Zuerst  ein  ganz  unerlaubter  Reim  heridar, 
dergleichen  sich  keiner  der  in  des  Minnesangs  Frühling  vertretenen  Liederdichter 
je  gestattet  hat.  hsr  wellen  für:  zu  mir  kommen  wollen,  möchte,  obwohl  ganz  un- 
gewöhnlich, noch  angehen ;  dar  aber  heißt  im  Ahd.  und  lihd.  durchaus  nur :  da  hin, 
hier  hin,  dort  hin,  huc,  illuc,  hier  aber  wird  es  unerhörter  Weise  im  Sinne  yon  fort, 
weg  gebraucht  Solche  „überlegte **  Änderungen  sind  in  meinen  Augen  schlimmer 
als  die  wohlfeilsten  Einfälle. 

Die  beiden  Gedichtchen  Dietmars  ^,  4 — 17  und  18 — 29  sind  keine  eigent- 
lichen Lieder,  denn  es  fehlt  ihnen  jede  erkennbare  strophische  Gliederung.  Eher 
könnte  man  sie  —  denn  beide  gehören  wohl  zusammen  —  mit  W.  Wackemagel 
(Lttt.-Gesch.  228)  einen  Leich  nennen.   Darum  hat  auch  der  zweisilbige  Auftakt  V.  7 

sd  gescbch  si  valhen  fliegen 
nichts  Auffallendes.   Aber  während  der  Auftakt  hier  zugelassen  wird,  hat  Lachmann 
ihn  an  drei  andern  Stellen  des  Gedichtes  zu  entfernen  gesucht ,  indem  er  gegen  die 
Hs.  V.  11  mmy  V.  13  seihe  man  und  V.  15.  weiten  schrieb.     Eine  merkwürdige  Gon- 
sequenz!     Es  ist  überall  die  überlieferte  Lesart  herzustellen  .* 

einen  böum  der  dir  gevalle, 

ich  erkds  mir  selbe  einen  man 

den  erwüten  mfniu  ougen, 
Anch  die  Änderung  des  hs.  liebes  in  liebe  kommt  mir  unnöthig  Tor;  beim  Verbum 
warten  im  Sinne  yon  ausschauen,    spähen,    steht  eben  so  häufig  der  Gen.  als 
der  Dat. 

38,  23 — 26.  Der  dl  die  wdt  geschaffen  hat, 

der  gebe  der  liehen  noch  die  sinne 

deich  si  mit  armen  umbevd 

und  mich  von  rehtem  herzen  minne. 
£s  ist  mir  unmöglich,  den  Unsinn  dieser  Zeilen  auf  neuhochdeutsch  wieder  zu  geben. 
Sollte  bei  dieser  Emendation  gleichfalls  die  „ Überlegung"  gewaltet  haben?  Da  diese 
Starophe  mit  den  dr^i  yorausgehenden  desselben  Metrums  im  Register  fehlt ,  so  weil^ 
ich  nicht,  „gegen  wen  sich  mein  Tadel  zu  kehren"*  hat  (s.  S.  V).  Ich  lege  also  im 
Allgemeinen  Protest  ein  gegen  solche  Änderungen,  denn  die  Hs.,  die  uns  die  Strophe 
überliefert,  trifft  keine  Schuld;  sie  liest:  daz  si  (d.  i.  dazs)  mich  mit  armen  umbevd, 
also:  Gott  gebe  der  Geliebten  in  den  Sinn,  daß  sie  mich  umarme  und  mich  yon 
ganzem  ELer^en  liebe. 

In  der  nächstfolgenden  Zeile  scheint  mir  auch  nicht  Alles  richtig:  atAit  durdcent 
muß  es  dünken  heilen:  mögen  mir  auch  noch  andre  Weiber  ge&llen,  oder:  bin  ich 


490  UTTEBATUB. 

avch  nicht  imempfindlich  gegen  die  Beize  anderer  Frauen,  dennooli.  ist  keine  det' 
selben  im  Stande  mich  'recht  2u  erheben,  zu  begeistern. 
40,  35 — 41,  4:  '  Waz  w^zet  mir  der  beste  mcm? 
ich  habe  im  leides  niht  getan; 
erfröit  si  dne  schulde, 
daa  er  in  hdt  von  mir  geseit^ 
da»  ist  mir  Mute  und  immer  leiL 
$rfröitsi:  Wien?  Die  Leute?  Es  geht  nichts  Yoraus,  was  diese  Beziehung  recht- 
fertigte ;  und  wie  könnte  die  beleidigte  Geliebte  sagen,  er  macht  ihnen  ohne  Grund 
eine  Freude  ?     Die  Hs.  liest  laxer  fröit  sich  und  in  der  folgenden  Zeile  (so  wenigsten» 
Bodmer,  upd  man  ist  yersucht  die£  trotz  v.  d.  Hagens  Angabe  für  das  Bichtige  zu 
halten)  iu;  beide  Lesarten  geben  einen  durchaus  passenden  Sinn:  er  hat  keine  Ur- 
sache sidi  zu  freuen,  denn  was  er  Euch  (das  Mädchen,  dem  der  Dichter  diese  Strophe 
in  den  Mund  legt,  wendet  sich  hier  an  das  Publikum)  von  mir  erzählt  hat  (sie  meint 
die  unzarte  Anspielung  40,  34.,  vgl.  41,  6),  das  werde  ich  ihm  nie  verzeihen:  er 
verliert  meine  Gunst.     Es  ist  alles  sinnvoll  und  klar. 

In  dem  Liede  des  von  Kolmas  120 — 121  ist  das  daktjflische  Metrum  vollständig, 
zum  Theil  auch  der  Sinn,  zerrüttet.  IcB  will  eine  Herstellung  versuchen.  120, 
2.  deich  von.  —  4.  drunU>e.  —  5.  als  %r  hdnt  gesehen  (Ausg.  und  Hs.  hdnt  wcl  g).  — 
7.  wi  das  (statt  owi).  —  8.  und  ez  mit  nChte  ieman  wenden  enkan.  —  9.  nu  rüoehm 
wie  lützd  wir  d^rumbe  gesorgen:  nun  merken,  beachten,  erwägen  wir  sorgfaltig,  wie 
wenig  wir  uns  darum  kümmern;  Hs.  nu  enruochen  swie,  Ausg.  nu  enruocht  uns.  — 
18.  da  enirret  riechendez  noch  trief endez  dach,  da  stört  uns  kein  Obdach,  in  dem  es 
raucht,  und  durch  welches  der  Begen  dringt.  Hs.  da  mirret  riechmd  hus  noch  trie- 
fende dach,  Ausg.  da  enirrent  riechendiu  hüs  noch  triefendiu  dach:  wer  kann  diesen 
Vers  lesen?  —  19.  nie  nieman;  nie  fehlt.  —  22.  daz  wü-  ez.  —  23.  d&  milte  got; 
Hs.  d.  vil  mäte.  —  25.  gelangen-,  Hs.  langen.  —  27.  wnd  merket,  al  yninder  dest  gen 
dem  ein  wint.  —  28.  s{st  Kristes  müoter  und  üt  doch  s^  Unt.  Hs.  muoter  von  UmeU 
rtche,  Ausg.  von  himeU:  es  ist  bloß  der  Schreiber,  der  diesen  und  die  ihm  entspre- 
chenden Verse  um  einen  Fuß  zu  strecken  gesucht  hat.  —  121,  4.  bestechet?  bleibt 
stecken,  hängen,  Hs.  stecket.  —  7.  ^uir  süln  durch  mht  läzen  bereiten  den  wirt:  wir 
sollen  ja  nicht  unterlassen  den  Wirth  (Gott),  der  uns  geborgt  hat,  zu  bezahlen,  mit 
ihm  abzurechnen.  Hs.  wir  bereiten.  —  9.  gelten  (zahlen  wir!  die  Hs.  und  Ausg. 
gdt  im) :  ez  smilzet  diz  leben  als  ein  zin.  —  \0.ez  gdt  an  den  ahmt,  der  morgen  ist  hin; 
Hs.  abent  des  libes ,  von  der  Vergänglichkeit  des  Lebens  ist  schon  in  der  vorher- 
gehenden Zeile  die  Rede  und  eine  Wiederholung  scheint  unnöthig. 

In  dem  bekannten  Liede  Heinrichs  von  Morungen:  von  der  dbe  wirt  eiOsinvä 
mamc  man  wird  in  der  dritten  Zeile  der  zweiten  Strophe  126,  18  'mit  CC*  in  den 
Text  gesetzt  hei  wan  solt  ich  ir  noch  s6  geuangen  s^.  einem  oder  eines  gevange^sin 
heißt  doch  wohl  eines  Andern  Gefangner  sein,  in  Gefangenschaft  sich  befinden; 
vgl.  Iw.  2239:  ir  müezet  ir  geuangm  wesen,  Parz.  306,  15:  daz  min  11p  immet  ir 
gevar^en  st.  Man  sollte  aber  nach  dem  übrigen  Inhalt  das  gerade  Gegentheil 
erwarten.  Wirklich  liest  A :  hei  wan  muoste  ich  ir  also  gewaltic  sin,  daz  si  mir  mit 
triuwen  waere  M  ganzer  tage  drt  und  etediche  nahtl  Welche  Lesart  die  richtige  ist. 
erhellt  aus  der  letzten  Zeile  dieser  Strophe:  nu  ist  si  leider  vor  mir  alzefri.  Der 
Dichter  sagt  im  Eingang,  seine  Geliebte  herrsche  und  gebiete  in  seinem  Henen  und 


LITTEBATDE.  49] 

flbe  grAftere  Gewali  über  dMselbe  aus  als  er  selbst.  Dafür  wünscht  er  nun  umge^ 
Kehrt,  seine  Geliebte  nur  drei  Tage  und  einige  Nächte  in  seiner  Gewalt  zu  habeUt 
dann  würde  er  nicht,  wie  es  nun  der  Fall  ist,  all*  seine  Macht  und  Kraft  verlieren. 
Aber  leider,  fügt  er  seufzend  hinzu:  sie  ist  yor  mir  nur  gar  zu  firei,  d^  h.  es  ist  nicht 
daran  zu  denken,  da0  ich  jemals  solche  Macht  über  sie  gewinne.  Wie  nichtssagend, 
ja  verkehrt  erscheint,  was  die  beiden  andern,  aus  ^iner  Quelle  geflossenen  Hss. 
bieten,  gegen  diese  sinnvolle  Lesart  von  A.  Man  wird  hienach  geneigt  sein ,  auch 
an  andern  Stellen  desselben  Liedes  dieser  Hs.  den  Vorzug  einzuräumen,  also  Z.  15 
dax  mfn  Up  vor  umnnen  nvuoz  zergen;  die  schwache  niederdeutsche  Form  wunnen  ist 
nicht  anzutasten;  Z.  29  werdekeit,  das  Heinrich  auch  133,  5  gebraucht  statt 
eddk€it. 

Da0  mit  Ausnahme  der  sechsten  Zeile  alle  Verse  dieses  Liedes  trochäisch 
beginnen,  hat  Bartsch  richtig  bemerkt;  aber  desshalb  5.  6.  in  Eine  Zeile  zu  schreiben 
scheint  mir  nicht  nöthig ,  man  braucht,  um  den  ungehörigen  Auftakt  zu  entfernen, 
nnr  die  verlassene  "Überlieferung  wieder  herzustellen,  indem  man  liest:  Z.  13  mae  ei 
danns  rechen  sieh:  danne  (statt  des  dafür  gesetzten  dan)  lesen  alle  Hss.;  Z.  21  unde 
eUdiehe  naht;  Z.  29  unde  ir  schoene,  ir  werdekeit;  unde  haben  auch  hier  alle;  Z.  37 
unde  waren  der  vrouden  mfn. 

Auch  127,  32  zeigt  einen  Auftakt,  der  den  entsprechenden  Zeilen  der  vorher- 
gehenden Strophen  mangelt;  in  A  fehlt  sU,  in  G  baz,  die  Aufnahme  beider  Wörter 
ist  eine  schädliche  Vermischung :  das  schon  an  sich  hier  sinnlose  sft  ist  wohl  nur 
ein  alter  Lesefehler  für  bai  =  baz,  also  jd  moht  ich  bat  einen  boum  mit  miner  bete 
mnder  wäfen  nider  geneigen, 

£s  würde  mich  zu  weit  führen,  wenn  ich  das  ganze  Buch  in  dieser  Weise  durch* 
gehen  wollte.  An  weiterem  Stoff  zu  Berichtigungen  fehlt  es  mir  nicht,  um  so 
mehr  an  Baum  und  Zeit.  Bei  manchen  Stellen  sind  es  allerdings  vorerst  mehr  ^ 
nur  Zweifel  und  Bedenken,  die  ich  aussprechen,  als  fertige  Ergebnisse,  die 
ich  vorlegen  könnte ;  man  wird  aber  von  einem  Eecensenten  nicht  verlangen  wollen, 
daß  er  in  wenigen  Monaten  leiste ,  wozu  die  beiden  auf  diesem  Gebiete  als  Meister 
geltenden  Herausgeber  Jahre  gebraucht  haben.  Die  herausgehobenen  Stellen  be- 
treffen Einzelheiten,  die  den  Werth  der  ganzen  Leistung  nicht  herabsetzen,  nur  in 
etwas  gemäßigterem  Lichte  erscheinen  lassen  werden.  Um  Wichtigeres  handelt  es 
sich  in  Nachfolgendem,  nämlich  um  Grundirrthümer,  um  Fehler  der  gesammten  An- 
schauung und  der  Richtung,  welche  die  beiden  Herausgeber  vertreten. 

Mit  der  Erforschung  der  altem  deutschen  Mundarten ,  so  unerläßlich  diese  für 
einen  Kritiker  auch  scheint,  hat  sich  Lachmann  nie  einstlich  beschäftigt,  oder  wenn 
es  doch  geschah,  so  ist  er  damit  nie  recht  ins  Reine  gekommen.  Dieß  lässt  sich  aufs 
Deutlichste  aus  mehrern  bestimmten  Äußerungen  Lachmanns  entnehmen,  und  alle  seine 
Ausgaben  mhd.  Dichter  gewähren  hiefur  unzweideutige  Beweise.  Seine  Verwunde- 
rung z.  B.  über  den  ^wunderbaren  Mangel  an  Spuren  des  Niederdeutschen"  in 
Wolframs  Parzival  (s.  S.  XIX)  konnte  nur  Jemand  aussprechen ,  der  für  die  Eigen- 
heiten der  thüringischen  Mundart,  deren  Einflüsse  in  Wolframs  Werken  auf  jeder 
Seite  in  zahlreichen  Reimen  und  Ausdrücken  mit  Händen  zu  greifen  sind ,  entweder 
kein  Auge  oder  kein  Verständniss  hat. 

Im  Lanzelet  des  Ulrich  von  Zatzighofen ,  eines  Thurgauers ,  finden  sich  be- 


492  LITTERATÜtL 

kannilioh  mitten  unter  einer  Fülle  alamannischer  Sprachnormen  zuweilen  aucli 
niederdeutsche  Reime  (z.  B.  beide  :  breide  4663:  wdrheide  5086  u.  s.  w.),  deren 
Erklärung  nur  in  einem  längern  Aufenthalte  des  Dichters  im  nördlichen  Deutsch- 
land gefunden  werden  kann.     Wir  lesen  darin  unter  Anderem  5524: 

si  bcOin  dcLZ  er  an  widerspräche 

ßtere  mit  ir  üf  die  bnrchf 

diu  w<M  durch  ttnde  durch 

gezieret  wümneneUche, 
In  einem  Werke  von  gedachter  Beschaffenheit  dem  in  allen  niederdeutschen 
Denkmälern  so  häufigen  Reime  bwrch :  durch  *)  zu  begegnen,  sollte,  meint  man,  Nie- 
mand auffallen.  Dennoch  schien  er  Lachmann  (Iwein  484)  „unglaublich"  und  er 
war  der  Ansicht,  „die  Stelle  ktonte  von  dem  Fehler  leicht,  durch  Einschaltung  eines 
dar  und  gar^  befreit  werden,"  also: 

füer  mit  in  üf  die  burc  dar, 

diu  was  durch  und  durch  gar 

gezieret  würmecltche. 
Damit  war  er  aber  schließlich  selbst  nicht  zufrieden,  und  er  verleitete  Hahn  zu  einer 
andern  Einschaltung,  daher  man  in  dessen  Ausgabe  nun  liest: 

füere  mit  ir  üf  die  burc, 

diu  wa>3  durch  und  dwreh  hure  etc. 
Man  schlage  das  mhd.  W.B.  1,  830  nach,  um  zu  sehen,  wie  trefflich  hure  hierpasst. 
Wir  wären  begierig  zu  erfahren,  wie  Haupt  solche  Emendationen  nennt.  Uns 
scheinen  sie  stark  in  die  Kategorie  der  Einfalle  zu  gehören ,  aber  der  schlechten, 
Hier  wurde  die  Stelle  angeführt,  um  Lachmanns  Begriffe  vom  Niederdeutschen 
festzustellen. 

Im  Jahre  1820  legte  er  in  seiner  Auswahl  S.IV  das  Bekenntniss  ab,  „es  sei 
ihm  unmöglich  gewesen,  mit  Veldeke's  Mundart  ins  Reine  zu  konunen."  Zu  jener 
Zeit  war  das  begreiflich;  er  war  aber  zwanzig  und  dreißig  Jahre  später  um  keinen 
Schritt  weiter  damit  gekommen.  Hätte  er  sonst  S.  367  des  Iwein  sagen  können, 
„Manches  in  den  Lesarten  übergangene  Niederdeutsche  in  A  (der  Heidelberger  Hs. 
des  Iwein)  werde  künftig  noch  ihm,  oder  einem  rascher  entschlossenen  Arbeiter,  bei 
der  Eneide  gute  Dienste  leisten"  ?  Gewiss  nicht,  und  zwar  desshaJb  nicht,  weil  die  in 
jener  Hs.  herrschende  niederdeutsche  Mundart  eine  von  der  des  Heinrich  von  vel- 
deke  vielfach  verschiedene  ist,  und  heutzutage  jeder  Philologe  wissen  könnte,  daß  die 
niederdeutschen  Mundarten  des  12.  und  13.  Jahrhunderts  fast  noch  weiter  unter  sich 
abweichen,  als  die  oberdeutschen  desselben  Zeitraums.  Aus  dieser  Äußerung  Lach- 
manns geht  aber  doch  hervor,  daß  er  der  Mundart  Heinrichs  wenigstens  gerecht  w 
werden  die  Absicht  hatte.  Nun  halte  man  damit  die  merkwürdige  Stelle  in  Haupts 
Vorwort  zu  MF.  S.  VII  u.  VIII  zusammen,  worin  es  heißt:  „treuer  als  unbedingtes 
Streben  nach  dem  Echten  es  geduldet  hätte  ist  die  Überlieferung  in  den  Liedern 


*)  Vgl.  Eneat  treib  si  darme  unjg  gü  Lawrente  in  die  bwrch  die  sträze  al  durch  ww 
durch  Eneit  319,  33.  daz  (ßr)  vi^arf  er  va  zuo  der  burch,  da  mite  brante  &r  t*  «'  ^"♦'^J 
Wide  dureh  Alexander  (Diemer)  210,  19.  201,  8.  209,  21.  215,  28.  HagensKötoer  Chronik 
2564.  2584.  2613.  5752  u.  s.  f. 


^LITT£BATUJL  4$f 

HeiorichB  ron  Veldeke  befolgt  worden.  Aber  die  geringe  Kunst  »ie  in  eine  gleioh- 
fönuige  niederdeutsche  Mundart  umzuschreiben ,  habe  er  so  wenig  als  Lachmann 
üb^n  wollen."  Wie  reimt  sich  das  zusammen?  Lachmann  muß  eben  nach  der  Hand 
doch  ein  Haar  darin  gefunden  und  die  Überzeugung  gewonnen  haben ,  daß  mit  den 
„guten  Diensten  der  Hs.  A**  zu  diesem  Zwecke  nichts  anzufangen  sei,  darum  hat  er, 
wie  mit  der  Ausgabe  der  Eneide,  so  auch  mit  der  Bearbeitung  der  Lieder  gezaudert, 
und  jene  Oskar  Schade ,  diese  schließlich  Haupt  überlassen.  Statt  aber  offen  zu 
sagen,  wie  es  sich  damit  yerhält ,  wird  die  Sache  mit  einem  hochmttthigen  und  ge- 
ringschätzigen Seitenblick  gegen  Ettmüller  kurz  abgemacht. 

Was  man  aber  auch  gegen  Ettmüllers  sprachliche  Behandlung  Heinrichs  ein- 
wenden mag  (auch  ich  bin  nicht  überall ,  namentlich  in  der  Eneit ,  damit  einyer- 
standen),  so  yiel  wird  doch  Jeder  gestehen  müssen,  daß  er  sich  redlich  bestrebt  hat^ 
mit  Heinrichs  Mundart  ins  Beine  zu  kommen ,  und  wenn  ihm  dieß  auch  nicht  yOllig 
gelang,  dem  Echten  steht  seine  Ausgabe  in  dieser  Beziehung  weit  näher,  als  die 
buntschecfcigte  Schreibweise  in  des  Minnesangs  Frühling.  „Soloher  Gleichförmigkeit 
fehle  die  sichere  Gewähr",  wird  zur  Beschönigung  hinzugefügt,  „▼ielleicht  seien 
aus  dem  yor  Kurzem  aufgefundenen  Seryatius  festere  Bestimmungen  der  Mundart 
des  Dichters  zu  gewinnen :,  daß  er  aber  der  Sprache  seiner  Heimath  in  der  Fremde 
durchgängig  treu  geblieben  sei  werde  sich  schwerlich  erweisen  lassen"  (s.  Vorrede 
S.  YlII).  Lauter  nichtssagende  Ausflüchte!  Wo  findet  die  deutsche  Philologie 
sicherere  Gewähr  und  festere  Bestimmungen  für  die  Mundart  eines  Dichters  als  in 
den  Reimen?  Die  ganze  mhd.  Lautlehre  ruht  auf  ihnen,  sie  sind  ihre  festeste, 
sicherste  Grundlage.  Jacob  Grimm  hat  das  oft  genug  wiederholt:  „selbst  die  ge- 
nauste ahd.  Accentuation  kommt  dem^Vortheil  nicht  bei ,  den  wir  aus  den  mhd. 
Beimen  schöpfen,  weil  diese  auf  dem  Gehör  beruhen,  das  feiner  gebildet  ist,  als  der 
sorgfältigste  Schreibgebrauch"  (Grammatik  1^,  125).  und  W.  Wackernagel  be* 
merkt  (Litt.-Ge8ch.  S.  125):  „die  Hss.  freilich,  welche  nie  mit  buchstäblicher  Treue 
und  zum  großem  Theil  erst  in  spätem  Jahrhunderten  und  in  deren  Sprache  gefertigt 
sind,  pflegen  weder  die  allgemeine  Regel  der  Hofsprache  noch  die  landschaftlichen 
Schattierungen  derselben  rein  und  sicher  darzustellen ,  um  so  weniger  als  manche 
Schreiber  außer  der  Ungenauigkeit  sogar  geflissentliche  Änderung  und  Fälschung 
sich  erlaubten :  dennoch  führt  die  aufmerksame  Beachtung  namentlich  der  Reime, 
die  solchen  Entstellungen  weniger  ausgesetzt  waren ,  zu  einer  bestimmteren  Er- 
kenntniss  dessen ,  was  überall  im  Gebrauche ,  als  was  die  Eigenart  der  einzelnen 
Dichter  gewesen."  Das  gilt  nicht  bloß  fürs  Mhd.:  unsere  Kenntniss  aller  übrigen 
Mundarten  der  mittlem  Zeit  beruht  wesentlich  auf  den  Reimen ,  und  auch  in  Hein- 
richs Gedichten  predigen  die  Reime  für  Jeden,  der  hören  will,  laut  und  yernehmlich 
genug  die  Mundart,  die  er  gesprochen.  Damit  aber  neben  diesen  auch  der  Schreib- 
gebrauch nicht  fehle ,  haben  wir  eine  beträchtliche ,  täglich  sich  mehrende  Reihe 
niede^heinischer  Sprachdenkmäler,  deren  Aufzeichnung  zum  Theil  noch  ins  12.  Jahr* 
hundert,  in  die  Zeit  Heinrichs,  zurückreicht,  und  die  uns  im  Vereine  mit  den  Reimen 
ein  festes,  sicheres  Bild  jener  Mundart  gewähren.  Schwankungen  je  nach  Zeit  und 
Ort  finden  natürlich  auch  hier  statt,  aber  nicht  in  höherem  Maße  als  in  der  höfischen 
Sprache  der  mhd.  Zeit.  Auch  Heinrichs  Sprache  stimmt  nicht  yollkommen  und  in 
allen  Theilen  mit  der  in  jenen  Dichtungen  überein,  die  wir  niederrheinische  nennen, 
die  aber  richtiger  kölnische  genannt  würden.    Die  Abweichungen  betreffen  indes» 


494  LTTTEBATUB. 

nur  Eimelnheiten  und  NobeBpunkte,  die  gegen  die  ÜbeTeinstimmung  im  großeii 
Ckuisen  und  gegen  das  ihnen  Gemeinsajne  nicht  in  Betracht  kommen.  Ich  will  diese 
Venchiedenheiten  und  Übereinstimmungen  hier  kurz  aufzählen. 

In  allen  uns  zugänglichen  Denkmälern  der  kölnischen  Mundart,  auch  in  denen, 
die  von  höherem  Alter  als  Heinrichs  Werke  sind ,  erscheint  bereits  der  Umlaut  des 
langen  d :  ^  =  oe.  Beim  wilden  Mann  wSre :  aSre  8,  1.  ges^  {=  saeje) :  irge  34,  34. 
9^  (=  aaejen)  :  vlSn  37,  16.  Mre  (=  Mrre)  :  sceppSre  9,  29.  Bei  Wemher  ^e: 
nttndSre  59,  24.  65,  26.  ^nhSre :  seeppSre  Q^,  19.  ink^t  :  irvSrit  53,  21.  l^e: 
inbSre  52.  10.  hSre  :  aeepSre  69,  19.  h^m  :  irvSren  55,  28.  61,  6.  Lacbmanns 
Bruchstücke  niederrh.  Gedichte  ^e :  aceppire  HI,  101;  beswSre  ebd.  181.  jtmchere: 
mSre  I,  164,  2.  ISre :  sund^e  ebd.  II,  13.  Karlmeinet  Maßmann  Sren  :  irvSren  156^: 
w^en  157*».  hSre  :  unmSre  157*.  Karlmeinet  Benecke  sere  :  Affrikere  164: 
ToU€tSre  176.  wereimSre  65.  kSren  :  m&en  141.  Lachmann:  bekeren  :  m/Ä^enl, 
165,  24.  SrmimSren  164,  10.  fteaie/^m  :  herm  III,  330.  ^m  :  swSren  71.*  6«- 
swSrit :  tntSrit  361  u.  s.  w.  Heinrich  dagegen  gebraucht  das  lange  d ,  mit  der  ein- 
zigen Ausnahme  des  Coigunct.  gedehte :  rehte  40,  5.  gedehtm :  rehten  138,  25.,  durch- 
aus ohne  Umlaut:  rdte  :  späte:  bäte  Lieder  57,  26.  järe  :  kläre  :  offenbare  :  mdre 
ebd.  59,  8.  Tgl.  57,  34.  58,  23.  62,  14.  ungemache :  spräche,  und  die  aus  derEneit 
Ton  Ettmüller  gesammelten  Reime  Vorrede  VII  wäre,  wären,  hSe  (=Äa«?e),  wdne^ 
wänen,  täte.  Dieser  Mangel  des  Umlauts  findet  in  der  den  Niederlanden  angränzen- 
den  Heimat  Heinrichs  seine  Erklärung,  wo  noch  bis  ins  14.  Jahrhundert  das  alte 
unumgelautete  d  herrschte. 

Ein  weiterer  Unterschied  zwischen  der  Sprache  Heinrichs  und  der  kölnischen 
besteht  darin,  daß  bei  jenem  die  3.  Pers.  Sg.  Praes.  Ton  stän,  gänlstät,  gät,  in  dieser 
aber  steit,  geit  lautet.  Beweisende  Reime  fiir  die  d-Form  auch  des  Infinitivs  bei 
Heinrich  wän :  umbevän :  getan :  stän  Lieder  57,  9.  ergdn  :  missetän :  entstän :  umbe- 
vän  57,  27.  getan :  vergän  :  umbevän  :  wän  59,  36.  getan :  stän :  wän :  ergdn  Lieder 
64,  26.  pfän :  stä^n, :  vergän :  undertän  65,  29.  Für  die  3.  Pers.  Sg.  Praes.  hdtistdt 
60,  15.  gestät :  rät  67,  9.  stdt :  ergät :  umbeuät :  slät  68,  6.  Vgl.  Eneit  vdtigät 
104,  33,  bestät  :  ersldt  287,  35  etc.  Ettmüller  hat  häufig  dagegen  gefehlt. 
Daraus  folgt,  da£  st^t :  slSt :  gev^  65,  22  falsch  und  in  stät :  slät :  gevät  zu  ändern  ist; 
denn  ^«t/^  ist  nicht,  wozu  diese  Schreibweise  verleiten  könnte,  das  Praes.  von  ^ 
v^hen,  sondern  von  gevähen,  einen  site  geuähen  =  sich  etwas  angewöhnen ,  vgl.  mhd. 
W.B.  3,  206.  Beweisende  Reime  für  die  Formen  geit,  steit  gewähren  die  kölnischen 
Dichtungen  in  großer  Fülle.  W.  Grinmis  Wernher ;  geit  {=  gSt)  :  ötmüdicheit^y  23. 
avegeit :  stedieheit  27,  30.  begeit :  drtualdicheit  48,  15.  irgeit :  sichei'heit  25,  5.  xuo- 
geit :  stSdicheit  30,  13:  wfsheit  49,  20.  steit  (=  stSt)  :  girheit  8,  31  :  godiheit  64,  7: 
tddcheit  36,  9  :  reinicheit  45,  11  :  r^eheit  9,  25  :  wfsheit  2,  13.  9,  11.  49,  12.  ane- 
steit :  bireit  24,  3  :  sicherkeit  24,  23.  —  vursteit :  wfsheit  47,  22.  widersteit :  mildi- 
cheit  10,  29.  —  Das  Alexanderlied  bei  Diemer  *)  geitigeleit  190,  27:  ktmdicheitlSS, 


^)  Ich  berücksichtige  hier  mit  Absicht  aasschließlich  den  zwar  vielfach  lückenhaften, 
aber  unüberarbeiteten  Text  der  Vorauerhandschrift ,  die  auch  außer  dem  Beim  viele  nieder- 
rheinische  Sprachformen  aufweist ,  recht  zum  Beweise ,  daß  auch  diese  Abschrifib  ans  einer 
siederfheinischen  Vorlage  geflqssen  ist.  Vgl.  eal  192,  27.  196,  28.  manch  205, 13.  ted« 
SX^  IZ.  205,  3.  thadm  204t,  S.  12.  stude  189, 19.  s^  »tsd9  198,  12.   dfruog,  imiM  Mi 


UTTEBATUR.  495 

9  :  germt  192,  19 :  wUheU  188,  3.  wnbtgeit :  HdaMt  183,  17.  ^  Heit :  bttit  187,  2 : 
siireU  198,  18.  202,  23.  besUit  :  arMt  199,  21  :  nmonchMt  184,  1.  Lacbmann 
steit :  6ret>  II,  59  :  wärhät  37.  101.  — -  Hagens  Kölner  Chronik  geit :  Hat  2386 :  ge- 
rmt5l9S  :  Imt  3370.  steit  :  und&rsehät  1664  u.  s.  w.  —  Nodb  auf  zwei  andere 
Wörter  dehnt  sieh  diese  Brechung  des  €  in  H  aus ;  Uit,  deit,  veit  (=  hut,  daet,  vaet\ 
Weniher  ddt :  bannKergieheit  41,  12.  irsldt :  girhdt  31,  27.  nicUrskit :  rteheit  38, 
34:  vonm&UdkMt  37,  21.  —  ve»^  :  manievaldiehdt  2,  17.  imbet^dt  :  6r«sf  68,  12. 
^«Ä :  airbdt  38,  30.  Alexander  ^«^  (=  laet) :  ßrumiekdt  210.  26.  —  a^«« :  m«  219, 
14.  —  Hag«n  deit :  er  gdt  3536. 

£ine  speeielie  Eigenthflmlichkeit  der  kölnischen  Kondart  ist  die  3.  Person  Sg. 
Praes.  ron  tuen :  deit  für  tuet  (vgl.  oben  2,  38.  39.).  Auch  hiefÜr  gibt  es  ^ahbreiohe 
Beime.  Wemher  dätigirhdt  39,  34:  jameri^Y  21,  15:  bigeitSO,  21 :  ingdt  57,  12: 
aleit  11,  15:  steit  39,  28.  42,  16.  wid^rdeit:  bistdt34,  5.  36,  20:  widerstdt  32,  29. 
Alexander  ddtirdt  198,  2.  218,  8:  smdckdt  194,  22:  stdt  191,  7.  186,  14:  v«r- 
««»«214,  10.  Lacbmann  <itfi«  :  stediehdt  III,  279.  ygl.  432.  Hagen:  ddt  :  Z«& 
2447.   6254  :;«n  620.   4733  :  6er<»«  938  etc. 

IMese  Form  kennt  Heinrichs  Sprache  nicht,  er  reimt  düt  (d.  i.  tuot)  aufmüt: 
früt :  gut  Lieder  60,  21.  missedüt :  früt :  gut :  müt  61,  29.  tiU :  geblüt :  miU :  gd>üt : 
müt  (=  gdmozt^  muoz)  64,  22.     £neit  ^:  ^«  265,  13  etc. 

Im  Kölnischen  lautet  das  Part.  Praes.  Yon  geschehen :  gesehiet.  Wernher  ge- 
schiet  :metl,3.  2.  15.  33,  9.  42,  4,  49,  3.  51,  1  iliet  (=lieht)  31,  11.  Alex. 
gescUetiniet  190,  25.  211,  2:  zft  226,  6.  Lachmann  gesehiet  :  niet  I,  165,  12. 
m,  369.  Karhneinet  Maßmann  157  >>.  Hagen  335,  1792  etc.  Bei  Heinrich 
findet  sich  kein  Beispiel  dieser  Form,  er  scheint  das  Part.  Praes.  ron  geschehen  über- 
haupt zu  meiden. 

Da£  Heinrich  den  Diphthongen  t£0  nicht  kennt  erhellt  aus  zahlreichen  Reimen, 
in  denen  uo  mit  langen  ü  gebunden  wird,  z.  B.  fuor  :  sür  29,  13.  90,  31.  müren : 
/uoren  23,  37.  35,  2.  ndchgeb^en :  st  gefuorm  89, 19.  buch :  truoch  (=  truoc)  133,  9. 
etc.  iwm :  Turnfum  329,  3:  Tarcün  241,  1.  (ygl.  Ettmüller  S.  YIU).  Der  kölni- 
schen Mundart  dagegen  scheint  teo  nicht  abgesprochen  werden  zu  können ,  die  mir 
bekannten  Denkmäler  wenigstens  gewähren  keine  Beispiele  yom  Gegentheil ,  yiel- 
mehr  wird  in  den  Hss.  uo  yielfach  ausgedrückt;  die  Form  des  Ady.  duo  für  dö  in 
Reime  auf  zuo  wäre  dafür  kein  Beweis ,  denn  es  ist  ein  Versehen  Ettmüllers ,  wenn 
er  S.  Vni  sagt,  Heinrich  binde  dö  mitfröy  höy  so;  wie  in  allen  niederrheinischen  Ge- 
dichten, so  erscheint  es  auch  bei  Heinrich  nur  im  Reime  mit  zu  =^  zuo)  Eneit  96,  9. 
109,  21.  111,  7.  21.  142,  31.  159,  21.  189,  5.  194,  19.  196,  35.  u.  s.  w. 
Wemher  56,  10.  62,  21.  Lachmann  H,  105.  Karlmeinet  Maßm.  155«,  157^, 
(•>nM>  156^).     Benecke  139.  157. 

16.  wos  =  wuoi  =  wuchs  199,  2.  tez=set  =  sehe  195,  24.  smae=  smahe  213,  16. 
hoiste  216,  17.  /arten  211,  2,  gemchlU,^,  198,  27.  rdf,  hdg  i=:^  rief,  hiet)  191, 
16.  17.  reit  (=  riet)  197,  22.  naf  (=  nap/)  194,  24.  Hhte  (=  rehte)  198, 16.  haben 
ich  192,  24.  n.  s.  w.  Diemer,  der  den  Alexander  früher  für  Oesterreich  zu  retten  gesucht, 
bezweifelt  nun  den  niederrheinischen  Ursprung  nicht  mehr ,  und  auch  W.  Wackemagel  wird 
seine  Meinung,  der.Alexander  der  Straßburger  Hs.  sei  „nur  die  Übertragung  eines  ursprüng- 
lich süddeutschen  Werkes  in  die  Sprache  und  Kunst  des  Niederrheins'*  (Litt.-6esch.  123. 
T{^.  S.  171),  nidit  langer  festhalten. 


,496  UTTERATÜB. 

Hmriehs  Mundart  fremd  scheint  der  Übergang  von  ^  in  die  Spirans  Äin  dea 
Wörtern  sagete,  legete,  gtaaget,  geltget.  Wilder  Mann  geeahtimaht  23, 1.  28,  27.  42, 
20 :  seaht  (=sc<rft)  1 1,  23.  gHaht :  mäht  18,  26 :  gidaht  15,  7.  sahtea :  voüdrakkn 
3,^.  lahtm  :  ahten  14.  1:  brahten  13,  19.  WUeiindefUe  1$,  29.  Me^. prcOUiger 
eaht  215,  3.  gedehten :  ane  Ukten  193,  12.  Lachmann  III.  naht  :  geacM  218.  «dto: 
^^A<m  59.     n,  CToht :  geaaht  11.     Karlmeinet  B.     vaht :  ^e^oA^  17. 

Auf  diese  wenigen  Fälle  beschränken  sich  die  Abweichungen  zwischen  Hein- 
richs Mundart  und  der  kOlnisch-niederrheinischen.  In  allen  übrigen  Punkten,  die 
hier  in  Betracht  kommen  können,  ist  die  Übereinstimmung  eine  ToUkommene. 

1.  a  für  o  in  den  beiden  Wörtern  sal  und  wal,  w<ü:  al  Lieder  61.  8.  Eneit  81, 
11.  97,  37.  108,  29.  109,  11.  261,  29.:  gewdiaiee,  14.  wcdival  66,  13.  du 
salt :  halt  Eneit  96,  31.  Vgl.  Wilder  Mann  sai :  val  9,  27.  wale :  s^aU  2,  19.  4,  31. 
Wember  waleigale  56,  28.  Diese  Beiden  auch  iwmen  :  manen  19,  12:  gispcmm 
70,  30.  waneidarcme  50,  5.  Lachnann  wale  :  sale  lU,  55.  139.  Karhneinet 
Maftm.  157 1>.  Alexander  «o^ :  ««^«ra;  224,  1.  wal:»al  188,  2.  204,  8.  224,21. 
vanen :  wanen  220,  18.     Hagen  w€tl6 :  zote  890,  1632:  dale  3086. 

2.  c  (und  «)  im  Beime  mit  i:  bei  Heinrich  abereUen  :  wÜlen  Lieder  62,  25. 
linden :  ende :  vinde :  imderwinde  64,  30.  ietweder :  nider  Eneit  193,  37.  rede  ifiride 
56,  1.  134,  15  und  öfter;  veder  i  wider  287,  10.  gmesen :  risen  104,  40.  nd>en  :  ge- 
ecriben  254,  10.  vdtiscüt  236,  10.  Cleve :  sorive  352,  37.  liste  :  swester  72,  30. 
v«rti;iVÄ»n :  merJkm  309,  39.  iirre :  vätö  24,  15.~  20,  21.  ferner  senden :  vinden  164, 1: 
ti;iml«n  43,  20.  ende  \  winde  18,  3.  brengen :  lengen  36,  25.  dinge  :  ««^«  178,  1. 
u.  s.  w.  (s.  Ettmüllers  Vorrede  S.  VII  u.  Vllt).  Dazu  halte  man  Wilder  Mann 
brengitiverhengit  31,  13.  33,17.  42,22.  welle: gestille  IS,  30,  M^ emher  lenge: 
brenge  50,  19.  62,  24.  sndle :  wellen  (=  willen)  51,  26.  nest :  list  68,  13.  neste : 
Kriste  69,  7.  Lachmann  houbetstede  :  vreden  II,  81.  vollebrengen :  lengen  ebd.  121. 
'A\ex$jideT  willen  igeseRen  22b,  10.  geveUet:  geJuHet  21^,  5,  lengen :  bringen  215, 
14.  Wrifc«n:w»«"iben  183,  1.  210,16.  rism :  wesen  19b ,  1.  225,7.  veste:  listen 
209,  12.     Karlmeinet  Benecke  wellen :  stillen  73. 

3.  o  für  1«  C*).  Heinrich  holt :  scholt  (=  schult ,  schulde):  gedolt :  sdt  Liefet 
67,37.  golt:holt:ungedolte2,24.  Eneit  holde :  wdde  ^3,  25.  107,13.  113,27. 
schdde :  wolde  74,  33:  solde  86,  7.  Tgl.  69,  23.  70,  5.  72,  27.  76,  17.  u.  s.  w. 
flogen  (==zflugen):  bogen  Eneit  322,  20.  mohte: flöhte  (=fuga)  322,  40.  getorsten: 
vorsten  {=/ürsten)  246,  25.  265,  33.  enbotm  (=  mbuten):  gotm  344,  38.  ver- 
ivorren :  torren  (=  turren,  tUrren)  85,  4.  son :  Flegeton  92,  12.  Ä;or«öw  (==  *ßr^«w): 
porten  26,  21.  u.  s.  w.  <vgl.  Ettmüller  S.  VIII).  —  Wilder  Mann  scoltiholt  16, 10. 
gedormt :  gemmit  37 ,  14.  Lachmann  holt :  unscolt  III,  569.  577.  Alex,  sedt :  gdt 
214,  5:  holt  203,  14.  fi-ome  :  chomen  :  tome  :  ^onw  207,  16.  209,  28.  Ha^n 
goi-neitome  1590. 

4.  6  =  oe,  dem  mhd.  Umlaut  des  langen  o.  Heinrich  r6sen:vroudelösen lösen: 
lösen  (  =  oe««*,  ;o«««w)  60,  29.  schöne :  kröne :  löne  63.  28.  Eneit  ören :  gehören  85, 
13.  97,  27.  cröne  :  scöne  113,  31.  löne  :  «cdw«  115,  19.  Ar^wm  (=*sro«w»): 
Wnm  171,  21.  Wilder  Mann  gihrördt  :  gilönit  41,  16.  49,  10.  Wemher  A^ 
{=hoehefr):  köre  66,  17.    70,  4. 

5.  ^  für  ^ee.     Heinrich  aeöne  :  h6ne  Qoüene).      Eneit  131»  17.     söne  :  A^ 


UTTEBATDR.  497 

(=:mon0:kaene)  256,  23.    Wilder  Mann  ndneisöne  (^süene)  33,  7.    Alexander 
nöteiänmöie  (=einma€U)  199,  11.    226,  25. 

6.  Der  Diphthong  et  ist  weder  in  der  Mundart  Heinrichs  noch  in  der  kölnischen 
tu  Iftngnen;  ein  Beweis  für  dessen  Bestehen  in  Lezterer  liegt  in  dem  schon  be- 
rfihrten  deit  =  tuot  und  im  Schreibgebrauch  der  altern  wie  der  Jüngern  Denkmäler. 
Auch  bei  Heinrich  spricht  kein  einziger  Reim  für  das  niederdeutsche  ^=  «i,  denn 
der  schon  öfter  besprochene,  auch  ron  Wolfram  nachgeahmte  priester :  meister  £n.  243, 
20.  ist  meht  prSster :  mSifter ,  sondern  prmster  :  mästet  zu  schreiben.  Einmal  steht 
präster  dem  presbyter  noch  näher  als  priester  und  dann  zeigt  die  niederrheinische 
Mundart  schon  ron  der  Mitte  des  13.  Jahrhunderts  an  entschiedene  Neigung  alle  m 
in  et  zu  rerwandeln.  Der.  nur  einmal  Eneit  91,  40  vorkommende  Reim  arbeit  :z(t 
steht,  wenn  überhaupt  nicht  ein  alter  Fehler  yorliegt,  zu  yereinzelt,  als  daß  sich  ein 
Schluß  gegen  die  diphthongische  Aussprache  und  Schreibung  des  ie  daraus  ziehen 
ließe.  Ich  bemerke  übrigens,  daß  in  den  niederd.  Psalmen  68,  5.  arvfdan,  laborare, 
im  He\jand  106,  8  arbfdheo,  105,  8  curhtdldn,  105,  16.  arbUhwere  ersdieint. 

7.  Auch  M  ist  dem  Niederrheinischen  nicht  fremd.  Bei  Heinrich  beschränk! 
sich  der  Gebrauch  yon  i  =  ie  auf  ein  einziges  Wort,  das  Praet.  des  reduplicierenden 
Verbums  halten :  behilt:  schilt  En.  325,  10.  326,  20.  Ich  wüsste  dem  aus  der  köl- 
nischen Mundart  nichts  zur  Seite  zu  stellen  und  bezweifle  auch,  daß  Heinrich  diesen 
Gebrauch  weiter,  auf  andere  Wörter  ausgedehnt  habe,  gewiss  würden  sonst  die  den 
mitteldeutschen  Mundarten  so  geläufigen  Reime,  wie  vine,  gine  :  dine,  jwngdina 
Q.  8.  w.  nicht  fehlen.  —  ie  entsteht  im  Niederrheinischen  in  gewissen  Wörtern  durch 
Ausfall  der  inlautenden  Spirans  A,  und  zwar  bei  Heinrich  in  der  3.  Fers.  Sg.  Praes. 
▼on  sehm^  geschehen  :  sitt :  niet :  verrieit :  beschiet  Lieder  56,  3  ff.  niet :  riet :  gescMet : 
ersiet  58 ,  4.  geschiet  :  niet  :  siet  :  liet  (==  liez)  60,  5 ;  im  Kölnischen  kann 
ich  nur  den  Inf.  belegen:  gesien: knien  Wilder  Mann  18,  10:  vlisn  28,  3.  31,  21. 
Übereinstimmung  zwischen  beiden  herrscht  in  dem  Worte  niet^^rnkt,  welche  Form 
sich  indessen  auch  bei  oberdeutschen,  namentlich  alamannischen  Dichtern  älterer 
und  späterer  Zeit  findet. 

8.  Der  Diphthong  tu,  der  ursprüngliche  sowohl  als  der  durch  Umlaut  enstandene» 
muß  Heinrichs  Mundaxt,  wie  der  niederdeutschen  überhaupt,  abgesprochen  werden ; 
er  setzt  dafür  entweder  tl,  oder  wo  es  dem  goth.  au  ror  w  entspricht  auch  6.  Be* 
weisende  Reime  für  ü  sind  tl  (=m  vobis):  nü  En.  241,  25.  hüt :  lüt  (=lita)  stü- 
ret :  füret  (=  stiuret :  faeiet)  93,  1 1 .  füre :  türe  {=  füere  i  tiure)  94,  37.  Im  Kölni- 
schen fehlt  der  strenge  Beweis,  doch  ist  auch  hier,  in  der  altern  Zeit,  ü  =  iu  nicht 
zu  bezweifeln;  später,  im  13.  Jahrb.,  bricht  dann  ui  für  iu  durch.  In  beiden  Mund* 
arten  lautet  der  Nom.  Fem.  und  Nom.  und  Accus.  Plur.  Neutr.  des  demonstr.  Pron.  (der 
bestimmte  Artikel)  nie  diu,  sondern  durchaus  di  oder  dte,  ebenso  lauten  die  genann- 
ten Casus  des  starken  A^j.  stets  auf  i  oder  e  aus ,  fallen  also  mit  der  schwachen 
Declination  zusammen.  —  d  =  ahd.  mhd.  iu  vor  w  begegnet  sehr  häufig  im  Reim: 
Heinrich  fröwe  :  SSwe  :  röwen  :  untröwen  :  schSwen  Lieder  56,  10.  fröwen  :  tröw^ 
28,  35.  58,  11.  fröwe  :  tröwe  En.  68.  38.  69,  22.  u.  s.  w.  (Ettm.  S.  LX).  Lach- 
mann  vröwe :  tröwe  lü,  277.  489.  565 :  ungetröwe  ebd.  81.  Pat&wen :  getröwen  231. 
Karlmeinet  Biaßm.  intröwen :  beschöwen  157*. 

Der  Diphthong  (m  (goth.  au)  ist  dem  Niederrheinischen  so  wenig  zukömmlich 
als  den  übrigen  nd.  Mundarten,  sondern  er  wird  regelmäßig,  auch. in  den  Hs.,  durch 

ttJUMAlliA.    lO.  ^^ 


498  LITTEIUTÜB^ 

S  ausgedrückt.  Heinrioh  geUhei :  Mvet  (=  houbet) :  Mt/ee  Lieder  63,  29.  uHSwihdvt 
En.  31,  35.  So  auch  Wemher  lob  (=uloup)  42,  21.  urlöbt  bSngart  eto.  Alex,  ge- 
l^€tibrM6v€l^^,2, 

Vom  uOy  für  welches  Heinrich  ü  setzt,  war  schon  oben  die  Bede. 

So  Tiel  über  die  Vokale.  In  den  Gonsonantyerhältnissen  herrscht  noch  größere 
Übereinstimmung. 

Über  die  Liquidae  ist  wenig  zu  bemerken.  Die  in  allen  kölnischen  Denk- 
mälern häufig  begegnenden  Beime,  in  denen  m:n  gebunden  wird  (z.  B.  Wilder 
Mann  man :  ^am  28,  1.  ginom  :  giwan  37,  17.  giAi  Jerusalem  16,  6.  23,  7. 
Alex,  man :  nam  211,  31 :  Frigiam  225,  9:  vemam  225,  24.  gttuoniruom  194.  19. 
etc.),  meidet  der  nach  reinem  Beim  strebende  Heinrich.  Aber  allen  gemeinsam  ist 
die  Unterdrückung  des  auslautenden  n.  Heinrich  linden :  ervinde :  underwmde :  emj« 
Lieder  64,  27.  winde :  linden  66,  6.  güden :  müde  66,  28.  stUle :  wiUm  £n.  65, 11  etc. 
(ygl.  Ettmüller  S.  X).  Wilder  Mann  aUenigeualle  7,  15.  gaüen :  Uta£U  11,  25. 
lande  idunden  23,  37.  gmmn  i  achare  23,  11.  etc.  Wemher  eiMn  :  meine  70,  8. 
Alex,  mdxe.ldxm  197,  10.  Thdemöne  :  I6nm  197,  24.  geUetm  :  miete  200,  9. 
bliisfn  203,  3.  etc.  Einfaches  an  die  Stelle  des  Geminierten  tritt  in  dem  Worte 
harre,  das  durchaus  bei  allen  hSre  lautet  und  auf  Sre,  m^e  etc.  gereimt  wird.  Da  es 
so  sehr  oft  begegnet  unterlasse  ich  Belege  anzufiihren. 

Von  den  Labialen  bleibt  das  auslautende  p  haften,  wenn  es  in  Verbindung  mit 
m  und  n  steht,  z.  B.  kämpf:  lamp  £n.  299,  4.,  in  allen  andern  Fällen  geht  es  in/ 
über:  darf.starfZl^.  18:  <irCt«cÄM/ar/ 264,  15.  324,  7.  bnef:U^[z^liep)  126,7. 
285,  25.  324,  4.  Vgl.  Wilder  Mann  gaf  i=gap):  eaf  (succus)  11,  29.  bidaitf\ 
wmrf  (^  warp^  2,  27.  Wemher  rmxf  (=  roup)  :  kouf  62,  18.  Alex,  wjoirf:  erstarf 
220,  16.  brief -.lief  22b,  18.  216,  6.  scuof :  üzhuof  200,  14.  Die  inlautende  Media 
b  wird  regelmäßig  zu  v:  neve : geve  (zugebe)  115,  1 :  leve  288,  7.  lieve :  brieue  191, 
21.  grävenigdven  346,  27.  kolven ;  wdvm  195,  25.  ed&vede :  verkövede  i:äX'  25,  23. 
(vgl.  Ettmüller  S.  IX).  Wernher  bidrüvit :  giprüvit  51,  H.  60,34.  Alex.fö«f<: 
6n«/e  200,  2.  gdövet:  brüMve  194,  2.  grdvm  :  ^dt/«n  223,  20.  etc.  pf  geht  aus- 
lautend über  in  pi  kamp  :  lamp  £n.  299,  4.  9^|>  (=zMcypf):  Aadnadap, 
Wernher  51,  13. 

/  tritt  über  in  h  vor  t:  berihten :  stihten  (atiflm)  £n.  350,  40.  getihUiserihU 
254,  14.  beddhtizalhaht  118,  24.  brüäolu :  fmzoJU  ^5,  3.  (vgl.  5r««^f,  nuptiae: 
Diut.  2,  225»).  hrahtimaht  248,  23:  emedthaht  86,  17.  etc.. ygl,  WüderMwm 
<jraÄ*:maÄ*  1,  5,  22,  15.  56,  14:  naht  65,  31.  luht.vruktm,  14.  44,  31.  Alex. 
naht :  scoM  l98,  18.   mäht :  seaM  222,  1 1 :  dienesthaht  191,  24.    craht :  braht  204, 9. 

Von  den  Labialen  steht  anlautend,  zwischen  Vokalen  auch  inlautend,  nur  die 
Media:  dach,  diwch,  dohter  etc.  Utde :  utride  Lieder  66,  2.  sehaderki  wnstddm £o. 
289,  37.  brMefr :  mii<^  290,  25.  rdde :  ^ew^dlö  151,  7.  frideiaide  169,  27. u. s.w. 
(ygl.  Ettmüller  S.  IX);  auch  nach  Liquiden  worde :  geborde  121,  31.  veLdeigtxddA 
179,  37.  6aWe:  o/c^e  19,  3.  164,  27.  u.  s.  w.  Wemher  gnadm  :  dädin  61,  20. 
geburde  :  wtirde  53,  31.  Alex,  müder  :  brüder  185,  21.  geburde :  wurde  185,4. 
Hagen  5142  u.  s.  w. 

Ausgenommen  ist  hier  das  Praet.  yon  haben :  hate,  hete  (=  dem  niederd.  und 
mnl.  hadde),  wo  die  Tennis  haften  bleibt. 

Auslautend  ist  im  niederrheinischen  nur  die.  Tenuis,  nie  d^e  Media,  gebräueb» 


UTTERATUB.  490 

Koli,  soWdM  für  or^nisehe«,  dem  koehd.  dntspreeliMides  «,  als  ittioli,  «od  Ewat  hier 
aas-  und  inlaotend,  für  g  und  z  {tz).  Beweisend  sind  hiefÜr  die  Reime,  wo  t  mit  hd. 
S  (^,  Iz),  welch*  LetjBteres  der  Biederrhein.  Mundart  fremd  ist,  gebunden  wird,  be- 
Mnders  aber  Reime  mit  lateinischen  Wörtern.  Heinrich  Hat :  etat :  gehat  (=:  gehag)i 
dat  Lieder  60,  30.  btaeMet :  niet :  sehitt  :7t«f  (=  &>{;)  60,  5.  geUüt :  ^«  :  Mt :  ^«6a« 
{:=  gehuozi) :  nM  {:=:=mAz)  64.  18.  Eneit  124,  15.  vtrwdtm  i  verldten  :  mdtm: 
kattätm :  Straten  57,  1.  vgl.  Etmüller  S.  IX.  Wemher  dat ;  revoeat  59»  16 :  Wilder 
Haan  gisat  10,  23.  imot  (=  buoz)  :  ^wo^  24,  7.  ^>«  (=i.  ^*«r):  gMcMet  (=^e- 
m?A«Am)  57,  18.  gihuat  {gOuozt):  guot  34,  11 :  dtnuuot  22,  ll.  41,  34.  gieat :  6a« 
2,7.  4,3.  8,21.  30,  7.  44,  23:  dat  10,  23 : stat  S ,  11.  14,  21  45,  15.27. 
57,  8.  kam  (z=  ladeten):  saien  16,  30.  Alex,  etat  :  dat  204,  6.  gröt  218,  4. 
etatiantaat  193,  24:p««a«215,  17.  hateiüfeate  194,  6.  6e«a^0»  193,  28.  hatmx 
säten  207,  3.  213,  2.  heteibesete  193,  14.  Der  Belegstellen,  wo  inlautendes  t:=:zi 
zwischen  Vokalen  gereimt  wird,  sind  im  Ganzen  nur  wenige;  natürlich,  denn  da  in- 
lautend die  Tennis  zur  Media  wird,  so  eignen  sich  für  den  Reim  nur  fremde  Wörter, 
wie  kastdisn,  oder  solche  deutsche,  wo  die  Tenuts,  ursprünglich  mit  andern  Censo- 
nasten  yerbunden,  durch  deren  Wegfallen  haften  bleibt ,  t.  B.  gruoten  (p:±  gruozteh) 
suoteni^smckten)  Wilder  Mann  14,  31.  23,  27.  47,  16.  Karlmeitfet  Laeh- 
maan  suotsn :  grmftsn  46. 

Den  WegfSüI  des  auslautenden  t  in  der  2.  Sing,  praes.  hat  das  Niederrheinische 
auch  mit  andern  Mundarten ,  niederdeutschen  und  mitteldeutschen,  gemein.  Bei 
Heinrich  sehr  häufig  ieigewie  (Lieder  64, 15.  Eneit  26,  39.  82,  3.  87,  27.  108,  19. 
(vgl.  Ettm.  S.IX).  Wilder  Mann  te.güdde  {=guotes)  16,  14:  heüene  4,  5:  hrödie 
8,  13.   hae  (hast) :  Sathanas  9,  31.    ie: gewis  Wemher  59,  26.  u.  s.  w. 

Von  den  Gutturalen  kommen  in  Betracht: 

1.  das  auslautende  c,  wofür  in  den  meisten  niederrheinischen  Denkmälern  die 
Aspirata  cA,  in  einigen  g  gesehrieben  wird;  aber  auslautendes  c  kennt  die  Mundart 
nicht«  Eneit  ich  mach :  ereeraeh  19,  37.  elaeh :  geectch  42,  25.  beeh  :  weeh  ( :  wee) 
148,  39.  büeh  (venter) :  irüeh  133,  9.  büeh :  genüch  (=  genuoc)  352,  20.  gdfeh : 
zwiek  169,  25  einurich  :  eich  259,  27.  fmroh:  durch  319,  33.  floueh  (=/ottü): 
roueh  97,  25.  192,  15.  laueh  (=:l(me)  oueh  108,  3.  131,  29.  Wilder  Mann  und 
Wernhvrdach(=tac):saehi4,9.  2,31.  21,  1:  jrpracÄ  17,  8.  19,  14.  20,  11: 
stach  17,  34  wach  (=wäe)  :  dar  nach  63,  29.  dmoch  :  duoch  4.  1.  6.  17.  27. 
26,  27.  laehisaeh  26,  13.  mach: sprach  53,  29.  56,  18.  58,  8.  66,  11.  sSü^^i 
9Mch  70,  22.  gniuoch:bruoeh  39,  4:  huoeh  2,  31.  16,  18.  28,  31.  65,6:  duoch  15,  5. 
eiuochiviuoch  12,  1.  Alex.  brach:laeh  210,  27.  226,  10.  zd^raeh  :  lach  195,  6. 
208,  2.  lach: Ungemach  212,  20.  mach  :  brach  189,  17.  geeach  :  lach  196,  20. 
204,  25:  slach  218,  10.  geschach  :lach  219,  22.  elaeh  :  geschach  219,  20:  stach 
222,  9.  tachiungemcu^  196,  25.  suLdUhisioh  193,  1.  h&dich :  gewddich  185,  12. 
wunderlich : strich  189,  20.  eich : gmddich  214,  3.  volcwlch  i  rieh  215,  24:  Alb- 
rieh  226,  18:  gelfeh  119,  26.  zwich  :  gelich  204,  12.  puoch  :  gewuoeh  187^  22. 
184,  7:  inteluoeh  183,  15.  burch  :  durch  201,  8.  209,  21.  210,  19.  116,  28, 
lAchmann  U.  lach :  each  43,  137.  vürich :  grüdich  139.  gnüg :  buch  19.  itmendieh : 
eich  149.  m.  eprag :  dag  559 :  mag  235.  sig  :  estrig  169.  dach  :  ungemach  163. 
&iir^  t  dtn-^  191.     Sadnusinet  Benecke  sk^  i  irsag  45.     sprach: mag  105.    Mate. 

82* 


500  *    LITTEBATU9* 

^h:  sprach  156*  tt.  s  w      Hagen  sich:  wich  5642.  3378..   burch  :  duareh  2613. 
2582.  2564.  5752. 

2.  g  tritt  an  die  Stelle  yon  h  in  dem  Worte  sägen  =  sähen  (viderunt).  Lieder 
gesägen  :  pßägen  62,  37.  Eneit  sägen  :  wägen  35,  21:  lägen  47,  17.  u.  s.  w. 
Wilder  Mann  sägen :  gibägen  15,  19.     18,  20. 

3.  Die  Abneigung  gegen  die  Spirans  h  theilt  das  niederrheioische  mit 
allen  niederdeutschen  Mundarten.  Die  Kürzungen  n4,  gä,  hö  übergehe  ich, 
weil  sie  sich  auch  in  hochd.  Denkmälern  finden.  Bei  Heinrich  gesellt  sich  dazu 
noch  die  (=  diech,  femur):  knie  212,  5.  Inlautend  zwischen  Vokalen:  Eneit ^ISn» 
(=  zihen):frien  117,  9:  blfen  264.  35.  gedien  :  /Hen  129,  27.  zieiinid  140,  9. 
stdl :  mS  160.  31.  stäle  :  hole  158,  7.  Vgl.  Wilder  Mann  iwdn  (=  twaken)  :  giddn 
5.  25.  vis  {=vihe)  :  hie  39,  20.  47,  26.  gedien Werhrien  38,  2.  trau  {z=tirehm): 
selzSne  57,  20.  höre  (=  höheie):  kdre  66,  17.  70,  4.  — -  Vor  s\  Eneit  ti/otf  :  v« 
(=t;aÄ«)  146.  9:  «<w  (=  «aÄ«)  160,  21.  Eneit:  was  {=.wahs)  282,  13.  der 
hoste: ze  tr6ste  81,  9.  hosten \ getrosten  343,  17.  Wilder  Mann  au^r  Reim  wmd 
34,  17.  Alex,  enwessen :  sessen  (=sehsen)  224,  3.  Hagen  hoisten  :  troisten  1592. 
'-  Vor  f  Tgl.  oben  siet^  met^  geschiet,  ferner:  Eneit  vorte  :  bedorte  176,  7.  worten'. 
bedorten  119.  13.  158,  40.  253,  2.  Wernher  i/or^m  (=  vorhten)  iporten  65.  29: 
bedorten  (=i  bedor/ten)  26,  3.  stiote :  gruote  23,  27,  14,  31.  47,  16.  Alej.,  fuorkn: 
porte  210,  25:  bedorten  203,  24.  virsuot  (=  virsuocht) :  muot  183,  19.  horte  :g€- 
worhte  202,  18.  versmätelhäte  2000,  11.  tätin:  versmdtin  204,  8.  Hagen  ^w- 
«en:i/or«0n  2465.  7505. 

Minder  Wesentliches  glaube  ich  hier  übergehen  zu  dürfen,  denn  ich  will  keine 
Lautlehre  des  Niederrheinischen  jetzt  geben,  nur  meine  Behauptung  wollte  ich  be- 
weisen durch  kurze  Aufzählung  dessen ,  worin  Heinrichs  Mundart  von  der  köhii- 
schen  abweicht  und  worin  sie  mit  ihr  übereinstimmt.  Wer  hierin  keine  Gewähr 
und  den  Weg  nicht  erblicken  kann,  den  er  bei  einer  Bearbeitung  der  Lieder  Hein- 
richs einzuschlagen  hat ,  der  will  nicht  sehen  und  dem  wird  auch  der  hl.  Serrstius 
die  Augen  nicht  öfinen.  Ob  Heinrich  „der  Sprache  seiner  Heimath  in  der  Fremde 
durchgängig  treu  geblieben"*  ist  vollends  eine  müßige  Frage,  da  wir  1.  gar  nicht 
wissen,  wie  laug  er  in  Thüringen  sich  aufgehalten  und  was  er  aufier  dem  Schlüsse 
der  Eneit  dort  gedichtet  hat,  und  weil  2.  die  Lieder  sowohl  als  auch  die  Eneit,  nnä 
}fi  dieser  auch  das  in  Neuenburg  an  der  Unstrut  hinzugedichtete  Ende,  überall  eben 
so  deutliche  Kennzeichen  der  niederrheinischen,  als  Tollständigen  Mangel  aller  Spo- 
ren der  specifisch  thüringischen  Mundart  an  sich  tragen.  Der  trügerischen  Meinaog 
freilich,  auf  diese  Weise  die  Sprache  eines  Dichters  so  genau  und  treu  darstellen  z« 
können,  als  vernähme  man  sie  aus  seinem  eigenen  Munde ,  wird  sich  Niemand  hin- 
geben, der  zu  der  Einsicht  gelangt  ist,  daß  das  etwas  Unmögliches  anstreben  hieHe. 
Aber  nach  dem  Echten  oder  wenigstens  nach  möglichster  AnnäheruDg  an  dasselbe, 
auch  in  Beziehung  auf  die  Schreibweise,  mit  allem  Ernst  zu  streben,  diese  Mühe 
sollte  sich  kein  Kritiker  erlassen  zu  dürfen  glauben.  In  dem  vorliegenden  Falle 
lag  noch  eine  besondere  Aufforderung  dazu  in  dem  gewiss  merkwürdigen  UmstaDoe, 
daß  mitten  in  der  von  einem  alamannischen  Schreiber  herrührenden  und  überall  die 
Sprachfbrmen  dieser  Mundart  verrathenden  Heidelberger  Handschrift  ein  Lied  Hein- 
richs, 57,  10  —  58,  10,  in  niederdeutscher  Mundart  erscheint;  ich  sage  nieder- 
deutscher, denn  mi  für  mir  ist  nicht  niederrheinisch,  und  wahrscheinlich  noch  Ande- 


LITTERATUR.  601 

res,  aneb  «eggen  nicht,  das  in  niederrh.  Denkmälern  stets  in  der  bd.  Form  sagen  ge- 
sehrieben  wird.  Heinrich  selbst  meidet  das  Wort  fast  durchaus  im  Reime  (nur  ein- 
mal finde  ich  sie  sagen  :  sie  tragen  En.  144,  35).  Der  Schreiber  dieser  Hs.  nun 
bat  seine  nd.  Vorlage  so  gut  abgeschrieben,  als  ers  vermochte  oder  verstand,  d.  h. 
nicht  ohne  vielfkcb  in  seine  gewohnte  alamannische  Schreibweise  zurück  zu  ver- 
fallen. Dieser  lächerliche  Mischmasch  ober-  und  niederdeutscher  Spracbformen  wird 
hier  in  der  Ausgabe  wiedergegeben,  und  daz  erscheint  neben  e2af ,  mir  neben  m^,  ze 
neben  tS  etc.  in  friedlicher  Eintracht.  Ganz  treu  ist  aber  der  Überlieferung  doch 
nicht  gefolgt ,  und  gerade  dieses  Abweichen  davon  beweist  wieder  meine  Behaup- 
tung von  dem  Mangel  an  Einsicht  in  das  Wesen  der  niederrh.  Mundart:  statt  dem 
handschriftlichen  nd.  gfuke  57,  13.  ist  nämlich  glücke  gesetzt,  statt  vur  SO  für,  statt 
sinnen  58,  5.  sinne  und  statt  dahie,  wie  die  Hs.  =  dat  liest,  dazt.  Welcher  deut- 
schen Mundart  die  Form  dazt  angehört ,  ist  mir  zur  Zeit  noch  dunke] ;  man  könnte 
sie  für  einen  Druckfehler  halten,  wenn  nicht  Lachmann  zu  61,  35.  statt  des  über- 
lieferten tuet  die  Verbesserung  muozt  vorschlüge,  dazt  und  muozt  müßen  demnach 
wirkliche  Formen  sein,  die  wahrscheinlich  der  Lautlehre  einer  neuentdeckten  deut- 
schen Mundart  angehören. 

Ich  verweile  noch  einen  Augenblick  bei  dem  in  Rede  stehenden  Liede ,  indem 
ich  die  erste  Strophe  mittheile,  um  daran  einige  Bemerkungen  zu  knüpfen. 

'leh  bin  frS,  stt  uns  die  tage 

liehtent  unde  werdent  Urne* 

so  sprach  einfrowe  al  sunder  Idagi, 

früich  und  dn  al  getwanc, 

des  segg  ich  minen  glücke  danc, 

dat  ich  ein  sulich  herze  tragi, 

daz  ich  dur  heinen  boesen  kranc 

an  miner  blischaft  niene  verzage. 
Schon  J.  Grimm  hat  Germ.  2,  480.  und  ebenso  oben  Bartsch  gegen  die  An- 
wendung der  Accente ,  von  denen  hier ,  ohne  daß  für  den  Leser  Ein  Wort  der  Er- 
klärung beigefügt  wäre,  zum  ersten  Mal  ein  ausgedehnter  Gebrauch  gemacht  ist, 
Bedenken  erhoben.  *)  Wenn  indess  die  Accente  bei  dactylischen  Versen ,  um  die 
Hebungen,  oder  in  alterthümlichen  Versmaßen ,  wie  z.  B.  dem  des  Spervogels ,  um 
die  scheinbar  klingenden  Reime  damit  als  stumpfe  zu  bezeichnen,  verwendet  werden, 
so  kann  am  Ende  bei  einigem  Nachdenken  Jeder  der  Sache  von  selbst  auf  den  Grund 
kommen ,  obschon  es  eine  Rücksichtslosigkeit  ist  und  bleibt ,  solche  Neuerungen 
stillschweigend  einzufuhren.  Anders  verhält  es  sich  mit  den  Accenten,  womit  in 
vorstehender  Strophe  die  Wörter  tage,  klage  etc.  geschmückt  wurden.  Sie  müßen 
für  Jeden,  dem  man  nicht  Aufschluß  gibt,  ein  unlösbares  Räthsel  sein.  Sonst 
pflegte  Lachmann  mit  dem  Gravis  den  Tiefton  zu  bezeichnen,  hier  in  des  Minnesangs 
Frühling  wird  er  öfters  zur  Hervorhebung  des  Auftacts  gebraucht.  Auftacte  gibt 
es  aber  bloß  zu  AnfiEing  eines  Verses ,  es  soll  also  durch  den  Gravis  hier  wohl  der 
Tiefton  angedeutet  sein.  Dem  Tiefbon  muß  aber  nothwendig  der  Hochton  voraus- 
gehen.    Wie  ist  es  aber  möglich,  daß  Wörtern  wie  tage,  klage,  trage,  die  nach 


*)  Zuerst  finden  sie  sich ,  wenn  ich  nicht  irre ,  in  Haupts  Ausgabe  der  Lieder  Gottfrieds 
von  Neifen.    Leipzig  1851,  S.  87. 


502  LITTEBATÜR, 

mhd.  Lautlehre  und  Metrik  nur  die  Geltung  Einer  Silbe  haben,  der  Hcieh*  und 
nebenbei  der  Tiefton  zugleich  zukommen  kann?  Am  besten  kommt  man  aus  diesem 
Dilemma,  wenn  man,  ohne  sich  den  Kopf  zu  zerbrechen ,  einfach  annimmt.  Diejeni- 
gen, die  hier  auf  das  auslautende  e  nach  kurzer  Penultima  den  Gravis  gesetzt,  haben 
nicht  recht  gewusst,  was  sie  aus  diesen  Reimen  machen  sollen,  und  in  der  Verlegen- 
heit dem  Leser  ein  «  für  ein  u  gemacht. 

In  den  übrigen  Strophen  dieses  Liedes  stehen  in  den  entsprechenden  Yenen 
lauter  klingende  Reime :  stunde :  gtmde :  gtmde :  künde ;  rate :  späte : bäte;  wäre :  cfim- 
bare;  unmäre :  enbä/re;  minne :  sinnen  l  inne :  gewinne.  Daraus  geht  nun  nach  unserer 
Ansicht  mit  Bestimmtheit  hervor,  daß  der  Dichter  auch  die  Reime  tage: klage: trage: 
verzage  als  klingende  betrachtet  wissen  wollte.  Solche  Verwendung  zweisilbiger 
Wörter  mit  kurzer  Penultima  und  einfachem  Consonanten ,  die  nach  hochdentscber 
Lautlehre  nur  die  Geltung  Einer  Silbe  haben,  also  nur  stumpf  reimen,  zu  klingenden 
Reimen,  ist  bekanntlich  bei  den  meisten  niederdeutschen  Dichtern  gar  nichts  Selte- 
nes. So  braucht  z.  B.  Wizlau  von  Rügen  körnen  :vemomen:vromen  MSH.  3,  78*, 
wesen :  gelesen  80  • ,  leben :  geben  80  ** ,  83  * ,  tragest :  verjagest  83  * ,  t/aren  :  scharm 
84^  als  klingende  Reime.  Bei  Heinrich  selbst  fehlt  es  nicht  an  einem  zweiten 
Beispiele,  63,  29 :  gddvet :  hövet  (=  houbet)  :  tdb^;  diesen  Reimen  entsprechen  in 
der  zweiten  Strophe :  gute  :  mute  :  hüte.  Ebenso  wird  in  einem  Liede  des  Meifiners 
(Wack.  L.  B.  689)  loben  :  toben  f.  ferner  ebendaselbst  habe  :  rohe  (igäbe)  zu 
klingendem  Reim  verwendet,  und  W.  Wackernagel,  der  von  solchen  Dingen 
auch  etwas  versteht,  nimmt  keinen  Anstand,  an  beiden  Stellen  diese  Wörter 
mit  dem  Circumflex  zu  schreiben.  Besteht  schon  an  und  für  sich  kein  Zweifel, 
daß  auch  an  den  beiden  Stellen  tage :  träge^  gdöbet^  tobet  etc.  zu  schreiben  ist,  so  ge- 
währen dafür  Heinrichs  Lieder  noch  einen  weitem,  schlagenden  Beweis :  in  sämmt- 
liehen  in  des  Minnesangs  Frühling  abgedruckten  Liedern  des  von  Veldeke  wird 
kein  einziges  Mal  ein  zweisilbiges  Wort  mit  kurzer  Wurzelsilbe  und  einflEUsher  Con- 
sonanz  zu .  st^n^tfem  Reime  verwendet ,  vielmehr  sind  in  Heinrichs  Liedern  die 
stumpfen  Reime  stets  nur  einsilbige  Wörter ;  «m,  sanc^  Här,  tot  etc.  Wer  dieft 
etwa  für  einen  bloßen  Zufall  zu  halten  geneigt  wäre ,  der  möge  sich  überzeugen, 
daß  (mit  Ausnahme  von  zweien  nur  je  mit  Einem  Liede  vertretenen)  bei  keinem 
andern  Dichter  in  des  Minnesangs  Frühling,  wie  gering  auch  sein  Umfang  sei, 
Reime  wie  klagen  :  sagen;  leben  :  gegeben  etc.  fehlen.  ^Heinrichs  Lieder  aber  um- 
fassen 13  Druckseiten  mit  über  400  Versen.  Dieser  Gebrauch  zweisilbiger  kurzer 
Wörter  zu  klingendem  Reim  gilt  zunächst  allerdings  nur  für  Heinrichs  lyrische  Ge- 
dichte, für  welche  ja  überhaupt  vielfach  andere  Gesetze  gelten,  als  in  der  Epik; 
doph  begegnen  uns  auch  in  der  Eneit  Spuren  desselben,  z,  B.  getriben  unde  getragen 
und  leiten  manegen  wagen  137,  33.  diez  von  den  buchen  sagen,  die  müder  die  si  tragm 
144,  35.   enboten  unde  geklaget,  ze  jungist  quam  ein  maget  161,  1. 

Noch  eines  will  ich  hier  bemerken.  Bekanntlich  bilden  alle  niederdeutschen 
Mundarten,  wie  das  Mittelniederl.,  die  3.  Pers.  Plur.  Praes.  nicht  mit  -ent^  sondern 
auf  -en,  d.  h.  sie  fallt  mit  der  des  Coiyunctivs  zusammen.  Hiefür  bei  Veldeke  zrfü- 
reiche  Beweise;  si  ösen(t)  :  lösen  Lieder  60,  34.  si  niden(t)  :  miden  (Inf.):  mit  (kn 
bUden  :  lfden(t)  :  durch  ir  ntden  :  versnfden  (Inf)  60,  10.  schdden(t)  :  vergelden(t): 
melden  (Subst.):  seiden  (Adv.)  61,  26.  lindm  :  vinden(t)  62,  26.  die  buochen  :  » 
suo€hen(t)  62,  32.  vgl.  ferner  65,  11.  29.  67,  28.  Dicht  neben  diese»  Reimen  er- 
scheint hier  im  Texte  singmt  56,  3.  58,  28.    lii^htent  57,  11,   nemmtBS,  13.  62,  22. 


UTTEBATUR«  503 

«prmgetd  58,  27.  öringmt  59,  28.  vemement  59,  26.  erigeigmt  60,  30.  Ufdkt  61, 
24.  getment  61,  32.  jeA^ne  62,  23.  Nur  62,  25  ff.  ist  l(m!>m,  gruonm  gesetzt, 
weil  es  bier  dem  alamannischen  Schreiber  gerade  gefallen  hat,  die  Wörter  ohne  t  zu 
s<^reiben. 

So  yiel  über  die  Sprache  des  Heinrich  von  Veldeke.  Daß  ich  demnach  die  Be- 
ivbeituDg  seiner  Lieder  in  des  Minnesangs  Frühling  für  eine  ganz  falsche,  verwerf- 
liche halte,  Tersteht  sich  yon  selbst.  Was  dagegen  den  hier  aufgestellten  Text  anbe- 
langt, so  übertrifft  er  an  Echtheit  und  Gorrectheit  den  yon  Ettmüller  bei  Weitem, 
obgleich  ich  die  Herstellung  nicht  überall  für  gleich  gelungen  halten  kann  und 
Manches  zu  bemerken  hätte.  Auf  Einzelheiten  mich  einzulassen,  verbietet  mir  für 
diefmal  der  Raum,  den  ich  fär  Anderes  in  Anspruch  nehmen  muß. 

Auf  ähnliche  Weise  wie  mit  dem  Veldeker  verhält  es  sich  mit  den  Liedern  des 
Heinrich  von  Morungen.  Auch  hier  haben  wir  einen  Dichter ,  in  dessen*  Reimen 
beträchtliche  Abweichungen  von  der  mittelhochdeutschen  Lautlehre  hervortreten. 
Lassen  jene  die  niederrheinische  Mundart  erkennen ,  so  tragen  diese  die  unverkenn- 
baren Merkmale  wenn  nicht  geradezu  der  niederdeutschen ,  doch  der  stark  nieder- 
deutsch gefärbten  mitteldeutschen.  Wozu  hilfls?  was  dem  Einen  recht  war,  ist 
dem  Andern  billig:  darum  erscheinen  des  Morungers  Lieder,  mit  Ausnahme  der 
Reime,  wo  man  ihm  wohl  oder  übel  gerecht  werden  mußte ,  in  demselben  Gewände, 
das  drei  alamannische  Schreiber  aus  dem  Ende  des  13.  und  aus  dem  14.  Jahrhundert 
ihnen  umzuhängen  für  gut  gefunden  haben.  Aber  nicht  einmal  eine  Entschuldigung 
hat  man  bei  diesem  für  nöthig  erachtet,  im  Gegentheil:  Lachmann  versichert,  er 
wisse  wohl  wie  der  Dichter  gesprochen  habe,  er  wolle  aber  nicht  so  schreiben. 
Die  betreffende  Stelle  ist  zu  merkwürdig,  als  daß  ich  sie  nicht  aus  den  Lesarten, 
wo  sie  doch  den  meisten  Lesern  entgehen  wird,  hierher  setzen  sollte.     Zu  Z.  132,  2 

summ  ich  si  sihe,  mim  et  von  herzen  wol  etc. 
bemerkt  Lachmann  S.  281  u.  282  wörtlich  Folgendes:  ,,der  Dichter  sprach  swan  ich 
si  s^\  aber  ich  habe  seine  Mundart  nicht  genau  herstellen  wollen."  Ich  enthalte 
mich  hiezu  jeder  weiteren  Bemerkung,  und  will  nur  so  viel  sagen,  daß  diese  Äuße- 
rung aus  dem  Munde  eines  Kritikers  mit  Lapidarsohrift  der  philologischen  Nachwelt 
aufbewahrt  zu  werden  verdiente. 

Ich  verzeichne  die  vom  Mhd.  abweichenden  Reime  des  Morungers :  git :  w/^evit 
(=  vfdj  :j4t  (=giht)  122,  3.  s^  :  qu^e  :  bev^e  :  atSle  142,  3.  die  schSvie  (=  diu 
s€hoe9^):hr6ne  122,  7.  129,  29.  htdmst  {=  kröne  ist)  ;  sehömttt  (=  diu  schoenest): 
lönist  J33,  29.  /runde  {=:fnunde): künde isunde  130,  7.  gefirunden'.kanden  131,  10. 
fröwe  :  getröwe  (-^frouwe  :  getriuwe)  124,  30.  versmdn  :  hdn  122, 10.  bevdt :  gdf 
129,  28.  versmde  :  engdt :  enp/ät  134,  16.  gdnt :  sldnt  131,  22.  Jddr  :  wdr  :  ndr 
(=ndher)  123,  8.  se  {=sehe,  sihe)  :  gS  125,  18.  136,  34.  owS  128,  4  :  snS :  we: 
JOS  140,  38.  s^ :  ßSe  (— /t^)  132,  3.  mtsSn  :  vSn  (=  mtsehm  :  vehm)  :  stSn :  zer- 
gSn^26,d:zergSn:gSn:gesekSn  126,  33;  jinlßSn  133,  30.  3St{=siM):gSflSß,29. 
hd  :fr6  122,  12:dö:  also  13,  30.  143,  12.  ich  bestS  (^bestSn)  :  wS  :  gS  123,  17. 
summm-ihummer  {^sumerikuTnber)  140,  32.  (so  auch  der  von  Weißensee  [bei  Erfurt] 
tmmmeriJoummerlsmnmerldS.  2,  14»».  Der  Dürmg  eb.  2,  25.  Wolfi-ams  Titurel 
88,  3.  4.).  bwom: verlorn  133,  18.  134,  30.  morgensteme  :  veme  :  gerne  134,  36. 
(vgl.  Eilhart  Fdgr.  1,  234.  41;  ungeme  :  v«m«.  Weißensee  MS.  2,  24.  Gramm?. 
12,462.). 


504  *  LITTERATUR. 

Also  ^  fär  o«,  6  statt  des  Umlauts  o«,  t  für  e,  te='m,  6  =  ou:=ztttw;  ferner 
SjDkope  und  Apokope  der  Spirans  und  Aspirata  (A  und  ch)^  Gemination  der  ein&chen 
m  und  mb;  Formen  wie  veme  für  verre,  bevom,  was  bedarf  es  mehr,  um  die  mittel* 
deutsche  Mundart  festzustellen  und  den  Weg  zu  zeigen ,  den  man  bei  der  Bearbei- 
tung eines  Dichters ,  dessen  Lieder  solche  Reime  aufweisen,  zu  betreten  hat?  Ich 
unterlasse  es ,  Belege  aus  andern  Dichtern  beizubringen ,  da  ich  von  jedem  Philo- 
logen voraussetzen  darf,  daß  er  Grimms  Athis  und  Prophilias ,  Frommanns  Herbort, 
meine  Mystiker,  die  Marienlegenden  und  den  Nicolaus  von  Jeroscfarn ,  wo  sich  eine 
Fülle  Yon  Beispielen  findet,  kennt.  Lachmann  hat  freilich  irgendwo  —  ich  kann 
im  Augenblick  die  Stelle  nicht  finden  —  die  Bemerkung  gemacht,  die  "Reime  hrönist: 
schönist  llSnist  seien  unhöfisch,  als  ob  höfisch  gleichbedeutend  wäre  mit  mittelhoch- 
deutsch. Dann  waren  auch  der  Yeldeke,  ja  selbst  Wolfram  keine  höfische  Dichter. 
Hätten  die  Herausgeber  diesen  Dingen  einige  Aufmerksamkeit  geschenkt,  wie  sie 
es  so  augenscheinlich  nicht  haben ,  so  würden  sie  sich  bedacht  haben,  die  Lieder 
130,31 — 131^24,  in  welchem  zweimal  der  Reim  n?*^r:^'^;  erscheint;  femer  137, 
10 — 26,  wo  (abgesehen  rom  unreinen  Reim  an  :  hän  :  getan  137,  11,  deren  sich  in 
den  echten  Liedern  Heinrichs  keine  finden)  der  Imperativ  «tcA  (imich)  und  nein: 
snzwein  begegnet,  nicht  minder  145,  33 — 147,  3.  dem  Morunger  beizulegen. 
Solche  Kriterien  sind  bei  Fragen  über  Echtheit  und  Unechtheit  unendlich  wichtiger 
als  alle  Versschlüsse  (wie  ob  ich  126,  30.  und  ähnliche)  zusammen  genommen. 

Diese  Missachtung  und  Geringschätzung  aller  mundartlichen  Forschungen 
kann  man  aber,  ich  wiederhole  es,  in  allen  Ausgaben  Lachmanns  beobachten.  Wie 
anders  liei^e  es  sich  sonst  erklären,  dafi  Sprachformen,  die  entschieden  nur  dein  als- 
maijnischen  Dialect  und  zwar  zum  Theil  erst  seiner  Gestaltung  um  die  Gränzscheide 
des  13/14.  Jahrhunderts  zukommen,  in  Ausgaben  von  Dichtem  Eingang  gestattet 
wurde,  deren  Mundart  dieselben  zu  allen  Zeiten  fremd  waren?  So  wan  f.  man  bei 
Dietmar  ron  Aist  39,  19.  und  häufig  im  Walther  von  der  Vogelweide  36, 4.  73,35, 
83,  38.  103,  6.  106,  84.  120,  27.  «MfeW  beim  KÜmberger  8,  1.  nienenGuißu- 
bürg  70,  13.  Morungen  l28.  4.  dim,  heinlich  Mor.  130,  20.  137,  37.  140,9. 
144,  37,  132.  37.  dur  (=  durch)  ebd.  öfter  143,  23.  144,  25.  mm  (=m(m)ehä. 
147,  19.  fröide,  sdcher  u.  a.  m.  Daß  wan,  mm,  dim,  dwr,  nimm,  nehtint,  fr&id^  ete. 
specifisch  alamannische,  allen  übrigen  Mundarten  unbekannte  Wertformen  sind,  das 
steht  so  fest  als  etwas.  Wer  sie  in  Ausgaben  österreichischer,  fränkischer  und 
mitteldeutscher  Dichter  aufnehmen  zu  dürfen  glaubt ,  der  hätte  auch  nicht  nöthig 
kilche  in  kirche,  beschäm  in  geschehen  u.  ^.  w.  (vgl.  Lachmann  zu  Waliher  11,  3. 
92,  36  )  zu  ändern.  — 

„Weiter  als  1170  gehen  die  Namen  der  Liederdichter  nicht  zurück."  Dies  ist 
ein  Fundamentalsatz  der  Lachmannischen  Litteraturgeschichte  und  er  wird  mit  einer 
seltenen  Hartnäckigkeit  verfochten.  Ihn  auch  zu  beweisen  hat  man  sich  nie  die 
Mühe  genommen,  denn  den  Wortein,  die  jene  Behauptung  begründen  sollen ,  «weil 
Meinloh  von  Sefiingen  und  Spervogel  schon  überschlagende  Reime  haben,  und  Dietmar 
von  Eist  sich  sogar  zu  den  künstlich  verschlungenen  Versen  der  folgenden  Dichter 
bequemt",  wird  wohl  Niemand  irgend  eine  Beweiskraft  zugestehen,  so  lange  nicht 
der  Beweis  gefuhrt  ist,  daß  und  warum  vor  117.0  verschränkte  Reime  und  ver- 
schlungene Verse  ins  Reich  der  Unmöglichkeit  gehören.  Daß  die  Lyrik  firuher  als 
am  Rhein  und  unberührt  von  provenzalischem  Einfluß  in  Oesterreich  zuerst  ihre 


liirTERATtTB.  506 

SehwiflgeD  entfiüiet  habe,  ist  eine  allgemein  zugestandene  Thatsache.  Waren  aber 
die  dstliclien  Dichter  im  Stande ,  aaf  Grundlage  des  epischen  Volksliedes  eine  neue 
Dichtart,  das  lyrische  Lied,  zu  erfinden,  so  wird  man  ihnen  auch  eine  von  jeder  neuen 
Kunst  unzertrennliche  Fortbildung  und  Weiterentwicklung ,  die  sich  ja  zunächst  in 
manigfiütigeren  Weisen  und  Formen  zu  äufiem  pflegt,  zutrauen  dürfen.  Einer 
muS  der  erste  gewesen  sein,  der  den  überschlagenden  Reim  und  die  yerschlungenen 
Verse  erfand  und  in  die  Lyrik  einführte.  Finden  sich  diese  schon  bei  Dichtern,  die 
Ton  fremdem  Einflüsse  erweislich  frei  geblieben  sind,  so  wird  man  annehmen  dürfen, 
dat  sie  wie  die  Gattung  so  auch  die  Weise  und  Form  selbständig  von  sich  aus  weiter 
gebildet  haben.  Diese  künstliche  Ausbildung  der  Strophenform  knüpft  sich  Tor- 
zugiich  an  den  Namen  eines  Dichters,  über  dessen  Person  und  Lebenszeit  wir  glück» 
lieber  Weise  bestimmte  historische  Zeugnisse  haben:  an  Dietmar  yon  Aist  1143  bis 
1170.  Eine  Kritik  nun,  welche  diese  frühe  Ausbildung  leugnet,  hat  den  Weg  zu 
betreten ,  der  schon  Ton  Wilh.  Wackernagel  (altfranz.  Lieder  S.  202)  angedeutet 
wurde:  sie  hat  zu  untersuchen,  ob  hier  nicht  eine  Vermengung  zweier  Dietmare 
oder  aber  eine  Vermischung  von  Liedern  yerschiedener  Dichter  statt  flnde.  Den 
Versuch  zu  einer  derartigen  Untersuchung  hat  nun  Haupt  S.  245  u.  246  anzustellen 
Miene  gemacht.  Da  er  aber  yon  dem  Jahr  1 1 70  als  unverrückbarer  Schranke  aus- 
gieng,  so  darf  man  sich  nicht  wundem,  wenn  er,  statt  das  nahe  liegende  sichere 
Ziel  zu  erreichen,  sich  in  ein  Labyrinth  yon  haltlosen  Vermuthungen  verlor,  in 
dessen  Dunkel  nur  Ein  Stern  ihm  leuchtete :  die  tröstliche  Gewissheit ,  daß  Lach- 
mann  sich  nicht  geirrt  haben  könne.  Man  mufi  die  ganze  Untersuchung  selbst 
lesen,  um  sich  zu  überzeugen,  daß  es  sich  hier  nicht  mehr  um  aufrichtige  unbefongene 
Lösung  wissenschaftlicher  Fragen,  sondern  um  bloße  Rechthaberei  handelt.  An 
Allem  wird  gezweifelt,  nur  an  dem  Einen  nicht:  an  Lachmanns  Unfehlbarkeit.  Wem 
fällt  hier  nicht  die  schöne  Strophe  aus  Hamlet  II,  2.  ein,  die  mit  der  Änderung  eines 
einzigen  Wortes  f&r  unsern  Fall  wie  gemacht  ist? 

Das  litt.  Centralblatt  1858,  S.  156  macht  uns  die  Zumuthung,  den  Beweis  der 
Identität  zwischen  dem  von  1143  —  1170  in  Urkunden  erscheinenden  Dietmar  von 
Aist  und  dem  Dichter  dieses  Namens  zu  führen.  Das  ist  aber,  da  es  überhaupt  nur 
Einen  Mann  dieses  Namens  und  Geschlechtes  gab  (kein  Historiker  hegt  darüber  den 
leisesten  Zweifel),  wohl  nur  ein  Scherz.  Jener  Dietmar,  der  zuerst  im  Jahr  1143 
uikundlich  erscheint,  starb  im  Jahr  1170  oder  1171  als  betagter  Mann ,  kinderlos, 
als  der  letzte  seines  Geschlechtes,  und  die ,  wie  es  scheint  nicht  unbeträchtlichen 
Besitzungen,  giengen  an  seine  mit  Engelbert  von  Schonheringen  Vermählte  Schwester 
Sophia  über.  Nach  diesem  Jahre  gab  es  keinen  Dietmar  von  Aist  mehr  und  über- 
haupt keinen  Aister.  Wenn  man  also  nicht  annehmen  will ,  er  habe  noch  aus  dem 
Grabe  gesungen,  so  bleibt  nichts  Anderes  übrig,  als- entweder  zuzugeben,  daß  die 
deutsche  Lyrik  über  1170  zurückreicht,  oder  zu  beweisen,  daß  alle  unter  Dietmars 
Namen  überlieferten  Lieder  diesem  falschlich  unterschoben  sind.  Einen  dritten  Weg 
gibt  es  nicht.  Denn  wenn  auch  nur  einige  der  alterthümlichem  ihm  zugesprochen  wür- 
den, so  ist  jene  Schranke  schon  durchbrochen.  Ein  solcher  Beweis  hätte  aber  seine 
Schwierigkeiten.  Die  Erkenntniss,  daß  die  Strophen  20,1 — 25, 12  nicht  jenem 
Spervogel  angehören  können,  der  die  Strophen  25,  13 — 31,  6  dichtete,  ist  zwar 
leicht;  aber  einen  gewissen  Fortschritt  in  der  äußern  Form  wird  man  bei 
jedem  Dichter  von  Begabung   und  bei  längerer  Kunstäusübung  doch  wohl  vor- 


606  LrrTERATUB. 

ABSsetiseji  dürfen.  Wie  anders  will  man  sonst  bei  Heinrieh  ron  Bugge  z.  B.  die 
unreinen  Reime  in  seinen  Liedern  (tvfpilti  103,  10,  hdnikan  103,  31.  enkcm'.tftdn 
1 03,  36.  sinne :  minne :  gedinge  1 06,  35.  hohen :  vermgen :  treten :  klagen :  scigen  1 07, 
21.  genuoge :  truobe  108.  27.  naht :  ^oA«  109,  19.  vihe  :  ^^fte  :  vertribm  111,  2) 
und  den  vollständigen  Mangel  solcher  Reime  in  seinem  Leiche  96^—99  erklaren? 

Bisher  waren  wir  des  Glaubens,  das  unumgelautete  lange  d,  wo  es  bei  hoch- 
deutschen Dichtem  im  Reime  erscheint,  sei  das  Kennzeichen  eines  hohen,  noch  über 
die  Mitte  des  12.  Jahrhunderts  hinaufireichei|den  Alters  („wer  den  Ursprung  des  ae 
in  die  erste  Hälfte  des  12.  Jahrhunderts  setzt,  dürfte  wenig  fehlschlagen**  Grammatik 
1  ^ ,  173).  Solche  Reime  finden  sich  wirklich  bei  Spervogel  (Be€h€idr6:mdre=maare 
26,3.  grdwelalufdre^aiwaere  27,  13.)  und  Dietmar  (sdhe=:^s<iehe:zewdr€31,26.)^ 
Statt  nun  diese  Reime  als  das  zu  nehmen ,  was  sie  unzweifelhaft  sind ,  als  Beweise 
für  das  hohe  Alter  jener  Lieder  und  ihrer  Dichter ,  wird ,  consequent  zwar  und  ent- 
sprechend jenem  Jahre  1 1 70,  aber  rein  willkührlich,  nicht  nur  saehe  (dies  möchte  noch 
angehen),  es  wird  auch  Bechdaere  und  graewe  geschrieben,  Formen  also,  wie  sie  nie 
in  Deutschland,  in  keiner  Mundart  und  zu  keiner  Zeit  je  erhört  sind.  Bechden 
haben  allerdings,  dem  ihnen  widerstrebenden  Reim  zu  lieb,  die  beiden  Hss.  AG, 
aber  wir  wissen  aus  den  Nibelungen  und  andern  Gedichten  genau,  welches  die  rich- 
tige übliche  Schreibweise  war  (noch  heute  lautet  es  unumgelautet  PöcMam) ,  and 
warum  wurde  bei  Heinrich  Ton  Veldeke  59,  23.  nicht  auch  jere :  dSre  nach  G  ge- 
schrieben statt  jdr«,  ddre?  graewe  dagegen  ist  Erfindung  Lachmanns  (A  liest  ^aw«: 
alwere),  sie  steht  jenen  monströsen  Formen  wie  kuont,  fuohs  etc.  im  Wolfiram  eben- 
bürtig zur  Seite.  Also  nur  um  recht  zu  behalten  wird  die  mhd.  Lautlehre  auf  den 
Kopf  gestellt  und  werden  unmögliche  Sprachformen  eingeschwärzt«  Dieses  Ver- 
fahren könnte  man  ergötzlich  finden,  wenn  es  nicht  betrübend  wäre,  betrübend  durch 
die  Betrachtung,  bis  zu  welchen  Yerirrungen  der  Eigensinn  fuhren  kann,  betrübend 
auch  desshalb,  weil  dadurch  eine  Menge  Schüler,  die  jenen  beiden  Männern  blindlings 
zu  folgen  gewöhnt  sind,  irre  geleitet  werden. 

Die  Ausstattung  des  Buches ,  um  noch  ron  dieser  zu  sprechen ,  Druck  und 
Papier ,  ist  eben  so  ansprechend  und  yerlockend  fur*s  Auge ,  als  die  innere  Einrich- 
tung unbequem,  nüchtern  und  kalt.  Gleich  der  Mangel  an  Colunmenüberschrifben 
—  die  Dichter  sind  bloß  mit  römischen  Zahlen  bezeichnet  —  ist  so  hinderlich  nnd 
unpraktisch  als  möglich.  Um  beim  Aufschlagen  zu  wissen ,  welchen  Dichtier  man 
Tor  sich  hat,  ist  es  nun  nöthig,  jedes  Mal  entweder  das  Register  zu  befragen  oder 
nach  vorwärts  zu  blättern  oder  die  Zahlen  auswendig  zu  lernen  oder  endlich,  was 
am  meisten  zu  empfehlen  ist,  jeder  Seite  die  betreffenden  Namen  überzuschreiben. 
Diese  Unterlassung  ist  nicht  etwa  die  Folge  von  Verg«8slichkeit  oder  eines  bei 
Gelehrten  nur  zxl  häufig  Torkommenden  Ungeschicks ,  nein ,  es  ist  yielmehr  Grund- 
sate ,  nichts  zur  Bequemlichkeit  der  Leser  zu  thun.  Darum  auch  hier ,  wie  in 
den  meisten  aus  diesen  Händen  herrorgegangenen  Ausgaben ,  die  fast  yollständige 
Abwesenheit  aller  Erklärungen,  die  dem  Leser  über  sachliche  und  sprachliehe 
Schwierigkeiten  hinweghelfen  und  das  Verständniss  erleichtem  und  befördern  könn- 
ten. Alle  solche  Erläuterungen,  die  über  gelegentlich  beigebrachte  Parallektellen 
oder  über  metrische  Feinheiten  etwa  hinausgehen ,  werden  geflissentlich  gemieden, 
aws  Besiorgntss,  dadttrch  die  angebenden  Jünger,  wenn  man  ihnen  die  Sache  gar  zu 
leicht  naeht,.  zur  Trägheit  zu  yerletten  und  d^n  Dilettaautismus  Vorschub  za  leisten; 


LFTTERATDIL  '  507 

als  wenn  es  in  der  altdeutsohen  Philologie  sonst  keine  Schwierigkeiten  zu  über*' 
winden  gäbe ,  und  als  wenn  die  Denkmäler  altdeutscher  Poesie  bloß  für  Studenten 
und  einige  Philologen  Ton  Profession  da  wären !  In  der  That  wird  die  nicht  unbe- 
irftekttiebe  Anzahl  unter  den  Gebildeten,  die  ein  Herz  für  die  Vergangenheit  unser» 
Volkes  haben,  und  toü  Eifers  und  guten  Willens  sind,  diese  aus  den  Quellen  kennen 
zu  lernen,  als  nicht  vorhanden  betrachtet.  Wie  könnte  sonst,  statt  sie  liebevoll  zu 
sich  heranzuziehen  und  ihnen  bei  ihrem  löblichen  Bestreben  hilfreiche  Hand  zu 
bieten.  Alles  so  absichtlich  drauf  angelegt  werden ,  sie  abzukühlen  und  abzusteigen, 
dadurch  daß  man  ihnen  -ungenießbare ,  unverständliche  Bücher  in  die  Hände  gibt? 
Diese  kahlen,  aller  Erläuterungen  haaren  Ausgaben  sind  dann  auch  die  Quelle  jener 
trsnrigen  Zwittergeschöpfe ,  die  nicht  altdeutsch  und  nicht  neudeutsch  sind ,  ich 
meine  jener  sprachverderbenden,  handwerksmäßigen  Übersetzungen ,  die  mit  er- 
schreckender  Sdinelligkeit  sich  mehren ,  und ,  indem  sie  das  Nichtverstandene  wohl 
oder  übel  dennoch  übersetzen ,  statt  eine  richtige  Kenniniss  der  mhd.  Poesie  zu  be« 
fördern,  davon  nur  ein  Zerrbild  liefern  und  jedes  ernstliche  Studium  der  alten  Sprache 
und  Litteratnr  mehr  und  mehr  untergraben. 

In  der  einen,  durch  Beneokes  Sorgfalt  ausgezeichneten  Ausgabe  des  Iwein  hatte 
sich  der  exegetische  Eifer  der  Schule  schon  im  ersten  Anlauf  erschöpft ,  und  ein 
zweiter  Versuch ,  der  diesem  ersten  nur  entfernt  gleich  käme ,  ist  nicht  gemacht 
worden.  Lachmanns  Ausgabe  des  Nibelungenliedes  (1826)  entbehrte  28  Jahre  lang 
des  so  nothwendigeü  Wörterbuches,  und  als  es  (1854)  erschien,  war  es  fast  schon 
zu  spät.  Wolfram,  der  schwierigste  aller  mhd.  Dichter,  ist  noch  heute  ohne  einen 
von  berufbnen  Händen  verfieissten  Commentar:  weil  man  nicht  gleich  Alles  hat  er- 
klären können  (so  lautet  wenigstens  die  Ausrede),  wurde  gar  nichts  erklärt,  und  aa 
diejenigen  Leser,  welche  erklärende  Anmerkungen  wünschten,  wurde  die,  wir  wollen 
sagen  • —  naive,  Forderung  gestellt:  nsie  müssen  erst  sagen,  was  sie  nicht  wissen, 
was  ihnen  selbst  dunkel  scheine,  wo  sie  Hülfe  brauchen **  (Wolfiram  S. IX)-  Mit 
solchem  Hohn  verstand  Lachmann  die  »vorschnellen  Tadler"  abzuweisen.  Darf 
man  sich  unter  diesen  Umständen  wundern,  wenn  Jeder,  der  nicht  dabei  sein  muß, 
der  altdeutschen  Litteratur  den  Rücken  kehrt,  und  wenn  der  Leserkreis ,  statt  sich, 
wie  man  bei  einer  so  jungen  Wissenschaft  erwarten  sollte ,  mehr  und  mehr  zu  er- 
weitem, von  Tag  zu  Tag  enger  wird  ? 

um  schließlich  auf  des  Minnesangs  Frühling  zurückzukommen ,  so  wären  hier 
eingehende,  erläuternde  Anmerkungen  so  noth wendig  und  noth wendiger  gewesen, 
als  bei  jeden  andern ,  namentlich  epischen  Dichtungen,  schon  weil  die  Ljrik ,  diese 
subjectivste  aller  Dichtarten ,  mit  ihren  wechselnden  Stimmungen  und  Formen  dem 
Verständnisse  weit  größere  Schwierigkeiten  darbietet,  als  die  epische  Poesie.  Von 
alle  dem  findet  der  Leser  hier  so  zu  sagen  nichts:  durch 's  ganze,  sonst  so  schöne 
Buch,  schön  durch  den  Inhalt  und  schön  durch  die  Ausstattung,  weht  Ein  erkälten- 
der Hauch.  Wer  ist  zu  einem  Commentar  mehr  berufen,  ja  nicht  bloß  das,  sondern 
verpflichtet,  wenn  nicht  der  kritische  Bearbeiter,  der  eben  bei  der  Bearbeitung  weit 
tiefer  in  den  Sinn  und  Geist  der  alten  Texte  einzudringen  hat,  als  der  Leser,  dem 
es  nur  zu  häufig  theils  an\  Gerüste  (mit  unsem  größten  Wörterbüchern  kommt  man 
dabei  nicht  weit),  theils  an  Zeit  und  Kraft  dazu  gebricht?  Selbst  diejenigen,  die 
vom  Mittelhochdeutschen  etwas  zu  verstehen  glauben,  werden  hier  Manches  finden, 
was  ihnen  ganz  unverständlich,  Vieles  wtU  ihnen  mindestens  dunkel  ist  und  worüber 


608  UTTERATUR. 

man  der  Herausgeber  MeiDimg  zu  erfohren  wohl  verlangen  dürfte.  Wie  wird  es 
erst  den  Laien  ergehen,  die  durch  den  ungewöhnlichen  Titel  und  die  reizende  Außen- 
seite bestochen  das  Buch  zur  Hand  nehmen  ?  Der  Inhalt  wird  ihnen  so  spanisch  wie  der 
Titel ,  er  wird  für  die  Mehrzahl  derselben  ein  yerschlossenes  Buch  sein ,  Dank  der 
Vornehmheit,  die  sich  etwas  zu  yergeben  und  die  Wissenschaft  zu  profanieren 
wähnte,  wenn  sie  für  diese  Leser  den  Schlüssel  zum  Verständnisse  gleich  beifügte. 

Es  fehlt  nicht  an  warnenden  und  klagenden  Stimmen  aus  dem  Laienstande  über 
den  verkehrten  Betrieb ,  der  in  der  deutschen  Philologie  herrscht.  Sie  haben  ein 
Recht  gebort  zu  werden,  wer  aber  hört  sie  ?  J.  V.  Schefiel,  der  uns  in  seinem  Ekke- 
hard  (Frankfürt  1856)  von  dem  Leben  der  obem  Lande  im  10.  Jahrhundert  ein  so 
leben s warmes,  anmuthiges  Bild  entworfen  hat,  macht  über  das  Treiben  und  die  Me- 
thode in  unserer  Wissenschaft  die  treffende  Bemerkung,  sie  sei  im  Ganzen  „eine 
Litteratur  von  Gelehrten  für  Gelehrte ,  an  der  die  Mehrzahl  der  Nation  theilnahms- 
los  vorüber  gehe  und  mit  einem  Blick  zum  blauen  Himmel  ihrem  Schöpfer  danke, 
daß  sie  nichts  davon  zu  lesen  braucht"*  (S.  IL)  Noch  bezeichnender  sind  die  Äuße- 
rungen Julian  Schmidts  bei  Gelegenheit  einer  Anzeige  von  Haupts  Ausgabe  des 
Neidhard  (Grenzboten  1858,  Nr.  12,  S.  477):  „die  Methode  des  Herausgebers,  seine 
entschlossene ,  feste ,  rücksichtslose  Kritik ,  das  mächtige  Wissen  und  die  stolze 
Sicherheit  sind  in  unserer  Gelehrtenwelt  bekannt  genug.  Möge  jetzt  auch  das 
Publikum  Freude  daran  gewinnen.  Aufrichtig  sei  gestanden  ,  wir  würden  dankbar 
sein,  wenn  uns  der  Herausgeber  zuweilen  etwas  mehr  von  dem  langen  und  müh- 
samen Wege  gezeigt,  auf  dem  er  zu  Resultaten  gekommen  ist ,  die  jetzt  kurz  und 
glatt  vor  uns  liegen ,  wie  etwas,  das  sich  von  selbst  versteht.  Sein  Selbstgefühl 
mag  der  Bewunderung  Solcher  entbehren ,  welche  aus  dem  großen  kritischen  Appa- 
rat auf  die  Größe  der  Arbeit  schließen,  aber  auch  wer  achtungsvoll  in  seinen  Wegen 
geht ,  würde  ihm  Dank  wissen ,  wenn  er  öfter  sein  Zeichen  an  dem  Gestrüppe  der 
Wildniss  erblickte,  um  da  irrige  Abwege  zu  vermeiden,  wo  den  Germanenhäupt- 
ling ein  Wissen  leitet,  welches  ihm  fest  wie  ein  Instinkt  geworden  ist.** 

Gewiss  muß  an  dem  von  uns  ausgesprochenen  Tadel  etwas  Wahres  sein,  wenn 
selbst  ein  so  treu  ergebener  Freund  sich  nicht  enthalten  konnte,  solche  Klagen  und 
Ermahnungen  in  sein  Lob  einzustreuen.  / 

WIEN,  November  1858.  FRANZ  PFEIFFER 


•9'  ^  »ij»^Mt»*r«<.<f  < 


=.==d 


REGISTER 

ZUM  ERSTEN  BIS  DRITTEN  JAHRGANG. 


ANGEFERTIGT  VON  ANTON  PERNHOFFEB. 


4  =  ftn  3,  66. 

aadybeel  Tel  3,  1. 

Aargao,   Schweizersagen  aus 

dem  1,  502.  S,  253. 
Abraham  a  S.  Clara  Ober  die 

Kindeszacht  1,  152. 
Abgesaog;  sein  Yerb&ltniss  zu 

den  Stollen  2,  291.     Zer- 

leguig  d.  Abgesangs  2, 295. 
Aefaenheim,  der  von  3,  232. 
Adalfidns  2,  475. 
Addanz  2,  397. 
Adelfaeit;  von  der  ubeln  A.  und 

ihrem  mann  1,  270. 
Adelphos  Joh.  2,  505. 
Adsednü  2,  477. 
Aeboeno  3,  41. 
agayt  1,  281. 

Agazi,  Hag$DS  Vater,  3,  180. 
Aim^  von  Varennes  1,  241. 
Aimotnofl  1,  37. 
ainlif  1,  19. 

Aist,  siehe:  Dietmar  von  A. 
AI,  Johannes  2,  503. 
Alamannus  1,  40.   Alamanni- 

scher  Dialect  3,  147. 
Alanen  1,  42.  44. 
Albaner  1,  42  44. 
Alberich  Ton  Besan^on  2,  30. 

449.  459.   seine  Sprache  2, 

460.  seine  Lebenzeit  2, 462. 
Albheid  2,  475. 
Albrecht  von   Kepienaten  1, 

295.  319.  321. 


Aldinflis  und  Aldinselae,  in  der 
Eckensage  1,  123. 

Aldrian  3,  185. 

Alebrand  1,  291. 

Alemannisches  ELinderlied  und 
Kinderspiel  aus  der  Schweiz 
2,382. 

Alezanderlied;  Quelle  des 
deutschen  A.  1,  273.  367. 
zum  provenz.  Alezander- 
fragment 2,  95.  Alezander- 
lied des  Pfaffen  Lambrecht 
2,29.  Zeitbestimmung2,32. 
'  Verhältniss  der  beiden  Hss. 
2, 32.  Verhältniss  zum  Anno- 
liede  2, 37.  Sprache  2.  38. 
3,  494.  Lambert  von  Hers- 
feld als  Verfassei*  2,  29. 
46.  provenz.  Bearbeitungen 
vor  Alberich  2,  454.  An- 
spielungen in  provenz.  Ge- 
dichten 2, 454.  Abfassungs- 
zeit des  Alezanderliedes  von 
Alberich  2, 462«  zum  roman. 
Alezander  2,  441. 

Alf  Hialpreks  Sohn  3,  184. 

Alfaidus  2,  474. 

Alfida  2, 474. 

allerwegen  2,  488. 

Allofia  2,  89. 

Almosen«  das  warme  1,  262. 

Almpni  3,  43. 

Alpensagen  3,  253. 

Alpbart  1,  292.  Alpharts  Tod 
2,  502. 

alswA  2,  486. 


Altdeutschen  Gesprochen ,  zu 
den  3,  48. 

altfiant  3,  18. 

alwec,  2,  487. 

alwegen  2,  488. 

Ambla  3,  44. 

Amblardus  3,  44. 

Amblinus  3,  44. 

Amblulfus  3,  44« 

Ambricus,  3,  45. 

Ambulfus,  3,  45. 

Amelung  1,  33a 

Amfortas  2,  391. 

Amint  1,  277. 

Amlethus  1,  455. 

Ampflise  2,  392. 

an  in  der  thüring.  Mundart  3, 
393. 

Ancfais  1,  36. 

Andfind,  die  Sage  von  2,  230. 

Andreas,  der  heilige  1,  77. 

Andvari,  3,  181. 

Äneas,  ein  altfriuz.  Gedicht, 
über  1,  368. 

Angelsächsische  Glossen  3, 
221. 

Angeltheow  1,  299. 

Anjou  2.  397.  398. 

Annolied;  der  Dichter  des 
Annolieds  2,  1.  Verhältniss 
des  Annoliodes  zur  Eaiser- 
chronik  2,  3.  Bildung  des 
Dichters  2,  9.  Verbesse- 
rung des  Teztes  2,  11. 
Zeitbestimmung  der  Ab- 
fassuDg  2,  14.  21.    Ver- 


510 


REGISTER  ZUM  L— n[.  JAHRGANG. 


hAltniss  des  Liedes  cnr  Tita 
2,  15.  Yerhältniss  des  Lie- 
des IQ  Lambert  von  Hers- 
feld 2,  21.  Lambert,  der 
Verfasser  d.  Amio]iedes2,27. 
VerhältnisB  zum  Alexander- 
Uede  2,  37. 

Annore  2,  400. 

Ansegisiliis  1,  36. 

AnsUeubis  cnjosdam  Gothonim 
episcopi  glossariam  1,  359. 

ant  in  den  Zusammensetzungen 

1,  220. 
Antenoriden  1,  37. 
Antikonie  2,  408. 
an]>ar,  andar,  ander  1,  32. 
apensad  1,  280. 
Arasvertos  2,  474.  476. 
Archives  des  missions  scienti- 

fiqnes  et  litt^raires  2,  505, 

Argaid  2,  474. 

Argefrado  3,  298. 

Aristoteles  und  Phyllis  1,  25& 
bruoder  Aristotiles  3,  234. 

Amive  2,  395. 

amorieus  2,  89. 

Arsenius  3^  412. 

Art  =  Gegend,  Landfichait  1, 4. 

Arthur  2,  395. 

Artus  1,  294.  Artus  und  Os- 
wald 2,  466. 

Arremeru.  dieXrojasage  1, 51. 

ascherde,  1,  355. 

Asciburgium  1.  48. 

asohrco  3,  43. 

aspendier  2,  172. 

Attila,  ein  ahfranz.  Gedicht 
über  1,  368. 

Attraction,  über  einen  Fall  der 

2,  410. 

Auftakt  im  mhd.  Vers  2,  107. 
az  für  daz  3,  50.. 
Azedmär  2,  475. 
azdts  2,  475. 

Badagad  3,  299. 

bägen,  sich  1,  226. 

Bairisch-Osterr.  Yoealismus  2, 
252. 

Baidur;  zum  Mythus  Ton  Bal- 
durs Tod  2,  48. 

Balthasar  von  Mecklenburg  1, 
59.  60.  61.  241. 

balzen  2,  169. 

Barbarossa  yon  Joh.  Adelphus 
Z,  505. 


Bardo,  3,  43. 

Barengestim  1,  76. 

Basel ,  vom  Kaufiinann  zu  1, 
270. 

Baslerische  Kinder-  und  Volks- 
reime  2«  382. 

BassuB  1,  37. 

beÄcen  2,  354. 

Beacums  2,  396. 

Bdälzenan  2,  407. 

Bebikon  2,  496. 

beel  Tel  aad  3,  1. 

Begues  Ton  Belin  1,  7. 

Beheim,  Michel  3 ,  227.  309. 
327. 

Beichte,  die  1,  262. 

Belakane  2,  400. 

Benoit  de  Sainte-More  2,  49. 
Auszüge  aus  seineiti  Roman 
de  Troyes  2,  61.  177.  307. 

Beowulflied,  das  1, 385.  Beo- 
wulf  Scylding  1,  397.  Beo- 
wulf  Eeg]>edwxng  1,  403. 

Berchta  3,  172.  255. 

Berfrigus  3,  300. 

Bertha,  die.  Sage  tob  der  rech- 
ten und  falschen  1,  438. 

Berthold&baar,  die  1,  90. 

Bertran  von  Marseille ,  la  vie 
de  sainte  Enimie  von  3, 383. 

Besan^n,  siehe  Alberich  t.  B. 

Besenfelder  1,  5. 

betfagia  2»  89. 

biberans  1,  355.  2,  508. 

Biene  und  Bienensegen  aus 
Pommern  1,  107.  Bienen- 
vater 1,  108. 

Bigandus  2,  504. 

Binnenreim  2,  298. 

Birberg,  Walther  von  3,  436. 

Birhtinlö  1,  88.  Birtinloe  1, 
89.90. 

Bim,  die  halbe  1,  259. 

biscUbit  3,  1.  4. 

Bisenzün»  Eiberich  von  1^288. 

Biuginsoelp  3,  4,  5. 

Bizi  2,  170. 

bläch  3,  335. 

Bligger  von  Steinach  2,  502. 

blilinde  1,  356. 

Bliocadras  2,  401. 

Blutritt  zu  Weingarten  1 ,  78. 

Bogener  sieh:  Otto  der  B. 

Bolko  11.  Herzog  Ton  Münster- 
berg  in  Schlesien  1,  247. 

Bolze  2,  168. 

bolzen  2,  169. 

bOn  für  boam  3,  66. 


Boner,  das  beraische  Geschledit 

der  1,  117. 
Bonikt  und  Parön  1,  9. 
Brabant;  Lieder  Herzogs  Jan  1. 

von  B.  3,  154. 
Bracca  und  Porsa  1,  9. 
Brado  3,  42. 
Brandan  1,  493. 
Breca,  Breoca  1,  405. 
Bricktts  2,  395. 
Britto  1,  40. 
Brobarz  2,  407. 
brochseln  3,  442. 
Brosinga  mene  1,  410. 
Braehsal  2,  496. 
Brumbane  2,  392. 
Brünhild  3,  189. 
büelin  3,  442. 
Bughenscelp  3,  4. 
Bukarester  Bunenring,  der  2, 

209. 
bulge  1,  355. 
bunder  3,  328. 
Burtenlay,  Burtenlehen  1,  89. 
Busant,  der  1,  260. 
Buse  2,  170. 

D. 

Dach,  Simon  2,  446. 
Dsghrefn  2,  353. 
Dahenfeld,   Siegfried  von  l, 

237. 
Daniel   von    Blumenthal  und 

Alberich  von  BesaD^oii  2,29. 

449.       Abfassungszeit  des 

provenz.  Gedichtes  2 ,  462. 
Danise,  Königin  2,  452. 
Dares  Phrygius  1,  36. 
dan  3,  7. 
daz!  3,  7. 
St.  Denis ,   der  Chronist  von 

1,  37. 
deyne  1,  280. 
Diaconus,  Paulus  1,  36. 
Diebsegen    aus    Ponuieni  1> 

105. 
Dieprecht  2,  168.  l70. 
Dietmar  1,  291. 
Dietmar  von  Aist  2,  493.494. 

3,  488.  505. 
Dietrich  1,  291.  306. 
Dietrich  von  Bern  1, 121. 30i 

315.    als  Bauem£reimd  1) 

340. 
Diezelin  2,  168.  170. 
Diuolspot  3,  303. 
dige  3,  50.  * 


BSGOSTEB  ZUM.  L— HI.  JAHBOANG. 


Sil 


doch  in  der  B«d0tttiiiig 

mmii  bei  Zahlen  1 ,  26. 
Draehensagen  2,  846.     Dra- 

chensage    bei   Wnnnüngen 

1,305. 
Drak  1,  104. 
Dral  (Dran)  1»  121. 
Dreieinigkeit,  Gebete  an  die 

hL  8,  355. 
dr^  3,  1.  5 

Dnuenloeh  b^  Mains  1,  100. 
dry,  magna  l;  246. 
Dnodecimalsystem ,  das  dent- 

Bche  1,  217.  221. 
Dnriacfa,  der  Ton  3,  230. 
Dnme,  Beinbot  Ton  1,  371. 

E. 

£4dgUs  1,  414. 

£alia2,  355.  857. 

Eastra,  Eostra  1,  66. 

eb3,42. 

Ebanleob  %  41. 

£banolt3,  41. 

Eb&rolt  3,  41. 

Ebene  3,  41. 

Eber,  Freis  1,  478. 

Ebraneus  2,  401. 

£cg>edw  1,  402. 

Eekart  1 ,  292.    Eckart  von 

Jörg  Wickzam  2,  505. 
Ecke  sieb  Eggenlied. 
ETangelienharmonie,  altsAchs. 

1,266. 
ETrawo  2,  401. 
Efroc  2,  401. 
Eggenlied  1,  320.    Heimath 

der  Eekensage  1,  120. 
Egtdora  3,  173. 
EgUgat  3,  299. 
Eigr  2,  396. 

Elke  Ton  Repgow  1,  382. 
Eilbirk«n,  Wald  bei  Kelheim 

1,77. 
eilf  1,  21. 

Einheijer  in  Mn«piUi  3,  19. 
Einhim  1,  359. 
einlifil,21. 
eit ,  ags.  Ad  und  ahd.  eitar  2, 

349. 
Elbe  3,  172. 

Eiberich  Ton  ßisenziüa  1,  268. 
elleTan,  eieren,  1,  21. 
Eilerbach,  Pappli  von  1,  382. 
Elftfiische  Mnndart  3,  411. 
Elsentroie  3, 179. 
Emeishofen,  BtolM  ton  1,  5. 


Emita  3,  299. 

endleofan,  entlafon  1,  21. 

Enenkel  2,  258. 

enforcar  2,  442. 

Enide  2,  397. 

eolh  1,  125. 

Eomaer  und  Heming  1,  297. 
466. 

£otaland2,344. 

Eotenas  2,  344. 

Eppe,  meister  1,  3.  10. 

Erbnwnnd  3,  303. 

Erdmännlein  1,  2. 

Erec  2.  397. 

Ercblais  2,  392. 

Erlösung,  die ;  sprachliche  £r- 
Uuterangen  dazu  3,  328. 
—  die  Prager  Hs.  3,  480. 

Ermbrada  3,  43.  46.  Erm- 
bradns  3,  42. 

Ernst,  Herzog  1,  461. 

Erringen,  der  von;  GOnner 
Ulrichs  T.  Tttrheim  2,  252. 

Erziehung  der  Knaben  im 
Mittelalter  1,  136. 

Eschenbaeh  sieh  Wolfram. 

Esel;  von  dem  lewen,  dem 
ochsen,  dem  esel  und  dem 
swein  1,  272.  das  Esels- 
spiel 1,272. 

Etiücns  Hister  1,  35. 

Eticho,  Weif  1,  76. 

Etzel  1,  293.  269. 

ewilendi  2,  101. 

Eyrland  1,  489. 

F    U.    V. 

Valaskialf  3,  4. 

YaUcyrien  3,  176. 

Fallende  Sucht  2,  377. 

Famurgan  2,  395. 

FaDggen,  die  3,  255. 

▼ans  bei    zusammengesetzten 

Zahlen  1,  26. 
faera  bei  zusammengesetzten 

Zahlen  1,  26. 
Faramnndus  1,  35.  40.  41. 
Fasold  1,  292. 
Vassus  1,  36.  43.  52. 
faz  1,  274. 
Feirefiz  2,  404.   . 
Feldbauer,     das    Mttre    vom 

1,  346. 
Veldeke  sieh  Heinrich. 
Felix,  Bruder  1,  267. 
Fenga  2,  508. 
Yerena^,  Legende  von  1»  502. 


Vergnlahi  2,  400. 

Venreder,  van  den  2,  172. 

Vert;  LAnge  des  Verses  aus 
den  metrischen  Begeln  Hes- 
lers  und  Jerosohios  1,  198. 
Yersschlttsse    3,     68.    69. 

2,  108.     yenB>  in  MuspilM 

3,  8. 

Verschleifong  der  Sylben  1, 
200. 

Fidegart  2,  475. 

Fidubert  2,  475. 

Fierabaccia  (ein  altital.  Ge- 
dicht) 1,  368. 

fifel  3,  174. 

Fillaz  3,  273. 

Finn,  König  der  Friesen  2, 351 . 
354.  362. 

Fiörgyn  1,  484. 

firgen  1,  246. 

firgenbucca  1,  484. 

firgengit  1,  484. 

VirgiUus  1,  267. 

Fitela  2,  344. 

Fizzüo  2,  346. 

S.  Florencius  1,  77. 

Flnrdamnrs  2,  399. 

Vogelweide  sieh  Walther  ▼. 
d.V. 

Eolcwald  2,  351.  362. 

F6le  2,  393. 

Volker  1,  292. 

Volkslieder,  über  die  deutschen 
3.  129. 

Volksmärchen  aus  dem  Sach< 
senlande    in    Siebenbürgen 

2,  120. 

Volmar,  bruoder  3,  232. 
VOlsungar  2.  358. 
Völund  3,  176. 
Vorarlberg,    die  Sagen    yon 

3,  253. 
vorhoubet  3,  444. 

Vos  Beinaerde,  van  den  3, 121. 
Vostaert,  Pieter  1,  495. 
Fradello  3,  298. 
Fradinus  3,  298. 
Fradmarr  3,  298. 
Frado  3,  298. 
Fraganus  3,  297. 
Fragenger  3,  297. 
Fragibert  3,  297. 
Fragiledus  3,  298. 
Fraegr  3,  297. 
Frahamot  3,  29a 
Frahniu  3,  298. 
Fraighems  3,  297. 
Frakkland  2.  346. 


612 


BEGISTEB  ZVM  L->m.  JAHRGANO. 


Franken,  die  Trojaiage  der 
1,34.  2,379.  Francil, 
44.  Francio  1,  35.  der 
Ton  Franken  (Prediger)  3, 
233.  Francu  1,  36.  37. 
40.  49. 

Frankreich;  der  König  von  F. 
und  der  ungetreue  Mar- 
Bchalk  1,  259. 

Fratinus  3,  298. 

Fran;  die  Frau  im  germ. 
Norden  1,  395.  Frauen- 
zucht  1,  258. 

YrAz  (nom.  prop.)  1,  225« 

Fredegarins  1,  34. 

Freiberg«  Heinrich  von  2,  253. 

Freidank  1,  294.  über  Bern- 
hard F.  2,  129.  die  Grab- 
ftchrift  in  Treyiso  2,  130. 
der  Name  2,  135.  der  Vor- 
name Bernhard  2,  136. 
unterschobene  Sprüche  2, 
138.  bürgerlicher  Stand  F*s 
2,  145.  sein  Reim  und 
Versbau  im  Vergleich  zu 
Walther  2,  152.  Flick- 
wörter bei  Freidank  2,  156. 
die  Bescheidenheit  2,  158. 
Freidank  bei  Hugo  von  Trim- 
berg  2,  418. 

Freigin  3,  297. 

Frei's  Eber  1,  478. 

Freund,  Johannes  1,  483. 

Frideberg,  der  von  3,  227. 

Friderich  von  KöUen  3,  436. 

Friga,Frigusl,34.43.  3,299, 

Frigbod  3,  299. 

Frigeder  3,  299. 

Frigeridus  3,  299.  300. 

Frigeus  3.  299. 

Frigueho  3,  299. 

Friggjarrockr,  Friggero^k  1, 75. 

Frigidus  3,  299. 

Frigier  1,  34.  43. 

Frigigat  3,  299. 

Frigius  1,  37. 

Frigobert  3,  299. 

Frictrung  1,  246. 

Frinnt,  der  3,  229. 

frd  und  hdrro  1,  235. 

Frosch;  von  dem  storg  der 
frosch  got  1,  272. 

Fuchs;  von  dem  lewen,  dem 
wolfe  und  auch  von  dem 
fuchs  1, 271.  von  dem  fuchs 
und  der  katzen  1,  272. 

Vulfilas  (das  goth  Alphabet) 
1, 124. 


Vundram  3,  302. 
Funtan  3,  302. 
Vuntbert  3,  302. 

G. 

Gabeistein,  der  ron  3,  232. 

Gabilün  1,  479. 

Gachschepfen,  die  1,  238* 

6ahevie0,  Ither  von  2,  397. 

Gahmuret  2,  400. 

Galates  1,  43. 

St.  Gallen,  der  Probst  zu  1,265. 

Galoes  2,  400. 

Gampillün  1,  479. 

ganchaft  1,  355. 

Gandin  2,  397. 

Gang  nach  dem  Eisenhammer 
3,  410. 

G&rel  vom  blühenden  Thal 
3.  23. 

Garin  der  Lothringer  1,  7« 

gamasch  2,  87. 

Garschiloye  2,  392. 

Garulf  2,  355. 

Gaschier  von  Normandie  2. 404. 

Gautar  1 ,  387. 

Gawan  2,  395.  396. 

Gawein  1,  294. 

Geaten  1,  387. 

Gebete  an  die  hl.  Dreieinigkeit 
3,  355. 

Geiger,  Conrad  3,  261. 

Geistliches  Schauspiel  3 ,  267. 

Gengenbach ,  Pamphilus  2, 
122.  Rudolf  von  Gengen- 
bach 3,  227. 

Genovefa,  die  Sage  von  1, 437. 

St.  Georg;  altfranz.  Bearbei- 
tung 1,  371.  Leich  auf  S. 
Georg  2,  502.  ein  Spiel  von 
S.G.  1,165.  171.  Legende 
1,  167.  191. 

Gerhard  und  die  dankbaren 
Todten  3,  199.   2,  256. 

Germane;  über  das  Alter  des 
Germanennamens  in  der 
Litteratur  1,  156.  389. 

Germania ,  Handschrift  der 
1,  356. 

Gernot  3,  177. 

Gertrud,  Mutter  1,  77. 

Gervasiu«  von  Tilbury  1,  368. 

geschsret  2.  87. 

Gibich  3,  177.  182. 

Gibika  3,  171. 

Gicht,  die  2,  377« 

Gielis  van  Molhem  1.  493. 


GiUis  1,  253. 

Ginovre  1,  294. 

girre  3,  328. 

Girregar  Meister  1,  262. 

Giukunge  3,  171. 

Glasberg,   der  1,   425.  426. 

2,  241. 

Glossen ;  Glossar  E  des  Jonios 

1,  111.  Glossen  Ry  1, 113. 
angels.  Glossen  3,  221. 
ahd.  Glossen  3, 351.  Tegero- 
seer  Glossen  3,  359. 

glückespfennig  3,  442. 

Gödekes  Grundriß  zur  Ge- 
schichte der  deutschen  Dich- 
tung 2,  491. 

Godomar  3,  177. 

Goldhaar  2,  121. 

Gothen ,  das  Grosshundert  bei 
bei  den  2,  424. 

Gothische  und  langob.  Hand- 
schriften 1/358. 

Gottfried  von  Hohenlohe  2, 254. 

Gottfried  von  Straltburg,  Lob- 
gesang 3,  59.    seine  Reime 

3,  62.  sein  Versbau  3^  68. 
Lied  von  der  Armuth  3,  79. 

Götz  von  Tübingen  1,  15.17. 
Graal,  Cretiens  li  contes  del 

2,  426. 

Grabhügel ;  Versammlungen 
an  denselben  1,  95. 

Graharz,  Gurnemanz  ron  2, 
393 

GrAland  3,  219. 

Gialkönige,  das  Geschlecht  der 
2,390. 

Graumantel,  der  1,  484. 

Gregor;  eine  altfranz.  Bear- 
beitung des  Lebens  Gregors 

1,  373. 
grelle,  diu  1,  356. 
Grendel  1,  400.   2,349. 
Grimblandusj  Grimlandos  3,46. 
GrimhUd  3.  178.    194.  195, 
Grimr  Oegir  2,  350. 
Gringuljet  3,  104.  102. 
Grombricus  3,  45. 
Grumoldus  3,  45. 

Guanna  3,  50. 
Güdhere  2,  358.  355. 
Gudrun  1,124.  Gudrunstrophe 

2,  263. 

Guülems  IX.  Graf  von  Feitien 

1,367. 
Guiot  von  Provinz  und  Wolfram 

von    Eschenbach  3,   446. 

Gniots  L^beusiiinstiiide  3, 


REGISTER  ZUM  I.— HL  JAHRGANG. 


513 


453.  AbliusimgfiBeit  der 
Bible  S,  454. 

Gmnppeoberg^  Christoph  Ton; 
Beutcer  der  zweiten  Münch- 
ner Kibelnngenhandschrift 
1,204. 

Ganther  1,  292.  2, 358.  260. 
.  3,  177. 

Gunienle  1,  81. 

Gw»o  1,  88. 

Gamemanz  von  Graharz  2, 393. 

Gürtl,  der  1,  261. 

Gnragri  2.  394. 

Guthorm  3,  177. 

Gnylem  de  Cerreyra  1,  368. 

Gwenhwyyar  2,  395. 


Hackelberg  1,  104. 

Hsedcyn  1,  403. 

HAdaer  und  die  Trojasage  1, 50. 

Hagano  1,  38. 

Hagen  1,  292.    3,  178. 

Haimbradns  3,  42. 

Haifrek  3,  185. 

HaUe,  der  Ton  3,  234. 

HaItricb,yolkBmArehen2, 120. 

Hambrada  3,  43. 

Hamleikr  1,  457. 

Hamlet  1,  455.  457. 

fian  in  der  thflring.  Mnndart 

3,394. 
Hans   Sachs;     eine   Auswahl 

ans  seinen  Werken  3,  381. 
har  für  her  im  Reime  3,  66. 
Härder  3,  312.   . 
Hardidns  3,  299. 
Hardieft  Ton  Gascogne  2,  404. 
Harid  3,  299. 

Hartem,  Nicolans  de  1,  493. 
Harm  1,  10» 

Hartrehns,  Hartnens  3,  299. 
Hartman  1,  295. 
Hasenbraten,   der  entlanfene 

1,  261* 
h<»t  nnd  htUte  in  der  thüring. 

Mundart  3,  391. 
haords  3,  3. 
Hansen,  Friedrich  von  1,  480. 

3  482. 
Heardred  1.  414. 
Heidin,  die  1,  261. 
Heilung  durch  Anrufung  der 

Sonne  1,  79. 
Heimdali  in  Muspilli  3,  20. 
Heime  1,  292. 


Heimo,  Gedicht  yon  2,  435. 
'  Hein,  Freund  3,  l79. 
>  beinenkleed  3,  l79. 
■  Heinrich,  der  arme  1,   126. 

3,347. 
'  Heinrich,  König  2,  477. 

Heinrich  vin  Freiberg  2,  253. 
i  Heinrich  Ton  Kempten  1,  259. 

Heinrich  von  Meningen  3,  304. 
482.  503. 

Heinrich,    Sohn   des   Weifen 
I      Etieho  1,  76. 
I  Heinrich  von  Veldeke  3, 492.  ff. 
I  Heinz  2,  169. 
.  Heldenbuch,  das  1,  504. 

Heldensage ,     zur    deutschen 

2,  344.  507.  434. 

HAlias  an  die  Stelle  Wuotans 

in  MuspiDi  3,  17.  18. 
HeUand  1,  255. 
Helka  1,  293. 
HeUebeke  3,  173. 
Hellebome  3,  173. 
HeUeput  3,  173. 
Helm;    Ausdrücke    dafür    im 

Beowulfliede  4,  393. 
Heming,  Eomaer  und  1,  297. 

455. 
Heppid  3,  299. 
Herbort  von  FritsiArund  Benoit 

de  Sainte  More  2,  49.  177. 

307. 
Herbrand  1,  291. 
Heremod  2,  362. 
Herta,  König  1,  6. 
Hertething  1,  7. 
Hermann  von  Sachsenheim  1, 

361. 
Hero  und  Leander  1,  260. 
herre  in  der  thüring.  Mundart 

3,  393.    h6rre  3,  49.   h^rro 
1,  235. 

Hersfeld,  sieh  Lambert  ▼.  H. 

Herwig  l,  293. 

Herz,  das  (NoveUe)  1,  260. 

Herzeloyde  2,  392. 

Hesler;  seine  metrischen  Re- 
geln 1,  192. 

Hetware  2.  352. 

Hialprekr  3,  184. 

HiczenpUcz  3,  273. 

Hiez  2,  169. 

HUde  1,  293. 

Hildebrand  1,  291. 

IBldeburg  1,  293.   2,351. 

Hildegard,  die  Sage  von  1, 
437. 

HUdeginiu  3»  297. 


Hildegrin  1,  292. 

Hilmptrud  3,  46. 

hiltim  3,  43. 

himilzungal  3,  7. 

hinke  3,  335. 

Hinze  2,  169. 

Hister,  EÜiieus  1,  35. 

hlav,  hlAv  1,  89. 

hIaiF  3,  3. 

hieithra  3,  3. 

hlid  3,  1. 

HlidskialfS,  4. 

hlin^n  3,  3. 

Hnäf2,  351. 

Hö  und  Hoppr  1,  10. 

Hoffzucht,  die  1,  272. 

Hohenloch,  Gottfried  von  2, 
499. 

Hohenlohe,  Gk)ttfried  tod  2, 
254. 

Höoingas  2,  351. 

Holda*s  Elbereich  3,  172. 

Hoppr  und  Hö  1,  10. 

Horand  1,  293. 

Horid  3,  299. 

Hörselberg,  Sagen  vom  2, 
232. 

houg,  hangr  1,  95. 

Hrödel  1,  403. 

HrödgAr  1,  397. 

Hrotghat  3,  299. 

Hrothulf  1,  302. 

Hrotstitha,  die  Werke  der 
3,  375. 

Hugas,  die  2,  352. 

HugbaJd  und  das  Ludwigtlied 
1,234. 

Hugo*s  Ton  Trimberg  Leben 
und  Schriften  2,  363. 

Hngones  2,  352. 

Hugotheodericus  2,  362. 

Hnlda  3,  256. 

Hülzing  3,  314. 

Hünaland  2,  346. 

hund,  decas  1,  218. 

Hund;  von  dem  wolff  and  dem 
hunde  1,  271.  Der  hont 
mit  dem  bein  1,  272. 

Hunding,  König  2,  353.  Hun- 
dingas 2,  354. 

Hundland  2,  353. 

hundlege  1,  16. 

Hünferd  1,  408. 

Huon  von  Bordeaux  3«  243. 

hurt  3,  3. 

hüttekost  1,  355. 

hv  1.  129. 

HygelAo  1,  404.    2»  352. 
33 


614 


BEGISTJEE  ZUM  L— lll.  JABBOANG. 


I    U.    J. 

Jagd;  Wodans  Jagd   1,  1Q2. 
Jagdhunde  1,  9.  11.  Jftger. 
brevier  3,  251.    Jagermesse 
1,  IB.  17. 
Jan  1.  von  Brabant  3,  154. 
ib  3,  42. 
IbliB  2,  409. 
Ibnminga  1,  94. 
Icel  1,  301. 
Ider  fyl  Noyt  2.  397. 
Jean  de  Calais  3,  203. 
Jeroschin;  die  metrischen  Re- 
geln des  Nicolaus  ?.  J.  1, 
192. 
Jgerne  2,  395. 
-m  in  der  thüring.  Mundart 

3,  393. 
inaz  3,  48.  49. 

Inguse  von  Bahtarliez  2,  391. 
inmethi  3,  51. 
Instrumentalis,    der  deutsche 

3,  151. 
Joannis  •  Tragoedia  (von  Job. 

AI)  2,  503. 
Johannistag  2,  231.  232. 
Johansdorf,      Albrecht      yon 

2,  262. 
Jochgrimm  1,  121. 
Jotar  2,  344. 
Irot  2.  409. 

Isidor,  zum  1,  462.  Zeitbe- 
stimmung der  Übersetzung 
des  Isidor  1 ,  467.  Angel- 
sächsisches im  J.  1 ,  470. 
Finnin,  Verfasser  der  Über- 
setzung des  Isidor  1,  472. 
Isolde  1,  294. 
Istio  1,  49. 

Ither  von  Gahevieß  2,  397. 
Itony§  2, 396. 
Jutnacynn  2,  344. 
Iwanet  2,  397. 
Iwein  1,  294.  2,  163.  3,  338. 


C  u.  E. 

cabir  2,  443. 

C&dmons    des    Angelsachsen 

bibl.  Dichtungen  1,  244. 
Kai  2,  396. 
Kaiserchronik ,  Abfassung  der 

2,  13.  * 

Kaiserstuhl   bei  Kissingen  1, 

96. 
Kaland,  der  2,  50a. 


camelin  3,  334. 
Campatille  1,489. 
Kantelberg,    Thomas  von   1, 

266. 
Capelün  1,  479. 
Kardeiz  2,  403. 
Karel  en  £legast  1,  492. 
Kari  der  Grosse   1,    75.  76. 

268. 
Karlmeinet  2,  502. 
Karsnafide  2,  397. 
Kaspar  von  der  Roen  1,  53. 
239.  Inhalt  der  Handsschrift 
1,60. 
Katechismus ,      Wolfenbüttler 

1,473. 
Kater;   deutsche  Namen   des 

Katers  2,  168. 
Cato,  fraui.  Bearbeitung  des 

1,  374. 
Katze ;  von  dem  fuchs  und  der 
katzen   1  ,  272.      von    des 
schuechters  katzen  1 ,  272. 
kaun  1,  125. 
Kaylet  2,  404. 
ceir  1,  389. 
Kemenaten,  Albrecht  von  1, 

295  319.  321. 
Kempten,  sieh  Heinrich  v.  K. 
Cerveyra,  Gnylem  de  1,  368. 
Keye  2.  396. 
Chattuarii  2,  352. 
Chauci  2,  351.  353. 
ehest  1,  276. 

Chochilaigus,  König  2,  352. 
Chrestiens     de     Troyes     und 
Wolfram    von    Eschenbach 
3,  81. 
Chrimhildenspindel  1,  74. 
kilhouwe  1,  354. 
KilUrjacach  2,  404. 
Kinder-     und    Hausmärchen 

2,239. 
Kinderlied,  Alemannisches  2, 

382. 
Bundloß  1,  70. 
Kingrisin  2^399. 
Kingrum  2,  407. 
Kippid  3,  299. 
Klamide  2,  407. 
Clarischanze    von    Tenabrok, 

2,  392. 
das  1,  273. 
clida  3,  1. 
Klingsor  schwarzer  ton  3,  315. 

316.  318. 
EJinschor  2,  408. 
cUth,  ditha  3,  3. 


Clnse,  Matur  von  2,  451. 
codanus,  sinus  1,  385. 
KOUen,  Friderich  von  3,  436. 

der  lesemeister  von  K.  3« 

241. 
Kölnische  Mundart ,  über  die 

3,  493.  flf. 
Kolmar ,  die  drei  Mönche  vod 

1,  263. 

König,    der  nackte   1,  264. 

2,  431. 
Gonciolegis  1,  82.  88.  92. 
Konrad  von  Lothringen  1,  91. 
Konrad  von  Würzburg  3,  257. 

Konrad  von  Tübingen  1,  l7. 
Contzelech  1,  83.  88. 
Korweis,  in  der  3,  326. 
Coslascoyt  2,  394. 
kouwe,  diu  1,  364. 
Krankheiten,  Particip.  praes. 

für  2,  377. 
Krebs;  von  dem  wolff,  seinem 

sun  und  von  dem  krebs  1, 

271. 

Crescentia  1,  259.  438. 
Crestien;  über  eine  Handschrift 

von    Prestiens    Credichte  li 

contes  del  Graal  2,  426. 
Kriemhiltenstein  1,  75. 
KröU,  sieh  Simprecht. 
Kübeler,  der  3,  229. 
Kundrie  la  surziere  2,  393. 

Kundrie  la  belle  2,  396. 
Kundwiramurs  2,  407. 
Kunkel,  Kunkelberg  1,  74. 
Cuncile  1,  82,  92. 
Cunzo  1,  88,  92. 
Kuperan  2,  508. 
Kupferton.  der  3,  317»  323. 
kuppervlinke  1,  355. 
Kuprian  1,  295. 
Kuräz  3,  219. 
Kürnberger,  der  2,  492« 
kürsen,  kürsenlin  2.  87. 
Kuse,  der  3,  234. 
Czers;  der  Tumey  von  dem 

Czers  1,  271. 


L. 

Lachmann&mhd.  Metrik  2, 10& 

lachter,  daz  1,  354. 

Lambert  von  Hersfeld  der  Ver- 
fasser des  Annoliedes  2, 27. 
und  des  Alexanderiiedes  2, 
29.  46.  sein  Leben  2, 
47. 


REGISTER  ZUM  L-IH.  JAHRGANG. 


516 


Lammlre  2,  899. 

Langile  1,  89. 

Lao^obardisehe  und  gotbische 
Handscbriften  1,  358. 

LaDcelot  1,  493.  294. 

Lanselen  1,  89. 

Li^ppenhaasen  1,  384. 

1»8,  bei  zusammengesetzten 
Zahlen  1,  25. 

Lanremberg,  Johann  2,  298. 
445. 

Lanrin  8,  256 

Lazaliez  2,  397. 
^  16  1,  88.  90. 

Le  am  Seestrande  1,  235. 

Leander,  sieh  Hero. 

Leren,  bmoder  Heinrich  Ton 
3,  242. 

Leiblein  3,  275. 

Leiningen,  Friedrich  von  1, 
254. 

LechTelt  1,  85. 

Lempfrit,  bmoder  3«  231. 

Leseh,  Albreeht  3,  314. 

Lesemeister,  der,  zno  den  Au- 
gustinern 3,  229.  der  1.  Ton 
Rollen  3,  241. 

Letanie  1,311. 

leu  2,  442. 

Leutold  von  Pleien  1,  249. 

Lew;  von  dem  lewen,  dem 
wolfe  und  auch  von  dem 
fuchs  1,  27l.  von  dem  le- 
wen dem  ochsen  dem  esel 
und  dem  swein  1 ,  272.  Ton 
dem  lewen  und  der  meüs 
1  ,  272.  von  dem  jungen 
lewen  1,  272. 

li,  le,  Uo,  lei  3,  48. 

Liaze  2,  394 

Hb  zur  bildung  von  eilf  und 
zwölf  1,  222. 

lidskialf  3,  4. 

Lienhart,  der  heilige  1,  76. 

lifl,20. 

-lieh  in  der  thüring.  Mundart 
3,  393. 

Lilien,  die  geistlichen  3»  56. 
Liliencron  über  die  Nib.Hs.  C. 
2,  122. 

ling  1,276. 

Linouwe,  Heinrich  von  1,  319. 

321. 
Livius,    HaMdschrift    des    1, 

356. 
Lobgesang  Gottfrieds  v.  Stras- 
burg 3, 62.  die  Reime  3, 62. 
Zeugniss  Konrads  3,  76. 


16gel  3,  441. 

Logrois,  Orgelouse  von  2,  396. 

Lohengrin  3.  244.  der  bair. 
Dialect  im  L.  3,  245. 

Loherangrin  2,  407. 

Lorrais,  Chanson  des  1 ,  493. 

Lot,  EOoig  2,  395. 

Ludwig  3,  393.  bmoder  Lude- 
wig 3,  230.  Ludwig  von 
Thüringen  3,  410.  Ludwig 
des  Frommen  Kreuzfahrt 
1,247. 

Ludwigslied,  über  das  1,  233. 

Lüftelberg  1,  76. 

Lufthildis  1,  75.  76.  78. 

Lusaka  und  Ruska  1 .  9. 

Luthers  Bibelübersetzung  2, 
109. 

Lyrik;  der  Strophen* <au  in  der 
deutlichen  Lyrik  2,  257. 

M. 

Mabonagrin  2,  397. 

Madagran,  König  2,  452. 

moBg  1,  460. 

Magnus;  über  die  vita  S. 
Magni  1,  93. 

Mahaute  2,  394. 

Mai  und  Beaflor  L  435 

Mailehen  1,  65. 

Manfred  und  Sophroniske  3, 
208. 

Map.  Walter  1,6.  493. 

St.  IVtargaretha  (franz.  Bear- 
beitung) 1,  374. 

Märhelde ,  das  Geschlecht  der 
1.306. 

Maria;  Marienklage  1,  243. 
3,  281,  ein  altfranz.  Ma- 
rienleben 1,  373.  Marien 
Bräutigam  1,  265,  Mariae- 
rock  1 ,  75.  Marien  Pfarrer 
1,  265.  Maria  und  der 
Maler  1.  264.  Maria  und 
die  Mutter  1 ,  264.  Maria 
und  die  Sündenwage  1,  265. 
Maria  und  die  Hausfrau  1, 
265.  Marien  Ritter  und 
der  Teufel  1,  265. 

Marklo  an  der  Weser  1 ,  97. 
98. 

Marslo,  Marsle  1,  97.  . 

Marso  1,  98.  Marsberg  1,  98. 
Marstem,  Marsheim  1,  98. 

Massageten  und  der  Sonnen- 
kultns  1,  79. 


Matelane  1,  489. 

Matur  von  Clüse  2,  451. 

Maudi  2,  170. 

Mauzi  2,  170. 

Mazadan  2.  394. 

medh  1,  342. 

Meisterges&nge  aus  dem  XV. 

Jahrhundert.   3,  307. 
Meleranz   von   Frankreich   2, 

600. 
Membrada  3,  43. 
Memel,   Johannes   Petros   de 

2,445. 
Merewioingas,  die  2,  352. 
Mercurius     bei     den     Britten 

1,  245. 
Metrik ;  die  metrischen  Regeln 

des   Hesler    und  Jeroschin 

1,  192.  Lachmanns  mhd. 
Metrik  2,  105. 

Metrologisches  und  Geographi- 
sches aus  dem  Wessobranner 
Codex  2,  88. 

Metta,  Magd  1,  77. 

mid  im  Angelsächsischen  1, 
343. 

Midgardschlange ,  die  2,  348. 

Miese,  Mieze  2,  170. 

Michel  Beheim ,  sieh  Beheim. 

Michel  von  Würzburg  2,  372, 
376. 

min  bei  zusammengesetzten 
Zahlen,  1,  25. 

min  im  vocativ  2,  464. 

Minnerede,  die  3,  360. 

Minnesangs  Frühling  3,  481. 

Minss  2,  170. 

mit;  regiert  die  Präposition 
mit  den  Accusativ?  1, 
341. 

Mittelniederländische  Gedichte 

2,  172. 428.  mnl.  Umarbei- 
tung des  Nibelungenliedes 
1,  213. 

Moissac,  der  Annalist  von  1, 

37. 
Molhem,  Gielis  van  1,  493. 
Mönch,    der    schwangere    1, 

261 
Mönz  2,  170. 
Moriaan,     der    Roman     von 

1,  500. 
Möriant  1,  489. 
Morungen ,      sieh      Heinrich 

von  M. 
Möranc  1,  489. 
MuU,  Mulle  2, 170. 
Mundofaeda  2,  475. 


516 


REGISTER  ZUM  L— m.  JAHRGANG. 


Münchner      Nibelungenhaod- 

Schrift,  die  zweite  1»  202. 
Monsalv&sche  2,  392. 
Moriele  1,  89. 
Mospilli  1,236.   3,  7.     Zer- 

legnng    in    drei   Lieder  3, 

12. 
Motz,  Mutiel  2,  170, 
Mystiker,   Sprüche  deutscher 

3.226. 


N. 

Nachtigall,  Rath  der  3,  129. 
Frau  Nachtigall  3, 129.  die 
freie  Nachtigall  S,  144. 
Aussprüche  der  Nachtigall 
3,  146. 

Nanteis,  Tnmei  Ton  2,  503. 

Narfi,  3,  301. 

nazselida,  3,  48. 

Nebelkappe  3,  177. 

Neriuog  3,  301. 

Nerbo  3,  301.        ^  '  " 

Neribo  3,  301. 

Nets,  des  Teufels  3,  21. 

Neuss;  Reimchronik  der  Stadt 
Nenss  von  Christian  Wier- 
straat  1,  242. 

Nibelinns  1,  293. 

Nibelungenlied  1,  202.  207 
3, 51.  mittelnl.  Umarbeitung 
1 ,  213.  Übersetzung  1, 
504.  Handschrift  C.  2, 122. 
Nibelungenstrophe  2, 259.  d. 
Nibelungensage  3,  163.  die 
nordische  Gestalt  der  Sage 
3«  164.  die  Nibelunge  3, 
170.  177.  der  Nibelungen- 
hort 3,  181.  der  historische 
Theit  der  Sage  3,  195. 

S.  Nicolaus,  Bruchstück  einer 
-Legende  vom  2,  96. 

Nicolaus  de  Hariem  1,  493. 
bruoder  Nicolaus  3,  229. 
Nicolaus  und  die  Ruthe  1, 
147. 

Niederdeutsche  Osterreime  2, 

164. 
Niederrheinische  Mundart,  üb. 
die  3,  493.  u.  ff. 

Nifland  1,  489. 

Nipingr  3.  172. 

Niuwenach ,     Niunach     siehe 

Nüweftch. 
Niuwenburg,    bruoder  Fride- 1 
rieh  Ton  3,  228. 


Nile,  diu  1,311. 

Nones  1,  121. 

nurahari  3,  44. 

Nüweaoh,  Heinrich  von  1,  10. 

Nüzzen,  der  von  3,  228. 


0. 

6  =  ou  3,  66. 

Oberge,  Eilhard  von  2,  495. 

Oddrun  3,  170. 

Ogier  li  Denois  1,  492. 

Oegisdyr  3,  174. 

Ochs;  von  dem  lewen,  dem 
ochsen ,  dem  esel  und  dem 
swein  1,  272. 

Ongen]>eöw  1 ,  404. 

Ordinalzahlen ,  zusammenge- 
setzte 1,26.  219. 

Orgelouse  von  Logrois  2, 
396. 

d*Orleans,  mistere  du  si^ge 
2,  505. 

örtelin  Sicke,  bruoder  3,  232. 

Ortenburg,  Graf  Joachim  von ; 
Besitzer  der  zweiten  Münch- 
ner Nihelungenhandschrift 
1,203. 

Orthographie;  die  Schrift  des 
Hieron3rmu8  Wolf:  De  or- 
thographia  Germanica  1, 
160. 

Ortwein  1,  295. 

Osning  in  der  Wilkinasage 
1,  122. 

Ostara  1,  66. 

Osteralp  1,  72.  Osterberg  1, 
72.  Osterfingen  1,  72. 
Osterfladen  1,  69.  Oster- 
hom  1, 72.  Osterkopf  1,  72. 
Ostersonnentanz  1 ,  67. 
Ostersteine  1,  72. 

Österreich  3,  142. 

Osterreime,  niederd.  2,  164. 

Osterza  1.  72. 

Oswald  2,  467. 

Otia  imperialia  des  Gervasius 
von  Tilbury  1,  368. 

Otfried  1,  37.  2,  384.  Hand- 
schrift 1,357.  die  Göttweiger 
Abschrift  3,  359. 

Otto  der  Bogener,  Gönner  Ul- 
richs von  Türheim  2,  251. 
254. 

Otto  von  Turne  2,  444. 

Ougestburg ,  her  Heinrich  von 
3,226. 


Pamphilus      Gengenbach    2, 

122 
Parale  1,  77. 
Paris  1  ,  38.    der  Schüler  zu 

Paris  1,  260. 
Paron  und  Bonikt  l,  9. 
Parthenopeus    und  Melier  1, 

500. 
Parzival  1,  293.    2.  81.  405. 

über    die    Eigennamen  im 

P.  2,  385.  eine  Emendation 

Lachmanns  3«  7l. 
Passglftser,  zur  Geschichte  der 

1,  477. 
Paulus  Diaconus  1,  36. 
Peicht,  dy  falsch  1,  270. 
Peitieu,  Guillems  IX.  Graf  von 

1,  367. 
Pelrapeire  2,  407. 
Pennin c  1,  495. 
Percheval  li  Gaioüs  h  125. 
Peredur  2,  405. 
Perihtilinpara,  die  1,  91. 
Pessack  3,  275. 
Pest,  die  2,  377. 
Pfaffe,  der  geäfite,  1,  263. 
Pfalzgrafenweiler  1,  2. 
Pferdeopfer  1,  73.  79. 
Phyllis,     Aristoteles   und    1, 

258. 
Phöbus  1,  79. 
Physiologus,    der    ältere    3, 

360. 
Pieter  Vostaert  1,  495. 
Piligat  3,  299. 
Piligrin  1,  293. 
Pirmin  1,  472. 
Plaier,  der  2,  500. 
Pleien,  Leutold  von  1,  249. 
Pleier  2,  500.     seine  Heimath 

3,  25.   seine  Bildung  3, 26. 

seine  Quelle  im  Garel  3, 28. 

23.  25. 
Plinius    über    die    deutschen 
.     Kriege  1,  356. 
Porsa  und  Bracca  1,  10. 
Praeterita,  die  ahd.  3,  147. 
Predigtbruchstücke     1 ,    441- 
Predigtmärlein  3,  407.    Pre- 

diftentwürfe  3,  360. 
Predyr  2.  405. 
preys  1,  279. 
PriameUi  3,  368. 
Priamus,    erster    Kdnig   der 

Franken  1,  34.  40.  43. 
Priarius  1,  43. 


REGISTER  ZUM  1.-01*  JAHRGANG. 


617 


PrieifcentttKl  M  den  Deut- 
schen 1,  222. 

Proeessionen  nm  die  Felder 
1,78. 

prodeluz  1,281. 

Psahnenübersetsnng,  eine  ror- 
Notkerische  2,  d8. 

Pnse  2,  170. 


Quakenbrück  3,  4. 
qnene  1,  355. 


Rftdlein,  das  1,  262. 

nun;  damit  susammeogesetste 
Worter  2,  383. 

Ramm  2,  170 

Raptardns  3,  301. 

redekorbe  1,  355. 

regart  1,  280. 

Regenbogen  blawer  ton  3, 316. 
324.  langer  R.  3,  320. 

Reigher,  ran  den  2,  173. 

Reiher,  der  1,  261. 

Reim;  ans  den  metrischen  Re- 
geln Heslers  nnd  Jerochins 
1,  197.  201.  Ordnung  des 
Reimes  in  den  beiden  Stollen 
2«  289.  Dnrchfahrung  durch 
die  ganze  Strophe  2,  296. 
Reim  im  Mnspüli  3.  8.  bei 
hSfisehen  Dichtem  3,  62. 

Reinaert ;  ?an  den  lewen  en- 
^n  beren  ende  Tan  Reinaert 
den  vos  2,  l74. 

Reinbot  Ton  Dome  1,  37l. 

Reinhard  Fuchs  3,  121. 

Reize  2,  169. 

Remigius  von  Rheims  1,  77. 

Renner,  der  2,  368.  372. 

Rennewart,  der  2,  250. 

Repanse  2^  392. 

Repego wische  Chronik  1,  381. 

Reptila  3,  301. 

Ribalt  2,  169. 

-rieh  in  der  thüring.  Mund- 
art 3,  393. 

Richaude  2,  391. 

Riedesel  1,  77. 

Ring,  der  (von  Heinr.  Witten- 
weiler)  ],  329. 

Ringgenberg  1»  119.  i 


ritter  in  der  thüring.  Mundart 

3,  393. 
Ritter  don,  grues  im  3,  324. 
Roen,  sieh  Kaspar  von  der  R. 
Rockenstein,    Rockenberg  1, 

76. 
Roland  1,  294.    Zeugniss  fOr 

die  Chanson  de  R.  1 ,  486. 
Roelant  1,  492. 
Romanus  1,  40. 
Romfart,  von  der  1,  27l. 
Rorico  1,  37. 
Rossberge  1,  72. 
Rüdeger  1,  292. 
Rnmolds  Rath  2.  81. 
Ronenalphabet,  das  1.  124. 
Runenring,    der  Buckarester 

2,209. 
Runkelstein,   die  Fresken  im 

Schlosse  2,  467. 
Runze  2,  213. 
Ruska  und  Luska  1,  9. 
Ruthe  küssen  1,  134. 
Rutze,  Rütze  2,  213. 


s. 

Sabbins  2,  408. 
Sagalo  3,  300. 
Saganhart  3,  300. 
Sagato  3,  300. 
Sagevardus  3,  300. 
Sagildis  3,  300. 
Saginbuddus,    Sagintruda  3, 

300. 
Sahho3,  300. 
Sahmar  3,  300. 
Sahnert  2,  474. 
Sachs,  Hans  3,  881. 
Sachsen ,      Sagenschatz     des 

Königreichs  1,  370. 
Sacbsenheim,    Hermann   von 

1,361. 
Saelde  1,294.  2,436. 
Salomo  2,  431. 
Samanildis  3,  41. 
Ssmanolt  3.  41. 
Sambar  3,  41. 
Samdrud  3,  41. 
Samila  2,  473. 
Samner,  der  (von  Hugo  von 

Trimberg)  2,  374. 
Samo,  SAmo  3.  41. 
Samuin  3,  41. 
Samuuih  3,  41. 
Saner  2,  474. 
SangiTO  2,  395. 


Sanieldus  2,  473. 

Sanila  2,  473. 

Savüftuo  2,  474. 

Sancoii  2.  474. 

Sannon  2,  473. 

Sanprat  2,  473. 

Santen  1,38.46. 

Santinosa  2,  452. 

sapi  1,  275. 

sanr  1,  279.  2,  442. 

Schaff;  von  dem  wolff  und  dem 

schaff  1,271. 
Schaf gotsch  1,  78. 
Schaiach  1,  2. 
Schaich  1,  2. 
Schainbuoch  1,  2.  16. 
schalkbaere  3,  444. 
Schauspiel,  ein  geistliches  3, 

267. 
Schehabeddin,  die  Geschichte 

▼om  Scheich  2,  432 
Scheiblein  3,  275. 
Schenteflurs  2,  394. 
Schöpfen  1,  238. 
Soherilo  3,  120. 
Schertweg,  Jacob  2,  504. 
Scherus  3,  120. 
Schianatulander  2,  391. 
Schiff;    Bezeichnungen    des- 
selben im  Beowulfliede  1, 

394. 
Schilbonc  3,  4. 
schintfessel  2,  345. 
Schl&gel,  der  1,  262. 
Schlauraffenland  2,  246. 
Schneewittchen  2,  489. 
Schnepperer,  der  3,  371. 
SchOlielin,  der  3,  230. 
Schonbuch  1,  2. 
SchoOUe  2.  397. 
Schoye ,  ürepance  de  2,  391. 
Scho76iane2  391. 
Schr&tel;  das  Schrätel  und  der 

Wasserbär  1.  264. 
SchrOtel,  das  1,  418. 
schubestein  1.  355. 
schürbrant  2,  87. 
M.  Schüttenhelm  de  Augusta 

und    das    Spiel    vom    beil. 

Goorg  1,  169. 
Schwanensage;     Heimath    l, 

439.  Bezug  auf  Wuotan  1, 

440.  die  Seelen  Gestorbe- 
ner als  Schwftne  1 ,  421. 
Schwanfrauen  2,  120.  die 
Sage  vom  Schwanritter  1, 
418.  490. 

Schwert,  das  1,^.394. 


518 


REGISTER  ZUM  L-IH.  JAHRGANG. 


Seebarg,  Königin  snJochgriiniii 

1,  121. 
Seele  und  Leib  8»  396.   Seelen- 

Wanderung  2,  120. 
Sege,  des  tufel8  3»2]. 
S6gean  2,  358. 
Segensfonneln ,    die   Wiener- 

3,123. 
Segramors  2,  396. 
Sehnert  2,  474. 
leim  3,  65. 
Secgan  2,  358. 
secbine  3,  329. 
Selga,  Fraw  2,  438. 
semedips  l,  282. 
lemgleyr  2,  442. 
Senard  2,  473. 
Senarios  2,  473. 
Senedeas  2,  473. 
Senepert  2,  473. 
Senera  2,  473. 
SeuvarduB  2,  473. 
Senila  2,  473. 
Seniofred  2,  473. 
Senkung  im    mhd.   Verse   2, 

105. 
Senn,  Sennert  2,  474. 
Sennovetns  2,  473. 
Senoband  2,  473. 
Senova  2,  473. 
Senocb  2,  473. 
Senopus  2,  474. 
Senreth  2.  473. 
Senrich  2,  474. 
sesterai  3»  50. 
setim  3,  329. 
Sentildns  2,  476. 
si   Verkürzung  aus   üzsi,    üz 

3,49. 
Sibille,  die  Königin  3,  243. 
Siegfried   1,    292.     3,  183, 

186. 
Siegfried    Ton    Dabenfeld    1, 

237. 
Siegfried  Ton  Morland  1 ,  489. 
Siegwein  1,  295. 
Sifrit  2,  358. 
Sigebertus    Gemblacensis    1, 

37. 
Sigeferd  2,    344.  355.  357. 

359. 
Sigefred  2,  358. 
Sigemund    und    Sigeferd    2, 

344. 
Sigbelberga  2,  474. 
Sigipedes  2,  216. 
Sigjas  2,  358. 
Signy  3,  180. 


Signne  1,294.  2.391. 

Signrd  2,  358.  508. 

Sihora  2,  448. 

Sicamber  1,  49. 

Sicambria  1,  35.  37.  45. 

Sicgas  2,  358. 

Siciliana,  die  2,  294. 

Sicobotes  2,  215. 

Simprecht  Kröll  1,  170. 

sindös  1.  485. 

SinfiOtli  2,  345. 

Singenberg  3,  6. 

Sinopos  2,  474. 

Sintarfizilo  2,  345. 

Skagofiördr,  Skagaströnd  1,  2. 

Scagaha  1,  2. 

Skagi  1,  2. 

Skarenza  3,  120. 

Scariberga  3,  120. 

Scarius  3,  120. 

seealfingstdl  3,  5. 

scelb  3,  1. 

Skelfir  3,  4. 

scelp  3,  1.5. 

sc61pan  3,  4. 

Scerolf  3,  120. 

Skilfingr  3,  4. 

Scilpunc  3,  4. 

scöpas,  die  1,  391. 

scufpa  3,  4. 

Scyld  1,  396. 

SlAvenienbüs  2,  88. 

Sleigertächlin  1,  361. 

smauda  3,  50. 

Solstein  1,  72. 

8on  in  der  tbüring.  Mundart 
3,  391. 

Sonek  1,  7l. 

Sonne  1,  79.  80.  Sonnen- 
berg 1,  68.  71.  Sonnen- 
brunnen 1 ,  79.  Sonnen- 
bnrg  1,  71.  Sonnenjoch  1, 
71.  Sonnkogl  1,  71.  Son- 
nenlehen 1 ,  63.  Sonnen- 
leitstein  1 ,  7l.  Sonnen- 
spiegel 1 ,  79.  Sonnen- 
spitz 1,71.  Sonnentanz  1, 
67.  Sonnenwendjoch  1,  71. 
Sonnenwende  2, 228.  Sonn- 
tagskinder 1 ,  80.  Sonn- 
tagshom  1,  7l. 

sor  2,  441. 

SovßoiTTioi  2,  216. 

soyientreyr  1,  280. 

Spelten ,  sieh  Walther  von 
Sp. 

Sperrogel  2,  493.  3,  481. 
I  Sperwer,  der  3,  233. 


Spiegels  abenteuer  1,  361. 

Spindelsteine  1,  74.  75. 

Spödo  3,  303. 

Spothild  3,  303. 

Spdtmer  3,  303. 

spratzeln  3,  442. 

Sprüche  deutscher  Mystiker 
3,  226. 

Stabat  mater  in  duitsche  3, 
161. 

Stanze,  die  ital.  2,  294. 

Stapa  und  Stntt  1,  9. 

Staudenfnes  3,  275. 

Steinach,  Bligger  von  2,  502. 

Steinberc,  Werpbart  von  2, 
494. 

Steinmar,  braoder  3.  234. 

stempfei  1,  355. 

Stemegazze ,  der  von  3,  235. 

Stiefeti,  der  Bannr&uber  3, 
254. 

Stollen,  Verh&ltniss  der  bei- 
den 2,  288.  Verh&ltDiss 
zum  Abgesang  2,  291. 

Storg ;  von  dem  storg  der  frosch 
got  1,  272. 

Strassburg ,  sieh  Gottfried 
voh  St. 

Strassburgische  Mundart  3, 
411. 

gtrasse  in  der  thüring.  Mund- 
art 3.  390. 

Streckefofi,  Streckebein  2, 241. 

Stricker  2,  498. 

Strophe;  Dreitheiligkeit  der- 
selben 2,  283.  Siebenzei- 
ligkeit  derselben  2,  286. 
achtzeiiige  Strophe  2,  287. 
der  Strophenbau  in  der 
deutschen  Lyrik  2,  257. 

stuatago  3,  7. 

studfawl  3,  373. 

Stutt  und  Stapa  1,  9. 

Suessiones  2,  216. 

Suevi  2,  216. 

Sugambri  2,  215. 

Suleviae,  matres  2,  216. 

Suliyia,  Minerra  2,  216. 

Sündenfall ,  der ;  niederd. 
Schauspiel  1,  243. 

Sunna,  Sunno  1,  81. 

Sunnilt  1,  81. 

Sunnunchalp  1.  310. 

Süntel  1.  72. 

Suona  1,  81. 

Snrdamur  2,  396. 

Susanne  als  Benennung  tod 
Glocken  2,  383. 


REGISTER  ZUM  I.-in.  JAHRGANG. 


619 


SYdn  2,  215. 
swebeleite,  diu  1,  354. 
Swödani  1.  387. 
Bweif  1,  354. 
SweoDen  1»  387. 
Sykelgaita  2.  474. 
Sylbenf enchleilaDg,  siah  Yer- 
schleifong. 

T. 

Tadid  3,  299. 

taihon  1,  21. 

taihuntdTis  2,  42*. 

tal  als  masc.  3,  330. 

Tämpenteire  2,  393. 

töva  2,  425. 

Tegerien  1,  89. 

t^hund  1,  23.  217. 

Teichner,    Heinrich    der    1» 

375. 
Tempelherrnorden »  Guiot  Ton 

ProTins  ftber  den  3,  449. 

458. 
Tenelant  1,  489. 
Tennestetten»  der  tod  3,  233. 
Tewesen,  Tewesken  2,  305. 
Theopfailns    und    der    Teufel 

1,  265. 

Tbierfabel  in  der  Predigt  2» 
306. 

Thomas  von  Kantelberg  1» 
266* 

Thorir  2.  347. 

Thüringen,  Landgraf  Ludwig 
▼on  3,  410.  QuantitfttsFer- 
hftltnisse  der  thüringischen 
Mundart  3,  385. 

Tibalt,  Tibert  2,  168.  170. 

tibdh,  tibdo  2,  171. 

tielloch  1.  108. 

tigjas  1,  22. 

tigus  1.  217.  222. 

Tiibury,  Gerrasius  tou  1» 
368. 

Tirol;  Heimath  der  Ecken- 
sage 1,  121.  die  Personen- 
namen Tirols  in  Beziehung 
auf  deutsche  Sage  und  Litte- 
raturgdftchichte  1 ,  290. 
Tirols  Mythen  und  Sagen 
3,  253. 

Titnrel  2,  390.   Titnrelstrophe 

2,  263. 
tolf  1,  21. 

Thoman,  bruoder  3,  232. 
Tojgotitf  1,  37.  38. 


Torchi  1,  37.  44. 

Torqui  1,  35.  44. 

Torquot  1,  35. 

toyl  1,  274. 

Trabe,  das  Abenteuer  vom 
2,223. 

Trabesan  2,  474. 

Trebuchet  2,  392. 

treffe  yertriben  3,  5. 

Trevrecent  2,  391. 

Trey  in  der  Wilkinasage  1, 
123. 

Trimberg,  Hugo  tou;  2,  363. 
ein  Franke  2, 364.  Lebens- 
zeit 2,  367.  seine  Schriften 
2,  367.  Handschriften  vom 
Renner  2,  372.  Freidank 
▼on  ihm  benützt  2,  418. 

Tristan  1,  294. 

Troja ,  die  alte  3,  l79.  Tro- 
jades  1,  38. 

Trojasage  der  Franken  1,  34. 
2,  379.  bei  den  Galliern 
1,  50.  bei  Normannen  und 
Langobarden  1,  47. 

TriisiUh  1,  99.  100. 

Tübingen ,  die  Pfalzgrafen 
▼on  1,  1. 

Tnrandot  1,  263. 

Türheib,  rieh  Uolrich  von  T. 

Türing,  bruoder  3,  239 

Turchot  1,  35.  45. 

Turci  1,  35. 

Turcus  1,  38. 

Turne,  Otto  ▼on  2,  444. 

tuz,  sieh  zur. 

tralepti,  tralaftl  1,  221. 

tvaUf  1.  19. 

Twimant  ?on  Gereit  2,  451. 


V  u.  ü. 

Überkuono    (nom.    prop.)    1, 

225. 
ülfilas,  die  ▼erlomen  BUtter 

des  2,  342. 
Ulixes  1,  48.  49. 
Uhrich  ▼on  Zazikhoyen  2,  496. 

3,480. 
Unverdorben  (nom.  prop.)  3, 

273. 
Ungendus  1,  299. 
U|gesmach  (nom.   propr.)  1, 

225. 
Unibos  1,  359. 
Unmikze  (nom.  propr.)  1»  225. 


Uolrichs  von  Türheim  Renne- 

wart  2,  250. 
uosezzel  3,  480. 
Urepanse  de  Schoye  2,  391. 
Urions  3,  108. 
St.  Ursenspiel  von  Job.  Wag. 

ner  2,  504. 
Uta  1.  293. 
Uthepandragun  2,  395, 


w. 

Wagner  Joh.  (St.  Ursenspiel) 
2,504. 

Wace,  Richard  1,  372. 

W&leis  in  der  Gudrun  1 ,  489. 

Walewein,  der  Roman  van  1. 
494. 

Walgannus  2,  395. 

Walganus  3,  40. 

Walle  und  Wille  1,  3.  10. 

Wälsing  2,  358. 

Walter  1,  293.  Walter  Map 
1,  6.  493. 

Waltgina  3,  297. 

Walther  von  Birberg  3,  436. 

Walther  tou  der  Yogelweide  1, 
250.  475.  zwei  Lieder  2, 
470.     sein  Tagelied  2,  261. 

Walther  von  Spelten  1 ,  248. 
250. 

Wandalgat  3,  299. 

was  in  der  thüring.  Mundart 
3  388 

Wealh>edw  1,  409. 

WÄd  1,  101. 

Weihnacht,  die  2,  229. 

Weinschwelg,  der  3,  210. 

Weissenburg,  Otfrid  von  2, 
384. 

Uuelisinch  2,  345. 

Welisunc  2,  345. 

Weltbaum  2,  121. 

weniger  bei  zusammengesetz- 
ten Zahlen  1,  25. 

Werner  1,  295. 

Wernher  von  Niederrhein  1, 
223.     2,439. 

Wessobrunner  Codex;  Metro- 
logisches und  Geographi- 
sches daraus  2,  88. 

Wettenhausen,  Kloster  1,  77. 

Wiebert  3,  43. 

Wicbrad  3,  43. 

Wickram,  Jörg  2,  505. 

Wiedingharde  1,  77. 

Wieland  der  Schmied  3,  176. 


S20 


REGISTER  ZUM  I.-III.  JAHRGANG. 


Wienftraat,  ReimchroDik  des 

Christian  1,  242. 
Wigalois  1,  294. 
WigUf  1,  416. 
ITiglet  1,  '56. 
Wilde   Mk  a,    der   1,    223. 

2,439. 
Wilhelm  tod  Tübingen  1,  15. 
W*  .e  und  Walle  1,  3.  10. 
Windeck  3,  273 
Winsbeke  2,  501. 
Wirtemberg,     daz    jad     von 

1,  269. 
Wirtzeborge,    der  maier  von 

1,  262.  271. 
Wiselanwe ,  Tan  bere  1,  492. 
Withow  1,  3. 

Wittenweiler,  Heinrich  1,  329. 
Wittich  1,  292. 
Wöd;  de  Wöd  taeht  1 ,  101. 

de  Wdd'  jöcht  1,  102. 
Woden;  ein  Beitrag  aar  deut- 
schen Mythologie  2,  119. 
Wolfdietrich  1,  309 
Wolf,  Hieronymus;  s.  Schrift 

de  orthographia  Germanica 

1,  160. 
Wolfenbüttler  Katechismus  1, 

473. 
Wolff;  Tou  dem  Wolff,  seinem 

sun  und  von  dem  krebs  1, 


27 1.  Ton  dem  volif  und 
dem  hunde  1 ,  271 .  Ton 
dem  lewen ,  dem  volfe  und 
auch  dem  fuchs  1,  27 1. 
▼on  dem  wolff  und  dem 
schaff  1,  271. 

Wolfhart  1,  292. 

Wolfram  1,  295. 

Wolfram  von  Eschenbach ;  über 
die  Eigennamen  im  ParziTal 
2,  385.  sein  Yerhftltniss  zu 
Chrestiens  de  Troyes  3,  81. 
sein  Yerhftlfcniss  zuGniot  Ton 
Prorins  3,  445. 

Worid  3,  299. 

Wülffring  3,  275 

Wulfgftr  1,  408.  . 

wünne  und  wunne  3,  67. 

Wunsch,  der  1,  484.  die  dr^ 
Wünsche  1,  262. 

Wuotans  Todtenreich  3 ,  172. 

Wurmelingen ,  Wurmeringen 
1,304. 

Würzburg,  Michel  tou  2,  372. 
376.    ' 


X    U.    T. 

Xanthns  1,  38. 

Tram,  der  Herzog  3,  213. 


Ytam  3,  213. 
Ytas  2,  344. 


z. 


zusammengesetzte 


Zahlen , 
1,24. 

zalbret  3,  443. 

Zazikhoven,  Ulrich  Ton  2, 
496. 

zec,  zic  1,  23. 

Zimer  1,  355. 

Zimmern,  Graf  Gotfried,  Wem- 
her  Ton  1,  335. 

z6  1 ,  23. 

zuc  1,  23. 

Züchtigung  nur  bei  Unfreien 
gebraucht  1,  138  für  Ver- 
gehen gegen  die  Satzangen 
der  Kirche  1«  145.  in  den 
Klosterschulen  1,  145. 

zuelifi  1,  21. 

zur  als  erstes  Glied  zusammen- 
gesetzter worter  2,  214. 

zweiminzweinzig  1,  20. 

zweite  1,  32. 

ZweizaU  1,  29. 

zwelif  1,  21. 

zwölf  1,  21. 

zwote  1,  33. 


26 

Draok  der  J.  B.  M«tsler'8ch«n  Buohdruokerei  in  Stuttgart. 


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